Der jüdisch-christliche Dialog – was gut war auf dem Evangelischen Kirchentag 2019

Wer einen Blick in das Programm des 37. Deutschen Evangelischen Kirchentags wirft, der vom 19. bis 23. Juni 2019 in Dortmund stattfand, den könnte schnell Verwunderung überkommen: Unter den über 2000 Veranstaltungen fanden sich auch Workshops und Seminare wie „Coming Out für Mädchen* und junge Frauen*“ und „Vulven malen“. Man muss kein konservativer Christ sein, um sich zu fragen, was das nun mit Glauben und Kirche zu tun hat. Die Veranstalter lassen uns dazu wissen: es geht gar nicht um diese Themen – zumindest nicht nur. Anliegen des Kirchentages ist es, zum Einmischen anzuregen und Diskussionen anzustoßen. Daher rücke man neben religiösen Fragen gesellschaftspolitische Debatten in den Vordergrund.

Das Motto des Kirchentags 2019.

„Was für ein Vertrauen!“ – Bibelarbeit zum Buch Hiob

Ein Feld, auf dem die Grenzen zwischen Religion, Politik, Soziologie und Identität verwischen, ist der jüdisch-christliche Dialog. Auch dazu fanden Interessierte eine Reihe von Veranstaltungen unterschiedlichster Couleur auf dem Evangelischen Kirchentag. Hier eine Auswahl der Angebote vom Donnerstag:

Zum ruhigen und besinnlichen Start in den Tag empfiehlt sich eine Bibelarbeit. Die Rabbinerin Gesa Ederberg und Prof. Angela Rinn, Theologin, befassten sich dialogisch mit dem alttestamentlichen Text aus dem Buch Hiob, Kapitel 2, 7-13.[1] Passend zum Motto des diesjährigen Kirchentages „Was für ein Vertrauen“ wurde gemeinsam über den gleichnamigen leidgeplagten Mann nachgedacht, der trotz allem immer noch an Gott festhält: So erfuhr der Zuhörer unter anderem, dass Hiob zeigt, wie leicht Menschen in Not beginnen, Gott falsch zu verstehen – statt die Ursache für Leid auf direktem Weg in der Welt zu suchen und Leid selber zu bekämpfen. Die jüdische Gemeinde, die über Jahrhunderte Schicksalsschläge erfahren musste, dürfe nicht demütig stillhalten und alles über sich ergehen lassen: Auch wenn es natürlich legitim sei, Gott im Leid anzurufen, gelte es, irdische Ursachen zu erkennen, diesen entgegenzuwirken und zu handeln und Leid damit einen Sinn zu geben.

Allerdings hätte man dem Gelegenheits-Kirchgänger und Nicht-Theologiestudenten fairerweise nebenbei einen Einblick in jüdische Kultur, Geschichte und Auslegungspraxis geben können. Denn was der Zuhörer nicht erfuhr: neben der vorgestellten mag es womöglich Tausende andere Auslegungen der Textpassage geben, denn „die“ jüdische Auslegung gibt es nicht. Die Verse boten daher Gelegenheit, zu zeigen, wie eine jüdische Wahrnehmung aussehen kann – aber repräsentativ war sie nicht.

Zentrum “Juden und Christen”: Veranstaltungsbeispiele am Donnerstag.

Israel – mehr als Konflikte und Raketen

Wer wollte, blieb einfach sitzen und nahm am nun folgenden Podium teil. Unter dem Titel „Komplexe Wirklichkeit. Andere Geschichten aus Israel“ befassten sich Experten in 15-minütigen Impulsen mit der Vielfalt der israelischen Gesellschaft. Ziel war es, die Wirklichkeit abzubilden, auch wenn dies nicht gerade medienwirksam sei. So stellte man fest, dass in den deutschen Medien eine einseitige Perspektive entworfen werde, die vor allem militärische Reaktionen betont – und damit viele Identitätsmerkmale und Facetten des Landes ausgeklammert würden.

In dieser Veranstaltung ging man dazu nicht weiter kritisch in die Tiefe, sondern überließ Prof. Johannes Becke das Wort. Becke ist Politikwissenschaftler an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. Diese Hochschule ist insofern eine Besonderheit, als dass jüdische Studien an den deutschen Universitäten meist Teil der Nahost-Studien sind, aber kein eigenständiges Kompetenzzentrum bilden. Becke bot einen Einblick in die demografisch-soziologische Zusammensetzung der israelischen Bevölkerung und zeigte, dass eine vereinfachende Reduzierung auf die beiden Gruppen „jüdische Israelis“ und „muslimische Araber“ keinesfalls legitim sein kann.

So gebe es Samaritaner, die sich als Teil des Volkes Israel verstehen, aber keine Juden sind. So gebe es Drusen, die als Nichtjuden loyal in der Armee des jüdischen Staates dienen. So gebe es die ethnische Minderheit der Tscherkessen, die ethno-religiöse Minderheit der Aramäer und eine Minderheit auf Zeit, die Gastarbeiter, die häufig aus Afrika kommen. Dass diese Gruppen selten bis kaum in den Medien abgebildet werden, könne daran liegen, dass es schon bei der Frage nach der Selbstidentität eines Israeli schwierig wird, der einer der beiden größten Bevölkerungsgruppen angehört – den Juden und Moslems. Ob man von Israelis, von Arabern in Israel, von arabischen Israelis oder israelischen Arabern spricht, ist oft nur individuell zu beantworten.

Hier wurde die Verquickung von Religion und Staat bereits angeschnitten. Yaron Engelmayer, Rabbiner in Karmiel/Israel, und Micha Staszewski, Politologe in Tel Aviv, vertieften die Thematik weiter. Aktuell könne man am Scheitern einer möglichen Regierungskoalition bestens erkennen, dass religiöse Fragen den Staat durchdringen, auch wenn Staat und Religion offiziell voneinander getrennt sind. Denn die Parteien konnten sich über den Eintritt einer religiösen Minderheit – den Drusen – in die israelische Armee nicht einig werden. In Deutschland undenkbar! Besonders die strenge Feiertagsruhe, das viergliedrige israelische Bildungssystem und die Befugnisse des Standesamtes beeinflussen die Zivilgesellschaft. So fassen es einige Israelis als Bevormundung auf, dass „Mischehen“ zwischen Juden und Muslimen oder Christen im Ausland, zum Beispiel auf Zypern geschlossen werden müssen – denn es gibt nur religiöse, keine zivilen Hochzeiten in Israel! Dabei könne es auch durchaus vorkommen, dass jemand jüdisch aufwächst und dann, kurz vor seiner Hochzeit aufgrund der standesamtlichen Dokumentation erfährt, dass er eigentlich gar kein Jude ist.

Bei allen möglicherweise befremdlichen Eigenheiten im modernen Israel weist Staszewski auf eine wichtige Begebenheit hin: Israel ist der einzige jüdische Nationalstaat auf der ganzen Welt. Gerade deswegen sei er zu beschützen. Wenn es in technischen Fragen, zum Beispiel wer Jude ist und wer nicht, streng zugehe, müsse man dies im Gesamtkontext betrachten und dürfe es nicht als Diskriminierung verstehen. Letztendlich gehe es darum, eine Balance zu finden zwischen freiheitlich-demokratischen Gütern – also gleiche Chancen und Recht für alle – und religiösen Zäunen zur Bewahrung des Jüdischen. Denn Israel sei genau genommen kein jüdischer Staat, sondern ein jüdisch-demokratischer. Das gelte es nicht zu vergessen.

Das Fazit zu diesem Block des Podiums: Religion ist fester Teil des Alltags der Israelis. In Deutschland weiß man selten, welcher Konfession der Nachbar angehört und interessiert sich in der Regel auch nicht dafür. In Israel dagegen weiß jeder darüber Bescheid, wer was glaubt. Man kennt alle Label und Facetten der Religiosität. So regten die Redner dazu an, einmal als Deutscher darüber nachzudenken, wie wichtig Religion für unseren Staat sein kann und sein sollte.

Der nächste Impuls kam von Jonathan Elkhoury, Minderheitenkoordinator Reservists on Duty, Israel. Elkhoury kam als libanesischer Flüchtling nach Israel. Er warb dafür, seine positive Integrationsgeschichte nicht als Ausnahme zu betrachten, sondern Menschen wie ihm mehr Raum zu geben. Da die israelische Armee so etwas wie ein Schmelztiegel aller im Land lebenden Bevölkerungsgruppen sei, könne man hier sehr gut beobachten, dass ein Zusammenleben gut funktionieren kann. Elkhoury betonte die Wichtigkeit dieser Institution, da Gemeinsamkeiten für die Identitätsbildung von Staatbürgern eine große Rolle spielen. Allerdings: „To do everything that is in a person‘s power to make society better is more important than how you identify yourself.“ Mit diesem Satz zeigte er, dass es das eigene, konkret sichtbare Engagement ist, das die Gesellschaft prägt – dann erst kommen abstraktere Fragen der Selbstzuordnung.

Damit bot das Podium eine gelungene Zusammenstellung von Aspekten zur israelischen Gesellschaft, die in der Tat nicht in der deutschen Berichterstattung zu finden sind – obwohl in den Medien nahezu täglich von Israel die Rede ist.

Antisemitismus – mitten unter uns

Im Dortmunder Opernhaus fand eine Veranstaltung zum Thema Antisemtismus statt…

Ein Deutscher, der sich mit dem Judentum und Israel auseinandersetzt, darf die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und dem Antisemitismus nicht scheuen. Denn die Frage im Titel einer weiteren Veranstaltung auf dem Kirchentag „Hört das denn nie auf?! Antisemitismus in Deutschland“ muss leider mit „Nein, es hört nie auf“ beantwortet werden.

So stellte Dr. Klaus Holz, Generalsekretär der Ev. Akademien in Deutschland, in der Anmoderation fest, dass äußere Gewalttaten nur die Spitze des Eisberges sind. Was darunter ist, ist statistisch natürlich nur schwer zu erfassen. Doch genau dieser Schwierigkeit stellt sich das Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin unter Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum. Die Tatsache, dass es die einzige Einrichtung im Land ist, die sich wissenschaftlich ausschließlich mit dem Thema Antisemitismus auseinandersetzt, ist bezeichnend. So gebe es zwar fast jede Woche eine neue Statistik unterschiedlichster Herkunft, die über Antisemitismus in der Bevölkerung informieren will – aber fundiertes Wissen existiere nicht. Keiner dürfe behaupten, dass wir das Phänomen im Griff haben oder gar bannen könnten. Schüler-Springorum weist auf die Tatsache hin, dass fast die Hälfte aller antisemitischen Straftaten keinem „Lager“ zuzuordnen ist – die Täter lassen sich nicht einfach kategorisieren. Daran zeigt sich: Antisemitismus geistert mitten unter uns. Ihr Rat: Man müsse bei der Bekämpfung vielmehr die Mitte der Gesellschaft in den Blick nehmen, statt sich nur auf Randgruppen zu fokussieren.

Dem stimmte auch Ralf Meister, Landesbischof von Hannover, zu. Er sehe in der Kirchenleitung keinen Anlass zur Sorge und fragt sich, warum vorbildliche Haltungen nicht in die Gemeinden durchdringen. Könne die Gesellschaft sich überhaupt von einem so tief verwurzelten Feindbild trennen und wenn ja, womit wird diese Lücke dann mutmaßlich gefüllt? Offen bleibt, warum Meister eine solche Lernfähigkeit unter seinen Kollegen zu beobachten vermeint und dem normalen Gemeindemitglied diesen Sprung nicht zutraut. Man darf vermuten, dass der Landesbischof eher zu selbstsicher ist und verkennt, dass Antisemitismus immer und überall eine ernstzunehmende Bedrohung darstellt – und sogar in der Kirchenleitung auftauchen kann, auch wenn es aktuell zumindest keine sichtbaren Zeichen dafür gibt.

… aber viele Plätze blieben leer.

So fasste Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, treffend zusammen: Viele Juden spüren im Alltag nichts von einer Bedrohung durch Antisemitismus – Gott sei Dank. Aber das sei kein Anlass zur Entspannung. Sonst müsste Schuster sagen: „Macht euch nicht nur Gedanken darüber, wo die gepackten Koffer stehen, sondern ob diese auch funktionsfähig sind.“ Dies gilt es unbedingt zu verhindern, auch wenn allen Anwesenden klar war, dass es kein Patentrezept dafür gibt. Antisemitismus auszulöschen ist kein realistisches Ziel. Aber Zivilcourage und positive Gefühle zur Demokratie verstärken können gute Ansätze sein, Ressentiments zu begegnen – nicht nur Antisemitismus.

Insgesamt einen Besuch wert!

„Wir sind manchmal vielleicht nicht die besten Botschafter, aber wir haben die beste Botschaft!”[2] Dieser Satz stammt vom EKD-Vorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm. Wer bewusst suchte, konnte durchaus wertvolle Impulse zu religiösen Themen und zum Leben als Christen in einer modernen Gesellschaft finden. Vieles war gut auf dem Evangelischen Kirchentag 2019. Das gilt vor allem für den jüdisch-christlichen Dialog, der von der Evangelischen Kirche sensibel, aber in Klarheit angegangen wurde – wie die vorgestellten Veranstaltungen zeigten.

Dennoch muss gefragt werden, wieso beispielsweise messianisch-jüdischen Gruppierungen nicht aktiv auftreten durften. Und wieso wurde nicht deutlicher gegen vielfältige BDS-Trends Position bezogen, die regelmäßig zum politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Boykott von Israel aufrufen? Auf dem Evangelischen Kirchentag war kaum ein Thema oder eine Meinung tabu – diese beiden hätten ebenfalls einen Platz verdient.

AEdler

[1] Hier zum Nachlesen: https://dxz7zkp528hul.cloudfront.net/production/htdocs/fileadmin/dateien/zzz_NEUER_BAUM/Service/Downloads/Publikationen/DEKT37_Exegetische_Skizzen.pdf [2] https://twitter.com/jesusde?ref_src=twsrc%5Egoogle%7Ctwcamp%5Eserp%7Ctwgr%5Eauthor

„Die CDU stellt sich entschieden jedem Antisemitismus und der Diskriminierung von Juden in unserem Land entgegen“, betont der Stellvertretende Vorsitzende der CDU Pohlheim, Prof. Dr. Helge Stadelmann. Es sei ein Skandal, dass es in Deutschland heute wieder Nazis gebe, die jüdische Mitbürger und ihre Einrichtungen bedrohten. Ebenso sei nicht hinnehmbar, dass Islamisten die Vernichtung des Staates Israel betrieben und dabei die gleichen antisemitischen Klischees verwendeten, wie einst der Nationalsozialismus. Dass vor der Gießener Synagoge heute bei jeder Veranstaltung zum Schutz eine Polizeistreife stationiert sein müsse, gebe zu denken.

Die CDU veranstaltet deshalb bundesweit vom 14.-21. Juni eine Aktionswoche „Von Schabbat zu Schabbat“, in der sie Stellung gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben in Deutschland nimmt. Sie ruft dazu auf, dass sich Vereine, Feuerwehren, Handwerksmeister und Lokalpolitiker dieser Aktion anschließen, für unsere jüdischen Mitbürger Stellung nehmen und jüdische Einrichtungen besuchen.

Zum anstehenden Pfingstfest grüßt die CDU Pohlheim alle jüdischen Mitbürger in Stadt und Landkreis, die zeitgleich das jüdische Schawuoth-Fest begehen. An Schawuoth feiern Juden den Empfang der 10 Gebote, die weltweit die Wertegrundlage für humane und gerechte Gesellschaften gelegt haben. „Nicht nur das Christentum, sondern unsere gesamte Zivilisation verdanken dem Judentum viel“, so Stadelmann. Die CDU fühle sich diesem Wertefundament verpflichtet.

christlich-jüdische Grundsätze

Im Rahmen der Themenwoche „70 Jahre Israel“ luden die Freie Theologische Hochschule Gießen und das Institut für Israelogie am 05.11.2018 zu einem öffentlichen Vortrag ein. Johannes Gerloff teilte im Plenarsaal der FTH unter dem Titel „Das „Heilige“ Land: Erwählt – erkämpft – ersehnt“ seine Erfahrung und sein Wissen über Israel mit knapp 200 Gästen. Gerloff lebt seit 1994 mit seiner Familie in Jerusalem. Der Journalist war als Nahostkorrespondent unter anderem für den christlichen Medienverbund KEP tätig. Außerdem ist er Autor mehrerer Bücher.

Der Auftakt der Themen-Woche

Aufgrund der „Jahrtausende alten Schreckensgeschichte“, als das man das Verhältnis zwischen Christen und Juden beschreiben könne, seien Veranstaltungen, die Israel nicht unkritisch, aber wohlwollend betrachten, sehr wichtig. So wolle Gerloff als Journalist auch über Negatives berichten, aber vor allem über positive und atemberaubende Begebenheiten. Beides hatte an diesem Abend im Vortrag seinen Platz.

Schon bei der Bezeichnung „Heiliges Land“ müsse man genauer darüber nachdenken, was gemeint ist. Kann man mit Recht behaupten, dass Israel ein besseres Land sei als alle anderen, so fragt Gerloff? Oder zeigt sich in dem Titel, dass hier eine besondere Atmosphäre vorherrscht? Letzteres ist nach Gerloff zweifelsfrei richtig: Wer auch immer ins Land reist, könne unmöglich neutral bleiben. Israel sei gewissermaßen lebendiger als andere Länder – es bewege seine Besucher und Bewohner.

Der Plenarsaal war voll besetzt.

Die Frage „Ist Israel ein Land wie jedes andere?“ müsse aber nicht nur nach innerem Empfinden, sondern auch theologisch verneint werden: Laut biblischem Befund hat Gott Israel erwählt. Dabei sei zu beachten, so Gerloff, dass an dieser Stelle nicht zwischen einer jüdischen Ethnie einerseits und einem Land andererseits unterschieden werden darf. Theologisch bilden beide eine untrennbare Einheit. Darum gehören Land und Juden zusammen, sie sind beide erwählt.

„Erwählung“ bedeute in diesem Kontext nicht zwangsläufig „Errettung“ und schon gar nicht irdisches Wohlergehen. Erwählung müsse als Aufgabe verstanden werden. Gerloff berichtet, dass viele Juden diese Verantwortung und ständige Beobachtung als Last empfinden. Man müsse sich mal hineinversetzen, wie es ist, wenn jedes Gegenüber eine Erwartungshaltung einnimmt, sobald herauskommt, dass man jüdisch ist! So sei es nicht nur in der persönlichen Begegnung, sondern auch in den Medien: Die ganze Welt schaut auf Israel.

Hier kristallisiere sich ein bedeutender Unterschied zwischen der christlichen und der jüdischen Gottesbeziehung heraus: Während Christen seit Jahrhunderten auf der Suche nach einem gnädigen Gott sind, scheine es, so Gerloff, manchmal so, als versuchen Juden, ihre Erwählung und damit Gott wieder los zu werden.

Johannes Gerloff

Auch wenn Gerloff in seiner 24-jährigen Tätigkeit in Jerusalem die Besonderheit Israels intensiv erlebt und beobachtet hat, bleibe ihm vieles weiterhin fremd. Als Journalist hat Gerloff die palästinensischen Gebiete bereist. Von ‚innen‘ nachempfinden könne man als Außenstehender weder die jüdisch-israelische Kultur noch die palästinensische. In diesem Zusammenhang betont er, dass es wohl kaum ein sichereres Land gebe als Israel. Zwar hört man in Deutschland nahezu täglich von Gewaltverbrechen in Israel, doch die tatsächlichen Zahlen sprechen eine andere Sprache: So gab es im ersten Jahr des syrischen Bürgerkrieges mehr Tote als in allen Kriegen, die in der 70-jährigen Geschichte des Staates Israels geführt wurden, zusammen. Gleiches gelte für die Anzahl der Toten während des sogenannten Arabischen Frühlings in Libyen. Leben und Reisen in Israel sei daher ziemlich sicher.

Die Frage nach einem Lösungsansatz für den Nahostkonflikt kann an einem solchen Abend natürlich nicht ausbleiben. Dazu berichtet Gerloff von einer Entscheidung der obersten Rabbiner: Diese wären dazu bereit, Land abzugeben, wenn es Menschenleben rette. Aber daran, dass bei Abgabe von Land tatsächlich Leben gerettet werden würden, könne man einfach nicht mehr glauben. Israel bleibt in dieser Hinsicht wohl weiterhin umkämpft.

Am Ende des Vortrages kann der Zuhörer den Slogan des Abends verstehen: Israel ist kein Land wie jedes andere. Israel ist das ersehnte Land für die Juden, mit großer Bedeutung auch für Nichtjuden. Volk und Land niemals zu vergessen, das muss Ziel aller Beschäftigung mit Israel sein – nicht unkritisch, aber wohlwollend.

AE

Anlässlich des 70-jährigen Bestehens des Staates Israel wird vom 5.-9. November eine Themenwoche an der Freien Theologischen Hochschule Gießen stattfinden. Ein ansprechendes Rahmenprogramm ist geplant, das Land und Judentum auf vielfältige Art und Weise beleuchtet. Denn Israel geht nicht nur Freaks und Fans etwas an, sondern jeden!

Thematisch eingeleitet wird diese besondere Woche am Montag, den 5. November von Johannes Gerloff. Der Theologe ist bekannt durch seine Tätigkeit als Nahostkorrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien. Als Insider hält er einen Vortrag zur aktuellen Situation im „Heiligen Land“, zu dem alle Interessenten herzlich eingeladen sind.

Darüber hinaus hat jeder einzelne Wochentag seinen eigenen Programmhöhepunkt: So wird es unter anderem eine Diskussion mit Islamwissenschaftler Dr. Carsten Polanz über heutige Formen von Antisemitismus geben. Weiterhin finden eine Sabbatfeier und eine Holocaust-Gedenkstunde statt. Auch ein authentisches israelisches Mittagessen darf natürlich nicht fehlen!

Ort der einzelnen Veranstaltungen ist der Plenarsaal der Freien Theologischen Hochschule Gießen. Die jeweiligen Uhrzeiten und Tagesabläufe entnehmen Sie der Ausschreibung. Der Eintritt ist natürlich frei!

Herzliche Einladung!

IsraelInstitut_Themenwoche_Programm

IsraelInstitut_Vortrag_Themenwoche_Vortrag J. Gerloff

Wer sich mit dem Verhältnis von Judentum und Christentum auseinandersetzt, muss in erster Linie theologisch versiert sein und darf zudem in seinen Ausführungen keinen Raum für Zweideutigkeiten lassen. Letzteres wurde in den vergangenen Wochen am Beispiel einer Schrift von Joseph Ratzinger besonders deutlich: Während die einen von einem Text nach dem „Gestus des Besserwissers“[1] sprechen, der „starker Tobak“ für das ohnehin historisch belastete Verhältnis von Judentum und Kirche sei, sehen andere eine Bereicherung und Einladung, dieses Verhältnis theologisch tiefergehend zu durchdenken.[2]

Viele Zeitungen griffen die Debatte Anfang August auf.

Worum geht es? Dafür muss man historisch ein paar Jahre in der Geschichte der katholischen Kirche zurückgehen.

Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil entstand 1965 das lehramtliche, also verbindliche Dokument „Nostra aetate“. Darin ordnet die katholische Kirche ihr Verhältnis zu nicht-christlichen Religionen. Ziel war, mehr das Einende als das Trennende in den Blick zu nehmen. Dabei geht ein Artikel explizit auf das Judentum ein. So stellt man fest, dass die gemeinsame Basis von Juden und Christen das Alte Testament ist. Beide Glaubensgruppen sind durch ein geistliches Band verbunden, das auf den „Stamm Abrahams“ zurückzuführen ist. Zwar sei die Kirche das neue Volk Gottes, aber daraus darf nicht geschlussfolgert werden, Gott habe das alte Volk, Israel, verworfen. Im Gegenteil: Für eine Verwerfung des alten Volkes gebe es keine biblischen Anhaltspunkte. Juden sind von Gott geliebt, obwohl sie Christus ablehnen. Daher müsse man alles daran setzen, entgegenstehende Lehren abzuwehren.

Dieser Abschnitt 4 wird heute noch von Theologen als das Herzstück des Dokuments bezeichnet, beispielsweise als im Jahr 2015 anlässlich der 50. Jährung von „Nostra aetate“ ein Vatikandokument entstand.[3] Darin reflektiert die „Kommission für die religiösen Beziehungen  zum Judentum“ die Entstehung und Wirkung von „Nostra aetate“. Diese Kommission kommt zu dem Ergebnis, dass eine Substitutionstheorie, die die christliche Kirche an die Stelle Israels setzt und sämtliche alttestamentliche Verheißungen ausnahmslos auf sich bezieht, zurückzuweisen sei. Auch der Hebräerbrief, der als Wegbereiter einer solchen antijüdischen Einstellung gilt, würde der Ersatztheologie beim genaueren Hinsehen nicht standhalten. Die Kirche dürfe sich zurecht als neues Gottesvolk bezeichnen, doch habe Gott damit das „alte“ Gottesvolk nicht ersetzt. Nach christlicher Sicht bringe der neue Bund alttestamentliche Verheißungen zur Erfüllung – was nicht mit einer Aufhebung einhergehen muss. Vielmehr handele es sich um eine Erweiterung.

Weiterhin bemerkt das Dokument, dass Juden und Christen ihren jeweils eigenen Weg haben, das Wort Gottes zu lesen und zu verstehen: Juden stellen in ihrer Beziehung zu Gott die Thora in den Mittelpunkt und Christen den Christus. Als Christ könne man das Neue Testament als Kommentar oder Auslegungshilfe für das Alte Testament verstehen. Dabei hilft die Beobachtung, dass mit der Tempelzerstörung 70 n. Chr. die Rabbiner ihrerseits begannen, das AT stellenweise neu zu überdenken.

Der Universal- und Exklusivanspruch Jesu Christi müsse nicht dazu führen, Juden das Heil abzusprechen. Denn wie Gott trotz dieses Anspruches rettet, bleibt in ihm verschlossen: Juden haben auf Grundlage der Heiligen Schrift Anteil an Gottes Heil, aber nicht über einen zweiten Heilsweg. „Auf welche Weise er jeweils die Menschen retten will“[4], können wir nicht nachvollziehen. „Wie  dies ohne   explizites  Christusbekenntnis  möglich  sein  kann,  ist  und  bleibt  ein  abgrundtiefes  Geheimnis  Gottes.“[5] Der Verzicht auf Mission wird dabei ausdrücklich betont. Daraus ergibt sich als Fazit des Dokuments: Es gibt keine zwei Bünde, sondern ein Volk Gottes aus Juden und Christen, in Christus geeint. Sämtliche Formen von Antijudaismus bzw. Antisemitismus sind zu verwerfen.

Soweit eine Übersicht zur offiziellen Stellungnahme der katholischen Kirche gegenüber dem Judentum.

Der ehemalige Papst Benedikt XVI.

Nun lädt die „Kommission für die religiösen Beziehungen  zum Judentum“ ausdrücklich dazu ein, sich an weiteren theologischen Reflexionen zu beteiligen, um den christlich-jüdischen Dialog zu bereichern. Diesen Aufruf nahm Joseph Ratzinger ernst und verfasste auf Grundlage der hier dargestellten Dokumente einen Aufsatz, datiert auf den Oktober 2017. Kardinal Kurt Koch, Mitglied der „Kommission für die religiösen Beziehungen  zum Judentum“, bat den ehemaligen Papst um Erlaubnis zur Veröffentlichung in der katholischen Fachzeitschrift „Communio“.

Für Ratzinger steht nicht zur Diskussion, dass nach Auschwitz als Synonym für den Holocaust die Kirche sich ernsthaft mit ihrem Verhältnis zum Judentum auseinandersetzen und dieses neu bedenken muss. Dabei stellt er fest, dass zunächst festzusetzen ist, was man als Autor mit „Judentum“ meint. Für ihn geht es um das Judentum, das sich mit der Tempelzerstörung immer mehr als Gegenpol zum Christentum entwickelte. Diese Entwicklung sei ein längerer Prozess gewesen, der auch je nach geografischer Lage früher oder später beendet war.[6] Der Dialog fand zunächst innerhalb einer Gemeinschaft statt, die sich auf Grundlage der alttestamentlichen Schriften in Kontinuität zum alttestamentlichen Israel sah – trotz der Tatsache, dass die ersten „Christen“, so Ratzinger, ihren Kanon mit der Septuaginta erweiterten und die Schriften des Neuen Testaments schließlich zum maßgeblichen „Dokument für die christliche Identität“[7] zusammenwuchsen. Vor allem der Versuch Markions, im späten 2. Jahrhundert nach Christus die alttestamentlichen Schriften gänzlich zu verwerfen und das Neue Testament von sämtlichen „hebräischen“ Einflüssen zu reinigen, gilt als Musterbeispiel für die sich auftuende Judenfeindlichkeit unter Christen.

Dass Markion rasch aus der sich damals konstituierende Kirche in Rom ausgeschlossen wurde, zeige, dass sich Christen darüber bewusst waren, dass sie den gleichen Gott anbeten wie die Juden und sie Gemeinsamkeiten nicht verneinen dürfen. Vielmehr stellen beide Gruppen fest, dass sie die Schriften des Alten Testaments unterschiedlich auslegen: Die Christen von Jesus Christus her, den die Juden aber nicht als den erwarteten Messias anerkennen. Christen lesen damit das Alte Testament gewissermaßen erweiternd, „nach vorne zu“. Für sie liegen in den Schriften des AT Aussagen, die man ohne Christus nicht erfassen kann.

An diesen Feststellungen wird in den Rezensionen und Kommentaren wenig Kritik geübt. Aber nachdem Ratzinger so seine ersten Gedanken zum Verhältnis Christentum – Judentum dargestellt hat, bemerkt er: Eine Substitutionstheorie, wie sie das Vatikandokument von 2015 ablehnt, kommt in der Lehre der Kirche gar nicht vor. Für ihn ist klar, dass „Israel nicht durch die Kirche substituiert werde, und der Bund nie gekündigt worden“ sei.[8] Er kritisiert aber, dass die Ablehnung einer Substitutionslehre nicht differenziert genug betrachtet wird. Es muss gründlicher unterschieden werden, worauf sich ein Ersatz bezieht. Daher untersucht Ratzinger nun, wo man einen „Ersatz“ jüdischer Inhalte durch christliche Lehren finden kann – und damit gewissermaßen eine Substitutionslehre vorliegt. So sei der Tempelkult Israels nicht mehr nötig. Durch das Opfer Christ wird Versöhnung geistlich und materiell endgültig – was in der katholischen Kirche immer wieder neu mit der Eucharistie gefeiert wird. Oder das jüdische Bild eines politischen Messias, das im christlichen Glauben vom leidenden und erniedrigten Christus „ersetzt“ wurde.

Bei der Frage nach der Landverheißung bemerkt Ratzinger, dass die katholische Kirche den jüdischen Staat Israel naturrechtlich legitimiert. Aber eine Landnahme, die sich auf politischen Messianismus stützt, kann nicht mit ihrer Lehre vereinbart werden – denn der Messias Jesus Christus hat seinen irdischen Auftrag bereits erfüllt. Aus dem Bestehen des Staates Israel leitet er jedoch ab, dass Gott weiterhin an seinem Volk handelt. Genau in solchem konkreten Handeln sieht Ratzinger ein Zeichen für die Realität Gottes, der „Menschen anredet und in der der Mensch dem Göttlichen begegnen kann.“[9]

Besonders ausführlich äußert sich Ratzinger abschließend zur Aussage seines Vorgängers Johannes Paul II., der sagte, „dass der Bund, den Gott mit seinem Volk Israel geschlossen hat, bestehen bleibt und nie ungültig wird.“[10] Hier möchte Ratzinger ebenfalls für ein differenzierteres Verständnis werben, auch wenn er den Kern der These ausdrücklich bekräftig. Es geht ihm um eine genauere Definition von „Bund“ und die Beobachtung, dass nicht Gott, sondern Menschen den Bund brechen, der von Gottes Seite auf festem Boden steht. Wenn Menschen „nein“ sagen, muss Gott das berücksichtigen.

Vor allem diese Bemerkungen ruft Kritiker auf den Plan, die darin eine Proklamation des christlichen Exklusivanspruchs sehen, wie es z.B. die FR sieht. Die FAZ bemerkt, dass es unfassbar sei, wie man an der Formel rütteln könnte, mit der Johannes Paul II. die christlich-jüdische Verständigung positiv beeinflusst hat. „Karol Wojtyla dürfte sich wegen dieser groben Fahrlässigkeit, die auch auf das Konto mangelnder redaktioneller Umsicht der Zeitschrift geht, im Grabe herumdrehen“, heißt es.

Der Petersdom in Rom

Man kann durchaus kritisieren, dass Ratzinger seine These, eine Substitutionstheorie sei nie Inhalt der kirchlichen Lehren gewesen, ausschließlich auf Recherchen in theologischen Lexika wie dem LThK (Lexikon für Theologie und Kirche) stützt. Auch seine Formulierung, die Diaspora der Juden nach der Zerstörung des Tempels könne als göttliche Strafe interpretiert werden, ist sicherlich unglücklich.

Aber die eigentliche Kritik der Zeitungen wird dem Artikel nicht gerecht: Dass Ratzinger nicht nur als Privatperson vom exklusiven Heil in Christus sprechen kann, sondern diese Ansicht zur Lehre der Katholischen Kirche gehört, bleibt unbeachtet. So wird dieser Anspruch ja auch im Vatikandokument deutlich, auf das Ratzinger sich bezieht. Außerdem wird damit das Anliegen des Autors verfehlt, der dafür wirbt, Kurzformeln aufzugeben und theologische Debatten mit mehr Tiefe zu führen. Dies tut er ohne Polemik und in Tradition zu seinem christlichen Glauben, der nun mal nicht ohne Jesus Christus auskommt. Von einer Proklamierung der „Ecclesia triumphans“ kann keine Rede sein, auch nicht von Bestrebungen zur Judenmission. Dass Ratzinger seinen Aufsatz mit 2Tim 2,12f. endet („Wenn wir standhaft bleiben, werden wir auch mit ihm herrschen. Wenn wir ihn verleugnen, wird er auch uns verleugnen. Wenn wir untreu sind, bleibt er doch treu, denn er kann sich nicht selbst verleugnen.“) und diesen Vers ausdrücklich auf alle, Christen und Juden, bezieht, wird von den Kritikern übersehen. Gerade in diesem Abschluss ist jedoch alles gesagt, was aus Ratzingers Sicht zur Beziehung von Juden und Christen zu sagen wäre.

Die Frage nach dem Verhältnis von Judentum und christlicher Ekklesia erschwert immer wieder den Dialog beider Religionen, wie sich auch in den protestantischen Kirchen immer wieder zeigte und zeigt. Doch sie muss gestellt werden. Dabei gilt festzuhalten: Vom „verworfenen Volk“ Israel kann biblisch begründet nicht die Rede sein. Eine christliche Stellungnahme in soteriologischen Fragen muss dennoch am Exklusivheitsanspruch Jesu Christi festhalten – auch das entspricht dem neutestamentlichen Zeugnis. Dies geschieht selbstverständlich historisch sensibel und darf niemals in Antisemitismus münden.

AEdler

[1] http://www.fr.de/kultur/alt-papst-benedikt-xvi-antisemitismus-auf-christlicher-grundlage-a-1543855 vom 06.09.2018

[2] https://www.nzz.ch/feuilleton/benedikt-xvi-ein-wegbereiter-des-antisemitismus-ld.1407681 vom 06.09.2018

[3] Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum, „Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt“ (Röm 11,29). Reflexionen zu theologischen Fragestellungen in den katholisch-jüdischen Beziehungen aus Anlass des 50-jährigen Jubiläums von „Nostra aetate“ (Nr. 4), https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2015/Vatikandokument-50-Jahre-Nostra-aetate.pdf vom 06.09.2018

[4] Vatikandokument, 9, 25.

[5] Ebd., 13, 36.

[6] Vgl. dazu folgender Artikel auf unserer Homepage: https://www.israelogie.de/2018/die-fruehen-judenchristen-der-ersten-jahrhunderte-nach-christus/

[7] Ratzinger, Gnade und Berufung ohne Reue, 389, in: IKaZ 47 (4/2018), 387-406.

[8] Ebd. 392.

[9] Ebd. 402.

[10] Ebd. 403.

Ende April wurde in Berlin ein Mann mit Kippa am helllichten Tag mit einem Gürtel verprügelt. Mitte Mai kamen bei gewaltsamen Protesten im Gazastreifen mehrere Hundert Menschen auf palästinensischer Seite zu Tode. Beide Meldungen fanden rasch ihren Weg in die Schlagzeilen fast aller deutschen Zeitungen. Die Ereignisse sind höchst unterschiedlich, deuten aber auf Schwierigkeit hin, über Judenhass und Israelpolitik gleichzeitig zu berichten – und darauf, dass beides zusammen hängen kann.

Antisemitismus im 21. Jahrhundert ist höchst komplex und längst nicht mehr schwarz-weiß. Antisemitismus längst nicht mehr klar mit religiös bedingtem Hass einstmals fanatisierter Christen zu erklären, noch pauschal als Relikt aus Nazi-Deutschland abzuurteilen. Die Tatsache, dass Juden im hochzivilisierten Mitteleuropa und gerade auch in Deutschland immer noch vermittelt bekommen, unerwünscht zu sein, sollte uns anhalten, Antisemitismus erneut ins Blickfeld zu rücken. Wie man ihn empirisch fassen kann und wo dies noch nicht ausreichend geschieht, soll aus dem folgenden Überblick hervorgehen:

Mann mit Kippa

Bei der Frage, was unter Antisemitismus zu verstehen ist, gehen die Meinungen auseinander. Eine Arbeitsdefintion, die dem International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) zugrundeliegt und unter anderem von Expertenkreisen im European Forum on Antisemitism übernommen wurde,  erklärt: “Antisemitism is a certain perception of Jews, which may be expressed as hatred toward Jews. Rhetorical and physical manifestations of antisemitism are directed toward Jewish or non-Jewish individuals and/or their property, toward Jewish community institutions and religious facilities.”[1]

Erscheinungsformen des Antisemitismus innerhalb der deutschen Bevölkerung zu erfassen ist seit den 1950er Jahren eine wichtige Aufgabe der Sozialforschung. Dazu helfen in erster Linie Umfragen und die Kriminalstatistik. Wenn man Judenfeindlichkeit messen möchte, hilft es, solche Fragen zu stellen, die die Intention des Interviews nicht sofort erkennen lassen und dennoch Rückschlüsse auf das Denken des Befragten zulassen. So kann die Antwort auf die Frage „Haben die Juden zu viel Einfluss in Deutschland?“ oder „Möchten Sie einen Juden als Nachbarn?“ aufdecken, ob jemand Juden gegenüber eher ablehnend, skeptisch, gleichgültig oder wohlgesonnen gesinnt ist. Für Juden in Deutschland mag es zunächst einmal eine Erleichterung darstellen, dass in den letzten Jahren Asylbewerber, Muslime, Sinti und Roma viel negativer wahrgenommen wurden als sie. Zudem sind antisemitisch motivierte Gewalttaten, die man per Kriminalstatistik leicht erfassen kann, in europäischen Nachbarländern wesentlich höher als in Deutschland – zumindest was die Daten bis 2015 aussagen.[2]

Dennoch ist das Problem des Antisemitismus hierzulande längst nicht gelöst: Es tritt einfach in neuen Formen auf. An die Stelle des klassischen Mythos von der jüdischen Weltverschwörung und des Christus-Verräter-Stereotypus treten heute eher der sogenannte „Sekundärantisemitismus“ und der „israelbezogene Antisemitismus“. Ersterer hängt mit der nationalsozialistischen Vergangenheit der Deutschen zusammen und meint eine Umschuldung: Wer behauptet, dass die im Dritten Reich verfolgten und getöteten Juden „nicht nur“ Opfer waren, zeigt sekundärantisemitisches Gedankengut. Genauso wie jemand, der findet, dass Juden aus ihrem Schicksal monetären Profit schlagen möchten.

Die zweite genannte Form kann sich unter dem Deckmantel des Antizionismus äußern: Israelbezogener Antisemitismus ist die emotional beladene kritische Einstellung gegenüber dem Staat Israel. Dies betrifft vor allem dessen Umgang mit Fremdpersonen an den Landesgrenzen oder hinsichtlich der Siedlungspolitik jüdischer Siedler in den Autonomiegebieten. Politische Kritik ist selbstverständlich prinzipiell erlaubt und erwünscht. In diesem Fall aber wird sie, pauschal auf alle Israelis übertragen, zum Problem, weil Israel nunmal ein Judenstaat ist. Es wird zum Beispiel Israel als Nation das Existenzrecht abgesprochen, oder israelische Politik mit Begriffen bedacht, die an Nazi-Vokabular erinnern („Israel hat mit dem Abwehrzaun das größte KZ der Welt gebaut“) – so erklärt es auch die ausführliche Version der oben genannten Arbeitsdefinition „Antisemitism“. Auch Boykott-Aktionen mit Aufrufen wie „Kauft nicht bei Israelis“ wecken ungute Assoziationen. Obwohl eine solche offensive Israelkritik in einigen politischen Kreisen vielleicht zum guten Ton gehören mag, lohnt es sich, genauer hinzuschauen und Antisemitismus beim Namen zu nennen: so geriet der Theologe Ulrich Duchrow mit seinen vor einigen Jahren veröffentlichten Ansichten kürzlich in die Diskussion, weil er Juden das Recht auf eine nationale Heimstätte in Palästina abspricht.[3]

Davidstern

Diese dargestellten Formen sind den meisten Lesern vermutlich gar nicht so unbekannt: Sie lassen entweder nicht immer direkt an Antisemitismus denken und werden daher unbedacht ausgesprochen. Oder sie werden – wie im letzten Fall – kritisch in den öffentlichen Medien aufbereitet. Alle Beispiele gehören zum latenten Antisemitismus. Allerdings nur solange, bis er sich in Gewalttaten oder Sachbeschädigung äußert und damit manifest wird. Dies geschieht immer wieder, was aufzeigt, dass nicht erst die brutale Ausschreitung ein Problem darstellt. Vorweg geht das antisemitische Gedankengut der Menschen, dem sich die Gesellschaft entgegenstellen muss.

Bisher konzentrierte man sich vorrangig auf Antisemitismus unter Deutschen und Europäern. Auf diesem Gebiet haben wir ein gut dokumentiertes Fundament, um die Dinge beim Namen zu nennen und die Lage einzuschätzen.

Was aber ist mit den oben genannten Beispielen? Die eingangs erwähnten Fälle mögen auf den ersten Blick in keinerlei Verbindung zueinander stehen. Aber sie weisen darauf hin, dass die vorgestellten Ergebnisse der Sozialforschung eine Lücke aufweisen: Wie können wir heute Antisemitismus einordnen und verstehen, der von Menschen mit muslimischer Religionszugehörigkeit oder arabischer Abstammung ausgeht? Gerade in diesen Tagen zeigt sich, dass das 70-jährige Jubiläum Israels nicht für alle ein Grund zum Feiern ist. Die Debatte ist entfacht: weil es immer wieder zu eskalierender Gewalt kam und kommt, und eben nicht nur gegen den Staat Israel und dessen Politik am Gazastreifen, sondern auch gegen Kippaträger in Berlin. Aber nicht allein solche Phänomene von manifestem Antisemitismus, die von Muslimen und Arabern ausgehen, weisen auf ein bedrohliches Szenario hin, sondern auch die Ratlosigkeit der Medien und Politiker, antisemitische und antijüdische Phänomene einzuordnen. Zu fragen ist: Gibt es einen ethnisch begründeten Antisemitismus bzw. Antizionismus? Handelt es sich gar um einen muslimisch-religiösen Antisemitismus bzw. Antizionismus?

Wo kommt Hass gegen Juden her? Wie kann man ihn bekämpfen? Hier besteht Forschungsbedarf. Pauschale Antworten oder Schuldzuweisungen helfen nicht weiter. So kann beispielsweise das Erklärungsmodell, islamischer Antisemitismus sei ein Importprodukt der christlich-europäischen Kolonialmächte, einen solchen nicht rechtfertigen.[4] Es braucht auch nicht primär Deutungsmöglichkeiten von außen, sondern vor allem von innen, aus den eigenen Reihen. So wie die Deutschen mit ihrer Geschichte und den damit verbundenen Tragödien umgehen, so müssten aus allen Gruppen, in denen Formen von Antisemitismus zu beobachten sind, Menschen aufstehen, die sich dagegen stellen, die sich für Prävention und Aufklärung einsetzen.

So wichtig das „Nie wieder!“ für uns Deutsche ist, so wichtig ist das „Niemals!“ für alle anderen.

AE

[1] https://www.holocaustremembrance.com/node/196 und https://european-forum-on-antisemitism.org/definition-of-antisemitism/english-english.

[2] Johannes Due Entstad: Antisemitic Violence in Europe 2005–2015. Oslo, Center for Research on Extremism, 2017.

[3] Einen Artikel dazu finden Sie unter https://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft/kirche/2018/05/23/alan-posener-christlicher-antisemitismus-in-der-kirche/.

[4] So der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze, https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2016/02/antisemitismus-juden-europa-islam-christentum-vertreibung/seite-2.

Nur wenige wissen davon: Über 30.000 Juden fanden zwischen 1933 und 1941 Schutz in einer einzigen Stadt, die damit mehr Menschen vor den Nationalsozialisten rettete als es Neuseeland, Australien, Kanada, Südafrika und Indien taten – zusammen. Die Rede ist von Shanghai, dem damals für viele Juden letzten Zufluchtsort auf der ganzen Welt.

Hinweise auf jüdische Kultur in China sind überhaupt ein besonderes Phänomen. Die allerersten Juden kamen wohl im 8. Jahrhundert über die Seidenstraße ins Großreich. Während der Song-Dynastie (960-1279) etablierte sich eine Gemeinde in der damaligen Hauptstadt Chinas, in Kaifeng, im Osten des Landes. Vermutlich kamen diese Juden aus dem heutigen Irak, aber genaue historische Rückschlüsse lassen sich nicht mehr ziehen. Die Gemeinde hielt lange Zeit jüdische Traditionen wie Feste und rabbinische Gebete aufrecht, assimilierte aber nach und nach mit der chinesischen Kultur. Bis zum Jahre 1866 war das Prinzip einer Synagogenzusammenkunft als Mittelpunkt des Gemeindelebens verfallen.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde schließlich Shanghai erstmals Heimat für eine bedeutende Anzahl von Juden. Sephardim[1] verließen damals aufgrund des Opiumkrieges die betroffenen Gebiete Bagdad, Bombay und Singapur und siedelten sich in der Stadt an. Eine zweite Einwanderungswelle folgte in den 1920er Jahren, als viele russische Juden nach der Oktoberrevolution ihr Land verlassen mussten. So bildete sich nach und nach die größte jüdische Gemeinde in Fernost. Shanghai war zu dieser Zeit bereits eine riesige Hafenstadt und daher eine bedeutende Handelsmetropole.

Das Gesellschaftsbild war zweigeteilt: Etwa 2,5% der 4 Million Einwohner kamen ursprünglich aus dem Ausland. Diese Minderheit bildete die Oberschicht. Sie bestand zumeist aus Westeuropäern, Portugiesen, Franzosen und Engländern, aber auch aus Weißrussen, Russen und Amerikanern. Die einheimischen Chinesen dagegen standen in der sozialen Rangfolge ganz unten. Als sich in den frühen 1930er Jahren die nationalsozialistische Herrschaft in Deutschland manifestierte, siedelten in einer weiteren Welle jüdische Akademiker und Intellektuelle nach Shanghai aus. Die allermeisten von ihnen fassten rasch Fuß und lebten weiterhin in europäischem Luxus, den sie sich gut leisten konnten. Die Welle derer, die knapp vor dem Beginn des 2. Weltkrieges Deutschland verließen, betrifft die Jahre 1933-1937.

Shanghai, Altbau

Doch nach und nach spitzte sich die Lage für Juden nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa zu. Nach 1937 änderte sich das Profil der jüdischen Einwanderer in Shanghai schlagartig. Nun kamen diejenigen, die konkreter Verfolgung ausgesetzt waren und die ihr Leben in höchstem Maße bedroht sahen – und die nicht unbedingt zu den materiell Bessergestellten gehörten. Sie setzten alle ihre Hoffnung auf Shanghai: Einwanderer brauchten hier keinen Geldnachweis, und, als weltweite Besonderheit, war dies ein Ort ohne klare Pass- und Visabestimmungen. Chinesische Diplomaten stellten vor allem in Österreich großzügig und unbürokratisch Visa an Hilfesuchende aus. Der Botschafter Ho Feng Shan bekam 2001 vom israelischen Staat den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ verliehen, die höchste Auszeichnung für Nicht-Juden.

Die jüdischen Flüchtlinge kamen nun oftmals völlig mittellos in Shanghai an. Hilfe und Unterstützung kamen größtenteils nicht von der Stadt, sondern von chinesischen Privatleuten und jüdischen Organisationen vor Ort. Sie gründeten Suppenküchen und boten vorübergehende Bleiben an. Allerdings fanden die Neuankömmlinge selten Anschluss an die reichere, bereits bestehende jüdische Gemeinde. Sie lebten in der Regel mitten unter den Chinesen in den armen Vororten der Stadt. Das am dichtesten mit jüdischen Flüchtlingen besiedelte Viertel war Hongkou. Weil der Zustrom nicht abreißen wollte, sollte ein eigener Wohnbezirk für Juden gefunden werden. Auf den Vorschlag eines Mitgliedes des höchsten Komitees der Landesverteidigung Chinas im Februar 1939 hin fiel die Wahl auf Hongkou.

Als wären Vertreibung, Flucht und Armut nicht herausfordernd genug gewesen für Menschen, die Heimat und Besitz verloren hatten, setzte mit dem Pazifikkrieg neue Angst ein: Japan kämpfte nun gegen England und die USA und besetzte Shanghai. Die Nationalsozialisten konnten bis in die weit entfernte chinesische Stadt ihre schrecklichen Interessen vertreten. Joseph Meisinger, Chef der Gestapo-Einheit in Japan, unterbreitete vor Ort den sogenannten „Meisinger-Plan“, die Endlösung in Shanghai. Doch soweit kam es nicht. Stattdessen wurde das letzte jüdische Ghetto eingerichtet: Innerhalb eines Monats mussten alle Flüchtlinge aus Mittel- und Osteuropa, die nach 1937 in die Stadt gekommen waren, in eine „designated area for stateless refugees“  ziehen. Diese lag im Armutsviertel Hongkou, sodass viele Juden ihre aktuelle Bleibe gar nicht erst aufgeben brauchten. Der Begriff „Ghetto“ wurde bei den Maßnahmen zwar nie explizit verwendet, doch es gab zeitweise strenge Ausgangssperren und –regeln, Aufsichtsdienste und Zwangsrekrutierung der Bewohner zu Wachdiensten. Die Amerikaner bombardierten Shanghai, und auch Hongkou war betroffen. Viele Menschen starben dabei, Hunderte wurden verletzt.

Als der Krieg endlich zu Ende war, hätten sich etliche Juden vorstellen können, zu bleiben. Wo sollten sie auch hin? Doch für die nächsten 30 Jahre begann nun ein Bürgerkrieg in China zu wüten. In dieser Unsicherheit verließen die allermeisten Juden das Land endgültig. Erst 1992 nahmen Israel und China offizielle Beziehungen zueinander auf, in die der Wunsch integriert wurde, gesellschaftliches und geschäftliches jüdisches Leben in China neu zu fördern.

Skyline von Shanghai im 21. Jahrhundert

Für die geflüchteten Juden und ihre Nachkommen wird Shanghai ein Ort der Hoffnung bleiben. Viele von ihnen hätten sich ein anderes Ziel gesucht, wenn das möglich gewesen wäre. Doch wer auf legalem Weg seine Heimat verlassen wollte, brauchte ja zumindest ein Visum. Die USA und England verwiesen schon früh auf die „ausgeschöpften Kapazitäten, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen.“ Europa war ohnehin nicht mehr sicher, und große Länder wie Australien und Kanada nahmen ebenfalls nur verhältnismäßig wenige Juden auf. Vor allem nach 1938 hatten fast alle Nationen den verzweifelten Juden die Tür vor der Nase zugeschlagen und die Einreise verboten. Es mag sein, dass einzelne Menschen die Courage besaßen, den bedrängten Juden Solidarität und Hilfe zukommen zu lassen. Aber viele Staaten erhoben strenge Grenzen und stellten strikte Bedingungen auf, um die jüdische Einwanderung zu begrenzen. Anders war es damals in Shanghai, dem Zufluchtsort für Juden in Fernost.

AEdler

[1] Sephardim sind in diesem Falle orientalische Juden, auch wenn die Bezeichnung ein Sammelbegriff für alle Juden und ihre Nachfahren ist, die im 15. und 16. Jahrhundert von der Iberischen Halbinsel vertrieben wurden und vor allem in Nordwestafrika und dem Osmanischen Reich eine neue Heimat fanden.

Marburg 2016  (11)Im Laufe einer Stadtführung durch Marburg wurde den Studierenden des zweiten Jahrgangs der Freien Theologischen Hochschule (FTH) eine erst in den 1990er Jahren bei Grabungen wiederentdeckte und freigelegte Synagoge gezeigt. Ein Glasbau weist auf die früheren Ausmaße dieses für moderne Verhältnisse nicht gerade besonders großen Gebäudes hin, man bekommt durch ihn aber einen Einblick in die Architektur jüdischer Vergangenheit.

Diese Synagoge wurde 1317 erstmals erwähnt und schon bald danach bei einem Stadtbrand 1319 zerstört. Nach 1320 entstand ein Neubau an derselben Stelle, deren Reste 1993 bei Ausgrabungen wiederentdeckt wurden. Die Pestzeit 1348/49 brachte in Marburg wie auch in anderen Teilen Deutschlands eine Verfolgung der Juden mit sich, durch welche die jüdische Gemeinde ausgelöscht wurde. Nach 1364 konnten wieder einige Juden zuziehen, die aufgrund ihrer beruflichen Einschränkungen vor allem vom Geldverleih lebten. 1524 wurden sie aber wegen einer landgräflichen Austreibungsverordnung aus Marburg vertrieben.

Marburg 2016 (5)Bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts gab es keine jüdische Gemeinde mehr in der Stadt, danach durften langsam wieder einige Juden nach Marburg ziehen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts zählte die jüdische Gemeinde ca. 500 Mitglieder. 1818 wurde wieder die erste größere Synagoge erbaut, deren Ende dann in der NS-Zeit vollzogen wurde, als sie der Schändung und dem Brand in der sog. „Reichskristallnacht“ 1938 zum Opfer fiel.

Bis 1957 war die Ostseite des Obermarktes noch durch spätere Gebäude zugebaut. Als aber ein Wohnhaus am Markt ersatzlos abgerissen wurde, ergab sich die Möglichkeit, an dieser Stelle Grabungen durchzuführen. Durch stadthistorische Forschungen wusste man bereits, dass der sogenannte Schlosssteig einmal Judengasse geheißen hatte, weil eine größere Anzahl jüdischer Familien dort in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts lebte, und dass sich dort auch die Reste einer alten Synagoge befinden mussten.

An der Mauer lag ein großer, architektonisch bemerkenswert ausgestatteter Raum. Seine baulichen Merkmale und die Auswertung der Schriftquellen wie auch archäologische Befunde ließen keinen anderen Schluss zu, als dass es sich hier um die alte Synagoge handelte, die nach den Schriftquellen 1452 teilweise abgebrochen worden war.

Marburg 2016 (12)Das Gebäude war bemerkenswert gut erhalten, denn außer dem Gewölbe und den überirdischen Bauteilen war nichts zerstört worden, und die Baukörper an Boden und Fundament waren verschont geblieben, und lediglich zugeschüttet worden. Der Boden wurde als Gartenland oder Baugrund genutzt; die Mauerreste der Synagoge wurden für Gründungen neuer Gebäude mitbenutzt, wodurch die sonstigen Überreste der Synagoge unangetastet blieben.

Die mittelalterlichen Fundamente der Synagoge in Marburg sind einen Besuch wert, weil sie den Betrachter unmittelbar in die Zeit des jüdischen Mittelalters versetzen und ihren Glanz und ihre Tragik in Erinnerung rufen. Die Studierenden des zweiten Jahrgangs der FTH hatten dort die Möglichkeit, das Schicksal der Juden im Mittelalter näher zu betrachten, und es hat einen Eindruck und Impulse zum Nachdenken hinterlassen, besonders, weil die protestantische Kirche in Sichtweite der Synagoge lag. Es war daher sinnvoll, diesen wichtigen Punkt der deutschen Geschichte mitberücksichtigt zu haben.

cl

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Nach einer feierlichen Einleitung des Erev-Schabbat von Johannes Gerloff am Freitagabend wurde der Samstag von ihm mit einer Bibelauslegung über Psalm 2, dem Motto der Israelkonferenz „Warum toben die Heiden“ begonnen. Gerloff betonte dabei, dass Bibelarbeit harte Arbeit sei, dass man nie genug studieren kann, um herauszustellen, was man generell und für jeden Tag damit betonen will. In der Bibellektüre befinden wir uns im Gespräch mit Gott.

Zunächst fragte er, ob man bei dem Wort „Heide“ nur an Menschen aus polytheistischen Religionen denkt oder ob der deutsche Christ zum Beispiel nicht auch gemeint sein könnte. Jedenfalls meint es aus biblischer Sicht zunächst einmal jeden Nichtjuden. Psalm 2 könne in mehreren Ebenen angewendet werden, wobei nach rabbinischer Auslegung die 1. Ebene die Handlung auf die Geschichte von David in den Philisterkriegen beziehe. Die 2. Ebene liege in Apostelgeschichte 4, in der der Aufruhr der Heiden auf die Verschwörung zwischen Pilatus und Herodes deute, während die Gemeinde Jesus, dem Messias, in heiliger Ergriffenheit und Ehrfurcht zujubeln solle. Die 3. Ebene umschreibe das Tobens der Völker gegen Israel, das Volk Gottes, und die 4. Ebene reflektiere die persönliche Ebene des Gläubigen, des Christen, auch hinsichtlich dessen, was „Gesalbter“ bedeute, der von Feinden bedrängt wird und der einmal nach Offenbarung 2,26ff., wie auch nach Psalm 2, wie Tongefäße behandelt werde. Diese verschiedenen Auslegungen in demselben Heiligen Geist seien wie die verschiedenen Seiten einer Münze. (Eine Anfrage wäre hier ob es sich um eine Wiedergeburt des vierfachen Schriftsinns handelt)

OlivenbaumAls Journalist möchte Johannes Gerloff nun einen besonderen Bezug von Psalm 2 zur heutigen globalen Unruhe hervorheben. In Syrien seien in den letzten Jahren mehr Menschen getötet worden als in allen Konflikten des Staates Israel seit 1948 zusammen, und Brasilien habe in den letzten Jahren unbeachtet mehr als eine halbe Million Ureinwohner ermordet. Die durch Islamisten verursachte Unruhe komme nun auch zu uns nach Mitteleuropa, und die UNO, wie auch die meisten Nationen der Welt hätten ungeachtet dessen dennoch nicht Besseres im Sinn, als gegen Gott und seinen Gesalbten Israel zu toben.

In der Bibel gebe es viele Gesalbte, Könige und Priester Israels, und der Gesalbte oder Messias wäre der „besonders Gesalbte“ für die Gläubigen, eben der Christus Jesus. Zugleich trage das Volk Israel ebenfalls diese Funktion eines von Gott Gesalbten. Der Aufruhr gegen den Herrn und seinen Gesalbten richte sich – so Gerloff – gegen die Tora, gegen die Bibel, besonders aber gegen diejenigen, die sie umsetzen, wie der Aufruf im Psalm 2 es anzudeuten vermag: Lasst uns ihre Stricke und Fesseln von uns reißen! Gottes Ordnungen für die Menschen- und Tierwelt, bei Geschlechterrollen, der praktizierten Sexualität und im Umgang mit Alten – das alles werde rebellierend, respektlos und unverschämt angegriffen. Gott, der Vater im Himmel, lache jedoch über dieses Ansinnen, weil er alles fest in der Hand behält, und ein Gläubiger dürfe wie ein Kind sein, das beim Autofahren seines Vaters nur darauf achtet, ob er alles im Griff habe. Deshalb hätten Christen keinen Grund angesichts der Flüchtlingsströme Angst zu haben, Gott selbst habe beim Turmbau zu Babel absichtlich das „Multikulti“ initiiert – als Reaktion Gottes, um den Hochmut der Menschen zu demütigen. Bundeskanzlerin Merkel habe daher im Grunde recht mit ihrem Handeln angesichts der hierher kommenden Flüchtlinge, weil Gott wolle, dass alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit finden, wo es doch statistisch in der arabischen Welt weniger Missionare als in Alaska gebe.

Wenn Gott auf die Rebellion der Völker mit Zorn antworten werde, dann werde er in Zion, das heißt im genannten politischen Kontext Jerusalems, Israels Parlament, sich zu seinem ‚ersten Sohn‘, hier Israel, bekennen. Die Herrschaft Israels gehe aber in Psalm 2 in erster Linie bis zu den Enden des Landes und nicht der Welt, denn Israel wolle gar keine Weltherrschaft, habe aber den Auftrag zu einer politischen Leitungsaufgabe in der Welt zu der man es ermutigen sollte, wie man Eltern ermutige, die Familie zu führen.

sunset-953203_1280Gott selbst komme aber als Weltenrichter wieder, und sein Wiederkommen werde bewirken, dass alle Knie sich vor ihm beugen. Israel ist wie im Buch Josua Werkzeug des Weltgerichts, müsse aber dafür auch selbst eine Läuterung durchmachen. Korruption und Übergriffe an Palästinensern dürften nicht in falscher Parteilichkeit für Israel gutgeheißen werden, denn das Gericht müsse im Haus Gottes anfangen. Deshalb kämen diese Dinge an die Öffentlichkeit und würden abgestraft; Psalm 2 gebiete trotzdem eine Liebe zu dem Sohn Israel, egal, ob er diese Liebe verdiene oder nicht.

Gerloff fragte zum Schluss, wie man diese Zeit einigermaßen zufrieden und glücklich überstehen könne. Das Ende des 2. Psalms hat dieselbe Formulierung wie in Psalm 1, die in rabbinischer Auslegung als ein Psalm angesehen werden. Das bedeutet: Psalm 1 und 2 preisen im Grunde denjenigen glücklich, der in dieser Welt auf Gott ausgerichtet bleibe, eine Ausrichtung, die Eltern ihren Kindern mitgeben sollten. Um nicht als Spötter oder Sünder, der sein Ziel verfehlt, zu enden, sei der erste Schritt zum Gelingen eines solchen Lebens, dass man lerne, „Nein!“ zu sagen, „Nein!“ zu allem, was nicht auf das biblische Ziel ausgerichtet sei, und stattdessen eine Liebe zum Wort, zur Unterweisung der Tora erstrebe, die helfe, das Leben präziser auf das Ziel auszurichten. Luthers negatives Gesetzesverständnis sei falsch, denn die Tora gebe wie bei Pfeil und Bogen eine Ausrichtung auf das Ziel hin, zum Maschiach (Gesalbten, Messias) Jesus, und deshalb sei auch das Judentum als Gnadenreligion zu identifizieren.

Es gäbe heute aber viele andere Toras, andere Zielsetzungen und Unterweisungen, wie die des Zeitgeistes oder der „political correctness“, oder das Denken: „Die Bibel sei nicht das Wort Gottes, sie enthalte es nur!“ – ein Denken, das Ursprung des Chaos sei, weil es Gott selbst einem Prinzip unterordne.

Gläubige aber stünden gemeinsam unter Gottes Wort, hätten Gefallen an der Tora, und träfen eine Entscheidung zu einem erarbeitenden Lebensstil. Sie sollten mit ihren Kindern das Wort Gottes lernen und eine Kultur des Wortes Gottes als Alternative zur heutigen medialen Kultur schaffen, so dass Menschen als wandelnde Tora, durchtränkt mit dem Wort, auf das richtige Ziel ausrichtet leben. Auf diese Weise erfülle man das, was wertvoll sei, und habe Erfolg in Ehe und Arbeit – sofern man das Geforderte praktisch umsetze!

wheat-field-640960_1280Gottlose demgegenüber würden hin und hergetrieben wie Spreu im Wind. Der Gläubige aber solle fest bleiben, korrigierbar, nicht labil, und wo nötig müsse er auch anderen das Gericht Gottes predigen. Der Herr kenne den Weg der Gerechten, derjenigen also, die mit der Tora als Lebensstil gezielt auf den Himmel zugingen. Man könne währenddessen die Bibelinhalte auf kreative Weise weitergeben, mit Mitteln wie dem Internet oder durch WhatsApp-Messages, egal wie, aber man solle sich Zeit für Gott nehmen. Denn selbst im Beruf müsse man seine Aufgaben und Ziele an Gott ausrichten, um sich von ihnen nicht knechten zu lassen oder seine Prioritäten zu verlieren. Für Israel sei es ebenso wichtig, in Beziehung zu IHM Zeugnis, Mauer und Wort Gottes zu sein und dementsprechend zu leben.

Ein paar abschließende Bemerkungen zur Bibelarbeit insgesamt: Der Vortrag hatte viele wichtige und gute Anregungen, insbesondere im Hinblick auf die hohe Bedeutung der Bibel als Orientierung im Alltagsleben, dass Gerloff ermutigte, sie viel intensiver zu gebrauchen als dies in den meisten christlichen Familien der Fall sei. Es ist wichtig, die Schrift als Wort Gottes an uns persönlich gerichtet wiederzuentdecken und sich von ihr im Denken und Verhalten prägen zu lassen und zugleich sich von fragwürdigen, anderen Prägungen zu distanzieren. Auch das positive Verhältnis zum nationalen Israel und zum Volk der Juden, das bei Christen immer überwiegen sollte, selbst dann, wenn berechtigte Kritik angebracht sein kann, ist ein wohltuendes Gegengewicht zu einem rein kritischen und negativen Verhalten, das in den Medien viel zu oft im Mittelpunkt stehe.

In Bezug auf die Auslegungsmodelle, die Gerloff anwendete, sollte man allerdings den mehrfachen Schriftsinn, ob er nun rabbinisch zu verstehen ist oder vielleicht aus dem sogenannten klassischen Modell des vierfachen Schriftsinns entlehnt wurde, mit etwas Vorsicht umgehen, da er in der christlichen Theologie nicht unproblematisch und berechtigt nicht unumstritten ist. Auch die Kritik an Martin Luthers Umgang mit dem Gesetz sollte man biblisch etwas genauer untersuchen, weil Luther nach Vorgabe der paulinischen Theologie des Neuen Testaments nicht nur auf einen falschen Umgang mit der Tora reagiert, sondern auch konkret das Gesetz des Mose selbst (Tora, Pentateuch) für den christlichen Gebrauch begrenzt. Beispiele dafür finden sich in Römer 7,1-6 oder in 2. Korinther 3, um nur einige zu nennen. Über einige Gegenwartsbezüge in der Auslegung von Psalm 2 kann man geteilter Meinung sein, ob sie wirklich sachlich angemessen gewesen sind. Dennoch bleibt festzuhalten, dass das biblische Zeugnis von Gerloff in den Mittelpunkt gerückt wurde, und ein moderater, vernünftiger Umgang von Christen mit dem nationalen Israel und dem Judentum ans Herz der Zuhörer gelegt wurde, was seine Bibelarbeit sehr wertvoll erscheinen lässt.

jerusalem-1314895_640Die Sächsische Israelkonferenz in Glauchau vom 20.-22.05.2016 war die letzte Konferenz ihrer Art, in der sie seit 20 Jahren bestanden hat. Nun aber ist es ein verstärktes Anliegen der Sächsischen Israelfreunde, in dieser Zeit der gesellschaftlichen Veränderung wieder etwas mehr in verschiedene Gemeinden Deutschlands vor Ort hineinzukommen um dort israelspezifische Vorträge zu halten und für mehr Engagement für Israel zu werben. Als Beauftragte zur Umsetzung dieses Anliegens sind die jungen Vorsitzenden des CFFI (Christliches Forum für Israel) vorgestellt worden: Tobias Krämer, Theresia Ebert, Benjamin Schnabel und Franziska Tofaute. In diesem Zusammenhang wurde auf die geplante gesamtdeutsche Israelkonferenz für 2018 in Berlin hingewiesen.

Den Abschluss der letzten Israelkonferenz bildete eine kurze Podiumsdiskussion, in der Rogel Rachmann als Sprecher der Israelischen Botschaft zur gegenwärtigen Flüchtlingssituation ein interessantes Statement gab, das hier zum Schluss im Rückblick auf die Sächsische Israelkonferenz wiedergegeben werden soll: „Nehmt die Flüchtlinge in Deutschland auf, und gebt ihnen dabei Folgendes mit: Antisemitismus gehört nicht zu Europa!“

(cl)

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Kürzlich beschäftigte sich ein Kongress der CDU/CSU-Fraktion mit dem wachsenden Antisemitismus in Deutschland. Auf der Unionsfraktionstagung „Jüdisches Leben in Deutschland – Ist es gefährdet?“ sprachen u.a. Innenminister Thomas de Maizière, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundesfraktion Volker Kauder und Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland K.d.ö.R., über die steigende Zahl antisemitischer Übergriffe im Land.

In der Veranstaltungsbeschreibung zur Fraktionstagung liest man: „Seit Jahren entwickelt sich jüdisches Leben mit einer lebendigen Kultur in unserer Mitte. An vielen Orten prägen Synagogen, jüdische Einrichtungen, Kunst und Kultur wieder das Straßenbild. Doch ist tatsächlich so etwas wie Normalität in das jüdische Leben in Deutschland eingekehrt?“ Selbst heute, 70 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager und Beendigung des Holocaust, ist ein altes und in Deutschland allseits bekanntes Ärgernis präsent wie nie: der Antisemitismus, der Hass gegen Juden. Während in Jerusalem kürzlich wieder gezielter Terror ausgeübt wird, beispielsweise dadurch, dass Personen auf der Straße mit einem Auto angefahren werden, ist auf deutschen Schulhöfen „Jude“ wieder ein gängiges Schimpfwort geworden.

Innenminister de Maizière referierte auf der Unionsfraktionstagung „Jüdisches Leben in Deutschland – Ist es gefährlich?“ auch über antisemitische Gruppen mit islamistischem Hintergrund. Übergriffe gegenüber Juden gehen von rechts- und linksextremistischen Gruppen, aber eben insbesondere gerade auch von salafistischen Kreisen aus – und die Gefahr, die von solchen Gruppen ausgeht, wächst in Deutschland zu einer ernstzunehmenden Gefahr heran. Der Innenminister forderte daher auch zu Recht eine „Null-Toleranz-Politik“ gegen Antisemitismus in Deutschland. Auch Volker Kauder lässt den muslimischen Hass gegen Juden nicht unwidersprochen stehen. Er zitierte den ehemaligen Bürgermeister Heinz Buschkowsky: „Muslimische Einwanderer sind Träger des Hasses“, um besonders auf diese Form des islamitischen Antisemitismus hinzuweisen.

Auf der Internetseite von CDU/CSU ist zur Veranstaltung noch zu lesen: „Gerade bei Jugendlichen scheinen Vorurteile gegenüber Juden aktuell sogar zuzunehmen. Zudem müssen wir leider feststellen, dass Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland wieder häufiger bedroht werden. Das sind Alarmsignale, die uns nicht unberührt lassen dürfen – Antisemitismus darf in unserem Land keinen Platz finden. Unsere Gesellschaft muss ihren jüdischen Mitbürgern ohne Einschränkung Sicherheit und die Möglichkeit der freien Religionsausübung garantieren können. Wir wollen, dass jüdisches Leben ein selbstverständlicher Teil des deutschen Alltags ist und bleibt.“ Um das zu ermöglichen, forderte Dr. Josef Schuster im letzten Vortrag, dass jedes Schulkind während seiner Schulzeit mindestens einmal ein Konzentrationslager besucht. Außerdem müsse es erlaubt sein, vor allem am muslimischen Antisemitismus deutliche Kritik zu üben, auch wenn man dabei zugleich beachten müsse, dass es auch Muslime gibt, die selbst den Antisemitismus gegen Juden gerichtet ablehnen und verurteilen.

(ts)

Quellen:

http://www.pro-medienmagazin.de/politik/detailansicht/aktuell/mehr-antisemitismus-unter-muslimen-92114/

https://www.cducsu.de/veranstaltungen/juedisches-leben-deutschland-ist-es-gefaehrdet

http://www.israelheute.com/Nachrichten/Artikel/tabid/179/nid/28600/Default.aspx