Israel in echt und in Farbe – überraschend anders

Seit drei Jahren gehöre ich als studentische Mitarbeiterin zum Team des Instituts für Israelogie. In dieser Zeit habe ich zahlreiche Artikel und Kurzmeldungen verfasst, Inputs vorbereitet, eine Themenwoche mitorganisiert. Schwerpunkte meiner Arbeit sind Antisemitismus, die theologische Verbindung von Judentum und Christentum – und: Israel. Ich interessiere mich dabei für Historie, Archäologie und Zeitgeschichte, Politik. Themen, die man auch aus der Distanz kompetent bearbeiten kann. Was mir bisher fehlte, war der persönliche Kontakt zu Land und Leuten. So hatte ich den „Spirit“ Israels noch nicht selbst erlebt. Oder wenn es um die Beschreibung bekannter Stätten ging, konnte ich mich nur auf fremde Augenzeugenberichte und Fotografien berufen.

Das sollte sich im Sommer 2019 ändern. Dank des jährlich ausgeschriebenen Stipendiums des Instituts durfte ich sechs Wochen an der Ben-Gurion-Universität in Beersheva, Israel, verbringen. Menschen aus der ganzen Welt kommen für einen Sommer des kulturellen Austauschs in der Wüstenstadt zusammen. Den Rahmen unseres Aufenthaltes bildete der Besuch des „Ulpans“, einem Sprachkurs, in dem Neuhebräisch erlernt wird. Weiterhin wurden Exkursionen unternommen, Vorträge und Ausstellungen besucht, es wurde gemeinsam gefeiert und miteinander gelebt.

Teilweise besteht im Christentum neben Offenheit eine emotionale Faszination für Israel. Dann wird jeder Stein im „Heiligen Land“ zu etwas Besonderem erklärt. Schon im Flugzeug saß eine Gruppe älterer Damen, die sich als Pilgerinnen auf den Weg ans Tote Meer gemacht hatten. Ihre geradezu kindliche Vorfreude auf Israel, dem Land der Bibel, hatte durchaus Ansteckungspotential. Religiöse Faszination packt aber nur den, der sich packen lässt. Ich muss zugeben, dass ich meine Reise mit einer Prise spiritueller Nüchternheit angetreten bin, um Land und Menschen erst einmal offen zu begegnen.

Wüste um Beersheva soweit man schaut

Für mich als Theologin ist stets alles interessant, was allgemein unter dem großen Wort „Glauben“ zusammengefasst werden kann. Aus dieser Kategorie musste in Israel doch reichlich Anschauungs- und Inspirationsmaterial zu finden sein. Gleichzeitig beobachte ich gerne religiöses Leben in politischen Strukturen – und umgekehrt Politik in der Kirche. Die wichtigste Frage, die mich schon vor meiner Abreise beschäftigte, lautete daher: „wieviel Judentum” werde ich im Staat Israel tatsächlich vorfinden?

Als stiller Beobachter müsste ich hierauf ganz klar mit „sehr, sehr viel“ antworten. Bereits am Flughafen erscheint für den mitteleuropäischen Christen alles ‚typisch jüdisch‘. Traditionelle Kleidung, mehr Kinder als Erwachsene, ausschließlich koscheres Essen. Symbole wie die Menora oder der Davidsstern bestimmen das Bild. Der Theologe wird ständig von Namen und Worten getriggert, die er aus dem Althebräischen kennt.

Ortsschild vor Jerusalem

Man weiß außerdem und im besten Fall schon vor Reiseantritt: Beim Einkaufen einfachster Dinge zahlt man mindestens das Doppelte als in Deutschland, denn die meisten Läden zahlen für teure Koscher – Zertifikate. Viele Orte – unter anderem Beersheva  – haben eine biblische Geschichte, die dem Touristen nicht vorenthalten wird. Wer am Sabbat einen Ausflug unternehmen möchte, muss gut planen. Zwar ist es bei weitem nicht so, dass das ganze Land in Synagoge oder Wohnzimmer verbringt. Doch öffentliche Verkehrsmittel und Öffnungszeiten von Museen, Restaurants oder Freizeitanlagen schränken den Reisenden stark ein.

Religion ist also in Israel sehr präsent und auf natürliche Weise Teil des israelischen Alltags, den Außenstehende auf den ersten Blick wahrnehmen können.

Sonnenuntergang in der Wüste

Wenn es aber nicht einfach darum geht, in kürzester Zeit möglichst günstig möglichst viele Orte zu sehen, sondern man mehrere Wochen am Stück relativ entspannt in den Tag leben kann, entdeckt man Facetten des Landes, die nicht auch Wikipedia und Reiseführer hätten liefern können. Für mich war die Universität der perfekte Ort, um ganz natürlich erste Kontakte mit jungen Israelis zu knüpfen.

Denn auf dem Campus leben internationale und israelische Studenten eng zusammen. Die Atmosphäre ist natürlich. Man trifft sich beim Wäschewaschen, am Swimming-Pool, in der Mensa oder beim Sport. Eine der ersten israelischen Eigenschaften, die dort zutage tritt: Israelis wollen alles wissen. Sie fragen sehr direkt und sehr persönlich. „Bist du verheiratet? Hast du Kinder? Warum nicht?“  Deutsche Zurückhaltung darf schnell beiseitegelegt werden.

Dafür erhielt ich im Gegenzug Einblicke in das, was wir Deutschen als “privat” bezeichnen. Familie, Wohnung, Religion – alles darf zum Gesprächsgegenstand gemacht und auf Einladung sogar persönlich kennengelernt werden. Während Familie und häusliches Umfeld sehr individuelle Kategorien bilden und sich bei jedem anders gestalten, wird beim Thema Religion schnell klar: für die meisten junge Menschen sind es in erster Linie Kultur und Respekt, nicht persönlicher Glaube, der dazu anhält, am Sabbat gemeinsam zu essen oder in die Synagoge zu gehen. Viele junge jüdische Israelis geben gleich ungefragt an, sie seien nicht religiös sondern „a secular Jew“. Mehrmals fiel in Gesprächen der Vorwurf, Europäer oder Amerikaner würden in Israel immer noch ein staubiges, unterentwickeltes, rückständiges Land sehen, reduziert auf eine Kultur, die nur Religion in den Mittelpunkt stellt. Stattdessen sei man stolz auf moderne Technologien, Partymetropolen wie Eilat und TelAviv – und der Selbstverständlichkeit, mit der man Stücke arabischer Kultur übernimmt.

Auf der Abschlussfeier gaben wir Studenten eine kleine Show

Es ist schon etwas dran, dass man gerade als gläubiger Christ am traditionellen Bild von Israel hängt. Und dieses Bild entspricht auch in gewisser Weise immer noch der Realität – nämlich der von Politik und der Einstellung vieler Menschen der „älteren“ Generation. Das spiegelt in den Wahlen nieder, aber auch in der Skepsis gegenüber den Entwicklungen in den größeren Städten, die sich immer mehr öffnen.

Kasten, um geliehene Gebetsschals zurückzugeben

Israel steht unter Spannung, soweit nichts Neues. Eine ganz besondere Begegnung, die mir gut im Gedächtnis geblieben ist, war eine Gesprächsrunde mit der ultra-orthodoxen Politikerin Rivka Ravitz. Ravitz ist seit 2014 „chief of staff“ unter Staatspräsident Reuven Rivlin. Ihre Person verkörpert eindrücklich eine Fusion aus dem „traditionellen“ und dem „modernen“ Judentum. Hochschwanger, kurz vor ihrer Niederkunft mit dem elften Kind, war sie bereit, uns Teilnehmern an der Sommer-Universität Rede und Antwort zu stehen. Noch dazu am Sabbat: im orthodoxen Judentum ist es Pflicht der Ehefrau, sämtliche Vorbereitungen für den Feiertag zu treffen – bei einer zehnköpfigen Familie keine leichte Aufgabe. Ravitz hat studiert und promoviert, eine politische Karriere gestartet, verfügt über Macht und Einfluss, ist eine anerkannte Frau. Parallel dazu ist sie pflichtbewusste Mutter, Ehegattin, religiöse Jüdin. Ravitz sieht darin keinen Widerspruch. Ich fragte sie, was ihr wichtiger sei: gesellschaftsrelevante Werte wie Liberalität und Selbstbestimmung an ihre Kinder weiterzuvermitteln, oder sie zu religiösen Menschen zu erziehen. Ravitz antwortete: „Ich kann nur als Mutter antworten: Ich möchte meine  Kinder eng bei Gott sehen.“ Es ist eben nicht einfach mit der Religion und der Politik.

Diese sechs Wochen Israel brachten mich nicht nur fachlich, sondern persönlich weiter. Für mich war es besonders wichtig, fremde Erlebnisberichte durch eigene zu ersetzen. Was denke ich, wenn ich am See Genezareth auf blaue Wasser zu schauen? Wie ist es, nach getanem Gebet im Rückwärtsschritt die Klagemauer zu verlassen? Wie fühlt es sich an, als Deutsche unter Juden am Holocaustdenkmal Yad Vashem zu stehen?

Reisen bildet. Für Christen ist jedes Stück jüdischer Kultur ein guter Anknüpfungspunkt, um die eigene Religion und Geschichte besser kennenzulernen und zu verstehen, und daher eine Auseinandersetzung richtig und wichtig. Für die Chance, solche Erfahrungen vor Ort zu sammeln, bin ich sehr dankbar. Auch ohne von einer heißen Liebe zu sprechen, blicke ich auf eine faszinierende Zeit zurück in einem Land, das mich überraschte.

Am See Genezareth

Alena Edler

   

Das „Faschingsfest der Juden“ – unter dieser Beschreibung ist das Purim-Fest noch am ehesten in unserer Gesellschaft bekannt. Viele haben schon mal von Ester, „Haman-Taschen“ oder auch den sogenannten „Ratschen“ gehört. Doch wissen die wenigsten nichtjüdischen Menschen, warum Purim gefeiert wird, warum Juden sich an diesem Tag verkleiden und warum das Trinken von Alkohol fast schon ein Gebot ist.

Hier soll ein kleiner Einblick gegeben werden in das Purim-Fest und die verschiedenen Traditionen, die es begleiten.

An Ta´anit Ester (13. Adar) wird dem Mut Mordechais und Esters gedacht.

Ta´nit Ester. Purim wird traditionell am 14. und 15. des Monats Adar gefeiert, da laut der Überlieferung an diesen Tagen die Juden in Persien ihre Gegner besiegt hatten und ihre Errettung vor den Feinden feiern konnten. Doch auch der 13. Adar, der Tag, an dem Haman die Juden in ganz Persien auslöschen wollte, ist ein wichtiger Tag im jüdischen Kalender. An diesem Tag wird dem Mut Esters gedacht. Ta´anit Ester bedeutet „das Fasten Esthers“.

Denn als Mordechai zu Esther ging, um sie zu überreden, ihren Ehemann König Xerxes (Ahasveros) um das Überleben des jüdischen Volkes anzuflehen, fastete und betete sie. Sie sagte zu Mordechai. „So geh hin und versammle alle Juden, die in Susa sind, und fastet für mich, dass ihr nicht esst und trinkt drei Tage lang, weder Tag noch Nacht. Auch ich und meine Dienerinnen wollen fasten. Und dann will ich zum König hineingehen entgegen dem Gesetz. Komme ich um, so komme ich um.“ (Est 4,16) Um der Weisheit Mordechais und dem Mut Esters, die mit diesem Vorgehen ihr Leben riskierte, zu gedenken, ist der 13. Adar zu einem Fast- und Gedenktag für die beiden geworden.

Warum zwei Tage? Da die Kämpfe durch das erste Edikt von König Xerxes auf den 13. Adar begrenzt waren, konnten die Juden fast im ganzen persischen Reich schon am 14. Adar ihren Sieg über die Feinde feiern. Doch die Kämpfe in der Hauptstadt Susa dauerten 48 Stunden. So fand im ganzen Land zwar schon am 14. Adar ein Freudenfest statt, doch hielten die Juden in der persischen Hauptstadt Susa erst am 15. Adar ein Festmahl. So bestimmten Ester und Mordechai im Nachhinein diese beiden Tage zu Festtagen (Est 9,22), an denen Fasten und Arbeit verboten sind! An Purim wird das Leben gefeiert: Der Gottesdienst, gute Gemeinschaft, Essen und Trinken sind bestimmend für diese Tage der Freude.

Am Abend des 13. sowie am Morgen des 14. Adar versammeln sich Juden in Synagogen und hören die Megillat Ester.

In der Synagoge. Purim beginnt traditionell mit einem Gottesdienst in der Synagoge. Da im Judentum der Tag am Abend beginnt, gehen alle am Abend, wenn die Sonne am 13. Adar untergeht (also zu Beginn des 14. Adar), in einen ersten Gottesdienst; der zweite folgt am Morgen des 14. Adar.

In der Synagoge wird aus dem Buch Ester (hebr. Megillat Ester) vorgelesen. Jedes Mal, wenn dabei der Name Haman fällt, klappert die Gemeindeversammlung mit den sogenannten Ratschen, stampft laut mit den Füßen auf, bläst in Tröten oder macht auf eine andere Weise Lärm. Diese Tradition leitet sich aus der Feindschaft zwischen Israel und den Amalekitern (dem Volk Hamans) her; an der bestimmenden Stelle verkündet JHWH, dass der Name Amalek ausgelöscht werden soll (5. Mo 25,17-19).

Haman-Taschen sind ein süßes Gebäck und werden traditionell zu Purim gebacken.

Gemeinschaft. Nach dem zweiten Gottesdienst am Morgen des 14. Adar kommt die ganze Familie zusammen und feiert das Leben bei einem Festmahl. Es werden möglichst auch Freunde eingeladen, damit eine große Festgemeinschaft entsteht. Diese Gemeinschaft unter Juden steht an Purim im Zentrum: Nur durch einen starken Zusammenhalt haben es die Juden geschafft, ihre Feinde in Persien zu besiegen.

Zu diesem Festessen, für das man sich besonders festlich kleidet, gibt es auch traditionelle Speisen, die meisten sind süß: Haman-Taschen, mit Schokolade, Mohn oder Nüssen gefüllt, und Nunt, aber auch die pikanten Kreplach sind dabei die bekanntesten Speisen. Über die Jahrhunderte wurde es tatsächlich zu einem talmudischen Gebot, so viel Wein zu trinken, bis man nicht mehr unterscheiden kann zwischen den Ausrufen „Verflucht sei Haman!“ und „Gesegnet sei Mordechai!“ (Talmud, Traktat Megilla 7b; Schulchan Aruch, Orach Chaijim §695.2). Doch wird heutzutage natürlich auf die Gefahren eines zu großen Alkoholkonsums verwiesen.

Geschenke. Es ist eine sehr bedeutende Tradition und sogar eine Mitzwa (ein Gebot), sich an Purim zu beschenken. Dies leitet sich direkt aus dem biblischen Bericht her (Est 9,22). Mit der Zeit haben sich verschiedene Arten von Geschenken entwickelt:

Geschenke innerhalb der Familie, unter Freunden, aber auch an Bedürftige sind eine besonders schöne Tradition.

Es gilt, jemandem aus dem Bekanntenkreis Essen zu schenken. Diese verpackten, haltbaren Essensgeschenke sollen durch eine dritte Person übergeben werden. Meist übernehmen verkleidete Kinder diese Rolle.

Außerdem beschenkt man an diesen Tagen Bedürftige. Hier werden in der Regel Geldgeschenke gemacht. Ist es jemandem nicht möglich, einen Bedürftigen direkt zu beschenken, wird das Geld an Wohltätigkeitsorganisationen gegeben.

Umzüge. Diese Tradition ähnelt am meisten dem Faschingsfest. Es gibt ausgelassene Festumzüge, für die sich die Teilnehmenden, aber auch die Besucher verkleiden. Sie werden auch Purimspiele genannt: Gruppen, zusammengesetzt aus unterschiedlichsten Generationen, spielen das Purimgeschehen nach.

Die Tradition, sich an Purim zu verkleiden, geht auf verschiedene Begründungen zurück. So wird etwa am Ende des Buches deutlich: Der Gott Israels griff ein und rettete sein Volk, auch wenn sein Name nicht ein einziges Mal genannt wird. Sein Wirken verbarg sich hinter dem Offensichtlichen. Im Talmud wird außerdem beschrieben, wie das jüdische Volk sich an manche heidnischen Gepflogenheiten im Exil anpasste – doch war dies nur wie eine Maske; im Herzen blieb es seiner Identität treu.

Purim ist ein Fest der Lebensfreude – gute Gemeinschaft, festliches Essen und der Genuss von Wein sind dabei ein wichtiger Bestandteil.

So ist Purim ein bedeutendes Freudenfest für das jüdische Volk – bis heute. Es wird gefeiert, dass Gott sein Volk in der Diaspora bewahrt und eine starke Gemeinschaft innerhalb des Volkes geschenkt hat. Auch heute noch gilt Mordechais Gebot: „(…) sie sollten als Feiertag den 14. und 15. Tag des Monats Adar annehmen und jährlich halten als die Tage, an denen die Juden zur Ruhe gekommen waren vor ihren Feinden, und als den Monat, in dem sich ihr Schmerz in Freude und ihr Leid in Festtage verwandelt hatten (…).“ (Est 9,21-22)

Chag Sameach! Ein frohes Purim-Fest!

 

KStegemann

„Chag Sameach! Ein frohes Fest!“

 

Mit diesen Worten werden sich heute Abend alle Juden hier in Deutschland und in der ganzen Welt begrüßen – denn Purim steht vor der Tür. In diesem Jahr fällt das jüdische Fest, das traditionell am 14. und 15. Adar (der sechste Monat des jüdischen Kalenders) gefeiert wird, auf den 21. und 22. März. An diesen beiden Festtagen wird den Geschehnissen gedacht, in deren Mittelpunkt die Jüdin Ester steht, wie sie im gleichnamigen biblischen Buch geschildert werden.

Das Königreich Persien reichte von Indien bis Äthiopien.

Die Ereignisse werden auf das Jahr 473 v.Chr. zurückdatiert, als Xerxes I. (hebr. Ahasveros) König über das Reich Persien war, das zu dieser Zeit von Indien bis Äthiopien reichte und damit 127 Provinzen (!) umfasste. Als die Hauptfrau von König Xerxes sich ihm eines Abends verweigerte, verstieß er sie zornig und ließ eine neue Dame für seinen Harem suchen. (Est 1)

Ester (hebr. Hadassa) lebte mit ihrem Cousin Mordechai in der Hauptstadt des persischen Reiches, Susa. Die junge Jüdin war von ihrem Aussehen wie auch von ihrem Charakter her sehr schön. Sie wurde in den Harem des persischen Königs aufgenommen und lebte fortan am Königshof – doch wusste niemand, dass sie Jüdin war.

Ihr Cousin Mordechai, der Ester nach dem Tod ihrer Eltern aufgenommen hatte, war ein angesehener Jude in der Hauptstadt des persischen Reiches. Eines Tages deckte er einen Komplott zur Stürzung des Königs auf, rettete so dessen Leben und stand fortan hoch in Ehren. (Est 2)

Doch der Minister des Perserreiches, ein enger Mitarbeiter von König Xerxes I., hasste Mordechai: Dieser hatte sich aus religiösen Gründen nicht vor ihm verbeugen wollen. Haman war ein Amalekiter und damit Nachkomme eines Volkes, das schon seit Jahrhunderten mit Israel, dem Volk JHWHs, verfeindet war (2. Mose 17,8ff.). So ersann er einen Plan, wie er das jüdische Volk ein für alle Mal auslöschen könnte: Er trat vor den König und stellte das jüdische Volk als eine Menge von Aufrührern dar, die die Gesetze des Königs missachten würden. Sein Vorschlag zur vermeintlichen Abhilfe folgte sogleich: An einem ausgewählten Datum sollten die Juden vogelfrei sein – jeder sollte sie ungestraft töten und ihren Besitz an sich nehmen dürfen. Xerxes erwiderte: „Das Silber sei dir gegeben, dazu das Volk, dass du mit ihm tust, was dir gefällt!“ (Est 3)

Ester ist der altpersische Name Hadassas und bedeutet Stern.

Haman hatte die Lose geworfen, um ein Datum für diesen Anschlag festzulegen; so wurde der 13. Adar ausgewählt. Als Mordechai von dem Plan des Amalekiters erfuhr, eilte er zum Königshof und forderte Ester auf, bei Xerxes um Gnade für das jüdische Volk zu flehen. Sie lehnte aus Angst zuerst ab, doch Mordechai sprach die berühmten Worte

„Und wer weiß, ob du nicht gerade um dieser Zeit willen zu königlicher Würde gekommen bist?“ (Est 4)

Es könnte ihr Leben kosten, unaufgefordert zum König zu gehen – doch Ester wagte es und lud König Xerxes und seinen Minister Haman zu einem von ihr angerichteten Essen ein. Doch obwohl der König nach diesem Essen entzückt war von ihr, brachte sie ihre Bitte an diesem Abend noch nicht vor ihn, sondern lud ihn und Haman am folgenden Tag wieder zu einem Mahl ein. (Est 5)

In der Zwischenzeit wurde Mordechai für den Aufdeckung der Verschwörung gegen den König geehrt – und Haman war gezwungen, ihm Ehre zu erweisen, indem er ihn auf einem Pferd durch die Stadt führte und rühmte. Diese Demütigung schürte seinen Hass nur noch, doch seine Frau warnte ihn in einem prophetischen Wort: „Ist Mordechai, vor dem du zu fallen begonnen hast, vom Geschlecht der Juden, so vermagst du nichts gegen ihn, sondern du wirst vor ihm vollends zu Fall kommen!“(Est 5-6)

Am selben Tag fand das zweite Abendessen statt, zu dem Esther den König und den Minister eingeladen hatte. Nun offenbarte Esther Xerxes, dass sie Jüdin war und Haman ihr Volk auszurotten gedachte. Der König erkannte nun den Plan Hamans und in seinem Zorn befahl er, seinen Minister an dem Holzpfahl aufzuhängen, den dieser vorsorglich für eine Hinrichtung Mordechais hatte errichten lassen. (Est 7)

König Xerxes ernannte Mordechai zum neuen Minister an Hamans statt. Trotzdem war es schon zu spät: Denn im Perserreich konnte ein Edikt, das einmal erlassen wurde, nicht mehr zurückgenommen werden. Deshalb erließ der König ein neues, zusätzliches Edikt: Die Juden würden sich am 13. Adar wehren dürfen. (Est 7)

So besiegten die Juden ihre Feinde an jenem Tag, der eigentlich zu ihrer Vernichtung hatte führen sollen. Doch nahmen sie keine Beute, wie ihre Gegner es getan hätten.

Die Geschehnisse von Purim sind in der Megillat Ester aufgeschrieben, zu finden in den “Schriften” im Tanach.

So feierten die Juden in den ländlichen Gegenden am 14. Adar ein Freudenfest. Nur in der Hauptstadt Susa dauerten die Kämpfe noch den 14. Adar an. Deshalb begingen die hier lebenden Juden erst am 15. Adar ein Fest wegen ihrer Errettung vor den Feinden. Mordechai erklärte in der Folge diese beiden Tage zum Feiertag, genannt Purim, nach den Losen, die Haman geworfen hatte, um das Datum für die Vernichtung der Juden festzulegen. (Est 9-10)

An dieses Geschehen erinnert sich bis heute das jüdische Volk am Purim-Fest: JHWH, der Gott Israels, beschützt sein Volk sogar in der Diaspora. So sind die Ereignisse rund um Esther auch für Christen eine große Ermutigung im Glauben, denn der Gott Israels hat auf eindrückliche Weise gezeigt, dass er treu zu seinem Volk steht.

Chag Sameach!

KStegemann

„Solange (…) nach Osten hin, vorwärts, das Auge nach Zion blickt – solange ist unsere Hoffnung nicht verloren (…).“

Diese Worte bilden den Kern der Nationalhymne des Staates Israel, der „haTikva“. HaTikva ist Hebräisch und bedeutet übersetzt „die Hoffnung“. Gemeint ist die Hoffnung, die das jüdische Volk seit der Vertreibung aus dem Land Israel vor knapp 2000 Jahren begleitet hat.

Als Titus, der Sohn des damaligen römischen Kaisers Vespasian, 70 n.Chr. Jerusalem als die Hauptstadt des jüdischen Landes und den Tempel zerstören ließ, wurden große Teile der Bevölkerung aus Jerusalem und dem ganzen Land exiliert. In den berühmten Triumphbogen des Titus, der heute noch in Rom zu sehen ist, ist die Szenerie der Exilierung des jüdischen Volkes eingemeißelt: Man sieht jüdische Männer, nun Sklaven Roms, die die große Menora (den siebenarmigen Leuchter aus dem Tempel) auf ihren Schultern tragen. Dieser Erste Jüdische Krieg (66-70 n.Chr.), der sog. Diasporaaufstand (115-117 n.Chr.) und der bald folgende Bar-Kochba-Aufstand (132-135 n.Chr.) zogen die endgültige Zerstörung der judäischen Provinz durch die Großmacht Rom nach sich und führten letztlich zur großen Diaspora des jüdischen Volkes. Auch wenn bis heute noch viele Juden in anderen Ländern leben, so fand diese Diaspora dennoch ein Ende mit der Gründung des Staates Israel im Mai 1948 durch David Ben Gurion.

Der Triumphbogen des Titus

Doch in den Jahrhunderten der Zerstreuung stand das Bild auf dem Titusbogen symbolisch für „haTikva“ (die Hoffnung) der Juden auf eine Rückkehr: Nämlich dass sie eines Tages die Menora zurückbringen würden an den Ort, den ihr Gott für sie erwählt hatte.

Diese Hoffnung war für das jüdische Volk ein Anker in den Jahrhunderten der Zerstreuung, die folgten: Diese waren geprägt von willkürlichen antisemitischen Übergriffen und staatlichen Unterdrückungen, Getthoisierungen und Pogromen, von Demütigungen, Zwangstaufen und Tod.

Über 1800 Jahre blieb die Hoffnung des jüdischen Volkes bestehen, eines Tages nach Israel zurückzukehren. Schließlich führte auch der anti-jüdische Druck in Europa und Russland zur Bildung politisch motivierter zionistischer Strömungen im 19. Jahrhundert. Daneben gab es bereits rabbinisch-religiös motivierte Impulse, so etwa unter dem Rabbiner Zwi Hirsch Kalischer (1795-1874), der in seinem 1861 erschienenen Traktat „Drischat Zion“ (Zions Herstellung) die Ansiedelung von Juden in Israel forderte, um u.a. die von den Propheten verheißene Erlösung des jüdischen Volkes vorzubereiten.

In Folge dessen nahm die Vorstellung Gestalt an, diese jüdisch-religiöse Hoffnung auch real-politisch Wirklichkeit werden zu lassen: Zwischen 1881 und 1903 wanderten ca. 30 000 Juden in das damals Palästina genannte Land aus. Bis 1941 folgten vier weitere Auswanderungsbewegungen (Alija) in das den Juden einst verheißene Land, die nur ein Vorgeschmack auf die folgende Entwicklung Israels sein sollten.

Teil dieser historischen Geschehnisse war ein Mann namens Naftali Herz Imber (1856-1909). Dieser jüdische Schriftsteller und Poet wurde im damaligen Österreich-Ungarn geboren – wie sein berühmter Landsmann Theodor Herzl (1860-1904), der bekanntermaßen dem politischen Zionismus mit seiner Schrift „Der Judenstaat“ (1896) eine Grundlage schaffte, nämlich den Juden ein völkerrechtlich verbindliches Land zuzuweisen.

Als Imber von der Gründung von Petah Tikva, einer der ersten jüdischen Siedlungen im damaligen Palästina hörte, wurde er mit Leib und Seele Zionist. Er schloss sich der zionistischen Organisation Chibbat Zion an und verfasste viele Texte zur Rückkehr in das Land Israels. Im Jahr 1882 reiste er als Begleiter des Diplomaten Laurence Oliphant (1829-1888) nach Haifa (Israel). Oliphant selbst war ein Christ, der den Zionismus unterstützte. Dort verlas Imber sein Gedicht „Tikvatenu“, das er vermutlich schon früher geschrieben hatte, aber erstmals öffentlich bei einem lokalen Treffen von Farmern in Rischon LeZion vortrug. Hier war auch der Landwirt Samuel Cohen anwesend. Er war so berührt von „Tikvatenu,“ dass er basierend auf einem rumänischen Volkslied eine Melodie zu den Worten Imbers kreierte. Vier Jahre später wurde das Gedicht in Imbers Buch Morgenstern („Barkai“) veröffentlicht.

Das so entstandene Lied wurde „haTikva“ (die Hoffnung) genannt. Es besteht aus der ersten Strophe des Gedichts von Imber. Bereits 1903 wurde es auf dem von Theodor Herzl ins Leben gerufenen zionistischen Kongress in Basel vorgetragen und schließlich 30 Jahre später bei einem weiteren Kongress in Prag zur Hymne der zionistischen Bewegung erhoben.

So verwundert es nicht weiter, dass dieses Lied, das die Sehnsucht und Hoffnung unzähliger Juden auszudrücken vermochte, am 14. Mai 1948 mit der offiziellen Gründung des Staates Israel zur Nationalhymne erhoben wurde.

Naftali Herz Imber, der berühmte Autor der Nationalhymne, erlebte nach der großen Beliebtheit wegen seiner literarischen Künste, die er im damaligen Palästina ausleben und verfeinern konnte, einen tiefen Sturz. Nachdem die Frau seines Arbeitgebers Oliphant, mit der er eine jahrelange Affäre pflegte, 1886 verstarb und nur zwei Jahre später auch Oliphant selbst, brach Imber seine Zelte ab und reiste nach London und Indien und zog schließlich in die USA. Dort lebte er weiterhin als Schriftsteller, beschäftigte sich aber hauptsächlich mit der Kabbala, der jüdischen Mystik. Seine letzten Jahre verlebte er in großer Armut und der Alkoholsucht verfallen, an der er mit nur 54 Jahren in New York starb. Trotz dieses tragischen Endes lebte Naftali Herz Imbers zionistische Leidenschaft in seinen Werken weiter und insbesondere durch „haTikva“ ist sein Ansehen noch heute lebendig.

der Magen David als Nationalzeichen Israels

Als Zeichen der Ehrerweisung für diesen leidenschaftlichen Schriftsteller wurde sein Leichnam 1953 nach Jerusalem auf einen jüdischen Friedhof umgebettet. Denn dieser allzu menschliche, schließlich gescheiterte Mann fasste doch die Hoffnung des jüdischen Volkes in wenige, ausdrucksstarke Worte – diese Hoffnung, die die Juden in den fast 2000 Jahren des Exils und der Diaspora nicht losließen: die Hoffnung auf die Rückkehr in das ihnen von Gott verheißene Land.

 

„Solange noch im Herzen drinnen

eine jüdische Seele wohnt

und nach Osten hin, vorwärts,

das Auge nach Zion blickt,

solange ist unsere Hoffnung nicht verloren:

die Hoffnung, zweitausend Jahre alt,

zu sein ein freies Volk in unserem Land!

Im Lande Zion und in Jerusalem!“

KStegemann

Anlässlich des 70-jährigen Bestehens des Staates Israel wird vom 5.-9. November eine Themenwoche an der Freien Theologischen Hochschule Gießen stattfinden. Ein ansprechendes Rahmenprogramm ist geplant, das Land und Judentum auf vielfältige Art und Weise beleuchtet. Denn Israel geht nicht nur Freaks und Fans etwas an, sondern jeden!

Thematisch eingeleitet wird diese besondere Woche am Montag, den 5. November von Johannes Gerloff. Der Theologe ist bekannt durch seine Tätigkeit als Nahostkorrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien. Als Insider hält er einen Vortrag zur aktuellen Situation im „Heiligen Land“, zu dem alle Interessenten herzlich eingeladen sind.

Darüber hinaus hat jeder einzelne Wochentag seinen eigenen Programmhöhepunkt: So wird es unter anderem eine Diskussion mit Islamwissenschaftler Dr. Carsten Polanz über heutige Formen von Antisemitismus geben. Weiterhin finden eine Sabbatfeier und eine Holocaust-Gedenkstunde statt. Auch ein authentisches israelisches Mittagessen darf natürlich nicht fehlen!

Ort der einzelnen Veranstaltungen ist der Plenarsaal der Freien Theologischen Hochschule Gießen. Die jeweiligen Uhrzeiten und Tagesabläufe entnehmen Sie der Ausschreibung. Der Eintritt ist natürlich frei!

Herzliche Einladung!

IsraelInstitut_Themenwoche_Programm

IsraelInstitut_Vortrag_Themenwoche_Vortrag J. Gerloff

Nur wenige wissen davon: Über 30.000 Juden fanden zwischen 1933 und 1941 Schutz in einer einzigen Stadt, die damit mehr Menschen vor den Nationalsozialisten rettete als es Neuseeland, Australien, Kanada, Südafrika und Indien taten – zusammen. Die Rede ist von Shanghai, dem damals für viele Juden letzten Zufluchtsort auf der ganzen Welt.

Hinweise auf jüdische Kultur in China sind überhaupt ein besonderes Phänomen. Die allerersten Juden kamen wohl im 8. Jahrhundert über die Seidenstraße ins Großreich. Während der Song-Dynastie (960-1279) etablierte sich eine Gemeinde in der damaligen Hauptstadt Chinas, in Kaifeng, im Osten des Landes. Vermutlich kamen diese Juden aus dem heutigen Irak, aber genaue historische Rückschlüsse lassen sich nicht mehr ziehen. Die Gemeinde hielt lange Zeit jüdische Traditionen wie Feste und rabbinische Gebete aufrecht, assimilierte aber nach und nach mit der chinesischen Kultur. Bis zum Jahre 1866 war das Prinzip einer Synagogenzusammenkunft als Mittelpunkt des Gemeindelebens verfallen.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde schließlich Shanghai erstmals Heimat für eine bedeutende Anzahl von Juden. Sephardim[1] verließen damals aufgrund des Opiumkrieges die betroffenen Gebiete Bagdad, Bombay und Singapur und siedelten sich in der Stadt an. Eine zweite Einwanderungswelle folgte in den 1920er Jahren, als viele russische Juden nach der Oktoberrevolution ihr Land verlassen mussten. So bildete sich nach und nach die größte jüdische Gemeinde in Fernost. Shanghai war zu dieser Zeit bereits eine riesige Hafenstadt und daher eine bedeutende Handelsmetropole.

Das Gesellschaftsbild war zweigeteilt: Etwa 2,5% der 4 Million Einwohner kamen ursprünglich aus dem Ausland. Diese Minderheit bildete die Oberschicht. Sie bestand zumeist aus Westeuropäern, Portugiesen, Franzosen und Engländern, aber auch aus Weißrussen, Russen und Amerikanern. Die einheimischen Chinesen dagegen standen in der sozialen Rangfolge ganz unten. Als sich in den frühen 1930er Jahren die nationalsozialistische Herrschaft in Deutschland manifestierte, siedelten in einer weiteren Welle jüdische Akademiker und Intellektuelle nach Shanghai aus. Die allermeisten von ihnen fassten rasch Fuß und lebten weiterhin in europäischem Luxus, den sie sich gut leisten konnten. Die Welle derer, die knapp vor dem Beginn des 2. Weltkrieges Deutschland verließen, betrifft die Jahre 1933-1937.

Shanghai, Altbau

Doch nach und nach spitzte sich die Lage für Juden nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa zu. Nach 1937 änderte sich das Profil der jüdischen Einwanderer in Shanghai schlagartig. Nun kamen diejenigen, die konkreter Verfolgung ausgesetzt waren und die ihr Leben in höchstem Maße bedroht sahen – und die nicht unbedingt zu den materiell Bessergestellten gehörten. Sie setzten alle ihre Hoffnung auf Shanghai: Einwanderer brauchten hier keinen Geldnachweis, und, als weltweite Besonderheit, war dies ein Ort ohne klare Pass- und Visabestimmungen. Chinesische Diplomaten stellten vor allem in Österreich großzügig und unbürokratisch Visa an Hilfesuchende aus. Der Botschafter Ho Feng Shan bekam 2001 vom israelischen Staat den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ verliehen, die höchste Auszeichnung für Nicht-Juden.

Die jüdischen Flüchtlinge kamen nun oftmals völlig mittellos in Shanghai an. Hilfe und Unterstützung kamen größtenteils nicht von der Stadt, sondern von chinesischen Privatleuten und jüdischen Organisationen vor Ort. Sie gründeten Suppenküchen und boten vorübergehende Bleiben an. Allerdings fanden die Neuankömmlinge selten Anschluss an die reichere, bereits bestehende jüdische Gemeinde. Sie lebten in der Regel mitten unter den Chinesen in den armen Vororten der Stadt. Das am dichtesten mit jüdischen Flüchtlingen besiedelte Viertel war Hongkou. Weil der Zustrom nicht abreißen wollte, sollte ein eigener Wohnbezirk für Juden gefunden werden. Auf den Vorschlag eines Mitgliedes des höchsten Komitees der Landesverteidigung Chinas im Februar 1939 hin fiel die Wahl auf Hongkou.

Als wären Vertreibung, Flucht und Armut nicht herausfordernd genug gewesen für Menschen, die Heimat und Besitz verloren hatten, setzte mit dem Pazifikkrieg neue Angst ein: Japan kämpfte nun gegen England und die USA und besetzte Shanghai. Die Nationalsozialisten konnten bis in die weit entfernte chinesische Stadt ihre schrecklichen Interessen vertreten. Joseph Meisinger, Chef der Gestapo-Einheit in Japan, unterbreitete vor Ort den sogenannten „Meisinger-Plan“, die Endlösung in Shanghai. Doch soweit kam es nicht. Stattdessen wurde das letzte jüdische Ghetto eingerichtet: Innerhalb eines Monats mussten alle Flüchtlinge aus Mittel- und Osteuropa, die nach 1937 in die Stadt gekommen waren, in eine „designated area for stateless refugees“  ziehen. Diese lag im Armutsviertel Hongkou, sodass viele Juden ihre aktuelle Bleibe gar nicht erst aufgeben brauchten. Der Begriff „Ghetto“ wurde bei den Maßnahmen zwar nie explizit verwendet, doch es gab zeitweise strenge Ausgangssperren und –regeln, Aufsichtsdienste und Zwangsrekrutierung der Bewohner zu Wachdiensten. Die Amerikaner bombardierten Shanghai, und auch Hongkou war betroffen. Viele Menschen starben dabei, Hunderte wurden verletzt.

Als der Krieg endlich zu Ende war, hätten sich etliche Juden vorstellen können, zu bleiben. Wo sollten sie auch hin? Doch für die nächsten 30 Jahre begann nun ein Bürgerkrieg in China zu wüten. In dieser Unsicherheit verließen die allermeisten Juden das Land endgültig. Erst 1992 nahmen Israel und China offizielle Beziehungen zueinander auf, in die der Wunsch integriert wurde, gesellschaftliches und geschäftliches jüdisches Leben in China neu zu fördern.

Skyline von Shanghai im 21. Jahrhundert

Für die geflüchteten Juden und ihre Nachkommen wird Shanghai ein Ort der Hoffnung bleiben. Viele von ihnen hätten sich ein anderes Ziel gesucht, wenn das möglich gewesen wäre. Doch wer auf legalem Weg seine Heimat verlassen wollte, brauchte ja zumindest ein Visum. Die USA und England verwiesen schon früh auf die „ausgeschöpften Kapazitäten, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen.“ Europa war ohnehin nicht mehr sicher, und große Länder wie Australien und Kanada nahmen ebenfalls nur verhältnismäßig wenige Juden auf. Vor allem nach 1938 hatten fast alle Nationen den verzweifelten Juden die Tür vor der Nase zugeschlagen und die Einreise verboten. Es mag sein, dass einzelne Menschen die Courage besaßen, den bedrängten Juden Solidarität und Hilfe zukommen zu lassen. Aber viele Staaten erhoben strenge Grenzen und stellten strikte Bedingungen auf, um die jüdische Einwanderung zu begrenzen. Anders war es damals in Shanghai, dem Zufluchtsort für Juden in Fernost.

AEdler

[1] Sephardim sind in diesem Falle orientalische Juden, auch wenn die Bezeichnung ein Sammelbegriff für alle Juden und ihre Nachfahren ist, die im 15. und 16. Jahrhundert von der Iberischen Halbinsel vertrieben wurden und vor allem in Nordwestafrika und dem Osmanischen Reich eine neue Heimat fanden.

So schrieb der Schriftsteller und Dichter Scholem Alejchem 1888 in seiner Novelle „Stempenje. Ein jüdischer Roman“. Zahlreiche musikalische Meister sind aus der jüdischen Kultur hervorgegangen. Und so verwundert es nicht, dass im religiösen Leben des Judentums die Musik stets eine große Rolle spielte. Wer einmal den Klängen des (modernen) Klezmers lauschen durfte, ahnt kaum, dass eine jahrhundertealte Tradition dahinter steckt. Viele Menschen haben sogar noch nie etwas von diesem Genre gehört, das fest im Judentum verankert ist: Klezmer – um was für ein musikalisches Phänomen handelt es sich? Die Antwort auf diese Frage läaat sich nicht in zwei Sätze fassen, sondern beanspructh ein ganzes Forschungsfeld. Hiermit soll dem Leser eine Vorstellung vom Genre des Klezmer verschafft werden:

„Klezmer“ bezeichnete ursprünglich nur das vom Musiker verwendete Instrument, dann den Musiker selbst, heute auch die gespielte Musik. Der Begriff ist ein Kunstwort aus „klej“ (hebr. Werkzeug, Instrument) und „semer“ (hebr. Stimme, Lied, Gesang). So wie wir Klezmermusik heute noch nachvollziehen können, entwickelte sie sich erst im 18. bis 19. Jahrhundert im jiddischsprachigen Osteuropa. Doch die komplexe Geschichte des Klezmer beginnt wesentlich früher, auch wenn dieser Begriff damals noch keine Verwendung fand. Weil keine Noten aus früher Zeit überliefert sind, sind die konkreten Klänge verloren gegangen. Aber aus vornehmlich christlich geprägten Schriftfunden wissen wir von einer mindestens 1000 Jahre alten jüdischen Tradition, auf Hochzeiten Musik zu spielen. Dabei kamen insbesondere Streich-, aber auch Holzblasinstrumente oder Zimbeln zum Einsatz. Da alles jüdische Leben in einem religiösen Gefüge stattfindet,  wurde „Hochzeitsspieler“ zum sakralen Beruf.

Einerseits ist das ist keine Selbstverständlichkeit. Denn mit der Zerstörung des Tempels 70 nach Christus sollten im jüdischen Ritus zunächst keine musikalischen Elemente Platz finden, die instrumental unterstützt werden. Damit wird der Trauer über den Verlust der Kultstätte Ausdruck verliehen. Eine Ausnahme bildet das Schofarblasen an Neujahr, als Ruf zur Reue und Erinnerung an das Schofarblasen am Sinai, wie es in Ex 19,19 überliefert ist. Andererseits verlangt es die religiöse Pflicht, einem Brautpaar an seinem Hochzeitstag Freude zu bereiten. Damit befand sich der jüdische Musiker, den man damals „Lets“ nannte, stets in einer empfindlichen Spannung. Es verwundert nicht, dass er als Außenseiter galt. Das gesellschaftliche Ansehen war eher gering. Meistens durchlebten die Letsim auch keine musikalische Ausbildung. Vielmehr lernten die Spieler von ihren Vätern, und diese hatten die Kunst ebenso von ihren Vätern gelernt. Professionelle Berufsmusiker können schon ab dem 16. Jahrhundert nachgewiesen werden. Quellen aus dieser Zeit berichten vereinzelt sogar von Auftritten auf Märkten und in den Häusern reicher Bürger. Spätestens ab dem 18. Jahrhundert jedoch waren jüdische Musiker auf nichtjüdischen Hochzeiten keine Seltenheit mehr.

Streichinstrumente sind typisch für den Klezmer.

Grund für die Ausdehnung auf weitere musikalische Schauplätze war die einsetzende Aufklärung: Die Ghettos der jüdischen Gemeinden in Mitteleuropa verschwanden langsam. Kulturelle Grenzen verwischten, feste religiöse Strukturen und ganze Gemeinden lösten sich auf. Weil der Wert von Ritualen sank, wurde auf der einen Seite der Klezmer als traditioneller Bestandteil einer jüdischen Hochzeit zurückgedrängt. Auf der anderen Seite spielten immer mehr christliche Musiker Klezmer-Klänge in nichtjüdischen Kontexten nach. Damit verlagerte sich der Mittelpunkt der ursprünglichen Klezmermusik zunehmend ins orthodoxe Judentum Osteuropas, wo die Aufklärung nicht die gesellschaftlichen Auswirkungen zeigte wie in Mitteleuropa. Dort wurden religiöse Elemente weiterhin streng bewahrt. Der Klezmer konnte sich in diesem geschützten Raum weiterentwickeln.

Im Zuge von Pogromen und andauernder ideologisch begründeter Unterdrückung der Juden wanderten viele von ihnen Ende des 19. Jahrhunderts in die USA aus – und nahmen ihre Musik mit. Zu diesem Zeitpunkt beherrschte nahezu jeder Jude Jiddisch. Sprache und Musik sind dadurch zwangsläufig eng miteinander verbunden. Beide sind als Fusion verschiedener Einflüssen zu verstehen. Sie setzen sich als Mixtur aus dem hebräischen, slawischen, romanischen und mittelhochdeutschen Erbe zusammen. Der Sprecher bzw. der Musiker kann so zwischen diesen Kulturen „umschalten“ und vermitteln. Klezmermusik besaß daher zunächst die Funktion, unter den Einwanderern wie ein Kleber zu wirken. Rasch eroberte der Stil den gesamten Entertainment-Sektor in einer der größten jüdischen Ansiedelungen New Yorks, der Lower East Side. Mit dem neuen sozialen Kontext verschwand allerdings die ehemals sakrale Bedeutung komplett. Statt liturgischem Wert kam dem Klezmer eine reine Unterhaltungsfunktion zu – zwar wurde weiterhin auf Hochzeiten gespielt, aber auch am Theater, in Weinkellern oder Kaffeehäusern. Führende Instrumente in unterschiedlicher Besetzung waren Geige, Mandoline, Cello, Kornett und Klarinette. Typischerweise klang ein wenig „Rauheit“ im Stil an, Unregelmäßigkeiten bzw. Unsauberkeiten im Rhythmus. Es mag ein „polyrhythmischer Höreindruck“ entstehen. Allerdings war das Repertoire groß und verschiedene Richtungen je nach Musiker und Publikum entstanden. Die kulturelle Blütezeit der jiddischen Subkultur war jedoch bald zu Ende. Die folgenden Generationen passten sich der neuen Heimat an, sodass der Klezmer sich immer mehr nach den Vorlieben der US-amerikanischen Gesellschaft richtete (z.B. Foxtrott) oder damit verschmolz (z.B. Swing).

Cello

Seit dem Klezmer-Revival der 1970er Jahre gibt es viele Bands, die neben anderen Stilrichtungen auch das anbieten, was man unter modernem Klezmer versteht. Es ist heute ein uneinheitlicher Musikstil, der sich bewusst in das Erbe der jiddischen Kultur stellt. Zentren gibt es vor allem dort, wo große jüdische Gemeinden zu finden sind: Chicago, Philadelphia und San Francisco. Es entstehen immer wieder auch Besetzungen aus Nicht-Juden – so war unter den ersten „gemischten“ Bands der Afroamerikaner Don Byron, der auch als Solo-Künstler Klezmer-Elemente in seiner Musik einsetzt.

Kritiker merken die Ästhetisierung, Kommerzialisierung und den Verlust der religiösen Bedeutung an, Bewahrer blicken der Zukunft ihres Erbes finster entgegen. Aber Musik lebt von „Geliehenem“  und entsteht niemals völlig unabhängig von ihrem kulturellen Kontext. Ein gewisser Grad an Assimilation gehört natürlicherweise bei der Weitergabe von Tradition dazu. Der Klezmer kann anregen, über jüdische Kultur und Geschichte nachzudenken und in jeder Zeit das tun, wozu er stets bestimmt war – den Zuhörer erfreuen.

Wer sich selber einmal ein Bild machen möchte, kann dies am Samstag, den 10.03.2018, in der Kleinen Synagoge Erfurt tun. Gleich zweimal wird es ein Klezmer-Konzert von “The String Company” mit Lev Guzman geben. Informationen dazu gibt es unter http://juedisches-leben.erfurt.de/jl/de/service/aktuelles/veranstaltungen/2018/127210.html).

Empfehlenswerte Literatur:

Lensch, Juliane, Klezmer. Von den Wurzeln in Osteuropa zum musikalischen Patchwork in den USA, Hofheim 2010

Ottens, Rita, Joel Rubin, Klezmer-Musik, Kassel – München 1999

Winkler, Georg, Klezmer. Merkmale, Strukturen und Tendenzen eines musikkulturellen Phänomens, Salzburger Beiträge zu Musik- und Tanzforschung, Bd. 1, Bern 2003

AEdler

 

Zurück in die Vergangenheit: Jüdische Händler im christlich-muslimischen Spannungsfeld des 9.-12. Jahrhunderts

Im Vergleich zu den christlich regierten Königreichen fanden die Juden in der Welt des arabischen Großreichs ab dem 8. Jahrhundert oftmals Raum, um sich dort niederzulassen und um ein Leben zu führen, das von der übrigen Bevölkerung weitgehend geduldet wurde. Monotheistische Minderheiten, wie das Judentum, erhielten beispielsweise im arabischen Großreich Reise- und Niederlassungsfreiheit. Dieses arabische Reich erstreckte sich von Spanien aus über Nordafrika bis nach Persien, dem heutigen Iran.

In den stark wirtschaftlich geprägten Städten entstanden vergleichsweise rasch wachsende jüdische Gemeinden, welche durch ihre dazugehörigen Kaufleute einen nennenswerten Beitrag zu der ökonomischen Kraft in der jeweiligen Region leisteten. Zwar existierten in der  islamischen Welt auch politische Grenzen zwischen den Großreichen, jedoch lagen keine Hürden für den Handel vor, so dass sich die muslimische Mittelmeerwelt zu einer einzigen Freihandelszone entwickelte.

Da den Juden in der Landwirtschaft hohe Abgaben aufgezwungen wurden, waren diese den muslimischen Bauern gegenüber nicht mehr konkurrenzfähig. Sie sahen sich deshalb genötigt, sich ausschließlich in den Städten anzusiedeln. Die Juden nahmen einen von den Muslimen geforderten bescheidenen Lebensstil an und versuchten, ihren Besitz vor der Öffentlichkeit bedeckt zu halten, um keinen Neid aufkommen zu lassen. Es herrschte eine Art ökonomische Globalisierung in der arabischen Welt, da freier Handel von Spanien bis an die Grenzen des damaligen Chinas betrieben wurde.

Karawane

Im Zeitraum vom 9. bis zum 12. Jahrhundert reisten etliche jüdische Händler in diesen Gebieten als Händler umher, um ihre Waren zu verkaufen. Da sie trotz der Reisen nicht gegen den Sabbat verstoßen wollten, präferierten viele von ihnen den Seeweg, damit sie sich am Sabbat nicht zu weit über Land fortbewegten. Die Kosten, um eine Karawane in Nordafrika am Sabbat für einen Tag lang anzuhalten, konnten von den meisten schlichtweg nicht aufgebracht werden. Alte ägyptische Dokumente beweisen, dass manche Reisen, an deren Ende nicht selten auch neue Handelsposten gegründet wurden, sich bis an die Küsten des Indischen Ozeans erstreckten. Durch die oftmals an den Handelsrouten liegenden Wohnorte der jüdischen Bevölkerung entstand eine Gemeinschaft, in welcher die unterschiedlichsten Waren, Dienstleistungen, Ideen und Technologien untereinander ausgetauscht wurden. Die Anwesenheit der Juden als Händler und Reisende in den Städten wurde von der arabisch-muslimischen Bevölkerung hoch geschätzt, eine Tatsache, die auch in einem alten marokkanisches Sprichwort gut zum Ausdruck kommt: „Eine Stadt ohne Juden ist wie Brot ohne Salz.“

Marokkanische Stadt

Jüdische Schriften aus der Zeit zeigen auf, wie sehr die jüdischen Kaufleute das Leben in den Synagogen beeinflussten. In einem Brief heißt es: „Die Synagoge ist verlassen, weil die Leute aus dem Maghreb fort sind.“ Das damalige Synagogenleben in den arabischen Ländern war somit von der Anwesenheit der Händler abhängig. Zwar war der Mittelmeerraum in einen christlichen und muslimischen Teil gespalten und die jeweiligen Machthaber installierten Zollstationen. Doch waren beide Seiten auch daran interessiert, den freien Handelsraum aufrecht zu erhalten. Genau an dieser Stelle waren die jüdischen Händler von großem Nutzen. Die politischen Grenzen waren für diese nebensächlich. Sie konnten quasi als Zwischenhändler der christlichen und muslimischen Parteien agieren. Die Geschäftsbeziehungen der jüdischen Kaufmannsfamilien mit ihren jeweils christlichen und muslimischen Handelspartnern wurden als „formelle Freundschaft“ bezeichnet. Trotz der angespannten Handelsbeziehungen zwischen Christen und Moslems genossen die Juden einen gewissen ‚Status‘ als Vermittler.

Jüdische Kaufleute handelten mit vielen begehrten Produkten aus den verschiedensten Regionen, von zeitgenössischen Massenerzeugnissen bis hin zu Luxusgütern. Die Händler gehörten wohl auch zu den Ersten, welche die Wichtigkeit des Kredits und dessen Bedeutung im Fernhandel erkannten. Die sogenannten „Suftadscha“ waren innovative Kreditbriefe, welche vor allem bei der Abwicklung von Geschäften über große Entfernungen zum Einsatz kamen. Nach historischen Erkenntnissen entwarfen die jüdischen Bankiers von Bagdad dieses frühkapitalistische Instrument, das erlaubte, nicht Mengen an Edelmetall mit sich führen zu müssen, sondern lediglich einen  Kreditbrief, der am Zielort in Bargeld umgetauscht oder als Zahlungsmittel eingesetzt werden konnte.

Das arabische „Buch der Straßen und Königreiche“ (Kitab el-Masalik wa’l Mamalik) aus dem 9. Jahrhundert berichtet uns ebenfalls von bemerkenswerten Handelsaktivitäten einer international agierenden jüdischen Handelsfirma, den „Radhaniten“, deren Hauptsitz sich in Südfrankreich oder im heutigen Spanien befand. Ihre Aktivitäten erstreckten sich über Europa, Afrika und Asien, und sie besaßen ihre Handelsstationen in Form von Filialen in mehreren Häfen und bedeutenden Außenposten. Sie sprachen hauptsächlich Hebräisch, Arabisch, Persisch und Griechisch, wobei jedoch den jüdischen Kaufleuten untereinander das Hebräisch als „lingua franca“ diente, da die gebildeten Juden in der gesamten Welt des Hebräischen mächtig waren. Ebenfalls garantierte ihnen die jüdische Tugend der Gastfreundschaft für Stammesverwandte die nötige Sicherheit auf den langen Reisen in fremden Ländern.

Im 10. Jahrhundert begann sich die Situation für jüdische Händler teilweise zu ändern. Italienische Fürstentümer versuchten, in den Nahen Osten zu expandieren, um dort Fuß zu fassen. Später begannen sie, die Juden, jüdische Händler und jüdische Waren aus dem internationalen Handel auszuschließen und machten auf den Märkten Stimmung gegen sie. Diese Vorgehensweise weist in manchen Aspekten Parallelen zur heutigen israelfeindlichen Boykott-Bewegung „BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) auf.

Als ab dem 12. Jahrhundert die arabische Welt einen immer feudaleren Charakter annahm, begannen auch Muslime, die Juden aus dem Handel zu verdrängen. Muslimische Handwerkergilden, welche mit islamischen Orden in enger Verbindung standen, gewannen immer mehr Einfluss auf den Handelsplätzen und ließen es nicht zu, dass Juden als Mitglieder aufgenommen wurden. Die Situation der jüdischen Händler samt den jüdischen Gemeinden vor Ort wurde immer prekärer. Zwar war es üblich, dass die wohlhabenden Mitglieder der Synagoge für die Bedürftigen aufkamen, jedoch reduzierte sich die Anzahl der finanziell starken Mitglieder gewaltig, und immer mehr waren auf Unterstützung angewiesen. Somit waren auch in dieser Zeit die Juden auf das Wohlgefallen ihrer muslimischen oder auch christlichen Mitbürger angewiesen.

Die Betrachtung solcher historischen Begebenheiten ist das eine. Es ist dabei sehr erfreulich, zu sehen, dass es durchaus auch immer Mal wieder ein einigermaßen friedliches Zusammenleben zwischen Muslimen und Juden und teilwiese auch mit den Christen gab, auch wenn zu bedauern ist, dass die Ablehnung des Judentums unter Muslimen wie Christen oftmals nach Phasen des Friedens zunahm.

Daher ist es zum anderen so wichtig, dass die Möglichkeiten des Miteinanders im Alltäglichen, Kulturellen, Wirtschaftlichen und Religiösen zwischen Juden, Muslimen und Christen nicht übersehen werden. Es war einst möglich. Wieso sollte es nicht wieder möglich werden?

LGarcia

Literatur:        Nicholas De Lange, Illustrierte Geschichte des Judentums, Campus Verlag, Frankfurt/New York; Auflage: 1 (2000)

Am 9. November kann man sich viele geschichtsträchtige Ereignisse in Erinnerung rufen, beispielsweise die Novemberpogrome von 1938, als in der sogenannten „Reichskristallnacht“ systematische und brutale Ausschreitungen gegen Juden stattfanden, oder den Jahrestag des Mauerfalls 1989. Ein anderes Geschehen mit weitreichenden Auswirkungen ereignete sich vor genau 100 Jahren: Die Balfour-Deklaration wurde von der Presse der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es handelt sich bei der Erklärung um einen neunzeiligen Brief des damaligen britischen Außenministers Arthur James Balfour an den Zionisten Lionel Walter Rothschild.

Der Brief umfasst im Original nur neun Zeilen.

Nach Balfour wurden in den folgenden Jahren zahlreiche jüdische Kinder benannt, Straßennamen halten bis heute die Erinnerung an ihn wach. Das Jüdische Lexikon, Auflage 1930, erklärt den Staatsmann und Philosophen zum „wahren Freund des jüdischen Volkes“. Eine ganz andere Auffassung zeigte sich in der letzten Woche, als Menschen aus London, Palästina oder Israel zu Kundgebungen zusammenkamen oder Kunstaktionen eröffneten, um ihrer Kritik an der Deklaration und deren Folgen Raum zu verschaffen. Zeitungen berichteten indes über die Balfour-Erklärung als Same des Nahostkonflikts. Wie können so wenige Zeilen eines kurzen Briefes weltweit dermaßen kontroverse Reaktionen hervorrufen?

 Um die Divergenz einordnen zu können, muss man zunächst wissen, worum es geht: Mitten im Ersten Weltkrieg setzt Balfour ein Schreiben auf, in dem er zum einen den Anspruch der Juden, genauer der Zionisten, auf eine nationale Heimstätte („national home“) anerkennt. Zum anderen macht er deutlich, dass dadurch die Rechte der in Palästina lebenden Menschen bewahrt bleiben und der politische und rechtliche Status der Juden in den verschiedenen Ländern der Welt nicht belangt werden darf. Als der Brief eine Woche später veröffentlicht wurde, war die Resonanz in der jüdischen Gemeinschaft gewaltig: Die Zionisten[1] sahen ihre Forderungen nach einem Zweinationalitätenstaat in Palästina unter Gleichberechtigung beider Völker, Araber und Juden, endlich ernst genommen. Vor allem in den USA, aber auch unter der französischen und italienischen Regierung fanden sie Unterstützer und Fürsprecher. Jedoch vor allem das Reformjudentum, wo das Judentum ausschließlich als Religionsgemeinschaft verstanden wird, lehnt den Zionismus ab – damit also die Idee der nationalen Heimstätte.

Der Davidstern ist als Emblem auf der Nationalflagge Israels zu sehen.

Was Balfour als Sympathiebekundung formulierte, ohne jegliche rechtliche Verbindlichkeit oder Zusagen, ohne klare Aussage darüber, was eigentlich in dem Zusammenhang mit „a national home“ gemeint ist und welche zionistischen Bestrebungen er überhaupt anspricht, wurde wenige Jahre später konkret eingeleitet: 1920 übertrug der Völkerbund das Mandat über Palästina an Großbritannien. Damit sollte die Mitwirkung an der Umsetzung dessen, was man in der Balfour-Erklärung versprochen sah, geregelt werden. Zusammengefasst lässt sich für die nächsten Jahre festhalten: Die vermehrte, aber zahlenmäßig eher geringe Einwanderung durch Juden setzte ein, die Araber übten den Aufstand. Bis heute bleibt der Konflikt ungelöst, dessen Analysen Bibliotheken füllen.

Heute befassen sich Historiker vermehrt mit der Motivation der Briten: Machtdrang und politisches Kalkül[2] in der vom Krieg geprägten Zeit geben Anlass, die Balfour-Deklaration nicht vorrangig als Anstoß für die israelische Staatsgründung 1948 zu sehen, sondern als „Trick, der zur Katastrophe führte“.[3] Auch die Frage, wie die damaligen Medien die Rezeption der Erklärung geprägt haben, ist heute ein weites Forschungsfeld.[4] Ein großes Echo auf den 100jährigen Brief. Was davon zum Frieden beitragen kann, bleibt offen.

AE

 
  • [1] Der Zionismus kann als Reformbewegung innerhalb des Judentums im 19. Jahrhundert verstanden werden. Theodor Herzl als führende Persönlichkeit formulierte als wichtigste Ziele des Zionismus sowohl die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina als auch Hinwendung zu den spirituellen Wurzeln.
  • [2] Dazu mehr unter http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/29312
  • [3] https://www.welt.de/geschichte/article170244665/Das-doppelte-Spiel-der-Briten-im-Nahen-Osten.html
  • [4] Siehe dazu Brockhaus, Monika, “Ein Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung”: die Balfour-Deklaration in der veröffentlichten Meinung, Frankfurt a. Main 2011

Marburg 2016  (11)Im Laufe einer Stadtführung durch Marburg wurde den Studierenden des zweiten Jahrgangs der Freien Theologischen Hochschule (FTH) eine erst in den 1990er Jahren bei Grabungen wiederentdeckte und freigelegte Synagoge gezeigt. Ein Glasbau weist auf die früheren Ausmaße dieses für moderne Verhältnisse nicht gerade besonders großen Gebäudes hin, man bekommt durch ihn aber einen Einblick in die Architektur jüdischer Vergangenheit.

Diese Synagoge wurde 1317 erstmals erwähnt und schon bald danach bei einem Stadtbrand 1319 zerstört. Nach 1320 entstand ein Neubau an derselben Stelle, deren Reste 1993 bei Ausgrabungen wiederentdeckt wurden. Die Pestzeit 1348/49 brachte in Marburg wie auch in anderen Teilen Deutschlands eine Verfolgung der Juden mit sich, durch welche die jüdische Gemeinde ausgelöscht wurde. Nach 1364 konnten wieder einige Juden zuziehen, die aufgrund ihrer beruflichen Einschränkungen vor allem vom Geldverleih lebten. 1524 wurden sie aber wegen einer landgräflichen Austreibungsverordnung aus Marburg vertrieben.

Marburg 2016 (5)Bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts gab es keine jüdische Gemeinde mehr in der Stadt, danach durften langsam wieder einige Juden nach Marburg ziehen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts zählte die jüdische Gemeinde ca. 500 Mitglieder. 1818 wurde wieder die erste größere Synagoge erbaut, deren Ende dann in der NS-Zeit vollzogen wurde, als sie der Schändung und dem Brand in der sog. „Reichskristallnacht“ 1938 zum Opfer fiel.

Bis 1957 war die Ostseite des Obermarktes noch durch spätere Gebäude zugebaut. Als aber ein Wohnhaus am Markt ersatzlos abgerissen wurde, ergab sich die Möglichkeit, an dieser Stelle Grabungen durchzuführen. Durch stadthistorische Forschungen wusste man bereits, dass der sogenannte Schlosssteig einmal Judengasse geheißen hatte, weil eine größere Anzahl jüdischer Familien dort in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts lebte, und dass sich dort auch die Reste einer alten Synagoge befinden mussten.

An der Mauer lag ein großer, architektonisch bemerkenswert ausgestatteter Raum. Seine baulichen Merkmale und die Auswertung der Schriftquellen wie auch archäologische Befunde ließen keinen anderen Schluss zu, als dass es sich hier um die alte Synagoge handelte, die nach den Schriftquellen 1452 teilweise abgebrochen worden war.

Marburg 2016 (12)Das Gebäude war bemerkenswert gut erhalten, denn außer dem Gewölbe und den überirdischen Bauteilen war nichts zerstört worden, und die Baukörper an Boden und Fundament waren verschont geblieben, und lediglich zugeschüttet worden. Der Boden wurde als Gartenland oder Baugrund genutzt; die Mauerreste der Synagoge wurden für Gründungen neuer Gebäude mitbenutzt, wodurch die sonstigen Überreste der Synagoge unangetastet blieben.

Die mittelalterlichen Fundamente der Synagoge in Marburg sind einen Besuch wert, weil sie den Betrachter unmittelbar in die Zeit des jüdischen Mittelalters versetzen und ihren Glanz und ihre Tragik in Erinnerung rufen. Die Studierenden des zweiten Jahrgangs der FTH hatten dort die Möglichkeit, das Schicksal der Juden im Mittelalter näher zu betrachten, und es hat einen Eindruck und Impulse zum Nachdenken hinterlassen, besonders, weil die protestantische Kirche in Sichtweite der Synagoge lag. Es war daher sinnvoll, diesen wichtigen Punkt der deutschen Geschichte mitberücksichtigt zu haben.

cl

Bilder: cl/privat