Kurz erklärt: Haskalah oder auch „Aufklärung auf Jüdisch“

Vielen, die sich mit der Geschichte des Judentums auseinandersetzen, ist der Begriff Haskalah schon mal begegnet. Tatsächlich ist er für jüdische Menschen sehr bedeutsam! Doch was genau versteckt sich eigentlich hinter diesem hebräischen Wort? Hier erfahren Sie kurz zusammengefasst Geschichte und Bedeutung der Haskalah.

 

Bei dem abgebildeten Dokument handelt es sich um einen historischen Schutzbrief, den Juden erwerben mussten, in diesem Falle aus dem Jahr 1833 für einen Hannoveraner Juden.

Warum eine jüdische Aufklärung? Das hebr. Wort השכלה (Haskalah) bedeutet so viel wie „Bildung“ oder auch „Verstand“ und meint die sog. jüdische Aufklärung, die sich parallel zur europäischen Aufklärung entwickelt. Zur Zeit der europäischen Aufklärung sind jüdische Menschen gesellschaftlich immer noch an den Rand gedrängt1Hatte es bis zu diesem Punkt immer wieder Pogrome und politische Entwicklungen gegeben, die Juden aus Städten und ganzen Gebieten vertrieben, setzt zu Beginn des 17. Jahrhunderts eine Bewegung der jüdischen Menschen Richtung Stadtgebiete ein, weil sie dort auf bessere Lebensumstände hoffen. Diese Bewegung wird nicht unterbunden, da einige dieser Juden verhältnismäßig wohlhabend sind und sich die Herrscher der einzelnen Gebiete und Städte einen Gewinn dadurch erhoffen; doch wird das jüdische Leben stark begrenzt: Regelungen für das alltägliche Leben und Miteinander mit Christen, die Begrenzung des jüdischen Lebens auf Viertel, Ghettos und Vororte ebenso wie der erlaubten Zahl von jüdischen Menschen, die sesshaft werden dürfen, und der notwendige Erwerb von Schutzbriefen – dies sind nur die übergreifenden Regelungen, die zahlreiche Gesetze und Einschränkungen für Juden mit sich bringen. (Vgl. Breuer/Graetz, Aufklärung, 86-90) Diese Regelungen werden in großem Ausmaß auch während der Aufklärung von den Herrschenden weitergeführt, obwohl sie sich Vernunft als Leitmotiv und Dienst an der Bevölkerung auf die Fahnen schreiben (Vgl. Ebd., 141). Zwar vermehren sich die Bemühungen gerade unter manchen nichtjüdischen Aufklärern2Um diesen Menschen und ihren bedeutenden Bemühungen gerecht zu werden, müsste ihnen ein eigener Beitrag gewidmet werden, doch seien hier einige wenige beispielhaft mit Namen genannt: John Toland (1670-1722) ist einer der ersten anerkannten Autoren, die sich pro-jüdisch äußern; mit seinem Werk „Reasons for Naturalizing the Jews“ (1713) setzt er sich früh dafür ein, dass Juden als Bürger integriert werden sollen (vgl. N.N., Toland). Besonders hervorgetan haben sich der aufklärerische Schriftsteller Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) ebenso wie der Theologe und Schriftsteller Johann Georg Müchler (1724-1819) und der Verleger Friedrich Nicolai (1733-1811), die entweder unterstützende Freundschaft mit Mendelssohn pflegten oder seine Bücher verlegten (vgl. Breuer/Graetz, Aufklärung, 259f.). Auch ist der Beamte Wilhelm Christian Dohm (1751-1820) dringend zu nennen, der Schriften zur Reform der Judengesetzgebung herausgab (vgl. Breuer/Graetz, Aufklärung, 255.257.260.265)., Juden aus ihrer Separierung zu befreien, doch ziehen sich die Entwicklungen zugunsten jüdischer Menschen über einige Jahrzehnte hin und viele Herrscher, Bürger und auch Aufklärer halten an ihren antisemitischen Einstellungen fest.3Für einen tieferen Einblick in die Umstände lesen Sie unseren dreiteiligen Beitrag zu Moses Mendelssohn hier.

Die Abbildung zeigt das Deckblatt des ältesten uns erhaltenen Buches nichtreligiösen Charakters, das in Jiddisch gedruckt wurde (1541): Bowe D´Antona von Elia Levita

Aufgrund der Jahrhunderte alten Ausgrenzung der jüdischen Gemeinschaft bleibt diese unter sich. Viele Juden, vor allem die ärmeren, können kein Deutsch, sondern sprechen nur Jiddisch und Hebräisch4Auch wenn das Jiddische im frühen Mittelalter in der aschkenasischen Diaspora bald zur Alltagssprache wurde, indem der deutschen Sprache hebräische Begriffe hinzugefügt wurden, blieb das Hebräische immer bedeutend, was schon daran zu erkennen ist, dass Jiddisch in hebräischen Buchstaben geschrieben wird (vgl. N.N. Jiddisch). Teilweise wurden sogar halachische Vorschriften und Erzählungen zu biblischen Texten ebenso wie Gerichtsverhandlungen in Jiddisch verfasst (vgl. Breuer/Graetz, Aufklärung, 61). Mit der Zeit wird Jiddisch so prominent im alltäglichen Leben jüdischer Menschen, dass sogar Gebetsbücher aus dem Hebräischen ins Jiddische übersetzt werden (vgl. Breuer/Graetz, Aufklärung, 210). Doch das biblische Hebräisch hielt sich stets als Sprache der heiligen Schrift und des Gottesdienstes, sodass jeder Jude auch zur Zeit der Aufklärung und derHalacha in Hebräisch unterrichtet werden sollte (vgl. etwa Schulte, Mendelssohn oder Muche, Prophet). Mit der Zeit wurden zahlreiche Drucke in beiden Sprachen hergestellt und fanden weite Verbreitung (vgl. Breuer/Graetz, Aufklärung, 77)., die Kinder werden zumeist nur in den jüdischen Schriften gelehrt und bleiben in ihren Zünften verhaftet. Oft bleibt Juden ein Zugang zu bestimmten Berufen und Bildungsschichten verwehrt. Im 17. und 18. Jahrhundert bildet sich in größeren Städten eine wohlhabende Bevölkerungsschicht unter Juden, die zwar immer noch nicht den vollen Bürgerstatus erhält, aber gewisse Privilegien genießt. Diese Juden sprechen bewusst auch Deutsch und haben dadurch Zugang zur Bildung. Dadurch sind sie in der Lage, Kontakte zu den Kreisen der europäischen Aufklärung zu knüpfen. In diesem Austausch entsteht der Wunsch unter diesen sozial und ökonomisch bessergestellten Juden, ihre Gemeinschaft aus der Isolation zu befreien – durch eine innerjüdische Bewegung der Assimilation an die Kultur der nichtjüdischen Gesellschaft.

 

Entwicklung einer bedeutenden Bewegung. Diese innerjüdische Bewegung geht in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts vor allem von Berlin aus und zieht sich durch ganz Preußen. Von hier aus breitet sich die Idee eines aufgeklärten Judentums zügig in ganz Europa aus. Der Gedanke, der der Haskalah zugrunde liegt, ist der des aktiven Handelns. Der jüdische Mensch muss sich demnach selbst aus der Isolation befreien, indem er sich öffnet für die nichtjüdische Gesellschaft und ihre aufgeklärten Strömungen, was vor allem durch Bildung geschehen muss.

Die Anhänger der jüdischen Aufklärung, die auch Maskilim genannt werden, öffnen mithilfe ihre Häuser für Salons, die von ihren Ehefrauen und Töchter unterstützt oder gar mit initiiert werden. Hier kommen jüdische und nichtjüdische Denker zusammen und diskutieren über die Gesellschaft, aufklärerisches Gedankengut und das Anliegen, die Juden aus der Separation zu befreien. Sehr bald werden jüdische Verlage und Schulen mit einer aufgeklärten Ausrichtung gegründet sowie Aufklärungsgesellschaften und Vereine, deren Ideen sich wie ein Lauffeuer in der jüdischen Gemeinschaft Europas ausbreiten.

Doch stößt die Bewegung gerade zu Beginn nicht nur auf Widerstand durch nichtjüdische Menschen, die in ihren antijudaistischen und antisemitischen Einstellungen verhaftet bleiben und den jüdischen Menschen mit aufgeklärten Gedankengut kritisch gegenüber eingestellt sind, sondern auch auf solchen aus den eigenen Reihen der Juden selbst: Viele traditionelle, oft religiös ausgerichtete Juden, vor allem leitende Persönlichkeiten und Rabbiner, stoßen sich an dem Gedanken, dass jüdische Menschen sich einer anderen Bildung als der durch die Torah und die anderen heiligen Schriften öffnen sollen. Religiöse Juden fürchten, dass der Torah die entscheidende Rolle im Leben der jüdischen Gemeinschaft genommen werden könnte, dass eine jüdische Identität durch die Anpassung an anderes Gedankengut verloren gehen könnte.

 

Moses Mendelssohn, nach Anton Graff

Wichtige Persönlichkeiten. Im Hinblick auf die rasante Entwicklung der Haskalah sind viele Namen zu nennen, die eine besondere Rolle in dieser aufgeklärten Bildungsbewegung einnehmen und sich um die jüdische Aufklärung verdient gemacht haben. Zuerst muss Moses Mendelssohn (1729-1786)5Vgl. Schulte, Mendelssohn. genannt werden, den viele als den Vater der Haskalah oder als eine Art von Prototyp eines Maskilim sehen. Ob er dies wirklich ist, ist umstritten, da er selbst bis zu seinem Tod streng religiös lebt und vieles an den Ideen der Haskalah kritisch betrachtet. Doch ist er der bekannteste und vielleicht auch bedeutendste Vorreiter: Selber aus ärmlichen Verhältnissen stammend, bringt er sich autodidaktisch Deutsch und diverse andere Sprachen und Wissenschaften bei. Er öffnet mit seiner Frau sein Haus für Diskurse und knüpft enge Freundschaften mit nichtjüdischen Aufklärern, übersetzt die Torah ins Deutsche und leistet mit all seinen Werken einen bedeutenden Beitrag zur vernunft- und bildungsgeprägten Aufklärung und Haskalah unter Juden.

Naphtali Hartwig Wessely, Kupferstich von Daniel Berger (1791)

Eine weitere bedeutende Person ist Naphtali Hartwig Wessely (1725-1805)6Vgl. Kümper, Wessely., ein Freund Mendelssohns. Als angesehener Schriftsteller und Lehrer schließt er sich der Haskalah-Bewegung an, wirkt bei Mendelssohns Torahprojekt mit und konzipiert eine Reform des jüdischen Schulwesens. Er schreibt seine äußerst bedeutenden Werke in Althebräisch und ebnet damit maßgeblich den Weg für das moderne Hebräisch, das Jahrzehnte später als moderne Sprache neu konzipiert wird.

David Friedländer, gemalt von Julius Hübner 1834

David Friedländer (1750-1834)7Vgl. Lohmann, Friedländer. ist eine besondere Persönlichkeit in diesem Teil der jüdischen Geschichte, denn genau genommen ist er ein Maskil der zweiten Generation: Sein Vater, ein wohlhabender und rational aufgeklärt ausgerichteter Jude, sorgt für eine moderne Bildung für seine Kinder in deutscher Sprache und den damals bekannten Wissenschaften. Er wirkt als ein bedeutender Schriftsteller der Haskalah. Was ihn jedoch besonders hervorhebt, ist sein politisches Engagement: Er ist der erste Jude, der zum Stadtrat Berlins gewählt wird. In politischen Verhandlungen vertritt er die gesamte jüdische Gemeinschaft, als es um die Reform der Stellung jüdischer Menschen in Preußen geht. Außerdem gründet er zusammen mit Daniel Itzig 1778 die erste Schule der Haskalah für jüdische Kinder in Berlin.

Henriette Herz, gemalt von Anton Graff 1792

Neben diesen starken männlichen Persönlichkeiten gibt es auch einige jüdische Frauen, die maßgeblich zur Entwicklung der Haskalah beitragen. So etwa Henriette Herz (1764-1847)8Vgl. Alisch, Herz., die Frau des jüdischen Arztes Marcus Herz. Früh öffnet sie mit ihrem Mann das Heim für den ersten Salon, der 1784 entsteht und den sie selbst leitet: Jüdische und nichtjüdische Menschen, Adlige und Bürger, verschiedene Altersklassen, Menschen verschiedenster Berufe, Männer und Frauen kommen hier zusammen und gestalten einen ideenreichen Austausch untereinander. Wilhelm und Alexander Humbold, Friedrich Schleiermacher und Friedrich Schlägel sind nur einige Namen einflussreicher nichtjüdischer Menschen, die mit dem Ehepaar Herz befreundet sind und regen Austausch pflegen.

Neben den oben genannten Personen gibt es noch zahlreiche andere, die sich um die Haskalah verdient gemacht haben. Wenn Sie einige weitere Biografien kennen lernen möchten, können Sie hier weiterstöbern.

 

Das Bild zeigt das Logo der jüdischen Freischule zu Berlin (Chewrat Chinuch Nearim), die von Friedlander, Itzig und Wessely gegründet wurde.

Werte und Ausrichtung. Das größte Anliegen der frühen Maskilim ist ein Zusammenbringen von Torah und aufgeklärter Bildung, die durch die scharfen Trennlinien zwischen jüdischer Gemeinschaft und der Gesellschaft in ein Gegeneinander gezwungen wurden. Dies soll vor allem durch ein sich öffnendes Bildungssystem geschehen: Nicht mehr sollen nur Torah, Talmud und Hebräisch unterrichtet werden, sondern auch die deutsche Sprache und säkulare Fächer, damit jüdischen Kindern die europäische Bildung offensteht. Der ersten Schule dieser Art, die 1778 in Berlin gegründet wird, folgen bald zahlreiche weitere in Deutschland und anderen europäischen Ländern nach.

Mit dieser Öffnung geht die Anpassung (Assimilation) in Sprache und Bildung, aber auch in Kleidung und Lebensstil einher. Die Maskilim wünschen sich eine solche Integration dergestalt, dass der jüdische Mensch sich selbst als Teil der Gesellschaft wahrnimmt und das Land, in dem er lebt, als Vaterland liebt und diesem loyal gegenüber eingestellt ist.

 

Die Haskalah und ihre Folgen.  Die Haskalah zieht zahlreiche Folgeerscheinungen nach sich, die zu einem großen Teil positiv zu bewerten sind, teilweise aber auch kritisch gesehen werden können.

Zahlreiche Juden etablieren sich in gesellschaftlich höhergestellten und wissenschaftlichen Kreisen. Auch bedingt durch parallel verlaufende politische Entwicklungen werden die gesellschaftlichen Grenzen aufgeweicht, bis sie im deutschen Gebiet ebenso wie in anderen zentraleuropäischen Ländern spätestens mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 offiziell aufgehoben werden. Zusammenkünfte zwischen Juden und Nichtjuden in Salons werden zur Norm und als jüdische Menschen immer mehr den Zugang zu weiterführenden Schulen und Universitäten bekommen, wird diese Möglichkeit in großem Maße angenommen. Die jüdischen Viertel werden geöffnet und Juden dürfen nun auch in anderen Bereichen der Stadt Eigentum erwerben, was zur Folge hat, dass immer mehr Juden vom Land in die großen Zentren des Deutschen Reiches ziehen.

Doch das, was wie das Erreichen des ersehnten Zieles aussieht, wird nicht von allen begrüßt, denn mit der erfolgreichen Integration geht in weiten Teilen auch ein Abwenden von der jüdischen Tradition und Religion einher: Viele lassen ihr Leben im Zuge der Assimilierung nicht mehr von der Mischna bestimmen, es gibt zahlreiche Übertritte zum Christentum. Diese starke Anpassung führt dazu, dass die Haskalah als Bewegung im deutschen Raum in den 1880er Jahren „ins Stocken gerät“ – da nun ein Zusammenbringen von jüdischer Identität und Aufklärung nicht mehr gebraucht wird, denn an vielen Punkten wird sie durch Assimilation und Säkularisierung ersetzt.

 

Die Haskalah und der Zionismus. Anders sieht dies in Osteuropa aus, wo aufgrund von verschiedenen gesellschaftlichen Schwierigkeiten die Ausgrenzung der jüdischen Gemeinschaft bestehen bleibt. So kommt es zu einer zweiten Welle der Haskalah in Osteuropa, als verschiedene einflussreiche Maskilim zurück in ihre osteuropäische Heimat gehen. Da sich hier jedoch die chassidische Richtung9Die chassidische Strömung im 18. und 19. Jahrhundert in Osteuropa und Russland reiht sich ein in den Chassidismus als innerjüdische Bewegung, die schon seit Jahrtausenden immer wieder aufkommt. Das hebräische Wort chassid bedeutet fromm und unter diesem Namen fanden sich solche Juden zusammen, die eine religiöse Erneuerung des Judentums und ein Rückbesinnen auf die Geschichte und die jüdischen Werte und Traditionen fordern. Als Begründer des osteuropäischen Chassidismus, der eng mit der Kabbala verbunden ist, wird allgemein Israel ben Eliezer (1700-1760) gesehen. durch die gesellschaftlichen Umstände verfestigt hat, kommt es zu einem starken Gegeneinander dieser beiden Strömungen. Trotz der starken gesellschaftlichen und teilweise auch innerjüdischen Widerstände gelingt es der Haskalah, auch in Osteuropa großen Einfluss zu gewinnen und eine – wenn auch zahlenmäßig kleinere Assimilation – an die russische und galizische Bevölkerung zu erreichen.

Herzls Werk baut auf den Errungenschaften der Haskalah auf, doch sieht er die Notwendigkeit eines eigenen jüdischen Staates.

Einen starken Einschnitt erfährt die jüdische Aufklärungsbewegung, als der russische Zar 1881 ermordet wird und erneute Pogrome losbrechen. Daraufhin bildet sich eine Strömung, die stark gegen die Haskalah opponiert: Hibbat Zion vertritt zu Beginn der 1880er Jahre die Ansicht, dass eine gesunde und erfolgreiche Integration von Juden in die jeweilige nichtjüdische Kultur nicht möglich ist – sondern dass das jüdische Volk nach Israel zurückkehren muss, um einen eigenen Lebensraum für das jüdische Volk zu schaffen. Die Anhänger gründen im damaligen Palästina erste Siedlungen und ebnen mit ihrem Gedankengut und ihrer Tatkraft den Weg für die bedeutende Bewegung des Zionismus, unter dessen Banner sich sehr bald Juden aus verschiedensten Strömungen – liberal und orthodox, aus Haskalah oder traditionell-religiösem Milieu, aus Ost- und Westeuropa – vereinen. Dazu kommen die immer stärker und zahlreicher werdenden Pogrome in Osteuropa und Russland dieser Zeit, die zusammen mit der Sehnsucht nach einem eigenen Land für das jüdische Volk viele bedeutende jüdische Denker inspirieren: So u.a. Theodor Herzl, der 1896 sein Buch „Der Judenstaat“ verfasst und darin pragmatische Lösungen skizziert. Die bedeutenden Denkansätze sowie die zionistischen Bewegungen, die sich an diesem Punkt deutlich formieren und hervortreten, sollen jedoch an anderer Stelle eine eigene Besprechung erfahren.

 

  • 1
    Hatte es bis zu diesem Punkt immer wieder Pogrome und politische Entwicklungen gegeben, die Juden aus Städten und ganzen Gebieten vertrieben, setzt zu Beginn des 17. Jahrhunderts eine Bewegung der jüdischen Menschen Richtung Stadtgebiete ein, weil sie dort auf bessere Lebensumstände hoffen. Diese Bewegung wird nicht unterbunden, da einige dieser Juden verhältnismäßig wohlhabend sind und sich die Herrscher der einzelnen Gebiete und Städte einen Gewinn dadurch erhoffen; doch wird das jüdische Leben stark begrenzt: Regelungen für das alltägliche Leben und Miteinander mit Christen, die Begrenzung des jüdischen Lebens auf Viertel, Ghettos und Vororte ebenso wie der erlaubten Zahl von jüdischen Menschen, die sesshaft werden dürfen, und der notwendige Erwerb von Schutzbriefen – dies sind nur die übergreifenden Regelungen, die zahlreiche Gesetze und Einschränkungen für Juden mit sich bringen. (Vgl. Breuer/Graetz, Aufklärung, 86-90) Diese Regelungen werden in großem Ausmaß auch während der Aufklärung von den Herrschenden weitergeführt, obwohl sie sich Vernunft als Leitmotiv und Dienst an der Bevölkerung auf die Fahnen schreiben (Vgl. Ebd., 141)
  • 2
    Um diesen Menschen und ihren bedeutenden Bemühungen gerecht zu werden, müsste ihnen ein eigener Beitrag gewidmet werden, doch seien hier einige wenige beispielhaft mit Namen genannt: John Toland (1670-1722) ist einer der ersten anerkannten Autoren, die sich pro-jüdisch äußern; mit seinem Werk „Reasons for Naturalizing the Jews“ (1713) setzt er sich früh dafür ein, dass Juden als Bürger integriert werden sollen (vgl. N.N., Toland). Besonders hervorgetan haben sich der aufklärerische Schriftsteller Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) ebenso wie der Theologe und Schriftsteller Johann Georg Müchler (1724-1819) und der Verleger Friedrich Nicolai (1733-1811), die entweder unterstützende Freundschaft mit Mendelssohn pflegten oder seine Bücher verlegten (vgl. Breuer/Graetz, Aufklärung, 259f.). Auch ist der Beamte Wilhelm Christian Dohm (1751-1820) dringend zu nennen, der Schriften zur Reform der Judengesetzgebung herausgab (vgl. Breuer/Graetz, Aufklärung, 255.257.260.265).
  • 3
    Für einen tieferen Einblick in die Umstände lesen Sie unseren dreiteiligen Beitrag zu Moses Mendelssohn hier.
  • 4
    Auch wenn das Jiddische im frühen Mittelalter in der aschkenasischen Diaspora bald zur Alltagssprache wurde, indem der deutschen Sprache hebräische Begriffe hinzugefügt wurden, blieb das Hebräische immer bedeutend, was schon daran zu erkennen ist, dass Jiddisch in hebräischen Buchstaben geschrieben wird (vgl. N.N. Jiddisch). Teilweise wurden sogar halachische Vorschriften und Erzählungen zu biblischen Texten ebenso wie Gerichtsverhandlungen in Jiddisch verfasst (vgl. Breuer/Graetz, Aufklärung, 61). Mit der Zeit wird Jiddisch so prominent im alltäglichen Leben jüdischer Menschen, dass sogar Gebetsbücher aus dem Hebräischen ins Jiddische übersetzt werden (vgl. Breuer/Graetz, Aufklärung, 210). Doch das biblische Hebräisch hielt sich stets als Sprache der heiligen Schrift und des Gottesdienstes, sodass jeder Jude auch zur Zeit der Aufklärung und derHalacha in Hebräisch unterrichtet werden sollte (vgl. etwa Schulte, Mendelssohn oder Muche, Prophet). Mit der Zeit wurden zahlreiche Drucke in beiden Sprachen hergestellt und fanden weite Verbreitung (vgl. Breuer/Graetz, Aufklärung, 77).
  • 5
    Vgl. Schulte, Mendelssohn.
  • 6
    Vgl. Kümper, Wessely.
  • 7
    Vgl. Lohmann, Friedländer.
  • 8
    Vgl. Alisch, Herz.
  • 9
    Die chassidische Strömung im 18. und 19. Jahrhundert in Osteuropa und Russland reiht sich ein in den Chassidismus als innerjüdische Bewegung, die schon seit Jahrtausenden immer wieder aufkommt. Das hebräische Wort chassid bedeutet fromm und unter diesem Namen fanden sich solche Juden zusammen, die eine religiöse Erneuerung des Judentums und ein Rückbesinnen auf die Geschichte und die jüdischen Werte und Traditionen fordern. Als Begründer des osteuropäischen Chassidismus, der eng mit der Kabbala verbunden ist, wird allgemein Israel ben Eliezer (1700-1760) gesehen.

 

Quellen:

Alisch, Stefan, Henriette Herz, geb. de Lemos, https://www.uni-potsdam.de/de/haskala/haskala-in-biographien/henriette-herz (Stand 30. Juni 2021)

Breuer, Mordechai/ Graetz, Michael, Deutsch-Jüdische Geschichte in der Neuzeit. Erster Band: Tradition und Aufklärung 1600-1780, München 1996.

Hufnagl, Karl, Sadagora (Sadhora) – Zentrum des Chassidismus, https://www.uni-augsburg.de/de/fakultaet/philhist/professuren/kunst-und-kulturgeschichte/europaische-ethnologie-volkskunde/exkursionen/ukraine-lemberg-czernowitz/sadagora-sadhora-zentrum-des-chassidismus/ (Stand 8. Juli 2021)

Kümper, Michal, Hartwig Wessely, https://www.uni-potsdam.de/de/haskala/haskala-in-biographien/hwessely (Stand 30. Juni 2021)

Lohmann, Uta, David Friedländer, https://www.uni-potsdam.de/de/haskala/haskala-in-biographien/friedlaender (Stand 30. Juni 2021)

Muche, Svenja, Prophet der Hoffnung. Moses Mendelssohn, in: Geschichte Spezial: Juden in Europa – 2000 Jahre zwischen Tradition und Aufbruch (2017), 28-31.

N.N., John Toland, https://www.britannica.com/biography/John-Toland (Stand 2. Juli 2021)

N.N., Haskalah, https://www.jewishvirtuallibrary.org/haskalah (Stand 30. Juni 2021)

N.N., Was ist Jiddisch?, https://www.uni-trier.de/universitaet/fachbereiche-faecher/fachbereich-ii/faecher/germanistik/professurenfachteile/jiddistik/intensivkurs-jiddisch/was-ist-jiddisch (Stand 8. Juli 2021)

N.N., Zionism: Hibbat Zion, https://www.jewishvirtuallibrary.org/hibbat-zion (Stand 30. Juni 2021)

Schoenberg, Shira, Modern Jewish History: The Haskalah, https://www.jewishvirtuallibrary.org/the-haskalah (Stand 30. Juni 2021)

Schuchardt, Konstantin, Haskala, https://www.juedische-allgemeine.de/glossar/haskala/ (Stand 16. Juni 2021)

Schulte, Christoph, Haskala in wenigen Worten, https://www.uni-potsdam.de/de/haskala/haskala-in-wenigen-worten(Stand 16. Juni 2021)

Schulte, Christoph, Moses Mendelssohn, https://www.uni-potsdam.de/de/haskala/haskala-in-biographien/mendelssohn(Stand 30. Juni 2021)

Schumacher-Brunhes, Marie, Aufklärung im jüdischen Stil: Die Haskalah-Bewegung in Europa, http://ieg-ego.eu/de/threads/europaeische-netzwerke/juedische-netzwerke/marie-schumacher-brunhes-haskalah-bewegung-in-europa-1770-1880 (Stand 30. Juni 2021)

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    Hatte es bis zu diesem Punkt immer wieder Pogrome und politische Entwicklungen gegeben, die Juden aus Städten und ganzen Gebieten vertrieben, setzt zu Beginn des 17. Jahrhunderts eine Bewegung der jüdischen Menschen Richtung Stadtgebiete ein, weil sie dort auf bessere Lebensumstände hoffen. Diese Bewegung wird nicht unterbunden, da einige dieser Juden verhältnismäßig wohlhabend sind und sich die Herrscher der einzelnen Gebiete und Städte einen Gewinn dadurch erhoffen; doch wird das jüdische Leben stark begrenzt: Regelungen für das alltägliche Leben und Miteinander mit Christen, die Begrenzung des jüdischen Lebens auf Viertel, Ghettos und Vororte ebenso wie der erlaubten Zahl von jüdischen Menschen, die sesshaft werden dürfen, und der notwendige Erwerb von Schutzbriefen – dies sind nur die übergreifenden Regelungen, die zahlreiche Gesetze und Einschränkungen für Juden mit sich bringen. (Vgl. Breuer/Graetz, Aufklärung, 86-90) Diese Regelungen werden in großem Ausmaß auch während der Aufklärung von den Herrschenden weitergeführt, obwohl sie sich Vernunft als Leitmotiv und Dienst an der Bevölkerung auf die Fahnen schreiben (Vgl. Ebd., 141)
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    Um diesen Menschen und ihren bedeutenden Bemühungen gerecht zu werden, müsste ihnen ein eigener Beitrag gewidmet werden, doch seien hier einige wenige beispielhaft mit Namen genannt: John Toland (1670-1722) ist einer der ersten anerkannten Autoren, die sich pro-jüdisch äußern; mit seinem Werk „Reasons for Naturalizing the Jews“ (1713) setzt er sich früh dafür ein, dass Juden als Bürger integriert werden sollen (vgl. N.N., Toland). Besonders hervorgetan haben sich der aufklärerische Schriftsteller Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) ebenso wie der Theologe und Schriftsteller Johann Georg Müchler (1724-1819) und der Verleger Friedrich Nicolai (1733-1811), die entweder unterstützende Freundschaft mit Mendelssohn pflegten oder seine Bücher verlegten (vgl. Breuer/Graetz, Aufklärung, 259f.). Auch ist der Beamte Wilhelm Christian Dohm (1751-1820) dringend zu nennen, der Schriften zur Reform der Judengesetzgebung herausgab (vgl. Breuer/Graetz, Aufklärung, 255.257.260.265).
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    Für einen tieferen Einblick in die Umstände lesen Sie unseren dreiteiligen Beitrag zu Moses Mendelssohn hier.
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    Auch wenn das Jiddische im frühen Mittelalter in der aschkenasischen Diaspora bald zur Alltagssprache wurde, indem der deutschen Sprache hebräische Begriffe hinzugefügt wurden, blieb das Hebräische immer bedeutend, was schon daran zu erkennen ist, dass Jiddisch in hebräischen Buchstaben geschrieben wird (vgl. N.N. Jiddisch). Teilweise wurden sogar halachische Vorschriften und Erzählungen zu biblischen Texten ebenso wie Gerichtsverhandlungen in Jiddisch verfasst (vgl. Breuer/Graetz, Aufklärung, 61). Mit der Zeit wird Jiddisch so prominent im alltäglichen Leben jüdischer Menschen, dass sogar Gebetsbücher aus dem Hebräischen ins Jiddische übersetzt werden (vgl. Breuer/Graetz, Aufklärung, 210). Doch das biblische Hebräisch hielt sich stets als Sprache der heiligen Schrift und des Gottesdienstes, sodass jeder Jude auch zur Zeit der Aufklärung und derHalacha in Hebräisch unterrichtet werden sollte (vgl. etwa Schulte, Mendelssohn oder Muche, Prophet). Mit der Zeit wurden zahlreiche Drucke in beiden Sprachen hergestellt und fanden weite Verbreitung (vgl. Breuer/Graetz, Aufklärung, 77).
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    Vgl. Schulte, Mendelssohn.
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    Vgl. Kümper, Wessely.
  • 7
    Vgl. Lohmann, Friedländer.
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    Vgl. Alisch, Herz.
  • 9
    Die chassidische Strömung im 18. und 19. Jahrhundert in Osteuropa und Russland reiht sich ein in den Chassidismus als innerjüdische Bewegung, die schon seit Jahrtausenden immer wieder aufkommt. Das hebräische Wort chassid bedeutet fromm und unter diesem Namen fanden sich solche Juden zusammen, die eine religiöse Erneuerung des Judentums und ein Rückbesinnen auf die Geschichte und die jüdischen Werte und Traditionen fordern. Als Begründer des osteuropäischen Chassidismus, der eng mit der Kabbala verbunden ist, wird allgemein Israel ben Eliezer (1700-1760) gesehen.
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