Der jüdisch-christliche Dialog – was gut war auf dem Evangelischen Kirchentag 2019

Wer einen Blick in das Programm des 37. Deutschen Evangelischen Kirchentags wirft, der vom 19. bis 23. Juni 2019 in Dortmund stattfand, den könnte schnell Verwunderung überkommen: Unter den über 2000 Veranstaltungen fanden sich auch Workshops und Seminare wie „Coming Out für Mädchen* und junge Frauen*“ und „Vulven malen“. Man muss kein konservativer Christ sein, um sich zu fragen, was das nun mit Glauben und Kirche zu tun hat. Die Veranstalter lassen uns dazu wissen: es geht gar nicht um diese Themen – zumindest nicht nur. Anliegen des Kirchentages ist es, zum Einmischen anzuregen und Diskussionen anzustoßen. Daher rücke man neben religiösen Fragen gesellschaftspolitische Debatten in den Vordergrund.

Das Motto des Kirchentags 2019.

„Was für ein Vertrauen!“ – Bibelarbeit zum Buch Hiob

Ein Feld, auf dem die Grenzen zwischen Religion, Politik, Soziologie und Identität verwischen, ist der jüdisch-christliche Dialog. Auch dazu fanden Interessierte eine Reihe von Veranstaltungen unterschiedlichster Couleur auf dem Evangelischen Kirchentag. Hier eine Auswahl der Angebote vom Donnerstag:

Zum ruhigen und besinnlichen Start in den Tag empfiehlt sich eine Bibelarbeit. Die Rabbinerin Gesa Ederberg und Prof. Angela Rinn, Theologin, befassten sich dialogisch mit dem alttestamentlichen Text aus dem Buch Hiob, Kapitel 2, 7-13.[1] Passend zum Motto des diesjährigen Kirchentages „Was für ein Vertrauen“ wurde gemeinsam über den gleichnamigen leidgeplagten Mann nachgedacht, der trotz allem immer noch an Gott festhält: So erfuhr der Zuhörer unter anderem, dass Hiob zeigt, wie leicht Menschen in Not beginnen, Gott falsch zu verstehen – statt die Ursache für Leid auf direktem Weg in der Welt zu suchen und Leid selber zu bekämpfen. Die jüdische Gemeinde, die über Jahrhunderte Schicksalsschläge erfahren musste, dürfe nicht demütig stillhalten und alles über sich ergehen lassen: Auch wenn es natürlich legitim sei, Gott im Leid anzurufen, gelte es, irdische Ursachen zu erkennen, diesen entgegenzuwirken und zu handeln und Leid damit einen Sinn zu geben.

Allerdings hätte man dem Gelegenheits-Kirchgänger und Nicht-Theologiestudenten fairerweise nebenbei einen Einblick in jüdische Kultur, Geschichte und Auslegungspraxis geben können. Denn was der Zuhörer nicht erfuhr: neben der vorgestellten mag es womöglich Tausende andere Auslegungen der Textpassage geben, denn „die“ jüdische Auslegung gibt es nicht. Die Verse boten daher Gelegenheit, zu zeigen, wie eine jüdische Wahrnehmung aussehen kann – aber repräsentativ war sie nicht.

Zentrum “Juden und Christen”: Veranstaltungsbeispiele am Donnerstag.

Israel – mehr als Konflikte und Raketen

Wer wollte, blieb einfach sitzen und nahm am nun folgenden Podium teil. Unter dem Titel „Komplexe Wirklichkeit. Andere Geschichten aus Israel“ befassten sich Experten in 15-minütigen Impulsen mit der Vielfalt der israelischen Gesellschaft. Ziel war es, die Wirklichkeit abzubilden, auch wenn dies nicht gerade medienwirksam sei. So stellte man fest, dass in den deutschen Medien eine einseitige Perspektive entworfen werde, die vor allem militärische Reaktionen betont – und damit viele Identitätsmerkmale und Facetten des Landes ausgeklammert würden.

In dieser Veranstaltung ging man dazu nicht weiter kritisch in die Tiefe, sondern überließ Prof. Johannes Becke das Wort. Becke ist Politikwissenschaftler an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. Diese Hochschule ist insofern eine Besonderheit, als dass jüdische Studien an den deutschen Universitäten meist Teil der Nahost-Studien sind, aber kein eigenständiges Kompetenzzentrum bilden. Becke bot einen Einblick in die demografisch-soziologische Zusammensetzung der israelischen Bevölkerung und zeigte, dass eine vereinfachende Reduzierung auf die beiden Gruppen „jüdische Israelis“ und „muslimische Araber“ keinesfalls legitim sein kann.

So gebe es Samaritaner, die sich als Teil des Volkes Israel verstehen, aber keine Juden sind. So gebe es Drusen, die als Nichtjuden loyal in der Armee des jüdischen Staates dienen. So gebe es die ethnische Minderheit der Tscherkessen, die ethno-religiöse Minderheit der Aramäer und eine Minderheit auf Zeit, die Gastarbeiter, die häufig aus Afrika kommen. Dass diese Gruppen selten bis kaum in den Medien abgebildet werden, könne daran liegen, dass es schon bei der Frage nach der Selbstidentität eines Israeli schwierig wird, der einer der beiden größten Bevölkerungsgruppen angehört – den Juden und Moslems. Ob man von Israelis, von Arabern in Israel, von arabischen Israelis oder israelischen Arabern spricht, ist oft nur individuell zu beantworten.

Hier wurde die Verquickung von Religion und Staat bereits angeschnitten. Yaron Engelmayer, Rabbiner in Karmiel/Israel, und Micha Staszewski, Politologe in Tel Aviv, vertieften die Thematik weiter. Aktuell könne man am Scheitern einer möglichen Regierungskoalition bestens erkennen, dass religiöse Fragen den Staat durchdringen, auch wenn Staat und Religion offiziell voneinander getrennt sind. Denn die Parteien konnten sich über den Eintritt einer religiösen Minderheit – den Drusen – in die israelische Armee nicht einig werden. In Deutschland undenkbar! Besonders die strenge Feiertagsruhe, das viergliedrige israelische Bildungssystem und die Befugnisse des Standesamtes beeinflussen die Zivilgesellschaft. So fassen es einige Israelis als Bevormundung auf, dass „Mischehen“ zwischen Juden und Muslimen oder Christen im Ausland, zum Beispiel auf Zypern geschlossen werden müssen – denn es gibt nur religiöse, keine zivilen Hochzeiten in Israel! Dabei könne es auch durchaus vorkommen, dass jemand jüdisch aufwächst und dann, kurz vor seiner Hochzeit aufgrund der standesamtlichen Dokumentation erfährt, dass er eigentlich gar kein Jude ist.

Bei allen möglicherweise befremdlichen Eigenheiten im modernen Israel weist Staszewski auf eine wichtige Begebenheit hin: Israel ist der einzige jüdische Nationalstaat auf der ganzen Welt. Gerade deswegen sei er zu beschützen. Wenn es in technischen Fragen, zum Beispiel wer Jude ist und wer nicht, streng zugehe, müsse man dies im Gesamtkontext betrachten und dürfe es nicht als Diskriminierung verstehen. Letztendlich gehe es darum, eine Balance zu finden zwischen freiheitlich-demokratischen Gütern – also gleiche Chancen und Recht für alle – und religiösen Zäunen zur Bewahrung des Jüdischen. Denn Israel sei genau genommen kein jüdischer Staat, sondern ein jüdisch-demokratischer. Das gelte es nicht zu vergessen.

Das Fazit zu diesem Block des Podiums: Religion ist fester Teil des Alltags der Israelis. In Deutschland weiß man selten, welcher Konfession der Nachbar angehört und interessiert sich in der Regel auch nicht dafür. In Israel dagegen weiß jeder darüber Bescheid, wer was glaubt. Man kennt alle Label und Facetten der Religiosität. So regten die Redner dazu an, einmal als Deutscher darüber nachzudenken, wie wichtig Religion für unseren Staat sein kann und sein sollte.

Der nächste Impuls kam von Jonathan Elkhoury, Minderheitenkoordinator Reservists on Duty, Israel. Elkhoury kam als libanesischer Flüchtling nach Israel. Er warb dafür, seine positive Integrationsgeschichte nicht als Ausnahme zu betrachten, sondern Menschen wie ihm mehr Raum zu geben. Da die israelische Armee so etwas wie ein Schmelztiegel aller im Land lebenden Bevölkerungsgruppen sei, könne man hier sehr gut beobachten, dass ein Zusammenleben gut funktionieren kann. Elkhoury betonte die Wichtigkeit dieser Institution, da Gemeinsamkeiten für die Identitätsbildung von Staatbürgern eine große Rolle spielen. Allerdings: „To do everything that is in a person‘s power to make society better is more important than how you identify yourself.“ Mit diesem Satz zeigte er, dass es das eigene, konkret sichtbare Engagement ist, das die Gesellschaft prägt – dann erst kommen abstraktere Fragen der Selbstzuordnung.

Damit bot das Podium eine gelungene Zusammenstellung von Aspekten zur israelischen Gesellschaft, die in der Tat nicht in der deutschen Berichterstattung zu finden sind – obwohl in den Medien nahezu täglich von Israel die Rede ist.

Antisemitismus – mitten unter uns

Im Dortmunder Opernhaus fand eine Veranstaltung zum Thema Antisemtismus statt…

Ein Deutscher, der sich mit dem Judentum und Israel auseinandersetzt, darf die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und dem Antisemitismus nicht scheuen. Denn die Frage im Titel einer weiteren Veranstaltung auf dem Kirchentag „Hört das denn nie auf?! Antisemitismus in Deutschland“ muss leider mit „Nein, es hört nie auf“ beantwortet werden.

So stellte Dr. Klaus Holz, Generalsekretär der Ev. Akademien in Deutschland, in der Anmoderation fest, dass äußere Gewalttaten nur die Spitze des Eisberges sind. Was darunter ist, ist statistisch natürlich nur schwer zu erfassen. Doch genau dieser Schwierigkeit stellt sich das Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin unter Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum. Die Tatsache, dass es die einzige Einrichtung im Land ist, die sich wissenschaftlich ausschließlich mit dem Thema Antisemitismus auseinandersetzt, ist bezeichnend. So gebe es zwar fast jede Woche eine neue Statistik unterschiedlichster Herkunft, die über Antisemitismus in der Bevölkerung informieren will – aber fundiertes Wissen existiere nicht. Keiner dürfe behaupten, dass wir das Phänomen im Griff haben oder gar bannen könnten. Schüler-Springorum weist auf die Tatsache hin, dass fast die Hälfte aller antisemitischen Straftaten keinem „Lager“ zuzuordnen ist – die Täter lassen sich nicht einfach kategorisieren. Daran zeigt sich: Antisemitismus geistert mitten unter uns. Ihr Rat: Man müsse bei der Bekämpfung vielmehr die Mitte der Gesellschaft in den Blick nehmen, statt sich nur auf Randgruppen zu fokussieren.

Dem stimmte auch Ralf Meister, Landesbischof von Hannover, zu. Er sehe in der Kirchenleitung keinen Anlass zur Sorge und fragt sich, warum vorbildliche Haltungen nicht in die Gemeinden durchdringen. Könne die Gesellschaft sich überhaupt von einem so tief verwurzelten Feindbild trennen und wenn ja, womit wird diese Lücke dann mutmaßlich gefüllt? Offen bleibt, warum Meister eine solche Lernfähigkeit unter seinen Kollegen zu beobachten vermeint und dem normalen Gemeindemitglied diesen Sprung nicht zutraut. Man darf vermuten, dass der Landesbischof eher zu selbstsicher ist und verkennt, dass Antisemitismus immer und überall eine ernstzunehmende Bedrohung darstellt – und sogar in der Kirchenleitung auftauchen kann, auch wenn es aktuell zumindest keine sichtbaren Zeichen dafür gibt.

… aber viele Plätze blieben leer.

So fasste Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, treffend zusammen: Viele Juden spüren im Alltag nichts von einer Bedrohung durch Antisemitismus – Gott sei Dank. Aber das sei kein Anlass zur Entspannung. Sonst müsste Schuster sagen: „Macht euch nicht nur Gedanken darüber, wo die gepackten Koffer stehen, sondern ob diese auch funktionsfähig sind.“ Dies gilt es unbedingt zu verhindern, auch wenn allen Anwesenden klar war, dass es kein Patentrezept dafür gibt. Antisemitismus auszulöschen ist kein realistisches Ziel. Aber Zivilcourage und positive Gefühle zur Demokratie verstärken können gute Ansätze sein, Ressentiments zu begegnen – nicht nur Antisemitismus.

Insgesamt einen Besuch wert!

„Wir sind manchmal vielleicht nicht die besten Botschafter, aber wir haben die beste Botschaft!”[2] Dieser Satz stammt vom EKD-Vorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm. Wer bewusst suchte, konnte durchaus wertvolle Impulse zu religiösen Themen und zum Leben als Christen in einer modernen Gesellschaft finden. Vieles war gut auf dem Evangelischen Kirchentag 2019. Das gilt vor allem für den jüdisch-christlichen Dialog, der von der Evangelischen Kirche sensibel, aber in Klarheit angegangen wurde – wie die vorgestellten Veranstaltungen zeigten.

Dennoch muss gefragt werden, wieso beispielsweise messianisch-jüdischen Gruppierungen nicht aktiv auftreten durften. Und wieso wurde nicht deutlicher gegen vielfältige BDS-Trends Position bezogen, die regelmäßig zum politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Boykott von Israel aufrufen? Auf dem Evangelischen Kirchentag war kaum ein Thema oder eine Meinung tabu – diese beiden hätten ebenfalls einen Platz verdient.

AEdler

[1] Hier zum Nachlesen: https://dxz7zkp528hul.cloudfront.net/production/htdocs/fileadmin/dateien/zzz_NEUER_BAUM/Service/Downloads/Publikationen/DEKT37_Exegetische_Skizzen.pdf [2] https://twitter.com/jesusde?ref_src=twsrc%5Egoogle%7Ctwcamp%5Eserp%7Ctwgr%5Eauthor

Work and … what?

Nehmen wir mal an, ein junges Pärchen, Mitte Zwanzig, plant seine Hochzeit. Oktober 2016, eine besondere Zeit, denn nur kurz vorher sind beide mit Ausbildung und Studium fertig geworden – es folgt also für beide ein neuer Lebensabschnitt in allen Bereichen. Nun tun sich viele Möglichkeiten auf:  sesshaft werden, Wohnung suchen und einrichten – … oder etwa Koffer packen und ein Auslandsjahr dazwischenschieben? Aus den Flitterwochen sozusagen “Flittermonate” machen? Klingt Hammer! Das wäre immerhin eine Gelegenheit, die nicht so schnell wiederkommt. Aber wohin geht man dann, und was macht man dann da? Au-Pair in Kanada? Backpacking in Neuseeland? Farmarbeit in Australien? Roadtrip durch die USA? So oder ähnlich haben sich die beiden das vielleicht vorgestellt, wenn da nicht diese eine verrückte Idee dazwischengekommen wäre. Auf Google nebenbei entdeckt, hat es die beiden nicht mehr losgelassen:  Work and Travel in Israel.

Work and Travel in Israel. Im selben Jahr noch, Anfang 2016, hat Israel für “deutsche Staatsbürger zwischen 18 – 30 Jahren” ein spezielles neues Freundschaftsvisum ausgehandelt:  das Working-Holiday-Visum (siehe Seite der israelischen Botschaft). Ein klassisches B/1 Arbeitsvisum, dass auf Work&Travel ausgelegt ist – 6 Monate arbeiten (darunter max. 3 Monate pro Arbeitsstelle, um etwas rumzukommen), und 6 Monate das Land anschauen.

Wir heißen Daniel und Johanna – und dieses oben genannte Pärchen, das sind wir. Zwischen 2016 und 2017 waren wir mit dem Working-Holiday-Visum für 7 ½ Monate in Israel, und von den Abenteuern und Erfahrungen, die wir in unserer Zeit im Nahen Osten gemacht haben, möchten wir hier in einem zweiteiligen Artikel erzählen. Im ersten Artikel soll es um die Menschen gehen, die wir kennengelernt haben, und im zweiten um die Arbeit und das Land, welches uns beide seither nicht mehr losgelassen hat.

Land und Leute – Juden heute

Israel – so ein kleines Land. Bewohnt von knapp 9 Millionen Menschen, und jeder von ihnen einzigartig anders. Wie verschieden diese Menschen sind, die auf engstem Raum leben – gemäß ihren unterschiedlichen Kulturen und den Bräuchen in allen Farben und Formen – hat uns schwer beeindruckt. Wenn wir uns heute an unsere Flittermonate zurückerinnern, dann denken wir zuerst an die Menschen, und die vielen außergewöhnlichen Begegnungen. 

Ein paar Eindrücke zur jüdischen Bevölkerung:  ein großer Aha-Effekt für uns beide war die Tatsache, dass wir bis dahin in Deutschland eigentlich noch nie (bewusst) einem Juden begegnet sind, obwohl es in Europa durchaus größere jüdische Gemeinschaften gibt, in Frankreich oder in deutschen Städten, wie in Berlin. In  unserer Heimat in Südostbayern hatte bis dahin noch kein bayrisch-israelischer Kontakt stattgefunden. Umso faszinierter waren wir, dieses lebenslustige Volk dann in Israel genauer kennenlernen zu können. Ein erster Spaziergang dort zeigt aber schnell, dass man diese Menschen nicht leicht in eine Schublade stecken kann. In Tel Aviv sieht man beispielsweise im Stadtteil B’nei Brak einen ultraorthodoxen Mann, in langem schwarzen Gewand, mit Filzhut, Quasten und Kinderwagen – dagegen im Stadtteil Florentin einen jungen Hipster im Tanktop mit Vollbart und Sonnenbrille, der sich nach seinem Chai Latte lässig auf sein Surfbrett schwingt – und doch sind beide Juden.

So kunterbunt haben sich auch unsere weiteren Begegnungen angefühlt. Zum Beispiel gab es da in Tiberias unsere Nachbarn: die israelische Oma, ihre Schwester und ihr Radio, das auf Anschlag gedreht unser Treppenhaus mit hebräischen Hits beschallte (wobei sie uns aber auch täglich Einwegteller mit Eintopf in die Wohnung brachte, was die Sache wieder gut machte). Oder den 17-jährigen Jungen, der nach der Schule im Buchladen Steimatzky jobbte, und der uns nach einem kurzen Gespräch über ein Buch prompt zu sich nach Hause ins Nachbardorf Kfar Tavor eingeladen hat (… und er diese Einladung auch tatsächlich ernst gemeint hat, und wir tatsächlich hinkommen durften. Sein Vater ist Arzt, seine Mutter Hausfrau, und wir waren bei ihnen zum koscheren Mittagessen eingeladen – wo erlebt man sowas in Deutschland?). Oder den zwanzigjährigen Inhaber einer Pizzabude, der uns beim Namen kannte, und uns oft quer über die Straße gegrüßt hat, immer dann, wenn er uns sah. Oder der Friseur in Tiberias, der uns stolz ein Beweisfoto präsentierte, dass er schon dem französischen Präsidenten Sarkozy die Haare geschnitten hat (was auch immer man von dieser Story halten soll). Oder Menschen, die wir beim Trampen kennengelernt haben:  wie eine kunstinteressierte, jüdische Mutter – oder zwei Bauarbeiter die uns auf der Fahrt im heißen Juli eisgekühlte Getränke angeboten haben. Oder die Begegnung, bei der unser Chef zusammen mit einem befreundeten Bürgermeister einer israelischen Kleinstadt und mit uns nach  Cäsarea am Mittelmeer zum Essen gegangen ist. Oder das eine Mal, wo wir auf eigene Faust in Jerusalem in der Davidszitadelle bei einer Autorenlesung waren, und dem Journalisten Matti Friedman Fragen zum Aleppo Codex, der weltberühmten Bibelhandschrift, stellen konnten. Oder der arabische Busfahrer, der uns mit der Zeit gut kannte, und auch außerhalb der Haltestellen am Straßenrand seinen Linienbus anhielt, und uns fragte ob wir mitfahren wollen, wenn er uns gesehen hat. Jede einzelne dieser Begegnungen war so unterschiedlich, und doch so besonders, dass wir keine dieser Erinnerungen wieder hergeben wollen.

Die längste Zeit haben wir aber eine unserer Gastfamilien kennenlernen dürfen – eine neunköpfige Familie von amerikanischen, messianischen Juden, die vor vielleicht 15 Jahren einreisten, und die nun als Familie ein Gästehaus leiten. Eine außergewöhnliche Familie, bei der die Eltern teilweise noch mit dem Sprachelernen kämpfen, während die jüngsten Kinder schon als hebräische Muttersprachler aufwachsen und die ältesten Söhne bereits in der israelischen Armee sind und nur am Wochenende von ihrer Einheit nach Hause kommen. Die jüngste Tochter spielt täglich im Kindergarten, eine andere Tochter macht die Ausbildung zum Tourguide, eine andere fährt täglich nach Jerusalem in die Schule, und hilft danach im Gästehaus. Wo auch immer jeder unter der Woche ist, alle kommen am Freitagabend nach Hause. Dann werden auf der Terrasse in den lauen Sommerabenden zwei Kerzen angezündet, es wird das Brot gebrochen und Schabbat gefeiert. In dieser Zeit lernte man die Familie noch am Besten kennen:  einmal pro Woche steht der Familienvater am Tisch, lobt seine Frau für das, was sie tut, nennt jedes Kind beim vollen Namen und betet für sie. Es wird gut gegessen, Lieder werden gesungen und man tauscht sich über die Woche aus. In einem derart harmonischen Austausch miteinander genießt jeder der Neun einmal pro Woche, dass man sich gegenseitig als Familie hat, und wie wertvoll Familie ist, und dass man am Schabbat mal so richtig ausspannen kann. Wir dachten uns: jeden Freitag? Bei uns in Deutschland gibt es sowas höchstens an Weihnachten, wenn überhaupt.

Ein zusätzliches Highlight für uns waren die Momente, bei denen uns Leute zu besonderen Events mitgenommen haben: angefangen von ganz persönlichen Momenten, wie einem Schulkonzert der zweitältesten Tochter in Jerusalem, und später ihrer Schulabschlussfeier in Mode’in – bis zu den großen, jüdischen Festen, die wir mitfeiern durften: Krapfen an Hannukah, eine legendäre Passahfeier am 14. Nissan, gefolgt vom Fest der ungesäuerten Brote, wo es unser Job war, jegliche Art von gesäuertem Brot aus dem Haus zu kehren, und danach sieben Tage Knäckebrot zu kauen. Bald nachdem wir uns am Wochenfest Schavu’ot Blütenkränze ins Haar gesteckt hatten, mussten wir aber abreisen. Vielleicht kommen wir eines Tages ja mal für die Herbstfeste zurück.

50-Jahre-Jerusalem Feier (am Jaffa Tor)

Einen absoluten Höhepunkt unseres Israelaufenthaltes haben wir dann aber eher zufällig entdeckt: nach einem langen Arbeitstag wollten wir beide ursprünglich noch nach Jerusalem in ein Café in Mamilla gehen, und haben unverhofft festgestellt, dass dort am Jaffa Tor gerade die Feierlichkeiten zum 50-Jahre-Jerusalem-Jubiläum gestartet hatten. Und eher spontan fanden wir uns in einer Menge von Menschen wieder, hörten Livemusik, eine Ansprache von Netanjahu, und genossen das Feuerwerk und eine Light- und Drohnenshow. Genial!

In other words…

Mit anderen Worten: vorher weiß man nie, auf was man sich bei so einer Reise einlässt – schon gar nicht, wenn man 7 ½ Monate Work and Travel in Israel plant und sowas ähnliches noch nie vorher gemacht hat. Aber ganz ehrlich: es hat sich voll und ganz gelohnt! Dieses kleine Land steckt voller faszinierender Menschen und Momente, die nur darauf warten, entdeckt zu werden. Wir werden zwar nicht gesponsert, das zu sagen, aber das Working-Holiday-Visum können wir wärmstens empfehlen – vielleicht ist das auch was für dich?

 

DB

(Bilder privat)

Das „Faschingsfest der Juden“ – unter dieser Beschreibung ist das Purim-Fest noch am ehesten in unserer Gesellschaft bekannt. Viele haben schon mal von Ester, „Haman-Taschen“ oder auch den sogenannten „Ratschen“ gehört. Doch wissen die wenigsten nichtjüdischen Menschen, warum Purim gefeiert wird, warum Juden sich an diesem Tag verkleiden und warum das Trinken von Alkohol fast schon ein Gebot ist.

Hier soll ein kleiner Einblick gegeben werden in das Purim-Fest und die verschiedenen Traditionen, die es begleiten.

An Ta´anit Ester (13. Adar) wird dem Mut Mordechais und Esters gedacht.

Ta´nit Ester. Purim wird traditionell am 14. und 15. des Monats Adar gefeiert, da laut der Überlieferung an diesen Tagen die Juden in Persien ihre Gegner besiegt hatten und ihre Errettung vor den Feinden feiern konnten. Doch auch der 13. Adar, der Tag, an dem Haman die Juden in ganz Persien auslöschen wollte, ist ein wichtiger Tag im jüdischen Kalender. An diesem Tag wird dem Mut Esters gedacht. Ta´anit Ester bedeutet „das Fasten Esthers“.

Denn als Mordechai zu Esther ging, um sie zu überreden, ihren Ehemann König Xerxes (Ahasveros) um das Überleben des jüdischen Volkes anzuflehen, fastete und betete sie. Sie sagte zu Mordechai. „So geh hin und versammle alle Juden, die in Susa sind, und fastet für mich, dass ihr nicht esst und trinkt drei Tage lang, weder Tag noch Nacht. Auch ich und meine Dienerinnen wollen fasten. Und dann will ich zum König hineingehen entgegen dem Gesetz. Komme ich um, so komme ich um.“ (Est 4,16) Um der Weisheit Mordechais und dem Mut Esters, die mit diesem Vorgehen ihr Leben riskierte, zu gedenken, ist der 13. Adar zu einem Fast- und Gedenktag für die beiden geworden.

Warum zwei Tage? Da die Kämpfe durch das erste Edikt von König Xerxes auf den 13. Adar begrenzt waren, konnten die Juden fast im ganzen persischen Reich schon am 14. Adar ihren Sieg über die Feinde feiern. Doch die Kämpfe in der Hauptstadt Susa dauerten 48 Stunden. So fand im ganzen Land zwar schon am 14. Adar ein Freudenfest statt, doch hielten die Juden in der persischen Hauptstadt Susa erst am 15. Adar ein Festmahl. So bestimmten Ester und Mordechai im Nachhinein diese beiden Tage zu Festtagen (Est 9,22), an denen Fasten und Arbeit verboten sind! An Purim wird das Leben gefeiert: Der Gottesdienst, gute Gemeinschaft, Essen und Trinken sind bestimmend für diese Tage der Freude.

Am Abend des 13. sowie am Morgen des 14. Adar versammeln sich Juden in Synagogen und hören die Megillat Ester.

In der Synagoge. Purim beginnt traditionell mit einem Gottesdienst in der Synagoge. Da im Judentum der Tag am Abend beginnt, gehen alle am Abend, wenn die Sonne am 13. Adar untergeht (also zu Beginn des 14. Adar), in einen ersten Gottesdienst; der zweite folgt am Morgen des 14. Adar.

In der Synagoge wird aus dem Buch Ester (hebr. Megillat Ester) vorgelesen. Jedes Mal, wenn dabei der Name Haman fällt, klappert die Gemeindeversammlung mit den sogenannten Ratschen, stampft laut mit den Füßen auf, bläst in Tröten oder macht auf eine andere Weise Lärm. Diese Tradition leitet sich aus der Feindschaft zwischen Israel und den Amalekitern (dem Volk Hamans) her; an der bestimmenden Stelle verkündet JHWH, dass der Name Amalek ausgelöscht werden soll (5. Mo 25,17-19).

Haman-Taschen sind ein süßes Gebäck und werden traditionell zu Purim gebacken.

Gemeinschaft. Nach dem zweiten Gottesdienst am Morgen des 14. Adar kommt die ganze Familie zusammen und feiert das Leben bei einem Festmahl. Es werden möglichst auch Freunde eingeladen, damit eine große Festgemeinschaft entsteht. Diese Gemeinschaft unter Juden steht an Purim im Zentrum: Nur durch einen starken Zusammenhalt haben es die Juden geschafft, ihre Feinde in Persien zu besiegen.

Zu diesem Festessen, für das man sich besonders festlich kleidet, gibt es auch traditionelle Speisen, die meisten sind süß: Haman-Taschen, mit Schokolade, Mohn oder Nüssen gefüllt, und Nunt, aber auch die pikanten Kreplach sind dabei die bekanntesten Speisen. Über die Jahrhunderte wurde es tatsächlich zu einem talmudischen Gebot, so viel Wein zu trinken, bis man nicht mehr unterscheiden kann zwischen den Ausrufen „Verflucht sei Haman!“ und „Gesegnet sei Mordechai!“ (Talmud, Traktat Megilla 7b; Schulchan Aruch, Orach Chaijim §695.2). Doch wird heutzutage natürlich auf die Gefahren eines zu großen Alkoholkonsums verwiesen.

Geschenke. Es ist eine sehr bedeutende Tradition und sogar eine Mitzwa (ein Gebot), sich an Purim zu beschenken. Dies leitet sich direkt aus dem biblischen Bericht her (Est 9,22). Mit der Zeit haben sich verschiedene Arten von Geschenken entwickelt:

Geschenke innerhalb der Familie, unter Freunden, aber auch an Bedürftige sind eine besonders schöne Tradition.

Es gilt, jemandem aus dem Bekanntenkreis Essen zu schenken. Diese verpackten, haltbaren Essensgeschenke sollen durch eine dritte Person übergeben werden. Meist übernehmen verkleidete Kinder diese Rolle.

Außerdem beschenkt man an diesen Tagen Bedürftige. Hier werden in der Regel Geldgeschenke gemacht. Ist es jemandem nicht möglich, einen Bedürftigen direkt zu beschenken, wird das Geld an Wohltätigkeitsorganisationen gegeben.

Umzüge. Diese Tradition ähnelt am meisten dem Faschingsfest. Es gibt ausgelassene Festumzüge, für die sich die Teilnehmenden, aber auch die Besucher verkleiden. Sie werden auch Purimspiele genannt: Gruppen, zusammengesetzt aus unterschiedlichsten Generationen, spielen das Purimgeschehen nach.

Die Tradition, sich an Purim zu verkleiden, geht auf verschiedene Begründungen zurück. So wird etwa am Ende des Buches deutlich: Der Gott Israels griff ein und rettete sein Volk, auch wenn sein Name nicht ein einziges Mal genannt wird. Sein Wirken verbarg sich hinter dem Offensichtlichen. Im Talmud wird außerdem beschrieben, wie das jüdische Volk sich an manche heidnischen Gepflogenheiten im Exil anpasste – doch war dies nur wie eine Maske; im Herzen blieb es seiner Identität treu.

Purim ist ein Fest der Lebensfreude – gute Gemeinschaft, festliches Essen und der Genuss von Wein sind dabei ein wichtiger Bestandteil.

So ist Purim ein bedeutendes Freudenfest für das jüdische Volk – bis heute. Es wird gefeiert, dass Gott sein Volk in der Diaspora bewahrt und eine starke Gemeinschaft innerhalb des Volkes geschenkt hat. Auch heute noch gilt Mordechais Gebot: „(…) sie sollten als Feiertag den 14. und 15. Tag des Monats Adar annehmen und jährlich halten als die Tage, an denen die Juden zur Ruhe gekommen waren vor ihren Feinden, und als den Monat, in dem sich ihr Schmerz in Freude und ihr Leid in Festtage verwandelt hatten (…).“ (Est 9,21-22)

Chag Sameach! Ein frohes Purim-Fest!

 

KStegemann

„Chag Sameach! Ein frohes Fest!“

 

Mit diesen Worten werden sich heute Abend alle Juden hier in Deutschland und in der ganzen Welt begrüßen – denn Purim steht vor der Tür. In diesem Jahr fällt das jüdische Fest, das traditionell am 14. und 15. Adar (der sechste Monat des jüdischen Kalenders) gefeiert wird, auf den 21. und 22. März. An diesen beiden Festtagen wird den Geschehnissen gedacht, in deren Mittelpunkt die Jüdin Ester steht, wie sie im gleichnamigen biblischen Buch geschildert werden.

Das Königreich Persien reichte von Indien bis Äthiopien.

Die Ereignisse werden auf das Jahr 473 v.Chr. zurückdatiert, als Xerxes I. (hebr. Ahasveros) König über das Reich Persien war, das zu dieser Zeit von Indien bis Äthiopien reichte und damit 127 Provinzen (!) umfasste. Als die Hauptfrau von König Xerxes sich ihm eines Abends verweigerte, verstieß er sie zornig und ließ eine neue Dame für seinen Harem suchen. (Est 1)

Ester (hebr. Hadassa) lebte mit ihrem Cousin Mordechai in der Hauptstadt des persischen Reiches, Susa. Die junge Jüdin war von ihrem Aussehen wie auch von ihrem Charakter her sehr schön. Sie wurde in den Harem des persischen Königs aufgenommen und lebte fortan am Königshof – doch wusste niemand, dass sie Jüdin war.

Ihr Cousin Mordechai, der Ester nach dem Tod ihrer Eltern aufgenommen hatte, war ein angesehener Jude in der Hauptstadt des persischen Reiches. Eines Tages deckte er einen Komplott zur Stürzung des Königs auf, rettete so dessen Leben und stand fortan hoch in Ehren. (Est 2)

Doch der Minister des Perserreiches, ein enger Mitarbeiter von König Xerxes I., hasste Mordechai: Dieser hatte sich aus religiösen Gründen nicht vor ihm verbeugen wollen. Haman war ein Amalekiter und damit Nachkomme eines Volkes, das schon seit Jahrhunderten mit Israel, dem Volk JHWHs, verfeindet war (2. Mose 17,8ff.). So ersann er einen Plan, wie er das jüdische Volk ein für alle Mal auslöschen könnte: Er trat vor den König und stellte das jüdische Volk als eine Menge von Aufrührern dar, die die Gesetze des Königs missachten würden. Sein Vorschlag zur vermeintlichen Abhilfe folgte sogleich: An einem ausgewählten Datum sollten die Juden vogelfrei sein – jeder sollte sie ungestraft töten und ihren Besitz an sich nehmen dürfen. Xerxes erwiderte: „Das Silber sei dir gegeben, dazu das Volk, dass du mit ihm tust, was dir gefällt!“ (Est 3)

Ester ist der altpersische Name Hadassas und bedeutet Stern.

Haman hatte die Lose geworfen, um ein Datum für diesen Anschlag festzulegen; so wurde der 13. Adar ausgewählt. Als Mordechai von dem Plan des Amalekiters erfuhr, eilte er zum Königshof und forderte Ester auf, bei Xerxes um Gnade für das jüdische Volk zu flehen. Sie lehnte aus Angst zuerst ab, doch Mordechai sprach die berühmten Worte

„Und wer weiß, ob du nicht gerade um dieser Zeit willen zu königlicher Würde gekommen bist?“ (Est 4)

Es könnte ihr Leben kosten, unaufgefordert zum König zu gehen – doch Ester wagte es und lud König Xerxes und seinen Minister Haman zu einem von ihr angerichteten Essen ein. Doch obwohl der König nach diesem Essen entzückt war von ihr, brachte sie ihre Bitte an diesem Abend noch nicht vor ihn, sondern lud ihn und Haman am folgenden Tag wieder zu einem Mahl ein. (Est 5)

In der Zwischenzeit wurde Mordechai für den Aufdeckung der Verschwörung gegen den König geehrt – und Haman war gezwungen, ihm Ehre zu erweisen, indem er ihn auf einem Pferd durch die Stadt führte und rühmte. Diese Demütigung schürte seinen Hass nur noch, doch seine Frau warnte ihn in einem prophetischen Wort: „Ist Mordechai, vor dem du zu fallen begonnen hast, vom Geschlecht der Juden, so vermagst du nichts gegen ihn, sondern du wirst vor ihm vollends zu Fall kommen!“(Est 5-6)

Am selben Tag fand das zweite Abendessen statt, zu dem Esther den König und den Minister eingeladen hatte. Nun offenbarte Esther Xerxes, dass sie Jüdin war und Haman ihr Volk auszurotten gedachte. Der König erkannte nun den Plan Hamans und in seinem Zorn befahl er, seinen Minister an dem Holzpfahl aufzuhängen, den dieser vorsorglich für eine Hinrichtung Mordechais hatte errichten lassen. (Est 7)

König Xerxes ernannte Mordechai zum neuen Minister an Hamans statt. Trotzdem war es schon zu spät: Denn im Perserreich konnte ein Edikt, das einmal erlassen wurde, nicht mehr zurückgenommen werden. Deshalb erließ der König ein neues, zusätzliches Edikt: Die Juden würden sich am 13. Adar wehren dürfen. (Est 7)

So besiegten die Juden ihre Feinde an jenem Tag, der eigentlich zu ihrer Vernichtung hatte führen sollen. Doch nahmen sie keine Beute, wie ihre Gegner es getan hätten.

Die Geschehnisse von Purim sind in der Megillat Ester aufgeschrieben, zu finden in den “Schriften” im Tanach.

So feierten die Juden in den ländlichen Gegenden am 14. Adar ein Freudenfest. Nur in der Hauptstadt Susa dauerten die Kämpfe noch den 14. Adar an. Deshalb begingen die hier lebenden Juden erst am 15. Adar ein Fest wegen ihrer Errettung vor den Feinden. Mordechai erklärte in der Folge diese beiden Tage zum Feiertag, genannt Purim, nach den Losen, die Haman geworfen hatte, um das Datum für die Vernichtung der Juden festzulegen. (Est 9-10)

An dieses Geschehen erinnert sich bis heute das jüdische Volk am Purim-Fest: JHWH, der Gott Israels, beschützt sein Volk sogar in der Diaspora. So sind die Ereignisse rund um Esther auch für Christen eine große Ermutigung im Glauben, denn der Gott Israels hat auf eindrückliche Weise gezeigt, dass er treu zu seinem Volk steht.

Chag Sameach!

KStegemann

Israel einst und jetzt

Mehr als Standardwissen: Wer Israel besser kennenlernen möchte, sollte unbedingt am 06. April beim FTHkolleg „Israel einst und jetzt“ dabei sein! Referent Dr. Berthold Schwarz macht eine verantwortungsbewusste Israel-Lehre verständlich: Warum ist die sogenannte Ersatztheologie falsch? Wie kann Römer 9-11 Orientierung übers Israels Zukunft geben? Warum irrte Martin Luther im Blick auf die Juden? Darüber hinaus gibt es tiefe Einblicke in die Geschichte des „Heiligen Landes“. Anmeldung bis zum 23. März 59Eur, danach 69Eur. Mehr unter https://www.fthgiessen.de/willkommen/fthkolleg/

Herzliche Einladung zum FTHkolleg!

„Heute vor 80 Jahren…“ So könnte man diesen Artikel beginnen, wie es auch immer wieder getan wird. Allerdings ist es gut, sich den Dingen einmal anders zu nähern. Der Filmemacher Marshall Curry hat genau das getan und ruft damit in Erinnerung, was am liebsten vergessen werden würde.

Knapp sieben Minuten Filmmaterial füllt der mehrfach prämierte Kurzfilm „A Night at the Garden“ von Curry. Er zeigt, was vielen Amerikanern und erst recht Europäern unvorstellbar ist: Am 20. Februar 1939 versammelten sich rund 20.000 Menschen in Madison Garden, New York, um nationalsozialistisches Gedankengut zu bejubeln und zu feiern.

Der Zusammenschnitt beunruhigt den Zuschauer von Anfang an. Unwohlsein macht sich breit und man fragt sich, was in den Sequenzen wohl vor sich geht. Klar wird die Thematik erst, als das eigentliche, unheimliche Szenario eingespielt wird. Eine kleine Parade beginnt. Menschen marschieren mit der amerikanischen Fahne auf, inmitten einer starren Menge, die einheitlich den Hitler-Gruß zeigt. Pauken werden geschlagen, ein Orchester spielt vor der Tribüne. Es folgen mehrere Reihen von Frauen in schwarzem Rock und weißer Bluse. Banner werden hochgehalten: „unser Ziel – ein einiges Deutschtum“. Dazwischen Hakenkreuzflaggen. Auf all das blickt von oben ein riesiges Bildnis von Gründervater George Washington herab. Man fragt sich immerzu, wie das alles zusammenpasst.

Die Freiheitsstatue

Die Musik verstummt und ein Mann tritt ans Rednerpult. Es ist Fritz Kuhn, zu dieser Zeit Leiter des „Amerikadeutschen Bundes“. Dem ratlosen Zuschauer begegnet ein Mann, der das New Yorker Publikum mit Witz und Charme zu fesseln weiß.

„We, with American ideals, demand that our government shall be returned to the American people who founded it. “ Ein paar lockere Sprüche, das Publikum lacht. Der Pledge of Allegiance als Treueschwur auf die amerikanische Flagge folgt Kuhns Zwei-Punkte-Plan, der immer wieder vom Jubel der Menge unterbrochen wird: Erstens, „a socially just white, Gentile ruled United States.“ Zweitens, „Gentile-controlled labor unions, free from jewish Moscow-directed domination.“

Die Parolen enden, als ein einzelner, offensichtlich aufgebrachter Mann nahe des Podiums von einem Mob uniformierter Männer ergriffen wird. Der Störer wehrt sich, ein Gerangel entsteht. Immer mehr Uniformierte kommen dazu, die sich alle auf den Einzelnen stürzen und ihn schließlich abführen. Man hatte ihm noch die Hosen runtergezogen. Der Vorgang zieht sich in die Länge. Die Menge feiert das. Was der Zuschauer nicht weiß: Es handelt sich bei dem Mann um Isadore Greenbaum, der wenig später vor Gericht erklärte, dass er gar nicht mit der Absicht zur Veranstaltung gekommen war, um für Aufruhr zu sorgen. Aber weil er das Leben Tausender jüdischer Menschen in Gefahr sah, konnte er nicht mehr still bleiben. Greenbaum hatte verstanden.

Nach diesem Zwischenfall spielt das Orchester, eine hohe Frauenstimme singt, so, als sei nichts gewesen. Es ist diese beklemmende Mischung der Sequenzen, die den Zuschauer auch lange nach dem Film nicht los lässt.

Curry ist der Erste, der Mitschnitte dieses Aufmarschs systematisch präsentiert. Seine Intention: Zu zeigen, dass die gleichen Menschen, die nach dem Angriff auf Pearl Harbour jegliche Nazi-Ideologie verdammten und ersticken wollten, zwei Jahre zuvor genau diese Philosophie bejubelt hatten. Was wäre gewesen, wenn…? Hätten die Dinge auch ganz anders laufen können? Der Filmemacher sagt dazu, frei übersetzt: „Wir glauben heute, dass es eine scharfe Linie zwischen den „Guten“ und den „Bösen“ gäbe. Ich aber glaube, dass in den meisten Menschen eine dunkle Seite steckt, die darauf wartet, von einem gemeinen und zugleich witzigen Demagogen angestachelt zu werden, der uns überzeugt, dass Anstand was für Schwache ist, Demokratie für Naive, und dass Respekt und Güte anderen gegenüber nur Formen von lächerlicher politischer Korrektheit sind.“ Currys Film zeigt, dass es keinen Grund gibt, sich in Sicherheit zu wiegen, nicht einmal vor sich selbst. A. Edler

Der Link zum Film: https://anightatthegarden.com/?fbclid=IwAR2fX2fUeRlAMmzQ9mmiahFQQkjqyoTPKpRJEmgHBr7iue2lnRUKcBTfDg0, zuletzt aufgerufen am 19.02.2019  

“Juden brauchen Jesus nicht … und andere Irrtümer. Betrachtungen eines messianisch-gläubigen Juden”, so lautet der Titel einer Neuerscheinung auf der Feder Avi Snyders. Aufgewachsen in einer konservativen jüdischen Familie in New York, fand Snyder 1977 zum Glauben an Jesus Christus als Messias. Seitdem engagiert er sich in den USA und ganz Europa für die missionarische Organisation “Juden für Jesus”. Somit bietet das Buch einen spannenden Einblick in Glauben und Motivation messianischer Juden!

 

“Der auch in mir gelegentlich aufsteigenden Befürchtung, wir als Deutsche und nichtjüdische Christen könnten das Evangelium nicht glaubwürdig mit Juden teilen, begegnet Avi Snyder mit der entwaffnenden Einladung zu einer Partnerschaft: Am besten sei es, wenn messianische Juden und nichtjüdische Christen einander ergänzen, wenn sie jüdische Menschen mit Jesus bekannt machen! Ein unbedingt lesenswertes Büchlein!” – (Axel Nehlsen, Evangelischer Pfarrer im Ruhestand, zuletzt bis 2016 Geschäftsführer des christlichen Netzwerks Gemeinsam für Berlin)

“Avi Snyder liefert in seinem Buch ein durchdachtes, leidenschaftliches und biblisch begründetes Plädoyer des Evangeliums für Juden. Seine inspirierende Begeisterung für Jeschua und tiefe Liebe zu Juden, sein Eifer für die Errettung des jüdischen Volkes, unterstützt durch viele relevante Bibelstellen und reife, persönliche Erfahrungen des Autors, machen das Buch zu einer motivierenden Lektüre für den interessierten Leser und zu einer echten Herausforderung für Andersdenkende. Absolut empfehlenswert!” – (Wladimir Pikman, Leiter von Beit Sar Shalom Evangeliumsdienst e.V. und Rabbiner der Berliner jüdisch-messianischen Gemeinde)

Cover

“Das Buch ist ein „Muss“ für alle, die an Jesus Christus glauben. Ich bete und hoffe, dass viele Leser dieser Schrift sich bewegen lassen, regelmäßig für Gottes Volk zu beten, Menschen jüdischen Glaubens die gute Botschaft vom jüdischen Jeschua zu bezeugen und sich für die Anliegen der Evangelisation unter dem jüdischen Volk einzusetzen.” – (Dr. Dietrich Kuhl, Ehemaliger Internationaler Direktor von WEC International)

“Sein Herz schlägt für Evangelisation unter Juden, denn seine Vision von Gottes Strategie ist klar: „Das Evangelium zum jüdischen Volk bringen, damit die Juden das Evangelium in die Welt tragen können. Das ist unsere Berufung. Das ist die Aufgabe, zu der wir Juden auserwählt wurden.“ Ich empfehle allen Christen, sich diesen Argumentationen zu stellen.” – (Elke Werner, Vorstandsmitglied von Lausanne International, Sprecherin bei proChrist, WINGS-Women in God’s Service)

“Die Verkündigung des Evangeliums unter Juden ist DAS Herzensanliegen von Avi Snyder. Dieser Auftrag hat sein Leben für Jahrzehnte fundamental geprägt. Damit ist es auch ein hoch emotionales Thema. Dennoch gelingt es dem Autor, die Gegenargumente seiner Überzeugung ernst zu nehmen und ihnen in großer Sachlichkeit und Klarheit zu begegnen. Grundlage seiner Argumentation ist ein von Vertrauen und Gehorsam geprägtes Verständnis der Heiligen Schrift. Wer diese Lebenseinstellung teilt, wird Gewissheit darüber erlangen, dass der HERR will, dass Sein Evangelium den Juden zuerst verkündet wird. Damit verdient dieses Buch gerade in Deutschland eine grosse Leserschaft und muss in der aktuellen und künftigen Debatte zum Thema Gehör finden. Danke Avi Snyder!” – (Reiner Lorenz, Pastor, Evangel.-Freikirchliche Gemeinde Essen-Altendorf)

“Selten gibt es Veröffentlichungen, bei denen ich sagen könnte: „Darauf hat die Welt gewartet.“ Doch bei Avi Snyders Buch kann ich nicht anders als genau das auszusprechen. Wenn eben dieses Buch „Juden brauchen Jesus nicht … und andere Irrtümer“ nicht jetzt auf Deutsch erscheinen würde, müsste so ein Buch mit diesem Inhalt unbedingt geschrieben und veröffentlicht werden. So ein Buch fehlte bisher. Deshalb, danke, Avi.”- (Pfr. Dr. Berthold Schwarz, Hochschullehrer für Systematische Theologie, FTH Giessen)

“Das Herz Avis schlägt für die Menschen, die den Messias noch nicht gefunden haben – seien es Juden oder Nichtjuden. Mögen wir beim Lesen dieses Buches diesen Herzschlag spüren und unser Leben davon berühren lassen.” – (Klaus-Dieter Passon, Pastor der Jesus-Haus-Gemeinde in Düsseldorf und Vorstand von Juden für Jesus e.V. in Deutschland)

“Avi Snyders Buch wendet sich nicht nur an theologisch geschulte Leser. Es ist eine leicht verständliche Hilfestellung für alle Nachfolger Jesu – Juden und Nichtjuden gleichermassen -, welchen die Balance zwischen Liebe und biblischer Wahrheit ein Herzensanliegen ist. Darum wünsche ich diesem Buch eine weite Verbreitung.” – (Martin Rösch, Theologischer Leiter der Arbeitsgemeinschaft für das messianische Zeugnis an Israel (amzi))

(Erschienen bei CV Dillenburg, 13 Eur)

Im Rahmen der Themenwoche „70 Jahre Israel“ luden die Freie Theologische Hochschule Gießen und das Institut für Israelogie am 05.11.2018 zu einem öffentlichen Vortrag ein. Johannes Gerloff teilte im Plenarsaal der FTH unter dem Titel „Das „Heilige“ Land: Erwählt – erkämpft – ersehnt“ seine Erfahrung und sein Wissen über Israel mit knapp 200 Gästen. Gerloff lebt seit 1994 mit seiner Familie in Jerusalem. Der Journalist war als Nahostkorrespondent unter anderem für den christlichen Medienverbund KEP tätig. Außerdem ist er Autor mehrerer Bücher.

Der Auftakt der Themen-Woche

Aufgrund der „Jahrtausende alten Schreckensgeschichte“, als das man das Verhältnis zwischen Christen und Juden beschreiben könne, seien Veranstaltungen, die Israel nicht unkritisch, aber wohlwollend betrachten, sehr wichtig. So wolle Gerloff als Journalist auch über Negatives berichten, aber vor allem über positive und atemberaubende Begebenheiten. Beides hatte an diesem Abend im Vortrag seinen Platz.

Schon bei der Bezeichnung „Heiliges Land“ müsse man genauer darüber nachdenken, was gemeint ist. Kann man mit Recht behaupten, dass Israel ein besseres Land sei als alle anderen, so fragt Gerloff? Oder zeigt sich in dem Titel, dass hier eine besondere Atmosphäre vorherrscht? Letzteres ist nach Gerloff zweifelsfrei richtig: Wer auch immer ins Land reist, könne unmöglich neutral bleiben. Israel sei gewissermaßen lebendiger als andere Länder – es bewege seine Besucher und Bewohner.

Der Plenarsaal war voll besetzt.

Die Frage „Ist Israel ein Land wie jedes andere?“ müsse aber nicht nur nach innerem Empfinden, sondern auch theologisch verneint werden: Laut biblischem Befund hat Gott Israel erwählt. Dabei sei zu beachten, so Gerloff, dass an dieser Stelle nicht zwischen einer jüdischen Ethnie einerseits und einem Land andererseits unterschieden werden darf. Theologisch bilden beide eine untrennbare Einheit. Darum gehören Land und Juden zusammen, sie sind beide erwählt.

„Erwählung“ bedeute in diesem Kontext nicht zwangsläufig „Errettung“ und schon gar nicht irdisches Wohlergehen. Erwählung müsse als Aufgabe verstanden werden. Gerloff berichtet, dass viele Juden diese Verantwortung und ständige Beobachtung als Last empfinden. Man müsse sich mal hineinversetzen, wie es ist, wenn jedes Gegenüber eine Erwartungshaltung einnimmt, sobald herauskommt, dass man jüdisch ist! So sei es nicht nur in der persönlichen Begegnung, sondern auch in den Medien: Die ganze Welt schaut auf Israel.

Hier kristallisiere sich ein bedeutender Unterschied zwischen der christlichen und der jüdischen Gottesbeziehung heraus: Während Christen seit Jahrhunderten auf der Suche nach einem gnädigen Gott sind, scheine es, so Gerloff, manchmal so, als versuchen Juden, ihre Erwählung und damit Gott wieder los zu werden.

Johannes Gerloff

Auch wenn Gerloff in seiner 24-jährigen Tätigkeit in Jerusalem die Besonderheit Israels intensiv erlebt und beobachtet hat, bleibe ihm vieles weiterhin fremd. Als Journalist hat Gerloff die palästinensischen Gebiete bereist. Von ‚innen‘ nachempfinden könne man als Außenstehender weder die jüdisch-israelische Kultur noch die palästinensische. In diesem Zusammenhang betont er, dass es wohl kaum ein sichereres Land gebe als Israel. Zwar hört man in Deutschland nahezu täglich von Gewaltverbrechen in Israel, doch die tatsächlichen Zahlen sprechen eine andere Sprache: So gab es im ersten Jahr des syrischen Bürgerkrieges mehr Tote als in allen Kriegen, die in der 70-jährigen Geschichte des Staates Israels geführt wurden, zusammen. Gleiches gelte für die Anzahl der Toten während des sogenannten Arabischen Frühlings in Libyen. Leben und Reisen in Israel sei daher ziemlich sicher.

Die Frage nach einem Lösungsansatz für den Nahostkonflikt kann an einem solchen Abend natürlich nicht ausbleiben. Dazu berichtet Gerloff von einer Entscheidung der obersten Rabbiner: Diese wären dazu bereit, Land abzugeben, wenn es Menschenleben rette. Aber daran, dass bei Abgabe von Land tatsächlich Leben gerettet werden würden, könne man einfach nicht mehr glauben. Israel bleibt in dieser Hinsicht wohl weiterhin umkämpft.

Am Ende des Vortrages kann der Zuhörer den Slogan des Abends verstehen: Israel ist kein Land wie jedes andere. Israel ist das ersehnte Land für die Juden, mit großer Bedeutung auch für Nichtjuden. Volk und Land niemals zu vergessen, das muss Ziel aller Beschäftigung mit Israel sein – nicht unkritisch, aber wohlwollend.

AE

Anlässlich des 70-jährigen Bestehens des Staates Israel wird vom 5.-9. November eine Themenwoche an der Freien Theologischen Hochschule Gießen stattfinden. Ein ansprechendes Rahmenprogramm ist geplant, das Land und Judentum auf vielfältige Art und Weise beleuchtet. Denn Israel geht nicht nur Freaks und Fans etwas an, sondern jeden!

Thematisch eingeleitet wird diese besondere Woche am Montag, den 5. November von Johannes Gerloff. Der Theologe ist bekannt durch seine Tätigkeit als Nahostkorrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien. Als Insider hält er einen Vortrag zur aktuellen Situation im „Heiligen Land“, zu dem alle Interessenten herzlich eingeladen sind.

Darüber hinaus hat jeder einzelne Wochentag seinen eigenen Programmhöhepunkt: So wird es unter anderem eine Diskussion mit Islamwissenschaftler Dr. Carsten Polanz über heutige Formen von Antisemitismus geben. Weiterhin finden eine Sabbatfeier und eine Holocaust-Gedenkstunde statt. Auch ein authentisches israelisches Mittagessen darf natürlich nicht fehlen!

Ort der einzelnen Veranstaltungen ist der Plenarsaal der Freien Theologischen Hochschule Gießen. Die jeweiligen Uhrzeiten und Tagesabläufe entnehmen Sie der Ausschreibung. Der Eintritt ist natürlich frei!

Herzliche Einladung!

IsraelInstitut_Themenwoche_Programm

IsraelInstitut_Vortrag_Themenwoche_Vortrag J. Gerloff

Wer sich mit dem Verhältnis von Judentum und Christentum auseinandersetzt, muss in erster Linie theologisch versiert sein und darf zudem in seinen Ausführungen keinen Raum für Zweideutigkeiten lassen. Letzteres wurde in den vergangenen Wochen am Beispiel einer Schrift von Joseph Ratzinger besonders deutlich: Während die einen von einem Text nach dem „Gestus des Besserwissers“[1] sprechen, der „starker Tobak“ für das ohnehin historisch belastete Verhältnis von Judentum und Kirche sei, sehen andere eine Bereicherung und Einladung, dieses Verhältnis theologisch tiefergehend zu durchdenken.[2]

Viele Zeitungen griffen die Debatte Anfang August auf.

Worum geht es? Dafür muss man historisch ein paar Jahre in der Geschichte der katholischen Kirche zurückgehen.

Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil entstand 1965 das lehramtliche, also verbindliche Dokument „Nostra aetate“. Darin ordnet die katholische Kirche ihr Verhältnis zu nicht-christlichen Religionen. Ziel war, mehr das Einende als das Trennende in den Blick zu nehmen. Dabei geht ein Artikel explizit auf das Judentum ein. So stellt man fest, dass die gemeinsame Basis von Juden und Christen das Alte Testament ist. Beide Glaubensgruppen sind durch ein geistliches Band verbunden, das auf den „Stamm Abrahams“ zurückzuführen ist. Zwar sei die Kirche das neue Volk Gottes, aber daraus darf nicht geschlussfolgert werden, Gott habe das alte Volk, Israel, verworfen. Im Gegenteil: Für eine Verwerfung des alten Volkes gebe es keine biblischen Anhaltspunkte. Juden sind von Gott geliebt, obwohl sie Christus ablehnen. Daher müsse man alles daran setzen, entgegenstehende Lehren abzuwehren.

Dieser Abschnitt 4 wird heute noch von Theologen als das Herzstück des Dokuments bezeichnet, beispielsweise als im Jahr 2015 anlässlich der 50. Jährung von „Nostra aetate“ ein Vatikandokument entstand.[3] Darin reflektiert die „Kommission für die religiösen Beziehungen  zum Judentum“ die Entstehung und Wirkung von „Nostra aetate“. Diese Kommission kommt zu dem Ergebnis, dass eine Substitutionstheorie, die die christliche Kirche an die Stelle Israels setzt und sämtliche alttestamentliche Verheißungen ausnahmslos auf sich bezieht, zurückzuweisen sei. Auch der Hebräerbrief, der als Wegbereiter einer solchen antijüdischen Einstellung gilt, würde der Ersatztheologie beim genaueren Hinsehen nicht standhalten. Die Kirche dürfe sich zurecht als neues Gottesvolk bezeichnen, doch habe Gott damit das „alte“ Gottesvolk nicht ersetzt. Nach christlicher Sicht bringe der neue Bund alttestamentliche Verheißungen zur Erfüllung – was nicht mit einer Aufhebung einhergehen muss. Vielmehr handele es sich um eine Erweiterung.

Weiterhin bemerkt das Dokument, dass Juden und Christen ihren jeweils eigenen Weg haben, das Wort Gottes zu lesen und zu verstehen: Juden stellen in ihrer Beziehung zu Gott die Thora in den Mittelpunkt und Christen den Christus. Als Christ könne man das Neue Testament als Kommentar oder Auslegungshilfe für das Alte Testament verstehen. Dabei hilft die Beobachtung, dass mit der Tempelzerstörung 70 n. Chr. die Rabbiner ihrerseits begannen, das AT stellenweise neu zu überdenken.

Der Universal- und Exklusivanspruch Jesu Christi müsse nicht dazu führen, Juden das Heil abzusprechen. Denn wie Gott trotz dieses Anspruches rettet, bleibt in ihm verschlossen: Juden haben auf Grundlage der Heiligen Schrift Anteil an Gottes Heil, aber nicht über einen zweiten Heilsweg. „Auf welche Weise er jeweils die Menschen retten will“[4], können wir nicht nachvollziehen. „Wie  dies ohne   explizites  Christusbekenntnis  möglich  sein  kann,  ist  und  bleibt  ein  abgrundtiefes  Geheimnis  Gottes.“[5] Der Verzicht auf Mission wird dabei ausdrücklich betont. Daraus ergibt sich als Fazit des Dokuments: Es gibt keine zwei Bünde, sondern ein Volk Gottes aus Juden und Christen, in Christus geeint. Sämtliche Formen von Antijudaismus bzw. Antisemitismus sind zu verwerfen.

Soweit eine Übersicht zur offiziellen Stellungnahme der katholischen Kirche gegenüber dem Judentum.

Der ehemalige Papst Benedikt XVI.

Nun lädt die „Kommission für die religiösen Beziehungen  zum Judentum“ ausdrücklich dazu ein, sich an weiteren theologischen Reflexionen zu beteiligen, um den christlich-jüdischen Dialog zu bereichern. Diesen Aufruf nahm Joseph Ratzinger ernst und verfasste auf Grundlage der hier dargestellten Dokumente einen Aufsatz, datiert auf den Oktober 2017. Kardinal Kurt Koch, Mitglied der „Kommission für die religiösen Beziehungen  zum Judentum“, bat den ehemaligen Papst um Erlaubnis zur Veröffentlichung in der katholischen Fachzeitschrift „Communio“.

Für Ratzinger steht nicht zur Diskussion, dass nach Auschwitz als Synonym für den Holocaust die Kirche sich ernsthaft mit ihrem Verhältnis zum Judentum auseinandersetzen und dieses neu bedenken muss. Dabei stellt er fest, dass zunächst festzusetzen ist, was man als Autor mit „Judentum“ meint. Für ihn geht es um das Judentum, das sich mit der Tempelzerstörung immer mehr als Gegenpol zum Christentum entwickelte. Diese Entwicklung sei ein längerer Prozess gewesen, der auch je nach geografischer Lage früher oder später beendet war.[6] Der Dialog fand zunächst innerhalb einer Gemeinschaft statt, die sich auf Grundlage der alttestamentlichen Schriften in Kontinuität zum alttestamentlichen Israel sah – trotz der Tatsache, dass die ersten „Christen“, so Ratzinger, ihren Kanon mit der Septuaginta erweiterten und die Schriften des Neuen Testaments schließlich zum maßgeblichen „Dokument für die christliche Identität“[7] zusammenwuchsen. Vor allem der Versuch Markions, im späten 2. Jahrhundert nach Christus die alttestamentlichen Schriften gänzlich zu verwerfen und das Neue Testament von sämtlichen „hebräischen“ Einflüssen zu reinigen, gilt als Musterbeispiel für die sich auftuende Judenfeindlichkeit unter Christen.

Dass Markion rasch aus der sich damals konstituierende Kirche in Rom ausgeschlossen wurde, zeige, dass sich Christen darüber bewusst waren, dass sie den gleichen Gott anbeten wie die Juden und sie Gemeinsamkeiten nicht verneinen dürfen. Vielmehr stellen beide Gruppen fest, dass sie die Schriften des Alten Testaments unterschiedlich auslegen: Die Christen von Jesus Christus her, den die Juden aber nicht als den erwarteten Messias anerkennen. Christen lesen damit das Alte Testament gewissermaßen erweiternd, „nach vorne zu“. Für sie liegen in den Schriften des AT Aussagen, die man ohne Christus nicht erfassen kann.

An diesen Feststellungen wird in den Rezensionen und Kommentaren wenig Kritik geübt. Aber nachdem Ratzinger so seine ersten Gedanken zum Verhältnis Christentum – Judentum dargestellt hat, bemerkt er: Eine Substitutionstheorie, wie sie das Vatikandokument von 2015 ablehnt, kommt in der Lehre der Kirche gar nicht vor. Für ihn ist klar, dass „Israel nicht durch die Kirche substituiert werde, und der Bund nie gekündigt worden“ sei.[8] Er kritisiert aber, dass die Ablehnung einer Substitutionslehre nicht differenziert genug betrachtet wird. Es muss gründlicher unterschieden werden, worauf sich ein Ersatz bezieht. Daher untersucht Ratzinger nun, wo man einen „Ersatz“ jüdischer Inhalte durch christliche Lehren finden kann – und damit gewissermaßen eine Substitutionslehre vorliegt. So sei der Tempelkult Israels nicht mehr nötig. Durch das Opfer Christ wird Versöhnung geistlich und materiell endgültig – was in der katholischen Kirche immer wieder neu mit der Eucharistie gefeiert wird. Oder das jüdische Bild eines politischen Messias, das im christlichen Glauben vom leidenden und erniedrigten Christus „ersetzt“ wurde.

Bei der Frage nach der Landverheißung bemerkt Ratzinger, dass die katholische Kirche den jüdischen Staat Israel naturrechtlich legitimiert. Aber eine Landnahme, die sich auf politischen Messianismus stützt, kann nicht mit ihrer Lehre vereinbart werden – denn der Messias Jesus Christus hat seinen irdischen Auftrag bereits erfüllt. Aus dem Bestehen des Staates Israel leitet er jedoch ab, dass Gott weiterhin an seinem Volk handelt. Genau in solchem konkreten Handeln sieht Ratzinger ein Zeichen für die Realität Gottes, der „Menschen anredet und in der der Mensch dem Göttlichen begegnen kann.“[9]

Besonders ausführlich äußert sich Ratzinger abschließend zur Aussage seines Vorgängers Johannes Paul II., der sagte, „dass der Bund, den Gott mit seinem Volk Israel geschlossen hat, bestehen bleibt und nie ungültig wird.“[10] Hier möchte Ratzinger ebenfalls für ein differenzierteres Verständnis werben, auch wenn er den Kern der These ausdrücklich bekräftig. Es geht ihm um eine genauere Definition von „Bund“ und die Beobachtung, dass nicht Gott, sondern Menschen den Bund brechen, der von Gottes Seite auf festem Boden steht. Wenn Menschen „nein“ sagen, muss Gott das berücksichtigen.

Vor allem diese Bemerkungen ruft Kritiker auf den Plan, die darin eine Proklamation des christlichen Exklusivanspruchs sehen, wie es z.B. die FR sieht. Die FAZ bemerkt, dass es unfassbar sei, wie man an der Formel rütteln könnte, mit der Johannes Paul II. die christlich-jüdische Verständigung positiv beeinflusst hat. „Karol Wojtyla dürfte sich wegen dieser groben Fahrlässigkeit, die auch auf das Konto mangelnder redaktioneller Umsicht der Zeitschrift geht, im Grabe herumdrehen“, heißt es.

Der Petersdom in Rom

Man kann durchaus kritisieren, dass Ratzinger seine These, eine Substitutionstheorie sei nie Inhalt der kirchlichen Lehren gewesen, ausschließlich auf Recherchen in theologischen Lexika wie dem LThK (Lexikon für Theologie und Kirche) stützt. Auch seine Formulierung, die Diaspora der Juden nach der Zerstörung des Tempels könne als göttliche Strafe interpretiert werden, ist sicherlich unglücklich.

Aber die eigentliche Kritik der Zeitungen wird dem Artikel nicht gerecht: Dass Ratzinger nicht nur als Privatperson vom exklusiven Heil in Christus sprechen kann, sondern diese Ansicht zur Lehre der Katholischen Kirche gehört, bleibt unbeachtet. So wird dieser Anspruch ja auch im Vatikandokument deutlich, auf das Ratzinger sich bezieht. Außerdem wird damit das Anliegen des Autors verfehlt, der dafür wirbt, Kurzformeln aufzugeben und theologische Debatten mit mehr Tiefe zu führen. Dies tut er ohne Polemik und in Tradition zu seinem christlichen Glauben, der nun mal nicht ohne Jesus Christus auskommt. Von einer Proklamierung der „Ecclesia triumphans“ kann keine Rede sein, auch nicht von Bestrebungen zur Judenmission. Dass Ratzinger seinen Aufsatz mit 2Tim 2,12f. endet („Wenn wir standhaft bleiben, werden wir auch mit ihm herrschen. Wenn wir ihn verleugnen, wird er auch uns verleugnen. Wenn wir untreu sind, bleibt er doch treu, denn er kann sich nicht selbst verleugnen.“) und diesen Vers ausdrücklich auf alle, Christen und Juden, bezieht, wird von den Kritikern übersehen. Gerade in diesem Abschluss ist jedoch alles gesagt, was aus Ratzingers Sicht zur Beziehung von Juden und Christen zu sagen wäre.

Die Frage nach dem Verhältnis von Judentum und christlicher Ekklesia erschwert immer wieder den Dialog beider Religionen, wie sich auch in den protestantischen Kirchen immer wieder zeigte und zeigt. Doch sie muss gestellt werden. Dabei gilt festzuhalten: Vom „verworfenen Volk“ Israel kann biblisch begründet nicht die Rede sein. Eine christliche Stellungnahme in soteriologischen Fragen muss dennoch am Exklusivheitsanspruch Jesu Christi festhalten – auch das entspricht dem neutestamentlichen Zeugnis. Dies geschieht selbstverständlich historisch sensibel und darf niemals in Antisemitismus münden.

AEdler

[1] http://www.fr.de/kultur/alt-papst-benedikt-xvi-antisemitismus-auf-christlicher-grundlage-a-1543855 vom 06.09.2018

[2] https://www.nzz.ch/feuilleton/benedikt-xvi-ein-wegbereiter-des-antisemitismus-ld.1407681 vom 06.09.2018

[3] Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum, „Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt“ (Röm 11,29). Reflexionen zu theologischen Fragestellungen in den katholisch-jüdischen Beziehungen aus Anlass des 50-jährigen Jubiläums von „Nostra aetate“ (Nr. 4), https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2015/Vatikandokument-50-Jahre-Nostra-aetate.pdf vom 06.09.2018

[4] Vatikandokument, 9, 25.

[5] Ebd., 13, 36.

[6] Vgl. dazu folgender Artikel auf unserer Homepage: https://www.israelogie.de/2018/die-fruehen-judenchristen-der-ersten-jahrhunderte-nach-christus/

[7] Ratzinger, Gnade und Berufung ohne Reue, 389, in: IKaZ 47 (4/2018), 387-406.

[8] Ebd. 392.

[9] Ebd. 402.

[10] Ebd. 403.