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„Christusmörder!“ Wer ist schuld am Tod Jesu?

Ein Gastbeitrag von Tobias Krämer

Auf dem Lebensweg Jesu gab es einen auffallenden Wendepunkt: Jesu Taufe durch Johannes den Täufer. In seiner Taufe empfing Jesus seine Messiassalbung. Danach hängte er seinen Beruf an den Nagel und wirkte als Messias. Was versteht man unter dem „Messias“? Der Messias ist der ultimative Gesalbte, den Gott am Ende der Tage sendet, um in der Kraft des Heiligen Geistes Israel wiederherzustellen – geistlich und national – und die ganze Welt in Ordnung zu bringen. Das ist, kurz gesagt, die jüdische Messiaserwartung. Das Neue Testament sagt durchweg, dass Jesus der Messias (hebr. Maschiach, griech. Christós) ist und als solcher (als „König der Juden“) hingerichtet wurde (Joh 19,19). Wie aber konnte es dazu kommen?

Jesus, der Messias, zwischen den Mühlrädern der Macht

Messianische Figuren traten in Israel öfters auf. Häufig stießen sie auf begeisterte Zustimmung im Volk, aber auch auf Skepsis in der führenden Oberschicht. Warum? Wegen der römischen Besatzungsmacht. Wenn man es sich mit den Römern nicht verderben wollte, dann war es besser, von „Messiassen“ Abstand zu nehmen – zumal sich alle vorherigen als Möchtegerne entpuppt hatten. Sich auf einen Messias einzulassen, war gefährlich und von manchen auch nicht mehr wirklich gewollt. „Lieber mit den Römern einigermaßen klarkommen und das Heft in der Hand behalten, als auf einen Messias setzen,“ dachte so mancher. Diesem Kalkül fiel Jesus zum Opfer. In Joh 11,50 kann man das gut sehen. Dort sagt der Hohepriester: „Besser, ein Mensch stirbt für das Volk, als dass das ganze Volk verdirbt.“ Lieber einer stirbt, als dass das ganze Volk in Aufruhr gerät und am Ende von den Römern niedergewalzt wird.

Der Hoherat brachte Jesus vor Pontius Pilatus, den Stadthalter dieser Zeit.

Auf das Betreiben einiger weniger Machthaber wurde Jesus – zum Entsetzen vieler Menschen im Volk – den Römern ausgeliefert. Pilatus erkannte, dass hier ein übles Spiel gespielt wurde, doch wollte er es sich mit den Juden nicht verscherzen und ließ Jesus hinrichten. Dabei wies Pilatus (obwohl er das Urteil sprach!) alle Verantwortung von sich: „Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen; seht ihr zu!“ (Mt 27,24). Jesus wurde von Pilatus zum Tod am Kreuz verurteilt. Das ist Fakt. Auf diese Weise kam Pilatus in das apostolische Glaubensbekenntnis, das von vielen Christen Sonntag für Sonntag gesprochen wird: „…gelitten unter Pontius Pilatus“. Auch wenn Jesus den Weg in den Tod bewusst gegangen ist, bleibt seine Hinrichtung ein Skandal – und ein gewaltiges Unrecht.

Unterm Strich waren es politisches Kalkül, Berechnung, Gleichgültigkeit, Intrigen und Machtmissbrauch, die die Verantwortlichen aus Juden und Römern eins machten – und zum Mord am Gesalbten des Herrn führten. Hingerichtet wurde ein Unschuldiger. Ein Mann, der nur Gutes getan hatte. Ein Prophet, der alles an sich hatte, um der Messias sein zu können. Ein guter Mann, ein Hoffnungsträger, ein Geistgesalbter, ein Wohltäter der Menschen und Lehrer der Heiligen Schrift. Jesus hatte nichts getan, was den Tod verdient hätte, nichts. Doch wurde er ans Kreuz gehängt. Durch eine kleine Gruppe führender Köpfe im Jerusalem der damaligen Zeit.

Und Gott?

Wo war Gott in diesem Geschehen? Er war mittendrin. Paulus sagt: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst.“ (2 Kor 5,19) Gott war in Christus, in seinem Gesalbten, der am Kreuz hingerichtet wurde. Und mitten in dieser Hinrichtung war Gott einzigartig aktiv und versöhnte die Welt mit sich selbst. Man muss sich das klar machen: Die Hinrichtung Jesu hat Gott ins Mark getroffen. Denn Jesus war nicht irgendjemand, er war der Gesalbte, der Retter, der Heilsbringer, der Sohn Gottes. Er war der, durch den Gott Israel für immer zu seinem heiligen Volk machen wollte. Und dieser Gesandte Gottes traf nicht nur auf Skepsis, Widerstand, Ablehnung oder gar Spott – er wurde ermordet. Schlimmer kann es nicht kommen, oder?

Dieser Mord war wie ein Faustschlag in Gottes Gesicht. Was aber reagierte Gott darauf? Mittendrin, im sterbenden Jesus am Kreuz, schuf Gott Versöhnung. Gerade dort, wo das Blut seines Sohnes gewaltsam vergossen wurde, nahm Gott dieses Blut und machte daraus ein Sühnopfer für die Sünden aller Menschen. Dasselbe Blut, das von Menschen vergossen wurde, ließ Gott für die Sünden der Menschen vergossen sein. Wenn man Jesus sieht, kann es einem durch und durch gehen. In seiner Person treffen die Grausamkeit der Menschen, die eigene Sündhaftigkeit, das willige Leiden und die grenzenlos vergebende Liebe Gottes aufeinander wie nirgendwo sonst. Das muss man sich vor Augen führen. „Siehe, der Mensch!“ (Joh 19,5)

Im Sterben Jesu, des Messias, war Gott anwesend und schenkte Gott Versöhnung.

Es ist schon unbegreiflich genug, dass Gott mitten im Mord an seinem Gesalbten Vergebung walten ließ und Versöhnung schuf. Das wäre doch in jeder anderen Situation leichter möglich gewesen als ausgerechnet hier. Aber Gott wählte diesen Ort, diese Stunde, dieses Kreuz. Gerade hier, wo die Sünde so mächtig war, sollte Gottes Gnade noch mächtiger sein und das letzte Wort behalten. Der Mord am Kreuz wird zum Evangelium für die Welt, was für eine Wende! Doch gilt diese Versöhnung nicht nur dem kleinen Kreis der Verantwortlichen. Sie gilt der ganzen Welt: Gott versöhnte die Welt mit sich selbst (2 Kor 5,19). Gott machte, so könnte man sagen, gleich ganze Sache. Wenn schon Versöhnung, dann gleich für alle. Keiner ist ausgenommen, jedem gilt sie. Hier, an diesem Kreuz, geschah sie. Ein für alle mal.

An dieser Stelle wird deutlich, dass der Hohe Rat und der römische Herrscher nur Stellvertreter sind. Sie sind Prototypen für die Welt. Gemeinsam verkörpern sie alle: Juden und Heiden, also die gesamte Menschheit. Dich und mich eingeschlossen. Es waren zwar wenige, die an Jesu Hinrichtung direkt beteiligt waren, es sind aber alle, die Feinde Gottes waren (Röm. 5,6-10) und nun von Gott Versöhnung angeboten bekommen.

  • Die Kreuzigung war ein Akt höchster Gottesfeindschaft. Aber Feinde Gottes waren wir alle.
  • Die Kreuzigung war ein Akt umfassender Versöhnung. Und Versöhnung brauchen wir alle.

Es ist der Sündendruck aller Menschen zu allen Zeiten, der – durch die wenigen Entscheidungsträger repräsentiert – Jesus zu Tode brachte.

„Christusmörder!“

In der Kirchengeschichte hat es schon in früher Zeit Stimmen gegeben, die die Juden als „Christusmörder“ bezeichnet haben. Mit Abscheu und auf überhebliche Weise. „Diese Juden“, so wurde gesagt, „sind so furchtbare Menschen, dass sie sogar den Sohn Gottes umgebracht haben. Was müssen das nur für Menschen sein!“ Darauf konnte Gott, so jene Ankläger, nur mit seinem Vernichtungsgericht reagieren.

Dieser Gedankengang ist jedoch schräg und verkennt die Situation:

  • Es waren nicht „die Juden“, die Jesus ans Kreuz genagelt haben, sondern die Römer.
  • Es waren nicht „die Juden“, die Jesu Ermordung betrieben haben, sondern einige wenige in einflussreichen Positionen – und das zum Entsetzen vieler Jesusanhänger im Volk.
  • Es sind nicht „die Juden“, denen man den Tod Jesu anlasten kann – schon gar nicht den Juden von heute.
  • Es sind nicht „die Juden“, die Sünder sind, sondern alle Menschen, wie auch alle die Versöhnung brauchen, die Gott am Kreuz wirkte.

Aus diesem Grund muss man aufpassen, dass man die grausame Vernichtung Israels 70 bzw. 135 n. Chr. durch die Römer nicht als Gericht Gottes für die Kreuzigung Jesu interpretiert. Jesus selbst hat sich anders geäußert. In Mt 23,37-39 – kurz vor seinem Tod – schaut Jesus auf Jerusalem und stimmt eine Klage an:

Man muss die Bibel genau lesen, damit keine falschen Lehren über das Kreuzesgeschehen und das jüdische Volk um sich greifen.

„Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt! Siehe, euer Haus soll euch wüst gelassen werden. Denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!“

Jesus sah die Vernichtung Jerusalems kommen. Aber sie wird nicht als Gericht für die Kreuzigung Jesu kommen, sondern als natürliche Konsequenz. Wie das? Jahrhundertelang hatte Gott Propheten gesandt, um Israel unter Gottes starken Armen zu sammeln und zu bewahren, wie eine Henne schützend ihre Flügel über ihre Küken ausbreitet. Aber Israel wollte nicht. Die Propheten waren von jeher getötet worden und nun traf das Prophetenschicksal auch Jesus, der als Messias der letzte und größte Prophet und die eine große Chance Israels war. Und das machte Jesus so unsagbar traurig. Denn nun war kein Prophet mehr da, der rufen konnte, und nach dem Messias sollte auch keiner mehr kommen. Entfernt von Gott aber war Israel schutzlos den Feinden ausgeliefert. Wie Küken, die sich von der Henne nicht rufen lassen, wenn der Fuchs kommt. Jesus wusste, dass die Feinde kommen würden. Sie würden Israel vernichten und Jerusalem gnadenlos in Schutt und Asche legen. Jerusalem würde öde zurückbleiben. Das war für Jesus absehbar – und es kam auch so.

Licht am Ende des Tunnels

Aber Jesus wusste auch, dass es dabei nicht bleiben wird. Er wusste aus der Schrift, dass Gott am Ende der Tage sein Volk wieder sammeln wird. Er wird es zurückführen, die Nation Israel wieder gründen, er wird Israel heilen und retten, die Wüste wird grünen und Israel wird neu erblühen. Am Ende kommen Israel und der Messias zusammen. Und dann wird Israel erlöst sein – für Zeit und Ewigkeit. Das wusste Jesus. Und deshalb kündigte er an, dass die Vernichtung Israels eines Tages enden wird. Wann wird das sein? Israel wird am Boden liegen, „bis ihr sprecht.“ Was müssen die Juden sprechen? „Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn – baruch haba beschem Adonai!“ (Mt 23,39) Im Hebräischen ist das ein Willkommensgruß. Wer aber ist der, der im Namen des Herrn kommt und willkommen geheißen wird? Gemeint ist Jesus, der Messias. Das heißt: Die Vernichtung Israels besteht, bis Israel seinen Messias willkommen heißt. Dann wird sich das Blatt wenden.

Jesus hat es vollbracht – wir dürfen Frieden mit Gott haben!

Noch ist es nicht soweit. Noch hat Israel weder zum Glauben an Jesus gefunden, noch ist Jesus nach Jerusalem zurückgekehrt. All das steht noch aus. Aber Gott sammelt bereits sein Volk aus der ganzen Welt und immer mehr Juden finden zum Glauben an Jesus. Die Zeit der Vernichtung und Zerstreuung Israels geht zu Ende, die Heilszeit kommt näher – das charakterisiert die Zeit, in der wir leben. Die Grundlage dafür ist das Kreuz Jesu, jener eine und universale Erlösungspunkt für die Menschheit.

Den Vorwurf „Christusmörder“ – insbesondere auf die Juden bezogen – dürfen wir somit als falsch getrost ad acta legen. Pilatus, Kaiphas und Co. können wir damit nicht mehr belangen und für alle anderen gilt er nicht. Allen anderen gilt das Evangelium, die gute Nachricht: „Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ (Röm 5,8) Das ist wahre Liebe. Und die dürfen wir ganz persönlich nehmen. Ganz gleich, wer wir sind und woher wir kommen.

 

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