Der jüdisch-christliche Dialog – was gut war auf dem Evangelischen Kirchentag 2019

Wer einen Blick in das Programm des 37. Deutschen Evangelischen Kirchentags wirft, der vom 19. bis 23. Juni 2019 in Dortmund stattfand, den könnte schnell Verwunderung überkommen: Unter den über 2000 Veranstaltungen fanden sich auch Workshops und Seminare wie „Coming Out für Mädchen* und junge Frauen*“ und „Vulven malen“. Man muss kein konservativer Christ sein, um sich zu fragen, was das nun mit Glauben und Kirche zu tun hat. Die Veranstalter lassen uns dazu wissen: es geht gar nicht um diese Themen – zumindest nicht nur. Anliegen des Kirchentages ist es, zum Einmischen anzuregen und Diskussionen anzustoßen. Daher rücke man neben religiösen Fragen gesellschaftspolitische Debatten in den Vordergrund.

Das Motto des Kirchentags 2019.

„Was für ein Vertrauen!“ – Bibelarbeit zum Buch Hiob

Ein Feld, auf dem die Grenzen zwischen Religion, Politik, Soziologie und Identität verwischen, ist der jüdisch-christliche Dialog. Auch dazu fanden Interessierte eine Reihe von Veranstaltungen unterschiedlichster Couleur auf dem Evangelischen Kirchentag. Hier eine Auswahl der Angebote vom Donnerstag:

Zum ruhigen und besinnlichen Start in den Tag empfiehlt sich eine Bibelarbeit. Die Rabbinerin Gesa Ederberg und Prof. Angela Rinn, Theologin, befassten sich dialogisch mit dem alttestamentlichen Text aus dem Buch Hiob, Kapitel 2, 7-13.[1] Passend zum Motto des diesjährigen Kirchentages „Was für ein Vertrauen“ wurde gemeinsam über den gleichnamigen leidgeplagten Mann nachgedacht, der trotz allem immer noch an Gott festhält: So erfuhr der Zuhörer unter anderem, dass Hiob zeigt, wie leicht Menschen in Not beginnen, Gott falsch zu verstehen – statt die Ursache für Leid auf direktem Weg in der Welt zu suchen und Leid selber zu bekämpfen. Die jüdische Gemeinde, die über Jahrhunderte Schicksalsschläge erfahren musste, dürfe nicht demütig stillhalten und alles über sich ergehen lassen: Auch wenn es natürlich legitim sei, Gott im Leid anzurufen, gelte es, irdische Ursachen zu erkennen, diesen entgegenzuwirken und zu handeln und Leid damit einen Sinn zu geben.

Allerdings hätte man dem Gelegenheits-Kirchgänger und Nicht-Theologiestudenten fairerweise nebenbei einen Einblick in jüdische Kultur, Geschichte und Auslegungspraxis geben können. Denn was der Zuhörer nicht erfuhr: neben der vorgestellten mag es womöglich Tausende andere Auslegungen der Textpassage geben, denn „die“ jüdische Auslegung gibt es nicht. Die Verse boten daher Gelegenheit, zu zeigen, wie eine jüdische Wahrnehmung aussehen kann – aber repräsentativ war sie nicht.

Zentrum “Juden und Christen”: Veranstaltungsbeispiele am Donnerstag.

Israel – mehr als Konflikte und Raketen

Wer wollte, blieb einfach sitzen und nahm am nun folgenden Podium teil. Unter dem Titel „Komplexe Wirklichkeit. Andere Geschichten aus Israel“ befassten sich Experten in 15-minütigen Impulsen mit der Vielfalt der israelischen Gesellschaft. Ziel war es, die Wirklichkeit abzubilden, auch wenn dies nicht gerade medienwirksam sei. So stellte man fest, dass in den deutschen Medien eine einseitige Perspektive entworfen werde, die vor allem militärische Reaktionen betont – und damit viele Identitätsmerkmale und Facetten des Landes ausgeklammert würden.

In dieser Veranstaltung ging man dazu nicht weiter kritisch in die Tiefe, sondern überließ Prof. Johannes Becke das Wort. Becke ist Politikwissenschaftler an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. Diese Hochschule ist insofern eine Besonderheit, als dass jüdische Studien an den deutschen Universitäten meist Teil der Nahost-Studien sind, aber kein eigenständiges Kompetenzzentrum bilden. Becke bot einen Einblick in die demografisch-soziologische Zusammensetzung der israelischen Bevölkerung und zeigte, dass eine vereinfachende Reduzierung auf die beiden Gruppen „jüdische Israelis“ und „muslimische Araber“ keinesfalls legitim sein kann.

So gebe es Samaritaner, die sich als Teil des Volkes Israel verstehen, aber keine Juden sind. So gebe es Drusen, die als Nichtjuden loyal in der Armee des jüdischen Staates dienen. So gebe es die ethnische Minderheit der Tscherkessen, die ethno-religiöse Minderheit der Aramäer und eine Minderheit auf Zeit, die Gastarbeiter, die häufig aus Afrika kommen. Dass diese Gruppen selten bis kaum in den Medien abgebildet werden, könne daran liegen, dass es schon bei der Frage nach der Selbstidentität eines Israeli schwierig wird, der einer der beiden größten Bevölkerungsgruppen angehört – den Juden und Moslems. Ob man von Israelis, von Arabern in Israel, von arabischen Israelis oder israelischen Arabern spricht, ist oft nur individuell zu beantworten.

Hier wurde die Verquickung von Religion und Staat bereits angeschnitten. Yaron Engelmayer, Rabbiner in Karmiel/Israel, und Micha Staszewski, Politologe in Tel Aviv, vertieften die Thematik weiter. Aktuell könne man am Scheitern einer möglichen Regierungskoalition bestens erkennen, dass religiöse Fragen den Staat durchdringen, auch wenn Staat und Religion offiziell voneinander getrennt sind. Denn die Parteien konnten sich über den Eintritt einer religiösen Minderheit – den Drusen – in die israelische Armee nicht einig werden. In Deutschland undenkbar! Besonders die strenge Feiertagsruhe, das viergliedrige israelische Bildungssystem und die Befugnisse des Standesamtes beeinflussen die Zivilgesellschaft. So fassen es einige Israelis als Bevormundung auf, dass „Mischehen“ zwischen Juden und Muslimen oder Christen im Ausland, zum Beispiel auf Zypern geschlossen werden müssen – denn es gibt nur religiöse, keine zivilen Hochzeiten in Israel! Dabei könne es auch durchaus vorkommen, dass jemand jüdisch aufwächst und dann, kurz vor seiner Hochzeit aufgrund der standesamtlichen Dokumentation erfährt, dass er eigentlich gar kein Jude ist.

Bei allen möglicherweise befremdlichen Eigenheiten im modernen Israel weist Staszewski auf eine wichtige Begebenheit hin: Israel ist der einzige jüdische Nationalstaat auf der ganzen Welt. Gerade deswegen sei er zu beschützen. Wenn es in technischen Fragen, zum Beispiel wer Jude ist und wer nicht, streng zugehe, müsse man dies im Gesamtkontext betrachten und dürfe es nicht als Diskriminierung verstehen. Letztendlich gehe es darum, eine Balance zu finden zwischen freiheitlich-demokratischen Gütern – also gleiche Chancen und Recht für alle – und religiösen Zäunen zur Bewahrung des Jüdischen. Denn Israel sei genau genommen kein jüdischer Staat, sondern ein jüdisch-demokratischer. Das gelte es nicht zu vergessen.

Das Fazit zu diesem Block des Podiums: Religion ist fester Teil des Alltags der Israelis. In Deutschland weiß man selten, welcher Konfession der Nachbar angehört und interessiert sich in der Regel auch nicht dafür. In Israel dagegen weiß jeder darüber Bescheid, wer was glaubt. Man kennt alle Label und Facetten der Religiosität. So regten die Redner dazu an, einmal als Deutscher darüber nachzudenken, wie wichtig Religion für unseren Staat sein kann und sein sollte.

Der nächste Impuls kam von Jonathan Elkhoury, Minderheitenkoordinator Reservists on Duty, Israel. Elkhoury kam als libanesischer Flüchtling nach Israel. Er warb dafür, seine positive Integrationsgeschichte nicht als Ausnahme zu betrachten, sondern Menschen wie ihm mehr Raum zu geben. Da die israelische Armee so etwas wie ein Schmelztiegel aller im Land lebenden Bevölkerungsgruppen sei, könne man hier sehr gut beobachten, dass ein Zusammenleben gut funktionieren kann. Elkhoury betonte die Wichtigkeit dieser Institution, da Gemeinsamkeiten für die Identitätsbildung von Staatbürgern eine große Rolle spielen. Allerdings: „To do everything that is in a person‘s power to make society better is more important than how you identify yourself.“ Mit diesem Satz zeigte er, dass es das eigene, konkret sichtbare Engagement ist, das die Gesellschaft prägt – dann erst kommen abstraktere Fragen der Selbstzuordnung.

Damit bot das Podium eine gelungene Zusammenstellung von Aspekten zur israelischen Gesellschaft, die in der Tat nicht in der deutschen Berichterstattung zu finden sind – obwohl in den Medien nahezu täglich von Israel die Rede ist.

Antisemitismus – mitten unter uns

Im Dortmunder Opernhaus fand eine Veranstaltung zum Thema Antisemtismus statt…

Ein Deutscher, der sich mit dem Judentum und Israel auseinandersetzt, darf die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und dem Antisemitismus nicht scheuen. Denn die Frage im Titel einer weiteren Veranstaltung auf dem Kirchentag „Hört das denn nie auf?! Antisemitismus in Deutschland“ muss leider mit „Nein, es hört nie auf“ beantwortet werden.

So stellte Dr. Klaus Holz, Generalsekretär der Ev. Akademien in Deutschland, in der Anmoderation fest, dass äußere Gewalttaten nur die Spitze des Eisberges sind. Was darunter ist, ist statistisch natürlich nur schwer zu erfassen. Doch genau dieser Schwierigkeit stellt sich das Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin unter Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum. Die Tatsache, dass es die einzige Einrichtung im Land ist, die sich wissenschaftlich ausschließlich mit dem Thema Antisemitismus auseinandersetzt, ist bezeichnend. So gebe es zwar fast jede Woche eine neue Statistik unterschiedlichster Herkunft, die über Antisemitismus in der Bevölkerung informieren will – aber fundiertes Wissen existiere nicht. Keiner dürfe behaupten, dass wir das Phänomen im Griff haben oder gar bannen könnten. Schüler-Springorum weist auf die Tatsache hin, dass fast die Hälfte aller antisemitischen Straftaten keinem „Lager“ zuzuordnen ist – die Täter lassen sich nicht einfach kategorisieren. Daran zeigt sich: Antisemitismus geistert mitten unter uns. Ihr Rat: Man müsse bei der Bekämpfung vielmehr die Mitte der Gesellschaft in den Blick nehmen, statt sich nur auf Randgruppen zu fokussieren.

Dem stimmte auch Ralf Meister, Landesbischof von Hannover, zu. Er sehe in der Kirchenleitung keinen Anlass zur Sorge und fragt sich, warum vorbildliche Haltungen nicht in die Gemeinden durchdringen. Könne die Gesellschaft sich überhaupt von einem so tief verwurzelten Feindbild trennen und wenn ja, womit wird diese Lücke dann mutmaßlich gefüllt? Offen bleibt, warum Meister eine solche Lernfähigkeit unter seinen Kollegen zu beobachten vermeint und dem normalen Gemeindemitglied diesen Sprung nicht zutraut. Man darf vermuten, dass der Landesbischof eher zu selbstsicher ist und verkennt, dass Antisemitismus immer und überall eine ernstzunehmende Bedrohung darstellt – und sogar in der Kirchenleitung auftauchen kann, auch wenn es aktuell zumindest keine sichtbaren Zeichen dafür gibt.

… aber viele Plätze blieben leer.

So fasste Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, treffend zusammen: Viele Juden spüren im Alltag nichts von einer Bedrohung durch Antisemitismus – Gott sei Dank. Aber das sei kein Anlass zur Entspannung. Sonst müsste Schuster sagen: „Macht euch nicht nur Gedanken darüber, wo die gepackten Koffer stehen, sondern ob diese auch funktionsfähig sind.“ Dies gilt es unbedingt zu verhindern, auch wenn allen Anwesenden klar war, dass es kein Patentrezept dafür gibt. Antisemitismus auszulöschen ist kein realistisches Ziel. Aber Zivilcourage und positive Gefühle zur Demokratie verstärken können gute Ansätze sein, Ressentiments zu begegnen – nicht nur Antisemitismus.

Insgesamt einen Besuch wert!

„Wir sind manchmal vielleicht nicht die besten Botschafter, aber wir haben die beste Botschaft!”[2] Dieser Satz stammt vom EKD-Vorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm. Wer bewusst suchte, konnte durchaus wertvolle Impulse zu religiösen Themen und zum Leben als Christen in einer modernen Gesellschaft finden. Vieles war gut auf dem Evangelischen Kirchentag 2019. Das gilt vor allem für den jüdisch-christlichen Dialog, der von der Evangelischen Kirche sensibel, aber in Klarheit angegangen wurde – wie die vorgestellten Veranstaltungen zeigten.

Dennoch muss gefragt werden, wieso beispielsweise messianisch-jüdischen Gruppierungen nicht aktiv auftreten durften. Und wieso wurde nicht deutlicher gegen vielfältige BDS-Trends Position bezogen, die regelmäßig zum politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Boykott von Israel aufrufen? Auf dem Evangelischen Kirchentag war kaum ein Thema oder eine Meinung tabu – diese beiden hätten ebenfalls einen Platz verdient.

AEdler

[1] Hier zum Nachlesen: https://dxz7zkp528hul.cloudfront.net/production/htdocs/fileadmin/dateien/zzz_NEUER_BAUM/Service/Downloads/Publikationen/DEKT37_Exegetische_Skizzen.pdf [2] https://twitter.com/jesusde?ref_src=twsrc%5Egoogle%7Ctwcamp%5Eserp%7Ctwgr%5Eauthor

„Die CDU stellt sich entschieden jedem Antisemitismus und der Diskriminierung von Juden in unserem Land entgegen“, betont der Stellvertretende Vorsitzende der CDU Pohlheim, Prof. Dr. Helge Stadelmann. Es sei ein Skandal, dass es in Deutschland heute wieder Nazis gebe, die jüdische Mitbürger und ihre Einrichtungen bedrohten. Ebenso sei nicht hinnehmbar, dass Islamisten die Vernichtung des Staates Israel betrieben und dabei die gleichen antisemitischen Klischees verwendeten, wie einst der Nationalsozialismus. Dass vor der Gießener Synagoge heute bei jeder Veranstaltung zum Schutz eine Polizeistreife stationiert sein müsse, gebe zu denken.

Die CDU veranstaltet deshalb bundesweit vom 14.-21. Juni eine Aktionswoche „Von Schabbat zu Schabbat“, in der sie Stellung gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben in Deutschland nimmt. Sie ruft dazu auf, dass sich Vereine, Feuerwehren, Handwerksmeister und Lokalpolitiker dieser Aktion anschließen, für unsere jüdischen Mitbürger Stellung nehmen und jüdische Einrichtungen besuchen.

Zum anstehenden Pfingstfest grüßt die CDU Pohlheim alle jüdischen Mitbürger in Stadt und Landkreis, die zeitgleich das jüdische Schawuoth-Fest begehen. An Schawuoth feiern Juden den Empfang der 10 Gebote, die weltweit die Wertegrundlage für humane und gerechte Gesellschaften gelegt haben. „Nicht nur das Christentum, sondern unsere gesamte Zivilisation verdanken dem Judentum viel“, so Stadelmann. Die CDU fühle sich diesem Wertefundament verpflichtet.

christlich-jüdische Grundsätze

Vom 14.-18. Mai soll in Tel Aviv der 64. Eurovision Song Contest stattfinden, den viele noch unter der bis 2001 gängigen Bezeichnung „Grand Prix“ kennen. Ort der Austragung ist dabei immer das Siegerland des Vorjahres. Das mag verwundern, insofern Israel geografisch nicht zu Europa gehört. Allerdings dürfen alle Länder teilnehmen, die Mitglied der European Broadcasting Union sind, einem Zusammenschluss öffentlich-rechtlicher Rundfunkunionen. Da es für die Mitgliedschaft keine geografischen Richtlinien gibt, können Israel und beispielsweise auch Russland und Australien am ESC teilnehmen.

Der ESC – dieses Jahr in Tel Aviv

Dieses Jahr trägt der ESC allerdings nicht nur zur Horizonterweiterung und Unterhaltung seiner Zuschauer und Fans bei.  Denn die weltweit organisierte BDS-Bewegung macht seit Monaten darauf aufmerksam, dass Israel ihrer Ansicht nach nicht als Ausrichtungsort taugt. Israel, so heißt es beispielweise in einem offenen Brief, den die schwedische Zeitung „Aftonbladet“ vor wenigen Tagen veröffentlichte, nutze seine Rolle als Gastgeber aus, um die eigenen Verbrechen zu vertuschen. Aus Solidarität mit den Palästinensern, die laut der Bewegung permanent durch den Staat Israel in ihren Menschenrechten verletzt oder dieser gar beraubt werden, solle der Contest nicht öffentlich übertragen werden. Besser noch, kein Künstler ginge hin. In Island, Frankreich und Irland gab es bereits diverse Aktionen, um dieses Ziel durchzusetzen.

So fordert die BDS-Bewegung mal wieder, künstlerische Freiheit zugunsten ihrer politischen Interessen zu beschränken. Notfalls mit viel Nachdruck.

Nicht alle geben nach: Via facebook reagierte der Frankfurter Bürgermeister Uwe Becker auf einen offenen Brief, den Boykotteure Ende Januar im Guardian veröffentlichten. Becker kritisiert darin mit deutlichen Worten die Doppelmoral der BDS-Bewegung: „They (Anm.: die Boykotteure) write: ‚Until Palestinians can enjoy freedom, justice and equal rights, there should be no business-as-usual with the state that is denying them their basic rights.‘ Well ‚artists from Europe and beyond‘ where in the whole region you are talking about can we see ‚freedom, justice and equal rights‘? Where are those basic human rights constitutional guaranteed? Right, in Israel.[1]

Zudem: „…as long as you support the boycott of Israel, you are not welcome in our city of Frankfurt!

Die Stadt Frankfurt setzt sich gegen Antisemitismus ein

Becker stellt sich schon seit Jahren offen gegen Antisemitismus. So arbeitet die Stadt Frankfurt nicht mit Banken zusammen, die der BDS-Bewegung nahe stehen oder diese unterstützen. Außerdem werden keine Räumlichkeiten mehr an BDS-Aktionisten vermietet. Als der Bürgermeister Ende Februar in Tel Aviv ein Bündnis gegen Antisemitismus mitgründete, umfasste dies betont auch das Vorgehen gegen die BDS-Bewegung. Denn zum Einsatz gegen Antisemitismus gehört für Becker ganz klar die Solidarität mit dem Staat Israel.

A.Edler

[1] Den vollständigen Post finden Sie unter https://www.facebook.com/uwe.becker.545/posts/10218256177623682

„Heute vor 80 Jahren…“ So könnte man diesen Artikel beginnen, wie es auch immer wieder getan wird. Allerdings ist es gut, sich den Dingen einmal anders zu nähern. Der Filmemacher Marshall Curry hat genau das getan und ruft damit in Erinnerung, was am liebsten vergessen werden würde.

Knapp sieben Minuten Filmmaterial füllt der mehrfach prämierte Kurzfilm „A Night at the Garden“ von Curry. Er zeigt, was vielen Amerikanern und erst recht Europäern unvorstellbar ist: Am 20. Februar 1939 versammelten sich rund 20.000 Menschen in Madison Garden, New York, um nationalsozialistisches Gedankengut zu bejubeln und zu feiern.

Der Zusammenschnitt beunruhigt den Zuschauer von Anfang an. Unwohlsein macht sich breit und man fragt sich, was in den Sequenzen wohl vor sich geht. Klar wird die Thematik erst, als das eigentliche, unheimliche Szenario eingespielt wird. Eine kleine Parade beginnt. Menschen marschieren mit der amerikanischen Fahne auf, inmitten einer starren Menge, die einheitlich den Hitler-Gruß zeigt. Pauken werden geschlagen, ein Orchester spielt vor der Tribüne. Es folgen mehrere Reihen von Frauen in schwarzem Rock und weißer Bluse. Banner werden hochgehalten: „unser Ziel – ein einiges Deutschtum“. Dazwischen Hakenkreuzflaggen. Auf all das blickt von oben ein riesiges Bildnis von Gründervater George Washington herab. Man fragt sich immerzu, wie das alles zusammenpasst.

Die Freiheitsstatue

Die Musik verstummt und ein Mann tritt ans Rednerpult. Es ist Fritz Kuhn, zu dieser Zeit Leiter des „Amerikadeutschen Bundes“. Dem ratlosen Zuschauer begegnet ein Mann, der das New Yorker Publikum mit Witz und Charme zu fesseln weiß.

„We, with American ideals, demand that our government shall be returned to the American people who founded it. “ Ein paar lockere Sprüche, das Publikum lacht. Der Pledge of Allegiance als Treueschwur auf die amerikanische Flagge folgt Kuhns Zwei-Punkte-Plan, der immer wieder vom Jubel der Menge unterbrochen wird: Erstens, „a socially just white, Gentile ruled United States.“ Zweitens, „Gentile-controlled labor unions, free from jewish Moscow-directed domination.“

Die Parolen enden, als ein einzelner, offensichtlich aufgebrachter Mann nahe des Podiums von einem Mob uniformierter Männer ergriffen wird. Der Störer wehrt sich, ein Gerangel entsteht. Immer mehr Uniformierte kommen dazu, die sich alle auf den Einzelnen stürzen und ihn schließlich abführen. Man hatte ihm noch die Hosen runtergezogen. Der Vorgang zieht sich in die Länge. Die Menge feiert das. Was der Zuschauer nicht weiß: Es handelt sich bei dem Mann um Isadore Greenbaum, der wenig später vor Gericht erklärte, dass er gar nicht mit der Absicht zur Veranstaltung gekommen war, um für Aufruhr zu sorgen. Aber weil er das Leben Tausender jüdischer Menschen in Gefahr sah, konnte er nicht mehr still bleiben. Greenbaum hatte verstanden.

Nach diesem Zwischenfall spielt das Orchester, eine hohe Frauenstimme singt, so, als sei nichts gewesen. Es ist diese beklemmende Mischung der Sequenzen, die den Zuschauer auch lange nach dem Film nicht los lässt.

Curry ist der Erste, der Mitschnitte dieses Aufmarschs systematisch präsentiert. Seine Intention: Zu zeigen, dass die gleichen Menschen, die nach dem Angriff auf Pearl Harbour jegliche Nazi-Ideologie verdammten und ersticken wollten, zwei Jahre zuvor genau diese Philosophie bejubelt hatten. Was wäre gewesen, wenn…? Hätten die Dinge auch ganz anders laufen können? Der Filmemacher sagt dazu, frei übersetzt: „Wir glauben heute, dass es eine scharfe Linie zwischen den „Guten“ und den „Bösen“ gäbe. Ich aber glaube, dass in den meisten Menschen eine dunkle Seite steckt, die darauf wartet, von einem gemeinen und zugleich witzigen Demagogen angestachelt zu werden, der uns überzeugt, dass Anstand was für Schwache ist, Demokratie für Naive, und dass Respekt und Güte anderen gegenüber nur Formen von lächerlicher politischer Korrektheit sind.“ Currys Film zeigt, dass es keinen Grund gibt, sich in Sicherheit zu wiegen, nicht einmal vor sich selbst. A. Edler

Der Link zum Film: https://anightatthegarden.com/?fbclid=IwAR2fX2fUeRlAMmzQ9mmiahFQQkjqyoTPKpRJEmgHBr7iue2lnRUKcBTfDg0, zuletzt aufgerufen am 19.02.2019  

Gute und kontrovers-theologische Impulse aus Berlin

Während zur gleichen Zeit an der FTH die Israelwoche durchgeführt wurde, besuchten wir den dritten Israel-Gemeinde-Kongress in Berlin, welcher vom 8. bis zum 10. November statt-fand. Der Veranstalter war das Christliche Forum für Israel (CFFI) Deutschland. Durch die Vorträge der Konferenz sollten besonders zwei prägnante Fragen beantwortet werden: „Was bedeutet es für Christen, dass Israel und die Gemeinde Gottes Licht in die Welt reflektieren sollen und welche Konsequenzen zieht das nach sich?“. Zur Klärung dieser breit gefächerten Fragen wurden die verschiedensten Redner zum Kongress geladen. Darunter waren bei-spielsweise der Theologe und Journalist Johannes Gerloff, der Knessetabgeordnete Yehuda Glick und der Leiter eines Lehr- und Missionsdienstes in Israel Peter Tsukahira.

Am ersten Tag wurde nachmittags zunächst mit viel Lobpreis begonnen und einem Grußwort von Gottfried Bühler, welcher der Leiter von ICEJ Deutschland ist, und von Harald Eckert, dem Leiter von „Christen an der Seite Israels“ in Deutschland. Beide machten direkt auf unmissverständliche Weise deutlich, dass das heutige Israel ein zentraler Teil des Heilsplans Gottes sei und sich durch dessen Staatsgründung im Jahre 1948 und sein Fortbestehen viele Prophetien des Alten Testament erfüllt hätten. Diese Tatsache müssten die Christen verstehen und aus diesem Grund müssten sie mit allen Bestrebungen diesen Staat, diesen Plan Gottes, unterstützen.

Am späten Nachmittag sprach dann nun Yehuda Glick, ein Abgeordneter der Likud-Partei im israelischen Parlament und orthodoxer Rabbiner. Zunächst drückte er seine Freude über die Tatsache aus, dass das heutige Problem für das jüdische Volk lediglich eine „Ein- oder Zwei-Staaten-Lösung“ darstelle und nicht wie vor 75 Jahren die „Endlösung“. Während des Kongresses werde die Liebe für die Juden tausend Mal stärker verkörpert, als der damalige Hass gegen sie. Er merkte an, dass heutzutage ein Problem beim Bibellesen bestehe (aus unserer Perspektive kann er nur das Alte Testament gemeint haben). Der in der Bibel beschriebene Exodus stelle lediglich nur „Peanuts“ dar, im Vergleich zum heutigen Exodus, der Rückkehr der Juden nach fast 2000 Jahren aus der ganzen Welt nach Israel. Solch eine Aussage ist je-doch mit Vorsicht zu genießen, denn sie relativiert die Größe des Exodus in der Bibel und es ist schwer zu beurteilen, ob beide Ereignisse gegeneinander gewichtet werden können.

Zusätzlich merkte er an, dass die Zahl 70 in der Bibel immer über die Beziehung zwischen Juden und Heiden spreche. Somit sei es kein Wunder, dass 70 Jahre nach der Staatsgründung Israels die Welt beginne, Jerusalem als die Hauptstadt des jüdischen Staates anzuerkennen. Mit „der Welt“ kann er neben den USA nur noch einige wenige andere Staaten gemeint haben. Zudem hatte Russland bereits im Jahr 2017 West-Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt. Jerusalem sei der „Heilige Palast“ Gottes, es sei somit nichts Politisches, sondern eher offensichtlich, dass die Welt diese Stadt, als das Zentrum Israels anerkenne. Gott habe gesagt, dass auf dem Tempelberg immer seine Gegenwart sein werde.

Den heutigen Tourismus nach Jerusalem bezeichnete er als die Erfüllung von Jesaja 2,2-3, und Jerusalem gehöre nicht lediglich einer Person oder einer Religion, sondern dem Gott aller Nationen. Gott sei nicht exklusiv, sondern inklusiv, und er beinhalte alles (an dieser Stelle verzichten wir darauf dies theologisch zu kommentieren). Als etwas ebenfalls Besonderes betrachtete er die „Tatsache“, dass Netanjahu heutzutage das einzige Staatsoberhaut der Welt sei, welcher mit allen anderen Staatsoberhäuptern sprechen könne, selbst mit den Führern von Saudi Arabien oder dem Oman. Diese Aussage ist bei näherem Hinsehen ungenau oder zu pauschal. Es ist zwar so, dass Netanjahu mit den Oberhäuptern von dem Oman und Saudi-Arabien Gespräche führen kann, jedoch nicht mit Assad in Syrien oder beispielsweise den Führern der islamischen Republik Iran und vielen anderen arabischen Staaten. Zugleich führte er an, dass der israelische Präsident der Einzige auf der Welt sei, welcher gleichzeitig mit dem russischen Präsidenten und dem amerikanischen Präsidenten sprechen könne und diese treffen könne. Auch das ist nicht ganz richtig. Beispielsweise pflegen der türkische Präsident Erdogan oder der chinesische Präsident Xi Jinping ebenfalls regelmäßige Beziehungen mit Washington D. C und Moskau. Im Vortrag erzählte er immer wieder über den Anschlag, welcher vor etwa vier Jahren in Jerusalem auf ihn verübt wurde.

Yehuda Glick schloss seinen Vortrag damit, dass er den Kongress als einen Beweis betrachte, dass Gott ein Gott der Harmonie sei, wenn Juden und Heiden 80 Jahre nach der Reichskristallnacht in Berlin zusammen kommen könnten, um Gott zu loben.

Am Abend sprach Peter Tsukahira. Er ist ein japanisch-stämmiger US-Amerikaner, welcher seit sehr langer Zeit in Israel lebt und dort der Gründer und Leiter des Missionswerkes „Or HaCarmel Ministry Center“ ist. Der Titel seines Vortrags war „Gottes Tsunami – Prinzipien der Ausbreitung des Reiches Gottes“. Was diese Begrifflichkeit mit dem Inhalt seiner Rede zu tun hatte, war nach seinem Vortrag nicht ganz ersichtlich, hatte es wohl mit einem von ihm verfassten Buch zu tun.

Er sei oft in Asien auf Reisen. Dort wüssten die Christen wenig von der Substitutionslehre und dies sei auch gut so. Zu tun habe das aber damit, dass sie leider zu wenig Kenntnis über die Kirchengeschichte besäßen. Hauptsächlich sei er in Israel tätig. Dort würden die offiziellen Führungskräfte des Landes immer wieder hervorheben, dass evangelikale Christen die größten Unterstützer Israels seien. Tsukahira meinte, dass dabei Jesus für die Evangelikalen nie ein ungewollter Gast sein dürfte. Diesbezüglich dürften sie nicht einfach nur an der Seite Israels stehen, sondern insbesondere an der Seite des Messias. Das ist wahrscheinlich nicht als eine Kritik an einem ‚Israelfanatismus‘ unter Christen zu verstehen, sondern lediglich als ein „Aufmerksammachen“ im Hinblick auf die jüdisch-messianische Identität Jesu.

Er sprach ebenfalls über die Kontextualisierung des Evangeliums. Diese sei notwendig gewesen, als das Evangelium aus Israel hinaus an die Nationen ging. Nun jedoch komme das Evangelium wieder nach Israel wieder zurück und das in seiner ‚ursprünglichen‘ Form. Das ‚originale‘ Evangelium komme zum Vorschein, wenn es für Juden kontextualisiert wird. Diese Aussage ist ein wenig widersprüchlich und sollte mit Vorsicht betrachtet werden. Es stimmt zwar, dass in der Mission immer auf irgendeine Weise das Evangelium kontextualisiert wird. Wenn jedoch von einer originalen Form des Evangeliums im Judentum gesprochen wird und davon, dass es nicht mehr seine Grundform besitzt, wenn es unter den Nationen verkündigt wird, dann werden theologische Weichen gestellt, die nicht der Intention der neutestamentlichen Schriften entsprechen dürften. Denn es gibt nur ein einziges, wahres und originales Evangelium. Dieses Evangelium gilt im gleichen Maße für die Juden, als auch für alle anderen Völker. Qualitativ und inhaltlich darf und kann nicht zwischen zwei Varianten unterschieden werden. Die Größe dieser einen Heilsbotschaft Gottes ist doch vor allem diese, dass sie nicht nur den Juden gilt, sondern allen Menschen, aus allen Nationen und dies im gleichen Maße.

Tsukahira sprach weiter darüber, dass das Reich Gottes nicht erst mit Jesus im NT anfange. Es beginne nicht erst im Matthäusevangelium in Kapitel 4, sondern es beginne mit dem Volk Israel. Das Reich Gottes habe seinen Anfang gefunden, als das Volk Israel aus Abraham er-schaffen wurde. Diese These allerdings gilt theologisch als weithin umstritten oder sogar als Irrtum bzw. als eine unscharfe Verwendung dessen, was denn – je nach biblischem Kontext – „Reich Gottes“ sein soll. In der Kirchengeschichte sei das Reich Gottes entweder „vergeistlicht“ oder auf religiöse Motive minimiert worden. Das Paradigma für das Reich Gottes sei jedoch Israel. Dabei meint Tsukahira aber nicht einfach nur ein geistliches Israel, sondern die Nation und das jüdische Volk auf der Erde.

Eine ähnliche Ansichtsweise vertrat Johannes Gerloff in seinem Vortrag am 10. November. Wie diese Ansichtsweise aber mit dem Kapitel Neun aus dem Hebräerbrief zusammenpasst ist fraglich. Die theologische Begründung blieb in beiden Fällen oberflächlich und nicht wirklich überzeugend. In der gesamten Kirchengeschichte hätten die Kirchenväter und die Reformatoren diese Tatsache nicht begriffen, nämlich, dass nicht die Kirche das Reich Gottes sei, sondern die Nation und das Volk Israel. Mit der Staatsgründung Israels vor 70 Jahre sei das Reich Gottes auf der Erde wieder vorhanden. Diese Tatsache sei größer als die Reformation und sie müsse die heutige Kirche verändern.

Es ist theologisch anstößig, dass das Reich Gottes lediglich auf den irdischen Staat Israel reduziert werde und somit wohl annähernd 2000 Jahre auf der Erde nicht vorhanden gewesen sei. Solche Thesen sind von der Bibel her exegetisch und theologisch schlichtweg nicht halt-bar. Darin überzeugten die Beiträge nicht.

Am zweiten Tag des Kongresses wurden mehrere Organisation vorgestellt, welche Juden in Israel selbst oder in anderen Teilen der Erde unterstützen oder zum Ziel haben, ihnen das Evangelium Jesu zu bezeugen. Stephan Lehnert, ein Leiter von ICEJ-Deutschland, sprach über Zusammenhänge der heutigen Alija-Bewegung (Rückkehr der Juden nach Israel). Es wurde erneut unterstrichen, dass Gott eine große Liebe zu Israel habe und dass das, was heute passiere, größer sei, als der Exodus des jüdischen Volkes aus Ägypten. Der Sprecher wollte klar stellen, dass die Worte aus Jesaja 11:11,12 und Hesekiel 28:25,26 nicht bereits mit der Rück-kehr des jüdischen Volkes aus der babylonischen Gefangenschaft erfüllt worden seien. Er fügte weitere Stellen an, welche die heutige Alija-Rückkehrbewegung vorhersagen würden, wie zum Beispiel Jeremia 23:7,8 und Jesaja 60:4,5. Das Ermutigende daran sei, dass wir als Christen heutzutage darüber nicht nur staunen dürften, sondern wir auch aktiv, beispielsweise durch praktische finanzielle Unterstützung für die zurückkehrenden Juden, daran beteiligt sein könnten. Auch im Neuen Testament könne von einer Unterstützung der Christen für die Juden gelesen werden, wie beispielsweise 2. Korinther 8:9 eine Geldsammlung für Juden in Jerusalem beschreiben soll. Auf gleiche Weise stünden die heutigen Christen auf der ganzen Welt in der Pflicht, Gottes Plan der Rückführung der Juden nach Israel zu unterstützen. Die These ist allerdings nicht wirklich überzeugend, ja, sogar insgesamt theologisch fragwürdig, da ihr der sachgerechte exegetische Unterbau zur Begründung fehlt.

Es wurden während des Kongresses christliche Dienste vorgestellt, welche verarmte Holocaust-Überlebende im Ausland unterstützen. Juden würden zudem auch mithilfe der ‚Jewish Agency‘ nach Israel gebracht werden. Dort werde von einigen Organisationen Integrationsunterstützung betrieben, denn die Integration sei nach der Alija-Rückführung eine der größten Schwierigkeiten für die in Israel fremden Juden. Dabei definiere der israelische Staat die Integration mit den folgenden drei Parameter: Sprache, kulturelle Zugehörigkeit und Arbeitsplatzperspektive.

Am Abend des 9. Novembers wurde ein öffentlicher Gedenkabend zu dem Anlass ‚80 Jahre Reichspogromnacht‘ veranstaltet, wozu einige Holocaustüberlebende eingeladen wurden. Dieser Abend wurde andächtig gestaltet. Er kann mit Recht als ein Höhepunkt der Konferenz bezeichnet werden. Siegbert Aron und Franz Michalski, zwei Holocaustüberlebende, wurden über den Abend hinweg näher zu ihrem Leben interviewt. Den Zuhörern bot sich ein äußerst wertvoller Einblick in ihr Leben. Insbesondere ihre Kindheitserinnerungen an die Zeit des Dritten Reichs waren eindrücklich. Ihre Erzählungen vergegenwärtigten die schreckliche Realität des damaligen Judenhasses und die daraus resultierende Judenverfolgung unter den anwesenden Gästen. Franz Michalski wurde mit seiner gesamten Familie während des Holocausts von verschiedenen deutschen Bürgern versteckt, und alle Angehörigen seines engeren Familienkreises konnten auf diese Weise überleben. Siegbert Aron und sein Vater wollten zunächst in die USA flüchten. Dort wurde jedoch der Asylantrag abgelehnt mit der Begründung, der Vater sei ein polnischer Bürger und es seien bereits genügend Polen in diesem Jahr in die Vereinigten Staaten emigriert. Dass der Vater jedoch kein Wort polnisch sprach, blieb damals unberücksichtigt. Alsdann flüchteten sie nach China, in die Stadt Shanghai. Nachdem der Krieg vorüber war, lebte er eine kurze Zeit in den USA, und bevor der jüdische Staat ausgerufen wurde, zog es ihn nach Israel. Dort musste er unmittelbar in der israelischen Luftwaffe dienen, als 1948 der israelische Unabhängigkeitskrieg ausbrach.

Die Erzählungen aus den Leben dieser beiden Zeitzeugen waren äußerst erschütternd und zugleich auch aufrüttelnd. Das Plädoyer bleibt: Nie wieder! Heutzutage muss deshalb jeglicher Form von Antisemitismus entschieden entgegen getreten und auf das Schärfste verurteilt werden. Angesichts dieser Berichte und antisemitischer Vorkommnissen, auch über die deutschen Grenzen hinaus, ist es nicht verwunderlich, dass Juden aus der ganzen Welt nach Israel emigrieren mussten und sie das noch immer tun. Für Juden gab es während der Zeit des Dritten Reiches kaum sichere Zufluchtsorte, geschweige denn ein eigenes sicheres Land. Daher ist es unser aller Pflicht keine Formen von Judenhass in unserem Land und auch anderswo zu dulden, sowie eine sich nach Israel (als Heimat) sehnende Haltung von Juden vorbehaltlos anzuerkennen. Es mag nicht alles im Verhalten und Reagieren des israelischen Staates vorbildlich sein, allerdings ist der „Judenstaat Israel“ auch ein Ergebnis jahrhundert-langer Verfolgungen (Pogrome) von Juden auf der ganzen Welt und besonders in Russland, Polen und in Deutschland. Diese Tatsache darf bei den Diskussionen nicht übersehen werden.

Am 10. November, dem letzten Tag der Konferenz, hielt unter anderem Johannes Gerloff einen Vortrag mit dem Titel „Das Reich für Israel – Bibelarbeit zu Apg. 1:6-8“. In der vorliegenden Bibelstelle (Apg. 1:6-8) wurde Jesus von den Jüngern gefragt, ob Jesus in dieser Zeit das Reich für Israel wieder aufrichte. Calvin habe diese Stelle mit den Worten kommentiert, dass in der Frage der Jünger mehr Irrtümer vorhanden seien, als Worte. Laut Gerloff habe Calvin mit diesem Kommentar die Worte Jesu verunehrt. Dies begründete er damit, dass Calvin mit seiner Aussage behaupten würde, dass Jesus Menschen ausgewählt habe, die keine Ahnung über den wahren Zustands Israels gehabt hätten. Das jedoch sei nicht vorstellbar, so Gerloff. Er erläuterte, was diese Frage zur Zeit der Jünger bedeutet habe. Zur Klärung konzentrierte er sich auf das griechische Wort „ἀποκαθιστάνεις“, welches an dieser Stelle „wiederherstellen“ bedeute. Es sei dasselbe Wort, welches Petrus in Apg. 3,21 benutze. In den Bibelstellen Jer. 16:15,16 / 23:8 / 24:6 würde dieser Begriff ebenfalls auftauchen. Bei diesem Wort handele es sich um einen sogenannten „Terminus technicus“, welcher die „Wiedereinführung des jüdischen Volkes in das jüdische Land“ beschreibe. Daher sei es im ersten Kapitel der Apostelgeschichte ein für die Jünger bekannter Kontext gewesen. Solch eine „Blindheit“ für die Tatsache der Wiederherstellung Israels, so Gerloff, ziehe sich durch die gesamte Kirchengeschichte hindurch, und auch alle Reformatoren hätten sie vertreten.

Im Matthäusevangelium verbiete Jesus die Heidenmission, und Gerloff stellte klar, dass Jesus nur der König von Israel sei und nicht die so wörtlich: „Problemmutter der gesamten Welt“. Jesus sei zunächst nur der König Israels. Auf die Frage, weshalb er die Jünger beauftragte, hinaus in die Welt zu gehen, antwortete der Redner, dass die Jünger zunächst nicht wissen sollten, was mit Israel sei, sondern zuerst den Nationen das Evangelium verkündigen mussten. Gott habe ihnen, den Juden, die Augen und Ohren verschlossen. Dies sei der Grund weshalb Paulus während seiner Mission immer zunächst mit den Juden geredet habe, und nachdem diese das Evangelium abgelehnt hätten, er dann erst zu den Heiden gegangen sei.

In Jesaja 49:1-6 werde darüber gesprochen, dass Israel, das jüdische Volk, nicht gesammelt werde. Es sei eine inkorrekte Übersetzung, dass dort in den heutigen Übersetzungen stehe, dass Israel zu Gott hin gesammelt werde. Diese Sammlung geschehe nämlich zunächst nicht, damit die anderen Nationen Gottes Heilsbotschaft glauben könnten. Wenn wir diese Stelle heutzutage nicht korrekt übersetzen würden, nämlich dass Israel zunächst nicht gesammelt werde, dann verstünden wir das Kreuz nicht. Als weitere Begründung zog Gerloff Römer 11:11 heran. Dies sei der Grund, weshalb Jesus im ersten Kapitel der Apostelgeschichte den Jüngern antwortete, dass es in diesem Moment nicht an der Zeit sei, zu wissen, wann Gott Israel wieder aufrichte, sondern dass zunächst den Heiden das Evangelium verkündigt wer-den müsse.

Gerloff schloss damit ab, dass Jesus im Lukasevangelium 19:41-44 tatsächlich darüber weinen würde, dass die Kirche über die Juden in ihrer gesamten Geschichte spotten werde. Ebenfalls behauptete er, dass die Bibel keine platte Dogmatik hergebe, so wie es die Mehrheit der Kirche glaube und dass wir Christen nicht zum Vorrausschauen und zum Sinnen über Dogmatik berufen seien, sondern zur Nachfolge.

Die heutige Theologie erkläre ebenfalls die Verbindung zwischen dem Land und dem Volk Gottes als unbedeutend. Diese Theologien würden dadurch den Namen Gottes entehren. Wieso das so sein soll, wurde nicht stichhaltig begründet. Das Referat wurde mit den Worten geschlossen, dass nun endlich nach etwa zwei-ein-halb Tausend Jahren die meisten Juden auf der Welt wieder in Israel leben würden. In der Zwischenzeit, als das „Volk Gottes“ sich nicht in seinem Land befand, sei Gott entheiligt worden: „Jeder Jude, der nicht im Land Israel wohnt, entheiligt Gott“. Diese Aussage empfand ich als Zuhörer erstaunlich überstürzt, da doch am Abend zuvor zwei Holocaustüberlebende über ihre Schreckenserlebnisse gesprochen haben und diese Überlebenden heute in Deutschland leben, eben nicht in Israel. Mit solchen Worten indirekt zu behaupten, dass diese Holocaustüberlebenden mit ihrer Entscheidung, ein Leben in Deutschland zu führen, Gott entehren würden, ist in meinen Augen als mehr als gewagt zu bezeichnen.

In Berlin-Mitte wurde am letzten Tag der Kongress mit einer öffentlichen Kundgebung gegen Antisemitismus und für ein Israel mit Jerusalem als Hauptstadt abgeschlossen. Nach den antisemitischen Vorkommnissen in Berlin, von welchen in letzter Zeit immer wieder zu hören war, setzte diese Aktion ein wichtiges Zeichen. Dieses Aufmerksam-Machen auf die heutige Israel- und Judenfeindlichkeit war ein sehr positiv zu bewertender Bestandteil des Kongresses. In der heutigen Christenheit scheint eine solch entschiedene Haltung gegen Formen des Anti-Israelismus und Anti-Semitismus in Vergessenheit geraten. Das muss sich ändern.

Leider waren nach meiner Einschätzung nicht alle theologischen Aussagen in den Vorträgen des Kongresses überzeugend oder objektiv nachvollziehbar. Die Bedeutung des Bundesvolkes Israels wie auch die Verknüpfung mit dem Staat Israel bilden für die christliche Theologie besonders wichtige Bausteine. Wenn diese Bausteine jedoch auf der anderen Seite zu sehr überbewertet werden, man sie zum Zentrum der Theologie hochstilisiert, so dass sie beinahe wichtiger erscheinen, als das Evangelium selbst, dann verklärt man die Bedeutung dieser theologischen Bausteine. Dadurch wird das gesamte Bild einer biblisch gegründeten Heilsgeschichte Gottes verzerrt. Dieser Gefahr sollte man sich stets bewusst sein, wenn es darum geht, die Bedeutung Israels wieder weiter in das Blickfeld der heute betriebenen christlichen Theologie zu rücken.

Wer sich mit dem Verhältnis von Judentum und Christentum auseinandersetzt, muss in erster Linie theologisch versiert sein und darf zudem in seinen Ausführungen keinen Raum für Zweideutigkeiten lassen. Letzteres wurde in den vergangenen Wochen am Beispiel einer Schrift von Joseph Ratzinger besonders deutlich: Während die einen von einem Text nach dem „Gestus des Besserwissers“[1] sprechen, der „starker Tobak“ für das ohnehin historisch belastete Verhältnis von Judentum und Kirche sei, sehen andere eine Bereicherung und Einladung, dieses Verhältnis theologisch tiefergehend zu durchdenken.[2]

Viele Zeitungen griffen die Debatte Anfang August auf.

Worum geht es? Dafür muss man historisch ein paar Jahre in der Geschichte der katholischen Kirche zurückgehen.

Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil entstand 1965 das lehramtliche, also verbindliche Dokument „Nostra aetate“. Darin ordnet die katholische Kirche ihr Verhältnis zu nicht-christlichen Religionen. Ziel war, mehr das Einende als das Trennende in den Blick zu nehmen. Dabei geht ein Artikel explizit auf das Judentum ein. So stellt man fest, dass die gemeinsame Basis von Juden und Christen das Alte Testament ist. Beide Glaubensgruppen sind durch ein geistliches Band verbunden, das auf den „Stamm Abrahams“ zurückzuführen ist. Zwar sei die Kirche das neue Volk Gottes, aber daraus darf nicht geschlussfolgert werden, Gott habe das alte Volk, Israel, verworfen. Im Gegenteil: Für eine Verwerfung des alten Volkes gebe es keine biblischen Anhaltspunkte. Juden sind von Gott geliebt, obwohl sie Christus ablehnen. Daher müsse man alles daran setzen, entgegenstehende Lehren abzuwehren.

Dieser Abschnitt 4 wird heute noch von Theologen als das Herzstück des Dokuments bezeichnet, beispielsweise als im Jahr 2015 anlässlich der 50. Jährung von „Nostra aetate“ ein Vatikandokument entstand.[3] Darin reflektiert die „Kommission für die religiösen Beziehungen  zum Judentum“ die Entstehung und Wirkung von „Nostra aetate“. Diese Kommission kommt zu dem Ergebnis, dass eine Substitutionstheorie, die die christliche Kirche an die Stelle Israels setzt und sämtliche alttestamentliche Verheißungen ausnahmslos auf sich bezieht, zurückzuweisen sei. Auch der Hebräerbrief, der als Wegbereiter einer solchen antijüdischen Einstellung gilt, würde der Ersatztheologie beim genaueren Hinsehen nicht standhalten. Die Kirche dürfe sich zurecht als neues Gottesvolk bezeichnen, doch habe Gott damit das „alte“ Gottesvolk nicht ersetzt. Nach christlicher Sicht bringe der neue Bund alttestamentliche Verheißungen zur Erfüllung – was nicht mit einer Aufhebung einhergehen muss. Vielmehr handele es sich um eine Erweiterung.

Weiterhin bemerkt das Dokument, dass Juden und Christen ihren jeweils eigenen Weg haben, das Wort Gottes zu lesen und zu verstehen: Juden stellen in ihrer Beziehung zu Gott die Thora in den Mittelpunkt und Christen den Christus. Als Christ könne man das Neue Testament als Kommentar oder Auslegungshilfe für das Alte Testament verstehen. Dabei hilft die Beobachtung, dass mit der Tempelzerstörung 70 n. Chr. die Rabbiner ihrerseits begannen, das AT stellenweise neu zu überdenken.

Der Universal- und Exklusivanspruch Jesu Christi müsse nicht dazu führen, Juden das Heil abzusprechen. Denn wie Gott trotz dieses Anspruches rettet, bleibt in ihm verschlossen: Juden haben auf Grundlage der Heiligen Schrift Anteil an Gottes Heil, aber nicht über einen zweiten Heilsweg. „Auf welche Weise er jeweils die Menschen retten will“[4], können wir nicht nachvollziehen. „Wie  dies ohne   explizites  Christusbekenntnis  möglich  sein  kann,  ist  und  bleibt  ein  abgrundtiefes  Geheimnis  Gottes.“[5] Der Verzicht auf Mission wird dabei ausdrücklich betont. Daraus ergibt sich als Fazit des Dokuments: Es gibt keine zwei Bünde, sondern ein Volk Gottes aus Juden und Christen, in Christus geeint. Sämtliche Formen von Antijudaismus bzw. Antisemitismus sind zu verwerfen.

Soweit eine Übersicht zur offiziellen Stellungnahme der katholischen Kirche gegenüber dem Judentum.

Der ehemalige Papst Benedikt XVI.

Nun lädt die „Kommission für die religiösen Beziehungen  zum Judentum“ ausdrücklich dazu ein, sich an weiteren theologischen Reflexionen zu beteiligen, um den christlich-jüdischen Dialog zu bereichern. Diesen Aufruf nahm Joseph Ratzinger ernst und verfasste auf Grundlage der hier dargestellten Dokumente einen Aufsatz, datiert auf den Oktober 2017. Kardinal Kurt Koch, Mitglied der „Kommission für die religiösen Beziehungen  zum Judentum“, bat den ehemaligen Papst um Erlaubnis zur Veröffentlichung in der katholischen Fachzeitschrift „Communio“.

Für Ratzinger steht nicht zur Diskussion, dass nach Auschwitz als Synonym für den Holocaust die Kirche sich ernsthaft mit ihrem Verhältnis zum Judentum auseinandersetzen und dieses neu bedenken muss. Dabei stellt er fest, dass zunächst festzusetzen ist, was man als Autor mit „Judentum“ meint. Für ihn geht es um das Judentum, das sich mit der Tempelzerstörung immer mehr als Gegenpol zum Christentum entwickelte. Diese Entwicklung sei ein längerer Prozess gewesen, der auch je nach geografischer Lage früher oder später beendet war.[6] Der Dialog fand zunächst innerhalb einer Gemeinschaft statt, die sich auf Grundlage der alttestamentlichen Schriften in Kontinuität zum alttestamentlichen Israel sah – trotz der Tatsache, dass die ersten „Christen“, so Ratzinger, ihren Kanon mit der Septuaginta erweiterten und die Schriften des Neuen Testaments schließlich zum maßgeblichen „Dokument für die christliche Identität“[7] zusammenwuchsen. Vor allem der Versuch Markions, im späten 2. Jahrhundert nach Christus die alttestamentlichen Schriften gänzlich zu verwerfen und das Neue Testament von sämtlichen „hebräischen“ Einflüssen zu reinigen, gilt als Musterbeispiel für die sich auftuende Judenfeindlichkeit unter Christen.

Dass Markion rasch aus der sich damals konstituierende Kirche in Rom ausgeschlossen wurde, zeige, dass sich Christen darüber bewusst waren, dass sie den gleichen Gott anbeten wie die Juden und sie Gemeinsamkeiten nicht verneinen dürfen. Vielmehr stellen beide Gruppen fest, dass sie die Schriften des Alten Testaments unterschiedlich auslegen: Die Christen von Jesus Christus her, den die Juden aber nicht als den erwarteten Messias anerkennen. Christen lesen damit das Alte Testament gewissermaßen erweiternd, „nach vorne zu“. Für sie liegen in den Schriften des AT Aussagen, die man ohne Christus nicht erfassen kann.

An diesen Feststellungen wird in den Rezensionen und Kommentaren wenig Kritik geübt. Aber nachdem Ratzinger so seine ersten Gedanken zum Verhältnis Christentum – Judentum dargestellt hat, bemerkt er: Eine Substitutionstheorie, wie sie das Vatikandokument von 2015 ablehnt, kommt in der Lehre der Kirche gar nicht vor. Für ihn ist klar, dass „Israel nicht durch die Kirche substituiert werde, und der Bund nie gekündigt worden“ sei.[8] Er kritisiert aber, dass die Ablehnung einer Substitutionslehre nicht differenziert genug betrachtet wird. Es muss gründlicher unterschieden werden, worauf sich ein Ersatz bezieht. Daher untersucht Ratzinger nun, wo man einen „Ersatz“ jüdischer Inhalte durch christliche Lehren finden kann – und damit gewissermaßen eine Substitutionslehre vorliegt. So sei der Tempelkult Israels nicht mehr nötig. Durch das Opfer Christ wird Versöhnung geistlich und materiell endgültig – was in der katholischen Kirche immer wieder neu mit der Eucharistie gefeiert wird. Oder das jüdische Bild eines politischen Messias, das im christlichen Glauben vom leidenden und erniedrigten Christus „ersetzt“ wurde.

Bei der Frage nach der Landverheißung bemerkt Ratzinger, dass die katholische Kirche den jüdischen Staat Israel naturrechtlich legitimiert. Aber eine Landnahme, die sich auf politischen Messianismus stützt, kann nicht mit ihrer Lehre vereinbart werden – denn der Messias Jesus Christus hat seinen irdischen Auftrag bereits erfüllt. Aus dem Bestehen des Staates Israel leitet er jedoch ab, dass Gott weiterhin an seinem Volk handelt. Genau in solchem konkreten Handeln sieht Ratzinger ein Zeichen für die Realität Gottes, der „Menschen anredet und in der der Mensch dem Göttlichen begegnen kann.“[9]

Besonders ausführlich äußert sich Ratzinger abschließend zur Aussage seines Vorgängers Johannes Paul II., der sagte, „dass der Bund, den Gott mit seinem Volk Israel geschlossen hat, bestehen bleibt und nie ungültig wird.“[10] Hier möchte Ratzinger ebenfalls für ein differenzierteres Verständnis werben, auch wenn er den Kern der These ausdrücklich bekräftig. Es geht ihm um eine genauere Definition von „Bund“ und die Beobachtung, dass nicht Gott, sondern Menschen den Bund brechen, der von Gottes Seite auf festem Boden steht. Wenn Menschen „nein“ sagen, muss Gott das berücksichtigen.

Vor allem diese Bemerkungen ruft Kritiker auf den Plan, die darin eine Proklamation des christlichen Exklusivanspruchs sehen, wie es z.B. die FR sieht. Die FAZ bemerkt, dass es unfassbar sei, wie man an der Formel rütteln könnte, mit der Johannes Paul II. die christlich-jüdische Verständigung positiv beeinflusst hat. „Karol Wojtyla dürfte sich wegen dieser groben Fahrlässigkeit, die auch auf das Konto mangelnder redaktioneller Umsicht der Zeitschrift geht, im Grabe herumdrehen“, heißt es.

Der Petersdom in Rom

Man kann durchaus kritisieren, dass Ratzinger seine These, eine Substitutionstheorie sei nie Inhalt der kirchlichen Lehren gewesen, ausschließlich auf Recherchen in theologischen Lexika wie dem LThK (Lexikon für Theologie und Kirche) stützt. Auch seine Formulierung, die Diaspora der Juden nach der Zerstörung des Tempels könne als göttliche Strafe interpretiert werden, ist sicherlich unglücklich.

Aber die eigentliche Kritik der Zeitungen wird dem Artikel nicht gerecht: Dass Ratzinger nicht nur als Privatperson vom exklusiven Heil in Christus sprechen kann, sondern diese Ansicht zur Lehre der Katholischen Kirche gehört, bleibt unbeachtet. So wird dieser Anspruch ja auch im Vatikandokument deutlich, auf das Ratzinger sich bezieht. Außerdem wird damit das Anliegen des Autors verfehlt, der dafür wirbt, Kurzformeln aufzugeben und theologische Debatten mit mehr Tiefe zu führen. Dies tut er ohne Polemik und in Tradition zu seinem christlichen Glauben, der nun mal nicht ohne Jesus Christus auskommt. Von einer Proklamierung der „Ecclesia triumphans“ kann keine Rede sein, auch nicht von Bestrebungen zur Judenmission. Dass Ratzinger seinen Aufsatz mit 2Tim 2,12f. endet („Wenn wir standhaft bleiben, werden wir auch mit ihm herrschen. Wenn wir ihn verleugnen, wird er auch uns verleugnen. Wenn wir untreu sind, bleibt er doch treu, denn er kann sich nicht selbst verleugnen.“) und diesen Vers ausdrücklich auf alle, Christen und Juden, bezieht, wird von den Kritikern übersehen. Gerade in diesem Abschluss ist jedoch alles gesagt, was aus Ratzingers Sicht zur Beziehung von Juden und Christen zu sagen wäre.

Die Frage nach dem Verhältnis von Judentum und christlicher Ekklesia erschwert immer wieder den Dialog beider Religionen, wie sich auch in den protestantischen Kirchen immer wieder zeigte und zeigt. Doch sie muss gestellt werden. Dabei gilt festzuhalten: Vom „verworfenen Volk“ Israel kann biblisch begründet nicht die Rede sein. Eine christliche Stellungnahme in soteriologischen Fragen muss dennoch am Exklusivheitsanspruch Jesu Christi festhalten – auch das entspricht dem neutestamentlichen Zeugnis. Dies geschieht selbstverständlich historisch sensibel und darf niemals in Antisemitismus münden.

AEdler

[1] http://www.fr.de/kultur/alt-papst-benedikt-xvi-antisemitismus-auf-christlicher-grundlage-a-1543855 vom 06.09.2018

[2] https://www.nzz.ch/feuilleton/benedikt-xvi-ein-wegbereiter-des-antisemitismus-ld.1407681 vom 06.09.2018

[3] Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum, „Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt“ (Röm 11,29). Reflexionen zu theologischen Fragestellungen in den katholisch-jüdischen Beziehungen aus Anlass des 50-jährigen Jubiläums von „Nostra aetate“ (Nr. 4), https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2015/Vatikandokument-50-Jahre-Nostra-aetate.pdf vom 06.09.2018

[4] Vatikandokument, 9, 25.

[5] Ebd., 13, 36.

[6] Vgl. dazu folgender Artikel auf unserer Homepage: https://www.israelogie.de/2018/die-fruehen-judenchristen-der-ersten-jahrhunderte-nach-christus/

[7] Ratzinger, Gnade und Berufung ohne Reue, 389, in: IKaZ 47 (4/2018), 387-406.

[8] Ebd. 392.

[9] Ebd. 402.

[10] Ebd. 403.

Vielsagendes Schweigen im internationalen Fußballbund bei Diskriminierung eines israelischen Fußballers

Seit längerer Zeit führen internationale Sportverbände Kampagnen gegen Rassismus durch und setzen sich für die Gleichbehandlung aller Sportteilnehmer ein, unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Religionszugehörigkeit. Das ist sehr zu begrüßen. Auch der internationale Fußballverband ‚FIFA‘ lässt vor den großen Spielen die Mannschaften hinter einer Bande aufstellen mit der Beschriftung „Say no to racism“ (Sage Nein zum Rassismus). Der europäische Fußballverband zeigt im Fernsehen bei Spielen regelmäßig den Spot „NO TO RACISM“. Das ist gut!

Es wird somit viel getan, um auf das nach wie vor vorhandene Rassismusproblem im Sport aufmerksam zu machen und Sportinteressierte zum Umdenken zu motivieren, indem sie sich bewusst gegen rassistische Einstellungen positionieren.

Mannschaftswappen von Olympiakos Piräus

Doch scheint noch viel Aufklärungsarbeit diesbezüglich nötig zu sein, wenn wir den aktuellen Fall des griechischen Fußball-Erstligisten ‚Olympiakos Piräus‘ anschauen. Zwei kürzlich bekannt gemachte Spieler-Transfers sorgten für große Aufregung, dokumentiert in Pressemeldungen. Denn der griechische Rekordmeister verpflichtete den Vizekapitän der iranischen Nationalmannschaft, Ehsan Hajsafi, und gleichzeitig Bibras Natcho, welcher der Kapitän des israelischen Nationalteams ist. Zum ersten Mal würden damit Spieler dieser beiden Nationen – Iran und Israel – gemeinsam in einer Mannschaft spielen. Das dürfte normalerweise überhaupt kein Problem darstellen, würde nach den Regeln der Anti-Rassismus-Vereinbarungen im Fußball geurteilt.

Doch – und hier beginnt offener Rassismus – seit 1979 (!) verbietet es der Iran seinen Bürgern, bei Sportveranstaltungen und Wettbewerben gegen israelische Mannschaften oder Sportler anzutreten. Wenn aber nun sogar ein Iraner gemeinsam mit einem Israeli in einer Fußballmannschaft zum Spiel auflaufen sollte, muss dieser Transfer einen großen Aufschrei in der iranischen Staatsführung hervorrufen, wie es auch bereits geschehen ist. Dies kann bedeuten, dass der Club Olympiakos einem massiven Druck aus Teheran ausgesetzt werden wird oder dass insbesondere der iranische Spieler vor dramatische Konsequenzen gestellt werden wird. Die Kampagne des Fußballvereins „Olympiakos steht auf gegen Diskriminierung“ könnte damit auf die Probe gestellt werden. Laut Experten ist es daher wahrscheinlich, dass der Iraner Hajsafi seinen Vertrag kündigen wird, wenn seine Regierung dies von ihm verlange.

Wie wir auf unserer Israelogie-Webseite bereits mehrmals berichtet haben, ist dies nicht der erste Fall von Antisemitismus und Israelhass in der Sportwelt. Beispielsweise wurden 2013 bei den Schwimm-Weltmeisterschaften in Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten die Ergebnisse der israelischen Sportler auf den Bildschirmen nicht angezeigt, um die Abbildung der israelischen Flagge zu verhindern. Auch bei den olympischen Spielen in Rio 2016 trat eine saudi-arabische Judokämpferin nicht zu ihrem Auftaktkampf an, um zu vermeiden in der nächsten Runde gegen eine Israelin antreten zu müssen. Ebenfalls verweigerten die libanesischen Sportler gemeinsam mit der israelischen Delegation in einem Bus zu fahren.

Alle diese Fälle veranlassten die nationalen und internationalen Sportverbände bisher nicht dazu, dieses Verhalten ausdrücklich und entschieden als Diskriminierung, als israelfeindlich und als Rassismus anzumahnen oder gar zu sanktionieren, obwohl es klar gegen die Richtlinien dieser Sportverbände verstößt.

Vor allem der aktuelle Fall der beiden Fußballspieler bei Olympiakos lässt einen ratlos und auch bestürzt zurück, weil die Fußballverbände (bisher) nicht entsprechend ihrer Anti-Rassismus-Vereinbarungen reagieren. Wo bleibt der offizielle Protest (samt entsprechenden Sanktionen), wenn eine Nation einem seiner Fußballspieler es nicht gestattet, mit einem israelischen Staatsbürger gemeinsam Fußball zu spielen? Wieso löst das bei anderen Nationen keine deutlich vernehmbare Empörung aus? Und warum wirken die freien Nationen bei bilateralen Verhandlungen mit dem Iran nicht darauf hin, solches unakzeptable Rassismus-Verhalten gegen Israel im Sport (und darüberhinaus) einzustellen, wollen sie auch weiterhin bei internationalen Sportwettbewerben mitmachen dürfen? Diese gesamte Situation wirft ein äußerst schlechtes Licht auf die verantwortlichen Sportverbände, bezüglich ihrer Glaubwürdigkeit in der Rassismus-Frage, insbesondere im Blick auf den unsäglichen, oftmals totgeschwiegenen Anti-Israelismus.

 

Zum Nachlesen:

https://www.welt.de/sport/article180922948/Boykott-Iraner-und-Israeli-in-einem-Team-Regierung-wuetet.html

https://www.sport1.de/internationaler-fussball/2018/08/piraeus-im-dilemma-israeli-und-iraner-erstmals-in-einer-fussballmannschaft

Ende April wurde in Berlin ein Mann mit Kippa am helllichten Tag mit einem Gürtel verprügelt. Mitte Mai kamen bei gewaltsamen Protesten im Gazastreifen mehrere Hundert Menschen auf palästinensischer Seite zu Tode. Beide Meldungen fanden rasch ihren Weg in die Schlagzeilen fast aller deutschen Zeitungen. Die Ereignisse sind höchst unterschiedlich, deuten aber auf Schwierigkeit hin, über Judenhass und Israelpolitik gleichzeitig zu berichten – und darauf, dass beides zusammen hängen kann.

Antisemitismus im 21. Jahrhundert ist höchst komplex und längst nicht mehr schwarz-weiß. Antisemitismus längst nicht mehr klar mit religiös bedingtem Hass einstmals fanatisierter Christen zu erklären, noch pauschal als Relikt aus Nazi-Deutschland abzuurteilen. Die Tatsache, dass Juden im hochzivilisierten Mitteleuropa und gerade auch in Deutschland immer noch vermittelt bekommen, unerwünscht zu sein, sollte uns anhalten, Antisemitismus erneut ins Blickfeld zu rücken. Wie man ihn empirisch fassen kann und wo dies noch nicht ausreichend geschieht, soll aus dem folgenden Überblick hervorgehen:

Mann mit Kippa

Bei der Frage, was unter Antisemitismus zu verstehen ist, gehen die Meinungen auseinander. Eine Arbeitsdefintion, die dem International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) zugrundeliegt und unter anderem von Expertenkreisen im European Forum on Antisemitism übernommen wurde,  erklärt: “Antisemitism is a certain perception of Jews, which may be expressed as hatred toward Jews. Rhetorical and physical manifestations of antisemitism are directed toward Jewish or non-Jewish individuals and/or their property, toward Jewish community institutions and religious facilities.”[1]

Erscheinungsformen des Antisemitismus innerhalb der deutschen Bevölkerung zu erfassen ist seit den 1950er Jahren eine wichtige Aufgabe der Sozialforschung. Dazu helfen in erster Linie Umfragen und die Kriminalstatistik. Wenn man Judenfeindlichkeit messen möchte, hilft es, solche Fragen zu stellen, die die Intention des Interviews nicht sofort erkennen lassen und dennoch Rückschlüsse auf das Denken des Befragten zulassen. So kann die Antwort auf die Frage „Haben die Juden zu viel Einfluss in Deutschland?“ oder „Möchten Sie einen Juden als Nachbarn?“ aufdecken, ob jemand Juden gegenüber eher ablehnend, skeptisch, gleichgültig oder wohlgesonnen gesinnt ist. Für Juden in Deutschland mag es zunächst einmal eine Erleichterung darstellen, dass in den letzten Jahren Asylbewerber, Muslime, Sinti und Roma viel negativer wahrgenommen wurden als sie. Zudem sind antisemitisch motivierte Gewalttaten, die man per Kriminalstatistik leicht erfassen kann, in europäischen Nachbarländern wesentlich höher als in Deutschland – zumindest was die Daten bis 2015 aussagen.[2]

Dennoch ist das Problem des Antisemitismus hierzulande längst nicht gelöst: Es tritt einfach in neuen Formen auf. An die Stelle des klassischen Mythos von der jüdischen Weltverschwörung und des Christus-Verräter-Stereotypus treten heute eher der sogenannte „Sekundärantisemitismus“ und der „israelbezogene Antisemitismus“. Ersterer hängt mit der nationalsozialistischen Vergangenheit der Deutschen zusammen und meint eine Umschuldung: Wer behauptet, dass die im Dritten Reich verfolgten und getöteten Juden „nicht nur“ Opfer waren, zeigt sekundärantisemitisches Gedankengut. Genauso wie jemand, der findet, dass Juden aus ihrem Schicksal monetären Profit schlagen möchten.

Die zweite genannte Form kann sich unter dem Deckmantel des Antizionismus äußern: Israelbezogener Antisemitismus ist die emotional beladene kritische Einstellung gegenüber dem Staat Israel. Dies betrifft vor allem dessen Umgang mit Fremdpersonen an den Landesgrenzen oder hinsichtlich der Siedlungspolitik jüdischer Siedler in den Autonomiegebieten. Politische Kritik ist selbstverständlich prinzipiell erlaubt und erwünscht. In diesem Fall aber wird sie, pauschal auf alle Israelis übertragen, zum Problem, weil Israel nunmal ein Judenstaat ist. Es wird zum Beispiel Israel als Nation das Existenzrecht abgesprochen, oder israelische Politik mit Begriffen bedacht, die an Nazi-Vokabular erinnern („Israel hat mit dem Abwehrzaun das größte KZ der Welt gebaut“) – so erklärt es auch die ausführliche Version der oben genannten Arbeitsdefinition „Antisemitism“. Auch Boykott-Aktionen mit Aufrufen wie „Kauft nicht bei Israelis“ wecken ungute Assoziationen. Obwohl eine solche offensive Israelkritik in einigen politischen Kreisen vielleicht zum guten Ton gehören mag, lohnt es sich, genauer hinzuschauen und Antisemitismus beim Namen zu nennen: so geriet der Theologe Ulrich Duchrow mit seinen vor einigen Jahren veröffentlichten Ansichten kürzlich in die Diskussion, weil er Juden das Recht auf eine nationale Heimstätte in Palästina abspricht.[3]

Davidstern

Diese dargestellten Formen sind den meisten Lesern vermutlich gar nicht so unbekannt: Sie lassen entweder nicht immer direkt an Antisemitismus denken und werden daher unbedacht ausgesprochen. Oder sie werden – wie im letzten Fall – kritisch in den öffentlichen Medien aufbereitet. Alle Beispiele gehören zum latenten Antisemitismus. Allerdings nur solange, bis er sich in Gewalttaten oder Sachbeschädigung äußert und damit manifest wird. Dies geschieht immer wieder, was aufzeigt, dass nicht erst die brutale Ausschreitung ein Problem darstellt. Vorweg geht das antisemitische Gedankengut der Menschen, dem sich die Gesellschaft entgegenstellen muss.

Bisher konzentrierte man sich vorrangig auf Antisemitismus unter Deutschen und Europäern. Auf diesem Gebiet haben wir ein gut dokumentiertes Fundament, um die Dinge beim Namen zu nennen und die Lage einzuschätzen.

Was aber ist mit den oben genannten Beispielen? Die eingangs erwähnten Fälle mögen auf den ersten Blick in keinerlei Verbindung zueinander stehen. Aber sie weisen darauf hin, dass die vorgestellten Ergebnisse der Sozialforschung eine Lücke aufweisen: Wie können wir heute Antisemitismus einordnen und verstehen, der von Menschen mit muslimischer Religionszugehörigkeit oder arabischer Abstammung ausgeht? Gerade in diesen Tagen zeigt sich, dass das 70-jährige Jubiläum Israels nicht für alle ein Grund zum Feiern ist. Die Debatte ist entfacht: weil es immer wieder zu eskalierender Gewalt kam und kommt, und eben nicht nur gegen den Staat Israel und dessen Politik am Gazastreifen, sondern auch gegen Kippaträger in Berlin. Aber nicht allein solche Phänomene von manifestem Antisemitismus, die von Muslimen und Arabern ausgehen, weisen auf ein bedrohliches Szenario hin, sondern auch die Ratlosigkeit der Medien und Politiker, antisemitische und antijüdische Phänomene einzuordnen. Zu fragen ist: Gibt es einen ethnisch begründeten Antisemitismus bzw. Antizionismus? Handelt es sich gar um einen muslimisch-religiösen Antisemitismus bzw. Antizionismus?

Wo kommt Hass gegen Juden her? Wie kann man ihn bekämpfen? Hier besteht Forschungsbedarf. Pauschale Antworten oder Schuldzuweisungen helfen nicht weiter. So kann beispielsweise das Erklärungsmodell, islamischer Antisemitismus sei ein Importprodukt der christlich-europäischen Kolonialmächte, einen solchen nicht rechtfertigen.[4] Es braucht auch nicht primär Deutungsmöglichkeiten von außen, sondern vor allem von innen, aus den eigenen Reihen. So wie die Deutschen mit ihrer Geschichte und den damit verbundenen Tragödien umgehen, so müssten aus allen Gruppen, in denen Formen von Antisemitismus zu beobachten sind, Menschen aufstehen, die sich dagegen stellen, die sich für Prävention und Aufklärung einsetzen.

So wichtig das „Nie wieder!“ für uns Deutsche ist, so wichtig ist das „Niemals!“ für alle anderen.

AE

[1] https://www.holocaustremembrance.com/node/196 und https://european-forum-on-antisemitism.org/definition-of-antisemitism/english-english.

[2] Johannes Due Entstad: Antisemitic Violence in Europe 2005–2015. Oslo, Center for Research on Extremism, 2017.

[3] Einen Artikel dazu finden Sie unter https://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft/kirche/2018/05/23/alan-posener-christlicher-antisemitismus-in-der-kirche/.

[4] So der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze, https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2016/02/antisemitismus-juden-europa-islam-christentum-vertreibung/seite-2.

In dem Land mit der größten jüdischen Gemeinde Europas herrscht ein anhaltender Antisemitismus. Die Angst vor Übergriffen bestimmt immer mehr das Leben der 500.000 Juden in Frankreich. Daran konnte bisher selbst ein seit 2012 ins Amt einberufener Antisemitismusbeauftragter wenig ändern.

Die Angriffe auf öffentliche Einrichtungen, wie Synagogen und Schulen, sind einerseits rückläufig, doch werden Juden zunehmend in ihrem privaten Umfeld angegriffen. So wurde beispielsweise im April 2017 eine jüdische Rentnerin in ihrer Wohnung getötet und im September wurden zwei ältere Eheleute in ihrem Haus festgehalten und erpresst, weil „sie Juden sind und daher reich sein müssen“. Auch in einem Pariser Vorort wurde ein 8-jähriger Junge auf offener Straße von zwei 15-jährigen Jungen mit Migrationshintergrund angegriffen und zu Boden getreten, weil der Junge eine Kippa trug. In demselben Vorort wurde auch im Januar ein 15-jähriges jüdisches Mädchen auf ihrem Schulweg von einem Unbekannten mit einem Messer angegriffen und im Gesicht verletzt.

Laut dem früheren Premierminister Manuel Valls sei ein besorgniserregender Anstieg des Antisemitismus zu beobachten, vor allem in den sozialen Brennpunkten. Der Präsident Emmanuel Macron stellte die antisemitischen Übergriffe mit einem Angriff auf die gesamte Französische Republik gleich. Auch die Chefin des Front-National Marine Le Pen meldete sich bei diesem Thema zu Wort. Es sei ein „vom radikalen Islam verbreiteter virulenter Antisemitismus“, welcher für diese Angriffe verantwortlich sei. Macron betonte deutlich, dass die gesamte Republik an der Seite der Franzosen jüdischen Glaubens stehe.

Wie soll man jedoch diese Beobachtungen bewerten? Ist denn nur der radikale Islam für den Antisemitismus in Frankreich verantwortlich, und steht demgegenüber etwa die gesamte nichtjüdische Bevölkerung an der Seite der Juden?

Ganz offensichtlich nicht. Nicht nur von radikalen islamischen Strömungen geht der gegenwärtige Antisemitismus in Frankreich aus, sondern auch von politisch linken, anti-zionistischen Kräften. Diese verlagern den israelisch-palästinensischen Konflikt in die französische Gesellschaft hinein und fördern damit durch politische Proteste und Anfeindungen gegen Juden den Hass in der französischen Bevölkerung, auch unter vielen Muslimen Israel und der französisch-jüdischen Gemeinde gegenüber. Damit geht der Antisemitismus Frankreichs von unterschiedlichen politischen und religiös-radikalisierten Bewegungen aus.

Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitut „Ipsos“ bezüglich gewisser Vorurteile jüdischen Mitbürgern gegenüber wurde Ende letzten Jahres veröffentlicht. Demnach gaben etwa 64 Prozent der befragten Franzosen an, dass Juden eine starke Lobby formiert hätten, die nicht in jeder Hinsicht positiv zu werten sei. Auch meinten mehr als die Hälfte der Befragten, ihre jüdischen Mitbürger würden zu viel Macht besitzen und wären reicher als ein gewöhnlicher Franzose. Alte, längst überwunden geglaubte Stereotype gegen Juden werden so wieder populär vertreten, was aufschrecken muss.

Somit wundert es kaum, dass seit der Jahrtausendwende etwa 50.000 Juden in Frankreich von ihren bisherigen Wohnorten wegzogen sind und sich nach sicheren Umgebungen in Frankreich umsahen. Viele wanderten auch in die USA, nach Kanada oder Israel aus. Allein im Jahr 2015, das Jahr mit der höchsten Auswanderungsquote unter französischen Juden, verließen mehr als 8.000 Menschen jüdischen Glaubens Frankreich. Eine bittere Realität in einem modernen, demokratischen Staat mitten in der EU.

Hier muss unbedingt ein Umdenken geschehen, an dem Politiker und Bürgerinitiativen, wie auch Kirchen und demokratische Institutionen mitwirken und dabei aktive Verantwortung übernehmen müssen, um bewusst diesem anti-jüdischen Trend öffentlich entgegenzuwirken.

Zum Nachlesen:

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-01/frankreich-juden-uebergriffe-warnung-regierung

http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/empoerung-ueber-antisemitismus-in-frankreich-ein-angriff-auf-die-ganze-republik-15426259.html

http://www.deutschlandfunk.de/antisemitismus-in-frankreich-du-bist-ein-dreckiger-jude.886.de.html?dram:article_id=402352

Nur wenige wissen davon: Über 30.000 Juden fanden zwischen 1933 und 1941 Schutz in einer einzigen Stadt, die damit mehr Menschen vor den Nationalsozialisten rettete als es Neuseeland, Australien, Kanada, Südafrika und Indien taten – zusammen. Die Rede ist von Shanghai, dem damals für viele Juden letzten Zufluchtsort auf der ganzen Welt.

Hinweise auf jüdische Kultur in China sind überhaupt ein besonderes Phänomen. Die allerersten Juden kamen wohl im 8. Jahrhundert über die Seidenstraße ins Großreich. Während der Song-Dynastie (960-1279) etablierte sich eine Gemeinde in der damaligen Hauptstadt Chinas, in Kaifeng, im Osten des Landes. Vermutlich kamen diese Juden aus dem heutigen Irak, aber genaue historische Rückschlüsse lassen sich nicht mehr ziehen. Die Gemeinde hielt lange Zeit jüdische Traditionen wie Feste und rabbinische Gebete aufrecht, assimilierte aber nach und nach mit der chinesischen Kultur. Bis zum Jahre 1866 war das Prinzip einer Synagogenzusammenkunft als Mittelpunkt des Gemeindelebens verfallen.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde schließlich Shanghai erstmals Heimat für eine bedeutende Anzahl von Juden. Sephardim[1] verließen damals aufgrund des Opiumkrieges die betroffenen Gebiete Bagdad, Bombay und Singapur und siedelten sich in der Stadt an. Eine zweite Einwanderungswelle folgte in den 1920er Jahren, als viele russische Juden nach der Oktoberrevolution ihr Land verlassen mussten. So bildete sich nach und nach die größte jüdische Gemeinde in Fernost. Shanghai war zu dieser Zeit bereits eine riesige Hafenstadt und daher eine bedeutende Handelsmetropole.

Das Gesellschaftsbild war zweigeteilt: Etwa 2,5% der 4 Million Einwohner kamen ursprünglich aus dem Ausland. Diese Minderheit bildete die Oberschicht. Sie bestand zumeist aus Westeuropäern, Portugiesen, Franzosen und Engländern, aber auch aus Weißrussen, Russen und Amerikanern. Die einheimischen Chinesen dagegen standen in der sozialen Rangfolge ganz unten. Als sich in den frühen 1930er Jahren die nationalsozialistische Herrschaft in Deutschland manifestierte, siedelten in einer weiteren Welle jüdische Akademiker und Intellektuelle nach Shanghai aus. Die allermeisten von ihnen fassten rasch Fuß und lebten weiterhin in europäischem Luxus, den sie sich gut leisten konnten. Die Welle derer, die knapp vor dem Beginn des 2. Weltkrieges Deutschland verließen, betrifft die Jahre 1933-1937.

Shanghai, Altbau

Doch nach und nach spitzte sich die Lage für Juden nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa zu. Nach 1937 änderte sich das Profil der jüdischen Einwanderer in Shanghai schlagartig. Nun kamen diejenigen, die konkreter Verfolgung ausgesetzt waren und die ihr Leben in höchstem Maße bedroht sahen – und die nicht unbedingt zu den materiell Bessergestellten gehörten. Sie setzten alle ihre Hoffnung auf Shanghai: Einwanderer brauchten hier keinen Geldnachweis, und, als weltweite Besonderheit, war dies ein Ort ohne klare Pass- und Visabestimmungen. Chinesische Diplomaten stellten vor allem in Österreich großzügig und unbürokratisch Visa an Hilfesuchende aus. Der Botschafter Ho Feng Shan bekam 2001 vom israelischen Staat den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ verliehen, die höchste Auszeichnung für Nicht-Juden.

Die jüdischen Flüchtlinge kamen nun oftmals völlig mittellos in Shanghai an. Hilfe und Unterstützung kamen größtenteils nicht von der Stadt, sondern von chinesischen Privatleuten und jüdischen Organisationen vor Ort. Sie gründeten Suppenküchen und boten vorübergehende Bleiben an. Allerdings fanden die Neuankömmlinge selten Anschluss an die reichere, bereits bestehende jüdische Gemeinde. Sie lebten in der Regel mitten unter den Chinesen in den armen Vororten der Stadt. Das am dichtesten mit jüdischen Flüchtlingen besiedelte Viertel war Hongkou. Weil der Zustrom nicht abreißen wollte, sollte ein eigener Wohnbezirk für Juden gefunden werden. Auf den Vorschlag eines Mitgliedes des höchsten Komitees der Landesverteidigung Chinas im Februar 1939 hin fiel die Wahl auf Hongkou.

Als wären Vertreibung, Flucht und Armut nicht herausfordernd genug gewesen für Menschen, die Heimat und Besitz verloren hatten, setzte mit dem Pazifikkrieg neue Angst ein: Japan kämpfte nun gegen England und die USA und besetzte Shanghai. Die Nationalsozialisten konnten bis in die weit entfernte chinesische Stadt ihre schrecklichen Interessen vertreten. Joseph Meisinger, Chef der Gestapo-Einheit in Japan, unterbreitete vor Ort den sogenannten „Meisinger-Plan“, die Endlösung in Shanghai. Doch soweit kam es nicht. Stattdessen wurde das letzte jüdische Ghetto eingerichtet: Innerhalb eines Monats mussten alle Flüchtlinge aus Mittel- und Osteuropa, die nach 1937 in die Stadt gekommen waren, in eine „designated area for stateless refugees“  ziehen. Diese lag im Armutsviertel Hongkou, sodass viele Juden ihre aktuelle Bleibe gar nicht erst aufgeben brauchten. Der Begriff „Ghetto“ wurde bei den Maßnahmen zwar nie explizit verwendet, doch es gab zeitweise strenge Ausgangssperren und –regeln, Aufsichtsdienste und Zwangsrekrutierung der Bewohner zu Wachdiensten. Die Amerikaner bombardierten Shanghai, und auch Hongkou war betroffen. Viele Menschen starben dabei, Hunderte wurden verletzt.

Als der Krieg endlich zu Ende war, hätten sich etliche Juden vorstellen können, zu bleiben. Wo sollten sie auch hin? Doch für die nächsten 30 Jahre begann nun ein Bürgerkrieg in China zu wüten. In dieser Unsicherheit verließen die allermeisten Juden das Land endgültig. Erst 1992 nahmen Israel und China offizielle Beziehungen zueinander auf, in die der Wunsch integriert wurde, gesellschaftliches und geschäftliches jüdisches Leben in China neu zu fördern.

Skyline von Shanghai im 21. Jahrhundert

Für die geflüchteten Juden und ihre Nachkommen wird Shanghai ein Ort der Hoffnung bleiben. Viele von ihnen hätten sich ein anderes Ziel gesucht, wenn das möglich gewesen wäre. Doch wer auf legalem Weg seine Heimat verlassen wollte, brauchte ja zumindest ein Visum. Die USA und England verwiesen schon früh auf die „ausgeschöpften Kapazitäten, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen.“ Europa war ohnehin nicht mehr sicher, und große Länder wie Australien und Kanada nahmen ebenfalls nur verhältnismäßig wenige Juden auf. Vor allem nach 1938 hatten fast alle Nationen den verzweifelten Juden die Tür vor der Nase zugeschlagen und die Einreise verboten. Es mag sein, dass einzelne Menschen die Courage besaßen, den bedrängten Juden Solidarität und Hilfe zukommen zu lassen. Aber viele Staaten erhoben strenge Grenzen und stellten strikte Bedingungen auf, um die jüdische Einwanderung zu begrenzen. Anders war es damals in Shanghai, dem Zufluchtsort für Juden in Fernost.

AEdler

[1] Sephardim sind in diesem Falle orientalische Juden, auch wenn die Bezeichnung ein Sammelbegriff für alle Juden und ihre Nachfahren ist, die im 15. und 16. Jahrhundert von der Iberischen Halbinsel vertrieben wurden und vor allem in Nordwestafrika und dem Osmanischen Reich eine neue Heimat fanden.