Der jüdisch-christliche Dialog – was gut war auf dem Evangelischen Kirchentag 2019

Wer einen Blick in das Programm des 37. Deutschen Evangelischen Kirchentags wirft, der vom 19. bis 23. Juni 2019 in Dortmund stattfand, den könnte schnell Verwunderung überkommen: Unter den über 2000 Veranstaltungen fanden sich auch Workshops und Seminare wie „Coming Out für Mädchen* und junge Frauen*“ und „Vulven malen“. Man muss kein konservativer Christ sein, um sich zu fragen, was das nun mit Glauben und Kirche zu tun hat. Die Veranstalter lassen uns dazu wissen: es geht gar nicht um diese Themen – zumindest nicht nur. Anliegen des Kirchentages ist es, zum Einmischen anzuregen und Diskussionen anzustoßen. Daher rücke man neben religiösen Fragen gesellschaftspolitische Debatten in den Vordergrund.

Das Motto des Kirchentags 2019.

„Was für ein Vertrauen!“ – Bibelarbeit zum Buch Hiob

Ein Feld, auf dem die Grenzen zwischen Religion, Politik, Soziologie und Identität verwischen, ist der jüdisch-christliche Dialog. Auch dazu fanden Interessierte eine Reihe von Veranstaltungen unterschiedlichster Couleur auf dem Evangelischen Kirchentag. Hier eine Auswahl der Angebote vom Donnerstag:

Zum ruhigen und besinnlichen Start in den Tag empfiehlt sich eine Bibelarbeit. Die Rabbinerin Gesa Ederberg und Prof. Angela Rinn, Theologin, befassten sich dialogisch mit dem alttestamentlichen Text aus dem Buch Hiob, Kapitel 2, 7-13.[1] Passend zum Motto des diesjährigen Kirchentages „Was für ein Vertrauen“ wurde gemeinsam über den gleichnamigen leidgeplagten Mann nachgedacht, der trotz allem immer noch an Gott festhält: So erfuhr der Zuhörer unter anderem, dass Hiob zeigt, wie leicht Menschen in Not beginnen, Gott falsch zu verstehen – statt die Ursache für Leid auf direktem Weg in der Welt zu suchen und Leid selber zu bekämpfen. Die jüdische Gemeinde, die über Jahrhunderte Schicksalsschläge erfahren musste, dürfe nicht demütig stillhalten und alles über sich ergehen lassen: Auch wenn es natürlich legitim sei, Gott im Leid anzurufen, gelte es, irdische Ursachen zu erkennen, diesen entgegenzuwirken und zu handeln und Leid damit einen Sinn zu geben.

Allerdings hätte man dem Gelegenheits-Kirchgänger und Nicht-Theologiestudenten fairerweise nebenbei einen Einblick in jüdische Kultur, Geschichte und Auslegungspraxis geben können. Denn was der Zuhörer nicht erfuhr: neben der vorgestellten mag es womöglich Tausende andere Auslegungen der Textpassage geben, denn „die“ jüdische Auslegung gibt es nicht. Die Verse boten daher Gelegenheit, zu zeigen, wie eine jüdische Wahrnehmung aussehen kann – aber repräsentativ war sie nicht.

Zentrum “Juden und Christen”: Veranstaltungsbeispiele am Donnerstag.

Israel – mehr als Konflikte und Raketen

Wer wollte, blieb einfach sitzen und nahm am nun folgenden Podium teil. Unter dem Titel „Komplexe Wirklichkeit. Andere Geschichten aus Israel“ befassten sich Experten in 15-minütigen Impulsen mit der Vielfalt der israelischen Gesellschaft. Ziel war es, die Wirklichkeit abzubilden, auch wenn dies nicht gerade medienwirksam sei. So stellte man fest, dass in den deutschen Medien eine einseitige Perspektive entworfen werde, die vor allem militärische Reaktionen betont – und damit viele Identitätsmerkmale und Facetten des Landes ausgeklammert würden.

In dieser Veranstaltung ging man dazu nicht weiter kritisch in die Tiefe, sondern überließ Prof. Johannes Becke das Wort. Becke ist Politikwissenschaftler an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. Diese Hochschule ist insofern eine Besonderheit, als dass jüdische Studien an den deutschen Universitäten meist Teil der Nahost-Studien sind, aber kein eigenständiges Kompetenzzentrum bilden. Becke bot einen Einblick in die demografisch-soziologische Zusammensetzung der israelischen Bevölkerung und zeigte, dass eine vereinfachende Reduzierung auf die beiden Gruppen „jüdische Israelis“ und „muslimische Araber“ keinesfalls legitim sein kann.

So gebe es Samaritaner, die sich als Teil des Volkes Israel verstehen, aber keine Juden sind. So gebe es Drusen, die als Nichtjuden loyal in der Armee des jüdischen Staates dienen. So gebe es die ethnische Minderheit der Tscherkessen, die ethno-religiöse Minderheit der Aramäer und eine Minderheit auf Zeit, die Gastarbeiter, die häufig aus Afrika kommen. Dass diese Gruppen selten bis kaum in den Medien abgebildet werden, könne daran liegen, dass es schon bei der Frage nach der Selbstidentität eines Israeli schwierig wird, der einer der beiden größten Bevölkerungsgruppen angehört – den Juden und Moslems. Ob man von Israelis, von Arabern in Israel, von arabischen Israelis oder israelischen Arabern spricht, ist oft nur individuell zu beantworten.

Hier wurde die Verquickung von Religion und Staat bereits angeschnitten. Yaron Engelmayer, Rabbiner in Karmiel/Israel, und Micha Staszewski, Politologe in Tel Aviv, vertieften die Thematik weiter. Aktuell könne man am Scheitern einer möglichen Regierungskoalition bestens erkennen, dass religiöse Fragen den Staat durchdringen, auch wenn Staat und Religion offiziell voneinander getrennt sind. Denn die Parteien konnten sich über den Eintritt einer religiösen Minderheit – den Drusen – in die israelische Armee nicht einig werden. In Deutschland undenkbar! Besonders die strenge Feiertagsruhe, das viergliedrige israelische Bildungssystem und die Befugnisse des Standesamtes beeinflussen die Zivilgesellschaft. So fassen es einige Israelis als Bevormundung auf, dass „Mischehen“ zwischen Juden und Muslimen oder Christen im Ausland, zum Beispiel auf Zypern geschlossen werden müssen – denn es gibt nur religiöse, keine zivilen Hochzeiten in Israel! Dabei könne es auch durchaus vorkommen, dass jemand jüdisch aufwächst und dann, kurz vor seiner Hochzeit aufgrund der standesamtlichen Dokumentation erfährt, dass er eigentlich gar kein Jude ist.

Bei allen möglicherweise befremdlichen Eigenheiten im modernen Israel weist Staszewski auf eine wichtige Begebenheit hin: Israel ist der einzige jüdische Nationalstaat auf der ganzen Welt. Gerade deswegen sei er zu beschützen. Wenn es in technischen Fragen, zum Beispiel wer Jude ist und wer nicht, streng zugehe, müsse man dies im Gesamtkontext betrachten und dürfe es nicht als Diskriminierung verstehen. Letztendlich gehe es darum, eine Balance zu finden zwischen freiheitlich-demokratischen Gütern – also gleiche Chancen und Recht für alle – und religiösen Zäunen zur Bewahrung des Jüdischen. Denn Israel sei genau genommen kein jüdischer Staat, sondern ein jüdisch-demokratischer. Das gelte es nicht zu vergessen.

Das Fazit zu diesem Block des Podiums: Religion ist fester Teil des Alltags der Israelis. In Deutschland weiß man selten, welcher Konfession der Nachbar angehört und interessiert sich in der Regel auch nicht dafür. In Israel dagegen weiß jeder darüber Bescheid, wer was glaubt. Man kennt alle Label und Facetten der Religiosität. So regten die Redner dazu an, einmal als Deutscher darüber nachzudenken, wie wichtig Religion für unseren Staat sein kann und sein sollte.

Der nächste Impuls kam von Jonathan Elkhoury, Minderheitenkoordinator Reservists on Duty, Israel. Elkhoury kam als libanesischer Flüchtling nach Israel. Er warb dafür, seine positive Integrationsgeschichte nicht als Ausnahme zu betrachten, sondern Menschen wie ihm mehr Raum zu geben. Da die israelische Armee so etwas wie ein Schmelztiegel aller im Land lebenden Bevölkerungsgruppen sei, könne man hier sehr gut beobachten, dass ein Zusammenleben gut funktionieren kann. Elkhoury betonte die Wichtigkeit dieser Institution, da Gemeinsamkeiten für die Identitätsbildung von Staatbürgern eine große Rolle spielen. Allerdings: „To do everything that is in a person‘s power to make society better is more important than how you identify yourself.“ Mit diesem Satz zeigte er, dass es das eigene, konkret sichtbare Engagement ist, das die Gesellschaft prägt – dann erst kommen abstraktere Fragen der Selbstzuordnung.

Damit bot das Podium eine gelungene Zusammenstellung von Aspekten zur israelischen Gesellschaft, die in der Tat nicht in der deutschen Berichterstattung zu finden sind – obwohl in den Medien nahezu täglich von Israel die Rede ist.

Antisemitismus – mitten unter uns

Im Dortmunder Opernhaus fand eine Veranstaltung zum Thema Antisemtismus statt…

Ein Deutscher, der sich mit dem Judentum und Israel auseinandersetzt, darf die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und dem Antisemitismus nicht scheuen. Denn die Frage im Titel einer weiteren Veranstaltung auf dem Kirchentag „Hört das denn nie auf?! Antisemitismus in Deutschland“ muss leider mit „Nein, es hört nie auf“ beantwortet werden.

So stellte Dr. Klaus Holz, Generalsekretär der Ev. Akademien in Deutschland, in der Anmoderation fest, dass äußere Gewalttaten nur die Spitze des Eisberges sind. Was darunter ist, ist statistisch natürlich nur schwer zu erfassen. Doch genau dieser Schwierigkeit stellt sich das Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin unter Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum. Die Tatsache, dass es die einzige Einrichtung im Land ist, die sich wissenschaftlich ausschließlich mit dem Thema Antisemitismus auseinandersetzt, ist bezeichnend. So gebe es zwar fast jede Woche eine neue Statistik unterschiedlichster Herkunft, die über Antisemitismus in der Bevölkerung informieren will – aber fundiertes Wissen existiere nicht. Keiner dürfe behaupten, dass wir das Phänomen im Griff haben oder gar bannen könnten. Schüler-Springorum weist auf die Tatsache hin, dass fast die Hälfte aller antisemitischen Straftaten keinem „Lager“ zuzuordnen ist – die Täter lassen sich nicht einfach kategorisieren. Daran zeigt sich: Antisemitismus geistert mitten unter uns. Ihr Rat: Man müsse bei der Bekämpfung vielmehr die Mitte der Gesellschaft in den Blick nehmen, statt sich nur auf Randgruppen zu fokussieren.

Dem stimmte auch Ralf Meister, Landesbischof von Hannover, zu. Er sehe in der Kirchenleitung keinen Anlass zur Sorge und fragt sich, warum vorbildliche Haltungen nicht in die Gemeinden durchdringen. Könne die Gesellschaft sich überhaupt von einem so tief verwurzelten Feindbild trennen und wenn ja, womit wird diese Lücke dann mutmaßlich gefüllt? Offen bleibt, warum Meister eine solche Lernfähigkeit unter seinen Kollegen zu beobachten vermeint und dem normalen Gemeindemitglied diesen Sprung nicht zutraut. Man darf vermuten, dass der Landesbischof eher zu selbstsicher ist und verkennt, dass Antisemitismus immer und überall eine ernstzunehmende Bedrohung darstellt – und sogar in der Kirchenleitung auftauchen kann, auch wenn es aktuell zumindest keine sichtbaren Zeichen dafür gibt.

… aber viele Plätze blieben leer.

So fasste Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, treffend zusammen: Viele Juden spüren im Alltag nichts von einer Bedrohung durch Antisemitismus – Gott sei Dank. Aber das sei kein Anlass zur Entspannung. Sonst müsste Schuster sagen: „Macht euch nicht nur Gedanken darüber, wo die gepackten Koffer stehen, sondern ob diese auch funktionsfähig sind.“ Dies gilt es unbedingt zu verhindern, auch wenn allen Anwesenden klar war, dass es kein Patentrezept dafür gibt. Antisemitismus auszulöschen ist kein realistisches Ziel. Aber Zivilcourage und positive Gefühle zur Demokratie verstärken können gute Ansätze sein, Ressentiments zu begegnen – nicht nur Antisemitismus.

Insgesamt einen Besuch wert!

„Wir sind manchmal vielleicht nicht die besten Botschafter, aber wir haben die beste Botschaft!”[2] Dieser Satz stammt vom EKD-Vorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm. Wer bewusst suchte, konnte durchaus wertvolle Impulse zu religiösen Themen und zum Leben als Christen in einer modernen Gesellschaft finden. Vieles war gut auf dem Evangelischen Kirchentag 2019. Das gilt vor allem für den jüdisch-christlichen Dialog, der von der Evangelischen Kirche sensibel, aber in Klarheit angegangen wurde – wie die vorgestellten Veranstaltungen zeigten.

Dennoch muss gefragt werden, wieso beispielsweise messianisch-jüdischen Gruppierungen nicht aktiv auftreten durften. Und wieso wurde nicht deutlicher gegen vielfältige BDS-Trends Position bezogen, die regelmäßig zum politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Boykott von Israel aufrufen? Auf dem Evangelischen Kirchentag war kaum ein Thema oder eine Meinung tabu – diese beiden hätten ebenfalls einen Platz verdient.

AEdler

[1] Hier zum Nachlesen: https://dxz7zkp528hul.cloudfront.net/production/htdocs/fileadmin/dateien/zzz_NEUER_BAUM/Service/Downloads/Publikationen/DEKT37_Exegetische_Skizzen.pdf [2] https://twitter.com/jesusde?ref_src=twsrc%5Egoogle%7Ctwcamp%5Eserp%7Ctwgr%5Eauthor

„Die CDU stellt sich entschieden jedem Antisemitismus und der Diskriminierung von Juden in unserem Land entgegen“, betont der Stellvertretende Vorsitzende der CDU Pohlheim, Prof. Dr. Helge Stadelmann. Es sei ein Skandal, dass es in Deutschland heute wieder Nazis gebe, die jüdische Mitbürger und ihre Einrichtungen bedrohten. Ebenso sei nicht hinnehmbar, dass Islamisten die Vernichtung des Staates Israel betrieben und dabei die gleichen antisemitischen Klischees verwendeten, wie einst der Nationalsozialismus. Dass vor der Gießener Synagoge heute bei jeder Veranstaltung zum Schutz eine Polizeistreife stationiert sein müsse, gebe zu denken.

Die CDU veranstaltet deshalb bundesweit vom 14.-21. Juni eine Aktionswoche „Von Schabbat zu Schabbat“, in der sie Stellung gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben in Deutschland nimmt. Sie ruft dazu auf, dass sich Vereine, Feuerwehren, Handwerksmeister und Lokalpolitiker dieser Aktion anschließen, für unsere jüdischen Mitbürger Stellung nehmen und jüdische Einrichtungen besuchen.

Zum anstehenden Pfingstfest grüßt die CDU Pohlheim alle jüdischen Mitbürger in Stadt und Landkreis, die zeitgleich das jüdische Schawuoth-Fest begehen. An Schawuoth feiern Juden den Empfang der 10 Gebote, die weltweit die Wertegrundlage für humane und gerechte Gesellschaften gelegt haben. „Nicht nur das Christentum, sondern unsere gesamte Zivilisation verdanken dem Judentum viel“, so Stadelmann. Die CDU fühle sich diesem Wertefundament verpflichtet.

christlich-jüdische Grundsätze

Im Rahmen der Themenwoche „70 Jahre Israel“ luden die Freie Theologische Hochschule Gießen und das Institut für Israelogie am 05.11.2018 zu einem öffentlichen Vortrag ein. Johannes Gerloff teilte im Plenarsaal der FTH unter dem Titel „Das „Heilige“ Land: Erwählt – erkämpft – ersehnt“ seine Erfahrung und sein Wissen über Israel mit knapp 200 Gästen. Gerloff lebt seit 1994 mit seiner Familie in Jerusalem. Der Journalist war als Nahostkorrespondent unter anderem für den christlichen Medienverbund KEP tätig. Außerdem ist er Autor mehrerer Bücher.

Der Auftakt der Themen-Woche

Aufgrund der „Jahrtausende alten Schreckensgeschichte“, als das man das Verhältnis zwischen Christen und Juden beschreiben könne, seien Veranstaltungen, die Israel nicht unkritisch, aber wohlwollend betrachten, sehr wichtig. So wolle Gerloff als Journalist auch über Negatives berichten, aber vor allem über positive und atemberaubende Begebenheiten. Beides hatte an diesem Abend im Vortrag seinen Platz.

Schon bei der Bezeichnung „Heiliges Land“ müsse man genauer darüber nachdenken, was gemeint ist. Kann man mit Recht behaupten, dass Israel ein besseres Land sei als alle anderen, so fragt Gerloff? Oder zeigt sich in dem Titel, dass hier eine besondere Atmosphäre vorherrscht? Letzteres ist nach Gerloff zweifelsfrei richtig: Wer auch immer ins Land reist, könne unmöglich neutral bleiben. Israel sei gewissermaßen lebendiger als andere Länder – es bewege seine Besucher und Bewohner.

Der Plenarsaal war voll besetzt.

Die Frage „Ist Israel ein Land wie jedes andere?“ müsse aber nicht nur nach innerem Empfinden, sondern auch theologisch verneint werden: Laut biblischem Befund hat Gott Israel erwählt. Dabei sei zu beachten, so Gerloff, dass an dieser Stelle nicht zwischen einer jüdischen Ethnie einerseits und einem Land andererseits unterschieden werden darf. Theologisch bilden beide eine untrennbare Einheit. Darum gehören Land und Juden zusammen, sie sind beide erwählt.

„Erwählung“ bedeute in diesem Kontext nicht zwangsläufig „Errettung“ und schon gar nicht irdisches Wohlergehen. Erwählung müsse als Aufgabe verstanden werden. Gerloff berichtet, dass viele Juden diese Verantwortung und ständige Beobachtung als Last empfinden. Man müsse sich mal hineinversetzen, wie es ist, wenn jedes Gegenüber eine Erwartungshaltung einnimmt, sobald herauskommt, dass man jüdisch ist! So sei es nicht nur in der persönlichen Begegnung, sondern auch in den Medien: Die ganze Welt schaut auf Israel.

Hier kristallisiere sich ein bedeutender Unterschied zwischen der christlichen und der jüdischen Gottesbeziehung heraus: Während Christen seit Jahrhunderten auf der Suche nach einem gnädigen Gott sind, scheine es, so Gerloff, manchmal so, als versuchen Juden, ihre Erwählung und damit Gott wieder los zu werden.

Johannes Gerloff

Auch wenn Gerloff in seiner 24-jährigen Tätigkeit in Jerusalem die Besonderheit Israels intensiv erlebt und beobachtet hat, bleibe ihm vieles weiterhin fremd. Als Journalist hat Gerloff die palästinensischen Gebiete bereist. Von ‚innen‘ nachempfinden könne man als Außenstehender weder die jüdisch-israelische Kultur noch die palästinensische. In diesem Zusammenhang betont er, dass es wohl kaum ein sichereres Land gebe als Israel. Zwar hört man in Deutschland nahezu täglich von Gewaltverbrechen in Israel, doch die tatsächlichen Zahlen sprechen eine andere Sprache: So gab es im ersten Jahr des syrischen Bürgerkrieges mehr Tote als in allen Kriegen, die in der 70-jährigen Geschichte des Staates Israels geführt wurden, zusammen. Gleiches gelte für die Anzahl der Toten während des sogenannten Arabischen Frühlings in Libyen. Leben und Reisen in Israel sei daher ziemlich sicher.

Die Frage nach einem Lösungsansatz für den Nahostkonflikt kann an einem solchen Abend natürlich nicht ausbleiben. Dazu berichtet Gerloff von einer Entscheidung der obersten Rabbiner: Diese wären dazu bereit, Land abzugeben, wenn es Menschenleben rette. Aber daran, dass bei Abgabe von Land tatsächlich Leben gerettet werden würden, könne man einfach nicht mehr glauben. Israel bleibt in dieser Hinsicht wohl weiterhin umkämpft.

Am Ende des Vortrages kann der Zuhörer den Slogan des Abends verstehen: Israel ist kein Land wie jedes andere. Israel ist das ersehnte Land für die Juden, mit großer Bedeutung auch für Nichtjuden. Volk und Land niemals zu vergessen, das muss Ziel aller Beschäftigung mit Israel sein – nicht unkritisch, aber wohlwollend.

AE

Wer sich mit dem Verhältnis von Judentum und Christentum auseinandersetzt, muss in erster Linie theologisch versiert sein und darf zudem in seinen Ausführungen keinen Raum für Zweideutigkeiten lassen. Letzteres wurde in den vergangenen Wochen am Beispiel einer Schrift von Joseph Ratzinger besonders deutlich: Während die einen von einem Text nach dem „Gestus des Besserwissers“[1] sprechen, der „starker Tobak“ für das ohnehin historisch belastete Verhältnis von Judentum und Kirche sei, sehen andere eine Bereicherung und Einladung, dieses Verhältnis theologisch tiefergehend zu durchdenken.[2]

Viele Zeitungen griffen die Debatte Anfang August auf.

Worum geht es? Dafür muss man historisch ein paar Jahre in der Geschichte der katholischen Kirche zurückgehen.

Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil entstand 1965 das lehramtliche, also verbindliche Dokument „Nostra aetate“. Darin ordnet die katholische Kirche ihr Verhältnis zu nicht-christlichen Religionen. Ziel war, mehr das Einende als das Trennende in den Blick zu nehmen. Dabei geht ein Artikel explizit auf das Judentum ein. So stellt man fest, dass die gemeinsame Basis von Juden und Christen das Alte Testament ist. Beide Glaubensgruppen sind durch ein geistliches Band verbunden, das auf den „Stamm Abrahams“ zurückzuführen ist. Zwar sei die Kirche das neue Volk Gottes, aber daraus darf nicht geschlussfolgert werden, Gott habe das alte Volk, Israel, verworfen. Im Gegenteil: Für eine Verwerfung des alten Volkes gebe es keine biblischen Anhaltspunkte. Juden sind von Gott geliebt, obwohl sie Christus ablehnen. Daher müsse man alles daran setzen, entgegenstehende Lehren abzuwehren.

Dieser Abschnitt 4 wird heute noch von Theologen als das Herzstück des Dokuments bezeichnet, beispielsweise als im Jahr 2015 anlässlich der 50. Jährung von „Nostra aetate“ ein Vatikandokument entstand.[3] Darin reflektiert die „Kommission für die religiösen Beziehungen  zum Judentum“ die Entstehung und Wirkung von „Nostra aetate“. Diese Kommission kommt zu dem Ergebnis, dass eine Substitutionstheorie, die die christliche Kirche an die Stelle Israels setzt und sämtliche alttestamentliche Verheißungen ausnahmslos auf sich bezieht, zurückzuweisen sei. Auch der Hebräerbrief, der als Wegbereiter einer solchen antijüdischen Einstellung gilt, würde der Ersatztheologie beim genaueren Hinsehen nicht standhalten. Die Kirche dürfe sich zurecht als neues Gottesvolk bezeichnen, doch habe Gott damit das „alte“ Gottesvolk nicht ersetzt. Nach christlicher Sicht bringe der neue Bund alttestamentliche Verheißungen zur Erfüllung – was nicht mit einer Aufhebung einhergehen muss. Vielmehr handele es sich um eine Erweiterung.

Weiterhin bemerkt das Dokument, dass Juden und Christen ihren jeweils eigenen Weg haben, das Wort Gottes zu lesen und zu verstehen: Juden stellen in ihrer Beziehung zu Gott die Thora in den Mittelpunkt und Christen den Christus. Als Christ könne man das Neue Testament als Kommentar oder Auslegungshilfe für das Alte Testament verstehen. Dabei hilft die Beobachtung, dass mit der Tempelzerstörung 70 n. Chr. die Rabbiner ihrerseits begannen, das AT stellenweise neu zu überdenken.

Der Universal- und Exklusivanspruch Jesu Christi müsse nicht dazu führen, Juden das Heil abzusprechen. Denn wie Gott trotz dieses Anspruches rettet, bleibt in ihm verschlossen: Juden haben auf Grundlage der Heiligen Schrift Anteil an Gottes Heil, aber nicht über einen zweiten Heilsweg. „Auf welche Weise er jeweils die Menschen retten will“[4], können wir nicht nachvollziehen. „Wie  dies ohne   explizites  Christusbekenntnis  möglich  sein  kann,  ist  und  bleibt  ein  abgrundtiefes  Geheimnis  Gottes.“[5] Der Verzicht auf Mission wird dabei ausdrücklich betont. Daraus ergibt sich als Fazit des Dokuments: Es gibt keine zwei Bünde, sondern ein Volk Gottes aus Juden und Christen, in Christus geeint. Sämtliche Formen von Antijudaismus bzw. Antisemitismus sind zu verwerfen.

Soweit eine Übersicht zur offiziellen Stellungnahme der katholischen Kirche gegenüber dem Judentum.

Der ehemalige Papst Benedikt XVI.

Nun lädt die „Kommission für die religiösen Beziehungen  zum Judentum“ ausdrücklich dazu ein, sich an weiteren theologischen Reflexionen zu beteiligen, um den christlich-jüdischen Dialog zu bereichern. Diesen Aufruf nahm Joseph Ratzinger ernst und verfasste auf Grundlage der hier dargestellten Dokumente einen Aufsatz, datiert auf den Oktober 2017. Kardinal Kurt Koch, Mitglied der „Kommission für die religiösen Beziehungen  zum Judentum“, bat den ehemaligen Papst um Erlaubnis zur Veröffentlichung in der katholischen Fachzeitschrift „Communio“.

Für Ratzinger steht nicht zur Diskussion, dass nach Auschwitz als Synonym für den Holocaust die Kirche sich ernsthaft mit ihrem Verhältnis zum Judentum auseinandersetzen und dieses neu bedenken muss. Dabei stellt er fest, dass zunächst festzusetzen ist, was man als Autor mit „Judentum“ meint. Für ihn geht es um das Judentum, das sich mit der Tempelzerstörung immer mehr als Gegenpol zum Christentum entwickelte. Diese Entwicklung sei ein längerer Prozess gewesen, der auch je nach geografischer Lage früher oder später beendet war.[6] Der Dialog fand zunächst innerhalb einer Gemeinschaft statt, die sich auf Grundlage der alttestamentlichen Schriften in Kontinuität zum alttestamentlichen Israel sah – trotz der Tatsache, dass die ersten „Christen“, so Ratzinger, ihren Kanon mit der Septuaginta erweiterten und die Schriften des Neuen Testaments schließlich zum maßgeblichen „Dokument für die christliche Identität“[7] zusammenwuchsen. Vor allem der Versuch Markions, im späten 2. Jahrhundert nach Christus die alttestamentlichen Schriften gänzlich zu verwerfen und das Neue Testament von sämtlichen „hebräischen“ Einflüssen zu reinigen, gilt als Musterbeispiel für die sich auftuende Judenfeindlichkeit unter Christen.

Dass Markion rasch aus der sich damals konstituierende Kirche in Rom ausgeschlossen wurde, zeige, dass sich Christen darüber bewusst waren, dass sie den gleichen Gott anbeten wie die Juden und sie Gemeinsamkeiten nicht verneinen dürfen. Vielmehr stellen beide Gruppen fest, dass sie die Schriften des Alten Testaments unterschiedlich auslegen: Die Christen von Jesus Christus her, den die Juden aber nicht als den erwarteten Messias anerkennen. Christen lesen damit das Alte Testament gewissermaßen erweiternd, „nach vorne zu“. Für sie liegen in den Schriften des AT Aussagen, die man ohne Christus nicht erfassen kann.

An diesen Feststellungen wird in den Rezensionen und Kommentaren wenig Kritik geübt. Aber nachdem Ratzinger so seine ersten Gedanken zum Verhältnis Christentum – Judentum dargestellt hat, bemerkt er: Eine Substitutionstheorie, wie sie das Vatikandokument von 2015 ablehnt, kommt in der Lehre der Kirche gar nicht vor. Für ihn ist klar, dass „Israel nicht durch die Kirche substituiert werde, und der Bund nie gekündigt worden“ sei.[8] Er kritisiert aber, dass die Ablehnung einer Substitutionslehre nicht differenziert genug betrachtet wird. Es muss gründlicher unterschieden werden, worauf sich ein Ersatz bezieht. Daher untersucht Ratzinger nun, wo man einen „Ersatz“ jüdischer Inhalte durch christliche Lehren finden kann – und damit gewissermaßen eine Substitutionslehre vorliegt. So sei der Tempelkult Israels nicht mehr nötig. Durch das Opfer Christ wird Versöhnung geistlich und materiell endgültig – was in der katholischen Kirche immer wieder neu mit der Eucharistie gefeiert wird. Oder das jüdische Bild eines politischen Messias, das im christlichen Glauben vom leidenden und erniedrigten Christus „ersetzt“ wurde.

Bei der Frage nach der Landverheißung bemerkt Ratzinger, dass die katholische Kirche den jüdischen Staat Israel naturrechtlich legitimiert. Aber eine Landnahme, die sich auf politischen Messianismus stützt, kann nicht mit ihrer Lehre vereinbart werden – denn der Messias Jesus Christus hat seinen irdischen Auftrag bereits erfüllt. Aus dem Bestehen des Staates Israel leitet er jedoch ab, dass Gott weiterhin an seinem Volk handelt. Genau in solchem konkreten Handeln sieht Ratzinger ein Zeichen für die Realität Gottes, der „Menschen anredet und in der der Mensch dem Göttlichen begegnen kann.“[9]

Besonders ausführlich äußert sich Ratzinger abschließend zur Aussage seines Vorgängers Johannes Paul II., der sagte, „dass der Bund, den Gott mit seinem Volk Israel geschlossen hat, bestehen bleibt und nie ungültig wird.“[10] Hier möchte Ratzinger ebenfalls für ein differenzierteres Verständnis werben, auch wenn er den Kern der These ausdrücklich bekräftig. Es geht ihm um eine genauere Definition von „Bund“ und die Beobachtung, dass nicht Gott, sondern Menschen den Bund brechen, der von Gottes Seite auf festem Boden steht. Wenn Menschen „nein“ sagen, muss Gott das berücksichtigen.

Vor allem diese Bemerkungen ruft Kritiker auf den Plan, die darin eine Proklamation des christlichen Exklusivanspruchs sehen, wie es z.B. die FR sieht. Die FAZ bemerkt, dass es unfassbar sei, wie man an der Formel rütteln könnte, mit der Johannes Paul II. die christlich-jüdische Verständigung positiv beeinflusst hat. „Karol Wojtyla dürfte sich wegen dieser groben Fahrlässigkeit, die auch auf das Konto mangelnder redaktioneller Umsicht der Zeitschrift geht, im Grabe herumdrehen“, heißt es.

Der Petersdom in Rom

Man kann durchaus kritisieren, dass Ratzinger seine These, eine Substitutionstheorie sei nie Inhalt der kirchlichen Lehren gewesen, ausschließlich auf Recherchen in theologischen Lexika wie dem LThK (Lexikon für Theologie und Kirche) stützt. Auch seine Formulierung, die Diaspora der Juden nach der Zerstörung des Tempels könne als göttliche Strafe interpretiert werden, ist sicherlich unglücklich.

Aber die eigentliche Kritik der Zeitungen wird dem Artikel nicht gerecht: Dass Ratzinger nicht nur als Privatperson vom exklusiven Heil in Christus sprechen kann, sondern diese Ansicht zur Lehre der Katholischen Kirche gehört, bleibt unbeachtet. So wird dieser Anspruch ja auch im Vatikandokument deutlich, auf das Ratzinger sich bezieht. Außerdem wird damit das Anliegen des Autors verfehlt, der dafür wirbt, Kurzformeln aufzugeben und theologische Debatten mit mehr Tiefe zu führen. Dies tut er ohne Polemik und in Tradition zu seinem christlichen Glauben, der nun mal nicht ohne Jesus Christus auskommt. Von einer Proklamierung der „Ecclesia triumphans“ kann keine Rede sein, auch nicht von Bestrebungen zur Judenmission. Dass Ratzinger seinen Aufsatz mit 2Tim 2,12f. endet („Wenn wir standhaft bleiben, werden wir auch mit ihm herrschen. Wenn wir ihn verleugnen, wird er auch uns verleugnen. Wenn wir untreu sind, bleibt er doch treu, denn er kann sich nicht selbst verleugnen.“) und diesen Vers ausdrücklich auf alle, Christen und Juden, bezieht, wird von den Kritikern übersehen. Gerade in diesem Abschluss ist jedoch alles gesagt, was aus Ratzingers Sicht zur Beziehung von Juden und Christen zu sagen wäre.

Die Frage nach dem Verhältnis von Judentum und christlicher Ekklesia erschwert immer wieder den Dialog beider Religionen, wie sich auch in den protestantischen Kirchen immer wieder zeigte und zeigt. Doch sie muss gestellt werden. Dabei gilt festzuhalten: Vom „verworfenen Volk“ Israel kann biblisch begründet nicht die Rede sein. Eine christliche Stellungnahme in soteriologischen Fragen muss dennoch am Exklusivheitsanspruch Jesu Christi festhalten – auch das entspricht dem neutestamentlichen Zeugnis. Dies geschieht selbstverständlich historisch sensibel und darf niemals in Antisemitismus münden.

AEdler

[1] http://www.fr.de/kultur/alt-papst-benedikt-xvi-antisemitismus-auf-christlicher-grundlage-a-1543855 vom 06.09.2018

[2] https://www.nzz.ch/feuilleton/benedikt-xvi-ein-wegbereiter-des-antisemitismus-ld.1407681 vom 06.09.2018

[3] Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum, „Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt“ (Röm 11,29). Reflexionen zu theologischen Fragestellungen in den katholisch-jüdischen Beziehungen aus Anlass des 50-jährigen Jubiläums von „Nostra aetate“ (Nr. 4), https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2015/Vatikandokument-50-Jahre-Nostra-aetate.pdf vom 06.09.2018

[4] Vatikandokument, 9, 25.

[5] Ebd., 13, 36.

[6] Vgl. dazu folgender Artikel auf unserer Homepage: https://www.israelogie.de/2018/die-fruehen-judenchristen-der-ersten-jahrhunderte-nach-christus/

[7] Ratzinger, Gnade und Berufung ohne Reue, 389, in: IKaZ 47 (4/2018), 387-406.

[8] Ebd. 392.

[9] Ebd. 402.

[10] Ebd. 403.

Sind die Juden schuld an Jesu Kreuzigung? Trägt das Volk Israel die primäre Verantwortung für Christi Tod? Viele Christen scheinen – so bereits einige Quellen aus der frühesten Christenheit – das zu glauben. Doch wie beantwortet das Zeugnis der Apostel und Evangelisten im Neuen Testament diese Fragen?

Das Gespräch zwischen und die Begegnung von Juden und Christen sind seit jeher überschattet von einer tief verwurzelten Feindseligkeit. Bereits kurz nach 70 n. Chr. wird dieses Misstrauen z.B. im jüdischen „Achtzehn-Bitten-Gebet“ gegen Christen ausgedrückt, und in ähnlichen Schriften nicht viel später veröffentlicht von Christen gegen Juden. Immer wieder werfen Christen seitdem ihren jüdischen Gesprächspartnern vor, das jüdische Volk sei für die Ermordung des Sohnes Gottes verantwortlich. Und umgekehrt wurden Christen von Juden diffamiert. Eine unsäglich traurige Geschichte spiegelt sich darin, die bekanntermaßen für Juden schließlich nach dem Bar Kochba-Aufstand (135 n. Chr.) insgesamt ziemlich schlecht ausging.

Die Klagemauer, Symbol des Judentums und der Bitte um Schuldvergebung in einem

Die Klagemauer, Symbol des Judentums und der Bitte um Schuldvergebung in einem

Mit der sich ausbreitenden Dominanz der (Welt-)Kirche bzw. des Christentums im römischen Reich (nach 325 n. Chr.) und in den Zeitepochen danach wurden Juden auch gesellschaftlich zunehmend stigmatisiert und in Ghettos verdrängt. In den vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden war zudem die Be-schuldigung der Juden, „Christusmörder“ zu sein, oft eine Wurzel zur Legitimierung antisemitischer Gewalttaten (obwohl der prinzipielle Anti-semitismus bereits vor-christliche, also auch schon in der Antike verwurzelte Gründe hatte). Ob frühchristliche Verfolgungswellen, mittelalterliche Pogrome oder nationalsozialistische Massenmorde – im Hintergrund galt immer auch, ausgesprochen oder unausgesprochen, das Prinzip der „Vergeltung“ für die Tötung des Erlösers Christus.

Die Argumentation dazu klingt – oberflächlich betrachtet – einleuchtend: Beispielsweise in Matthäus 27,25 steht, dass die Juden die Verantwortung für Jesu Tod auf sich nahmen. Wenn sie also ihren Messias verworfen und getötet haben, ist es dann nicht – so dachten viele – folgerichtig, dass sie unter Gottes Gericht und Fluch stehen? Und weiter: Wenn Gott die Juden verflucht hat, ist es dann nicht zugleich folgerichtig, wenn Christen sich ebenfalls gegen die Juden richteten? Sofern man diesem Gedankengang zustimmt, wäre praktizierter Antisemitismus die einzig mögliche und auch voll christlich legitimierte Haltung den Juden gegenüber.

Doch ist diese Bibelstelle hier wirklich richtig ausgelegt? Wie ist Matthäus 27,25 zu verstehen: „Da antwortete das ganze Volk und sprach: »Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!«“?

Nach Arnulf H. Baumann sprechen gute Gründe gegen eine Interpretation dieses Verses als „Selbstverfluchung für alle Zeiten“:

Dieser Ausspruch galt selbstverständlich nur für die damals unmittelbar Beteiligten; sie wollten den römischen Statthalter Pilatus zur Hinrichtung Jesu überreden, indem sie die Verantwortung auf sich – inklusive ihrer Angehörigen – nahmen.

– Ein bleibendes Prinzip der Bibel ist, dass jeder Mensch für seine eigene Schuld verantwortlich ist, nicht aber für die Schuld seiner Vorfahren (5. Mose 24,16). Die seitdem und auch heute lebenden Juden als Juden haben keinerlei Schuld am Tod Jesu.

– Dieser Ausspruch kann Gott nicht zwingen, die Sprecher und ihre Nachkommen auf ewig zu verfluchen; denn gerade das Wort vom Kreuz Jesu ist es doch, das bestätigt, dass die Versöhnung allen Menschen gilt, „die da glauben, Juden zuerst und dann auch den Heiden“ (Röm. 1,16).

Nach den Aussagen des Neuen Testaments gibt es also keinerlei Anhaltspunkte, die Juden pauschal als schuldig am Tod Jesu Christi zu verurteilen, jedenfalls nicht mehr als dass alle Menschen aller Völker gleichermaßen vor Gott „schuldig“ sind (vgl. Röm. 3,9-26; Joh. 1,29).

Das Kreuz Jesu Christi dient der Versöhnung aller Menschen - Juden wie Heiden

Das Kreuz Jesu Christi dient der Versöhnung aller Menschen – Juden wie Heiden

Auch die Evangelien halten fest, dass einige jüdische Gruppierungen Jesu Tod wollten – aber ebenso stellen sie fest, dass Gott selbst Jesu Tod wollte! Das stellvertretende Leiden Christi für die Sünden aller Menschen war Gottes eigener Ratschluss, Plan und Wille (Paulus fasst diesen Gedanken gut zusammen, z.B. in Phil. 2,6-11). Die menschliche Schuld darf man also keineswegs allein bei den Juden suchen – auch die römischen Machthaber haben sich schuldig gemacht, die heidnischen Soldaten, die Jesus zur Kreuzigung abführten, und sogar die Jünger Jesu, die ihn im Stich ließen, verrieten (Judas) und verleugneten (Petrus). Und letztlich sind „wir alle“ Schuld am Kreuzestod Jesu, weil er nach Gottes Plan stellvertretend zur Sühne für „uns alle“ starb, ja, zur Versöhnung „für uns alle“ – Jude oder Heide – sterben musste.

Wer ist schuld am Tod Jesu? Letztlich jeder Mensch. Keine Einzelperson, keine Gruppe von Menschen ist allein verantwortlich für Jesu Leiden und Sterben, sondern alle gemeinsam, Juden wie Heiden. Ob Hohepriester, Volk, Statthalter, Soldaten oder Jünger – alle tragen ihre Schuld; und, wie Paul Gerhardt dichtete, auch letztlich „ich, ich und meine Sünden“. Die Sünde jedes einzelnen Menschen war der Grund für Jesus, ans Kreuz zu gehen – so ist jeder Mensch mitschuldig an Christi Leiden; jeder, ob Jude oder Nichtjude, ist sozusagen ein „Christusmörder“.

Es ist deshalb völlig falsch und mit nichts zu rechtfertigen, dass von allen Schuldigen an Jesu Tod „nur“ die Juden für verantwortlich erklärt wurden und werden. Mit dieser Erkenntnis in die Wahrheit der „Theologie vom Kreuz“ müssen Christen Ernst machen, in Wort und Tat, in Theologie, Predigt und Seelsorge, wenn der jüdisch-christliche Dialog eine Gesprächsbasis haben soll.

sg

Weiterführende Infos: Baumann, Arnulf H. (Hg.): Was jeder vom Judentum wissen muß, Gütersloh 1983

Bilder: gemeinfrei (pixabay.com)

Es ist sicherlich kein Novum, dass sich die drei Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam die Stadt Jerusalem als einen entscheidenden Ort für jeweils ihre Religion teilen. Kein anderer Ort der Welt ist geschichtlich und religiös so „besonders“ und dabei zugleich so „spannungsgeladen“, wie diese Stadt. Doch denkt man bei Jerusalem vielleicht selten daran, dass auch heute noch in christlichen Kirchen Jerusalems das „geistliche Leben“ pulsiert, und neben der berühmten Grabeskirche auch sonst noch so einige andere Kirchen existieren. Wir möchten hiermit einige wenige dieser aktiven christlichen Kirchen, vor allem aus der Altstadt, kurz vorstellen. Die Grabeskirche bzw. Auferstehungskirche (Anastasis) Bevor wir später andere Kirchen kennenlernen und den jeweiligen Konfessionen zuordnen, wenden wir uns zunächst der bekanntesten Kirche zu, der Grabeskirche, da diese keiner alleinigen Konfession zugeordnet werden kann. Die Hauptverwaltung liegt in Griechisch-Orthodoxen, in Römisch-Katholischen (Franziskaner) Hände sowie in der der Armenisch-Apostolischen Kirche. Wer an das Christentum oder an Kirchen in Jerusalem denkt, dem fällt natürlich zuerst die Grabeskirche ein. Den Namen hat die Kirche vom Grab Jesu erhalten, denn die Kirchenanlage ist an der Stelle erbaut worden, an der Jesus vermutlich gekreuzigt und begraben wurde. Vieles spricht auch tatsächlich dafür, dass dies der historische Ort gewesen sein kann. Gefunden wurde dieser Ort angeblich unterhalb eines heidnischen Tempels auf einer der Reisen Helenas, der Mutter des Kaisers Konstantin. Mit diesem Fund beginnt die Verehrung von „Kreuzreliquien“ in großem Stil. Am 13. September 335 wird die vor Ort erbaute Kirche geweiht und fortan als Gottesdienstraum genutzt. Im Mittelalter, zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert, wird die Kirche zerstört, jedoch anschließend wieder aufgebaut. Heute wird die Kirche von insgesamt sechs verschiedenen Konfessionen genutzt:
  • römisch-katholisch (vertreten durch den dort ansässigen Franziskaner-Orden)
  • griechisch-orthodox
  • syrisch-orthodox
  • armenisch-apostolisch
  • äthiopisch-orthodox
  • koptisch
Diese sechs kirchlichen Denominationen sind für die Pflege und den Erhalt der Grabeskirche zuständig, ein gewisser Weise unglücklicher Umstand, der regelmäßig zu Auseinandersetzungen über die Zuständigkeitsbereiche führt. In der Osterzeit kann es daher auch schon einmal zu ernsthaften Rangeleien während der Prozessionen kommen. Protestantische Konfessionen sind in der Kirche nicht vertreten. Unter diesem Link kann man eine virtuelle Tour durch die Grabeskirche machen: http://www.virtualtoursantosepolcro.org/index_en.htm Römisch-Katholische Kirchen Folgende römisch-katholische Kirche befinden sich in der Jerusalemer Altstadt: die Ecce-Homo-Basilika (im 19. Jh. erbaut), die Salvatorkirche (16. Jh.), die nebeneinander stehenden Kapellen mit den Namen Geißelungskapelle (12. Jh.) und Verurteilungskapelle (20. Jh.), welche gemeinsam die zweite Station des dortigen Kreuzweges bilden, sowie zwei weitere Kirchengebäude, die zwar mit der römisch-katholischen Kirche uniert sind, jedoch in ostkirchlicher Tradition stehen: Kirche der Schmerzen Mariä (armenisch-katholisch) und St.-Anna-Kirche (griechisch-katholisch). Die unierten Kirchen gehören zur Kirchengemeinschaft von Rom und erkennen das Primat des Papstes an (der als Bischof von Rom das alte Patriarchat des Westens innehat). In liturgischen Fragen folgen die mit Rom verbundenen Ostkirchen allerdings ihren eigenen Sprachen und Traditionen, wie z.B. griechisch, armenisch, syrisch usw. Seit dem Vaticanum II wurde es ja ausdrücklich möglich, einen katholischen Gottesdienst in der jeweiligen Landessprache zu zelebrieren. An bestimmten heiligen Stätten aber – bspw. in der Grabeskirche – wird der Gottesdienst nach wie vor in lateinischer Sprache abgehalten. Ein wichtiges Ereignis für die römisch-katholischen Kirchen im Heiligen Land war die Unterzeichnung eines Grundlagenabkommens zwischen dem Vatikan und Israel am 30. Dezember 1993: Das Abkommens erkennt den Staat Israel völkerrechtlich an und regelt die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Staaten. Protestantisch Es gibt in Jerusalem außerdem mehr protestantische Gemeinden und Kirchen als man auf den ersten Blick meinen könnte: Über zehn verschiedene protestantische Denominationen haben sich in Jerusalem niedergelassen. In der Altstadt gibt es jedoch nur zwei evangelische Kirchgebäude: die Erlöserkirche aus dem 19. Jh., die von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) geleitet und unterhalten wird und eine deutsche Gemeinde im Ausland darstellt, aber auch englisch-, arabisch- und dänischsprachige Lutheraner beherbergt. Sie ist ein Zentrum der protestantischen Ökumene im Herzen von Jerusalem. Außerdem gibt es die anglikanische Christuskirche (Christ Church), welche 1849 als erste protestantische Kirche im Nahen Osten eröffnet wurde.

(ts)

    Quellen: http://www.virtualtoursantosepolcro.org/index_en.htm http://www.israelmagazin.de/israel-orte/jerusalem/altstadt/grabeskirche-jerusalem http://www.deutschlandradiokultur.de/grabeskirche-in-jerusalem-der-herr-der-schluessel.1278.de.html?dram:article_id=316220 http://www.evangelisch-in-jerusalem.org/ Bibliographie: Nolli, Gianfranco, Grabeskirche und Felsendom in Jerusalm, Novara 1989 Raanan, Mordecai (Hg.), Die Heiligen Stätten. Auf den Spuren Jesu, Freiburg i. Br. 1970
In wenigen Monaten wird der aufsehenerregende Konzilstext Nostra aetate (lat. ‚In unserer Zeit‘) des II. Vatikanischen Konzils 50 Jahre alt. Dieser handelt von dem „Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen“, also auch zum Judentum. Hierbei stellt sich der 4. Artikel „Die jüdische Religion“ sogar als der längste heraus und bildet somit das Herzstück dieses Dokuments. Die Erklärung hatte einen enormen Einfluss auf den jüdisch-christlichen Dialog in unserer Zeit, weshalb es sich auch für Protestanten lohnt, diesen Text einmal genauer anzusehen. Sie können die PDF hier downloaden:

 (ts)

Passend zur aktuellen (jüdischen) Chanukkah (= Lichterfest) und der bevorstehenden (christlichen) Advents- und Weihnachtszeit wollen wir diese beiden Festtraditionen miteinander in Beziehung setzen. Wir wollen verstehen, was diese beiden Feste auf eine eher besinnlichen Weise miteinander verbinden kann. Das Buch von Dr. David Jaffin „Jüdische Feste – christliche Bedeutung“ soll uns teilweise dabei Orientierung geben.

Chanukkah bedeutet „Weihung, Einweihung“ und ist ein jüdisches Fest, das jährlich parallel zur christlichen Adventszeit stattfindet. Chanukka hat keine unmittelbaren Wurzeln in der hebräischen Bibel, dem Alten Testament. Das Fest geht auf die Wiedereinweihung des Jerusalemer Tempels nach dem Makkabäeraufstand zurück, der sich gegen hellenisierte Juden und makedonische Syrer im Jahre 164 v. Chr. wandte (vgl. Makkabäerbücher, Talmudüberlieferung).

Der griechisch-hellenisierende Einfluss auf das Judentum begann im 2. Jhdt. v. Chr. immer stärker zu werden. Die Römer waren als große Krieger und Verwalter bekannt, die Griechen für ihr hochstehendes Kulturvolk, welches von sich behauptete, dem Israelischen überlegen zu sein. Diese allgemeine Hochschätzung veranlasste damals auch Juden, sich dem synkretistisch-hellenisierenden Einfluss zu öffnen und dabei Fremdreligiöses in der eigenen Religion zu übernehmen.

Insbesondere Antiochus Epiphanes (215- 164 v. Chr.) führte im jüdischen Tempel in Jerusalem eine Götzenkultstätte ein, wo von da an – aus der Sicht traditioneller Juden – Fremdgöttern geopfert werden sollte. Sein Ziel war es, die Religion und das jüdische Volk allmählich auszumerzen. Dadurch wurde die jüdische Kultur und Religion zunehmend in ihrer Existenz bedroht. Im Zuge dieser sogenannten „Hellenisierung“ und „synkretistischen Säkularisierung“ wurden statt dem Gott Israels griechische Götter verehrt. Der Unterricht in jüdischen Schulen wurde durch griechische Weisheit und Philosophie verfremdet.  Diese religiös-gesellschaftliche „Dunkelheit“ im 2. Jahrhundert v. Chr. wurde durch die Person des Antiochus Epiphanes mit geprägt. Denn er beschränkte sich nicht darauf, das jüdische Volk zu vertilgen. Er wollte auch den jüdischen Glauben beseitigen.

Mattathias Makkabäus (†160 v. Chr.) und seine Familie wagten schließlich einen national und religiös motivierten Aufstand gegen diese Verfremdungen des Jüdischen. Der Tempel wurde zu guter Letzt wieder von der Fremdgötterverehrung gereinigt (25. Kislew im Dezember 164 v. Chr.) und die ‚Griechen‘ wurden durch den Makkabäer-Aufstand auch militärisch besiegt. Man feierte daraufhin eine erneute Tempelweihe zur Ehre des Gottes Israels. Im Zusammenhang mit den Festvorbereitungen fand man (nach der traditionellen Überlieferung) im Tempel genügend Öl vor, um den siebenarmigen Leuchter für einen Tag brennen zu lassen. Das Öl reichte jedoch sogar auf wunderbare Weise für acht Tage.

Vor der Wiedereinweihung des Tempels nach dem Sieg über die Griechen existierte tiefe Resignation in der Gesellschaft, quasi so etwas wie eine „resignative Dunkelheit“. Ähnlich mag es zur Zeit Jesu gewesen sein. Man hoffte zu dieser Zeit ebenfalls auf eine Befreiung, diesmal von der römischen Fremdherrschaft. Immerhin ist hervorzuheben, dass zur Zeit Jesu die Pharisäer noch auf den verheißenen Messias warteten, wohingegen zur Zeit der Beeinflussung durch die ‚Griechen‘ offensichtlich kein inniges Suchen mehr nach dem Gott Israels bestanden hatte.

In gewisser Weise kann man die sogenannten „Makkabäer“ als Befreier verstehen, wie auch Jesus später als Befreier oder Erlöser wirkte, wenn auch ganz anders als Israel es damals erwartet hatte (Lk 24,13-27.44-47 u.a.). Die Makkabäer befreiten Israel politisch und auch religiös. Im Bild gesprochen, Licht brach auf in der Dunkelheit. Wenn ihre Befreiung auch nur vorläufig und im Verhältnis nicht vergleichbar war mit der Befreiung, die durch Jesus am Kreuz vollbracht wurde, so war sie doch für das Überleben des jüdischen Volkes und des jüdischen Glaubens von großer Bedeutung und sie prägte die Erwartungen der Juden noch zur Zeit Jesu.

Nach dem Makkabäeraufstand gab es für eine kurze Zeit wieder einen politischen Staat, der auch in jüdisch-religiöser Hinsicht bedeutsam war. Der Tempel war ja immerhin vom Heidnischen „gereinigt“ worden.

Josephus beschreibt Chanukkah wie folgt: „Chanukkah [ist] zu einem Lichtfest geworden.“ Die acht Flammen des Chanukkah-Leuchters stehen für das Licht (= neue Verehrung des Gottes Israels), das über die Dunkelheit (= heidnische Verunreinigung des Kults) anbricht. Allerdings, nachdem die Unterdrückung vorüber war, kam es erneut zum Streit unter den Juden. Schon Churchill urteilte (mit einem Augenzwinkern): „30 Juden – 31 Parteien.“

Jaffin beschreibt die Einheit, die durch die Makkabäer möglich wurde und vergleicht diese mit der Einheit, die in Jesus möglich wurde. Christus selbst demonstrierte quasi die Einheit Israels. Er war für Israel im gesamten Land unterwegs und erwählte dort 12 Jünger, auch als Zeichen der Wiederherstellung der 12 Stämme. Denn zur Zeit Jesu existierten faktisch nur noch die Stämme Juda, Benjamin sowie die Leviten.

Wie zu der Zeit der Makkabäer „Dunkelheit“ als Metapher für den geistlichen Zustand und für den synkretistischen Abfall von Gott bedeutsam war, so wird sie auch für die Ereignisse um Weihnachten herum, der Menschwerdung Gottes im Stall von Bethlehem (Lk 2 und Mt 1-2), vorausgesetzt. Und auch in der Predigt Jesu, der Bergpredigt, die von ihren Ansprüchen her enorm herausforderte, betonte Jesus, dass ein Mensch „vollkommen“ sein müsse, wie Gott. Den zuhörenden Juden damals wurde deutlich, dass das Erreichen dieses Ziels im Grunde nicht möglich ist.

Die Dunkelheit erreichte ihren Höhepunkt in den drei Stunden der völligen Finsternis bei der Kreuzigung Jesu auf Golgatha. Jaffin drückt das wie folgt aus: „Die alte Schöpfung liegt im Sterben mit Gott, weil wir Gottes Mörder sind.“

Der letzte Prophet Johannes, der sein Volk zur Umkehr aufruft, spiegelt Israels Zustand wider: So wie er umgebracht wurde und seine Zeit vorüber war, so ist auch Israels Zeit vorläufig beendet. Israel wird einen Leidensweg gehen müssen, bis die Zeit der Heiden zu ihrem Ziel und Ende kommen wird (Lk 21). Dann „wird ganz Israel errettet werden“ (Röm 11,26). Dann wird es „Licht“ werden durch Jesus, auch für Israel.

Jesus will uns mit dem Vater versöhnen. Dies konnte nur geschehen, indem er die Bergpredigt für uns im Buchstaben und im Geist erfüllte. Christus erfüllte die Forderungen der Bergpredigt stellvertretend für uns. Er trägt an „unserer Stelle“ unser Gericht und unsere Verurteilung: „Verflucht ist der, der am Holze hängt.“ Es wird zugleich ausdrücklich gesagt, dass Jesus ein Licht (= Befreier und Heilsbringer) für alle Völker ist. Aber auch für Juden, auch für Israel.

Dr. David Jaffin schreibt sinngemäß: Wenn sich Israel einmal bekehren wird, so werden die Israeliten in der Tiefe erfassen können, was die Verbundenheit zum gekreuzigten und auferstandenen Messias Jesus (= Christus) bedeutet. Dann wird es auch für Juden das echte und das für sie neue „Jesus-Lichterfest“ geben – so könnte man es ausdrücken – ein Lichterfest, das Israel dazu bringen wird, den Befreier und Heilsbringer Jesus als Licht der Welt zu verehren und anzubeten.

Jaffin zieht auch Parallelen zwischen der Leidensgeschichte Jesu und dem Leid des jüdischen Volkes. Dabei wird deutlich: Je mehr man sich mit dem Alten Testament und den jüdischen Feiertagen beschäftigt, desto genauer sieht man, wie sich Jesus ‚gleichnishaft‘ seinem erstgeliebten Volk bezeugt. Es wird ein besonderes Geschenk sein, wenn das jüdische Volk den Messias dann künftig erkennen wird (vgl. auch Röm 11,26-29) – eben den, den sie durchbohrt haben – und es daraufhin die Welt missionieren wird.

Wenn heute das Lichterfest gefeiert wird, so lautet das Gebot, dass der Chanukkah-Leuchter ins Auge stechen soll. Häufig findet man die Leuchter auf Fensterbänken, neben dem Hauseingang gegenüber der Mesusa (Schriftkapsel mit Glaubensbekenntnis der Juden) oder an zentralen Stellen in einem Haus wieder.

Das Fest dauert acht Tage lang, an jedem Tag wird eine weitere Kerze mit dem Schamasch (= Diener, eine Art Hilfskerze um die anderen Kerzen anzünden zu können) angezündet. Das Lichterfest ist heute ein Gemeinschaftsfest der Familie, man kommt zusammen, spricht Gebete, singt Lieder und erzählt die Chanukkah-Geschichte. Kinder bekommen häufig Süßigkeiten, man spielt Dreidel (= Kreisel). Auf diesem Kreisel stehen vier hebräische Buchstaben (Nun, Gimel, He, Schin), die jeweils für ein Wort stehen: Nes Gadol Haja Po = „Ein großes Wunder geschah hier.“ Der Tradition nach erinnert dieser Kreisel an die Zeit von Antiochus Epiphanes, als es Eltern untersagt war, ihren Kindern von ihrem jüdischen Glauben zu erzählen. Trotz Verbot lehrten die Eltern ihre Kinder, und wurden sie von der syrischen Patrouille unerwartet kontrolliert, so spielten die Kinder als Tarnung mit dem Dreidel.

Heute erfreut man sich an dem großen Wunder, an die Befreiung von der Unterdrückung und dass das Öl im Tempel acht Tage lang ausreichte. Um wie viel mehr dürfen wir uns als Christen in der Adventszeit auf Weihnachten freuen. Der Prophet Jesaja sagte: „Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt …“ (Jes 60,1). Unser Licht ist gekommen, gepriesen sei der Herr! Wir dürfen uns nicht nur an dem Chanukkah-Wunder erfreuen, vielmehr erfreuen wir uns an Jesus Christus, er wohnt jetzt in uns und nicht mehr im Tempel (Joh 2,19ff.)

Die Adventszeit kann auch für uns zu einer besonderen Zeit werden, denn „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.“ (Joh 1,9). Welch ein Vorrecht, wir dürfen Christus danken und loben, der Messias ist gekommen und wurde Licht, damit wir leuchten können – nehmen wir dieses Angebot an?

(mr)

 
Quellen:
 
Jaffin, David, Jüdische Feste- christliche Deutung, 2. leicht überarbeitete Auflage 1993
http://de.wikipedia.org/wiki/Weihnachten   
http://de.wikipedia.org/wiki/Chanukka
http://de.wikipedia.org/wiki/Dreidel
 

Wie bereits in den Jahren zuvor ist Menschen jüdischer Abstammung, die an Jesus Christus glauben – also von uns als Christen bezeichnet würden, sich selbst aber „messianische Juden“ nennen – die aktive Beteiligung am Deutschen Evangelischen Kirchentag, der vom 1. bis 5. Mai in Hamburg stattfinden wird, untersagt worden.

Bereits 2012 hatte das jüdisch-messianische Werk Beit Sar Shalom Interesse bekundet, mit einem Stand auf dem Markt der Möglichkeiten und der Messe im Markt vertreten zu sein, sowie sich beim Abend der Begegnung, einem großen Straßenfest zum Auftakt des Kirchentages, und mit musikalischen Beiträgen bei der Kirchenmusik zu beteiligen.

Doch obwohl der Evangeliumsdienst zu den mit der Evangelischen Allianz verbundenen Werken gehört, somit auf deren Glaubensbasis arbeitet und mit deren Hauptvorstand und den örtlichen Allianzkreisen zusammenarbeitet, wurde seine Teilnahme nicht zugelassen.

Grund sei, wie die Kirchentagsgenerealsekretärin Ellen Ueberschär gegenüber dem Nachrichtendienst idea erläuterte, dass nur dialogorientiere Organisationen zugelassen würden. Zudem lehne der Rat der EKD in Übereinstimmung mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland jede Judenmission aus theologischen und historischen Gründen ab. Tatsächlich bekundet Beit Sar Shalom schon auf seiner Startseite offen: „Unser Ziel ist, den Juden und allen anderen Jeschua (Jesus), den Messias, bekannt zu machen, damit alle Menschen Seine Liebe erfahren und Ihn preisen.“ Diese Position der EKD geht auf das Jahr 1999 zurück, als dem Evangeliumsdienst für Israel (edi) durch einen Beschluss des Kirchentagspräsidiums die Teilnahme am damaligen Kirchentag verwehrt und festgelegt wurde, dass jüdisch-messianische Einrichtungen und Werke grundsätzlich dort nicht auftreten dürften.

Dennoch hatten die besagten Organisationen immer wieder versucht, sich konstruktiv bei den Kirchentagen einbringen zu dürfen, und konnten sogar 2010 einen Erfolg verzeichnen: Auf dem Ökumenischen Kirchentag in München wurde ihnen dank einer Initiative der bayrischen Landessynode eine Veranstaltungsreihe unter dem Thema „Juden, die an Jesus glauben – zwischen Kirche und Synagoge“ zugestanden, bei dem sie ihr Anliegen vorstellen konnten. In diesem Rahmen setzt sich Theo Sundermeier, Missionswissenschaftler aus Heidelberg, für die minoritäre Gruppe ein: „Es gehe nicht an, dass die Kirchen aus falsch verstandener Rücksicht gegenüber den traditionellen jüdischen Gemeinden den Kontakt mit diesen Glaubensgeschwistern mieden.“

Was messianische Juden von ihren christlichen Glaubensgeschwistern unterscheidet, ist lediglich ihre Abstammung sowie das Festhalten an ihren Traditionen. Das missionarische Anliegen aber ist kein Erkennungszeichen nur dieser Bewegung, sondern wird von vielen auf dem Kirchentag vertretenen Werken ebenso betont. Zu Recht wird außerdem erwidert, dass die Apostel Petrus und Paulus nicht weit gekommen wären, wenn ihnen die Mission unter ihren jüdischen Geschwistern verboten gewiesen wäre.

Der Ausschluss der messianischen Juden vom Hamburger Kirchentag ist vor allem aus zwei Gründen zu bedauern. Erstens beraubt sich die Kirche, die als eine jüdisch-messianische Bewegung um den jüdischen Messias Jesus begann, damit ihrem eigenen Erbe und löst ihren Erlöser aus seinem historischen Kontext heraus. Zweitens erscheint ihr eigenes Plädoyer für Toleranz insofern unglaubwürdig, als viele Vertreter anderer Religionen, zum Beispiel aus dem Buddhismus und dem Islam, in deren Heimatländern Christen zum Teil grausam verfolgt werden, zugelassen sind.

Dennoch sollte man die Entscheidung nicht vorschnell mit Antisemitismus gleichsetzen, da sie möglicherweise viel eher zu erklären ist mit einer Empfindlichkeit bezüglich der deutschen Vergangenheit und der Angst vor missionarisch-fundamentalistischen Vorstößen auf dem Hamburger Großereignis. Doch ist diese Angst, was Beit Sar Shalom betrifft, sicherlich unbegründet – vorausgesetzt, man ist bereit zu tolerieren, dass Menschen sich und ihre Glaubensüberzeugungen einladend vorstellen. Denn nicht mehr und nicht weniger tut das Werk um Wladimir Pikman, der im Informationsbrief vom vergangenen Monat unabhängig von dieser Thematik schrieb: „Gleichzeitig sind unsere guten Taten nicht ,eine für Juden trügerische Verpackung‘ des Evangeliums (…). Gutes zu tun ist unser Lebensstil. Wir tun es nicht, um das Evangeliums zu bringen, sondern weil es ein Teil des Evangeliums ist.“

In dem Vorwort zu Joy Davidmans Buch „Smoke on the Mountain“ schrieb C. S. Lewis mit frappierender Simplizität: „In gewisser Weise ist der bekehrte Jude der einzig normale Mensch auf der Welt. Ihm wurden die Verheißungen zuerst gemacht, und er hat davon Gebrauch gemacht.“ (Eigene Übersetzung) Schade, dass somit den vielen interessierten Kirchentagsbesuchern das Kennenlernen dieser ihrer besonderen Geschwister im Glauben vorenthalten wird.

Lesen Sie hier, was Lutz Scheufler, der bis zu seiner Kündigung durch das sächsische Landeskirchenamt zum 31. März diesen Jahres in der Evangelischen Kirche als Evangelist tätig war, 2011 ironisch zum Auschluss der messianischen Juden vom Kirchentag in Dresden schrieb. Wenn auch sein direkter Bezug zum nationalsozialistischen Antisemitismus zu gewagt scheint, trifft er mit seinem imaginären Brief an den Apostel Paulus doch so manchen wunden Punkt: https://www.israelogie.de/2011/kommentar-zum-kirchentag-lieber-apostel-paulus/

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Fotos: Israelkonferenz: © privat; Lutz Scheufler: © ostwind-musik.de (Foto: kairospress)   Quellen: http://www.idea.de/detail/thema-des-tages/artikel/kirchentag-jesusglaeubige-juden-unerwuenscht.html http://www.beitsarshalom.org/bsse-cms/index.php/de/ http://www.kirchentag.de/dabei-sein/mitwirken.html http://www.ead.de/die-allianz/werke-und-einrichtungen/verbundene-werke.html http://www.ead.de/die-allianz/werke-und-einrichtungen/die-evangelische-allianz-und-ihre-werke.html http://www.muenchen-evangelisch.de/alle_veranstaltungen.html?ID=1692453 http://jerusalemimpulse.wordpress.com/2012/09/03/die-judisch-messianische-frage-ist-durch-den-kommenden-kirchentag-in-hamburg-2013-neu-angestossen-worden/ http://www.worldinvisible.com/library/davidman/smoke/smoke.p.htm

Für zwei Monate waren Julia Perrot, Mitarbeiterin des Institus für Israelogie, und ihr Mann Olivier als Volontäre in Jerusalem. Wer sich schon länger fragt, was an Israel eigentlich so besonders sein soll, wird in ihrem Bericht vielleicht eine Antwort finden. Und wer das schon längst weiß, wird sich umso mehr auf seine nächste Reise freuen in das Land, das so reich ist an Begegnungen, Eindrücken und – Kontrasten.

Hier kann der Bericht heruntergeladen werden:

Zwei Monate Israel – ein Bericht aus dem Land der Kontraste

(jp)