Purim – Bedeutung und Traditionen des Festes der Lebensfreude

Das „Faschingsfest der Juden“ – unter dieser Beschreibung ist das Purim-Fest noch am ehesten in unserer Gesellschaft bekannt. Viele haben schon mal von Ester, „Haman-Taschen“ oder auch den sogenannten „Ratschen“ gehört. Doch wissen die wenigsten nichtjüdischen Menschen, warum Purim gefeiert wird, warum Juden sich an diesem Tag verkleiden und warum das Trinken von Alkohol fast schon ein Gebot ist.

Hier soll ein kleiner Einblick gegeben werden in das Purim-Fest und die verschiedenen Traditionen, die es begleiten.

An Ta´anit Ester (13. Adar) wird dem Mut Mordechais und Esters gedacht.

Ta´nit Ester. Purim wird traditionell am 14. und 15. des Monats Adar gefeiert, da laut der Überlieferung an diesen Tagen die Juden in Persien ihre Gegner besiegt hatten und ihre Errettung vor den Feinden feiern konnten. Doch auch der 13. Adar, der Tag, an dem Haman die Juden in ganz Persien auslöschen wollte, ist ein wichtiger Tag im jüdischen Kalender. An diesem Tag wird dem Mut Esters gedacht. Ta´anit Ester bedeutet „das Fasten Esthers“.

Denn als Mordechai zu Esther ging, um sie zu überreden, ihren Ehemann König Xerxes (Ahasveros) um das Überleben des jüdischen Volkes anzuflehen, fastete und betete sie. Sie sagte zu Mordechai. „So geh hin und versammle alle Juden, die in Susa sind, und fastet für mich, dass ihr nicht esst und trinkt drei Tage lang, weder Tag noch Nacht. Auch ich und meine Dienerinnen wollen fasten. Und dann will ich zum König hineingehen entgegen dem Gesetz. Komme ich um, so komme ich um.“ (Est 4,16) Um der Weisheit Mordechais und dem Mut Esters, die mit diesem Vorgehen ihr Leben riskierte, zu gedenken, ist der 13. Adar zu einem Fast- und Gedenktag für die beiden geworden.

Warum zwei Tage? Da die Kämpfe durch das erste Edikt von König Xerxes auf den 13. Adar begrenzt waren, konnten die Juden fast im ganzen persischen Reich schon am 14. Adar ihren Sieg über die Feinde feiern. Doch die Kämpfe in der Hauptstadt Susa dauerten 48 Stunden. So fand im ganzen Land zwar schon am 14. Adar ein Freudenfest statt, doch hielten die Juden in der persischen Hauptstadt Susa erst am 15. Adar ein Festmahl. So bestimmten Ester und Mordechai im Nachhinein diese beiden Tage zu Festtagen (Est 9,22), an denen Fasten und Arbeit verboten sind! An Purim wird das Leben gefeiert: Der Gottesdienst, gute Gemeinschaft, Essen und Trinken sind bestimmend für diese Tage der Freude.

Am Abend des 13. sowie am Morgen des 14. Adar versammeln sich Juden in Synagogen und hören die Megillat Ester.

In der Synagoge. Purim beginnt traditionell mit einem Gottesdienst in der Synagoge. Da im Judentum der Tag am Abend beginnt, gehen alle am Abend, wenn die Sonne am 13. Adar untergeht (also zu Beginn des 14. Adar), in einen ersten Gottesdienst; der zweite folgt am Morgen des 14. Adar.

In der Synagoge wird aus dem Buch Ester (hebr. Megillat Ester) vorgelesen. Jedes Mal, wenn dabei der Name Haman fällt, klappert die Gemeindeversammlung mit den sogenannten Ratschen, stampft laut mit den Füßen auf, bläst in Tröten oder macht auf eine andere Weise Lärm. Diese Tradition leitet sich aus der Feindschaft zwischen Israel und den Amalekitern (dem Volk Hamans) her; an der bestimmenden Stelle verkündet JHWH, dass der Name Amalek ausgelöscht werden soll (5. Mo 25,17-19).

Haman-Taschen sind ein süßes Gebäck und werden traditionell zu Purim gebacken.

Gemeinschaft. Nach dem zweiten Gottesdienst am Morgen des 14. Adar kommt die ganze Familie zusammen und feiert das Leben bei einem Festmahl. Es werden möglichst auch Freunde eingeladen, damit eine große Festgemeinschaft entsteht. Diese Gemeinschaft unter Juden steht an Purim im Zentrum: Nur durch einen starken Zusammenhalt haben es die Juden geschafft, ihre Feinde in Persien zu besiegen.

Zu diesem Festessen, für das man sich besonders festlich kleidet, gibt es auch traditionelle Speisen, die meisten sind süß: Haman-Taschen, mit Schokolade, Mohn oder Nüssen gefüllt, und Nunt, aber auch die pikanten Kreplach sind dabei die bekanntesten Speisen. Über die Jahrhunderte wurde es tatsächlich zu einem talmudischen Gebot, so viel Wein zu trinken, bis man nicht mehr unterscheiden kann zwischen den Ausrufen „Verflucht sei Haman!“ und „Gesegnet sei Mordechai!“ (Talmud, Traktat Megilla 7b; Schulchan Aruch, Orach Chaijim §695.2). Doch wird heutzutage natürlich auf die Gefahren eines zu großen Alkoholkonsums verwiesen.

Geschenke. Es ist eine sehr bedeutende Tradition und sogar eine Mitzwa (ein Gebot), sich an Purim zu beschenken. Dies leitet sich direkt aus dem biblischen Bericht her (Est 9,22). Mit der Zeit haben sich verschiedene Arten von Geschenken entwickelt:

Geschenke innerhalb der Familie, unter Freunden, aber auch an Bedürftige sind eine besonders schöne Tradition.

Es gilt, jemandem aus dem Bekanntenkreis Essen zu schenken. Diese verpackten, haltbaren Essensgeschenke sollen durch eine dritte Person übergeben werden. Meist übernehmen verkleidete Kinder diese Rolle.

Außerdem beschenkt man an diesen Tagen Bedürftige. Hier werden in der Regel Geldgeschenke gemacht. Ist es jemandem nicht möglich, einen Bedürftigen direkt zu beschenken, wird das Geld an Wohltätigkeitsorganisationen gegeben.

Umzüge. Diese Tradition ähnelt am meisten dem Faschingsfest. Es gibt ausgelassene Festumzüge, für die sich die Teilnehmenden, aber auch die Besucher verkleiden. Sie werden auch Purimspiele genannt: Gruppen, zusammengesetzt aus unterschiedlichsten Generationen, spielen das Purimgeschehen nach.

Die Tradition, sich an Purim zu verkleiden, geht auf verschiedene Begründungen zurück. So wird etwa am Ende des Buches deutlich: Der Gott Israels griff ein und rettete sein Volk, auch wenn sein Name nicht ein einziges Mal genannt wird. Sein Wirken verbarg sich hinter dem Offensichtlichen. Im Talmud wird außerdem beschrieben, wie das jüdische Volk sich an manche heidnischen Gepflogenheiten im Exil anpasste – doch war dies nur wie eine Maske; im Herzen blieb es seiner Identität treu.

Purim ist ein Fest der Lebensfreude – gute Gemeinschaft, festliches Essen und der Genuss von Wein sind dabei ein wichtiger Bestandteil.

So ist Purim ein bedeutendes Freudenfest für das jüdische Volk – bis heute. Es wird gefeiert, dass Gott sein Volk in der Diaspora bewahrt und eine starke Gemeinschaft innerhalb des Volkes geschenkt hat. Auch heute noch gilt Mordechais Gebot: „(…) sie sollten als Feiertag den 14. und 15. Tag des Monats Adar annehmen und jährlich halten als die Tage, an denen die Juden zur Ruhe gekommen waren vor ihren Feinden, und als den Monat, in dem sich ihr Schmerz in Freude und ihr Leid in Festtage verwandelt hatten (…).“ (Est 9,21-22)

Chag Sameach! Ein frohes Purim-Fest!

 

KStegemann

Eine Rezension

Wer wissen möchte, woran messianische Juden glauben, fragt am besten einen messianischen Juden. So gibt es eine Reihe von Autoren, die Auskunft über Geschichte und Einzelthemen im Bereich der messianisch-jüdischen Bewegung geben, aber nur wenige Werke, die eine Diskussionsgrundlage zu Glaubensaussagen auf akademischem Niveau bieten. „God, Torah, Messiah. The Messianic Jewish Theology of Dr. Louis Goldberg“ gehört zur letzten Gruppe. Da der Autor 2002 verstarb, blieb das Werk unvollständig. Allerdings wurde die Arbeit von Dr. Richard A. Robinson editiert, sodass sie 2009 veröffentlicht werden konnte. In 15 Kapiteln werden verschiedene theologische Bereiche systematisch erfasst, die auch in christlichen Dogmatiken anzutreffen sind:

In den ersten vier Kapiteln setzt Goldberg die Prämissen, unter denen er die Heilige Schrift betrachtet. Die Torah wird dabei zunächst unter jüdischen Voraussetzungen analysiert, aber auch in Beziehung zum Neuen Bund gesetzt. Für den Autor ist die gesamte Heilige Schrift als Einheit zu betrachten und von Gott gegeben, was sich für ihn unter anderem an den erfüllten Prophezeiungen (z.B. Jes 53) ablesen lässt. Deswegen sieht er es problematisch, wenn mündliche Überlieferungen („oral law“) Inhalten der Schrift entgegen stehen. Dann widmet er sich in einem ausführlichen, sieben Hauptabschnitte umfassenden Block dem dreieinigen Gott. Anders als bei Christen üblich, benutzt er um die Dreieinigkeit zu beschreiben stets die Begriffe Gott – Yeshua – Heiliger Geist, nicht Vater – Sohn – Heiliger Geist. Anschließend folgen einzelne Kapitel zur Lehre des Menschen, der Sünde, der Engel und der (messianischen) Gemeinde.

Um Goldbergs Argumentationslinie, die sich durch das gesamte Werk zieht, verständlich zu machen, wird hier ein Kapitelblock beispielhaft aufgerissen: Etwa ein Fünftel des Werkes befasst sich mit der Vorstellung des Messias unter verschiedenen Gesichtspunkten. Ziel ist es, zu zeigen, dass Yeshua der Messias ist und wie er ist.  Dabei stellt Goldberg auch für Christen herausfordernde Fragen über das Wesen Yeshuas und greift scheinbare Widersprüche auf, um sie systematisch zu lösen. Wie kann der Messias zum Beispiel menschlich und göttlich zugleich sein? Zunächst gibt der Autor dazu einen geschichtlich-theologischen Rückblick: Er stellt die Entwicklung des Messiaskonzepts im jüdischen Denken nach dem Exil dar, und zwar in den 400 Jahren zwischen Abschluss des Tanach und dem ersten Jahrhundert nach Christus. Er sieht hier den Trend, dass mit fortschreitender Zeit die persönliche Gottesbeziehung immer mehr in die Ferne rückte. Das jüdische Messiasbild ließ folglich, so Goldberg, keine Mischung aus göttlich und menschlich zu- eine wichtige Beobachtung für den Autor, der als messianischer Jude beide Attribute im Glauben an Yeshua miteinander vereint. Dass aber ausgerechnet Yeshua der Messias ist, musste sich nach Goldberg erstens in seiner Lehre und seinem Zeugnis über sich selbst, und zweitens in seinem Werk zeigen. In diesen beiden Punkten hat Yeshua nach Goldberg genau das gesagt und getan, was über den Messias geschrieben steht. Er lehrte nicht nur den Inhalt der Thora, sondern lebte sie vor. Als Heiler und Herrscher über Naturgewalten könne kein Zweifel mehr über seine göttliche Natur bestehen bleiben.

Dem geht er weiter auf den Grund: Einzelne Aspekte werden aufgegriffen, zum Beispiel „The Preexistence of the Messiah“, „The Names of God Applied to Yeshua“ oder „As Our Advocate and High Priest“. Dazu nennt Goldberg passende Stellen aus dem Neuen Testament und stellt ihnen dann AT-Stellen gegenüber, in denen zu dieser Thematik bereits etwas geschrieben steht. Immer wieder geht er auf bereits von ihm dargestellte Entwicklungen und Strömungen im Judentum ein, die es deren Anhängern seiner Ansicht nach schwer machen, Jesus als den zu sehen, der er für Goldberg ist: der Messias. Vor allem die Targumim, in denen jüdische Gelehrte die Schriften interpretierten, trug nach Goldberg dazu bei, dass Juden keinen göttlichen oder leidenden Messias erwartet hatten. In einem Exempel stellt er in einer Tabelle dar, wie sich Jes 52,13- 53,12 im Targum Jesaja vom „biblischen Text“ unterscheidet. Wenn er zum Beispiel die Entstehung der Targumim erklärt, fügt er auch immer wieder Erkenntnisse aus der alttestamentlichen Forschung ein. Goldbergs messianisch-jüdischem Verständnis seiner in dieser Thematik verwendeten AT-Stellen geht der Schritt voraus, Yeshuas Lehre anzuhören, seine Gleichnisse und Auslegungen. Erst dann könnten jene alttestamtlichen Passagen eingeordnet und beurteilt werden. Mit dieser Art von Verknüpfung des Tanach mit dem Neuem Testament zeigt Goldberg vor allem: Wenn messianische Juden von Yeshua reden, ist er für sie der Messias, von dem an bestimmten Stellen im AT direkt oder indirekt die Rede ist. An einen solchen Messias zu glauben, der Merkmale wie beispielweise göttliche und menschliche Attribute vorweist, hängt also primär mit dem zugrundeliegenden Schriftverständnis zusammen.

Insgesamt ist „God, Torah, Messiah“ eine interessante Einführung in eine Art messianisch-jüdische Theologie. Themen, die in der messianisch-jüdischen Bewegung kontrovers diskutiert werden, wie das mündliche Gesetz, beleuchtet er ausführlich. Weil immer wieder rabbinische Auslegungen, moderne jüdische Ansichten und geschichtliche Abrisse einfließen, lernt der Leser nicht nur etwas über messianisch-jüdische Theologie, sondern auch über das Judentum. Auch christliche Dogmatik findet ihren Platz, wenn zum Beispiel die Inhalte des Nizänums diskutiert werden. Goldberg spart nicht an Definitionen und Bibelstellen. Wenn er zum Beispiel die Heiligkeit Gottes als eine seiner Eigenschaften beschreibt, nennt er dazu über 30 Zitate aus dem Alten und Neuen Testament. Hilfreich sind die übersichtlichen Einteilungen und Überschriften. Die Kapitel leitet er lebensnah, oft schon anekdotenhaft ein, sodass das Lesen für eine Systematik ungewöhnlich leicht fällt. Es muss berücksichtig werden, dass zwar Glaubenssätze und -bekenntnisse innerhalb der messianisch-jüdischen Bewegung formuliert wurden, diese allerdings nicht verbindlich für alle Gemeinden sind und nicht für alle messianischen Juden sprechen. So ist es auch mit den wenigen systematischen Werken. Daher kann diese Theologie exemplarisch einen interessanten Einblick in den messianisch-jüdischen Glauben aus der Innenperspektive bieten, aber sie ist keineswegs erschöpfend. Zur gezielten Auseinandersetzung sei das Hinzuziehen weiterer Vertreter, die aktiv diskutiert werden, empfohlen, siehe insbesondere R. Harvey, Messianisch-jüdische Theologie verstehen, EDIS 7, 2016.

AE

Das Thema der Abtreibung wird auf vielerlei Art und Weise immer wieder zu einem gesellschaftlich viel diskutierten Thema. Es ist nach wie vor ein sogenanntes „heißes Eisen“. Dieser Artikel will die jüdische Sicht auf die Abtreibungsdebatte referieren, die sowohl biblische, als auch traditionell jüdische Aspekte beinhaltet.

Am 17.09.2016 fand er wieder statt. Der Marsch des Lebens. Er stand unter dem Motto: „Jeder Mensch ist gleich wertvoll – kein Kind ist unzumutbar“. Es versammelten sich dazu in Berlin wohl ca. 7500 Personen[1], meist christlicher Prägung, um einen stillen Protestmarsch für das Leben und gegen die Abtreibung zu vollziehen. Doch auch dieses Mal kam es wieder zu einer Gegendemonstration von Abtreibungsbefürwortern. Die Gesellschaft scheint gespalten. Eine ähnliche Polarität der Überzeugungen ist bei US-amerikanischen Lebensrechtbewegungen (Pro-Life) zu beobachten. Auch ihnen stellt sich eine Pro-Choice Bewegung entgegen, die sich für die Möglichkeit des Schwangerschaftsabbruches einsetzt. Die heutige Gesellschaft scheint also in Bezug auf die Abtreibung global zutiefst gespalten. Während der friedliche Berliner Schweigemarsch sich Sabotageversuchen und Blockaden, sowie obszönen Beleidigungen und Verunglimpfungen gegenübersieht, werden in Amerika von Seiten der Lebensrechtler Attentate auf Abtreibungsärzte verübt. Der Respekt vor ungeborenem Leben führt also zur Gewalt gegen schon geborenes Leben und umgekehrt. Die offizielle Gesetzeslage in Deutschland ist dabei zurzeit die Folgende: Nach §§218 und 219 StGB ist der Schwangerschaftsabbruch grundsätzlich rechtwidrig, aber unter bestimmten Voraussetzungen straffrei. Der Schwangerschaftsabbruch ist dabei jedoch nur in den ersten 12-Wochen möglich. Eine Schwangerschaft darf darüber hinaus abgebrochen werden wenn sie Folge eines Kriminaldelikts ist oder eine medizinische Indikation vorliegt.[2]

Die Gemengelage in Bezug auf das Thema Abtreibung ist also gesellschaftlich und politisch aufgeladen und erschwert eine ethisch-differenzierte Standortbestimmung. In diesem Artikel soll dieses virulente gesellschaftspolitische Thema nun einmal von einer ganz anderen Perspektive aufgerollt werden, nämlich aus der Perspektive des Judentums. Wie argumentiert die jüdische Tradition, wenn es um die wichtigen Fragen geht, wie, „Wann beginnt menschliches Leben?“ und „Ab wann ist ungeborenes Leben unbedingt schützenswert?“

Judentum und Abtreibung

Das vorliegende Thema wird nun in zwei Schritten entfaltet. Als erstes wird nach der biblischen bzw. alttestamentlichen Evidenz für bzw. gegen Abtreibung gefragt und darauf folgend wird dann die jüdische Traditionsbildung in den Blick genommen.

Abtreibung und das Alte Testament – Ein Schlaglicht

Zunächst einmal gilt es festzustellen: Die Bibel sagt Nichts direkt zum heutzutage diskutierten „modernen“ Problem der Abtreibung. Doch auch wenn dieses „moderne“ Problem zutiefst von den neuen technischen Möglichkeiten bestimmt ist und diese in der Antike nun mal nicht vorhanden waren, heißt dies jedoch nicht, dass das Thema Abtreibung erst mit der Moderne aufkommt. Im Gegenteil: Auch zu früheren Zeiten wurden Kinder schon vor oder nach der Geburt ‚aussortiert‘ oder bei der Gefährdung der Frau im Leib der Mutter zerschnitten und getötet.[3] Des Weiteren kann der biblische Befund, wenn er schon in Bezug auf die konkrete Fragestellung der Abtreibung stumm bleibt, trotzdem auf die grundlegende Frage hin befragt werden inwiefern auch ungeborenes Leben schützenswert ist. Auch die Frage des Lebensbeginns kann von biblischer Sicht gestellt werden.

Der alttestamentliche Bibeltext, der der Abtreibungsthematik wohl am nächsten steht, ist wohl Exodus 21,22-25. Dieser beschreibt innerhalb der Gesetzesbestimmungen des Bundesbuches für das Volk Israel folgenden Tatbestand: „Wenn Männer sich raufen und dabei eine schwangere Frau stoßen, so dass ihr die Leibesfrucht abgeht, aber kein weiterer Schaden entsteht, so muss dem Schuldigen eine Geldbuße auferlegt werden, je nachdem, wie viel ihm der Eheherr der Frau auferlegt, und er soll nach dem Ermessen von Schiedsrichtern geben. Falls aber ein weiterer Schaden entsteht, so sollst du geben Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brandmal um Brandmal, Wunde um Wunde, Strieme um Strieme.“[4] Die Elberfelderübersetzung bietet sich zur Entfaltung des vorliegenden Bibeltextes an, da sie die Bedeutungsoffenheit des Textes adäquat ins Deutsche überträgt. Zumindest wenn man das „Abgehen“ der Leibesfrucht offenhält sowohl für die Deutung als Frühgeburt, bei dem das Kind überlebt, als auch für die Deutung als Fehlgeburt, bei der das Kind stirbt. Denn das Hebräische Verb yatsa (וְיָצְא֣וּ) heißt „herausgehen“ oder „herauskommen“ und kann eine normale Geburt ohne Komplikationen bezeichnen (Gen. 25,25; 38,28; Hi. 1,21).

Im vorliegenden Kontext, in dem es um Gewaltdelikte geht, ist jedoch auch die Deutung als Fehlgeburt eine zulässige. Weiterhin ist strittig worauf sich die Wendung „kein weiterer Schaden“ (וְלֹ֥א יִהְיֶ֖ה אָס֑וֹן) bezieht. Bezieht es sich auf die Frau, der trotz Fehlgeburt und totem Kind kein zusätzlicher Schaden oder gar der Tod zustößt? Oder bezieht es sich auf das frühgeborene Kind, dem trotz der Frühgeburt kein weiterer Schaden zustößt. Es ist leicht zu sehen, dass Abtreibungsbefürworter sich für letztere Deutung und Abtreibungsgegner sich für erstere Deutung aussprechen. Die vorliegende Bibelstelle bleibt also ambivalent und ist wohl nicht als Grundtext in der Abtreibungsdebatte heranzuziehen. Es kann hier lediglich von einer Minimalauslegung ausgegangen werden, die festhält, dass das Verursachen einer Frühgeburt (ob sie mit dem Tod des Kindes endet oder nicht) ein verurteilenswertes Delikt ist, das bestraft werden muss. Dabei sind keine starken Prinzipien, wie die unantastbare Menschenwürde des Kindes vor der Geburt herausgelesen, sondern lediglich die Beobachtung, dass das Verfahren mit ungeborenem Leben dem israelitischen Gesetz nicht gleichgültig war.

Anzumerken ist an dieser Stelle jedoch, dass sich der Talmud für die letztere Deutung ausspricht. Er deutet das „Unglück“ oder den „weiteren Schaden“ als den Tod der Mutter. Nur in diesem Falle handele es sich um Totschlag und die Talionsformel sei nur aus diesem Grund gerechtfertigt.[5] Diese talmudische Deutung deutet also auf eine unterschiedliche moralisch-qualitative Wertung von geborenem und ungeborenem Leben hin. Denn wenn das Töten des Kindes lediglich mit einer Geldstrafe, das Töten der Mutter und des Kindes jedoch mit der Todesstrafe geahndet wird, dann ist die Schlussfolgerung unumgänglich, dass das ungeborene Kind nicht den gleichen moralischen Status hat, wie der der Mutter. Diese talmudische Position kann durchaus als eine erste Weichenstellung für die weitere jüdische Tradition zum Thema Abtreibung angesehen werden, die im Folgenden behandelt wird.[6]

Jüdische Tradition und das Thema der Abtreibung

Um die jüdische Tradition differenziert zu beleuchten, sollen nun in Kürze zwei Teilfragen der Abtreibungsdebatte aus der Sicht der rabbinisch-jüdischen Tradition beantwortet werden. Zum einen: Wann wird im Judentum der menschliche Lebensbeginn festgesetzt? Und zum anderen: Wie stark ist das Prinzip des schützenswerten Lebens vor der Geburt in der Tradition des Judentums verankert?

Der Lebensbeginn

Zuerst einmal ist festzuhalten, dass in jüdisch-biblischer Tradition die Schaffung und Zeugung des Menschen eine Sache ist, an der Gott beteiligt ist. Gott „schafft“ jeden Menschen, und daher ist er schützenswert. So sind in diesem Zusammenhang einige Psalmen zu erwähnen, die davon sprechen, dass jeder Mensch schon im Mutterleibe von Gott gebildet wurde (Ps. 22,9-10; Ps. 139,13-14). Die Menschwerdung ist also ein von Gott hervorgerufenes Geschehen

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Befruchtete Eizelle. ‘Bloßes Wasser’ oder menschliches Leben?

und geschieht schon vor der eigentlichen Geburt. Doch trotz dieser wertschätzenden Sichtweise der Menschwerdung als göttliches Geschehen lässt sich in der jüdischen Tradition ein Punkt festlegen, an dem der Mensch zum Mensch wird. So taucht im babylonischen Talmud an einigen Stellen die Zählung von 40 Tagen auf. Vierzig Tage nach der Befruchtung erlangt der Fötus moralische Relevanz. Diese Bestimmungen finden sich im Kontext der Reinheitsvorschriften zur Geburt und Menstruation. In der Zeit vor dem vierzigsten Tag wird der Embryo in dieser Tradition als „bloßes Wasser“ bezeichnet. Diese Einschätzung hinsichtlich des Werdens des menschlichen Lebens ist als Grundtendenz in der jüdischen Tradition anzusehen, auch wenn es einige Talmudstellen gibt, die darauf hinweisen, dass der Mensch schon mit dem Beginn der Bildung im Mutterleib moralisch relevant ist.

Ist ungeborenes menschliches Leben dem geborenen Leben gleichgestellt?

Nachdem nun also klar ist, dass das moralisch zu achtende menschliche Leben erst etwa vierzig Tage nach der Befruchtung der Eizelle anzusiedeln ist, muss nun gefragt werden, ob dieses moralisch relevante, aber noch nicht geborene Leben in der jüdischen Tradition auch als moralisch gleichwertig mit geborenem Leben zu setzen ist. An dieser Stelle müssen Überlegungen aus dem jüdischen Strafrecht herangezogen werden. So wird beispielsweise bei der Gefährdung des Lebens der Mutter durch das ungeborene Kind, das Kind als Gefahr und Bedrohung angesehen, die – als ultima ratio – ‚beseitigt‘ werden muss. pregnant-518793_640Das Kind darf also im Mutterleib getötet werden. Dies gilt jedoch nicht, wenn die Mutter bei der unmittelbaren Geburt in Lebensgefahr schwebt, jedoch die Geburt schon fast vollendet ist (z.B. der Kopf des Kindes schon zu sehen ist, die Schwangerschaft schon weit fortgeschritten ist usw.). Hier kann das Kind nicht leichtfertig getötet werden, da es der Mutter in diesem Moment vom moralischen Wert her gleichgestellt ist. Es scheint also so, als ob das Kind im Leibe der Mutter zwar schützenswert ist, jedoch nur in eingeschränkter Weise. Erst mit der Loslösung von der Mutter, wird der Mensch zu einem autonomen Subjekt, das moralisch gleichwertig ist.

Diese Grundtendenz der jüdischen Wertung wird auch durch einen weiteren rechtlichen Spezialfall gestützt. Wenn beispielsweise eine schwangere Frau ein schlimmes Vergehen begangen hat und hingerichtet werden soll, so soll bei dieser Frau nach den jüdischen Gesetzesbestimmungen nicht gewartet werden bis sie ihr Kind geboren hat, sondern sie soll sofort, samt ihres noch ungeborenen Kindes hingerichtet werden. Die Grundtendenz scheint also zu sein: Bis zur Geburt ist das Kind rechtlich gesehen ein Teil der Mutter. Erst mit der Geburt erlangt der Mensch also den moralisch gleichwertigen Status im Vergleich zu anderen Menschen. Diese Deutung der jüdischen Tradition spielt also vor allem den Abtreibungsbefürwortern in die Karten, die behaupten, dass die schwangere Frau selbst über das Schicksaal ihres Kindes bestimmen darf. Nach dem Motto: „Mein Bauch gehört mir!“ Auch wenn dieses emanzipatorische Motiv keinesfalls in der jüdischen Tradition selbst implizit ist, ist es nicht schwer zu sehen wie Abtreibungsbefürworter solche Bestimmungen der jüdischen Tradition für sich instrumentalisieren könnten. So ist innerhalb der jüdischen Tradition gegen die emanzipatorische Lesart einzuwenden, dass trotz dieses eventuell etwas überraschenden Befundes in der jüdischen Tradition die Bildung des Menschen im Mutterleib trotzdem als ein Akt Gottes angesehen wird und somit auch das ungeborene Leben schützenswert und wertvoll ist und es keinesfalls allein der Besitz der Mutter ist über den sie frei verfügen kann. Von der unbedingten Menschenwürde, die von der Befruchtung der Eizelle an besteht, ist jedoch nicht oder nur sehr vereinzelt und in Nebenlinien der jüdischen Tradition die Rede.

Gesetzeslage in Israel

Angesichts dieser Lage der jüdischen Tradition ist es umso überraschender zu sehen, dass Abtreibung im Staat Israel bis 1977 grundsätzlich verboten war und demjenigen, der sie durchführte bis zu fünf Jahre Haft drohten.[7] Ab 1977 wurde jedoch eine Gesetzesnovelle beschlossen, die die Abtreibung unter einigen Bedingungen zuließ. gesetzpixabayUnter anderem fallen darunter Bedingungen (Indikationen), wie eine illegal oder durch Gewaltdelikt entstandene Schwangerschaft, eine schwerwiegende Erkrankung des Kindes, eine Gefährdung der Mutter oder aber äußerst schlechte familiäre oder soziale Folgen für die Familie. Auch die Schwangerschaft einer Frau über 40 Jahren kann straffrei abgebrochen werden. Die hallachische Sicht hat vor allem mit den beiden letzten Bestimmungen durchaus seine Probleme und stimmt der Gesetzeslage hier nicht uneingeschränkt zu.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass das Judentum in seiner Tradition eine aus christlich-ethischer Sicht durchaus überraschende Position zur Abtreibung von ungeborenem Leben einnimmt. Diese Sicht löst sich jedoch trotzdem nicht von den grundsätzlichen christlich-theologischen Grundeinsichten von der Schöpfung des Menschen im Mutterleib durch Gott und von der Schützenswürdigkeit des ungeborenen Lebens.

Bei der konkreten Bestimmung des Lebensbeginns können die christlich-ethische und die traditionell jüdische Position dabei jedoch durchaus divergieren. Gerade vor diesem Hintergrund sollte der christliche Abtreibungsgegner seine Argumente gegen die Abtreibung klar abwägen, ohne dabei zu unterstellen, dass die Möglichkeit des Schwangerschaftsabbruchs ein modernes Phänomen sei, das lediglich eine Modeerscheinung der heutigen Emanzipationsbewegung wäre. Bei dem möglichen Schwangerschaftsabbruch handelt es sich ohne Zweifel um eine schwerwiegende ethische Frage, bei der die Argumente im Für und Wider genau abgewogen werden müssen und dabei der biblische Befund der entscheidungsleitenden Basistexte genau evaluiert werden muss, bevor eine ethisch differenzierte Meinung gebildet wird. Ein jedes Einlassen auf die gesellschaftlichen Polaritäten von Gut und Böse, christlich und nichtchristlich, konservativ und emanzipiert ist hier oft nicht zielführend und daher zu vermeiden. Letztlich müssen die Argumente überzeugen, die gerade für Christen auch notwendigerweise eine biblisch-theologischer Verantwortung impliziert.

(tf)

Verwendete Literatur:

  • Stassen, Glen H., Gushee, David P., Kingdom Ethics: Following Jesus in Contemporary Context, 2003.
  • Willam, Michael, Mensch von Anfang an?: Eine historische Studie zum Lebensbeginn im Judentum, Christentum und Islam, Freiburg 2008.
  • Zentralrat der Juden in Deutschland (Hg.), Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund (Hg.), ,Lehre mich, Ewiger, Deinen Weg‘ – Ethik im Judentum, Berlin 2015.

[1] http://www.marsch-fuer-das-leben.de/

[2] Vgl. Ethik im Judentum, 73.

[3] Für nähere Ausführungen zur Abtreibungspraxis und zur Theorie des Lebensbeginns in den verschiedenen Weltreligionen siehe: Willam, Michael, Mensch von Anfang an?: Eine historische Studie zum Lebensbeginn im Judentum, Christentum und Islam, Freiburg 2008 (im Folgenden wird vor allem auf die Abschnitte 78ff.; 174ff. Bezug genommen).

[4] Zitiert nach der Elberfelder Übersetzung.

[5] Vgl. Ethik im Judentum, 73.

[6] Es könnten auch weitere Bibeltexte herangeführt werden, die Gott als Bildner des Menschen im Mutterleib beschreiben. (Ps. 139, 13-14; Ps. 22, 9-10; Jeremia 1,5) Dies könnte auf den hohen moralischen Status der Ungeborenen als vollwertige Menschen hinweisen. Doch können Abtreibungsgegner beim Anführen dieser Bibelstellen das Genre der Textstellen für sich geltend machen: „Prochoice Christians aver that these passages are not scientific treatises or treatises on the moral status of fetal life. They are about God’s prevenient grace and knowldege. They affirm and celebrate prayerfully the godness of God and a purposeful human life as ordained by God“ (Stassen/Gushee, Kingdom Ethics, 218.)

[7] Vgl. Ethik im Judentum, 79.

„Verständnis des Talmud ist Verständnis des Judentums, Diffamierung des Talmud ist Diffamierung des Judentums, Abkehr vom Talmud ist Abkehr vom Judentum.“

Diese Aussage unterstreicht Isaac Breuer, einer der letzten bedeutenden Repräsentanten des untergegangenen deutschen Judentums. Es ist auch darüber hinaus weithinbekannt, dass die jüdische Eigenart und das Wesen des jüdischen Volkes im Talmud verwurzelt sind. Mit dem Talmud betrifft der abendländische Leser Neuland. Zwar sind im Talmud auch bestimmte kollektive Werte des Abendlandes vorhanden, doch betrifft der Leser in dem Sinne Neuland, als dass seine Art einzigartig ist. Damit gemeint ist der Aufbau des Talmud. und die Art des Diskutierens. Der Talmud ist nicht mit den Upanischaden der Hinduisten, den heiligen Schriften der Mahayana-Buddhisten, der Scharia des Islam, oder anderen östlichen oder westlichen religiösen Schriften, zu vergleichen. „Die Einzigartigkeit des Talmud ist die Einzigartigkeit des Judentums.“

Raw Adin Steinsaltz verfasste das Buch ‚Talmud für Jedermann‘. Der in Jerusalem lebende hochangesehene Gelehrte zählt zu den bekanntesten Rabbinern einer neuen Generation von israelischen Rabbinern. Sein Lebenswerk besteht darin, den gesamten Talmud ins Neuhebräische (Iwrit) zu übersetzen. Sein Vorhaben ist bei weitem noch nicht abgeschlossen, doch über die Hälfte seiner Talmudbände sind schon in der Steinsaltz-Ausgabe erschienen. Die Übersetzung aramäischer Textpassagen, die knapp gehaltenen Texterläuterungen, die Worterklärungen und der traditionelle Talmudkommentaren des Raschi und der Tossafor, hat bereits jetzt Eingang in sehr viele religiöse jüdische Häuser in- und außerhalb Israels gefunden.

Mit seinem Werk ‚Talmud für Jedermann‘, das zum ersten Mal auch in deutscher Übersetzung vorliegt, versucht Steinsaltz eine breite Personengruppe mit dem Talmud vertraut zu machen. Er möchte der Komplexität und Tiefe des Themas gerecht werden, zugleich richtet er sich an die Leser, die gar mit ‚talmudischen Wassern‘ gänzlich ungewaschen sind. Er möchte sie ohne unnötige Balast in die Thematik einführen, aber auch ein fortgeschrittener Talmudschüler, soll neue, ihm bisher unbeachtete Erkenntnisse aus seinem Buch gewinnen. Der Übersetzer hat in der deutschen Ausgabe unter Rücksprache mit dem Autor Ergänzungen in Klammern hinzugefügt. Dabei werden Ausdrücke näher erklärt, die einem israelischen Leser im Allgemeinen bekannt sind.

(mr)

Quellen: Bergler, Siegfried, Talmud für Anfänger. Ein Werkbuch, 3. Aufl. Hannover 1995 http://www.hagalil.com/judentum/talmud/talmud-judentum.htm http://www.judentum.org/talmud/talmud-internet/talmud-1.htm

In diesem Beitrag wird es um das Verständnis von Christsein durch die Juden gehen. Ich möchte mich der Frage stellen, wie ein durchschnittlicher Jude heute in Deutschland über seinen Glauben denkt, sodass die Hintergründe dieser Entwicklung und die Parallelen zum Christentum besser verstanden werden können.

Bis 1989, also bevor die Türen für jüdische Personen aus der ehemaligen UdSSR geöffnet wurden, lebten nicht mehr als 30.000 Juden in Deutschland. Bis Ende 1998 kamen weitere 45.000 Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland, außerdem ungefähr 40.000 Familienmitglieder aus interkonfessionellen Ehen. Das stellte insgesamt gesehen nur einen kleinen Teil der Juden dar, die umsiedelten, denn bis zu diesem Zeitpunkt immigrierten 800.000 Juden nach Israel und weitere 400.000 in die USA. Den heutigen ca. 108 jüdischen Gemeinden in Deutschland gehören etwa 104.000 Gemeindeglieder an, die 95% der organisierten Juden umfassen. 2012 lebten ungefähr 250.000 Juden in Deutschland, somit ist die Zahl derer, die einer Gemeinde angehören, die Minderheit. Als größte jüdische Gemeinden gelten die in Berlin mit etwa 11.000 Personen, in München mit 8.600 und in Düsseldorf mit 7.100 Mitgliedern.

Da durch den Kommunismus in der UdSSR das Ausüben der jüdischen Religion verboten war, konnten auch die Juden ihren Glauben in dieser Gegend nicht praktizieren. Daraus resultiert die Beobachtung, dass die Minderheit der heutigen deutschen Juden aus der ehemaligen Sowjetunion einer jüdischen Gemeinde angehört bzw. ihren Glauben den orthodoxen Bestimmungen nach auslebt.

Das Verständnis des Talmuds und der Gelehrten über Personen, die nicht die Möglichkeiten hatten ihren Glauben zu leben, wurde bereits in dem Beitrag ‚Die Tora – ein zumutbares Gesetz?‘ erörtert. Hier möchte ich nur noch einmal kurz die Schwierigkeiten erwähnen. Die Tora sagt: „Wenn Menschen Gebote nicht praktizieren, sollst du deinen Bruder nicht hassen, sondern deinen Bruder zurechtweisen (3Mose 19,17). Auch der große Weise Maimonides unterstreicht diese Aussage ganz ausdrücklich in ‚Hilchot Deot‘ (Kapitel 6, Halcha 7). Was ist aber mit den unwissenden Juden, die mit dem Gesetz nicht vertraut genug sind, wie es häufig Juden aus der ehemaligen Sowjetunion sind, da sie aufgrund des Kommunismus keine Möglichkeit hatten, die Religion auszuleben. In diesem Fall unterscheidet die Halacha zwei Menschengruppen:

  1. Jemand, der sich freiwillig dazu entscheidet, Gebote nicht zu halten, unabhängig von seiner Motivation – es handelt sich hierbei um den Willen keinen guten Weg zu gehen, gehört zur Personengruppe, die „als Baby von den Nichtjuden gefangen genommen“ angesehen wird. Das heißt, da diese Personen nicht die Möglichkeit hatten, sich mit den Geboten zu beschäftigen und somit unwissend sind, werden sie nur für eine einzige Sünde büßen, so die Interpretation des Talmuds.
  2. Menschen, die die Möglichkeit des Torastudiums hatten, werden dementsprechend zur Rechenschafft gezogen werden.“
 

Das heißt, Juden, die heute in den meisten jüdischen Gemeinden Deutschlands zu finden sind, sind der Halacha (jüdisches Religionsgesetz) nach, Personen, die nie die Möglichkeit des Torastudiums hatten und demnach nur für eine Sünde büßen müssen. Juden aus der ehemaligen Sowjetunion hatten nie die Möglichkeit, die Religion zu studieren. Also kann sie der Allmächtige auch nur für eine Sünde bestrafen. Man soll sie zwar auf ihre Sünden aufmerksam machen, wenn sie sich jedoch nicht ändern, so muss man nachsichtig mit ihnen umgehen.

Die soeben erwähnte Personengruppe stellt die Minderheit dar, die noch in eine Synagoge geht, oder einer jüdischen Gemeinde angehört. Bei der Mehrheit der deutschen Juden, die keiner Gemeinde angehört, sieht die Situation nochmal anders aus. Diese sind entweder Atheisten oder verstehen das Judentum rein traditionell bzw. ethnisch (Volkszugehörigkeit) und möchten nur den Familienzusammenhang unterstützen.

In Hesekiel 18,1-2 heißt es: “Des HERRN Wort geschah zu mir: Was habt ihr unter euch im Lande Israels für ein Sprichwort: “Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden”?” Vor circa 2500 Jahren hatte Gott eine vertrauliche Unterhaltung mit dem Propheten Hesekiel. Dabei ging es um die Frage nach Verantwortung, Schuld und den Folgen von Schuld. Gott macht Hesekiel deutlich: Jeder Mensch ist für seine eigenen Taten und ihren Folgen selbst verantwortlich. Punkt.

Die Kinder sollen sich nicht mehr rausreden können, so wie es das alte Sprichwort sagt: Der Verzehr der sauren Trauben durch die Väter (und Mütter), welches den Kindern die Zähne stumpf macht, soll nicht mehr gelten. Jeder ist für sich selbst verantwortlich, selbst dann, wenn man sich als Opfer der Eltern oder eines Regimes versteht.

Die Argumentation, die die Halacha verwendet, scheint mir eher eine Ausrede zu sein. Man sucht einen Ausweg, damit überhaupt noch Juden in deutsche Gemeinden kommen. Man versucht ihnen das Leben möglichst angenehm zu machen, ansonsten bestünde die Gefahr, dass noch mehr Mitglieder einer deutschen jüdischen Gemeinde austreten, oder dieser gar nicht erst beitreten.

Auch kann man die Erfahrung machen, dass wenn man mit deutschen Juden spricht, sie wie folgt argumentieren: „Ich kann das ganze Jahr über machen was ich möchte, Hauptsache ist, dass die Bußgebete an Jom Kippur (Versöhnungstag) mit Ernst gebetet werden.“ Aber genau dieses Phänomen ist gerade das Gegenteil von dem, was die Propheten des Tanachs lehren.

Ich möchte nun versuchen, das hier skizzierte Problem der praktizierten religiösen Frömmigkeit auf das Christentum in unserem Land zu übertragen. Es wäre demnach vergleichbar, wenn wir heute zu Christen aus der ehemaligen DDR oder anderer kommunistischer/ diktatorischer Regime sagen würden: „Es ist wichtig, dass ihr dem christlichen Glauben nach euer Leben führt.“ Unsere Aufgabe wäre es, auch sie auf ihre Sünden aufmerksam zu machen. Sie würden aber – so müsste man es betonen – eine geringere Strafe für ihr Fehlverhalten von Gott bekommen, weil sie durch das politische Regime nicht in der Lage waren, ihren Glauben umzusetzen und auch nicht genügend über das Umsetzen des Glaubens lernen konnten. Es wäre somit auch völlig ausreichend, wenn sie bußfertig am Abendmahl teilnehmen. Wie sie bis zum kommenden Abendmahl ihr Leben gestalten, wäre sekundär.

Allerdings – zumindest aus christlich-theologischer Perspektive – müssten Christen solch ein Vorgehen verneinen und ablehnen, da es nicht das ist, was die Bibel lehrt!

Einige Bibelstellen dazu:

Offenbarung 20, 12: „Und ich sah die Toten, groß und klein, stehen vor dem Thron, und Bücher wurden aufgetan. Und ein andres Buch wurde aufgetan, welches ist das Buch des Lebens. Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben steht, nach ihren Werken.“

Matthäus 16, 27: „Denn es wird geschehen, daß der Menschensohn kommt in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engel, und dann wird er einem jeden vergelten nach seinem Tun.“

1. Korinther 5, 10: „Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse.“

Gerade deshalb ist es so wichtig, dass Christen sich bewusst bleiben, dass und wie Christus Jesus uns von aller Sünde befreit hat und wir zusammen mit Ihm aus Glauben unter der Gnade unseren Alltag gestalten können. Gott möchte eine Beziehung mit uns Menschen (vgl. Joh. 3,16). Wir werden keine Ausrede für unser Leben und unsere Taten haben können, wenn wir uns herausreden wollten, wir hätten vom Evangelium usw. nichts gewusst. Jeder Mensch hat die Möglichkeit, sich von Gott verändern zu lassen.

 (mr)

    Internet: http://www.bibleinfo.com/de/topics/gericht http://www.tagesspiegel.de/meinung/andere-meinung/gastkommentar-zur-beschneidungsdebatte-danke-deutschland/7160872.html http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Juden_in_Deutschland

Dieser Beitrag wird sich mit der Frage der Tora und der Halacha, dem rechtlichen Teil der mündlichen Überlieferung, beschäftigen. Ein wesentlicher Punkt, der diskutiert werden wird, ist die heutige jüdische Gemeinde in Deutschland. Inwiefern setzen Juden heute in Deutschland die 613 Ge- und Verbote um, und wie wichtig ist das Umsetzen der Gebote (= 10 Dekalog-Gebote und 603 weitere Einzelgebote). Zu Beginn werden jetzt einige grundlegende jüdische Ansichten skizziert, bevor wir uns der eigentlichen Frage widmen.

Mose hat die Tora auf dem Berg Sinai empfangen, so lautet die jüdische Überlieferung. Von Mose wurde sie dann an Josua weitergegeben, später an die Ältesten und Propheten, bis hin zu den Männern der Großen Ratsversammlung. Die Ratsversammlung wird im Neuen Testament durch den griechischen Begriff „συνέδριον“ (sünedrion) ausgedrückt. Nach Num 11,16.17 versammelte Mose 70 Männer von den Ältesten als Helfer vor dem Herrn. Im Neuen Testament gibt es folgende Stellen, die auf einen solchen Rat hinweisen: Joh 18,31; Lk 22,66; Apg 4,1-23; 5,17-41; 6,12-15; 22,30; 23,1-10. Die Mischna (Niederschrift der mündlichen Tora) lehrt wie folgt: „Seid bedächtig beim Rechtsprechen! Nehmt viele Schüler an! Macht einen Zaun um das Gesetz!“ Sie sollten ehrlich und nicht bestechlich sein, vielen Schüler die Gebote lehren und die Gesetze so ausleben und weiterlehren, dass sie auf keinen Fall gebrochen werden. Mit diesem letzten Zitat beginnt das Buch „Sprüche der Väter“ aus der Mischna (Wiederholung).

Für die Frage, ob Juden heute in Deutschland das Gesetz halten, müssen Begrifflichkeiten wie Tora, Halacha und Mischna gedeutet werden. Im orthodoxen Judentum geht man davon aus, dass die Tora, die fünf Bücher des Mose, so wie wir sie heute vorfinden, Mose von Gott am Berg Sinai empfangen hat. Dieser Meinung ist auch der Gelehrte Maimonides aus dem 12. Jhdt. Es wird jedoch zwischen den schriftlichen Geboten (Tora) und den mündlichen Geboten (Mischna) unterschieden, die Mose am Sinai erhalten habe.

Die Tora und die Gebote stellen Kernelemente der Existenz eines frommen Juden im Judentum dar. So sprach Mose in Dtn 32,46-47: „Nehmet zu Herzen alle Worte, die ich euch heute bezeuge, dass ihr euren Kindern befehlt, dass sie halten und tun alle Worte dieses Gesetzes und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden. Denn es ist nicht ein vergebliches Wort an euch, sondern es ist euer Leben; und solches Wort wird euer Leben verlängern in dem Lande, da ihr hin gehet über den Jordan, dass ihr es einnehmet.“ So wird über den Schabbat gesagt: „Der Schabbat bewahrte mehr das Volk Israel als das Volk Israel den Schabbat bewahrt hat.“ Denn durch den arbeitsfreien Tag, war das Judentum stets aufgefordert zusammenzuhalten, stark und vereint zu bleiben. Diese Punkte standen häufig primär im Vordergrund, mehr als die Gesetze zur Bewahrung des Schabbats an sich.

Über die Frage, ob es der Gebote (Mitzwot) überhaupt bedarf und ob diese erklärt werden müssen, gibt es verschiedene Meinungen unter den jüdischen Gelehrten. Es besteht bei allen Gruppierungen des Judentums kein Zweifel an der Wichtigkeit der Tora. Die frühen Weisen hatten das Ziel, dass Juden mehr Mitzwot einhalten und das mit mehr Lust tun. In der Mischna (Wiederholung) wird z.B. in Traktat Brachot über folgendes Gebot diskutiert: Derjenige, der ein Vogelnest mit Eiern findet, darf die Eier nehmen, nachdem der Vogel freigelassen wurde. Er darf die Eier jedoch nicht nehmen, solange der Vogel darauf sitzt. So standen die frühen Weisen vor der Frage, ob Gebote beliebig interpretiert werden dürfen. In diesem Fall scheint es so zu sein. Maimonides sagt ausdrücklich in seinem Buch „Führer der Unschlüssigen“, Teil 3, Kapitel 31: „Jedes der 613 Gebote dient dazu, um die Wahrheit zu sagen und um schlechte Meinung zu entfernen oder vor schlechtem Verhalten zu warnen. Und alles hängt von drei Dingen ab: Meinungen und Tugenden und Taten der politischen Führung.“ Auf Basis dieser Richtlinie fand Maimonides einige Gründe für einen Teil von Geboten der Tora. Andere Gelehrte hingegen sind anderer Meinung: Denn ein Mensch kann versuchen, die Gründe, die er für Gebote gefunden hat, als nichtig und sinnlos zu erklären, was wiederum dazu führen kann, dass Gebote als sinnlos und unbrauchbar erklärt werden. Rabbi Channania ben Akashia sagte in der Mischna, Makot 3,17: „Gott wollte dem Volk Israel etwas Gutes tun und deshalb hatte er viele Gebote und die Tora gegeben.“

Die gesamte Welt der Halacha (rechtliche Teil der Tora) basiert auf dem Bedürfnis, den Weg zu definieren, wie die Gebote praktiziert werden sollen. Die schriftliche Tora dient als Basis dazu. Die Details, die Definitionen und den Rahmen hingegen lieferten zuerst die mündliche Tora (Mischna), dann der Babylonische Talmud und erst danach die Bücher der Halacha und die Schulchan Aruch (16. Jhdt. Verfasste religiöse Vorschriften).

Wenn deine Mitmenschen Gebote nicht praktizieren, dann sollst du diesen nicht hassen, sondern du sollst ihn zurechtweisen (Lev 19,17). Auch Maimonides unterstreicht diese Aussage ganz ausdrücklich in ‚Hilchot Deot‘ (Kapitel 6, Halcha 7). Was ist aber mit den unwissenden Juden, die mit dem Gesetz nicht vertraut genug sind, wie es häufig Juden aus der ehemaligen Sowjetunion sind, da sie aufgrund des Kommunismus keine Möglichkeit hatten, die Religion auszuleben? In diesem Fall unterscheidet die Halacha zwei Menschengruppen:

  1. Jemand, der sich freiwillig dazu entscheidet, Gebote nicht zu halten, unabhängig von der Motivation – es handelt sich hierbei um den Willen, keinen guten Weg zu gehen, gehört zur Personengruppe derer, die „als Baby von den Nichtjuden gefangen genommen“ angesehen werden. Das heißt, da diese Personen nicht die Möglichkeit hatten, sich mit den Geboten zu beschäftigen und somit unwissend sind, werden sie nur für eine einzige Sünde büßen, so die Interpretation des Talmuds.
  2. Dann gibt es die Juden, die die Möglichkeit des Torastudiums hatten und dementsprechend zur Rechenschafft gezogen werden.

Nach der Einwanderung von ca. 100.000 Juden aus der UdSSR nach Deutschland, hat sich für die ca. 30.000 alteingesessenen Juden in Deutschland eine neue Situation ergeben; sie mussten lernen, mit den eher traditionellen Juden aus der ehemaligen Sowjetunion klar zu kommen. Somit sind Juden verpflichtet, Juden zurechtzuweisen, wenn sie die Gebote der Tora nicht praktizieren. Im Allgemeinen besteht jedoch eine positive Einstellung gegenüber einem Menschen, der niemals gelernt hatte, wie die Gebote in die Praxis umgesetzt werden sollen.

Gegenwärtig sind überwiegend Juden aus der zweiten Generation des Holocausts in Deutschland, deren Eltern aus Polen stammen. Die Minderheit sind deutschstämmige Juden. Für die meist traditionellen Juden heute sind eher Gebote mit rituellen oder kollektiven Charakter wichtig:

  1. Der jüdische Lebenszyklus.
  2. Der jüdische Jahreszyklus.
  3. Die Synagoge spielt eine wichtige Rolle.
  4. Die Pflege des jüdischen Bildungssystems.
  5. Almosen.
  6. Identifikation und Unterstützung des Staates Israel.

Gesetze und Gebote wie Beschneidung, Eheschließung, das Verbot des Benutzens von öffentlichen Verkehrsmitteln und des Autos am Schabbat, Arbeits- und Schulverbot am Schabbat usw., werden heutzutage von Juden in Deutschland kaum noch umgesetzt.

Bei all dem wird weder Zurechtweisung, noch Zwang hilfreich sein, so lautet die einvernehmliche Auffassung unter Juden. Helfen kann in diesen Fällen nur Aufklärung über die Dinge des Judentums! Eventuell kann der positive Umgang zu positiveren Ergebnissen führen, sodass es wieder zur Stärkung und Bewahrung der Gebote im jüdischen Sinne kommt.

(mr)

  Internet: http://egora.uni-muenster.de/ijd/pubdata/Tora_und_Halacha_in_Judentum_im_heutigen_Deutschland.pdf

Das Judentum ist eine Religion der Weisheit. Ein Fünftel aller Verse der jüdischen Bibel gehört zur sogenannten „Weisheitsliteratur“ – unter diesem Begriff sind die Bücher Hiob, Psalmen, Sprüche, Kohelet (Prediger) und Hohelied zusammengefasst. Weisheit ist ein zentraler Begriff im Alten Testament und in anderen jüdischen Schriften. Als Quelle aller wahren Weisheit gilt dabei die Gottesfurcht und das Halten der göttlichen Gebote (z.B. 5 Mose 4,6; Hiob 28,28; Spr 9,10 u.a.).

Weisheit kommt aber auch aus der Lebenserfahrung eines Menschen; deshalb werden alte Menschen oft als besonders weise angesehen. Ihren einsichtigen Rat zu verwerfen, bedeutet großes Unglück – in diesem Zusammenhang nimmt beispielsweise der Talmud gern Bezug auf König Rehabeam, der den weisen Rat der Alten verstieß und auf den törichten Ratschlag seiner gleichaltrigen Freunde hörte, was zur Teilung seines Königreiches führte (1 Kön 12). Auch weitere biblische Beispiele lassen sich anführen, wie etwa die Könige Joasch (2 Chr 24) und Usija (2 Chr 26), die sich jeweils nach dem Tod ihrer alten Ratgeber von Gott abwendeten.

Alte, lebenserfahrene Menschen nehmen demnach im Judentum eine besondere Stellung als weise Ratgeber ein. Bis heute ist die jüdische Gesellschaft vom Respekt gegenüber alten Menschen geprägt. Im Gegensatz zu anderen Kulturen, die Senioren nur als Belastung für die Gesellschaft auffassen, erfahren sie im Judentum aktive Wertschätzung und Ehrerbietung. Auch wenn sie vielleicht körperlich nicht mehr so kräftig sind, wie in der Jugend, so wird doch ihre geistige Kraft und Lebensweisheit umso höher geachtet.

Dennoch bleibt das Judentum in diesem Punkt realistisch, denn: auch das Alter schützt vor Torheit nicht. „Es ist der Geist im Menschen und der Atem des Allmächtigen, der Menschen verständig werden lässt. Nicht nur die Betagten sind die Weisen, noch verstehen stets die Alten, was recht ist“, sagt bereits die Bibel in Hiob 32,8-9. Weisheit kommt eben nicht nur aus der Lebenserfahrung, sondern ist eine Gabe Gottes, die er auch an junge Menschen verleihen kann – wie das Beispiel Salomos im Alten Testament zeigt. Eine gute Beziehung zu Gott macht „einsichtiger als Greise“ (Ps 119,100).

In der jüdischen Bibel ist die Ehrerbietung den Alten bzw. den Senioren gegenüber ein direkter Befehl Gottes: „Vor grauem Haar sollst du aufstehen und die Person eines Greises ehren, und du sollst dich fürchten vor deinem Gott. Ich bin der Herr“ (3 Mose 19,32). Doch die Meinungen gehen darüber auseinander, ob diese Pflicht, den Alten Ehrerbietung zu erweisen, wirklich gegenüber allen Alten gilt oder nur gegenüber denjenigen Alten, die auch „weise“ im biblischen Sinne (geworden) sind. Im Babylonischen Talmud (Traktat Qiddušin Fol. 32b) werden beide Positionen zitiert:

„R. Jose der Galiläer sagte: Unter Alten ist einer zu verstehen, der Weisheit erworben hat, denn es heißt: der Herr hat mich erworben am Anfang seines Weges. […] Isi b. Jehuda sagte: Vor einem Greise sollst du aufstehen, darin ist jeder Greis inbegriffen.“

Die Frage ist hier: Gilt das Recht auf Ehrerbietung den alten Menschen, weil sie alt sind oder weil sie besonders erfahren und weise sind? Und umgekehrt: Haben auch törichte und sündhafte Greise ein Recht darauf, dass man sie ehrt – allein aufgrund ihres Alters?

Ein erneuter Blick auf die Bibelstelle zeigt, dass die Ehrung von Senioren hier mit der Furcht vor Gott verknüpft wird. Dass Gott „der Herr“ ist, gilt als die absolute Begründung dafür, alten Menschen Respekt zu erweisen. Wer einen Greis nicht ehrt, zeigt damit, dass er Gott nicht fürchtet. Der Respekt gegenüber dem Alter wird hier nicht an das Verhalten oder den Lebensstil des alten Menschen gebunden, sondern an den Respekt vor Gott.

In diesem Sinne verstehen auch die meisten Juden heutzutage das Gebot. Die Wertschätzung von Senioren – unabhängig von deren Lebensstil oder Lebensweisheit – gilt als direkt von Gott befohlen. Deshalb hat das Alter im Judentum einen besonders hohen Stellenwert und Senioren haben im Allgemeinen ein besonderes Ansehen als weise Ratgeber und erfahrene Helfer – bis heute.

Für weitere Stellen aus Talmud und Mischna über den Umgang des Judentums mit alten Menschen sei auf den folgenden Artikel des Joseph-Carlebach-Institutes hingewiesen: http://www.jci.co.il/?cmd=judaism.207.

(sg)

Quellen:

http://www.jci.co.il/?cmd=judaism.207

Goldschmidt, Lazarus, Der Babylonische Talmud. Sechster Band, 4. Aufl. Frankfurt a.M. 1996

Rienecker, Fritz / Gerhard Maier, Alter, in: Lexikon zur Bibel, 5. Aufl. Wuppertal 2005, Seiten 67-69

Das Judentum ist nicht nur das ‚Volk des Buches‘ (= die hebräische Bibel der alttestamentlichen Einzelschriften). Es kennt außerdem neben dem Alten Testament bzw. dem Erstes Testament weitere ‚heilige‘ Schriften. Der Grund hierfür liegt darin, dass nach traditionell jüdischen Glauben Mose nicht nur die Zehn Gebote auf dem Berg Sinai erhalten habe, sondern Gott ihm zusätzlich die Inhalte der Thora diktiert habe. Außerdem soll Mose die geschriebene Thora mit Tausenden von mündlichen Erläuterungen und Prinzipien ergänzt haben.

Seit ca. 200 v.Chr. wurden diese Traditionen, Bräuche, Gesetze und Interpretationen aufgeschrieben. Je älter eine solche Schrift angesehen wird, desto größer ist die Akzeptanz und Wertschätzung dieser Schrift gegenüber. Zudem existieren noch weitere jüdische Schriften, die in der Zeit nach Abschluss des Tanachs (Alten Testaments) und den frühen Jahrhunderten dieses Zeitalters verfasst wurden, wie z.B. die Apokryphen oder andere einzelne Schriften, wie das Henochbuch oder die Tempelrolle aus Qumran, die in gewissen Kreisen des Judentums ebenfalls für ‚heilig‘ angesehen werden. Die Schriften, die in den frühen Jahrhunderten unserer Zeitrechnung entstanden, gelten allerdings in den Hauptströmungen des Judentums als häretisch (ketzerisch), sie finden weitgehend keine Zustimmung und haben keine normative Bedeutung.

Die Schriften können unterteilt werden in juristische Texte (halacha) und in Texte, die die Bibel interpretieren und auslegen (haggada). Der Talmud (praxisorientierte Auslegung der Thora) enthält Inhalte beider Arten, wobei einige interpretierende Texte einen juristischen Schwerpunkt haben.

Im Folgenden werden die wichtigsten Schriften des Judentums aufgelistet und kurz beschrieben. Die Definitionen sind dem Buch ‚Handbuch Judentum‘ von Michael L. Brown entnommen worden.

Babylonischer Talmud: תַּלְמוּד – (‚Belehrung, Lehre‘)

Der (babylonische) Talmud gilt als „der grundlegende Text für jüdische Religionsstudien“. Er enthält 2,5 Millionen Wörter, die Kommentare und Erweiterungen der Mischna werden auf Hebräischer und Aramäischer Sprache wiedergegeben. Er beinhaltet viel Halacha und auch Haggada und betrifft so ziemlich jeden Bereich des Lebens, der Religion, der Rituale, des Brauchtums und des Gesetzes. Er hat seine endgültige Form zwischen 500 und 600 n.Chr. erhalten und ist im Wesentlichen das Produkt von babylonischen Gelehrten. Maßgebende Autoren sind die Rabbiner Abba Arikha (genannt Raw; *160 n.Chr. †247 n.Chr.), Samuel Jarchinai (genannt Mar; *gegen Ende des 2. Jhdt. †Mitte des 3. Jhdt.) sowie Rav Aschi (*um 352 n.Chr. †um 427 n.Chr.)

Diskussionen betreffend: Der Mensch sei biegsam wie ein Schilfrohr und nicht starr wie eine Feder. Talmud Bavli Taanit 20

Viel Streit im Hause des Menschen entsteht durch grundlosen Haß. Talmud Bavli Schabbat 72

Den Menschen betreffend: Der böse Trieb des Menschen erneuert sich jeden Tag. Talmud Bavli Sukka 52

Anfangs ist der böse Trieb wie ein Vorübergehender, dann wie ein Gast und zuletzt wie ein Hausherr. Talmud Bavli Sukka 52

Jeder einzelne soll sich sagen: Für mich ist die Welt erschaffen worden, daher bin ich mit verantwortlich. Talmud Bavli Sanhedrin 7

Es gibt Menschen, denen ihr Geld lieber ist als ihr eigener Leib. Talmud Bavli Berachot 61

Haggada/ Aggada:  הגדה – (‚erzählen, berichten‘)

„Nichtjuristische (d.h. unverbindliche) rabbinische Geschichten, Predigten und Kommentare in Bezug auf den Tanach und das jüdische Leben. Siehe auch Halacha und Midrasch.“

Halacha: הלכה – (‚gehen, wandeln‘)

„Spezifische juristische Entscheidungen („Was ist die halacha in diesem Fall?“) oder allgemeiner rabbinischer juristischer Stoff. Dem Wort Halacha wird die Bedeutung „Der Weg, der zu gehen ist“ gegeben. Siehe auch Haggada.“

Chumasch:

„Ein anderer Name für die fünf Bücher Mose. Wörtlich bedeutet es „Fünftel“, abgekürzt für die „fünf Fünftel der Thora“.

Jerusalemer Talmud:

„Siehe Palästinensischer Talmud.“

Kabbala: קבלה – (‚Überlieferung, Weiterleitung‘)

„Der landläufige Begriff für jüdische mystische Werke und Traditionen. Er bedeutet wörtlich „das, was erhalten wurde“. Siehe auch Sohar.“

„Das ganze Übel ist die Selbstliebe, genannt Egoismus, da sie das Gegenteil des Schöpfers ist, der keinerlei Verlangen danach hat etwas für sich selbst zu empfangen, sondern nur geben will.“ –Baal HaSulam, “Das Wesen der Religion und ihr Zweck”

“Man kann nur im gleichen Maß lieben, wie man sein Inneres von der Selbstliebe gereinigt hat.” – Rav Michael Laitman

Midrasch: ‏מדרשׁ – (‚suchen‘)

Rabbinische Kommentare zu einem Vers, Kapitel oder zu einem ganzen Buch des Tanach. Gekennzeichnet sind die Kommentare durch Kreativität und großer Interpretationsgabe der Autoren. Die bekannteste Sammlung wird Midrasch Rabba genannt und behandelt die Fünf Bücher Moses bzw. die Fünf Rollen.

„Ein Heide fragte einst einen Rabbiner: „Warum wählte Gott einen Dornbusch, um darin zu erscheinen?“ Er antwortete: „Hätte er sich in einem Johannisbrotbaum oder einem Feigenbaum gezeigt, hättest du mir dieselbe Frage gestellt. Aber es wäre falsch, dich ohne Antwort gehen zu lassen. Also werde ich dir sagen, warum es ein Busch war: Um dich zu lehren, dass kein Ort ohne Gottes Gegenwart ist, nicht einmal ein armseliger Dornbusch.““ Midrasch

Mischna: מִשְׁנָה – (‚Wiederholung‘) Die erste schriftlich festgehaltene Sammlung von juristischem Material, die sich auf die Gesetze der Thora und die Verordnungen der Weisen bezieht. Sie bildet den Ausgangspunkt für alle nachfolgende Halacha. Sie wurde um 200 n.Chr. von Rabbi Judah HaNasi (das heißt „der Prinz“) zusammengestellt. Sie betont besonders die Tradition der Rabbis, die von 70 bis 200 n.Chr. großen Einfluss hatten. Siehe Talmud und Halacha.
Mischne Tora: מִשְׁנֶה תּוֹרָה – (‚Wiederholung der Thora‘) Systematische Zusammenstellung des gesamten jüdischen Gesetzes durch Moses Maimonides (auch Rambam genannt, 1135-1204 n.Chr.). Sie gilt seitdem bis heute als der juristische Standarttext. Siehe auch Schulchan Aruch.

Palästinensischer Talmud:

Im Prinzip gleichartig, wie der Babylonische Talmud, doch beruht er vornehmlich auf der Arbeit der Weisen in Israel. Er ist von geringerem Umfang, weniger autoritativ und wird daher weniger studiert als der Babylonische Talmud. Er hat seine endgültige Form in Israel um das Jahr 400 n.Chr. erlangt. Mensch & Mensch betreffend: „Solange der Mensch lebt, hat er Hoffnung.“ Talmud Jeruschalmi Berachot 89
Responsen: von lat. ‚respona‘ – (‚antworten‘) Als eine der Hauptquellen für die Halacha von 600 n.Chr. bis heute bestehen die Texte aus den Antworten auf spezifische juristische Fragen, die an führende rabbinische Autoritäten in jeder Generation gestellt werden.
Schulchan Aruch: שולחן ערוך – (‚gedeckter Tisch‘) „Der autoritativste jüdische Standartgesetzkodex, zusammengestellt von Rabbi Joseph Karo (1488-1575 n.Chr.). Siehe auch Mischne Tora.
Siddur: סידור – (‚Ordnung‘) „Das traditionelle jüdische Gebetbuch. Es enthält eine Auswahl aus dem Tanach und von Rabbis zusammengestellte Gebete.“
 Talmud: „Siehe Babylonischer Talmud und Palästinensischer Talmud (oder Jerusalemer Talmud).“ Sprüche der Väter – Pirkej Awot: „Jede Liebe, die von einer Sache abhängig ist, hört auf, wenn die Sache aufhört; die aber, die von keiner Sache abhängig ist, hört niemals auf.“ 5,19 „Betrachte nicht den Krug, sondern dessen Inhalt.“ (Rabbi Me’ir) 4, 27 „Sprich wenig und tue viel!“ (Schammai) 1,15
Tanach: תנ״ך „Akronym von Torah, Newi’im, Ketubim; jüdischer Name für das gesamte Alte Testament. Obwohl die Reihenfolge der Bücher von der des christlichen Alten Testaments abweicht, ist der Inhalt beider exakt identisch.“ „Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erläßt die Schuld denen, die übriggeblieben sind von seinem Erbteil; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er ist barmherzig!“ Micha 7,18
Targum: תרגום – (‚Übersetzung, Erklärung‘) Hier geht es um eine aramäische Übersetzung der hebräischen Bibel, die in den Synagogen gelesen wurden, als biblisches Hebräisch nicht mehr verstanden wurde. Die Übersetzung wurde zwischen 300 und 1200 n.Chr. verfasst. Die wichtigsten Targume sind Targum Onkelos zu den fünf Büchern Mose und Targum Jonathan zu den Newi’im (Propheten).

Sohar: זֹהַר – ((strahlender) ‚Glanz‘)

„Das grundlegende Buch jüdischer Mystik. Es wurde im 13. Jahrhundert n.Chr. zusammengestellt, obgleich die mystische Tradition es ins 2. Jahrhundert n.Chr. datiert. Der landläufige Begriff für mystische Werke und Traditionen ist Kabbala (siehe dort), die heute in einer popularisierten und etwas entstellten Form bekannt ist. Kabbala bedeutet wörtlich „das, was erhalten wurde“.“

“Die Notwendigkeit an der Kabbala ist groß, denn wir sind verpflichtet, sie zu kennen, wie es geschrieben steht: „So sollst du nun heute wissen und zu Herzen nehmen, dass der Herr Gott ist oben im Himmel und unten auf der Erde und sonst keiner“ (5.Mose 4:39). D.h. wir müssen wissen, und nicht nur glauben. Wissen, dass der Schöpfer der Einzige ist, der alles lenkt, die Höheren wie die Unteren, und dass es keinen Anderen gibt.” – Rav Chaim Luzzato, Schaarej Ramchal, Kap. Wikuach, S.77

 (mr)

 
Quelle:
Brown, Michael L., Handbuch Judentum. Antwort auf die wichtigsten Fragen aus christlicher Sicht, Witten 2009, S.46-50
 
Internet:
http://www.kabbala-berlin.info/kabbalisten-ueber-die-weisheit-der-kabbala/
http://www.talmudzitate.com/
http://de.wikipedia.org/wiki/Schma_Jisrael
http://de.wikipedia.org/wiki/Talmud
  Fotos: Titelbild: raffaespo@flickr; Torah: Lawrie Cate@flickr; Qumran: tourisraele@flickr

Eine einfache Antwort zu dieser Frage scheint es nicht zu geben, da eine große Verschiedenheit  in Bezug auf Glaubensinhalte und Sichtweisen unter den Juden vorhanden ist. Zu erwähnen ist auch, dass die meisten Juden sich nicht viel Zeit nehmen, um über Jesus nachzudenken. Es sind vor allem die christlichen Festtage, wie Weihnachten, oder die Erwähnung Jesu in den Medien, die für neuen Gesprächsstoff unter den Juden sorgt. Eine weitverbreitete Antwort, die zu hören ist, wenn man von Juden erfahren möchte, was sie über Jesus denken: „Wir sind Juden, keine Christen, und Jesus ist für Christen (d.h. Heiden) da.“ Von der großen Mehrheit im Judentum wird Jesus nicht als direkt relevante religiöse Gestalt betrachtet. Zu beobachten ist zugleich aber auch, dass heute mehr Juden wahrnehmen, dass Jesus Jude war.

Ultraorthodoxe Juden assoziieren mit Jesus einen abtrünnigen Juden, einen Erzfeind des jüdischen Volkes, den Gründer einer destruktiven Religion. Dieser Jesus hat ihrer Meinung nach über Generationen hinweg unaussprechliche Not und Verfolgung über das jüdische Volk gebracht. Damit sind vor allem Kreuzzüge, Pogrome und das Dritte Reich gemeint. Manche schenken den Neutestamentlichen Schriften Vertrauen, ohne mit dem Inhalt vertraut zu sein; andere wiederum machen vor allem Nachfolger Jesu, wie z.B. Paulus, für die anti-jüdische ‚Irrlehre‘ verantwortlich. Allgemein wird Jesus als Betrüger der breiten Masse der Juden betrachtet.

Weniger religiöse Juden sehen Jesus als bedeutenden Rabbi an, der von den Nachfolgern der nächsten Generation missverstanden oder falsch dargestellt wurde. Dieses Phänomen – so meine diese – führte zur Entstehung des Christentums. Jesus wird als Weiser, als Prophet oder aber auch als mutige Persönlichkeit betrachtet, die sich gegen die Tyrannei Roms aufgelehnt hat. Andere halten ihn für einen Mystiker oder Guru. Eine dritte Gruppe hat den Eindruck, dass man nicht viel über ihn wissen kann, da sie die Zuverlässigkeit der verfügbaren Quellen in Zweifel ziehen.

Diese verschiedensten Ansichten haben eines gemeinsam: Juden glauben nicht an Jesus, den Messias, und sie sehen ihn nicht als menschgewordenen Gott an, mit Ausnahme der meisten messianischen Juden.

In den vergangenen Jahrzehnten kam immer wieder der Wunsch von jüdischen Gelehrten auf, Jesus wieder als Juden zu sehen – einige davon sind orthodoxe Gelehrte. Selbst Schulkinder lernen in Israel etwas über Jeschua. Selbstverständlich wird er den Kindern nicht als Retter und Erlöser vorgestellt.

Der Name ‚Jeschua‘ ist die Kurzfassung von ‚Jehoschua‘ (Josua). Vergleichbar hiermit wären ‚Michael‘ und der im Allgemeinen verwendete Kurzname ‚Mike‘. Im Buch Sacharja wird ‚Jeschua‘ als יהושע (Jehoschua) erwähnt und im Buch Esra wird er mit ישוע (Jeschua) bezeichnet. Der Name ‚Jeschua‘ kommt im Alten Testament, dem Tanach, 27-mal vor. Er bezieht sich häufig auf den Hohen Priester Jeschua (auch Jehoschua), den Sohn des Jozadak nach dem Babylonischen Exil ca. (515-490 v.Chr.). Schon in Sacharja 6,12-13 wurde interessanterweise dieser Hohe Priester Jehoschua/ Jeschua als ein Symbol für den „Mann, der Spross genannt wird“ dargestellt. Das gilt als messianischer Titel (vgl. Jeremia 23,5).

Jeshua (der Gesalbte) wird im Talmud und in den rabbinischen Schriften (und von der Israelischen Bevölkerung bis heute) ‚Jeschu‘ genannt. Weshalb der Vokal am Schluss nicht gesprochen wird, das hat linguistisch-geschichtliche Gründe. So ist erwiesen, dass vor fast zweitausend Jahren der Schlussvokal in der Aussprache wegfiel. Das war nicht abfällig gemeint, es ist einfach die Art und Weise, wie sie diesen damals korrekt aussprachen. Wenn jedoch heute ein gläubiger Jude ‚Jeschu‘ sagt – besonders ein ultraorthodoxer Jude -, meint er etwas sehr Negatives damit. Die hebräischen Buchstaben j-sch-w werden mit den Wörtern jimasch schmo wsikro in Verbindung gebracht und diese bedeuten: „Möge sein Name und das Gedächtnis an ihn ausgelöscht werden!“ (Vgl. Apg. 4,12)

Eine herausfordernde Studie über die Probleme der Juden mit dem christlichen Jesus werden in dem Werk von Professorin Amy-Jill Levine The Misunderstood Jew. The Church and the Scandal of the Jewish Jesus (Der missverstandene Jude: Die Kirche und der Skandal um den jüdischen Jesus) dargestellt. Ihr ökumenisches Anliegen ist es, Judentum und Christentum voll anzuerkennen. Dies ist allerdings – wie man sich gut denken kann – ein äußerst schwieriges Unterfangen, man bedenke nämlich, dass Jesus nicht als Messias Israels von den Juden anerkannt wird, obwohl dies jedoch eine grundlegende Wahrheit im Zeugnis des Neuen Testaments ist.

Der babylonische Talmud (Entstehung des babylonischen Talmuds – der Mischna ca. 2. Jhdt. n.Chr.)  berichtet in Sanhedrin 43a wie folgt von Jesus: Er wird meist nur mit „jener Mann“ beschrieben. Zudem wird er als falscher Prophet, Verführer Israels, der Zauberei trieb, der über die Weisen spottete und fünf Jünger hatte, dargestellt. Am Vorabend des Pessach sei er gehängt worden, nachdem sich nach einer vierzigtägigen Suche kein Entlastungszeuge für ihn finden ließ (Mk. 14,53-64). Die Herkunft Jesu wird als Fehltritt Marias gedeutet. Demnach habe sie sich mit einem römischen Legionär eingelassen; das dabei entstandene Kind wurde dann dem „Heiligen Geist“ zugeschrieben. Dementsprechend war Maria für die talmudischen Rabbiner eine „Hure“. Jesus sei somit durch den römischen Vater „nicht nur ein Bastard, sondern der Sohn eines Nichtjuden“ gewesen. Die im Neuen Testament erwähnte Abstammung von König David könne er demnach nicht beanspruchen. Diese Erwähnung, wie auch der „Messias“ und „Sohn-Gottes-Anspruch“, waren für die Autoren des Talmuds reiner Betrug. Jesus wird als Promisk (sexuell freizügig) dargestellt, der mit einer Prostituierten verkehrt haben soll. Dies beweise – so die Auffassung gewisser Rabbiner, dass er kein Prophet gewesen sein könne.

Es ist hilfreich, auch das Urteil über Jesus aus orthodoxer Perspektive zu kennen. Es kann hilfreich sein, die Sicht orthodoxer Juden besser verstehen zu lernen. In den Jeschiwas (Thoraschulen) werden genau solche talmudischen Texte gelesen, studiert und diskutiert.

Was die Verfasserschaft und Entstehungszeit der biblischen Schrift angeht, besteht kein Anlass, die historische Glaubwürdigkeit der neutestamentlichen Darstellungen des Lebens Jesu zu bezweifeln. Lesen Sie dazu einen Beitrag von Prof. Dr. Armin Baum zu „Wer hat wann die Evangelien geschrieben?

(mr)

 
Quellen:
Brown, Michael L., Handbuch Judentum. Antwort auf die wichtigsten Fragen aus christlicher Sicht, Witten 2009, S.54-57
Brown, Michael L., Handbuch Judentum. Antwort auf die wichtigsten Fragen aus christlicher Sicht, Witten 2009, S.159-164
Cohn, Chaim, Der Prozeß und Tod Jesu aus jüdischer Sicht, Frankfurt 1997
Schäfer, Peter, Jesus im Talmud, Tübingen 2007, S. 45ff.
 
Internet:
http://www.armin-baum.de/wp-content/uploads/2010/06/Wer-hat-wann-die-Evangelien-geschrieben-2009.pdf
http://www.hagalil.com/judentum/rabbi/090823.htm
http://de.wikipedia.org/wiki/Jesus_au%C3%9Ferhalb_des_Christentums
http://de.wikipedia.org/wiki/Jeschua_(Hoherpriester)