Der jüdisch-christliche Dialog – was gut war auf dem Evangelischen Kirchentag 2019

Wer einen Blick in das Programm des 37. Deutschen Evangelischen Kirchentags wirft, der vom 19. bis 23. Juni 2019 in Dortmund stattfand, den könnte schnell Verwunderung überkommen: Unter den über 2000 Veranstaltungen fanden sich auch Workshops und Seminare wie „Coming Out für Mädchen* und junge Frauen*“ und „Vulven malen“. Man muss kein konservativer Christ sein, um sich zu fragen, was das nun mit Glauben und Kirche zu tun hat. Die Veranstalter lassen uns dazu wissen: es geht gar nicht um diese Themen – zumindest nicht nur. Anliegen des Kirchentages ist es, zum Einmischen anzuregen und Diskussionen anzustoßen. Daher rücke man neben religiösen Fragen gesellschaftspolitische Debatten in den Vordergrund.

Das Motto des Kirchentags 2019.

„Was für ein Vertrauen!“ – Bibelarbeit zum Buch Hiob

Ein Feld, auf dem die Grenzen zwischen Religion, Politik, Soziologie und Identität verwischen, ist der jüdisch-christliche Dialog. Auch dazu fanden Interessierte eine Reihe von Veranstaltungen unterschiedlichster Couleur auf dem Evangelischen Kirchentag. Hier eine Auswahl der Angebote vom Donnerstag:

Zum ruhigen und besinnlichen Start in den Tag empfiehlt sich eine Bibelarbeit. Die Rabbinerin Gesa Ederberg und Prof. Angela Rinn, Theologin, befassten sich dialogisch mit dem alttestamentlichen Text aus dem Buch Hiob, Kapitel 2, 7-13.[1] Passend zum Motto des diesjährigen Kirchentages „Was für ein Vertrauen“ wurde gemeinsam über den gleichnamigen leidgeplagten Mann nachgedacht, der trotz allem immer noch an Gott festhält: So erfuhr der Zuhörer unter anderem, dass Hiob zeigt, wie leicht Menschen in Not beginnen, Gott falsch zu verstehen – statt die Ursache für Leid auf direktem Weg in der Welt zu suchen und Leid selber zu bekämpfen. Die jüdische Gemeinde, die über Jahrhunderte Schicksalsschläge erfahren musste, dürfe nicht demütig stillhalten und alles über sich ergehen lassen: Auch wenn es natürlich legitim sei, Gott im Leid anzurufen, gelte es, irdische Ursachen zu erkennen, diesen entgegenzuwirken und zu handeln und Leid damit einen Sinn zu geben.

Allerdings hätte man dem Gelegenheits-Kirchgänger und Nicht-Theologiestudenten fairerweise nebenbei einen Einblick in jüdische Kultur, Geschichte und Auslegungspraxis geben können. Denn was der Zuhörer nicht erfuhr: neben der vorgestellten mag es womöglich Tausende andere Auslegungen der Textpassage geben, denn „die“ jüdische Auslegung gibt es nicht. Die Verse boten daher Gelegenheit, zu zeigen, wie eine jüdische Wahrnehmung aussehen kann – aber repräsentativ war sie nicht.

Zentrum “Juden und Christen”: Veranstaltungsbeispiele am Donnerstag.

Israel – mehr als Konflikte und Raketen

Wer wollte, blieb einfach sitzen und nahm am nun folgenden Podium teil. Unter dem Titel „Komplexe Wirklichkeit. Andere Geschichten aus Israel“ befassten sich Experten in 15-minütigen Impulsen mit der Vielfalt der israelischen Gesellschaft. Ziel war es, die Wirklichkeit abzubilden, auch wenn dies nicht gerade medienwirksam sei. So stellte man fest, dass in den deutschen Medien eine einseitige Perspektive entworfen werde, die vor allem militärische Reaktionen betont – und damit viele Identitätsmerkmale und Facetten des Landes ausgeklammert würden.

In dieser Veranstaltung ging man dazu nicht weiter kritisch in die Tiefe, sondern überließ Prof. Johannes Becke das Wort. Becke ist Politikwissenschaftler an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. Diese Hochschule ist insofern eine Besonderheit, als dass jüdische Studien an den deutschen Universitäten meist Teil der Nahost-Studien sind, aber kein eigenständiges Kompetenzzentrum bilden. Becke bot einen Einblick in die demografisch-soziologische Zusammensetzung der israelischen Bevölkerung und zeigte, dass eine vereinfachende Reduzierung auf die beiden Gruppen „jüdische Israelis“ und „muslimische Araber“ keinesfalls legitim sein kann.

So gebe es Samaritaner, die sich als Teil des Volkes Israel verstehen, aber keine Juden sind. So gebe es Drusen, die als Nichtjuden loyal in der Armee des jüdischen Staates dienen. So gebe es die ethnische Minderheit der Tscherkessen, die ethno-religiöse Minderheit der Aramäer und eine Minderheit auf Zeit, die Gastarbeiter, die häufig aus Afrika kommen. Dass diese Gruppen selten bis kaum in den Medien abgebildet werden, könne daran liegen, dass es schon bei der Frage nach der Selbstidentität eines Israeli schwierig wird, der einer der beiden größten Bevölkerungsgruppen angehört – den Juden und Moslems. Ob man von Israelis, von Arabern in Israel, von arabischen Israelis oder israelischen Arabern spricht, ist oft nur individuell zu beantworten.

Hier wurde die Verquickung von Religion und Staat bereits angeschnitten. Yaron Engelmayer, Rabbiner in Karmiel/Israel, und Micha Staszewski, Politologe in Tel Aviv, vertieften die Thematik weiter. Aktuell könne man am Scheitern einer möglichen Regierungskoalition bestens erkennen, dass religiöse Fragen den Staat durchdringen, auch wenn Staat und Religion offiziell voneinander getrennt sind. Denn die Parteien konnten sich über den Eintritt einer religiösen Minderheit – den Drusen – in die israelische Armee nicht einig werden. In Deutschland undenkbar! Besonders die strenge Feiertagsruhe, das viergliedrige israelische Bildungssystem und die Befugnisse des Standesamtes beeinflussen die Zivilgesellschaft. So fassen es einige Israelis als Bevormundung auf, dass „Mischehen“ zwischen Juden und Muslimen oder Christen im Ausland, zum Beispiel auf Zypern geschlossen werden müssen – denn es gibt nur religiöse, keine zivilen Hochzeiten in Israel! Dabei könne es auch durchaus vorkommen, dass jemand jüdisch aufwächst und dann, kurz vor seiner Hochzeit aufgrund der standesamtlichen Dokumentation erfährt, dass er eigentlich gar kein Jude ist.

Bei allen möglicherweise befremdlichen Eigenheiten im modernen Israel weist Staszewski auf eine wichtige Begebenheit hin: Israel ist der einzige jüdische Nationalstaat auf der ganzen Welt. Gerade deswegen sei er zu beschützen. Wenn es in technischen Fragen, zum Beispiel wer Jude ist und wer nicht, streng zugehe, müsse man dies im Gesamtkontext betrachten und dürfe es nicht als Diskriminierung verstehen. Letztendlich gehe es darum, eine Balance zu finden zwischen freiheitlich-demokratischen Gütern – also gleiche Chancen und Recht für alle – und religiösen Zäunen zur Bewahrung des Jüdischen. Denn Israel sei genau genommen kein jüdischer Staat, sondern ein jüdisch-demokratischer. Das gelte es nicht zu vergessen.

Das Fazit zu diesem Block des Podiums: Religion ist fester Teil des Alltags der Israelis. In Deutschland weiß man selten, welcher Konfession der Nachbar angehört und interessiert sich in der Regel auch nicht dafür. In Israel dagegen weiß jeder darüber Bescheid, wer was glaubt. Man kennt alle Label und Facetten der Religiosität. So regten die Redner dazu an, einmal als Deutscher darüber nachzudenken, wie wichtig Religion für unseren Staat sein kann und sein sollte.

Der nächste Impuls kam von Jonathan Elkhoury, Minderheitenkoordinator Reservists on Duty, Israel. Elkhoury kam als libanesischer Flüchtling nach Israel. Er warb dafür, seine positive Integrationsgeschichte nicht als Ausnahme zu betrachten, sondern Menschen wie ihm mehr Raum zu geben. Da die israelische Armee so etwas wie ein Schmelztiegel aller im Land lebenden Bevölkerungsgruppen sei, könne man hier sehr gut beobachten, dass ein Zusammenleben gut funktionieren kann. Elkhoury betonte die Wichtigkeit dieser Institution, da Gemeinsamkeiten für die Identitätsbildung von Staatbürgern eine große Rolle spielen. Allerdings: „To do everything that is in a person‘s power to make society better is more important than how you identify yourself.“ Mit diesem Satz zeigte er, dass es das eigene, konkret sichtbare Engagement ist, das die Gesellschaft prägt – dann erst kommen abstraktere Fragen der Selbstzuordnung.

Damit bot das Podium eine gelungene Zusammenstellung von Aspekten zur israelischen Gesellschaft, die in der Tat nicht in der deutschen Berichterstattung zu finden sind – obwohl in den Medien nahezu täglich von Israel die Rede ist.

Antisemitismus – mitten unter uns

Im Dortmunder Opernhaus fand eine Veranstaltung zum Thema Antisemtismus statt…

Ein Deutscher, der sich mit dem Judentum und Israel auseinandersetzt, darf die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und dem Antisemitismus nicht scheuen. Denn die Frage im Titel einer weiteren Veranstaltung auf dem Kirchentag „Hört das denn nie auf?! Antisemitismus in Deutschland“ muss leider mit „Nein, es hört nie auf“ beantwortet werden.

So stellte Dr. Klaus Holz, Generalsekretär der Ev. Akademien in Deutschland, in der Anmoderation fest, dass äußere Gewalttaten nur die Spitze des Eisberges sind. Was darunter ist, ist statistisch natürlich nur schwer zu erfassen. Doch genau dieser Schwierigkeit stellt sich das Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin unter Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum. Die Tatsache, dass es die einzige Einrichtung im Land ist, die sich wissenschaftlich ausschließlich mit dem Thema Antisemitismus auseinandersetzt, ist bezeichnend. So gebe es zwar fast jede Woche eine neue Statistik unterschiedlichster Herkunft, die über Antisemitismus in der Bevölkerung informieren will – aber fundiertes Wissen existiere nicht. Keiner dürfe behaupten, dass wir das Phänomen im Griff haben oder gar bannen könnten. Schüler-Springorum weist auf die Tatsache hin, dass fast die Hälfte aller antisemitischen Straftaten keinem „Lager“ zuzuordnen ist – die Täter lassen sich nicht einfach kategorisieren. Daran zeigt sich: Antisemitismus geistert mitten unter uns. Ihr Rat: Man müsse bei der Bekämpfung vielmehr die Mitte der Gesellschaft in den Blick nehmen, statt sich nur auf Randgruppen zu fokussieren.

Dem stimmte auch Ralf Meister, Landesbischof von Hannover, zu. Er sehe in der Kirchenleitung keinen Anlass zur Sorge und fragt sich, warum vorbildliche Haltungen nicht in die Gemeinden durchdringen. Könne die Gesellschaft sich überhaupt von einem so tief verwurzelten Feindbild trennen und wenn ja, womit wird diese Lücke dann mutmaßlich gefüllt? Offen bleibt, warum Meister eine solche Lernfähigkeit unter seinen Kollegen zu beobachten vermeint und dem normalen Gemeindemitglied diesen Sprung nicht zutraut. Man darf vermuten, dass der Landesbischof eher zu selbstsicher ist und verkennt, dass Antisemitismus immer und überall eine ernstzunehmende Bedrohung darstellt – und sogar in der Kirchenleitung auftauchen kann, auch wenn es aktuell zumindest keine sichtbaren Zeichen dafür gibt.

… aber viele Plätze blieben leer.

So fasste Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, treffend zusammen: Viele Juden spüren im Alltag nichts von einer Bedrohung durch Antisemitismus – Gott sei Dank. Aber das sei kein Anlass zur Entspannung. Sonst müsste Schuster sagen: „Macht euch nicht nur Gedanken darüber, wo die gepackten Koffer stehen, sondern ob diese auch funktionsfähig sind.“ Dies gilt es unbedingt zu verhindern, auch wenn allen Anwesenden klar war, dass es kein Patentrezept dafür gibt. Antisemitismus auszulöschen ist kein realistisches Ziel. Aber Zivilcourage und positive Gefühle zur Demokratie verstärken können gute Ansätze sein, Ressentiments zu begegnen – nicht nur Antisemitismus.

Insgesamt einen Besuch wert!

„Wir sind manchmal vielleicht nicht die besten Botschafter, aber wir haben die beste Botschaft!”[2] Dieser Satz stammt vom EKD-Vorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm. Wer bewusst suchte, konnte durchaus wertvolle Impulse zu religiösen Themen und zum Leben als Christen in einer modernen Gesellschaft finden. Vieles war gut auf dem Evangelischen Kirchentag 2019. Das gilt vor allem für den jüdisch-christlichen Dialog, der von der Evangelischen Kirche sensibel, aber in Klarheit angegangen wurde – wie die vorgestellten Veranstaltungen zeigten.

Dennoch muss gefragt werden, wieso beispielsweise messianisch-jüdischen Gruppierungen nicht aktiv auftreten durften. Und wieso wurde nicht deutlicher gegen vielfältige BDS-Trends Position bezogen, die regelmäßig zum politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Boykott von Israel aufrufen? Auf dem Evangelischen Kirchentag war kaum ein Thema oder eine Meinung tabu – diese beiden hätten ebenfalls einen Platz verdient.

AEdler

[1] Hier zum Nachlesen: https://dxz7zkp528hul.cloudfront.net/production/htdocs/fileadmin/dateien/zzz_NEUER_BAUM/Service/Downloads/Publikationen/DEKT37_Exegetische_Skizzen.pdf [2] https://twitter.com/jesusde?ref_src=twsrc%5Egoogle%7Ctwcamp%5Eserp%7Ctwgr%5Eauthor

Vom 14.-18. Mai soll in Tel Aviv der 64. Eurovision Song Contest stattfinden, den viele noch unter der bis 2001 gängigen Bezeichnung „Grand Prix“ kennen. Ort der Austragung ist dabei immer das Siegerland des Vorjahres. Das mag verwundern, insofern Israel geografisch nicht zu Europa gehört. Allerdings dürfen alle Länder teilnehmen, die Mitglied der European Broadcasting Union sind, einem Zusammenschluss öffentlich-rechtlicher Rundfunkunionen. Da es für die Mitgliedschaft keine geografischen Richtlinien gibt, können Israel und beispielsweise auch Russland und Australien am ESC teilnehmen.

Der ESC – dieses Jahr in Tel Aviv

Dieses Jahr trägt der ESC allerdings nicht nur zur Horizonterweiterung und Unterhaltung seiner Zuschauer und Fans bei.  Denn die weltweit organisierte BDS-Bewegung macht seit Monaten darauf aufmerksam, dass Israel ihrer Ansicht nach nicht als Ausrichtungsort taugt. Israel, so heißt es beispielweise in einem offenen Brief, den die schwedische Zeitung „Aftonbladet“ vor wenigen Tagen veröffentlichte, nutze seine Rolle als Gastgeber aus, um die eigenen Verbrechen zu vertuschen. Aus Solidarität mit den Palästinensern, die laut der Bewegung permanent durch den Staat Israel in ihren Menschenrechten verletzt oder dieser gar beraubt werden, solle der Contest nicht öffentlich übertragen werden. Besser noch, kein Künstler ginge hin. In Island, Frankreich und Irland gab es bereits diverse Aktionen, um dieses Ziel durchzusetzen.

So fordert die BDS-Bewegung mal wieder, künstlerische Freiheit zugunsten ihrer politischen Interessen zu beschränken. Notfalls mit viel Nachdruck.

Nicht alle geben nach: Via facebook reagierte der Frankfurter Bürgermeister Uwe Becker auf einen offenen Brief, den Boykotteure Ende Januar im Guardian veröffentlichten. Becker kritisiert darin mit deutlichen Worten die Doppelmoral der BDS-Bewegung: „They (Anm.: die Boykotteure) write: ‚Until Palestinians can enjoy freedom, justice and equal rights, there should be no business-as-usual with the state that is denying them their basic rights.‘ Well ‚artists from Europe and beyond‘ where in the whole region you are talking about can we see ‚freedom, justice and equal rights‘? Where are those basic human rights constitutional guaranteed? Right, in Israel.[1]

Zudem: „…as long as you support the boycott of Israel, you are not welcome in our city of Frankfurt!

Die Stadt Frankfurt setzt sich gegen Antisemitismus ein

Becker stellt sich schon seit Jahren offen gegen Antisemitismus. So arbeitet die Stadt Frankfurt nicht mit Banken zusammen, die der BDS-Bewegung nahe stehen oder diese unterstützen. Außerdem werden keine Räumlichkeiten mehr an BDS-Aktionisten vermietet. Als der Bürgermeister Ende Februar in Tel Aviv ein Bündnis gegen Antisemitismus mitgründete, umfasste dies betont auch das Vorgehen gegen die BDS-Bewegung. Denn zum Einsatz gegen Antisemitismus gehört für Becker ganz klar die Solidarität mit dem Staat Israel.

A.Edler

[1] Den vollständigen Post finden Sie unter https://www.facebook.com/uwe.becker.545/posts/10218256177623682

Im Rahmen der Themenwoche „70 Jahre Israel“ luden die Freie Theologische Hochschule Gießen und das Institut für Israelogie am 05.11.2018 zu einem öffentlichen Vortrag ein. Johannes Gerloff teilte im Plenarsaal der FTH unter dem Titel „Das „Heilige“ Land: Erwählt – erkämpft – ersehnt“ seine Erfahrung und sein Wissen über Israel mit knapp 200 Gästen. Gerloff lebt seit 1994 mit seiner Familie in Jerusalem. Der Journalist war als Nahostkorrespondent unter anderem für den christlichen Medienverbund KEP tätig. Außerdem ist er Autor mehrerer Bücher.

Der Auftakt der Themen-Woche

Aufgrund der „Jahrtausende alten Schreckensgeschichte“, als das man das Verhältnis zwischen Christen und Juden beschreiben könne, seien Veranstaltungen, die Israel nicht unkritisch, aber wohlwollend betrachten, sehr wichtig. So wolle Gerloff als Journalist auch über Negatives berichten, aber vor allem über positive und atemberaubende Begebenheiten. Beides hatte an diesem Abend im Vortrag seinen Platz.

Schon bei der Bezeichnung „Heiliges Land“ müsse man genauer darüber nachdenken, was gemeint ist. Kann man mit Recht behaupten, dass Israel ein besseres Land sei als alle anderen, so fragt Gerloff? Oder zeigt sich in dem Titel, dass hier eine besondere Atmosphäre vorherrscht? Letzteres ist nach Gerloff zweifelsfrei richtig: Wer auch immer ins Land reist, könne unmöglich neutral bleiben. Israel sei gewissermaßen lebendiger als andere Länder – es bewege seine Besucher und Bewohner.

Der Plenarsaal war voll besetzt.

Die Frage „Ist Israel ein Land wie jedes andere?“ müsse aber nicht nur nach innerem Empfinden, sondern auch theologisch verneint werden: Laut biblischem Befund hat Gott Israel erwählt. Dabei sei zu beachten, so Gerloff, dass an dieser Stelle nicht zwischen einer jüdischen Ethnie einerseits und einem Land andererseits unterschieden werden darf. Theologisch bilden beide eine untrennbare Einheit. Darum gehören Land und Juden zusammen, sie sind beide erwählt.

„Erwählung“ bedeute in diesem Kontext nicht zwangsläufig „Errettung“ und schon gar nicht irdisches Wohlergehen. Erwählung müsse als Aufgabe verstanden werden. Gerloff berichtet, dass viele Juden diese Verantwortung und ständige Beobachtung als Last empfinden. Man müsse sich mal hineinversetzen, wie es ist, wenn jedes Gegenüber eine Erwartungshaltung einnimmt, sobald herauskommt, dass man jüdisch ist! So sei es nicht nur in der persönlichen Begegnung, sondern auch in den Medien: Die ganze Welt schaut auf Israel.

Hier kristallisiere sich ein bedeutender Unterschied zwischen der christlichen und der jüdischen Gottesbeziehung heraus: Während Christen seit Jahrhunderten auf der Suche nach einem gnädigen Gott sind, scheine es, so Gerloff, manchmal so, als versuchen Juden, ihre Erwählung und damit Gott wieder los zu werden.

Johannes Gerloff

Auch wenn Gerloff in seiner 24-jährigen Tätigkeit in Jerusalem die Besonderheit Israels intensiv erlebt und beobachtet hat, bleibe ihm vieles weiterhin fremd. Als Journalist hat Gerloff die palästinensischen Gebiete bereist. Von ‚innen‘ nachempfinden könne man als Außenstehender weder die jüdisch-israelische Kultur noch die palästinensische. In diesem Zusammenhang betont er, dass es wohl kaum ein sichereres Land gebe als Israel. Zwar hört man in Deutschland nahezu täglich von Gewaltverbrechen in Israel, doch die tatsächlichen Zahlen sprechen eine andere Sprache: So gab es im ersten Jahr des syrischen Bürgerkrieges mehr Tote als in allen Kriegen, die in der 70-jährigen Geschichte des Staates Israels geführt wurden, zusammen. Gleiches gelte für die Anzahl der Toten während des sogenannten Arabischen Frühlings in Libyen. Leben und Reisen in Israel sei daher ziemlich sicher.

Die Frage nach einem Lösungsansatz für den Nahostkonflikt kann an einem solchen Abend natürlich nicht ausbleiben. Dazu berichtet Gerloff von einer Entscheidung der obersten Rabbiner: Diese wären dazu bereit, Land abzugeben, wenn es Menschenleben rette. Aber daran, dass bei Abgabe von Land tatsächlich Leben gerettet werden würden, könne man einfach nicht mehr glauben. Israel bleibt in dieser Hinsicht wohl weiterhin umkämpft.

Am Ende des Vortrages kann der Zuhörer den Slogan des Abends verstehen: Israel ist kein Land wie jedes andere. Israel ist das ersehnte Land für die Juden, mit großer Bedeutung auch für Nichtjuden. Volk und Land niemals zu vergessen, das muss Ziel aller Beschäftigung mit Israel sein – nicht unkritisch, aber wohlwollend.

AE

Ende April wurde in Berlin ein Mann mit Kippa am helllichten Tag mit einem Gürtel verprügelt. Mitte Mai kamen bei gewaltsamen Protesten im Gazastreifen mehrere Hundert Menschen auf palästinensischer Seite zu Tode. Beide Meldungen fanden rasch ihren Weg in die Schlagzeilen fast aller deutschen Zeitungen. Die Ereignisse sind höchst unterschiedlich, deuten aber auf Schwierigkeit hin, über Judenhass und Israelpolitik gleichzeitig zu berichten – und darauf, dass beides zusammen hängen kann.

Antisemitismus im 21. Jahrhundert ist höchst komplex und längst nicht mehr schwarz-weiß. Antisemitismus längst nicht mehr klar mit religiös bedingtem Hass einstmals fanatisierter Christen zu erklären, noch pauschal als Relikt aus Nazi-Deutschland abzuurteilen. Die Tatsache, dass Juden im hochzivilisierten Mitteleuropa und gerade auch in Deutschland immer noch vermittelt bekommen, unerwünscht zu sein, sollte uns anhalten, Antisemitismus erneut ins Blickfeld zu rücken. Wie man ihn empirisch fassen kann und wo dies noch nicht ausreichend geschieht, soll aus dem folgenden Überblick hervorgehen:

Mann mit Kippa

Bei der Frage, was unter Antisemitismus zu verstehen ist, gehen die Meinungen auseinander. Eine Arbeitsdefintion, die dem International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) zugrundeliegt und unter anderem von Expertenkreisen im European Forum on Antisemitism übernommen wurde,  erklärt: “Antisemitism is a certain perception of Jews, which may be expressed as hatred toward Jews. Rhetorical and physical manifestations of antisemitism are directed toward Jewish or non-Jewish individuals and/or their property, toward Jewish community institutions and religious facilities.”[1]

Erscheinungsformen des Antisemitismus innerhalb der deutschen Bevölkerung zu erfassen ist seit den 1950er Jahren eine wichtige Aufgabe der Sozialforschung. Dazu helfen in erster Linie Umfragen und die Kriminalstatistik. Wenn man Judenfeindlichkeit messen möchte, hilft es, solche Fragen zu stellen, die die Intention des Interviews nicht sofort erkennen lassen und dennoch Rückschlüsse auf das Denken des Befragten zulassen. So kann die Antwort auf die Frage „Haben die Juden zu viel Einfluss in Deutschland?“ oder „Möchten Sie einen Juden als Nachbarn?“ aufdecken, ob jemand Juden gegenüber eher ablehnend, skeptisch, gleichgültig oder wohlgesonnen gesinnt ist. Für Juden in Deutschland mag es zunächst einmal eine Erleichterung darstellen, dass in den letzten Jahren Asylbewerber, Muslime, Sinti und Roma viel negativer wahrgenommen wurden als sie. Zudem sind antisemitisch motivierte Gewalttaten, die man per Kriminalstatistik leicht erfassen kann, in europäischen Nachbarländern wesentlich höher als in Deutschland – zumindest was die Daten bis 2015 aussagen.[2]

Dennoch ist das Problem des Antisemitismus hierzulande längst nicht gelöst: Es tritt einfach in neuen Formen auf. An die Stelle des klassischen Mythos von der jüdischen Weltverschwörung und des Christus-Verräter-Stereotypus treten heute eher der sogenannte „Sekundärantisemitismus“ und der „israelbezogene Antisemitismus“. Ersterer hängt mit der nationalsozialistischen Vergangenheit der Deutschen zusammen und meint eine Umschuldung: Wer behauptet, dass die im Dritten Reich verfolgten und getöteten Juden „nicht nur“ Opfer waren, zeigt sekundärantisemitisches Gedankengut. Genauso wie jemand, der findet, dass Juden aus ihrem Schicksal monetären Profit schlagen möchten.

Die zweite genannte Form kann sich unter dem Deckmantel des Antizionismus äußern: Israelbezogener Antisemitismus ist die emotional beladene kritische Einstellung gegenüber dem Staat Israel. Dies betrifft vor allem dessen Umgang mit Fremdpersonen an den Landesgrenzen oder hinsichtlich der Siedlungspolitik jüdischer Siedler in den Autonomiegebieten. Politische Kritik ist selbstverständlich prinzipiell erlaubt und erwünscht. In diesem Fall aber wird sie, pauschal auf alle Israelis übertragen, zum Problem, weil Israel nunmal ein Judenstaat ist. Es wird zum Beispiel Israel als Nation das Existenzrecht abgesprochen, oder israelische Politik mit Begriffen bedacht, die an Nazi-Vokabular erinnern („Israel hat mit dem Abwehrzaun das größte KZ der Welt gebaut“) – so erklärt es auch die ausführliche Version der oben genannten Arbeitsdefinition „Antisemitism“. Auch Boykott-Aktionen mit Aufrufen wie „Kauft nicht bei Israelis“ wecken ungute Assoziationen. Obwohl eine solche offensive Israelkritik in einigen politischen Kreisen vielleicht zum guten Ton gehören mag, lohnt es sich, genauer hinzuschauen und Antisemitismus beim Namen zu nennen: so geriet der Theologe Ulrich Duchrow mit seinen vor einigen Jahren veröffentlichten Ansichten kürzlich in die Diskussion, weil er Juden das Recht auf eine nationale Heimstätte in Palästina abspricht.[3]

Davidstern

Diese dargestellten Formen sind den meisten Lesern vermutlich gar nicht so unbekannt: Sie lassen entweder nicht immer direkt an Antisemitismus denken und werden daher unbedacht ausgesprochen. Oder sie werden – wie im letzten Fall – kritisch in den öffentlichen Medien aufbereitet. Alle Beispiele gehören zum latenten Antisemitismus. Allerdings nur solange, bis er sich in Gewalttaten oder Sachbeschädigung äußert und damit manifest wird. Dies geschieht immer wieder, was aufzeigt, dass nicht erst die brutale Ausschreitung ein Problem darstellt. Vorweg geht das antisemitische Gedankengut der Menschen, dem sich die Gesellschaft entgegenstellen muss.

Bisher konzentrierte man sich vorrangig auf Antisemitismus unter Deutschen und Europäern. Auf diesem Gebiet haben wir ein gut dokumentiertes Fundament, um die Dinge beim Namen zu nennen und die Lage einzuschätzen.

Was aber ist mit den oben genannten Beispielen? Die eingangs erwähnten Fälle mögen auf den ersten Blick in keinerlei Verbindung zueinander stehen. Aber sie weisen darauf hin, dass die vorgestellten Ergebnisse der Sozialforschung eine Lücke aufweisen: Wie können wir heute Antisemitismus einordnen und verstehen, der von Menschen mit muslimischer Religionszugehörigkeit oder arabischer Abstammung ausgeht? Gerade in diesen Tagen zeigt sich, dass das 70-jährige Jubiläum Israels nicht für alle ein Grund zum Feiern ist. Die Debatte ist entfacht: weil es immer wieder zu eskalierender Gewalt kam und kommt, und eben nicht nur gegen den Staat Israel und dessen Politik am Gazastreifen, sondern auch gegen Kippaträger in Berlin. Aber nicht allein solche Phänomene von manifestem Antisemitismus, die von Muslimen und Arabern ausgehen, weisen auf ein bedrohliches Szenario hin, sondern auch die Ratlosigkeit der Medien und Politiker, antisemitische und antijüdische Phänomene einzuordnen. Zu fragen ist: Gibt es einen ethnisch begründeten Antisemitismus bzw. Antizionismus? Handelt es sich gar um einen muslimisch-religiösen Antisemitismus bzw. Antizionismus?

Wo kommt Hass gegen Juden her? Wie kann man ihn bekämpfen? Hier besteht Forschungsbedarf. Pauschale Antworten oder Schuldzuweisungen helfen nicht weiter. So kann beispielsweise das Erklärungsmodell, islamischer Antisemitismus sei ein Importprodukt der christlich-europäischen Kolonialmächte, einen solchen nicht rechtfertigen.[4] Es braucht auch nicht primär Deutungsmöglichkeiten von außen, sondern vor allem von innen, aus den eigenen Reihen. So wie die Deutschen mit ihrer Geschichte und den damit verbundenen Tragödien umgehen, so müssten aus allen Gruppen, in denen Formen von Antisemitismus zu beobachten sind, Menschen aufstehen, die sich dagegen stellen, die sich für Prävention und Aufklärung einsetzen.

So wichtig das „Nie wieder!“ für uns Deutsche ist, so wichtig ist das „Niemals!“ für alle anderen.

AE

[1] https://www.holocaustremembrance.com/node/196 und https://european-forum-on-antisemitism.org/definition-of-antisemitism/english-english.

[2] Johannes Due Entstad: Antisemitic Violence in Europe 2005–2015. Oslo, Center for Research on Extremism, 2017.

[3] Einen Artikel dazu finden Sie unter https://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft/kirche/2018/05/23/alan-posener-christlicher-antisemitismus-in-der-kirche/.

[4] So der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze, https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2016/02/antisemitismus-juden-europa-islam-christentum-vertreibung/seite-2.

In den letzten Wochen wurde es wieder laut um eine Bewegung, die sich BDS nennt: Boycott, Divestment and Sanctions. Zu Deutsch bedeutet dies so viel wie “Boykott und wirtschaftliche Abstrafung”. Die Bewegung umfasst seit 2005 eine Vielzahl an Organisationen und einzelnen Aktivisten, die Israel auf mehreren Ebenen isolieren möchten. Vor allem über die kulturelle Seite des Boykotts wird häufig in den Zeitungen geschrieben. Denn unter den Wissenschaftlern und Künstlern, die sich dem Protest gegen Israel angeschlossen haben, sind viele Prominente wie Judith Butler, Stephen Hawking und der ehemalige Pink-Floyd-Frontmann Roger Waters. Konzerte, die im Rahmen des Boykottes abgesagt wurden, werden bejubelt, Konzerte, die trotzdem stattfinden, aggressiv verpönt. Warum das alles? „Um einen Beitrag zu leisten im Kampf um die Beendigung der israelischen Besatzung, der Kolonisierung und des Apartheidsystems“, heißt es auf einer offiziellen Homepage der Bewegung, bds-kampagne.de. Angelehnt ist die Idee nach eigenem Statement an den Kampf der Südafrikaner gegen die Apartheid, also der Ungleichbehandlung von schwarzen und weißen Einwohnern, der offiziell bis 1993 anhielt. Dieses System der Diskriminierung von Menschen verschiedener Hautfarbe, Herkunft oder Rasse, maßgeblich geprägt von Unterdrückung und Gewalt, hatte nicht nur isolierte Wohngebiete zur Folge, sondern unterschied auch rechtlich zwischen Menschen schwarzer und weißer Hautfarbe. Der Gebrauch von solchen historisch belasteten Begriffen, wie den der Apartheid, um nun die israelische Politik in ähnlicher Weise anzuprangern und zu kritisieren, ist unter politischen Aktivisten keine Seltenheit: BDS Austria spricht sogar davon, dass Israel auf Land gegründet sei, das „von seinen palästinensischen BesitzerInnen ethnisch gesäubert wurde.“ Immer noch verstoße Israel gegen internationales Recht, indem es Palästinenser per Gesetz diskriminiere, koloniale Politik betreibe und seit Jahren UN-Resolutionen ignoriere. „Für Freiheit! Für Gerechtigkeit!“ Damit ruft die Kampagne alle Menschen auf, sich ihr anzuschließen und Israel unter Druck zu setzen. Die Aufhebung der vermeintlichen Unrechtsmaßnahmen, die von Israel ausgehen, soll auf diese Weise erzwungen werde.

Gazastreifen 2015

Mit diesen Slogans und Forderungen mag eine Stoßrichtung vorgegeben sein, aber die konkreten Ziele der BDS-Bewegung sind nicht transparent. Informiert man sich in online-Zeitungen, auf den offiziellen Homepages und in Broschüren von BDS, bleiben viele Fragen offen. Zum Beispiel, warum eine Zwei-Staaten-Lösung aus Sicht der Boykotteure abzulehnen wäre. Oder wie mit den Folgen für Israel umgegangen werden sollte, die das geforderte Rückkehrrecht für alle palästinensischen Flüchtlinge samt Nachfahren mit sich bringen würde. Außerdem wünscht man sich Stellungnahmen zum antiisraelischen Terrorismus, vor dem ja die Sperranlagen im Westjordanland schützen sollen. Aber solchen komplexen Themen will sich die Bewegung gar nicht stellen. Denn konkrete, visionäre Politik über ihren vereinfachenden Drei-Punkte-Katalog hinaus, ist nicht ihr Geschäft.

Genau hier liegt das entscheidende Problem der Bewegung: Natürlich muss man nicht mit jeder Entscheidung der israelischen Politiker und deren Gesetzgebung zufrieden sein. Natürlich darf man auch als Deutscher sachgerechte Kritik am Staat Israel üben. Aber in aggressiven, fordernden Aktionismus zu verfallen, ohne klare Abgrenzung zum Hass, ist eine gefährliche Weichenstellung. Wem so viel am Frieden in Nahost liegt, der sollte sich zunächst dem konstruktiven Dialog stellen. Der sollte auch weiter denken, als nur bis zum Erreichen der eigenen Interessen. Der sollte vor allem verhindern, dass Einladungen zum Israel-Boykott dem maskierten Antisemitismus in die Hände spielen- oder ihn hinaufbeschwören. AE

Weitere Infos:

Z.B. www.sueddeutsche.de/kultur/lorde-und-israel-israel-boykott-jetzt-auch-in-glamouroes-1.3811318

www.bds-kampagne.de

Zwei Ringer

Ende November fand in Polen die U23-Ringer-WM statt. Sowohl Israel als auch der Iran schafften es zunächst ins Halbfinale. Nicht allein die sportliche Leistung ist einer Meldung wert, sondern die damit verbundenen Umstände: So schied der iranische Ringer Ali-Resa Karimi in dieser Runde aus, indem er absichtlich verlor. Die Anweisung dazu kam von seinem Trainer. Der Iran fordert seit Jahren die Umsetzung seiner Anti-Israel-Politik auch im Sport, genau in dem Bereich, wo Fairness und Teamgeist gefragt sind. Karimi ist wütend, musste er doch schon zum zweiten Mal aus der mit Nachdruck geforderten Solidarität mit Palästina auf die Chance zur Goldmedaille verzichten.

Diese Form der Diskriminierung von israelischen Sportlern aufgrund politischer Differenzen ist kein Einzelfall. Erst im Oktober beim Grand Slam der Judoka in Abu Dhabi wurde den Israeli schon im Vorfeld ausdrücklich verboten, Landessymbole auf den Anzügen zu tragen und ihre Hymne zu singen – was beides sonst ganz selbstverständlich dazugehört. Zudem durften sie nur als neutrale Sportler des Judo-Weltverbands antreten. Dennoch flog die Mannschaft in die Vereinigten Arabischen Emirate, und dennoch – oder gerade deswegen – gewannen die israelischen Judoka vier Goldmedaillen. Nach einer Protestwelle auf der Facebook-Seite des Israelischen Judoverbandes kam es immerhin zur Entschuldigung vonseiten arabischer Repräsentanten.

Es ließen sich viele weitere Beispiele jüngster Zeit aufzählen, so die Asiatischen Meisterschaften der Sportschützen in Kuwait 2015, als einem israelischen Funktionär die Einreise verweigert wurde. Oder Olympia 2016 in Rio, als Teilnehmer aus dem Libanon nicht mit Israelis in einem Bus fahren wollten und eine saudi-arabische Judoka den Wettkampf – angeblich mit plötzlichen Verletzungen – abbrach, weil sie in der nächsten Runde auf eine israelische Gegnerin hätte stoßen können. Aber auch schon 1970 gab es ähnliche Boykotte: Bei der Studenten-Olympiade in Turin erteilte man der israelischen Basketball-Mannschaft kampflos den Sieg, weil die Algerier nicht gegen sie antraten.

Die Liste der (muslimischen) Länder, die Israel als Staat nicht anerkennen, ist lang. Dass politischen Feindschaften im Sport auf schockierende Art Ausdruck verliehen wird, ist traurig. Mindestens genauso traurig ist allerdings, dass darüber kaum berichtet wird und der Aufschrei viel zu leise ist.

AE

 

Am 9. November kann man sich viele geschichtsträchtige Ereignisse in Erinnerung rufen, beispielsweise die Novemberpogrome von 1938, als in der sogenannten „Reichskristallnacht“ systematische und brutale Ausschreitungen gegen Juden stattfanden, oder den Jahrestag des Mauerfalls 1989. Ein anderes Geschehen mit weitreichenden Auswirkungen ereignete sich vor genau 100 Jahren: Die Balfour-Deklaration wurde von der Presse der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es handelt sich bei der Erklärung um einen neunzeiligen Brief des damaligen britischen Außenministers Arthur James Balfour an den Zionisten Lionel Walter Rothschild.

Der Brief umfasst im Original nur neun Zeilen.

Nach Balfour wurden in den folgenden Jahren zahlreiche jüdische Kinder benannt, Straßennamen halten bis heute die Erinnerung an ihn wach. Das Jüdische Lexikon, Auflage 1930, erklärt den Staatsmann und Philosophen zum „wahren Freund des jüdischen Volkes“. Eine ganz andere Auffassung zeigte sich in der letzten Woche, als Menschen aus London, Palästina oder Israel zu Kundgebungen zusammenkamen oder Kunstaktionen eröffneten, um ihrer Kritik an der Deklaration und deren Folgen Raum zu verschaffen. Zeitungen berichteten indes über die Balfour-Erklärung als Same des Nahostkonflikts. Wie können so wenige Zeilen eines kurzen Briefes weltweit dermaßen kontroverse Reaktionen hervorrufen?

 Um die Divergenz einordnen zu können, muss man zunächst wissen, worum es geht: Mitten im Ersten Weltkrieg setzt Balfour ein Schreiben auf, in dem er zum einen den Anspruch der Juden, genauer der Zionisten, auf eine nationale Heimstätte („national home“) anerkennt. Zum anderen macht er deutlich, dass dadurch die Rechte der in Palästina lebenden Menschen bewahrt bleiben und der politische und rechtliche Status der Juden in den verschiedenen Ländern der Welt nicht belangt werden darf. Als der Brief eine Woche später veröffentlicht wurde, war die Resonanz in der jüdischen Gemeinschaft gewaltig: Die Zionisten[1] sahen ihre Forderungen nach einem Zweinationalitätenstaat in Palästina unter Gleichberechtigung beider Völker, Araber und Juden, endlich ernst genommen. Vor allem in den USA, aber auch unter der französischen und italienischen Regierung fanden sie Unterstützer und Fürsprecher. Jedoch vor allem das Reformjudentum, wo das Judentum ausschließlich als Religionsgemeinschaft verstanden wird, lehnt den Zionismus ab – damit also die Idee der nationalen Heimstätte.

Der Davidstern ist als Emblem auf der Nationalflagge Israels zu sehen.

Was Balfour als Sympathiebekundung formulierte, ohne jegliche rechtliche Verbindlichkeit oder Zusagen, ohne klare Aussage darüber, was eigentlich in dem Zusammenhang mit „a national home“ gemeint ist und welche zionistischen Bestrebungen er überhaupt anspricht, wurde wenige Jahre später konkret eingeleitet: 1920 übertrug der Völkerbund das Mandat über Palästina an Großbritannien. Damit sollte die Mitwirkung an der Umsetzung dessen, was man in der Balfour-Erklärung versprochen sah, geregelt werden. Zusammengefasst lässt sich für die nächsten Jahre festhalten: Die vermehrte, aber zahlenmäßig eher geringe Einwanderung durch Juden setzte ein, die Araber übten den Aufstand. Bis heute bleibt der Konflikt ungelöst, dessen Analysen Bibliotheken füllen.

Heute befassen sich Historiker vermehrt mit der Motivation der Briten: Machtdrang und politisches Kalkül[2] in der vom Krieg geprägten Zeit geben Anlass, die Balfour-Deklaration nicht vorrangig als Anstoß für die israelische Staatsgründung 1948 zu sehen, sondern als „Trick, der zur Katastrophe führte“.[3] Auch die Frage, wie die damaligen Medien die Rezeption der Erklärung geprägt haben, ist heute ein weites Forschungsfeld.[4] Ein großes Echo auf den 100jährigen Brief. Was davon zum Frieden beitragen kann, bleibt offen.

AE

 
  • [1] Der Zionismus kann als Reformbewegung innerhalb des Judentums im 19. Jahrhundert verstanden werden. Theodor Herzl als führende Persönlichkeit formulierte als wichtigste Ziele des Zionismus sowohl die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina als auch Hinwendung zu den spirituellen Wurzeln.
  • [2] Dazu mehr unter http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/29312
  • [3] https://www.welt.de/geschichte/article170244665/Das-doppelte-Spiel-der-Briten-im-Nahen-Osten.html
  • [4] Siehe dazu Brockhaus, Monika, “Ein Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung”: die Balfour-Deklaration in der veröffentlichten Meinung, Frankfurt a. Main 2011

„Es ist besser, ein eroberter Deutscher als ein befreiter Jude zu sein!“ – das Schicksal jüdischer DPs im direkten Anschluss an den Zweiten Weltkrieg

Um diese Artikelüberschrift verstehen zu können, wollen wir zunächst leitende Begriffe und ihre Geschichte abklären. Die Abkürzung „DP“ steht für „Displaced Person“ (engl.: eine „Person, die nicht an diesem Ort beheimatet ist) und war zu Ende des Zweiten Weltkrieges der Oberbegriff für alle ihrer Heimat entwurzelten Menschen, zu denen zuweilen auch Deutsche, wie beispielsweise die deutschen Juden, die nun nicht mehr in das zurückkehren konnten, was einst ihr zu Hause war. Meist aber handelte es sich um Osteuropäer und besonders um osteuropäische Juden, die im Gegensatz zu den eher säkularisierten deutschen Juden religiös waren und sich kurz nach dem Krieg zahlreich in US-DP-Lagern einfanden. Diese hatten den Holocaust überlebt und nannten sich selbst  „Sche´erit Haplejta“, d.h. „Rest der Geretteten“, eine Bezeichnung, die besonders aus dem Buch Esra entnommen wurde (Esr 9,14; 2Kö 19,30f). Sie verwendeten für sich als Symbol das Bild von der Wurzel eines abgehackten Baumes, aus der (zunehmend mehr) neue Triebe sprießen. Doch die Sache mit dem ‚Sprießen‘ ließ noch lange auf sich warten. Sie mussten nämlich noch etliche weitere Jahre in den DP-Lagern verweilen, weshalb man diese Lager, die zu Anfang meist die befreiten Konzentrationslager waren, den ‚Wartesaal der Unglücklichen‘ nannte.

Die Geschichte der jüdischen DPs ist weitgehend unbekannt, denn meistens enden die historischen Darstellungen mit der Befreiung und dem Ende des Holocaust. Dass die Leidensgeschichte der befreiten Juden noch lange nicht zu Ende war und dass sie im Elend meistens sich selbst überlassen blieben, und zu ihren furchtbaren Erinnerungen nun auch noch weitere Schikanen und Einschränkungen einstecken und erleiden mussten, ist in der historischen Erinnerung untergegangen. Es gibt auch nicht viel Literatur darüber, und die Suche nach Material zu diesem Thema ist äußerst schwierig.

Für die alliierten Befreier war der Anblick der Befreiten solch ein Schock, dass sie oft nicht wussten, wie sie reagieren sollten, besonders auch deshalb, weil die meisten von ihnen vorher nicht gewusst hatten oder auch nur erahnen konnten, was da in den Konzentrationslagern auf sie zukommen würde: Leichenberge und Menschen, die bis zur Unkenntlichkeit abgemagert waren und daher wie wandelnde Leichen wirkten, weil sie lethargisch waren und regungslos einfach so dalagen oder sich wie in Zeitlupe bewegten. Den Befreiern war ihre Reaktion ins Gesicht geschrieben (wie Filmaufnahmen aus der Zeit verdeutlichen), und das entfremdete sie von den Befreiten, die nach der anfänglichen Euphorie oft erst jetzt erkannten, wie entstellt ihr Aussehen geworden war, und sie sich dementsprechend mit Scham und Verzweiflung zurückzogen. Viele Befreite starben noch nach der Befreiung (schätzungsweise jeder 6.), was zum Teil auch an ihrer psychischen Entkräftung lag. Denn nach der anfänglichen Euphorie der Befreiung kamen auch wieder die Gedanken an die Familienangehörigen auf, von denen man wusste oder ahnte, dass sie tot waren.

Ein weiterer tragischer Fehler der Besatzer war es, alle DPs gleich zu behandeln und sie zusammenzutun, egal, um welche der drei wichtigsten DP-Gruppen es sich handelte: NS-Kollaborateure, Zwangsarbeiter oder eben jüdische DPs. Denn man trennte DPs damals eher nach Nationalität als nach Volkszugehörigkeit oder Religion, und so wurden Juden mit ihnen in dieselbe Einrichtung gesteckt, in eigens dafür errichtete DP-Camps, die zu Anfang ehemalige Konzentrationslager, später aber eher Kasernen, Sanatorien usw. waren. Das bedeutete, dass der Zimmer- oder Bettnachbar Antisemit, Nazi-Sympathisant oder sogar KZ-Aufseher oder Mörder sein konnte, denn auch diese Gruppen konnten nicht in ihre Heimatländer zurück, weil sie politische Repressalien zu fürchten hatten. Diese Verhältnisse hielten vergangene Assoziationen stets wach, und gleichzeitig hatten die jüdischen DPs niemanden, der ihnen speziell als Juden half, und nichts, wohin sie gehen konnten. So war die Realität des Befreitseins eine äußerst ambivalente Sache, von der die KZ-Häftlinge zuvor in den schönsten Farben geträumt hatten, sich nun aber als eine kalte, unfreundliche, trostlose fremde Welt entpuppte.

Erst Monate nach der Befreiung kamen die ersten Juden aus der freien Welt, um ihnen zu helfen, darunter meist Soldaten und Feldrabbiner der alliierten Armeen. Diese Leute wurden entscheidend als eine Art Brücke zur restlichen freien Welt, und sie leisteten wertvolle ‚Aufbauarbeit‘ unter den befreiten Juden, praktisch und moralisch. Besonders der Gedanke des jungen Militärrabbiners Abraham J. Klausner, Listen von Überlebenden zu erstellen, um die zerstreuten Reste der Familien wieder zusammenzubringen, wurde eines der wichtigsten Schritte, den Überlebenden neue Hoffnung und Kraft zu geben. Dazu wurde er, wie viele Militärrabbiner, zu einer geistlichen Stütze für die jüdische Gemeinschaft. Zu deren traurigen Pflichten gehörte anfangs beinahe ausschließlich, die Bestattung der vielen Toten in Massengräbern zu begleiten. Rabbiner Klausners Identifizierung mit den jüdischen Opfern des Holocaust sticht aber besonders hervor, weil er sich mit ganzer Kraft gegen weitere Diskriminierungen und für ihr mittlerweile ‚politisch-zionistisches‘ Anliegen, nach Israel auszuwandern, einsetzte. Dazu waren ihm auch unorthodoxe Methoden recht, mit denen er die steife Bürokratie umging, um die Anliegen schneller voranzutreiben, ein Verfahren, das ihm natürlich auch Ärger einbrachte.

Eine weitere besondere Gruppe von Helfern kam mit der sogenannten „Jewish Brigade“, einer Abteilung der 8. Britischen Armee, die schon bei ihrer Ankunft mit ihrem Davidsstern als Erkennungszeichen große Begeisterung auslöste. Auch sie umgingen so manche Vorschriften, indem sie z.B. länger bei den Überlebenden blieben, um ihnen als Glaubensbrüder Mut zuzusprechen und ihnen ihre zionistische Hoffnung als Lebens- und Durchhaltekraft zu stärken. Trotz ihrer geringen Zahl hatten sie einen enormen Einfluss, und sie leiteten die zweite Phase der Holocaust-Überlebenden in der Nachkriegszeit ein – die Auswanderung der vielen des „Sche´erit Haplejta“ nach Erez-Israel.

Warschauer Ghetto

In den amerikanischen DP-Lagern erkannte man die Juden zunehmend als eigene Gruppe an und gab ihnen dementsprechenden Status mit Privilegien und besonderer Zuteilung an kalorienreicher Nahrung; in der britischen und französischen Zone geschah dies allerdings nicht. Insgesamt war die Lage weiterhin sehr angespannt und keineswegs als besonders gut zu nennen, was auch daran lag, dass die Besatzungstruppen, denen das Wohl der jüdischen DPs anvertraut worden war, weder darauf vorbereitet, noch dafür geschult waren, mit dieser besonderen Gruppe der Befreiten menschengerecht umzugehen. Sie verstanden ihre Sprache nicht, erkannten ihre internen Strukturen nicht und wurden zudem oft durch schnellen Personalwechsel daran gehindert, sie besser verstehen zu lernen. Jüdische Gruppen hatten teilweise noch aus ihrer Zeit in den Ghettos ein eigenes internes Organisationssystem entwickelt, das bestimmte Angelegenheiten untereinander regelte. Die Soldaten aber ließen mittlerweile ihre eigene militärische Disziplin dort walten und lehnten diese Strukturen als störend ab.

Ein weiterer Grund der Kluft zwischen Befreiern und Befreiten lag in der psychischen Verfassung der ehemaligen Häftlinge, die ihre Verfolgung sowie die Grausamkeiten der KZ-Haft verursacht hat. Ihnen waren beispielsweise die alltäglichen Dinge, wie Hygiene, Pietät, zivilisiertes Verhalten und Disziplin abhandengekommen, und den Soldaten fiel es schwer, Erscheinungen, wie Drängeleien und Raufereien um Essen, auffallende Teilnahmslosigkeit, Verweigerung von Hygiene, Nacktheit, trotz zureichender Kleidungszuwendung, und das Stehen auf Aschebergen von Toten zu verstehen, besonders dann, wenn eine leichte antisemitische Tendenz bei den Befreiern schon vorher vorhanden gewesen war. Da waren – besonders den Amerikanern – die Deutschen und Balten mit ihrer Gepflegtheit und Zivilisiertheit wesentlich sympathischer.

Wer sich besonders unrühmlich als Antisemit entpuppte, war der aus den amerikanischen Südstaaten stammende berühmte Panzergeneral George S. Patton, dem etliche DP-Lager unterstanden und der die ihm unterstehenden Lager mit Stacheldrahtzäunen verschließen und von Bewaffneten bewachen ließ. Er meinte, sie würden sich sonst, wie Heuschrecken ausbreiten, denn sie seien im Grunde Untermenschen, keine menschlichen Wesen mehr, besonders die Juden, die noch niedriger als Tiere stünden. Eisenhower war entsetzt, als er die DP-Lager Pattons besuchte, und gab Order, Pattons Einrichtungen rückgängig zu machen. Patton wurde daraufhin nach Bad Nauheim versetzt.

In der Britischen Zone war die Situation der jüdischen DPs deswegen schlecht, weil deren offensichtliche zionistische Gesinnung Großbritanniens Palästinamandat gefährdete, und man dementsprechend keine Anstalten treffen wollte, einen Zuwachs der jüdischen Bevölkerung in Palästina und damit vorprogrammierte Schwierigkeiten mit den Arabern zu riskieren. Daher wanderten – soweit ihnen das überhaupt möglich war – viele jüdische DPs nach Süden in die Amerikanische Besatzungszone. Denn es gab dort auch besonders gut geführte DP-Camps, besonders unter dem General der 7. US-Armee, Alexander Patch, der sich durch besonders humanen Umgang und die Gewährung eines freien Zu- und Ausgangs für DPs auszeichnete.

Eine Erleichterung der Situation kam durch die Einbeziehung der UNRRA, einer Hilfsmaßnahme durch die Vereinten Nationen. Diese „United Nations Relief and Rehabilitation Administration“ war 1943 von 44 Ländern gegründet und eingesetzt worden. Die Armee gab dieser zivilen Einrichtung nur langsam und zögernd die Möglichkeit, in den DP-Lagern zu helfen, und sie hatten oftmals nicht genügend Mitarbeiter für die Betreuung der großen Anzahl an DPs. Aber ihre Sozialarbeiter kamen meist aus den ehemaligen besetzten Ländern wie Frankreich, Norwegen und Polen, weswegen sie die Probleme der ehemaligen KZ-Häftlinge und DPs oft viel besser verstanden, weil sie die Besatzungszeit selbst miterlebt hatten. Sie halfen durch die Einrichtung von Programmen, die sich um Fragen der Gesundheit, Erholung, Freizeit, Selbsthilfe und Berufsausbildung drehten und erarbeiteten Suchdienste zum Auffinden von Familienangehörigen und an Möglichkeiten der Repatriierungen.

Harry S. Truman (1884-1972)

Ein weiterer entscheidender Anstoß zur Verbesserung der Lage in den DP-Camps kam durch den Harrison-Bericht, der die bisherigen Zustände nach sorgfältigen Beobachtungen in Form eines Zustandsbeschreibung darlegte. Veranlasst wurde er durch viele vorangegangene kleinere Berichte, die Beschwerden über rasch errichtete überfüllte Lager, jüdische DPs, die Übergriffe durch antisemitische, nichtjüdische DPs erdulden mussten, und mangelhafte Nahrung und Kleidung enthielten. Den sich nun verbreitenden Gerüchten und darauf aufbauenden Zeitungsartikeln wurde von Mitarbeitern des US-Präsident Harry S. Truman nachgegangen, der dazu Earl G. Harrison, den amerikanischen Vertreter des „Intergovernmental Committee on Refugees“ mit einem Team nach Europa sandte, um sich vor Ort umzusehen und danach Bericht zu erstatten. Nach der Besichtigung von etwa 30 DP-Lagern wurde ein Bericht vorgelegt, der die Verhaltensweisen und Maßnahmen der Vertreter der US-Armee in den DP-Lagern heftig kritisierte.

In ihm wurde erwähnt, dass besonders viele jüdische DPs unter den Zuständen zu leiden hatten:

Diese waren zumeist noch in den berüchtigten ehemaligen Konzentrationslagern eingepfercht, ohne Kontakt zur Außenwelt, weiterhin eingesperrt, als Befreite gefangen. Sie trugen als Kleidung noch oft nur ihre hässliche KZ-Lager-Kleidung oder aus der Not heraus sogar die SS-Uniformen der Aufseher, lebten unter den unhygienischsten Bedingungen, die man sich nur vorstellen kann, und hofften sehnsüchtig nach nur einem Wort der Ermutigung und Hilfe. Sie besaßen keine Zukunftsperspektive, und niemand außer wenigen sich aufopfernden Einzelpersonen dachte daran, das, was ihnen am meisten am Herzen lag, zu organisieren, nämlich das Schicksal ihrer Lieben, ihrer Eltern, Partner, Geschwister oder Kinder zu erfahren. Und selbst dann, wenn sie etwas erfuhren, lag es an dem jeweiligen Lagerkommandanten, ob sie ihre ausgemachten Verwandten besuchen durften oder nicht.

Harrisons Anklage richtete sich besonders gegen Vertreter der amerikanischen Armee, was seine Wirkung nicht verfehlte, besonders auch durch markante Statement auf den Punkt gebracht:

„Wir scheinen die Juden wie die Nazis zu behandeln, mit der Ausnahme, dass wir sie nicht vernichten. Sie sind in großer Zahl in Konzentrationslagern untergebracht, und werden anstelle der SS-Truppen von unseren Militärs bewacht. Man muss sich die Frage stellen, ob die Deutschen, wenn sie dies beobachten, nicht vermuten, dass wir die NS-Politik fortsetzen oder sie jedenfalls gutheißen.“

Dieser Befund versetzte Washington mental einen Schlag in die Magengrube und trieb dazu an, schnellst mögliche Anstrengungen zu unternehmen, um diese Missstände zu beseitigen. Ein besonders wichtiger Aspekt wurde als eine Maßnahme die Anerkennung jüdischer Überlebender mit dem Status als Juden. Denn Juden waren ja nicht als Angehörige einer bestimmten Nationalität angehen worden, sondern sie waren als Juden gequält und umgebracht worden, und sie waren nun als eine Gruppe mit besonderen Nöten wahrzunehmen. Und angesichts ihres Sonderstatus wurde nun dringend empfohlen, Juden in speziell für sie errichtete Camps unterzubringen. General Dwight D. Eisenhower setze diese Errichtung rein jüdischer Camps mit hohen Standards schnellstmöglich um, zum Teil unter Beschlagnahmung geeigneter Räumlichkeiten. Des weiteren wurde ihnen nun mehr Nahrung zugeteilt (2500 Kalorien täglich), Suchdienste für Verwandte wurden geschaffen und eine Stelle des „Advisors on Jewish Affairs“ wurde eingerichtet, um ihnen bei spezifisch jüdischen Fragen mit Rat und Tat beiseite zu stehen. Die spezifischen Fragen wurden aber nicht von vornherein festgelegt, sondern nach Bedarf formuliert.

Der Harrison-Bericht sorgte für grundlegende Verbesserungen der Zustände für jüdische DPs im amerikanischen und britischen Sektor, denn das besondere Schicksal dieser verfolgten Gruppe war nun nicht mehr nur ein ‚Randproblem‘, sondern es rückte in den Mittelpunkt des Interesses, besonders bei amerikanischen Militärs und bei Präsident Truman. Truman lag es nun besonders am Herzen, am guten Umgang mit den jüdischen Überlebenden des Holocaust zu demonstrieren, wie weit die USA sich von der Nazi-Politik distanzierte.

Eine besondere Forderung, die sich aus dem Umdenken bezüglich der jüdischen DPs ergab, und die auch insbesondere von Harrison mitgetragen wurde, war der Wunsch der vielen jüdischen DPs, nach Palästina, ihrem Erez-Israel, auswandern zu dürfen. Denn sie hatten in ihren Ursprungsländern keine Heimat mehr, lebende Verwandte gab es dort vielfach sowieso nicht mehr, und Versuche, beispielsweise nach Polen zurückzukehren, wurden ihnen durch erneute Nachkriegs-Pogrome mit etlichen Todesopfern vergällt. Und so fing die neue Phase der legalen und illegalen Auswanderung nach Palästina an, die die Zeit bis zur Gründung des Staates Israel prägen sollte.

Andere wanderten in die USA aus und einige wenige bleiben in Europa. Die DP-Lager lösten sich mit der Zeit auf, aber einige bestanden noch bis Ende der 1950er Jahre. Am 28. Februar 1957 verließen die letzten jüdischen DPs das Lager Föhrenwald, knapp 12 Jahre nach seiner Errichtung. Damit schloss dieses letzte Kapitel der nationalsozialistischen Verfolgungsgeschichte.

Doch wer einmal bedenkt, was es heißt, noch Monate lang, ja, mitunter noch jahrelang als Befreite in nicht selten geschlossenen Lagern eingepfercht leben zu müssen, bis endlich Besserungen und menschenwürdige Betreuung organisiert wurde, kann vielleicht ansatzweise ermessen, welche traumatisierten Menschen, v.a. auch unter den jüdischen DPs, damals in den Lagern lebten, oftmals nur am Leben gehalten durch einen stillen Traum, im eigenen Land (Eretz Israel- das es ja nach dem Krieg noch einige Jahre gar nicht als Staat gab) als freie Menschen frei leben zu dürfen.

Dieser Teil der Nachkriegsgeschichte und die Besiedlung des Staates Israel durch Holocaustüberlebende und einwandernde Juden aus vielen Nationen darf nicht in Vergessenheit geraten. Sie muss viel mehr – auch in Deutschland – öfter auch öffentlich – erzählt und verbreitet werden.

(cl)

Literatur: Angelika Königseder, Juliane Wetzel, Lebensmut im Wartesaal: Die jüdischen DPs (Displaced Persons) im Nachkriegsdeutschland, S. FISCHER Verlag, Frankfurt; Auflage: 1 (1. März 2005)
DVD: The Long Way Home, in: Simon Wiesenthal Collection

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu veröffentlichte am 15. Juli 2016 über die Videoplattform youtube.com eine zweiminütige englischsprachige Botschaft an den palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas. Darin spricht er sich für eine friedliche Koexistenz von Israelis und Palästinensern aus und fordert fünf Friedensmaßnahmen von Abbas.

Der erste Satz im Video formuliert sogleich die erste, wenn auch höfliche, Schuldzuweisung an den palästinensischen Politiker. Abbas habe sich in den letzten Jahren immer geweigert, sich mit Netanjahu zu treffen und über den Frieden zu reden – deshalb sei nun diese Videobotschaft nötig.

Dann fährt Netanjahu ohne Umschweife mit seinen fünf Forderungen fort. Sein erster Aufruf gilt der Entlassung von Abbas’ Berater Sultan Abu Al-Einein. Dieser hatte kürzlich in einer öffentlichen Stellungnahme dazu aufgerufen, alle Israelis zu töten – Netanjahu stellt eine direkte Verbindung zu der drei Tage später begangenen Mordtat eines palästinensischen Terroristen an dem israelischen Mädchen Hallel Yaffa Ariel her. „Sie war ein kleines unschuldiges Mädchen. Sie hat das nicht verdient“, sagt Netanjahu mit ernster, ruhiger Stimme. Er fordert Abbas unmissverständlich auf, seinen Berater zu entlassen, denn „zum Genozid zu raten, verträgt sich nicht mit Frieden.“

Mahmud Abbas, Empfänger der Videobotschaft

Mahmud Abbas, Empfänger der Videobotschaft

Die zweite Forderung betrifft die Verehrung von Terroristen durch offizielle Parteimedien der PLO. Netanjahu bittet Abbas, dies zu unterbinden: „Leicht beeinflussbare Kinder lesen diese Beiträge. Statt Hass sollte ihnen Harmonie beigebracht werden. Solche Worte verletzen ernsthaft die Chancen auf Frieden.“

Netanjahus dritter Aufruf an Abbas richtet sich gegen die geplante Errichtung einer Ehrenstatue für den Terroristen Abu Sukar, den die Palästinensische Autonomiebehörde als Nationalhelden verehrt. Netanjahu rät Abbas, lieber eine Statue für einen Verfechter der Koexistenz von Israelis und Palästinensern aufzustellen: „Das wird künftigen Generationen helfen, Frieden mehr als Krieg zu lieben, Mitgefühl mehr als Hass.“ Dabei argumentiert Netanjahu durchaus auch auf realpolitischer Ebene: „Es wird außerdem dabei helfen, Israelis zu überzeugen, dass sie einen wirklichen Partner für den Frieden haben.“ Nur indirekt, aber dennoch deutlich genug, wird damit hervorgehoben: Im Moment kann Israel diese Gewissheit nicht haben.

Die vierte Forderung betrifft die Geldzahlungen der PLO an Terroristen. Momentan zahlt Abbas’ Partei monatlich eine Art „Gehalt“ an jeden Palästinenser, der Juden getötet hat. Netanjahu ruft dazu auf, das zu unterlassen: „Benutzen Sie das Geld stattdessen dazu, Koexistenz-Erziehung zu finanzieren! Lehren Sie Toleranz, nicht Terror!“

Netanjahus fünfter und letzter Punkt ist kurz und bündig: „Fünftens: Jedes israelische und palästinensische Kind verdient ein Leben voll Hoffnung, Ruhe und Chancen. Ich werde damit fortfahren, unermüdlich für Frieden zu arbeiten. Es ist Zeit, dass Sie dieser Bestrebung beitreten.“ Damit endet die Videobotschaft unvermittelt. Kein Grußwort, kein Lächeln: Netanjahu ist es ernst.

Die Chancen, dass Abbas den Forderungen des israelischen Ministerpräsidenten nachkommen könnte, sind sicherlich gering. Weit wahrscheinlicher ist, dass Netanjahus Videobotschaft einen anderen Effekt erzielt: die Welt auf die palästinensische Terrorfinanzierung und den unerbittlichen Judenhass selbst offizieller PA-Organe aufmerksam zu machen.

Wird es jemals Frieden in Jerusalem geben?

Wird es jemals Frieden in Jerusalem geben?

Die Videobotschaft „Fünf Schritte zum Frieden“ ist ein klares Statement Netanjahus, der sich selbst als Verfechter des Friedens ansieht, Abbas dagegen als bisher zu echtem Frieden nicht bereit betrachtet. Er fordert auf, Toleranz und Koexistenz zu verwirklichen, Harmonie statt Hass zu fördern und die Beseitigung von Elementen, die dem Frieden zwischen Israel und den Palästinensern im Wege stehen, anzustreben. Zugleich macht er deutlich, dass er die Schuld für den andauernden Hass primär auf Seiten der Palästinenser sieht. Seiner Ansicht nach wäre Israel für den sofortigen Frieden bereit.

Die Videobotschaft kann unter https://www.youtube.com/watch?v=7MtEsV9LCFo (englischsprachig) eingesehen werden. Die obigen deutschen Übersetzungen stammen vom Autor.

sg

Bilder

Titelbild: Benjamin Netanjahu – public domain. Link zur Quelle mit weiteren Copyright-Angaben: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Benjamin_Netanyahu_portrait.jpg

Mahmud Abbas – public domain. Link zur Quelle mit weiteren Copyright-Angaben: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mahmoud_Abbas.jpg

Pray for Peace – public domain.

 
Johannes Gerloff bei der Buchvorstellung von "Die Palästinenser"

Johannes Gerloff bei der Buchvorstellung von “Die Palästinenser”

Heute möchte ich ein Buch vorstellen, das zwar schon seit einiger Zeit auf dem Markt ist, seitdem aber nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat: „Die Palästinenser“ von Johannes Gerloff.

Das Buch ist 2011 im Verlag SCM Hänssler erschienen. Sein Ziel ist, wie Gerloff im Vorwort schreibt, „Denkanstöße zu vermitteln, die dabei helfen mögen, die Situation im Nahen Osten besser zu verstehen“ (Seite 13). Der Weg zu diesem Ziel ist in diesem Buch nicht nur in der Weitergabe von Sachinformationen zu finden, sondern auch in persönlichen Erfahrungen und Berichten aus Gerloffs Arbeit in Israel und den umliegenden Ländern.

Der Autor

 Johannes Gerloff (geb. 1963) ist ein christlicher Journalist und Theologe, der seit Jahrzehnten in Israel lebt und arbeitet. Als Auslandskorrespondent des christlichen Medienverbundes KEP hat er die Nachrichtenagentur Israelnetz gegründet und aufgebaut – heute ist Israelnetz ein international renommiertes Portal für News aus Israel und dem Nahen Osten. Gerloff ist Mitglied einer messianisch-jüdischen Gemeinde in Jerusalem, er ist verheiratet und hat fünf Kinder. Als Insider der israelischen Gesellschaft hat er einen sehr persönlichen Zugang zum Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern.

Der Inhalt

Das Buch „Die Palästinenser“ handelt von einer Menschengruppe, die mit dem modernen Israel so eng verbunden ist wie kaum eine andere. Wer auch immer sich für Israel interessiert – egal, welche politische oder religiöse Meinung er vertritt –, der muss sich auch für das Phänomen „Palästinenser“ interessieren.

Gerloff stellt und beantwortet in seinem Buch spannende und spannungsvolle Fragen: Wer sind eigentlich „die“ Palästinenser? Woher stammt der Name und was sagt er aus? Welche Rolle spielte Jasser Arafat, der „Vater des palästinensischen Volkes“, beim Prozess der Volkswerdung? Woher kommen die Palästinenser? Was kann man über ihre Mentalität sagen, ihre politischen Einstellungen, ihr Verhältnis zur Hamas und zur Fatah, über die angeblichen „Massaker“ israelischer Truppen in Sabra und Schatila, über palästinensische Selbstmordattentäter, Waffenhändler und Terroristen? Wie sieht der Alltag im Gazastreifen aus, wie kam es zur Al-Aqsa-Intifada und welche Rolle spielen palästinensische Christen im Konflikt zwischen Muslimen und Juden?

Johannes Gerloff klärt diese und andere Fragen sehr gelungen; fair, kompetent, oftmals wertend, aber immer gut begründet. Bei einem Thema, das politisch und religiös so aufgeladen ist wie die „Palästinenserfrage“, ist es unmöglich, nicht wertend zu sein. Gerloffs Blick auf die Palästinenser ist der eines bewussten Christen, eines westlichen Journalisten und eines bekennenden Israelfreundes. Dennoch bleibt Gerloff den Palästinensern gegenüber freundlich gesonnen (bei weitem keine Selbstverständlichkeit!) und versucht, den Sachverhalten objektiv, möglichst vorurteilsfrei, detailliert und sachlich argumentierend auf den Grund zu gehen. Das Ergebnis ist ein spannendes, manchmal herausforderndes, aber stets unterhaltsames und informatives Buch.

Die enge persönliche Beziehung zwischen Gerloff und seinem Thema prägt auch die Herangehensweise des Buches. Die Kapitel beginnen – in typisch journalistischer Manier – mit Anekdoten und Berichten Gerloffs. Immer wieder sind persönliche Sichtweisen und passende Geschichten aus dem Alltag in die Sachberichte eingestreut. Das macht das Buch praxisnah und lebendig. Gleichzeitig ist „Die Palästinenser“ auch ein ausgewiesenes Sachbuch, das bewusst sachlich bleiben möchte: Gerloff zeichnet sich durch einen umfangreichen Sachverstand aus und schenkt auch den kleinen und oftmals so wichtigen Details seines Themas die nötige Aufmerksamkeit. Was das Wissen um die Situation im Nahen Osten und die Insider-Kenntnisse über palästinensisches Alltagsleben angeht, ist Gerloff sicherlich einer der kenntnisreichsten Experten, die es momentan im deutschsprachigen Raum gibt.

Sein Buch ist weitgehend wissenschaftlich aufgebaut, alle Informationen sind gründlich recherchiert, die Schlussfolgerungen gut fundiert. Um seine Quellen aufzuzeigen, verwendet der Autor 279 Fußnoten. Dennoch wirkt das Buch nicht wie eine theoretische Abhandlung oder ein Lehrbuch: Die Anekdoten und Geschichten, die frische, lebendige Sprache, die narrative Herangehensweise und nicht zuletzt die 73 Abbildungen lassen es eher wie einen spannenden Roman oder eine Biografie erscheinen. Gerloff gelingt mühelos der Spagat zwischen Unterhaltsamkeit und Sachlichkeit. „Die Palästinenser“ nimmt den Leser mit hinein in die reale Welt des Nahen Ostens und zeigt das Leben dort, wie es (natürlich in ausgewählten Ausschnitten) wirklich ist – ohne Schönfärberei, ohne Nostalgie, aber auch ohne Schwarzmalerei und Pessimismus. Eine Welt, die geprägt ist von Hamas-Propaganda, Judenhass und Fanatismus, geprägt aber auch vom brennenden Wunsch nach Frieden und Freiheit – Gerloff zeichnet ein so umfassendes Bild der Palästinenser, wie es vor ihm noch niemand im deutschen Sprachraum getan hat, durchaus vergleichbar mit Peter Scholl-Latour.

Am Schluss seines Buches geht Gerloff ausführlich auf den biblischen Befund ein: „Was sagt die Bibel zur Palästinenserfrage?“ Detailliert und tiefgründig beschreibt er den wechselvollen Weg der biblischen Israeliten mit den Nachbarvölkern und den in Israel lebenden Fremden, die „negativen“ wie die „positiven“ Seiten. Dabei betont er stets,

„dass die Bibel ganz offensichtlich keine wie auch immer geartete ‚Blut-und-Boden-Theologie‘ vertritt. Rassismus lässt sich von der Heiligen Schrift her nicht begründen.“ (Seite 366)

Gerloff kommt zu dem Schluss, dass die Bibel in Bezug auf das Land Israel sehr eindeutig sei: Gott habe dem Volk Israel das Land, das die Grenzen des heutigen Staates Israel umfasst, anvertraut. Gleichzeitig aber sei „die Vision des Schöpfers ein Miteinander von Israel und seinen nichtjüdischen Nachbarn im Heiligen Land“ (S. 374), eine Sichtweise, die das Alte Testament eindeutig betone. „Fremdlinge“, so Gerloff, „haben zwar kein Recht auf das Land, wohl aber ein von Gott verliehenes Recht im Land. Entscheidend ist dabei nicht die Abstammung oder ethnische Zugehörigkeit, sondern die Einstellung zu dem einen lebendigen Gott“ (S. 374). Diese – politisch schwerwiegende und religiös heftig umstrittene – Konsequenz kann Gerloff erstaunlich gut anhand der Bibel begründen.

Je nachdem, welche Ideologie und vorgefasste Meinung der Leser mitbringt, wird sich „Die Palästinenser“ als ein harter Brocken – oder eine wohltuende Horizonterweiterung – erweisen. Seit seinem Erscheinen vor vier Jahren hat dieses Buch enormen Widerspruch und Ärger hervorgerufen, jedoch auch große Zustimmung und Lob erfahren. Natürlich kann kein Autor der Welt einem so vielschichtigen Phänomen wie der politischen Palästinenserbewegung in einem einzigen Buch gerecht werden. Natürlich ist es bereits eine grobe Verallgemeinerung, wenn Gerloff von „den“ Palästinensern spricht – betont er doch selbst, dass die Ethnien, Sprachen, Einstellungen, Religionen und Kulturen, die in diesem Begriff zusammengefasst werden, äußerst unterschiedlich sind. Natürlich pauschalisiert er, vereinfacht er, fasst er zusammen – weil der Stoff kaum anders literarisch zu bewältigen wäre, zumindest nicht auf 378 Seiten. Und natürlich lässt Gerloff auch dezidiert seine eigene Meinung in Darstellung und Bewertung der Sachverhalte einfließen, seine generelle Israelfreundlichkeit, seine Kritik am Islam, seine entschiedene Abscheu gegen den Terrorismus. Dennoch gelingt ihm das scheinbar Unmögliche, kein Feindbild aufzubauen und keine pauschale „Palästinenserkritik“ zu propagieren; Gerloff liegen die Menschen in seiner Wahlheimat am Herzen, auch und gerade die Palästinenser. Das wird bei der Lektüre immer wieder ersichtlich. Das Buch sorgt für Diskussionsstoff; man kann es interessiert, neugierig, freundlich, aber auch ablehnend und hinterfragend lesen. Die Darlegung aller schriftlichen Quellen, die Gerloff benutzt hat, lässt es zu, sich durchaus kritisch mit dem Buch auseinanderzusetzen, wenn man das will. Diese Quellentransparenz ist vorbildlich.

IMG_2712Insgesamt ist dieses Buch ein Muss für jeden, der über die Situation im Nahen Osten Bescheid wissen möchte, ein Muss für jeden, der sich eine begründete Meinung bilden will und ein Muss für jeden, der sich für Israels aktuelle Lage in der Weltpolitik interessiert. Unterhaltsam, spannend und plastisch schildert der Autor sperrige, schwierige und heiß umstrittene Themen, immer gewürzt mit persönlichen Erinnerungen und eigenen Kommentaren. „Die Palästinenser“ behandelt kein einfaches Thema, aber ein wichtiges; und das Buch lässt sich besser lesen als so mancher Roman. Ich empfehle jedem, es zu lesen und sich seine eigene Meinung zu bilden!

„Die Palästinenser“ von Johannes Gerloff ist 2011 im Verlag SCM Hänssler erschienen und kostet 19,95 € (gebundene Ausgabe, 378 Seiten).

(sg)

Titelbild: sg@privat