7 ½ Monate, 2 Menschen, 1 Land.  Work & Travel in Israel. (Teil 1)

Work and … what?

Nehmen wir mal an, ein junges Pärchen, Mitte Zwanzig, plant seine Hochzeit. Oktober 2016, eine besondere Zeit, denn nur kurz vorher sind beide mit Ausbildung und Studium fertig geworden – es folgt also für beide ein neuer Lebensabschnitt in allen Bereichen. Nun tun sich viele Möglichkeiten auf:  sesshaft werden, Wohnung suchen und einrichten – … oder etwa Koffer packen und ein Auslandsjahr dazwischenschieben? Aus den Flitterwochen sozusagen “Flittermonate” machen? Klingt Hammer! Das wäre immerhin eine Gelegenheit, die nicht so schnell wiederkommt. Aber wohin geht man dann, und was macht man dann da? Au-Pair in Kanada? Backpacking in Neuseeland? Farmarbeit in Australien? Roadtrip durch die USA? So oder ähnlich haben sich die beiden das vielleicht vorgestellt, wenn da nicht diese eine verrückte Idee dazwischengekommen wäre. Auf Google nebenbei entdeckt, hat es die beiden nicht mehr losgelassen:  Work and Travel in Israel.

Work and Travel in Israel. Im selben Jahr noch, Anfang 2016, hat Israel für “deutsche Staatsbürger zwischen 18 – 30 Jahren” ein spezielles neues Freundschaftsvisum ausgehandelt:  das Working-Holiday-Visum (siehe Seite der israelischen Botschaft). Ein klassisches B/1 Arbeitsvisum, dass auf Work&Travel ausgelegt ist – 6 Monate arbeiten (darunter max. 3 Monate pro Arbeitsstelle, um etwas rumzukommen), und 6 Monate das Land anschauen.

Wir heißen Daniel und Johanna – und dieses oben genannte Pärchen, das sind wir. Zwischen 2016 und 2017 waren wir mit dem Working-Holiday-Visum für 7 ½ Monate in Israel, und von den Abenteuern und Erfahrungen, die wir in unserer Zeit im Nahen Osten gemacht haben, möchten wir hier in einem zweiteiligen Artikel erzählen. Im ersten Artikel soll es um die Menschen gehen, die wir kennengelernt haben, und im zweiten um die Arbeit und das Land, welches uns beide seither nicht mehr losgelassen hat.

Land und Leute – Juden heute

Israel – so ein kleines Land. Bewohnt von knapp 9 Millionen Menschen, und jeder von ihnen einzigartig anders. Wie verschieden diese Menschen sind, die auf engstem Raum leben – gemäß ihren unterschiedlichen Kulturen und den Bräuchen in allen Farben und Formen – hat uns schwer beeindruckt. Wenn wir uns heute an unsere Flittermonate zurückerinnern, dann denken wir zuerst an die Menschen, und die vielen außergewöhnlichen Begegnungen. 

Ein paar Eindrücke zur jüdischen Bevölkerung:  ein großer Aha-Effekt für uns beide war die Tatsache, dass wir bis dahin in Deutschland eigentlich noch nie (bewusst) einem Juden begegnet sind, obwohl es in Europa durchaus größere jüdische Gemeinschaften gibt, in Frankreich oder in deutschen Städten, wie in Berlin. In  unserer Heimat in Südostbayern hatte bis dahin noch kein bayrisch-israelischer Kontakt stattgefunden. Umso faszinierter waren wir, dieses lebenslustige Volk dann in Israel genauer kennenlernen zu können. Ein erster Spaziergang dort zeigt aber schnell, dass man diese Menschen nicht leicht in eine Schublade stecken kann. In Tel Aviv sieht man beispielsweise im Stadtteil B’nei Brak einen ultraorthodoxen Mann, in langem schwarzen Gewand, mit Filzhut, Quasten und Kinderwagen – dagegen im Stadtteil Florentin einen jungen Hipster im Tanktop mit Vollbart und Sonnenbrille, der sich nach seinem Chai Latte lässig auf sein Surfbrett schwingt – und doch sind beide Juden.

So kunterbunt haben sich auch unsere weiteren Begegnungen angefühlt. Zum Beispiel gab es da in Tiberias unsere Nachbarn: die israelische Oma, ihre Schwester und ihr Radio, das auf Anschlag gedreht unser Treppenhaus mit hebräischen Hits beschallte (wobei sie uns aber auch täglich Einwegteller mit Eintopf in die Wohnung brachte, was die Sache wieder gut machte). Oder den 17-jährigen Jungen, der nach der Schule im Buchladen Steimatzky jobbte, und der uns nach einem kurzen Gespräch über ein Buch prompt zu sich nach Hause ins Nachbardorf Kfar Tavor eingeladen hat (… und er diese Einladung auch tatsächlich ernst gemeint hat, und wir tatsächlich hinkommen durften. Sein Vater ist Arzt, seine Mutter Hausfrau, und wir waren bei ihnen zum koscheren Mittagessen eingeladen – wo erlebt man sowas in Deutschland?). Oder den zwanzigjährigen Inhaber einer Pizzabude, der uns beim Namen kannte, und uns oft quer über die Straße gegrüßt hat, immer dann, wenn er uns sah. Oder der Friseur in Tiberias, der uns stolz ein Beweisfoto präsentierte, dass er schon dem französischen Präsidenten Sarkozy die Haare geschnitten hat (was auch immer man von dieser Story halten soll). Oder Menschen, die wir beim Trampen kennengelernt haben:  wie eine kunstinteressierte, jüdische Mutter – oder zwei Bauarbeiter die uns auf der Fahrt im heißen Juli eisgekühlte Getränke angeboten haben. Oder die Begegnung, bei der unser Chef zusammen mit einem befreundeten Bürgermeister einer israelischen Kleinstadt und mit uns nach  Cäsarea am Mittelmeer zum Essen gegangen ist. Oder das eine Mal, wo wir auf eigene Faust in Jerusalem in der Davidszitadelle bei einer Autorenlesung waren, und dem Journalisten Matti Friedman Fragen zum Aleppo Codex, der weltberühmten Bibelhandschrift, stellen konnten. Oder der arabische Busfahrer, der uns mit der Zeit gut kannte, und auch außerhalb der Haltestellen am Straßenrand seinen Linienbus anhielt, und uns fragte ob wir mitfahren wollen, wenn er uns gesehen hat. Jede einzelne dieser Begegnungen war so unterschiedlich, und doch so besonders, dass wir keine dieser Erinnerungen wieder hergeben wollen.

Die längste Zeit haben wir aber eine unserer Gastfamilien kennenlernen dürfen – eine neunköpfige Familie von amerikanischen, messianischen Juden, die vor vielleicht 15 Jahren einreisten, und die nun als Familie ein Gästehaus leiten. Eine außergewöhnliche Familie, bei der die Eltern teilweise noch mit dem Sprachelernen kämpfen, während die jüngsten Kinder schon als hebräische Muttersprachler aufwachsen und die ältesten Söhne bereits in der israelischen Armee sind und nur am Wochenende von ihrer Einheit nach Hause kommen. Die jüngste Tochter spielt täglich im Kindergarten, eine andere Tochter macht die Ausbildung zum Tourguide, eine andere fährt täglich nach Jerusalem in die Schule, und hilft danach im Gästehaus. Wo auch immer jeder unter der Woche ist, alle kommen am Freitagabend nach Hause. Dann werden auf der Terrasse in den lauen Sommerabenden zwei Kerzen angezündet, es wird das Brot gebrochen und Schabbat gefeiert. In dieser Zeit lernte man die Familie noch am Besten kennen:  einmal pro Woche steht der Familienvater am Tisch, lobt seine Frau für das, was sie tut, nennt jedes Kind beim vollen Namen und betet für sie. Es wird gut gegessen, Lieder werden gesungen und man tauscht sich über die Woche aus. In einem derart harmonischen Austausch miteinander genießt jeder der Neun einmal pro Woche, dass man sich gegenseitig als Familie hat, und wie wertvoll Familie ist, und dass man am Schabbat mal so richtig ausspannen kann. Wir dachten uns: jeden Freitag? Bei uns in Deutschland gibt es sowas höchstens an Weihnachten, wenn überhaupt.

Ein zusätzliches Highlight für uns waren die Momente, bei denen uns Leute zu besonderen Events mitgenommen haben: angefangen von ganz persönlichen Momenten, wie einem Schulkonzert der zweitältesten Tochter in Jerusalem, und später ihrer Schulabschlussfeier in Mode’in – bis zu den großen, jüdischen Festen, die wir mitfeiern durften: Krapfen an Hannukah, eine legendäre Passahfeier am 14. Nissan, gefolgt vom Fest der ungesäuerten Brote, wo es unser Job war, jegliche Art von gesäuertem Brot aus dem Haus zu kehren, und danach sieben Tage Knäckebrot zu kauen. Bald nachdem wir uns am Wochenfest Schavu’ot Blütenkränze ins Haar gesteckt hatten, mussten wir aber abreisen. Vielleicht kommen wir eines Tages ja mal für die Herbstfeste zurück.

50-Jahre-Jerusalem Feier (am Jaffa Tor)

Einen absoluten Höhepunkt unseres Israelaufenthaltes haben wir dann aber eher zufällig entdeckt: nach einem langen Arbeitstag wollten wir beide ursprünglich noch nach Jerusalem in ein Café in Mamilla gehen, und haben unverhofft festgestellt, dass dort am Jaffa Tor gerade die Feierlichkeiten zum 50-Jahre-Jerusalem-Jubiläum gestartet hatten. Und eher spontan fanden wir uns in einer Menge von Menschen wieder, hörten Livemusik, eine Ansprache von Netanjahu, und genossen das Feuerwerk und eine Light- und Drohnenshow. Genial!

In other words…

Mit anderen Worten: vorher weiß man nie, auf was man sich bei so einer Reise einlässt – schon gar nicht, wenn man 7 ½ Monate Work and Travel in Israel plant und sowas ähnliches noch nie vorher gemacht hat. Aber ganz ehrlich: es hat sich voll und ganz gelohnt! Dieses kleine Land steckt voller faszinierender Menschen und Momente, die nur darauf warten, entdeckt zu werden. Wir werden zwar nicht gesponsert, das zu sagen, aber das Working-Holiday-Visum können wir wärmstens empfehlen – vielleicht ist das auch was für dich?

 

DB

(Bilder privat)

“Juden brauchen Jesus nicht … und andere Irrtümer. Betrachtungen eines messianisch-gläubigen Juden”, so lautet der Titel einer Neuerscheinung auf der Feder Avi Snyders. Aufgewachsen in einer konservativen jüdischen Familie in New York, fand Snyder 1977 zum Glauben an Jesus Christus als Messias. Seitdem engagiert er sich in den USA und ganz Europa für die missionarische Organisation “Juden für Jesus”. Somit bietet das Buch einen spannenden Einblick in Glauben und Motivation messianischer Juden!

 

“Der auch in mir gelegentlich aufsteigenden Befürchtung, wir als Deutsche und nichtjüdische Christen könnten das Evangelium nicht glaubwürdig mit Juden teilen, begegnet Avi Snyder mit der entwaffnenden Einladung zu einer Partnerschaft: Am besten sei es, wenn messianische Juden und nichtjüdische Christen einander ergänzen, wenn sie jüdische Menschen mit Jesus bekannt machen! Ein unbedingt lesenswertes Büchlein!” – (Axel Nehlsen, Evangelischer Pfarrer im Ruhestand, zuletzt bis 2016 Geschäftsführer des christlichen Netzwerks Gemeinsam für Berlin)

“Avi Snyder liefert in seinem Buch ein durchdachtes, leidenschaftliches und biblisch begründetes Plädoyer des Evangeliums für Juden. Seine inspirierende Begeisterung für Jeschua und tiefe Liebe zu Juden, sein Eifer für die Errettung des jüdischen Volkes, unterstützt durch viele relevante Bibelstellen und reife, persönliche Erfahrungen des Autors, machen das Buch zu einer motivierenden Lektüre für den interessierten Leser und zu einer echten Herausforderung für Andersdenkende. Absolut empfehlenswert!” – (Wladimir Pikman, Leiter von Beit Sar Shalom Evangeliumsdienst e.V. und Rabbiner der Berliner jüdisch-messianischen Gemeinde)

Cover

“Das Buch ist ein „Muss“ für alle, die an Jesus Christus glauben. Ich bete und hoffe, dass viele Leser dieser Schrift sich bewegen lassen, regelmäßig für Gottes Volk zu beten, Menschen jüdischen Glaubens die gute Botschaft vom jüdischen Jeschua zu bezeugen und sich für die Anliegen der Evangelisation unter dem jüdischen Volk einzusetzen.” – (Dr. Dietrich Kuhl, Ehemaliger Internationaler Direktor von WEC International)

“Sein Herz schlägt für Evangelisation unter Juden, denn seine Vision von Gottes Strategie ist klar: „Das Evangelium zum jüdischen Volk bringen, damit die Juden das Evangelium in die Welt tragen können. Das ist unsere Berufung. Das ist die Aufgabe, zu der wir Juden auserwählt wurden.“ Ich empfehle allen Christen, sich diesen Argumentationen zu stellen.” – (Elke Werner, Vorstandsmitglied von Lausanne International, Sprecherin bei proChrist, WINGS-Women in God’s Service)

“Die Verkündigung des Evangeliums unter Juden ist DAS Herzensanliegen von Avi Snyder. Dieser Auftrag hat sein Leben für Jahrzehnte fundamental geprägt. Damit ist es auch ein hoch emotionales Thema. Dennoch gelingt es dem Autor, die Gegenargumente seiner Überzeugung ernst zu nehmen und ihnen in großer Sachlichkeit und Klarheit zu begegnen. Grundlage seiner Argumentation ist ein von Vertrauen und Gehorsam geprägtes Verständnis der Heiligen Schrift. Wer diese Lebenseinstellung teilt, wird Gewissheit darüber erlangen, dass der HERR will, dass Sein Evangelium den Juden zuerst verkündet wird. Damit verdient dieses Buch gerade in Deutschland eine grosse Leserschaft und muss in der aktuellen und künftigen Debatte zum Thema Gehör finden. Danke Avi Snyder!” – (Reiner Lorenz, Pastor, Evangel.-Freikirchliche Gemeinde Essen-Altendorf)

“Selten gibt es Veröffentlichungen, bei denen ich sagen könnte: „Darauf hat die Welt gewartet.“ Doch bei Avi Snyders Buch kann ich nicht anders als genau das auszusprechen. Wenn eben dieses Buch „Juden brauchen Jesus nicht … und andere Irrtümer“ nicht jetzt auf Deutsch erscheinen würde, müsste so ein Buch mit diesem Inhalt unbedingt geschrieben und veröffentlicht werden. So ein Buch fehlte bisher. Deshalb, danke, Avi.”- (Pfr. Dr. Berthold Schwarz, Hochschullehrer für Systematische Theologie, FTH Giessen)

“Das Herz Avis schlägt für die Menschen, die den Messias noch nicht gefunden haben – seien es Juden oder Nichtjuden. Mögen wir beim Lesen dieses Buches diesen Herzschlag spüren und unser Leben davon berühren lassen.” – (Klaus-Dieter Passon, Pastor der Jesus-Haus-Gemeinde in Düsseldorf und Vorstand von Juden für Jesus e.V. in Deutschland)

“Avi Snyders Buch wendet sich nicht nur an theologisch geschulte Leser. Es ist eine leicht verständliche Hilfestellung für alle Nachfolger Jesu – Juden und Nichtjuden gleichermassen -, welchen die Balance zwischen Liebe und biblischer Wahrheit ein Herzensanliegen ist. Darum wünsche ich diesem Buch eine weite Verbreitung.” – (Martin Rösch, Theologischer Leiter der Arbeitsgemeinschaft für das messianische Zeugnis an Israel (amzi))

(Erschienen bei CV Dillenburg, 13 Eur)

Eine Rezension

Wer wissen möchte, woran messianische Juden glauben, fragt am besten einen messianischen Juden. So gibt es eine Reihe von Autoren, die Auskunft über Geschichte und Einzelthemen im Bereich der messianisch-jüdischen Bewegung geben, aber nur wenige Werke, die eine Diskussionsgrundlage zu Glaubensaussagen auf akademischem Niveau bieten. „God, Torah, Messiah. The Messianic Jewish Theology of Dr. Louis Goldberg“ gehört zur letzten Gruppe. Da der Autor 2002 verstarb, blieb das Werk unvollständig. Allerdings wurde die Arbeit von Dr. Richard A. Robinson editiert, sodass sie 2009 veröffentlicht werden konnte. In 15 Kapiteln werden verschiedene theologische Bereiche systematisch erfasst, die auch in christlichen Dogmatiken anzutreffen sind:

In den ersten vier Kapiteln setzt Goldberg die Prämissen, unter denen er die Heilige Schrift betrachtet. Die Torah wird dabei zunächst unter jüdischen Voraussetzungen analysiert, aber auch in Beziehung zum Neuen Bund gesetzt. Für den Autor ist die gesamte Heilige Schrift als Einheit zu betrachten und von Gott gegeben, was sich für ihn unter anderem an den erfüllten Prophezeiungen (z.B. Jes 53) ablesen lässt. Deswegen sieht er es problematisch, wenn mündliche Überlieferungen („oral law“) Inhalten der Schrift entgegen stehen. Dann widmet er sich in einem ausführlichen, sieben Hauptabschnitte umfassenden Block dem dreieinigen Gott. Anders als bei Christen üblich, benutzt er um die Dreieinigkeit zu beschreiben stets die Begriffe Gott – Yeshua – Heiliger Geist, nicht Vater – Sohn – Heiliger Geist. Anschließend folgen einzelne Kapitel zur Lehre des Menschen, der Sünde, der Engel und der (messianischen) Gemeinde.

Um Goldbergs Argumentationslinie, die sich durch das gesamte Werk zieht, verständlich zu machen, wird hier ein Kapitelblock beispielhaft aufgerissen: Etwa ein Fünftel des Werkes befasst sich mit der Vorstellung des Messias unter verschiedenen Gesichtspunkten. Ziel ist es, zu zeigen, dass Yeshua der Messias ist und wie er ist.  Dabei stellt Goldberg auch für Christen herausfordernde Fragen über das Wesen Yeshuas und greift scheinbare Widersprüche auf, um sie systematisch zu lösen. Wie kann der Messias zum Beispiel menschlich und göttlich zugleich sein? Zunächst gibt der Autor dazu einen geschichtlich-theologischen Rückblick: Er stellt die Entwicklung des Messiaskonzepts im jüdischen Denken nach dem Exil dar, und zwar in den 400 Jahren zwischen Abschluss des Tanach und dem ersten Jahrhundert nach Christus. Er sieht hier den Trend, dass mit fortschreitender Zeit die persönliche Gottesbeziehung immer mehr in die Ferne rückte. Das jüdische Messiasbild ließ folglich, so Goldberg, keine Mischung aus göttlich und menschlich zu- eine wichtige Beobachtung für den Autor, der als messianischer Jude beide Attribute im Glauben an Yeshua miteinander vereint. Dass aber ausgerechnet Yeshua der Messias ist, musste sich nach Goldberg erstens in seiner Lehre und seinem Zeugnis über sich selbst, und zweitens in seinem Werk zeigen. In diesen beiden Punkten hat Yeshua nach Goldberg genau das gesagt und getan, was über den Messias geschrieben steht. Er lehrte nicht nur den Inhalt der Thora, sondern lebte sie vor. Als Heiler und Herrscher über Naturgewalten könne kein Zweifel mehr über seine göttliche Natur bestehen bleiben.

Dem geht er weiter auf den Grund: Einzelne Aspekte werden aufgegriffen, zum Beispiel „The Preexistence of the Messiah“, „The Names of God Applied to Yeshua“ oder „As Our Advocate and High Priest“. Dazu nennt Goldberg passende Stellen aus dem Neuen Testament und stellt ihnen dann AT-Stellen gegenüber, in denen zu dieser Thematik bereits etwas geschrieben steht. Immer wieder geht er auf bereits von ihm dargestellte Entwicklungen und Strömungen im Judentum ein, die es deren Anhängern seiner Ansicht nach schwer machen, Jesus als den zu sehen, der er für Goldberg ist: der Messias. Vor allem die Targumim, in denen jüdische Gelehrte die Schriften interpretierten, trug nach Goldberg dazu bei, dass Juden keinen göttlichen oder leidenden Messias erwartet hatten. In einem Exempel stellt er in einer Tabelle dar, wie sich Jes 52,13- 53,12 im Targum Jesaja vom „biblischen Text“ unterscheidet. Wenn er zum Beispiel die Entstehung der Targumim erklärt, fügt er auch immer wieder Erkenntnisse aus der alttestamentlichen Forschung ein. Goldbergs messianisch-jüdischem Verständnis seiner in dieser Thematik verwendeten AT-Stellen geht der Schritt voraus, Yeshuas Lehre anzuhören, seine Gleichnisse und Auslegungen. Erst dann könnten jene alttestamtlichen Passagen eingeordnet und beurteilt werden. Mit dieser Art von Verknüpfung des Tanach mit dem Neuem Testament zeigt Goldberg vor allem: Wenn messianische Juden von Yeshua reden, ist er für sie der Messias, von dem an bestimmten Stellen im AT direkt oder indirekt die Rede ist. An einen solchen Messias zu glauben, der Merkmale wie beispielweise göttliche und menschliche Attribute vorweist, hängt also primär mit dem zugrundeliegenden Schriftverständnis zusammen.

Insgesamt ist „God, Torah, Messiah“ eine interessante Einführung in eine Art messianisch-jüdische Theologie. Themen, die in der messianisch-jüdischen Bewegung kontrovers diskutiert werden, wie das mündliche Gesetz, beleuchtet er ausführlich. Weil immer wieder rabbinische Auslegungen, moderne jüdische Ansichten und geschichtliche Abrisse einfließen, lernt der Leser nicht nur etwas über messianisch-jüdische Theologie, sondern auch über das Judentum. Auch christliche Dogmatik findet ihren Platz, wenn zum Beispiel die Inhalte des Nizänums diskutiert werden. Goldberg spart nicht an Definitionen und Bibelstellen. Wenn er zum Beispiel die Heiligkeit Gottes als eine seiner Eigenschaften beschreibt, nennt er dazu über 30 Zitate aus dem Alten und Neuen Testament. Hilfreich sind die übersichtlichen Einteilungen und Überschriften. Die Kapitel leitet er lebensnah, oft schon anekdotenhaft ein, sodass das Lesen für eine Systematik ungewöhnlich leicht fällt. Es muss berücksichtig werden, dass zwar Glaubenssätze und -bekenntnisse innerhalb der messianisch-jüdischen Bewegung formuliert wurden, diese allerdings nicht verbindlich für alle Gemeinden sind und nicht für alle messianischen Juden sprechen. So ist es auch mit den wenigen systematischen Werken. Daher kann diese Theologie exemplarisch einen interessanten Einblick in den messianisch-jüdischen Glauben aus der Innenperspektive bieten, aber sie ist keineswegs erschöpfend. Zur gezielten Auseinandersetzung sei das Hinzuziehen weiterer Vertreter, die aktiv diskutiert werden, empfohlen, siehe insbesondere R. Harvey, Messianisch-jüdische Theologie verstehen, EDIS 7, 2016.

AE

Nach einer feierlichen Einleitung des Erev-Schabbat von Johannes Gerloff am Freitagabend wurde der Samstag von ihm mit einer Bibelauslegung über Psalm 2, dem Motto der Israelkonferenz „Warum toben die Heiden“ begonnen. Gerloff betonte dabei, dass Bibelarbeit harte Arbeit sei, dass man nie genug studieren kann, um herauszustellen, was man generell und für jeden Tag damit betonen will. In der Bibellektüre befinden wir uns im Gespräch mit Gott.

Zunächst fragte er, ob man bei dem Wort „Heide“ nur an Menschen aus polytheistischen Religionen denkt oder ob der deutsche Christ zum Beispiel nicht auch gemeint sein könnte. Jedenfalls meint es aus biblischer Sicht zunächst einmal jeden Nichtjuden. Psalm 2 könne in mehreren Ebenen angewendet werden, wobei nach rabbinischer Auslegung die 1. Ebene die Handlung auf die Geschichte von David in den Philisterkriegen beziehe. Die 2. Ebene liege in Apostelgeschichte 4, in der der Aufruhr der Heiden auf die Verschwörung zwischen Pilatus und Herodes deute, während die Gemeinde Jesus, dem Messias, in heiliger Ergriffenheit und Ehrfurcht zujubeln solle. Die 3. Ebene umschreibe das Tobens der Völker gegen Israel, das Volk Gottes, und die 4. Ebene reflektiere die persönliche Ebene des Gläubigen, des Christen, auch hinsichtlich dessen, was „Gesalbter“ bedeute, der von Feinden bedrängt wird und der einmal nach Offenbarung 2,26ff., wie auch nach Psalm 2, wie Tongefäße behandelt werde. Diese verschiedenen Auslegungen in demselben Heiligen Geist seien wie die verschiedenen Seiten einer Münze. (Eine Anfrage wäre hier ob es sich um eine Wiedergeburt des vierfachen Schriftsinns handelt)

OlivenbaumAls Journalist möchte Johannes Gerloff nun einen besonderen Bezug von Psalm 2 zur heutigen globalen Unruhe hervorheben. In Syrien seien in den letzten Jahren mehr Menschen getötet worden als in allen Konflikten des Staates Israel seit 1948 zusammen, und Brasilien habe in den letzten Jahren unbeachtet mehr als eine halbe Million Ureinwohner ermordet. Die durch Islamisten verursachte Unruhe komme nun auch zu uns nach Mitteleuropa, und die UNO, wie auch die meisten Nationen der Welt hätten ungeachtet dessen dennoch nicht Besseres im Sinn, als gegen Gott und seinen Gesalbten Israel zu toben.

In der Bibel gebe es viele Gesalbte, Könige und Priester Israels, und der Gesalbte oder Messias wäre der „besonders Gesalbte“ für die Gläubigen, eben der Christus Jesus. Zugleich trage das Volk Israel ebenfalls diese Funktion eines von Gott Gesalbten. Der Aufruhr gegen den Herrn und seinen Gesalbten richte sich – so Gerloff – gegen die Tora, gegen die Bibel, besonders aber gegen diejenigen, die sie umsetzen, wie der Aufruf im Psalm 2 es anzudeuten vermag: Lasst uns ihre Stricke und Fesseln von uns reißen! Gottes Ordnungen für die Menschen- und Tierwelt, bei Geschlechterrollen, der praktizierten Sexualität und im Umgang mit Alten – das alles werde rebellierend, respektlos und unverschämt angegriffen. Gott, der Vater im Himmel, lache jedoch über dieses Ansinnen, weil er alles fest in der Hand behält, und ein Gläubiger dürfe wie ein Kind sein, das beim Autofahren seines Vaters nur darauf achtet, ob er alles im Griff habe. Deshalb hätten Christen keinen Grund angesichts der Flüchtlingsströme Angst zu haben, Gott selbst habe beim Turmbau zu Babel absichtlich das „Multikulti“ initiiert – als Reaktion Gottes, um den Hochmut der Menschen zu demütigen. Bundeskanzlerin Merkel habe daher im Grunde recht mit ihrem Handeln angesichts der hierher kommenden Flüchtlinge, weil Gott wolle, dass alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit finden, wo es doch statistisch in der arabischen Welt weniger Missionare als in Alaska gebe.

Wenn Gott auf die Rebellion der Völker mit Zorn antworten werde, dann werde er in Zion, das heißt im genannten politischen Kontext Jerusalems, Israels Parlament, sich zu seinem ‚ersten Sohn‘, hier Israel, bekennen. Die Herrschaft Israels gehe aber in Psalm 2 in erster Linie bis zu den Enden des Landes und nicht der Welt, denn Israel wolle gar keine Weltherrschaft, habe aber den Auftrag zu einer politischen Leitungsaufgabe in der Welt zu der man es ermutigen sollte, wie man Eltern ermutige, die Familie zu führen.

sunset-953203_1280Gott selbst komme aber als Weltenrichter wieder, und sein Wiederkommen werde bewirken, dass alle Knie sich vor ihm beugen. Israel ist wie im Buch Josua Werkzeug des Weltgerichts, müsse aber dafür auch selbst eine Läuterung durchmachen. Korruption und Übergriffe an Palästinensern dürften nicht in falscher Parteilichkeit für Israel gutgeheißen werden, denn das Gericht müsse im Haus Gottes anfangen. Deshalb kämen diese Dinge an die Öffentlichkeit und würden abgestraft; Psalm 2 gebiete trotzdem eine Liebe zu dem Sohn Israel, egal, ob er diese Liebe verdiene oder nicht.

Gerloff fragte zum Schluss, wie man diese Zeit einigermaßen zufrieden und glücklich überstehen könne. Das Ende des 2. Psalms hat dieselbe Formulierung wie in Psalm 1, die in rabbinischer Auslegung als ein Psalm angesehen werden. Das bedeutet: Psalm 1 und 2 preisen im Grunde denjenigen glücklich, der in dieser Welt auf Gott ausgerichtet bleibe, eine Ausrichtung, die Eltern ihren Kindern mitgeben sollten. Um nicht als Spötter oder Sünder, der sein Ziel verfehlt, zu enden, sei der erste Schritt zum Gelingen eines solchen Lebens, dass man lerne, „Nein!“ zu sagen, „Nein!“ zu allem, was nicht auf das biblische Ziel ausgerichtet sei, und stattdessen eine Liebe zum Wort, zur Unterweisung der Tora erstrebe, die helfe, das Leben präziser auf das Ziel auszurichten. Luthers negatives Gesetzesverständnis sei falsch, denn die Tora gebe wie bei Pfeil und Bogen eine Ausrichtung auf das Ziel hin, zum Maschiach (Gesalbten, Messias) Jesus, und deshalb sei auch das Judentum als Gnadenreligion zu identifizieren.

Es gäbe heute aber viele andere Toras, andere Zielsetzungen und Unterweisungen, wie die des Zeitgeistes oder der „political correctness“, oder das Denken: „Die Bibel sei nicht das Wort Gottes, sie enthalte es nur!“ – ein Denken, das Ursprung des Chaos sei, weil es Gott selbst einem Prinzip unterordne.

Gläubige aber stünden gemeinsam unter Gottes Wort, hätten Gefallen an der Tora, und träfen eine Entscheidung zu einem erarbeitenden Lebensstil. Sie sollten mit ihren Kindern das Wort Gottes lernen und eine Kultur des Wortes Gottes als Alternative zur heutigen medialen Kultur schaffen, so dass Menschen als wandelnde Tora, durchtränkt mit dem Wort, auf das richtige Ziel ausrichtet leben. Auf diese Weise erfülle man das, was wertvoll sei, und habe Erfolg in Ehe und Arbeit – sofern man das Geforderte praktisch umsetze!

wheat-field-640960_1280Gottlose demgegenüber würden hin und hergetrieben wie Spreu im Wind. Der Gläubige aber solle fest bleiben, korrigierbar, nicht labil, und wo nötig müsse er auch anderen das Gericht Gottes predigen. Der Herr kenne den Weg der Gerechten, derjenigen also, die mit der Tora als Lebensstil gezielt auf den Himmel zugingen. Man könne währenddessen die Bibelinhalte auf kreative Weise weitergeben, mit Mitteln wie dem Internet oder durch WhatsApp-Messages, egal wie, aber man solle sich Zeit für Gott nehmen. Denn selbst im Beruf müsse man seine Aufgaben und Ziele an Gott ausrichten, um sich von ihnen nicht knechten zu lassen oder seine Prioritäten zu verlieren. Für Israel sei es ebenso wichtig, in Beziehung zu IHM Zeugnis, Mauer und Wort Gottes zu sein und dementsprechend zu leben.

Ein paar abschließende Bemerkungen zur Bibelarbeit insgesamt: Der Vortrag hatte viele wichtige und gute Anregungen, insbesondere im Hinblick auf die hohe Bedeutung der Bibel als Orientierung im Alltagsleben, dass Gerloff ermutigte, sie viel intensiver zu gebrauchen als dies in den meisten christlichen Familien der Fall sei. Es ist wichtig, die Schrift als Wort Gottes an uns persönlich gerichtet wiederzuentdecken und sich von ihr im Denken und Verhalten prägen zu lassen und zugleich sich von fragwürdigen, anderen Prägungen zu distanzieren. Auch das positive Verhältnis zum nationalen Israel und zum Volk der Juden, das bei Christen immer überwiegen sollte, selbst dann, wenn berechtigte Kritik angebracht sein kann, ist ein wohltuendes Gegengewicht zu einem rein kritischen und negativen Verhalten, das in den Medien viel zu oft im Mittelpunkt stehe.

In Bezug auf die Auslegungsmodelle, die Gerloff anwendete, sollte man allerdings den mehrfachen Schriftsinn, ob er nun rabbinisch zu verstehen ist oder vielleicht aus dem sogenannten klassischen Modell des vierfachen Schriftsinns entlehnt wurde, mit etwas Vorsicht umgehen, da er in der christlichen Theologie nicht unproblematisch und berechtigt nicht unumstritten ist. Auch die Kritik an Martin Luthers Umgang mit dem Gesetz sollte man biblisch etwas genauer untersuchen, weil Luther nach Vorgabe der paulinischen Theologie des Neuen Testaments nicht nur auf einen falschen Umgang mit der Tora reagiert, sondern auch konkret das Gesetz des Mose selbst (Tora, Pentateuch) für den christlichen Gebrauch begrenzt. Beispiele dafür finden sich in Römer 7,1-6 oder in 2. Korinther 3, um nur einige zu nennen. Über einige Gegenwartsbezüge in der Auslegung von Psalm 2 kann man geteilter Meinung sein, ob sie wirklich sachlich angemessen gewesen sind. Dennoch bleibt festzuhalten, dass das biblische Zeugnis von Gerloff in den Mittelpunkt gerückt wurde, und ein moderater, vernünftiger Umgang von Christen mit dem nationalen Israel und dem Judentum ans Herz der Zuhörer gelegt wurde, was seine Bibelarbeit sehr wertvoll erscheinen lässt.

jerusalem-1314895_640Die Sächsische Israelkonferenz in Glauchau vom 20.-22.05.2016 war die letzte Konferenz ihrer Art, in der sie seit 20 Jahren bestanden hat. Nun aber ist es ein verstärktes Anliegen der Sächsischen Israelfreunde, in dieser Zeit der gesellschaftlichen Veränderung wieder etwas mehr in verschiedene Gemeinden Deutschlands vor Ort hineinzukommen um dort israelspezifische Vorträge zu halten und für mehr Engagement für Israel zu werben. Als Beauftragte zur Umsetzung dieses Anliegens sind die jungen Vorsitzenden des CFFI (Christliches Forum für Israel) vorgestellt worden: Tobias Krämer, Theresia Ebert, Benjamin Schnabel und Franziska Tofaute. In diesem Zusammenhang wurde auf die geplante gesamtdeutsche Israelkonferenz für 2018 in Berlin hingewiesen.

Den Abschluss der letzten Israelkonferenz bildete eine kurze Podiumsdiskussion, in der Rogel Rachmann als Sprecher der Israelischen Botschaft zur gegenwärtigen Flüchtlingssituation ein interessantes Statement gab, das hier zum Schluss im Rückblick auf die Sächsische Israelkonferenz wiedergegeben werden soll: „Nehmt die Flüchtlinge in Deutschland auf, und gebt ihnen dabei Folgendes mit: Antisemitismus gehört nicht zu Europa!“

(cl)

Bilder:

sg/privat

pixabay.com (gemeinfrei)

Es ist wieder soweit: vom 3. – 7. Juni 2015 ist Kirchentag! Dieses Großereignis der deutschen evangelischen Kirchen zieht alle zwei Jahre über 100.000 Besucher unterschiedlichster Altersgruppen und Herkunft an. In diesem Jahr findet das fünf Tage dauernde Ereignis in Stuttgart statt und wirbt mit einem Aufgebot an Programmen und interessanten Diskussionsbeiträgen. Diese sollen zum Nachdenken und Diskutieren über den Glauben und aktuelle Fragen anregen.

“Der Kirchentag lädt ein, sich einzumischen. Er gibt nicht vor, was richtig oder falsch ist, sondern eröffnet einen offenen und streitbaren Dialog – ob vor 1989 im Ost-West-Konflikt, während der Debatten um die Nato-Nachrüstung in den 1980er Jahren oder gegenwärtig zu Weltwirtschaft und sozialer Gerechtigkeit. So ist der Kirchentag ein gesellschaftliches Forum der Diskussion und Gemeinschaft.”1

 

Auf dem Kirchentag sind jedes Jahr viele verschiedene christliche Kirchen und Gemeinschaften unterschiedlicher Denominationen zu Gast und stellen sich vor – das Prinzip lautet “gelebte Ökumene”.2 Auch der interreligiöse Dialog zwischen rabbinischen Juden, Muslimen und Christen ist bereits seit den 1960er Jahren ein fester Bestandteil des Programmes. In seiner Stellungnahme hat sich das Präsidium des evangelischen Kirchentages jedoch gegen die aktive Teilnahme von messianischen Juden (jüdische Jesus-Gläubige) ausgesprochen. Das Präsidium versucht durch den Ausschluss den Dialog zwischen rabbinischen Juden und Christen zu schützen. Grund hierfür ist, dass man den messianischen Juden judenmissionarische Tätigkeiten (Tätigkeiten, die jüdisch gläubige Menschen zu einer Konversion zu einer anderen Religion bewegen wollen) unterstellt, welche von der evangelischen Kirche in Rücksicht auf den jüdischen Glauben abgelehnt wird.3 Der Evangeliumsdienst für Israel (EDI), der seit vielen Jahren die messianischen Juden in Deutschland unterstützt, hat sich stellvertretend für andere gegen die Vorwürfe des Kirchentagspräsidiums Initiative ergriffen. Anatoli Uschomirski, Pastor einer messianisch-jüdischen Gemeinde in Stuttgart und theologischer Referent des EDI, schreibt in seinem Kommentar in der ideaSpektrum:

“Wir wollen nicht Juden zu Christen machen, sondern in Demut und Liebe dem jüdischen Volk den jüdischen Messias verkünden und Juden ermutigen, gleichzeitig ihre jüdische Identität zu leben. Wir wollen Brücken auch zu Christen bauen. Wir können ihnen helfen, sich auf die jüdischen Wurzeln ihres Glaubens zu besinnen. “4

In der Hoffnung den Trialog zwischen Christen, rabbinischen und messianischen Juden in dieser Frage weiter fördern zu können, laden die jüdisch-messianischen Gemeinden Stuttgarts zu einem offenen Schabbat-Gottesdienst mit anschließendem Gesprächsforum ein. Dieser wird am 6. Juni 2015 um 12 Uhr in der Gemeinde “Adon Jeschua” in Stuttgart-Münster stattfinden. Weitere Informationen können Sie dem Flyer entnehmen.

 

(cu)

Quellen: 1https://www.kirchentag.de/ueber_uns/was_ist_kirchentag/das_ereignis.html 2Vgl. Ebd. 3Vgl. https://www.kirchentag.de/no_cache/service/informiert_bleiben/nachrichten/archiv_stuttgart/judenmission_gespraech/judenmission_statement.html?sword_list%5B%5D=juden 4http://www.edi-online.de/phocadownload/Kirchentag_2015/24_Uschomirski_Editorial_final.pdf   Titelbild: kgbdd@flickr; Kirchentag

Büchertisch mit der institutseigenen Bücherreihe EDIS.

Die 9. Franz-Delitzsch-Preisverleihung des Instituts für Israelogie fand am 24. April d. J. im Plenarsaal der Freien Theologischen Hochschule (FTH) statt. So wie jedes Jahr wurden auch diesmal ein Franz-Delitzsch-Hauptpreis sowie Franz-Delitzsch-Förderpreise verliehen.

Die Preise prämieren Arbeiten, die in herausragender Weise sachkompetent und in Übereinstimmung mit den Forschungsschwerpunkten des Instituts eine ausgewogene biblisch-heilsgeschichtliche sowie eine zeitgeschichtlich und historisch sachgerechte Israel-Theologie fördern. Der Hauptpreis 2015 wurde an Dr. Hanna Rucks überreicht, die Forschungsförderpreise erhielten Dr. Franz Posset und Frank Clesle.

v. l.: Helge Stadelmann, Berthold Schwarz, Hanna Rucks, Frank Clesle, Fritz May

Die Preisträger sowie die Anwesenden der Preisverleihung wurden zu Beginn der Veranstaltung musikalisch begrüßt mit Franz Liszts „Un sospiro“ aus Trois Études de concert, S.144 Nr.3. Schließlich eröffnete Prof. Dr. Helge Stadelmann die Preisverleihung mit einer freundlichen Begrüßung und mit Gebet. Dr. h.c. Fritz May, der Stifter des Instituts für Israelogie, war zusammen mit seiner Gattin auch unter den Ehrengästen.

Der zuerst prämierte Förderpreisträger war der deutsch-amerikanische Historiker Dr. Franz Posset: Er wurde für seine historische Arbeit über Reuchlin ausgezeichnet. Der Titel seiner Arbeit lautet: „In Search Of An Explanation For The Suffering Of The Jews. Johann Reuchlin‘s Open Letter Of 1505“. Leider konnte Dr. Posset nicht selbst anwesend sein. Daher grüßte er mit einer Videobotschat aus den USA (kann hier[1] angesehen werden).

Frank Clesle

Frank Clesle

Frank Clesle wurde anschließend mit dem Forschungsföderpreis ausgezeichnet für seine Arbeit mit dem Titel „Der israeltheologische Neuorientierungsprozess ausgewählter Kirchen und Gemeinden in Deutschland. Einblicke, Auswirkungen, Anstöße.“ In dieser Abschlussarbeit am Bibelseminar Königsberg untersuchte Clesle den israeltheologischen Neuorientierungs-prozess, den er u.a. in Deutschland in verschiedenen Kirchen – in der katholischen, in den evangelischen, in freikirchlichen, in orthodoxen – angebrochen sieht. Clesles Eindruck ist, dass sich das deutsch-jüdische Verhältnis immer noch in einem nicht-abgeschlossenen Prozess befinde. Allerdings habe sich an der Basis von diesem Neuorientierungsprozess noch nicht sehr viel durchgesetzt. Als Beispiel führte er an, dass zwar viele „Reue“ für die Schandtaten der Deutschen an Juden empfänden, aber es kein größeres Interesse an einem neuen Miteinander gäbe.

Dr. Hanna Rucks

Dr. Hanna Rucks

Der Franz-Delitsch-Hauptpreis wurde an Dr. Hanna Rucks für ihre Dissertation an der Uni Dortmund überreicht, die den Titel trägt: „Messianische Juden. Geschichte und Theologie der Bewegung in Israel“. Während Frau Dr. Rucks noch in Israel lebte und arbeitete, lernte sie die messianisch-jüdische Bewegung in Israel von innen heraus kennen. Messianische Juden, so Rucks in Ihrem Impulsreferat, führten ein theologisches Stiefmütterchen-Dasein. Zum Beispiel werden Sie beim diesjährigen Kirchentag in Stuttgart ausgeschlossen, weil Sie unter Verdacht stehen, Juden missionieren zu wollen. Ihnen wird als Bewegung kaum eine öffentliche Möglichkeit gegeben, ihre Anliegen und ihren Glauben darzustellen. Laut Rucks hätten messianische Juden in Israel Angst, als an Jesus gläubige Juden entdeckt zu werden, was auch darin zum Ausdruck komme, dass ihre Ansichten, die z.B. in Rucks Publikation miteingeflossen sind, nur unter Pseudonym veröffentlicht wurden.

Das Referat von Dr. Rucks trug den Titel „Messianische Juden – eine theologische Herausforderung?!“ und war in die drei Punkte gegliedert: 1. Christologie, 2. Thora und 3. Ekklesiologie, von denen aus sie jeweils messianisch-jüdische Ansätze darlegte.

Unter messianisch-jüdische Christen werden laut Dr. Rucks drei christologische Positionen vertreten: Die eine Gruppe hat die „klassisch-völkerchristlichen“ Lehre der Dreieinigkeit übernommen. Anderen fällt die Rede vom dreieinigen Gott schwerer, da manche von ihnen dadurch das monotheistische Wesen Jahwes verletzt sehen. Sie plädieren dafür, die Person Jesu Christi theologisch neu zu durchdenken. Es sei sehr häufig, dass das Gottesbild von messianischen Juden binär gedacht werde, und der Heilige Geist nicht gesondert für sich betrachtet werde, und man sich nur auf Gott, den Vater, sowie auf Jesus Christus konzentriere. Wieder andere deuten Christus als die „Sefira“ (Gefäß) Gottes, in welcher er sich letztendlich und am tiefsten offenbart habe.

Als schwierig stellt sich offenbar auch das Verhältnis von messianischen Juden zur jüdischen Thora heraus: Während man im (orthodoxen) Judentum jedes einzelne Gebot der Thora zu befolgen versucht – auch u.a. die Speisegebote –, erscheint das Verhältnis eines zum Christusglauben gekommenen Juden zu den Thorageboten ambivalent, da laut Paulus „Christus des Gesetzes Ende“, also der Thoraobservanz sei (Röm 10,4). Auch hier zeichnen sich verschiedene Richtungen ab: Manche halten aus theologischen Gründen an der jüdisch-orthodoxen Thoraobservanz fest, andere sind für eine messianisch-jüdische Halacha; manche unterteilen – im Sinne der reformierten Tradition – die Thora in Zeremonial-, Judizial- und Moralgesetze und erkennen nur letzteres als für sie verbindlich einzuhalten an. Andere sind für eine Thoraobservanz aus identitätsstiftenden Gründen.

Zum Schluss nannte Dr. Rucks noch Antwortmöglichkeiten auf die Frage, die sie an messianisch-jüdische Christen gestellt hatte: Worin besteht ein Jude-Sein, das mit dem Jesusglauben kombiniert werden kann? Die Antworten fallen auch hier wieder unterschiedlich aus: Eine Auffassung betont, dass das Jude-Sein im Praktizieren der jüdischen Religion bestehe, so dass das Jude-Sein nach seiner Konversion zum Christentum nicht mehr vorhanden sein könne. Eine andere Ansicht hebe hervor, dass das Wesen des Jude-Seins gerade im Messiasglauben liege und der messianische Jude durch den Christusglauben gerade zur ‚Vollkommenheit‘ seines Jude-Seins gelangen würde. Ein völlig anderer Ansatz ist dagegen, wenn man das Jude-Sein prinzipiell als ethnische Zugehörigkeit definiert, ggf. mit einer gewissen religiösen Konnotation, sodass sich dadurch keine theologischen Schwierigkeiten mit dem Christ-Sein ergeben würden.

Frau Dr. Rucks empfahl den anwesenden Studierenden, sich mit den von ihr genannten Themenfeldern näher zu beschäftigen. So manche interessante Forschungsarbeit ließe sich damit beginnen.

Die Musiker (v.l.): J. Igler, D. Ludwig, S. You

Die Musiker (v.l.): J. Igler, D. Ludwig, S. You

Nach der Preisverleihung wurde auch der diesjährige Stipendiat für die Sommer-Uni in Beer Sheva bekannt gegeben: Markus Rehberg darf diesen Sommer das Voll-Stipendium des Instituts für einen sechswöchigen Aufenthalt an der Ben-Gurion Universität in Anspruch nehmen, dabei einen Ivrit-Kurs belegen, theologische Vorlesungen besuchen sowie Land und Leute vertieft kennenlernen.

Nach einer intensiven und interessanten Stunde im Plenarsaal der FTH konnte man anschließend in der Cafeteria bei Kaffee & Kuchen über das Gehörte und Erlebte ins Gespräch kommen. Die hervorragenden, abwechslungsreichen musikalischen Beiträge der FTH-Studenten S. You, J. Igler und D. Ludwig haben die Preisverleihung großartig unterstützt.

(ts)

[1] http://drfranzposset.com/acceptance/

Der israelische Radiosender Radio Agape bietet unter http://www.agape.fm/index.php/listennow Hörern in und außerhalb von Israel die Möglichkeit, kostenlos und von zu Hause oder unterwegs messianische Musik zu hören.

Der vom Israel College of the Bible und One for Israel ins Leben gerufene Sender hat sich zum Ziel gesetzt, durch Lehre und Lobpreis Gottes Liebe von Jerusalem in die Welt auszustrahlen – daher der Name Agape (griechisch für “Liebe”). Während dieses Wort im Neuen Testament eine wichtige Rolle spiele, fehle im heutigen rabbinischen Judentum das Konzept der göttlichen Liebe nahezu vollständig. Dort stehe die gerechte und richterliche Seite Gottes im Vordergrund. Deshalb möchten die Initiatoren des Radiosenders die in Jesus und seinem Tod am Kreuz zum Ausdruck gebrachte göttliche Liebe zu den Menschen bringen.

Die Lieder sind sowohl in englischer als auch in hebräischer Sprache und der Radiosender kann sogar über mobile Geräte empfangen werden. Das Programm des Senders finden Sie unter dem folgenden Link: http://www.agape.fm/index.php/schedule.

(jp)

Der jüdisch-messianische Kalender für 2014

Der jüdisch-messianische Kalender für 2014

Falls Sie noch auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk für sich selbst oder andere sind, möchten wir Ihnen den jüdisch-messianischen Israelkalender empfehlen, den Beit Sar Shalom für 2014 in Zusammenarbeit mit dem Evangeliumsdienst für Israel e. V. herausgibt. Der Kalender ist nach eigenen Angaben “nicht nur ein Schmuckstück für Ihre Wohnung, sondern auch ein Leitfaden durch das jüdische und christliche Jahr. Er zeigt Ihnen, dass viele jüdische und christliche Feste miteinander verwandt sind und weist Sie damit auf die Wurzeln unseres Glaubens im biblischen Judentum hin.”

So finden sich auf der Vorderseite des jeweiligen Monatsblattes ein Bildmotiv aus Israel und darunter eine Tagesübersicht, in der die jeweiligen christlichen wie jüdischen Feste und Feiertage eingetragen sind, daneben die vorgesehenen Textlesungen. Auf der Rückseite gibt es die unterschiedlichsten Informationen zu den jeweiligen Feststagen und Bräuchen, verbunden mit Erläuterungen dazu, wie messianische Juden diese Feste feiern.

Den Kalender für das jüdische Jahr 5774/75 können Sie bei Beit Sar Shalom direkt bestellen – telefonisch, per Email oder per Fax. Der Stückpreis beträgt 10,- Euro (plus Porto).

Beit Sar Shalom
Postfach 450431
12174 Berlin
Tel.: 030-308381-30     Fax: -31
E-Mail: office@BeitSarShalom.org
www.BeitSarShalom.org
 

(jp)

Blick in den Kongresssaal zum Schabbatbeginn am Freitag

Der Kongresssaal zum Schabbatbeginn am Freitag

In Berlin fand letztes Wochenende unter dem Motto “aus der Kraft der Wurzel die Zukunft gestalten” der 2. “Gemeinde und Israel”-Kongress statt, der vom Christlichen Forum für Israel, einem Netzwerk von etwa 40 israel-freundlichen Werken in Deutschland, organisiert wurde. Als einer von 44 Ausstellern war auch unser Institut mit einem Stand auf dem Kongress vertreten.

Viele unterschiedliche Redner aus Deutschland und Israel ermutigten die Kongressteilnehmer, den Auftrag der Christen für das Volk Israel und seine Hinwendung zu Gottes Messias neu zu erkennen und in ihrem Umfeld zu verkündigen. Gerade angesichts des 75. Jahrestages der Reichspogromnacht beschloss man auf dem Kongress einheitlich, sich antisemitischem Gedankengut in Deutschland vehement widersetzen und die besondere Verantwortung unseres Volkes gegenüber dem jüdischen ernst nehmen zu wollen.

Blick auf die Galerie mit einigen der 44 Ständen

Die Galerie mit den Ständen der Aussteller

Mit 1250 angemeldeten Besuchern übertraf die Resonanz alle Erwartungen der Veranstalter, die diesen Kongress als eine Fortsetzung des ersten dieser Art vom November 2006 betrachteten.

Für alle, die nicht teilnehmen konnten oder die sich mit den Inhalten des Kongresses noch einmal ausführlicher auseinandersetzen wollen, werden wir demnächst auf unserer Website detaillierte Bericht der einzelnen Vorträge sowie einige Interviews mit den geladenen Rednern zur Verfügung stellen.

(jp)

Fotos: © privat

Sieht man sich im Stadion ein Fußballspiel von Ajax Amsterdam oder Tottenham Hotspur an, kommt es nicht selten vor, dass einem Gesänge über „Superjuden“ zu Ohren kommen, die israelische Flagge die Publikumsränge ziert oder einem Fans mit tätowiertem Davidsstern und einer Kippa begegnen, die sie vor dem Spiel im Stadion erworben haben. Anhänger von Tottenham bezeichnen sich als „Yid Army“ und ihre Spieler nach brillianten Spielzügen als „Yiddo“ – und das alles, obwohl es sich bei keinem der Vereine um einen ausgeprägt jüdischen handelt und besagte Fans keinerlei Bezug zu Israel oder dem Judentum aufweisen können.

Dieses – zumindest in der Fußballwelt – altbekannte Phänomen steht wieder im Rampenlicht, seitdem am Sonntag ein Tottenham-Fan festgenommen wurde, weil er sich als einer von vielen anderen selbst mit dem Begriff „Yid“ bezeichnet hatte.

Wer diese Fan-Bräuche und die damit verbundene Dramatik verstehen möchte, muss in die Geschichte der beiden Vereine zurückblicken, denn obwohl weder Ajax noch Tottenham über eine besonders hohe Anzahl an jüdischen Spielern oder Fans verfügen, verbinden vor allem ihre Anhänger das Judentum und seine Symbolik eng mit der Identität ihrer Clubs, wie Hendrick Buchheister jüngst für Spiegel Online recherchierte:

In Amsterdam waren seit dem 17. Jahrhundert relativ viele Juden angesiedelt, so dass die niederländische Stadt vor dem 2. Weltkrieg als „Jerusalem des Westens“ galt. Von den etwa 80.000 jüdischen Einwohnern waren viele Ajax-Fans, das bis 1996 benutzt Stadion de Meer lag im von Juden bewohnten Ostteil der Stadt und so führte die Straßenbahn die Fans der Gastmannschaften oft durch die jüdischen Viertel und ließ viele zum ersten Mal einen Juden zu Gesicht bekommen. Auch war der Slang Amsterdams von zahlreichen jiddischen Begriffe gespickt. Dazu wies der Verein nach dem Krieg einige Identifikationsfiguren wie die Präsidenten Jaap van Prag und Uri Coronel und die Spieler Bennie Muller und Sjaak Swaart auf, die Juden waren.

Dies alles trug zur individuellen Prägung des Vereins bei, die jedoch mit Solidarität gegenüber Israel und dem Judentum nur wenig gemein hat – wie Hans Koop, der Sprecher einer Stiftung, die sich gegen Antisemitismus im niederländischen Fußball einsetzt, zum Ausdruck bringt: “90 Prozent der Ajax-Fans wissen gar nicht, wo Israel liegt. Wenn sie ‘Juden! Juden!’ oder ‘Superjuden!’ rufen, geht es ihnen darum, ihr Team anzufeuern – um nichts anderes.”

Dass diese jüdischen Parolen ab den siebziger Jahren antisemitische Äußerungen hervorriefen, verstärkte nur den Stolz der Fans, so dass vor allem die Hooligan-Vereinigung F-Side das jüdische Image von nun an demonstrativ aufnahm und propagierte. Es entstand eine Art Teufelskreis, der bisweilen beängstigende Züge annimmt. So stimmte ein Spieler von ADO Den Haag 2011 nach einem unverhofft gegen Ajax gewonnenen Spiel bei internen Feierlichkeiten das Lied „Wir gehen jetzt auf Judenjagd“ an, das sich schnell seinen Weg in die Netzwelt bahnte. Der „Lex“ genannte Publikumsliebling Alexander Immers wurde daraufhin für vier Spiele gesperrt und musste einmailg auf ein Zehntel seines Gehalts verzichten. Das jedoch scheint die Gegner des Vereins nicht von Szenen abzuhalten, wie sie Moritz Herrmann im Online-Fußballmagazin 11 Freunde beschreibt:

„Die Auswärtsfahrten des Vereins werden begleitet von vielstimmigem Zischen der gegnerischen Fans in Anlehnung an die Gasduschen der Konzentrationslager, von Gesängen wie ‘Adolf, hier laufen noch elf, wenn du sie nicht vergast, tun wir es selbst’ oder, am weitesten verbreitet, ‘Hamas, Hamas, Juden ins Gas’. Oft wogt der gegnerische Fanblock im Kollektiv auf und nieder, dazu blökt es, wer nicht hüpfe, sei ein Jude. Ich kann nicht beschreiben, was in solchen Momenten in mir vorgeht’, rang auch Uri Coronel kürzlich um Fassung. Der Vorsitzende von Ajax Amsterdam, dessen Eltern den Holocaust überlebten, hatte sich beim Auswärtsspiel in Rotterdam einen Weg durch hunderte, zum Hitlergruß gereckte Arme bahnen müssen.“

Die Fans von Tottenham Hotspur im Norden Londons, wo sich seit dem späten 19. Jahrhundert viele Juden ansiedelten, haben eine ähnliche Entwicklung hinter sich. Der Club war durch seine Lage an der White Hart Lane von seiner Gründung 1882 an stets von einer ausgeprägt jüdischen Fankultur gekennzeichnet – weil er einen besseren Ruf hatte als West Ham United und Arsenal London und zudem vom East End mit dem Zug besser zu erreichen war als das näher gelegene Stadion von West Ham. Auch hier kam es im Zuge einer größeren Gewalt- und Rassismuskrise des englischen Fußballs ab den siebziger Jahren zu antisemitischen Ausbrüchen und so machten sich auch die Fans der „Spurs“ die jüdische Identität zu eigen: Sie nannten sich die „Yid Army“ und nutzten damit einen – wie das Wort “Nigger” – als diffamierend geltenden Ausdruck mit einer wenig ruhmreichen Geschichte: Die British Union of Fascists (BUF) von Oswald Mosley, eine faschistische Partei aus dem England der dreißiger Jahre, machte damals mit „Down with the Yids“- Rufen und -Schmierereien die Straßen des Londoner East Ends unsicher.

Eben in dieser gewagten Wortwahl besteht der Unterschied zu den Fans des niederländischen Spitzenclubs. Der englische Fußballverband warnte deswegen Anfang September die Tottenham-Anhänger vor einer weiteren Benutzung des besagten Schimpfwortes. Diese stelle eine Straftat mit zu erwartenden rechtlichen Konsequenzen dar – selbst wenn Fans damit nur sich selbst antisemitisch beleidigten.

Doch die englischen Fans wollen sich nichts verbieten lassen und so schallte es an den darauffolgenden Spielen ein „We sing what we want“ durch die Ränge. Für sie handelt es sich nicht um Antisemitismus, sondern um Stolz auf die Identität ihres Vereins. In der Tat stellt sich die Frage, inwieweit es möglich sein wird, eine gesamte Fan-Kultur umzupolen und mit diesem Vorgehen auf Verständnis zu hoffen.

Auf der einen Seite gibt es, wie Kit Holen am Mittwoch für Zeit Online kommentierte, einen Unterschied zwischen dem Spurs-Fan, der sich „Yiddo“ nennt, und dem West-Ham-Anhänger, der „Hitler kommt, er sucht nach dir“ schreit. Sind antisemitische Äußerungen auch dann antisemitisch, wenn derjenige, aus dessen Mund sie kommen, damit keine Judenfeindschaft verbindet, sondern sie im Gegenteil mit Stolz auf sich selbst bezieht? Befürworter dieser Argumentation haben Premierminister David Cameron auf ihrer Seite, der zu der Problematik verlauten ließ: “Es gibt einen Unterschied zwischen dem Begriff als Selbstbezeichnung von Spurs-Fans und dem als Beleidigung. Hassrede ist strafbar, aber nur, wenn sie von Hass motiviert wird.”

Auf der anderen Seite steht die bizarre Tatsache, dass die meisten Ajax- sowie Tottenham-Fans keinerlei Verbindung zur jüdischen Gemeinschaft aufweisen können und somit die sensible Geschichte des jüdischen Volkes leichtfertig für eigene Zwecke benutzen. Zeit Online zitiert einen jüdischen Tottenham-Fan mit den Worten: “Für mich gibt es keine Verbindung zwischen meiner Identität als Spurs-Fan und meiner Identität als Jude. Unsere Fans haben nicht das Recht, den Begriff für sich zu beanspruchen.“ Seiner Ansicht nach ist sich der Großteil der Stadionbesucher nicht bewusst, dass es um Rasse geht. Vielmehr handelt es sich um ein „Rollenbild, die sich verselbstständigt hat“ und dem jede Grundlage fehlt, so Moritz Herrmann.

Und genau hier liegt die Schwierigkeit bzw. eine gefährliche Unvorsichtigkeit. Denn das Problem sind nicht in erster Linie die enthusiastischen Fans und ihre grenzwertigen Wortwahl an sich, sondern die Reaktion, die letztere provoziert. Die immer wiederkehrende Betonung einer jüdischen Schein-Identiät führt zu Gegenparolen, die eben diese auf- und angreift und Antisemitismus vom Feinsten bietet. Im Stadion ein „Kommt, wir gehen auf Judenjagd“ anzustimmen ist eine eindeutige Grenzüberschreitung – egal, ob man damit Juden oder „nur“ vom Judentum weit entfernte Fußballspieler im Sinn hat. Deshalb ist das Argument „Wenn der Philosemitismus aufhört, hört auch der Antisemitismus auf“ ein bedenkenswertes, vor allem wenn es sich beim proklamierten Philosemitismus der Fans um einen in keiner Hinsicht ernst gemeinten handelt.

Sobald offenkundige antisemitische Äußerungen, Gesänge und Verhaltensweisen das sichtbare Ergebnis einer unreflektierten und plakativen jüdischen (Schein-)Identität werden, ist es an der Zeit, den Schutz von Minderheiten über die zu Unterhaltungszwecken dienenden Traditionen zu stellen und das, was Woche für Woche in den Stadien passiert, nicht länger zu bagatellisieren. So herausfordernd und langwierig dieser Prozess auch sein mag.

(jp)

  Quellen:
http://www.11freunde.de/artikel/zur-juedischen-symbolik-bei-ajax-amsterdam
http://www.spiegel.de/sport/fussball/juedische-identitaet-bei-tottenham-hotspur-und-ajax-amsterdam-a-925333.html
http://www.zeit.de/sport/2013-10/tottenham-hotspur-schimpfwort-yid
http://www.thejc.com/news/uk-news/111511/david-cameron-yid-not-hate-speech-when-it%E2%80%99s-spurs
http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/uebersicht/verliert-die-yid-army-ihren-namen-1.18157979