Der 3. Israelkongress des Christlichen Forums für Israel (CFFI)

Gute und kontrovers-theologische Impulse aus Berlin

Während zur gleichen Zeit an der FTH die Israelwoche durchgeführt wurde, besuchten wir den dritten Israel-Gemeinde-Kongress in Berlin, welcher vom 8. bis zum 10. November statt-fand. Der Veranstalter war das Christliche Forum für Israel (CFFI) Deutschland. Durch die Vorträge der Konferenz sollten besonders zwei prägnante Fragen beantwortet werden: „Was bedeutet es für Christen, dass Israel und die Gemeinde Gottes Licht in die Welt reflektieren sollen und welche Konsequenzen zieht das nach sich?“. Zur Klärung dieser breit gefächerten Fragen wurden die verschiedensten Redner zum Kongress geladen. Darunter waren bei-spielsweise der Theologe und Journalist Johannes Gerloff, der Knessetabgeordnete Yehuda Glick und der Leiter eines Lehr- und Missionsdienstes in Israel Peter Tsukahira.

Am ersten Tag wurde nachmittags zunächst mit viel Lobpreis begonnen und einem Grußwort von Gottfried Bühler, welcher der Leiter von ICEJ Deutschland ist, und von Harald Eckert, dem Leiter von „Christen an der Seite Israels“ in Deutschland. Beide machten direkt auf unmissverständliche Weise deutlich, dass das heutige Israel ein zentraler Teil des Heilsplans Gottes sei und sich durch dessen Staatsgründung im Jahre 1948 und sein Fortbestehen viele Prophetien des Alten Testament erfüllt hätten. Diese Tatsache müssten die Christen verstehen und aus diesem Grund müssten sie mit allen Bestrebungen diesen Staat, diesen Plan Gottes, unterstützen.

Am späten Nachmittag sprach dann nun Yehuda Glick, ein Abgeordneter der Likud-Partei im israelischen Parlament und orthodoxer Rabbiner. Zunächst drückte er seine Freude über die Tatsache aus, dass das heutige Problem für das jüdische Volk lediglich eine „Ein- oder Zwei-Staaten-Lösung“ darstelle und nicht wie vor 75 Jahren die „Endlösung“. Während des Kongresses werde die Liebe für die Juden tausend Mal stärker verkörpert, als der damalige Hass gegen sie. Er merkte an, dass heutzutage ein Problem beim Bibellesen bestehe (aus unserer Perspektive kann er nur das Alte Testament gemeint haben). Der in der Bibel beschriebene Exodus stelle lediglich nur „Peanuts“ dar, im Vergleich zum heutigen Exodus, der Rückkehr der Juden nach fast 2000 Jahren aus der ganzen Welt nach Israel. Solch eine Aussage ist je-doch mit Vorsicht zu genießen, denn sie relativiert die Größe des Exodus in der Bibel und es ist schwer zu beurteilen, ob beide Ereignisse gegeneinander gewichtet werden können.

Zusätzlich merkte er an, dass die Zahl 70 in der Bibel immer über die Beziehung zwischen Juden und Heiden spreche. Somit sei es kein Wunder, dass 70 Jahre nach der Staatsgründung Israels die Welt beginne, Jerusalem als die Hauptstadt des jüdischen Staates anzuerkennen. Mit „der Welt“ kann er neben den USA nur noch einige wenige andere Staaten gemeint haben. Zudem hatte Russland bereits im Jahr 2017 West-Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt. Jerusalem sei der „Heilige Palast“ Gottes, es sei somit nichts Politisches, sondern eher offensichtlich, dass die Welt diese Stadt, als das Zentrum Israels anerkenne. Gott habe gesagt, dass auf dem Tempelberg immer seine Gegenwart sein werde.

Den heutigen Tourismus nach Jerusalem bezeichnete er als die Erfüllung von Jesaja 2,2-3, und Jerusalem gehöre nicht lediglich einer Person oder einer Religion, sondern dem Gott aller Nationen. Gott sei nicht exklusiv, sondern inklusiv, und er beinhalte alles (an dieser Stelle verzichten wir darauf dies theologisch zu kommentieren). Als etwas ebenfalls Besonderes betrachtete er die „Tatsache“, dass Netanjahu heutzutage das einzige Staatsoberhaut der Welt sei, welcher mit allen anderen Staatsoberhäuptern sprechen könne, selbst mit den Führern von Saudi Arabien oder dem Oman. Diese Aussage ist bei näherem Hinsehen ungenau oder zu pauschal. Es ist zwar so, dass Netanjahu mit den Oberhäuptern von dem Oman und Saudi-Arabien Gespräche führen kann, jedoch nicht mit Assad in Syrien oder beispielsweise den Führern der islamischen Republik Iran und vielen anderen arabischen Staaten. Zugleich führte er an, dass der israelische Präsident der Einzige auf der Welt sei, welcher gleichzeitig mit dem russischen Präsidenten und dem amerikanischen Präsidenten sprechen könne und diese treffen könne. Auch das ist nicht ganz richtig. Beispielsweise pflegen der türkische Präsident Erdogan oder der chinesische Präsident Xi Jinping ebenfalls regelmäßige Beziehungen mit Washington D. C und Moskau. Im Vortrag erzählte er immer wieder über den Anschlag, welcher vor etwa vier Jahren in Jerusalem auf ihn verübt wurde.

Yehuda Glick schloss seinen Vortrag damit, dass er den Kongress als einen Beweis betrachte, dass Gott ein Gott der Harmonie sei, wenn Juden und Heiden 80 Jahre nach der Reichskristallnacht in Berlin zusammen kommen könnten, um Gott zu loben.

Am Abend sprach Peter Tsukahira. Er ist ein japanisch-stämmiger US-Amerikaner, welcher seit sehr langer Zeit in Israel lebt und dort der Gründer und Leiter des Missionswerkes „Or HaCarmel Ministry Center“ ist. Der Titel seines Vortrags war „Gottes Tsunami – Prinzipien der Ausbreitung des Reiches Gottes“. Was diese Begrifflichkeit mit dem Inhalt seiner Rede zu tun hatte, war nach seinem Vortrag nicht ganz ersichtlich, hatte es wohl mit einem von ihm verfassten Buch zu tun.

Er sei oft in Asien auf Reisen. Dort wüssten die Christen wenig von der Substitutionslehre und dies sei auch gut so. Zu tun habe das aber damit, dass sie leider zu wenig Kenntnis über die Kirchengeschichte besäßen. Hauptsächlich sei er in Israel tätig. Dort würden die offiziellen Führungskräfte des Landes immer wieder hervorheben, dass evangelikale Christen die größten Unterstützer Israels seien. Tsukahira meinte, dass dabei Jesus für die Evangelikalen nie ein ungewollter Gast sein dürfte. Diesbezüglich dürften sie nicht einfach nur an der Seite Israels stehen, sondern insbesondere an der Seite des Messias. Das ist wahrscheinlich nicht als eine Kritik an einem ‚Israelfanatismus‘ unter Christen zu verstehen, sondern lediglich als ein „Aufmerksammachen“ im Hinblick auf die jüdisch-messianische Identität Jesu.

Er sprach ebenfalls über die Kontextualisierung des Evangeliums. Diese sei notwendig gewesen, als das Evangelium aus Israel hinaus an die Nationen ging. Nun jedoch komme das Evangelium wieder nach Israel wieder zurück und das in seiner ‚ursprünglichen‘ Form. Das ‚originale‘ Evangelium komme zum Vorschein, wenn es für Juden kontextualisiert wird. Diese Aussage ist ein wenig widersprüchlich und sollte mit Vorsicht betrachtet werden. Es stimmt zwar, dass in der Mission immer auf irgendeine Weise das Evangelium kontextualisiert wird. Wenn jedoch von einer originalen Form des Evangeliums im Judentum gesprochen wird und davon, dass es nicht mehr seine Grundform besitzt, wenn es unter den Nationen verkündigt wird, dann werden theologische Weichen gestellt, die nicht der Intention der neutestamentlichen Schriften entsprechen dürften. Denn es gibt nur ein einziges, wahres und originales Evangelium. Dieses Evangelium gilt im gleichen Maße für die Juden, als auch für alle anderen Völker. Qualitativ und inhaltlich darf und kann nicht zwischen zwei Varianten unterschieden werden. Die Größe dieser einen Heilsbotschaft Gottes ist doch vor allem diese, dass sie nicht nur den Juden gilt, sondern allen Menschen, aus allen Nationen und dies im gleichen Maße.

Tsukahira sprach weiter darüber, dass das Reich Gottes nicht erst mit Jesus im NT anfange. Es beginne nicht erst im Matthäusevangelium in Kapitel 4, sondern es beginne mit dem Volk Israel. Das Reich Gottes habe seinen Anfang gefunden, als das Volk Israel aus Abraham er-schaffen wurde. Diese These allerdings gilt theologisch als weithin umstritten oder sogar als Irrtum bzw. als eine unscharfe Verwendung dessen, was denn – je nach biblischem Kontext – „Reich Gottes“ sein soll. In der Kirchengeschichte sei das Reich Gottes entweder „vergeistlicht“ oder auf religiöse Motive minimiert worden. Das Paradigma für das Reich Gottes sei jedoch Israel. Dabei meint Tsukahira aber nicht einfach nur ein geistliches Israel, sondern die Nation und das jüdische Volk auf der Erde.

Eine ähnliche Ansichtsweise vertrat Johannes Gerloff in seinem Vortrag am 10. November. Wie diese Ansichtsweise aber mit dem Kapitel Neun aus dem Hebräerbrief zusammenpasst ist fraglich. Die theologische Begründung blieb in beiden Fällen oberflächlich und nicht wirklich überzeugend. In der gesamten Kirchengeschichte hätten die Kirchenväter und die Reformatoren diese Tatsache nicht begriffen, nämlich, dass nicht die Kirche das Reich Gottes sei, sondern die Nation und das Volk Israel. Mit der Staatsgründung Israels vor 70 Jahre sei das Reich Gottes auf der Erde wieder vorhanden. Diese Tatsache sei größer als die Reformation und sie müsse die heutige Kirche verändern.

Es ist theologisch anstößig, dass das Reich Gottes lediglich auf den irdischen Staat Israel reduziert werde und somit wohl annähernd 2000 Jahre auf der Erde nicht vorhanden gewesen sei. Solche Thesen sind von der Bibel her exegetisch und theologisch schlichtweg nicht halt-bar. Darin überzeugten die Beiträge nicht.

Am zweiten Tag des Kongresses wurden mehrere Organisation vorgestellt, welche Juden in Israel selbst oder in anderen Teilen der Erde unterstützen oder zum Ziel haben, ihnen das Evangelium Jesu zu bezeugen. Stephan Lehnert, ein Leiter von ICEJ-Deutschland, sprach über Zusammenhänge der heutigen Alija-Bewegung (Rückkehr der Juden nach Israel). Es wurde erneut unterstrichen, dass Gott eine große Liebe zu Israel habe und dass das, was heute passiere, größer sei, als der Exodus des jüdischen Volkes aus Ägypten. Der Sprecher wollte klar stellen, dass die Worte aus Jesaja 11:11,12 und Hesekiel 28:25,26 nicht bereits mit der Rück-kehr des jüdischen Volkes aus der babylonischen Gefangenschaft erfüllt worden seien. Er fügte weitere Stellen an, welche die heutige Alija-Rückkehrbewegung vorhersagen würden, wie zum Beispiel Jeremia 23:7,8 und Jesaja 60:4,5. Das Ermutigende daran sei, dass wir als Christen heutzutage darüber nicht nur staunen dürften, sondern wir auch aktiv, beispielsweise durch praktische finanzielle Unterstützung für die zurückkehrenden Juden, daran beteiligt sein könnten. Auch im Neuen Testament könne von einer Unterstützung der Christen für die Juden gelesen werden, wie beispielsweise 2. Korinther 8:9 eine Geldsammlung für Juden in Jerusalem beschreiben soll. Auf gleiche Weise stünden die heutigen Christen auf der ganzen Welt in der Pflicht, Gottes Plan der Rückführung der Juden nach Israel zu unterstützen. Die These ist allerdings nicht wirklich überzeugend, ja, sogar insgesamt theologisch fragwürdig, da ihr der sachgerechte exegetische Unterbau zur Begründung fehlt.

Es wurden während des Kongresses christliche Dienste vorgestellt, welche verarmte Holocaust-Überlebende im Ausland unterstützen. Juden würden zudem auch mithilfe der ‚Jewish Agency‘ nach Israel gebracht werden. Dort werde von einigen Organisationen Integrationsunterstützung betrieben, denn die Integration sei nach der Alija-Rückführung eine der größten Schwierigkeiten für die in Israel fremden Juden. Dabei definiere der israelische Staat die Integration mit den folgenden drei Parameter: Sprache, kulturelle Zugehörigkeit und Arbeitsplatzperspektive.

Am Abend des 9. Novembers wurde ein öffentlicher Gedenkabend zu dem Anlass ‚80 Jahre Reichspogromnacht‘ veranstaltet, wozu einige Holocaustüberlebende eingeladen wurden. Dieser Abend wurde andächtig gestaltet. Er kann mit Recht als ein Höhepunkt der Konferenz bezeichnet werden. Siegbert Aron und Franz Michalski, zwei Holocaustüberlebende, wurden über den Abend hinweg näher zu ihrem Leben interviewt. Den Zuhörern bot sich ein äußerst wertvoller Einblick in ihr Leben. Insbesondere ihre Kindheitserinnerungen an die Zeit des Dritten Reichs waren eindrücklich. Ihre Erzählungen vergegenwärtigten die schreckliche Realität des damaligen Judenhasses und die daraus resultierende Judenverfolgung unter den anwesenden Gästen. Franz Michalski wurde mit seiner gesamten Familie während des Holocausts von verschiedenen deutschen Bürgern versteckt, und alle Angehörigen seines engeren Familienkreises konnten auf diese Weise überleben. Siegbert Aron und sein Vater wollten zunächst in die USA flüchten. Dort wurde jedoch der Asylantrag abgelehnt mit der Begründung, der Vater sei ein polnischer Bürger und es seien bereits genügend Polen in diesem Jahr in die Vereinigten Staaten emigriert. Dass der Vater jedoch kein Wort polnisch sprach, blieb damals unberücksichtigt. Alsdann flüchteten sie nach China, in die Stadt Shanghai. Nachdem der Krieg vorüber war, lebte er eine kurze Zeit in den USA, und bevor der jüdische Staat ausgerufen wurde, zog es ihn nach Israel. Dort musste er unmittelbar in der israelischen Luftwaffe dienen, als 1948 der israelische Unabhängigkeitskrieg ausbrach.

Die Erzählungen aus den Leben dieser beiden Zeitzeugen waren äußerst erschütternd und zugleich auch aufrüttelnd. Das Plädoyer bleibt: Nie wieder! Heutzutage muss deshalb jeglicher Form von Antisemitismus entschieden entgegen getreten und auf das Schärfste verurteilt werden. Angesichts dieser Berichte und antisemitischer Vorkommnissen, auch über die deutschen Grenzen hinaus, ist es nicht verwunderlich, dass Juden aus der ganzen Welt nach Israel emigrieren mussten und sie das noch immer tun. Für Juden gab es während der Zeit des Dritten Reiches kaum sichere Zufluchtsorte, geschweige denn ein eigenes sicheres Land. Daher ist es unser aller Pflicht keine Formen von Judenhass in unserem Land und auch anderswo zu dulden, sowie eine sich nach Israel (als Heimat) sehnende Haltung von Juden vorbehaltlos anzuerkennen. Es mag nicht alles im Verhalten und Reagieren des israelischen Staates vorbildlich sein, allerdings ist der „Judenstaat Israel“ auch ein Ergebnis jahrhundert-langer Verfolgungen (Pogrome) von Juden auf der ganzen Welt und besonders in Russland, Polen und in Deutschland. Diese Tatsache darf bei den Diskussionen nicht übersehen werden.

Am 10. November, dem letzten Tag der Konferenz, hielt unter anderem Johannes Gerloff einen Vortrag mit dem Titel „Das Reich für Israel – Bibelarbeit zu Apg. 1:6-8“. In der vorliegenden Bibelstelle (Apg. 1:6-8) wurde Jesus von den Jüngern gefragt, ob Jesus in dieser Zeit das Reich für Israel wieder aufrichte. Calvin habe diese Stelle mit den Worten kommentiert, dass in der Frage der Jünger mehr Irrtümer vorhanden seien, als Worte. Laut Gerloff habe Calvin mit diesem Kommentar die Worte Jesu verunehrt. Dies begründete er damit, dass Calvin mit seiner Aussage behaupten würde, dass Jesus Menschen ausgewählt habe, die keine Ahnung über den wahren Zustands Israels gehabt hätten. Das jedoch sei nicht vorstellbar, so Gerloff. Er erläuterte, was diese Frage zur Zeit der Jünger bedeutet habe. Zur Klärung konzentrierte er sich auf das griechische Wort „ἀποκαθιστάνεις“, welches an dieser Stelle „wiederherstellen“ bedeute. Es sei dasselbe Wort, welches Petrus in Apg. 3,21 benutze. In den Bibelstellen Jer. 16:15,16 / 23:8 / 24:6 würde dieser Begriff ebenfalls auftauchen. Bei diesem Wort handele es sich um einen sogenannten „Terminus technicus“, welcher die „Wiedereinführung des jüdischen Volkes in das jüdische Land“ beschreibe. Daher sei es im ersten Kapitel der Apostelgeschichte ein für die Jünger bekannter Kontext gewesen. Solch eine „Blindheit“ für die Tatsache der Wiederherstellung Israels, so Gerloff, ziehe sich durch die gesamte Kirchengeschichte hindurch, und auch alle Reformatoren hätten sie vertreten.

Im Matthäusevangelium verbiete Jesus die Heidenmission, und Gerloff stellte klar, dass Jesus nur der König von Israel sei und nicht die so wörtlich: „Problemmutter der gesamten Welt“. Jesus sei zunächst nur der König Israels. Auf die Frage, weshalb er die Jünger beauftragte, hinaus in die Welt zu gehen, antwortete der Redner, dass die Jünger zunächst nicht wissen sollten, was mit Israel sei, sondern zuerst den Nationen das Evangelium verkündigen mussten. Gott habe ihnen, den Juden, die Augen und Ohren verschlossen. Dies sei der Grund weshalb Paulus während seiner Mission immer zunächst mit den Juden geredet habe, und nachdem diese das Evangelium abgelehnt hätten, er dann erst zu den Heiden gegangen sei.

In Jesaja 49:1-6 werde darüber gesprochen, dass Israel, das jüdische Volk, nicht gesammelt werde. Es sei eine inkorrekte Übersetzung, dass dort in den heutigen Übersetzungen stehe, dass Israel zu Gott hin gesammelt werde. Diese Sammlung geschehe nämlich zunächst nicht, damit die anderen Nationen Gottes Heilsbotschaft glauben könnten. Wenn wir diese Stelle heutzutage nicht korrekt übersetzen würden, nämlich dass Israel zunächst nicht gesammelt werde, dann verstünden wir das Kreuz nicht. Als weitere Begründung zog Gerloff Römer 11:11 heran. Dies sei der Grund, weshalb Jesus im ersten Kapitel der Apostelgeschichte den Jüngern antwortete, dass es in diesem Moment nicht an der Zeit sei, zu wissen, wann Gott Israel wieder aufrichte, sondern dass zunächst den Heiden das Evangelium verkündigt wer-den müsse.

Gerloff schloss damit ab, dass Jesus im Lukasevangelium 19:41-44 tatsächlich darüber weinen würde, dass die Kirche über die Juden in ihrer gesamten Geschichte spotten werde. Ebenfalls behauptete er, dass die Bibel keine platte Dogmatik hergebe, so wie es die Mehrheit der Kirche glaube und dass wir Christen nicht zum Vorrausschauen und zum Sinnen über Dogmatik berufen seien, sondern zur Nachfolge.

Die heutige Theologie erkläre ebenfalls die Verbindung zwischen dem Land und dem Volk Gottes als unbedeutend. Diese Theologien würden dadurch den Namen Gottes entehren. Wieso das so sein soll, wurde nicht stichhaltig begründet. Das Referat wurde mit den Worten geschlossen, dass nun endlich nach etwa zwei-ein-halb Tausend Jahren die meisten Juden auf der Welt wieder in Israel leben würden. In der Zwischenzeit, als das „Volk Gottes“ sich nicht in seinem Land befand, sei Gott entheiligt worden: „Jeder Jude, der nicht im Land Israel wohnt, entheiligt Gott“. Diese Aussage empfand ich als Zuhörer erstaunlich überstürzt, da doch am Abend zuvor zwei Holocaustüberlebende über ihre Schreckenserlebnisse gesprochen haben und diese Überlebenden heute in Deutschland leben, eben nicht in Israel. Mit solchen Worten indirekt zu behaupten, dass diese Holocaustüberlebenden mit ihrer Entscheidung, ein Leben in Deutschland zu führen, Gott entehren würden, ist in meinen Augen als mehr als gewagt zu bezeichnen.

In Berlin-Mitte wurde am letzten Tag der Kongress mit einer öffentlichen Kundgebung gegen Antisemitismus und für ein Israel mit Jerusalem als Hauptstadt abgeschlossen. Nach den antisemitischen Vorkommnissen in Berlin, von welchen in letzter Zeit immer wieder zu hören war, setzte diese Aktion ein wichtiges Zeichen. Dieses Aufmerksam-Machen auf die heutige Israel- und Judenfeindlichkeit war ein sehr positiv zu bewertender Bestandteil des Kongresses. In der heutigen Christenheit scheint eine solch entschiedene Haltung gegen Formen des Anti-Israelismus und Anti-Semitismus in Vergessenheit geraten. Das muss sich ändern.

Leider waren nach meiner Einschätzung nicht alle theologischen Aussagen in den Vorträgen des Kongresses überzeugend oder objektiv nachvollziehbar. Die Bedeutung des Bundesvolkes Israels wie auch die Verknüpfung mit dem Staat Israel bilden für die christliche Theologie besonders wichtige Bausteine. Wenn diese Bausteine jedoch auf der anderen Seite zu sehr überbewertet werden, man sie zum Zentrum der Theologie hochstilisiert, so dass sie beinahe wichtiger erscheinen, als das Evangelium selbst, dann verklärt man die Bedeutung dieser theologischen Bausteine. Dadurch wird das gesamte Bild einer biblisch gegründeten Heilsgeschichte Gottes verzerrt. Dieser Gefahr sollte man sich stets bewusst sein, wenn es darum geht, die Bedeutung Israels wieder weiter in das Blickfeld der heute betriebenen christlichen Theologie zu rücken.

Sich über das aktive messianisch-jüdische Leben in Deutschland zu informieren, das ist etwas, das sich sehr lohnt. Deshalb fahren auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Israel-Instituts in Gießen immer wieder zu messianisch-jüdischen Konferenzen und Veranstaltungen, einfach deshalb, um am Puls dieser Bewegung zu bleiben. Von einer dieser Konferenzen, die Ende des letzten Jahres in Berlin stattfand, soll hier berichtet werden:

Mahnmal, Berlin

Vom 09.-11.11.17 fand in Berlin zum vierten Mal die Jüdisch-Messianische Israelkonferenz statt. Das zum Jahrestag der „Reichspogromnacht“ sehr passende Thema war „Unterwegs zur Versöhnung“. Ausgerechnet die Nacht, in der die Diskriminierung der Juden unter dem National-Sozialistischen Regime zu systematischer Verfolgung umschwenkte und damit als ein Sinnbild des Leidens der Juden unter einer antisemitischen Gesellschaft agiert, sollte 79 Jahre später den Anlass zu einer Konferenz bieten, die sich mit den noch heute vorliegenden Konsequenzen dieser Zeit beschäftigte.

In einer einführenden Ansprache von Wladimir Pikman, Leiter des jüdisch-messianischen Evangeliumsdienstes „Beit-Sar-Shalom“, wurde das Problemfeld des Konferenzthemas aufgezeigt. Nachdem er mit dem bereits erwähnten historischen Ereignis am 9.11. seine Rede eingeleitet hatte, kam er zur begrifflichen Unterscheidung zwischen Versöhnung und Vergebung. Während Versöhnung den emotionalen Bereich betreffe, befasse sich Vergebung mit dem moralischen Aspekt. Jeder Versöhnung müsse eine Vergebung vorausgehen. Andersherum ausgedrückt sei eine emotionale Versöhnung ohne den moralischen Unterbau der Vergebung unmöglich.

Pikman differenzierte im Folgenden zwischen drei verschiedenen Ebenen der Vergebung.

Um auf der ersten Ebene Vergebung und anschließende Versöhnung zu erlangen, müsse der Schuldige den ersten Schritt tun. Der Täter könne Buße tun und seine Schuld durch eine Ersatzleistung begleichen. Beim Opfer liege es nun daran, diese Buße des Täters zu akzeptieren.

Als zweite Ebene der Vergebung benannte der Redner das „Slicha“ (סליחה). Das „Slicha“ werde gebraucht, wenn der Täter seine Tat nicht einfach so durch Ersatzleistungen begleichen könne. Dieser Vergebungsprozess gehe nicht vom Täter, sondern vom Opfer aus. Das Opfer solle den Täter akzeptieren. Im zwischenmenschlichen Bereich bedeute dies, dass das Opfer anerkenne, dass jeder einmal Fehler mache und keiner fehlerlos sei. Es werde also nicht am Idealbild festgehalten, sondern die „sündige Natur“ werde akzeptiert.

Abschließend sei die dritte und höchste Ebene der Vergebung, das „Kaparah“ (כפרה). Gemeint ist, dass die Sünden zugedeckt und keine Auswirkung mehr haben. Auf zwischenmenschlicher Ebene sei dies allerdings undenkbar. Jeder begangene Fehler habe Auswirkungen auf einen selbst oder seine Umwelt (Folgen und Konsequenzen) und kein Mensch sei in der Lage, diese rückgängig zu machen. Deshalb könne das „Kaparah“ nur von Gott ausgesprochen werden. Das „Kaparah“ stelle die ultimative Form der Vergebung dar.

Nach der Auffassung des Referenten gebe es bis jetzt noch keine Möglichkeit von Seiten der Juden, den Gräueltaten der Christen zu vergeben. Eine Schwierigkeit dabei sei auch die ausgeweitete Problematik. Speziell im Hinblick auf die deutschen Christen sei es schwierig, da sie nicht nur den judenfeindlichen Teil der Kirchengeschichte, sondern auch ihre Nationalsozialistische Vergangenheit betreffe. Die drei verschiedenen Ebenen der Vergebung seien einfacher auf einzelne Vergehen bestimmter Mitmenschen anzuwenden, allerdings müssten an dieser Stelle zwei Völker bzw. Nationen miteinander versöhnt werden. Die dritte Ebene, also das „Kaparah“ sei von vornherein auszuschließen, da es zwischenmenschlich nicht anwendbar, sondern allein Gott zu diesem Akt in der Lage sei. Die zweite und erste Ebene seien bis jetzt nicht benutzt worden, da sich die Christen nicht einheitlich zusammengestellt und Buße getan hätten, [… was angesichts der konfessionellen Vielfalt auch nicht zu erwarten ist über das hinaus, was bereits seit der Nachkriegszeit an Bußbekenntnisses einzelner Kirchenbünde vollzogen wurde, Anm. d. Verf.].

Nach dieser einleitenden Rede wurde durch eine Podiumsdiskussion der Aspekt „Theologie der Versöhnung“ aufgegriffen. Mit kurzen Ansprachen stellten fünf Referenten den theologischen Unterbau der Versöhnung zunächst aus verschiedenen Blickwinkeln vor, bevor anschließend über vom Moderator und dem Publikum gestellte Fragen diskutiert wurde. Eingegangen wurde auf die rabbinische, katholische und evangelische Sichtweise. Außerdem wurde die alttestamentarische Grundlage und als Extra-Punkt die jüdisch-messianische Sichtweise aufgegriffen.

Den Anfang machte Magnus Großmann mit der Präsentation der rabbinisch-jüdischen Sicht.

Der Ansatz zur Versöhnung aus rabbinischer Sicht lasse sich bei der Versöhnung zwischen Gott und Mensch finden. Wie auch im Christentum gebe es im rabbinischen Judentum ein Metamodell, an dem sich erkläre, warum und wie Vergebung zwischen Gott und dem Menschen nötig sei und wie sie funktioniere. Das Christentum mit seiner Erklärung der Herkunft der Sünde durch den Sündenfall und der Aussühnung durch den Kreuzestod Jesu Christi ist den meisten wohl recht vertraut, allerdings vertrete das rabbinische Judentum eine andere, recht abstrakte Grundlage.

Die Existenz von Leid und Schuld erklären die Rabbiner in der Kabbalah (jüdische Mystik) mit Schivrat ha-Kelim (שבירת הכלים) („Das Zerbrechen der Gefäße“). Gott habe bei der Schöpfung seine Herrlichkeit in „Gefäße“ gefüllt, die diese allerdings nicht aushalten konnten. Sie zerbrachen und so seien in seiner Schöpfung überall zerstreut Funken von seiner Herrlichkeit zu finden. Neben diesen göttlichen Funken sei die Welt im Umkehrschluss allerdings dunkel und finster.

Durch das Einhalten der Gesetze der Thora würden diese göttlichen Funken gesammelt werden, was wiederum zur Heilung der Welt führe. Das Ziel der Thora sei nämlich eine „Schalom-Kultur“. Betrachte man die Wurzelkonsonanten des Wortes „Schalom“ (שלם), so falle einem auf, dass sie die gleichen wie bei „bezahlen“ sind. Die sprachliche Verwandtschaft dieser beiden Begriffe bezeichne ein grundlegendes Prinzip, nämlich das, dass Frieden etwas koste. Beziehe man sich auf die alttestamentarische Aussage „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, so werde dies schnell deutlich. Die Aussage bedeute nämlich nicht, wie oft missverstanden würde, dass der gleiche Schaden, den man jemand anderen zugefügt hat, auch einem selbst zugefügt werde, sondern, dass man den zu Schaden gekommenen entsprechend des Verlustes entlasten müsse. Um Frieden wiederherzustellen, koste es dem Täter also entsprechend dem Schaden, den er dem Opfer zugefügt hat.

Nach diesem ersten Statement aus der rabbinisch-jüdischen Sicht, hielt Igor Swiderski als Zweiter eine Ansprache, bei der er sich auf die theologischen Grundlagen des Alten Testamentes konzentrierte.

Dabei ging er auf die vier unterschiedlichen Ebenen der Versöhnung ein. So müsse Versöhnung aus der Sicht des Individuums zum Schöpfer, zueinander (seinen Mitmenschen), zu der restlichen Schöpfung und zu einem selbst geschehen.

Im weiteren Verlauf seines Vortrages führte er vor Augen, dass Zerstörung immer schneller als Heilung geschehe und auch schon im Alten Testament immer mehr Konflikte als Zeiten der Versöhnung und Heilung vorhanden waren. Das Alte Testament liefere in dieser Situation ein vielschichtiges Opfersystem, das regelrecht als „Versöhnungsmaschine“ fungiere. Durch dieses System könne Schuld bekannt und bezahlt werden.

Als dritter Podiumsredner hielt Manfred Sester eine Ansprache zu den Ansätzen einer katholischen Theologie der Versöhnung.

Als erstes machte er dabei auf das Sakrament der Versöhnung als Grundstein der katholischen Theologie aufmerksam. Durch die Beichte, bei der die Leute ihre Sünden vor dem Priester bekennen, werde ihnen durch die Autorität des Priesters Vergebung zugesprochen.

Statue von Johannes Paul II

Während die persönliche Versöhnung mit Gott also auf der einen Seite sehr zentral sei, so würde die Versöhnung auf der anderen Seite besonders im Bezug zu den Juden und Israel vernachlässigt. Er bezeichnete die katholische Kirche, sich als Katholik natürlich miteingeschlossen, als regelrechte „Legastheniker“ in diesem Bereich. Erst durch das zweite vatikanische Konzil (1962 -1965) sei ein großer Schritt getan worden; es wurde zugunsten der Religionsfreiheit in der bürgerlichen Staatsordnung und für verstärkten Dialog mit Anders- und Nichtgläubigen entschieden, während den Katholizismus zuvor eine starke Abgrenzung von anderen Religionen und Kirchen geprägt hatte. Doch auch nach diesem Meilenstein kam es erst im Jahr 2000 dazu, dass Papst Johannes Paul II in seiner historischen Vergebungsbitte die Juden um Vergebung bat.

Als vierten Redner hatten die Veranstalter den evangelischen Pfarrer Hans-Joachim Scholz eingeladen, der die Ansätze einer evangelischen Theologie der Versöhnung darstellte.

Dabei griff er zunächst die Bemerkung von der einleitenden Rede zur „Bedeckung“ (כפרה) als höchste Form der Versöhnung auf. So bedecke Jesus als das Opferlamm aus christlicher Sicht nach alttestamentlichen Maßstab die Schuld.

Wie bauen evangelische Theologen darauf auf? Martin Luthers Ansichten können an dieser Sicht mit seiner Prägung des Begriffs vom „Fröhlichen Tausch“ wohl als grundlegend angesehen werden. Um diesen „Tausch“ in Anspruch zu nehmen, käme es auf die persönliche Bekehrung und nicht etwa auf die Taufe, die als allgemeiner Zuspruch zu verstehen sei, an. Im weiteren Verlauf des Vortrags fand sich noch einiges an Kritik gegenüber der Substitutionslehre, die Israel von diesem Erlösungsgeschehen ausgeschlossen habe.

Das Schlussplädoyer vor der Podiumsdiskussion hielt Wladimir Pikman, der einen Blick auf die jüdisch-messianische Sichtweise werfen wollte.

Sein Ansatz befasste sich mehr mit der Versöhnung zwischen Juden und Christen, bzw. zwischen messianischen Juden und Christen. Diese gehe allerdings nicht vom Menschen aus, sondern fange selbstverständlich bei Jesus an. Ins Zentrum seiner Ansprache rückte er dabei Epheser 2,11-22. Das Opfer Jesu vereine und versöhne. Er ist derjenige, der Frieden schaffe und zwei Teile zu einem Leib zusammenbringe.

Nachdem diese fünf Blickwinkel jeweils ihr eigenes Plädoyer zum Verständnis von Versöhnung beigesteuert hatten, wurden vom Publikum gestellte Fragen diskutiert. In diesem Dialog wurde eine Einigkeit über die meisten angesprochenen Themen deutlich. Beispielsweise wurde die Frage aufgeworfen, ob eine Annäherung des Christentums an das Judentum, beispielsweise durch die Verlegung des Sonntags auf den Sabbat, zur Versöhnung beitragen würde. Diese skurrile Frage wurde zügig mit einem „Nein“ beantwortet, schließlich würden sich die Juden vielleicht sogar verletzt fühlen, dass man sie ihres heiligen Tages berauben würde. Auch sonst würde es wenig Sinn machen, so ein Vorgehen in Erwägung zu ziehen, da auch aus theologischer Perspektive keine Notwendigkeit zu dieser Entscheidung gesehen werde.

Der nächste Tag wurde mit einem Vortrag zur „Theologie der praktischen Versöhnung“ von Guido Baltes eingeleitet.

Er kritisierte, dass Versöhnung oftmals eindimensional betrachtet werde. Entweder man konzentriere sich nur auf die Beziehung zwischen Gott und Mensch, wobei Versöhnung an dieser Stelle nur als „Erlösungsstrategie“ betrachtet werde, oder man schaue nur auf die Beziehung zwischen Mensch und Mensch, wobei es an dieser Stelle nur noch um „gute nachbarschaftliche Beziehungen“ gehe. Wahre Versöhnung solle allerdings eine Verknüpfung aus beidem darstellen. Das eine folge aus dem anderen.

Wie sollte das nun praktisch aussehen? Wir – so der Referent – sollten „Botschafter der Versöhnung“ werden. Dieses Thema wurde später noch einmal von dem Referenten Martin Fritzsch an anderer Stelle aufgegriffen und weitergeführt. Der erste Schritt, um Botschafter dieser Versöhnung zu werden, sei Schulderkenntnis, die einen zur Buße führen solle, die damit Versöhnung begründe. Diese dann erfahrene Versöhnung bringe Liebe aus dem zuvor dagewesenem Schmerz und Hass hervor. Diese neu geschaffene Liebe führe zur Weitergabe und damit zur Evangelisation, also das Auftreten als Botschafter der Versöhnung. Auf diese Weise solle aus der Versöhnung mit Gott die Versöhnung mit den Mitmenschen folgen.

In seinem Vortrag stellte er außerdem einen Exkurs in Form einer Betrachtung des Gleichnisses vom Verlorenen Sohn vor. Nach der Auffassung von Baltes verstünden viele Ausleger dieses Gleichnis falsch. Oft werde zwar ganz richtig der verlorene und der ältere Sohn als Metaphern mit Israel und den Nationen in Verbindung gebracht, meistens würden diese Rollen allerdings vertauscht. Er sehe vielmehr eine Anspielung auf die Geschichte aus der Tora, bei der Jakob und Esau sich nach langer Zeit wiedersehen und versöhnen. Jakob mit seinem neuen Namen Israel ist dabei derjenige, der ins verheißene Land zurückkehrt. Vor allem seine Aussage in 1. Mose 33,10 sei sehr beachtenswert: „Denn ich habe ja doch dein Angesicht gesehen, wie man das Angesicht Gottes sieht, und du hast Gefallen an mir gehabt.“ Damit symbolisiere Israel den verlorenen Sohn und die Nationen den älteren Sohn. Es liege an dem nichtjüdischen Teil des Leibes Christi, das Angesicht des Vaters, bei dem sie sich schon lange befinden, zu repräsentieren.

Neben dieser thematischen Abhandlung des Themas und kleineren Exkursen wurden Beispiele der praktischen Versöhnungsarbeit verschiedener Organisationen durch deren Vertreter gebracht. Unter anderem hoben die Redner die Wichtigkeit von diakonischer Hilfe und politischem Engagement hervor.

Betrachte ich die vierte „Jüdische-Messianische Israel-Konferenz“ im Rückblick, so habe ich vieles positiv, anderes jedoch auch als nicht besonders konstruktiv erlebt. Sehr beachtenswert fand ich die breit aufgestellte Auswahl der Redner. Um nicht nur eine einseitige Betrachtung des Themas vorliegen zu haben, wurden Evangelische aus der Landeskirche, Katholiken und Angehörige der Freikirchen sowie aus jüdisch-messianischen Gemeinden eingeladen. Gerade am ersten Abend war die Podiumsdiskussion mit den Ansprachen eines jeden Redners eine gute Idee, um die verschiedenen Blickwinkel darzustellen. Im weiteren Verlauf wurden für die Podiumsdiskussion allerdings häufig Redner mit ähnlichen oder gar gleichen Ansichten eingeladen, wodurch teilweise zwar noch durch unterschiedliche Expertise verschiedene Themenbereiche angesprochen wurden, sich der Dialog durch gestellte Fragen allerdings weniger interessant und gewinnbringend darstellte. Dennoch hat die Konferenz möglicherweise doch einige Menschen auf das Thema Versöhnung neu aufmerksam und ins Nachdenken darüber gebracht.

Da in jedem Kalenderjahr unterschiedliche messianisch-jüdische Tagungen, Konferenzen und Symposien in Deutschland abgehalten werden, soll mit diesem Bericht auch dazu eingeladen werden, sich selbst auf solchen Tagungen anzumelden, um sich ein eigenes Bild zu machen, wie das messianische Judentum sich theologisch, soziologisch und institutionell weiterentwickelt.

Simon Tielmann

Deutschland auf dem Weg in das „Tal der Entscheidung“

Harald Eckert

9. November 2013

In seinem Schlussvortrag greift Harald Eckert, Vorsitzender von „Christen an der Seite Israels e.V.“, das viel bewegte Thema der aktuellen Situation Deutschlands und der sich daraus ergebenden Verantwortung auf. Deutschland sei auf dem Weg in das „Tal der Entscheidung“ – was Eckert damit meint, ist zwar nach den vorherigen Vorträgen recht einfach zu schlussfolgern, macht er selbst aber durch eine ausführliche Vorrede deutlich:

Nach Lektüre der Endzeitworte Jesu vom Weltgericht (Mt 25,31ff.) folgt ein – sehr simplifizierter – geschichtlicher Abriss. Wie für viele andere Redner des Kongresses ist für Eckert die von Augustinus so extrem vertretene Ersatztheologie das Anfang vom Ende: Wegen ihr wurde die katholische Kirche zu einer Diktatur und Ideologie, die mit Gewalt das Paradies auf Erden durchsetzen wollte. Auch die Kreuzritter wären ohne diese Theologie nicht denkbar gewesen. Zu einfach darf man sich die geschichtliche Analyse allerdings nicht machen. Doch für Eckert ist klar: Weil auch Luther Augustinermönch war und letztlich die Kirche nicht nur zum Neuen Testament, sondern auch zu Augustinus hin reformiert habe, stand am Ende der Reformation der 30-jährige Krieg. Dieser wiederum habe die pietistischen Erweckungen des 17. Jahrhunderts hervorgebracht, die aufgrund ihrer Betonung der individuellen Erlösungsbedürfigkeit den Blick für das große Ganze verloren – so auch das Schicksal ganzer Völker (wie Deutschlands).

Es ist also laut Eckert auch das Erbe Martin Luthers, der mit Röm 11,25ff. zu kämpfen hatte, dass die Vorstellung der kollektiven Erlösung in der evangelikalen Welt immer noch ein Stolperstein ist. Dabei seien die Individualgeschichte (beschrieben in Römer 1-8) und die Heilsgeschichte (Römer 9-11) mit Israel im Zentrum nur zwei Seiten einer Medaille, das heißt, des Evangeliums. Eckert möchte also den Blick seines Publikums für das Schicksal ganzer Völker – vor allem seines eigenen – neu schärfen. Deshalb hat für ihn Mt 25,31ff. besondere Bedeutung, werde doch hier die Erlösung der Völker (und nicht der Individuen) thematisiert.

Dies passt für ihn in den roten Faden der Bibel: Gott habe bereits im Alten Testament deutlich gemacht, dass er Völker als ganze segnen will (vgl. Gen 12). Es wird deutlich, dass Eckert das „in dir sollen gesegnet werden alle Völker“ nicht auf die Menschen in den Völkern, sondern die Völker als ganze bezieht. Das Neue Testament weise hier Kontinuität auf, so spreche noch das letzte Buch der Bibel von der „Heilung der Völker“ (Offb 22,2). Ob dieser Vers genügt, um zu begründen, dass Gott ganze Volksgruppen richtet und damit erlöst bzw. verdammt, ist zu hinterfragen.

Weil nun aber das Neue Testament doch wenig zu dieser Thematik enthält, müssten wir uns eher mit dem Alten Testament behelfen, so Eckert. Eine seltsame Aussage nach der vorangegangenen These der Kontinuität. Als Bekräftigung seiner These der kollektiven Erlösung bzw. Verwerfung dient Eckert nun Joel 4, aus dem auch der Begriff des „Tals der Entscheidung“ stammt: „Es werden Scharen über Scharen von Menschen sein im Tal der Entscheidung; denn des Herrn Tag ist nahe im Tal der Entscheidung. Sonne und Mond werden sich verfinstern, und die Sterne halten ihren Schein zurück.“ (Joel 4,14f.) Die Erfüllung dieser prophetischen Darstellung, die das Strafgericht über die Heiden beschreibt, sieht Eckert in naher Zukunft erfüllt. Bei der in diesem Kapitel beschriebenen Verfinsterung der Himmelskörper handele es sich um die für 2014/2015 von Naturwissenschaftlern vorausgesagte Sonnen- und Mondfinsternis. (Meint er die für den 20. März 2015 angesagte (partielle) Sonnenfinsternis und die für den 28. September 2015 angekündigte Mondfinsternis, die von Deutschland aus zu sehen sein werden? Die nächste totale Sonnenfinsternis ist für 2081 angekündigt.) In der Konsequenz hieße dies, dass das Ende der Welt für dieses bis nächstes Jahr bevorstünde – denn nichts anderes als dieses wird in Joel 4 mit dem Begriff „Tag des Herrn“ beschrieben.

Harald Eckert

Harald Eckert

Für den Redner passt das zu Mt 25,31ff. Wie sich in Joel 4 das Schicksal der Völker daran entscheidet, wie es mit Israel umgegangen ist, komme es Jesus darauf an, wie seine „geringsten Brüder“ (für Eckert die Juden) behandelt wurden. Diese Auslegung ist allerdings nur eine von vielen – andere gehen davon aus, dass die geringsten Brüder die Jünger (die Christen) sind.

Eckert fragt das Publikum provokativ und als läge es in ihrer Hand: „Wo wird Deutschland sein, wenn die Schafe von den Böcken unterschieden werden?“ Im Tal der Entscheidung stehe unser Volk zwischen zwei Möglichkeiten: Entweder leben die Mächte des Antisemitismus wieder auf oder aber die Mächte der Versöhnung und Erlösung setzen sich durch. Diese Entscheidung werde spätestens dann fällig, wenn die UN militärisch aktiv wird, um über den Status von Jerusalem zu urteilen. Wo wird Deutschland dann stehen? Werden wir unsere zweite Chance nutzen?

Für Eckert sind dabei – wie er es selbst formuliert – „die Gläubigen als Deutschland der entscheidende Faktor“ und hauptverantwortlich dafür, was in der Politik passieren wird. Damit legt er den Kongressteilnehmern eine große Last auf, die sie wohl kaum zu tragen imstande sind.

Benjamin Berger

Als er zum Ende kommt und die Zeit schon weit überzogen ist, meldet sich Benjamin Berger mit einem prophetischen Eindruck zu Wort: Er ist überzeugt, dass Gott während dieses Kongresses viel Offenbarung geschenkt hat, auf die wir nun reagieren müssen. Wir sollten unsere Hermeneutik korrigieren lassen – auch wenn es uns nicht gefällt, denn das Alte und das Neue Testament seien nicht voneinander unterschieden. Für Berger ist es eine Frage von „Leben und Tod“, ob Deutschland seine Gnadenzeit nutzt oder verpasst. Deshalb lädt er ein, als Christen den priesterlichen Dienst (siehe sein Vortrag) vermehrt wahrzunehmen und zu beten – davon hänge ab, ob Deutschland errettet wird. Doch nicht nur das: Auch die Rettung der Juden hänge von uns ab. Benjamin Berger sagt: „Gott hat einen Plan: Er will das jüdische Volk erretten. Aber bei der Erfüllung kommt es darauf an, ob Deutschland mitmacht oder nicht.“

Mit dieser Verantwortung für die Erlösung des gesamten deutschen wie des jüdischen Volkes werden die Kongressteilnehmer – nach Empfang des Segens – nach Hause geschickt.

Interview mit Harald Eckert

Lieber Herr Eckert,

Sie haben anhand von Stellen wie Gen 12,3; Röm 9-11 und Offb 22,1-2 die große Bedeutung von Kollektivität in der Bibel betont und dass Gott ganze Völker segnen will. Was impliziert dieser Segen für Sie und wie unterscheidet er sich vom Heil? Meint Gott mit „alle Völker/Geschlechter“ nicht eher „alle Menschen“ aus den Völkern als die Völker als ganze?

Ich glaube tatsächlich, dass die Erlösungsabsichten und –Dimensionen Gottes biblisch mehrere Ebenen aufweist: Eine persönliche, eine familiäre, sowie die Ebene von Städten/Regionen und auch Völker und Nationen. Das AT handelt mehr von Gottes Heilsgeschichte auf kollektiver Ebene, das NT mehr auf individueller Ebene. Aber beides ist bis heute relevant. Beispielsweise im Römerbrief geht es m.E. in Röm. 1-8 primär um das persönliche Heil, Römer 9-11 mündet, jedenfalls, was Israel betrifft, in die Ebene des kollektiven Heils. Was Segen und Fluch betrifft, ist 5. Mose 28 sehr aufschlussreich, was Israel betrifft – gemessen an ihrem Verhalten gegenüber der Thora. Was die Völker betrifft gilt zumindest im AT eine vergleichbare Gesetzmäßigkeit, nach 1. Mose 12,3 aber mit Israel als dem entscheidenden Maßstab. Ich sehe keinen biblischen Grund, warum sich das im NT geändert haben soll, im Gegenteil.

Wie ordnen Sie Mt 24,40 ein, wenn das Volk Israel als ganzes gerettet werden soll? Sind hier nur Individuen aus den Nationen gemeint, die „angenommen“ oder preisgegeben“ werden?

Mein Verständnis ist, dass „ganz Israel“ nicht automatisch heißt, alle Personen aus Israel. Aber eben Israel in kollektiver Dimension und Größenordnung, so dass die Heilsgeschichte Israels in Kontinuität von Abraham bis Offb 21,12 immer auch eine kollektive Dimension hatte und haben wird. Auf der individuellen Ebene bleibt diese Ebene von persönlicher Rettung und individueller Entrückung uneingeschränkt wirksam.

Für Sie stellen die „geringsten Brüder“ aus Mt 25,31ff. die leiblichen Brüder Jesu, also die Juden, dar und am Umgang mit ihnen entscheidet sich, wer Gottes Reich erbt. Wie verhält sich dies zu Texten wie Mt 12,48ff., in denen Jesus explizit die, die ihm nachfolgen, als seine Brüder bezeichnet?

Beides ist in unterschiedlicher Weise relevant. Die Rede über Johannes den Täufer um Matt. 11,11 herum gibt dazu wichtige Hinweise. Johannes der Täufer wird als der Größte nach dem AT-Kontext bezeichnet, der kleinste unter NT Ägide ist jedoch größer als Johannes. Das Gottesvolk aus dem NT hat einen anderen Status als das Gottesvolk aus dem AT. Aber auf der Basis von 1. Mose 12,3, Joel 4,3, etc. ist das Verhalten der Völker gegenüber dem AT Gottesvolk für die Völkerwelt immer noch ein Kriterium für Gericht.

Das „Tal der Entscheidung“ ist ein Zitat aus Joel 4, das im Kontext des göttlichen Gerichts über die Heiden steht. Die dort beschriebene Verfinsterung von Sonne und Mond bringen Sie mit der für 2014/15 angekündigten Sonnen- und Mondfinsternis in Zusammenhang. Jesus verbindet in seinen eschatologischen Reden diese Zeichen mit seiner Wiederkunft, bei der außerdem Sterne vom Himmel fallen und die himmlischen Kräfte ins Wanken kommen werden (Mt 24,29f.). Werden diese Zeichen für 2014/15 ebenfalls erwartet und steht somit Jesu Wiederkunft kurz bevor?

So möchte ich dies nicht verstanden wissen. Ich glaube, dass diese Zeichen von Bedeutung sind. Aber nicht in letzter Endgültigkeit. Eher im Sinne einer endzeitlichen Eskalationsstufe, der noch weitere folgen werden – im Sinne der „Wehen“ von denen Jesus in Matth. 24 spricht.

Wir sind Ihnen zufolge auf dem Weg in das „Tal der Entscheidung“, aus dem entweder die Mächte des Antisemitismus oder die der Versöhnung und Erlösung als Gewinner hervorgehen werden. Die Gläubigen aus Deutschland sind Ihrer Ansicht nach der „entscheidende Faktor“ dafür, wie die Entscheidung ausfällt. Warum?

Weil wir von Gott eine besondere, eine einzigartige Aufgabe zugewiesen bekommen, als ein priesterliches Volk (1. Pet. 2,9), als „Salz und Licht“ und eine „Stadt auf dem Berge“, als eine betende Gemeinschaft, als eine vor Gott und Menschen verantwortungsbewusste Gemeinschaft. Wie Mose im Gebet für Sodom und Gomorrah. Wie die Urgemeinde im Gebet für die Obrigkeit (1. Tim. 2,1ff). Wir sind nicht der einzig relevante Faktor. Jeder hat seine Verantwortung. Aber geistlich sehe ich uns tatsächlich in der gegenwärtigen Konstellation der deutsch-israelischen Beziehungen als ein maßgebliches „Zünglein an der Waage“.

Herzlichen Dank für das Interview!

 
 

(jp)

 
 
 
Fotos:
 
Augustin: wikimedia; Weltgericht: Axel Huber: Das Millstätter Fastentuch@wikimedia (PD-old-70); Sonnenfinsternis: Michael Zapf@wikimedia; Eckert: © 2013 Gemeinde und Israel; Berger: privat
 
 
 
 

Die Decke des Schweigens zerbrechen – Aufbruch ins Leben

Jobst Bittner

9. November 2013

 

„Siehe, ich will die Sünde des Landes wegnehmen an einem einzigen Tag“. Mit diesem Vers aus Sacharja 3,9 beginnt das eindrückliche Video von TOS Ministries, mit dem Jobst Bittner seinen Vortrag am Samstagvormittag beginnt und welches am Beispiel der Ukraine zeigt, wie sich Wege des Todes in Wege des Lebens verwandeln: Auf denselben Straßen, auf denen 1944/45 mehrere hunderttausende KZ-Häftlinge während der so genannten „Todesmärsche“ starben, gehen nun während der „Märsche des Lebens“ Hand in Hand die Nachkommen von Naziverbrechern oder -mitläufern mit Holocaustüberlebenden und deren Nachfahren und proklamieren so den Sieg der Versöhnung und des Lebens über den Tod.

An den Anfang seines Vortrages über die Notwendigkeit der Buße stellt Bittner den Satz aus Mt 24,39, mit dem die nichtsahnenden Menschen kurz vor der Sintflut beschrieben werden: „Und sie merkten nicht, was geschah.“ Für ihn steht diese Beschreibung sinnbildlich für die heutige Generation, die die Zeichen der Zeit ebenfalls nicht zu deuten wisse. Für den Buchautoren und Theologen Bittner sind die Jahre 2013 bis 2015 ein „besonderes Zeitfenster Gottes“. 70 Jahre nach der Kapitulation der Deutschen möchte Gott ihm zufolge ein neues Segenskapitel aufschlagen und unserem Land eine zweite Chance geben, indem er ihm zuvor eine Zeit der Reinigung und Aufarbeitung ermöglicht. Diese Gelegenheit müssten wir ergreifen, damit die Gnadenzeit – die auch Benjamin Berger betonte – nicht an uns vorbeigehe und wir stattdessen eine Zeit des Gerichts heraufbeschwören. Es liege an uns.

“Die Decke des Schweigens”

Bittner sieht sich sozusagen als Prophet, der sein Volk warnen will, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Denn dies sei noch nicht geschehen. Die Menschen verspüren wie zu Noahs Zeiten nicht das Bedürfnis, Buße für die Vergangenheit zu tun. Auf diese Art würden normale Menschen zu Tätern und eine Decke der Finsternis bzw. des Schweigens (so der Titel seines 2011 erschienenen Buches) lege sich auf das Volk.

Man kann sich angesichts dieser mahnenden Worte der Frage nicht erwehren, ob der Noah-Vergleich ein adäquater ist: Die Menschen zur Zeit des Sintflut sowie die in Mt 24 beschriebenen haben nicht die Buße für eine bestimmte Haltung oder ein Verbrechen, sondern schlichtweg die Hinwendung zu Gott verpasst und wurden bzw. werden deshalb vom Gericht überrascht. Bei aller Notwendigkeit der deutsch-jüdischen Versöhnung handelt es sich hier nicht um die über allem stehende Versöhnung mit Gott, die über Heil oder Unheil entscheiden wird. Es sei denn, man setzt das jüdische Volk mit dem Gott (der Juden) gleich und behauptet mit Benjamin Berger und anderen, an der Haltung zum Volk Gottes entscheide sich das ewige Heil eines Menschen. Dies führt allerdings zu weit.

Ungeachtet der aufkommenden Fragen liefert Bittner nun eine wegweisende Analyse der Nazi-Zeit und ihrer andauernden Auswirkungen. Dafür dass „normale“ Menschen zu einem Teil eines dämonischen Systems werden könnten, sei der Nationalsozialismus das beste Beispiel, betont er, und zitiert Obadja 1,11 als Beispiel für die Sünde des „Zusehens“: “Zu der Zeit, als du dabeistandest und sahst, wie Fremde sein Heer gefangen wegführten und Ausländer zu seinen Toren einzogen und über Jerusalem das Los warfen, da warst auch du wie einer von ihnen.” Dies überträgt er relativ schnell auf die deutsche Geschichte. Auch die, die „nur“ mitgemacht haben, seien also in Schuld verstrickt, welche wiederum an deren Nachkommen weitergegeben werde. Dies betrifft demnach uns alle.

Daher rührt nun auch Bittners Forderung nach einer flächendeckenden Buße: Nicht allein die Nachkommen von eindeutigen Tätern, sondern auch die der Millionen Mitläufer seien aufgefordert, um Vergebung zu bitten. Im Folgenden erläuert der Autor deshalb die vier Ebenen der „Decke des Schweigens“:

1. die persönliche Ebene

2. die familiäre Ebene

3. die kirchliche Ebene

4. die der Städte und Nationen

Dabei handele es sich seiner Aussage nach bei Buße um mehr als eine einmalige Bitte um Vergebung – es sei ein Lebensstil der Umkehr. Dazu gehöre auch, aus der Vergangenheit zu lernen, mahnt der Redner, und schiebt einen geschichtlichen Exkurs über die Entwicklung des Antisemitismus in Deutschland ein. Die Zeit zwischen dem Kaiserreich und der Weimarer Republik war bereits von einem speziellen juden- wie slavenfeindlichem Klima geprägt, das die Ideologie der Volksgemeinschaft zum Leitbild hatte, das heißt, die Einheit eines rassisch und ethnisch „reinen“ Volkes. Der Nationalsozialismus als Gesinnungsgemeinschaft fand schnell Anklang, zumal er neben der äußerlichen Attraktivität durch Fackelmärsche und ähnliche Aktionen viele Vorteile versprach: Wer dazugehörte, war Teil des nationalen Aufstiegs und sicher vor Ausgrenzung und Vernichtung. Wer sich dem nicht anschloss, war ein Außenseiter. Die Exklusion der Juden war also bereits vor der offiziellen Arisierung in vollem Gange. Die Bevölkerung war schon antisemitisch geprägt und wurde so zum wiederspruchslosen Befürworter eines dämonischen Systems, das besagte, dass Juden nicht zur Volksgemeinschaft gehörten. Hier, so Bittner, begann das Schweigen einer gesamten Nation. Aufgrund der Attraktivität der nationalsozialistischen Erziehung, die in vielen Teilen auch positiv wahrgenommen wurde, sagen heute viele: Es gab auch Gutes. Deshalb falle bis heute so vielen der – durchaus korrekte – Begriff der „Täter-Generation“ so schwer.

Dann spricht Bittner von den Soldaten, bei denen das Phänomen des Schweigens besonders zum Tragen kommt. Millionen deutscher Wehrmachtssoldaten kehrten von der „Vernichtungsmaschinerie“ als Mörder zurück – und schwiegen, verdrängten die Bilder, die Verletzungen, die Schuld. Ein dichter Nebel lag über den Familien, die nicht in der Lage waren, über das Erlebte zu reden. Diese Verschlossenheit vor jeder Emotion und Verarbeitung habe seelische Langzeitwirkungen, die bis ins hohe Alter reichen, erläutert der Theologe richtig. Drei Viertel der deutschen Familien seien aufgrund der Vergangenheit von Blockaden, Beziehungsstörungen und ähnlichem betroffen. Wenn diese Zahl stimmt, dann ist es allein aus psychologischer Sicht unerlässlich, das Schweigen zu brechen, wenn eine gesunde Gesellschaft entstehen soll.

Doch Bittner spricht nicht in erster Linie von Psychologie, sondern von Theologie, und deshalb steht bei ihm der Schuldaspekt im Vordergrund: „Schwere Schuld wird an Nachkommen weitergegeben“, besage die Bibel. Wahrscheinlich bezieht er sich damit auf das Heimsuchen der „Missetat der Väter bis ins dritte oder vierte Glied an den Kindern“ aus den Zehn Geboten (2. Mose 20,5). Ein solcher Generationentransfer werde in der Fachwelt nicht länger bestritten. Hier vermischt Bittner allerdings – zu leichtfertig – die geistliche mit der psychologischen Ebene: Dass durch Traumata und ähnliche Kriegserlebnisse bestimmte Lasten an die Kinder weitergegeben werden, heißt noch nicht, dass auch die damit zusammenhängende Schuld weitergereicht wird. Bittner geht noch weiter und spricht von einer „unbereinigten anti-jüdischen Haltung“, die in unserem Land vorherrsche. Heißt das: Wenn mein Opa antisemitische Ressentiments hegte und darüber in meiner Familie geschwiegen wurde, ist wahrscheinlich, dass auch ich Vorbehalte gegen Juden hege, über die ich Buße tun muss?

Auf der Ebene der Städte und Nationen illustriert Bittner diese These nun am Beispiel Tübingens: Dort habe es nur 120 Jahre lang jüdisches Leben gegeben. Die Universität wurde von Antisemiten gegründet – Tübingen war eine Schmiede des Nationalsozialismus, die Bittners Zahlen zufolge durch die Ausbildung von 300 Kriegsverbrechern 700.000 tote Juden auf dem Gewissen hat. Dieser Stadt der Mitläufer gelte folgendes Reden Gottes: „Das Schweigen eurer Väter ist in euch.“

Jobst Bitter am Samstagvormittag

Wieder vermischt der Theologe, indem er Gott sprechen lässt, die geistliche Schuldfrage mit der in vielerlei Hinsicht notwendigen Vergangenheitsbewältigung und -aufarbeitung. Für ihn ist jede Veränderung und Transformation in Städten auf das Zerbrechen der Decke des Schweigens zurückzuführen. Diesbezüglich erwähnt er, dass es in unserem Land in den letzten fünf bis acht Jahren eine beispiellose „Welle der Aufarbeitung“ gegeben habe: Die historische Auftragsforschung der Bundesforschung boome in Bezug auf die Aufarbeitung des Nationalsozialismus, es würden zahlreiche Fernsehsendungen und Zeitungsartikel veröffentlicht, Sigmar Gabriel spreche von der „Schuld seines Vaters“ und laut Bundespräsident Gauck müsse man die „Schuld beim Namen nennen“.

Mit den Märschen des Lebens möchten Bittner und seine Organisation dazu beitragen. Die Todesmärsche stehen für ihn exemplarisch für das Schweigen, da niemand sagen könne, er habe die 750.000 marschierenden KZ-Häftlinge und die von ihnen zurückgebliebene Blutspur nicht gesehen oder davon gehört.

Es berührt, wenn der Buchautor von seinen Erfahrungen bei den Märschen des Lebens berichtet. Wir hören von Rose Price, einer Holocaust-Überlebenden, die sechs verschiedene Konzentrationslager durchlaufen hat. Sie kam mit vielen anderen Juden zu einem Marsch des Lebens – trotz ihrer aller Angst vor dem Land, der Sprache und all den Erinnerungen an ihre Leidenszeit. Sie kamen und die Nachkommen von SS-Offizieren wuschen ihnen die Füße. Rose, die seit ihrem 16. Lebensjahr nicht mehr geweint hatte, weinte. Ihr Herz wurde geheilt. In Ungarn brachte bei einem „Marsch des Lebens“-Seminar ein Jude, dessen Vater als Nazi selbst Juden getötet hatte, diese Schuld an das Kreuz – obwohl er nie messianisch gewesen war – und lud daraufhin Jesus in sein Leben ein.

Marsch des Lebens in Polen

Diese Lebensmärsche verbreiten sich in der ganzen Welt: Ukraine, Litauen, Polen, Lettland, selbst in den USA gibt es den „march of remembrance“. Die New York Times berichtete Bittner zufolge einmal mit dem Titel: „Ehemalige Nazi-Stadt bittet um Vergebung.“ Diese Geschichten, von denen Bittner sicherlich zahlreiche erzählen könnte, sollten uns immer wieder den Wert und die Notwendigkeit, ja die Dringlichkeit der Versöhnung vor Augen führen. Inwiefern die geistliche Frage nach der durch eigene Buße zu tilgende Schuld der Vorfahren dann noch eine Rolle spielt, könnte und müsste diskutiert werden.

Wie sollte es anders sein, auch Bittner beendet seinen Vortrag mit einer Warnung: „Ein neuer Antisemitismus blüht in Europa auf.“ So hegten 20% der Deutschen antijüdische Haltungen – innerhalb der Kirche noch mehr. Damit spielt Bittner vermutlich auf den 2012 erschienenen Antisemitismusbericht an (erhältlich hier), nach dem jeder fünfte Deutsche latente antisemitische Neigungen hege. (Mit dem erhöhten Vorkommen von Antisemitismus in der Kirche meint Bittner evtl. die Aussage des Berichts, nach der im Jahr vor der Studie “11,3 Prozent der Katholiken, 7,7 Prozent der Protestanten und  6,4 Prozent der Nichtreligiösen antisemitischen Items” zustimmten; vgl. S. 60 und 90ff.). Laut Bittner stehen wir in unserer ach so toleranten und pluralistischen Welt wieder vor der Entscheidung: Werden wir Teil des Systems und schweigen weiter oder erheben wir unsere Stimme für Israel und gegen den Antisemitismus?

Hier passiert, was so oft passiert: Der Antisemitismus des Dritten Reiches wird gleichgesetzt mit anti-israelischen Äußerungen der heutigen Zeit, die vor allem im linken Lager, aber auch in der unauffälligen Mitte Deutschlands zu finden sind. Sicherlich finden sich in der modernen Israelkritik oftmals antisemitische Stereotype und ist äußerste Vorsicht geboten. Doch mit dem Nazi-Vergleich sollte nicht zu vorschnell um sich geworfen werden – was uns Israel selbst im Februar diesen Jahres in seiner Debatte um den leichtfertigen Gebrauch von Holocaust-Vergleichen nahelegt.

Bittner verbindet hier unmissverständlich die persönliche und familiäre Versöhnung mit dem politischen Einsatz für Israel. Es ist jedoch durchaus denkbar, dass ein Deutscher beispielsweise im Rahmen eines Lebensmarsches einem Holocaust-Überlebenden mit ehrlichen Motiven die Füße wäscht, und dennoch die Politik des Staates Israels kritisch sieht – vielleicht sogar eine pro-palästinensische Gesinnung hat. Eine zu strikte Entweder-Oder-Haltung könnte das Gegenteil bewirken, dass sich niemand mehr mit der Vergangenheit auseinandersetzen möchte, weil damit sofort auch ein politisches pro-israelisches Statement gefordert wird.

Bittner jedenfalls fordert das Publikum auf, aus der Betroffenheit über unsere Vergangenheit und die unserer Familie hinaus einen Marsch des Lebens zu organisieren und so das „Zeitfenster der Gnade“ zu nutzen. Dies ist für ihn die konkrete Erfüllung des „Mach dich auf, werde Licht“ und „Um Zion willen will ich nicht schweigen“ aus Jes 60,1 und 62,1. Wie der Prophet Jesaja nicht schweigen und Gottes Worte an Israel weitergeben wollte, sollen auch wir nicht schweigen über das, was im Dritten Reich passiert ist – eine etwas fragwürdige Allegorie. Vielleicht ist es gar nicht absolut notwendig, die notwendige Vergangenheitsbewältigung unbedingt geistlich zu begründen und biblisch untermauern zu wollen? Denn wie Bittner richtig schließt: „Wir zerbrechen das Schweigen, indem wir Wahrheit aussprechen.“

Dass dies weiterhin in unserem Land von Nöten ist, hat Bittner eindrücklich deutlich gemacht.

 
 

Interview mit Jobst Bittner

 

Lieber Herr Bittner,

für Sie sind die Jahre 2013 bis 2015 eine besondere Zeit der Reinigung und Aufarbeitung, in der sich entscheidet, ob Gott ein „neues Segenskapitel“ aufschlägt oder Gericht schickt. Betrifft dies nur Deutschland oder alle Völker dieser Welt? Wie würde das Gericht aussehen?

Die Kapitulation Deutschlands jährt sich 2015 zum siebzigsten Mal. In diesem Sinn hat dieses Zeitfenster für Deutschland eine besondere Bedeutung. Gleichzeitig ist Deutschland wie alle anderen Nationen ein Teil der Geschichte, die Gott mit Israel schreibt. Gottes Segenshandeln wird immer eine Öffnung und Zuwendung der Herzen zu Jesus bedeuten, Gottes Gerichtshandeln im Gegensatz dazu eine Zunahme der Ungerechtigkeit und das Verfinstern der Herzen und Gemüter im Sinn von Mt 24.

Können Sie das Prinzip der stellvertretenden Buße kurz biblisch-theologisch erläutern und neutestamentlich begründen?

Neben der individuellen Bedeutung der Buße, bei der es sich um einen persönlichen Akt handelt, den niemand für jemand anderen übernehmen kann, gibt es in der Bibel ebenso den kollektiven prophetischen Bußruf (Mt 3,8; Apg 13,24). Wir kommen dem Prinzip der Kollektivschuld in der Bibel näher, wenn wir verstehen, dass für die gesamte Heilslehre die Lehre von der Erbsünde von grundlegender Bedeutung ist. Ihr liegt das Konzept zugrunde, dass die Handlungen eines Einzelnen Auswirkungen auf alle haben. Wir finden das in Röm 5,18-19. Neben den alttestamentlichen Belegen der stellvertretenden Buße z.B in Neh 1,4-7; Esra 9,7 und Dan 9,8.15 ist sicherlich das eindrücklichste Beispiel das stellvertretende hohepriesterliche Gebet Jesu, denen zu vergeben, die ihn kreuzigen (Lk 23,34). Die Frage nach der stellvertretenden Buße habe ich in meinem Buch “Die Decke des Schweigens” im Kapitel 6 ausführlicher behandelt.

Betreffen die befreienden Folgen stellvertretender Buße vor allem die (verstorbenen) Täter, die Opfer und ihre Nachkommen oder mich selbst? Was geschieht, wenn ich diese Buße versäume?

Die stellvertretende Buße gilt nicht den Verstorbenen, sondern im Sinn von 2. Chr 7,14 den Lebenden und den nachkommenden Generationen. Wenn wir wollen, dass unsere Gegenwart und Zukunft gesegnet wird, dürfen wir so lange nicht ruhen, bis unsere Vergangenheit auf allen Ebenen bereinigt ist.

Bis in wie viele Generationen hinein wird Ihrer Ansicht nach unausgesprochene Schuld weitergegeben und wie lange kann diese welche Auswirkungen auf die Nachkommen haben?

Die Bibel spricht in 2. Mose 20 von den Folgen der Sünde bis in die dritte und vierte Generation. Das entspricht der Beobachtung von Psychotherapeuten, dass es sogenannte transgenerationale Übertragungen bis in die vierte Generation geben kann.

Betrifft Ihre Betonung der stellvertretenden Buße insbesondere an dem jüdischen Volk begangene Sünden oder ist sie für andere Sünden gleichermaßen relevant?

Ich entdecke die stellvertretende Buße auf drei Ebenen: 1. die persönliche Ebene, 2. die familiäre Ebene und 3. die Ebene von Städten und Nationen. Schuld kann vor Gott nicht aufgewogen werden und wird ohne Erlösung Jesu immer Tod hervorbringen (Röm 6,23). Dabei scheint die am jüdischen Volk begangene Sünde vor Gott ein besonderes Gewicht zu haben (1. Mose 12,3). Ich habe immer wieder erlebt, wie stark die Auswirkungen der Schuld gegenüber dem jüdischen Volk auf einer Familie liegen können – und wie einfach ein Joch über einer Familie durch stellvertretende Buße und das Erleben der Gnade Jesu zerbrechen kann. Ich kann jeden Leser nur ermutigen, sich den Schatten der Vergangenheit zu stellen, um für das neue Segenskapitel Gottes gut gerüstet zu sein.

Herzlichen Dank für das Interview!

Für ausführlichere Antworten auf diese und andere Fragen siehe Jobst Bittner, Die Decke des Schweigens. (Das Buch ist u.a. hier erhältlich: http://www.diedeckedesschweigens.de/kaufen/.)

 

 (jp)

 
 
 
Fotos:
 
Bittner: © 2013 Gemeinde und Israel; Marsch des Lebens Polen: Screenshot aus https://www.youtube.com/watch?v=2-7StHJ5LUQ

Unter der Überschrift „Aus der Kraft der Wurzel die Zukunft gestalten” fand vom 7. bis 9. November 2013 in Berlin der zweite „Gemeinde-Israel-Kongress” statt. Auch Vertreter vom Institut für Israelogie waren zur Berichterstattung angereist. Damit Sie auch im Nachhinein noch von den Inhalten des Kongresses profitieren und diese auswerten können, haben wir für Sie die wichtigsten Vorträge zusammengefasst, einzelne Seminare besucht und Interviews mit den Hauptrednern geführt. (Eine Auflistung finden Sie am Ende dieses Berichts.)

Wilfried Gotter begrüßt die Teilnehmer

Am Donnerstagabend begrüßte in der Berliner Gemeinde auf dem Weg Wilfried Gotter die 1250 Besucher im Namen des „Christlichen Forums für Israel” (CFFI). Dieser Verbund von etwa 40 Organisationen, Werken und Vereinen, die sich zum Ziel gesetzt haben Israel zu stärken, das biblische Israel-Verständnis in Kirchen und Gemeinden zu fördern sowie die deutsch-israelischen Beziehungen zu festigen und zu vertiefen, hatte den Kongress als Fortsetzung des ersten Kongresses dieser Art im Jahr 2006 veranstaltet. Gotter machte es zur Tradition, jedes Mal, wenn er zur Überleitung zwischen den Programmpunkten die Bühne betrat, einen Witz zu erzählen. Für die Kongresseröffnung entschied er sich für einen Witz, mit dem er die Dringlichkeit der Einheit unter Christen unterstrich:

Auf einer Konferenz für Urchristen begegnen sich zwei Männer. Wie sich herausstellt, waren sie blind gewesen und von Jesus sehend gemacht worden. “Es ist doch großartig”, berichtet der eine, “Jesus nimmt Schlamm, legt ihn auf die blinden Augen, befiehlt sich zu waschen und dadurch verschwindet die Blindheit. Man kann nachher wirklich sehen.” “Schlamm?” fragt der andere verwundert. “Jesus verwendet zur Heilung von Blindheit doch keinen Schlamm! Er spricht nur ein Wort – und dann kann man sehen.” “Natürlich verwendet Jesus Schlamm.” “Nein, das ist ganz und gar unmöglich, er verwendet keinen Schlamm!” “Doch, das tut er!” “Nein, das tut er nicht!”
Die Diskussion erhitzt sich.
 “Ich weiß es doch ganz genau. Ich war blind. Jesus sprach: ‘Sei sehend’, und jetzt sehe ich.” “Wenn Jesus bei deiner Heilung keinen Schlamm verwendet hat, dann kannst du gar nicht geheilt worden sein. Du bist immer noch blind. Du meinst nur, dass du sehen kannst. Weil du eine so grundlegende Glaubenslehre – den Schlammismus – verleugnest, will ich mit dir nichts mehr zu tun haben!” Am Ende der Konferenz bilden sich jetzt zwei Denominationen – die Schlammisten und Anti-Schlammisten. Ihre ganze Energie ver(sch)wenden sie mit dem Versuch, sich gegenseitig zu überzeugen. Dabei vergessen sie ganz, dass um sie herum viele “Blinde” auf Heilung warten. Schlammismus kontra Anti-Schlammismus kann leicht zum Schlamassel werden!
 

Blick in den vollen Kongresssaal

Nach diesem eher heiteren Start in den Abend betonte Gotter die wichtige Rolle, die dieser Kongress spielen solle: So erhielt das Team von CFFI im Vorhinein viele prophetische Eindrücke, die sich allesamt darum drehten, dass Gott für Deutschland und Israel einen Plan hat, dem Deutschland sich nicht verschließen solle. Die Konferenz solle uns ermahnen, die Gnadenzeit zur Buße zu nutzen.

Eindringliches Gebet in Kleingruppen

Anschließend gab Harald Eckert von Christen an der Seite Israels e.V. einen Abriss von der bewegten Gründungsgeschichte des CFFI. Als sich im August 2002 zur Zeit der zweiten Intifada über 30 Werke zusammentaten, um sich solidarisch hinter Israel zu stellen, entschied ein Großteil der Beteiligten, über diese Initiative hinaus zusammenzubleiben und ein dauerhaftes Netzwerk als gemeinsame Stimme für Israel zu gründen. Damit war das CFFI geboren. Als Meilenstein sollte nun der Kongress dazu dienen, dem Anliegen des Forums zum Durchbruch zu verhelfen. Deshalb forderte Eckert die angereisten Teilnehmer auf, den Kongress in Kleingruppen im Gebet vor Gott zu bringen, bevor zum gemeinsamen Lobpreis die Band „Breaking Silence“ die Bühne betrat.

Dr. Jürgen Bühler

Im Abendvortrag referierte Dr. Jürgen Bühler von der Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem zum Thema „Das Paradoxe an Israel – Gedanken zu Römer 3“ und führte aus, wie Israel einerseits als Gottesvolk vielerlei Vorzüge habe, andererseits im Hinblick auf das Evangelium genauso bedürftig sei wie jedes andere Volk auf dieser Welt. (Hier der Bericht.) Damit ebnete er Tobias Krämer den Weg, der dieses Paradox in seinem Seminar über Römer 11,28 vertiefte (s. unten).

Der Abend wurde beschlossen von Wilfried Gotter, der mit dem Hinweis, dass die Straßen des himmlischen Jerusalems aus Gold sein sollen, dem müden, aber motivierten Publikum die Kollekte schmackhaft machte.

Benjamin Berger aus Jerusalem

Der Freitag als Hauptkongresstag kündigte sich als lang und voll an. Nach dem morgendlichen Start mit Lobpreis und Gebet in Kleingruppen lauschen die angereisten Gäste dem Hauptreferenten Benjamin Berger. Eigens aus Jerusalem angereist ermahnte der messianische Jude die Deutschen dazu, ihre besondere Rolle in der Heilsgeschichte der Juden anzuerkennen und wahrzunehmen. (Hier der Bericht und ein Interview mit Berger.)

Nach dem langen und eindringlichen Vortrag lockerte Wilfried Gotter wie gewohnt mit einem seiner Witze die Stimmung auf, bevor es nahtlos zum Podiumsgespräch überging, bei dem der Name des Kongresses konkret wurde: „Welche Relevanz hat das Israel-Anliegen für die Gemeinde?“

Hierzu wurden von Karl-Heinz-Geppert und Tobias Rink mit Tobias Krämer (Pastor und Geschäftsführer von Christen an der Seite Israels), Winfried Rudloff (Pastor der Christusgemeinde Berlin) und Michael Sawitzki (Handwerkerreisen Sächsische Israelfreunde) drei Männer interviewt, die mitten in der Praxis stehen. Wenn es darum geht, Christen für Israel zu begeistern, nehmen Israelreisen einen hohen Stellenwert ein, so der Konsens der Diskussion. Tobias Krämer betonte zusätzlich die Notwendigkeit einer guten Israel-Lehre und berichtete von dem in seiner Gemeinde einmal jährlich durchgefühten Israelgrundkurs anhand des neu erschienenen Buches „Wozu Israel“ (im April 2014 mit dem Franz-Delitzsch-Förderpreis ausgezeichnet – mehr hier.)

Die Podiumsdiskussion in vollem Gange

Winfried Rudloff aus Berlin vertrat die These: „Israel ist kein Thema, sondern das Fundament!“ Israel solle in keinen Israel-Arbeitskreis verlagert werden, sondern eine zentrale Stellung in der Gesamtgemeinde einnehmen, damit es unsere christliche Identität und unser Gottesbild grundsätzlich prägen kann. Denn für Rudloff ist Gott nicht verlässlich, wenn „das mit Israel“ nicht stimmen sollte. So werde Gottes Charakter und Wesen für uns an Israel deutlich. Krämer ergänzte, dass im Normalfall jede Bekehrung zum christlichen Glauben auch eine Verwurzelung mit sich bringe. Der Moderator Geppert warf hierzu das Beispiel von Christen in der Dritten Welt ein, die die Bibel lesen und sofort wissen wollen, ob das Land Israel heute noch existiert und man es besuchen könne. Seiner Ansicht nach “theologisieren“ sie nicht herum wie wir, ob das Thema relevant sei oder nicht.

Stand des Israel-Instituts

In Bezug auf den Beitrag der Israellehre für die verschiedenen Konfessionen waren sich alle einig, dass Unterschiede sekundär werden, sobald man sich gemeinsam für dieses Thema stark mache – wie dies auch auf dieser Konferenz erlebbar sei. Nichtsdestotrotz sprach sich Krämer gegen jede Form des geistlichen Egoismus aus, bei dem alles, was wir tun, uns nützen muss: „Vielleicht haben wir von Gott einen Auftrag an Israel, ohne dass uns das etwas bringt. Wäre das okay?“ Zuletzt plädierte Rudloff dafür, dass sich die Gemeinden und Israelwerke neu auf einem gemeinsamen Weg begeben, um die Herzen der Menschen für Israel zu berühren.

Nach der Mittagspause begann der Seminarteil: In den zwei Blöcken war bei über 20 Themen für jeden etwas dabei. Zwei Seminare haben wir für Sie besucht:

Das Foyer mit seinen zahlreichen Israel-Ständen

Nach den Seminaren herrschte im Zentrum der Berliner Gemeinde auf dem Weg reges Treiben an den zahlreichen Ständen der Israelwerke, bevor von Wladimir Pikman offiziell der Sabbat eröffnet wurde und schließlich im Abendprogramm Schwester Joela von der Evangelischen Marienschwesternschaft Darmstadt die Bühne betrat. In ihrem Vortrag machte sie auf antisemitische Tendenzen in den Evangelischen Landeskirchen aufmerksam, welche sich beispielsweise am Ausschluss messianischer Juden vom Kirchentag zeigten. Sie warnte – wie viele ihrer Vorgänger – vor der Ersatztheologie, welche die christliche Gemeinde auf einen falschen und gefährlichen Weg führe.

Schwester Joela bei ihrem Vortrag

Getroffen von diesen Worten stimmte Wilfried Gotter im Anschluss spontan das alte Kirchenlied „Geh meiner Seele auf den Grund“ an, mit dem die Konferenzteilnehmer Gott ihre Reuebereitschaft zum Ausdruck brachten. Als praktisches Zeichen der Versöhnung beteten die Leiter der Konferenz stellvertretend um Gottes Segen für alle anwesenden Juden. So ging ein langer Konferenztag voller Emotionen zu Ende. Für Nachtschwärmer gab es im Spätprogramm noch den Film „Holocaust light – gibt es nicht“ (wir berichteten) in Anwesenheit der Regisseurin Sara Atzmon sowie eine von Junge Christen für Israel gestaltete Lobpreiszeit.

Jobst Bittner

Am nächsten Tag stellte Jobst Bittner in einem von vielen Erfahrungsberichten gespickten Vortrag sein Anliegen vor, die „Decke des Schweigens“ über Deutschland aufzubrechen. Dies geschehe durch eine gründliche Aufarbeitung des Holocaust und durch Buße, welche durch „Märsche des Lebens“ zum Ausdruck gebracht werden könne. (Hier der Bericht und ein Interview mit Bittner.) An seinen prophetischen Zuspruch „70 Jahre nach der Kapitulation Deutschlands will Gott ein neues Segenskapitel aufschlagen“, knüpfte anschließend Harald Eckert an. Laut dem Vorsitzenden von Christen an der Seite Israels stehe Deutschland an einem Scheideweg und sei es Aufgabe der Christen, dass unser Land nicht wieder in den Antisemitismus verfalle. Seiner Meinung nach entscheidet sich das Schicksal jeder Nation an deren Position zu Staat und Volk Israel. (Hier der Bericht und ein Interview mit Eckert.)

Harald Eckert appelliert an sein Publikum

Mit diesem eindringlichen Aufruf, der sich wie ein roter Faden durch alle Vorträge und Programmpunkte der Konferenz zog, wurde letztere beschlossen. Spontan ergriff mit einem prophetischen Eindruck noch einmal Benjamin Berger das Wort, um Eckerts Appell zu unterstreichen. Dass der Kongress viel später als geplant endete, schien keinen der Teilnehmer zu stören, und so folgten die 1250 Anwesenden bereitwillig der Einladung des CFFI-Vorstandes, zur Bühne vorzukommen, um sich segnen zu lassen. Schließlich erwartete sie in ihrer jeweiligen Heimat eine herausfordernde Aufgabe.

Die Kongressteilnehmer strömen zum Segen nach vorne

Hier eine Übersicht der von uns verfassten Berichte und Interviews vom Gemeinde-Israel-Kongress 2013:  

Die Abschlusserklärung des Kongresses finden Sie hier: http://www.gemeinde-israel.de/uploads/media/erklaerung.pdf

 

(jp)

 
Fotos:
 
Logo, Gotter, Kongresssaal, Bühler, Berger, Podiumsdiskussion, Schwester Joela: © 2013 Gemeinde und Israel; Rest: privat

Römer 11,28 als Koordinatensystem biblischer Israellehre

Tobias Krämer

8. November 2013

 

Für ihn ist es der Vers, in dem alle biblischen Linien und Aussagen zum Thema Israel wie in einem Brennglas zusammenlaufen: Römer 11,28

In seinem Seminar am Freitagnachmittag führt Tobias Krämer, Geschäftsführer von Christen an der Seite Israels, die Teilnehmer in das „Koordinatensystem biblischer Israellehre“ ein: Paulus mache mit Röm 11,28 deutlich, dass alle Aussagen über Israel stets im Hinblick auf zwei Perspektiven zu betrachten seien – hinsichtlich des Evangeliums und hinsichtlich der Erwählung. Damit definiere der Apostel den Rahmen, innerhalb dem sich Israellehre bewegen muss, wenn sie biblisch genannt werden will, und schiebe jeglichen Extrempositionen und Verzerrungen einen Riegel vor.

Tobias Krämer

Tobias Krämer

Um sich der Bedeutung dieses Kernverses sowie der Lösung des darin enthaltenen Widerspruchs (die Juden als Geliebte sowie als Feinde) anzunähern, bettet Krämer ihn zunächst in seinen Gesamtkontext ein: Nachdem der Apostel Paulus in Römer 1-8 ausführlich und kraftvoll das Evangelium dargestellt hat (Verlorenheit aller Menschen – Versöhnung durch Jesus Christus – Freiheit vom Gesetz – Leben im Heiligen Geist), komme er in Kapitel 9 auf Israel zu sprechen, das offensichtlich zu einem Großteil dieses Evangelium ablehne: Paulus‘ Schmerz darüber (vgl. 9,2-3) sei auch deshalb so groß, weil die Juden mit dem Evangelium den Neuen Bund in seiner Gesamtheit und damit auch ihre eigene Wiederherstellung als Volk ablehnten. Als gutem Juden blute Paulus also das Herz, weil sich sein Volk durch die Ablehnung des Messias so viel mehr beraube als nur eines Freifahrtscheins in den Himmel.

Eine solche Wiederherstellung Israels thematisiert der Apostel allerdings in Römer 9-11 mit keinem Wort, er scheint im Gegenteil die Errettung zu betonen (vgl. 10,1.9-13; 11,14.26), und es bleibt umstritten, ob er und die anderen neutestamentlichen Autoren die an Israel gerichteten Verheißungen wörtlich auf das Volk der Juden oder eben doch geistlich auf das aus Juden und Heiden bestehende Gottesvolk auslegen. Krämer vertritt die erstgenannte Position, da seiner Ansicht nach für jeden Juden damals nach Jeremia 30-33 der Neue Bund untrennbar mit der Wiederherstellung von Volk und Land Israel zusammenhing. Paulus würde also in diesen Kapiteln voller Bedauern zum Ausdruck bringen: Hätte Israel den Messias angenommen, wäre es nicht nur geistlich errettet, sondern das Volk vollständig in sein Land zurückgeführt und ein Friedensreich mit Jerusalem als Zentrum etabliert worden (vgl. Jer 30,3.8-11.17-22; 31,4-17.23-40; 32,36-44; 33,6-26).

Nun stelle Paulus die Frage, die bei seinen Lesern im Raum steht: Ist jetzt alles aus? Ist die Erwählung Israels gescheitert, weil die Mehrzahl der Juden Jesus als Heilsmittel ablehnten? In seiner Antwort konzentriert sich Krämer auf den Abschnitt Röm 11,25ff., der für ihn sozusagen den in Kapitel 9 noch nicht absehbaren Klimax darstellt: „… und so wird ganz Israel gerettet werden.“ Auch wenn der Theologe die Frage der Art und Weise und des Zeitpunktes dieses Geschehnisses offen lässt, lässt er doch keinen Zweifel daran, dass dieser Vers nichts anderes heißen kann, als dass „ganz Israel zum Glauben kommt“.

Die grobe Linie zwischen Paulus‘ Traurigkeit in Kapitel 9 und seiner Prophezeihung in Kapitel 11 ist damit jedenfalls gezogen: Zu Paulus‘ und damit zu unserer Zeit glaube der Großteil Israels nicht an Jesus Christus, am Ende der Zeit werde jedoch ganz Israel glauben. Damit stellt sich die Frage: Was ist heute? Auf diese Frage antwortet laut Krämer Römer 11,28. Die „geistliche Analyse“ des Volkes der Juden im hier und heute laute: Sie sind zweierlei, nämlich Feinde und Geliebte zugleich.

Was bedeutet nun dieses scheinbare Paradox?

Es bedeutet: Israel ist verloren, wenn es nicht das Evangelium annimmt. Paulus macht beim Evangelium keine Abstriche, jeder ist verloren und es gibt selbst für die Juden keinen anderen Heilsweg (Vers 28a). Es bedeutet aber auch: Nur weil Israel nicht an Jesus glaubt, wird seine Erwählung nicht aufgehoben. Im Gegenteil, sie bleibt bestehen und deswegen wird Israel einst das Evangelium annehmen (Vers 28b).

Deshalb sei die auf den ersten Blick widersprüchlich klingende Aussage aus Röm 11,28 keineswegs unlogisch. So wie hier die Juden aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden, würden auch wir einander immer wieder aus verschiedenen Blickwinkeln beurteilen. Beispielsweise sei es kein Widerspruch, illustriert Krämer, wenn er sage: „Meine Frau ist hinsichtlich handwerklicher Begabungen geschickt, hinsichtlich ihrer Charakterschwächen ist sie ungeduldig.“ Beides sei wahr, und die Juden gleichermaßen hinsichtlich des Evangeliums (auf der geistlichen Ebene) Feinde, hinsichtlich der Erwählung (auf der ethnisch-biologischen Ebene) aber Geliebte.

Konkret impliziert die Analyse des Paulus für Krämer tiefgreifende Konsequenzen für die moderne Israeltheologie, mit deren großen Irrtümern sie aufzuräumen vermöge:

Der Irrtum der Ersatztheologie bestehe darin, dass sie das Verhältnis von Glaube und Erwählung falsch bestimmt. Laut ihr ist Israel nicht mehr erwählt oder gar nicht mehr geliebt, weil es nicht an Jesus glaubt. Richtig sei aber: Weil Israel erwählt ist, wird es eines Tages an Jesus glauben (vgl. Röm 11,25ff.). Hierzu ist zu ergänzen, dass diese Darstellung dazu beiträgt, dass die Ersatztheologie als mysteriös-gefährliches Monster, von dem man sich lieber fernhält, statt sich sachgerecht damit auseinanderzusetzen, weiter durch die Köpfe schwebt. Es gibt aber nicht die Ersatztheologie, sondern inzwischen viele Spielarten sowie Abschwächungen dieser Theologie, welche Israel zum Teil durchaus eine besondere Rolle in der Heilsgeschichte zugestehen und keineswegs allesamt behaupten, dass Gott seine Erwählung Israels wegen dessen Unglauben aufgehoben habe.

Der Irrtum von Vertretern des zweiten Heilsweges liege, führt Krämer fort, in einer falschen Bestimmung der Rolle des Glaubens. Laut ihr brauche Israel nicht an Jesus glauben, weil es ohnehin erwählt ist und auf einem eigenen Weg – ohne Jesus – „in den Himmel kommt“. Richtig sei aber: Der Glaube an Jesus ist auch für Israel unbedingte Bedingung für das Heil (vgl. Röm 11,14 und Paulus‘ großer Einsatz für die Errettung seiner Brüder).

Krämer bei seinem Seminar

Diesbezüglich kommt später eine Frage aus dem Publikum, nämlich wie zu erklären sei, dass Juden teilweise von einer Beziehung zu Gott sprechen, obwohl sie Jesus nicht als Messias angenommen haben. Krämers Einschätzung nach hängt dies damit zusammen, dass „Sünde“ in evangelikalen Kreisen nur als „Getrenntsein von Gott“ verstanden würde. Dies sei nicht falsch, aber nicht alles: Gerade bei frommen Juden sei zu beobachten, dass eine tiefe Beziehung zu und Vertrauen auf Gott Seite an Seite mit einer großen Erlösungsbedürftigkeit vorhanden sein kann.

Ersatztheologen sowie die Vertreter des zweiten Heilsweges lösen also laut Krämer die Spannung von Röm 11,28 falsch auf, indem sie einen der beiden „Fixpunkte“ relativieren oder negieren. Des weiteren ziehen sie jeweils falsche Rückschlüsse: Die Ersatztheologen vom geistlichen Stand (Unglaube Israels) auf die ethnische Verwerfung, die Vertreter des zweiten Heilsweges von der ethnischen Erwählung auf den geistlichen Stand (automatische Errettung).

Paulus hingegen biete eine andere Lösung für die Spannung, die in der Heilsgeschichte verwurzelt ist. Die Spannung wird geschichtlich aufgehoben, sie löst sich als propehtische Erwartung in der Zukunft: Weil Israel erwählt ist, wird es einst zum Glauben kommen und das ewige Heil empfangen.

Diese sehr durchdachte These Krämers beruht unseres Erachtens vor allem auf einer bestimmten Interpretation von Röm 11,26, nach der tatsächlich das gesamte Volk Israel zum Glauben kommen wird. Deutet man den Vers hingegen so, dass mit „ganz Israel“ nicht jeder einzelne Jude, sondern Israel als heilsgeschichtliche Gruppe – wie die Heiden, die auch nicht in ihrer Gesamtheit gerettet werden – gemeint ist, bleibt offen, wie Krämers These, nach der Juden als Geliebte wegen ihrer Erwählung noch zum Glauben finden werden, begründet werden könnte.

Tobias Krämer führt sein Seminar fort, indem er weitere Details des aus zwei Halbsätzen bestehenden Verses exegesiert:

Der erste Teil (Evangelium – Auswahl) der Halbsätze spreche jeweils von zwei unterschiedlichen Blickwinkeln, durch die man Israel betrachten kann. Im zweiten Teil (Feinde – Geliebte) werde deutlich: Die Feinde sind die Juden – wie alle ungläubigen Menschen – aufgrund ihrer eigenen Entscheidung. Die Geliebten aber sind sie durch Gottes Entscheidung. Vielleicht ist dies der Grund, weshalb in Krämers Sicht dieser Blickwinkel am Ende gewissermaßen den Sieg davontragen wird. Der dritte Teil (um euretwillen – um der Väter willen) behandele die Begründung dieses Ist-Zustandes: Die Geliebten sind die Juden um der Väter willen, weil Gott mit ihren Vorfahren einen unauflöslichen Bund geschlossen habe. Die Feinde sind sie aber um unseret-, das heißt um der Christen willen. Inwiefern? Krämer erläutet diese mysteriöse Aussage mit dem genauso anmutenden mysteriösen Satz aus Röm 11,25, den er im Anschluss auslegt: „Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt.“

Der Theologe legt anhand von Paulus‘ Argumentation in Röm 11,11 den Ablauf der Heilsgeschichte dar: Die Ablehnung des Evangeliums von Seiten der Juden war ein maßgeblicher Motor für die Heidenmission. Laut Krämer handelt es sich um eine Verstockung, die sich das Volk Israel selbst auferlegt hat, indem es sich gegen Jesus Christus entschied. Allerdings, so führt er aus, habe Gott seine Hand im Spiel, indem er diese Verstockung sozusagen um der Heiden willen versiegelt bzw. verlängert – bis heute. In diesem Punkt würde nicht jeder Krämer zustimmen, so besagt eine alternative Auslegung, dass diese Verstockung nur eine kurze Zeit lang anhielt, aber mit dem Beginn der Weltmission und der Bekehrung zahlreicher Heiden zu Lebzeiten des Paulus – zumindest von Gottes Seite her – beendet wurde und der Weg für die Juden frei ist.

In Krämers Argumentation geht es wie folgt weiter: Aufgrund ihrer fortbestehenden Verstockung zugunsten der Heiden bleibe den Juden keine andere Möglichkeit, als auf diese zu blicken. Daher rührt seine anfängliche Betonung des „zur Eifersucht Reizens“. Die Rettung der Heiden sei also kein Selbstzweck, sondern diene letztendlich wieder der Rettung der Juden. Gott sage seinem Volk laut Krämer: „Ihr wolltet das Evangelium nicht haben, dann bekommt ihr es jetzt auch erstmal nicht. Schaut stattdessen darauf, was Gott unter den Heiden bewirkt und vielleicht weckt das in euch den Wunsch, ihnen nachzueifern.“ Diese Verstockung dauere so lange an, bis nach Vers 25 „die Vollzahl der Nationen“ gerettet sei. Wann oder wie viele Menschen dies sein werden, wisse keiner, betont Krämer richtig.

Und nun trete der essentielle Vers 26 in Kraft, den der Theologe bereits am Anfang des Seminars erwähnt hatte: „So wird ganz Israel gerettet werden.“ Krämer erläutert, dass das griechische οὕτως nicht temporal mit „dann“ zu übersetzen ist, als gäbe es erst eine Zeit der Heiden und dann eine Zeit der Juden. Stattdessen liege hier eine modale Bedeutung vor: „So“ im Sinne von „auf diese Weise“ wird Israel gerettet werden – nämlich durch den Glauben der Heiden, der sie zur Eifersucht reize. Dies sei der von Gott vorgesehene Weg, auf dem die Juden das Heil erlangen könnten. Hier schließe sich der Kreis und so erkläre sich auch das „um euretwillen“ aus Vers 28: Israel glaubt nicht um der Heiden willen und die Heiden glauben um Israel willen. Das ist für Krämer die im Römerbrief dargestellte Heilsgeschichte auf den Punkt gebracht.

Die ganze Tragik der Kirchengeschichte liege nun darin, dass wir Christen diesen Mechanismus zerstört hätten, so Krämer: „Welcher Jude will denn an Jesus glauben, wenn alle Christen Antisemiten sind?“ Dementsprechend liegt es an den Christen und ihrem Verhalten, ob Israel zum Glauben komme und bleibe noch viel wiedergutzumachen, damit die Heilige Schrift sich erfüllen könne. Gelinge der Mechanismus, werde über kurz oder lang ganz Israel gläubig werden. Ob das „ganz Israel“ nur das Volk zu einem bestimmten Zeitpunkt impliziert oder anders zu deuten ist, versucht Krämer nicht zu beantworten, was ihm hoch anzurechnen ist.

Diese These Krämers hängt damit zusammen, dass er das Phänomen des „zur Eifersucht Reizens“ aus den Versen 12, 14 und evtl. 25 des 11. Kapitels des Römerbriefs als einen Soll-Zustand deutet: Es sei Auftrag der Christen so zu leben, dass den Juden der Glaube schmackhaft gemacht werde. Dies ist sicherlich grundsätzlich in Bezug auf unser Verhältnis zu jedem ungläubigen Menschen wahr. Man könnte die Aussagen des Paulus allerdings auch als eine Beschreibung des Ist-Zustandes verstehen: Die Juden werden automatisch zur Eifersucht gereizt, wenn Menschen aus den Nationen zum Glauben kommen.

Bleibt man bei Krämers Deutung, ist der Antisemitismus – der zu einem Großteil von Christen oder solchen, die sich Christen nannten, verübt wurde – der Hauptgrund, weshalb es Juden schwer fällt, Jesus als ihren Messias anzunehmen. In dem Fall muss es unsere oberste Priorität sein, die Vergangenheit aufzuarbeiten und diesen „Fehler“, davon spricht Krämer des Öfteren, wiedergutzumachen. Eine wahrlich große Aufgabe, zumal viele Juden leider Gottes mehr auf „die Christen“ in ihrer Gesamtheit blicken – welche in der Kirchengeschichte selten gut da standen -, als auf den einzelnen ernsthaften Christen. Können wir dieser von Krämer und anderen auf dem Kongress hervorgehobenen Verantwortung jemals gerecht werden?

Neben dieser Ermahnung steht allerdings die immer wiederkehrende, mutmachende These Krämers, beruhend auf seiner Auslegung von Röm 11,26: Weil Israel erwählt ist, wird es eines Tages zum Glauben an Jesus Christus kommen.

Zum Schluss seines intensiven Seminars kommt Tobias Krämer zur praktischen Bedeutung des von ihm ausgelegten Schlüsselverses: Sämtliche Literatur könne nun daraufhin überprüft werden, ob dieses in Röm 11,28 dargestellte Spannungsfeld korrekt wahrgenommen wird. Krämer betont die traurige Realität, dass viele auf einer Seite vom Pferd fielen: Entweder werde von Israel-Fans die Besonderheit der Juden überbetont, als bräuchten sie das Evangelium nicht mehr, oder aber es werde von evangelistischen oder eben ersatztheologisch geprägten Menschen die Verlorenheit der Juden überbetont, als gebe es für sie keine Hoffnung und als spiele ihre Erwählung keine Rolle mehr.

In diesem Sinne lässt der im Seminar vermittelte Inhalt auf mehr Sachlichkeit und Ausgewogenheit in israelfreundlichen Kreisen hoffen, weshalb zu bedauern ist, dass Krämers Vortrag nicht zum Hauptprogramm des Kongresses gehörte.

 Interview mit Tobias Krämer

Lieber Herr Krämer,

wie wichtig ist Ihres Erachtens das Israel-Anliegen im Vergleich zu anderen Aufträgen Gottes an die Christen? Sollten sich alle Christen gleichermaßen für Israel engagieren oder ist denkbar, dass sich hinter den theologischen Differenzen unterschiedliche Berufungen verbergen, bei denen die einen sich für einen geistlichen Aufbruch in Israel einsetzen, während anderen Muslimen das Evangelium bringen und wieder andere sich für Arme und Schwache stark machen?

Israel gehört m.E. zu den 10 wichtigsten Beauftragungen Gottes an die Gemeinde Jesu. Ein Ranking möchte ich hier nicht vornehmen, da die Bibel das auch nicht tut. Aber Israel sollte so selbstverständlich und natürlich zum „Portfolio“ an Beauftragungen dazugehören wie Mission, Evangelisation, Diakonie u.a. auch. Besteht hier im Grundsätzlichen Klarheit, dann kann es in der praktischen Umsetzung durchaus Unterschiede geben. Als Pastor ist mir die Tatsache geläufig, dass Christen unterschiedliche Gaben und Berufungen haben. Ähnlich sehe ich das auch für Gemeinden, evtl. auch für ganze Netzwerke und Kirchen. Schwerpunktsetzungen darf es geben. Kritisch wird es erst dort, wo man einen Auftrag Gottes nicht erkennt oder gar ablehnt. Das ist in Sachen Israel stellenweise im Leib Christi anzutreffen. Und das ist der Sache gegenüber nicht angemessen.

Wie würden Sie auf die folgende These eines moderaten Vertreters der Ersatztheologie reagieren? „Das Volk Israel hat seine Erwählung nicht verloren. Es ist weiterhin erwählt, nur definiert es sich anders. Gott hat entschieden, im Neuen Bund die Zugehörigkeit zu seinem erwählten Volk nicht mehr über die Abstammung, sondern den Glauben an den Messias zu definieren.“

Das ist eine Position, über die man diskutieren kann, weil sie von der Grundsubstanz her viel Biblisches enthält. Problematisch sehe ich zwei Aspekte: (1.) Der Erwählungsbegriff wird inhaltlich nahezu entleert. Worin besteht denn die Erwählung Israels, wenn sich Israel bleibend anders definieren kann? Das wäre zu klären. (2.) Der Abrahamsbund und damit die Väterlinie gehen hier unter. Paulus aber hält diese – man denke nur an Röm 11,28! – bis zum Schluss fest. Und zwar bewusst und mit theologischen Konsequenzen. Das darf man nicht aus den Augen verlieren.

Der Ansatz, die Zugehörigkeit zum erwählten Volk würde im AT über die Abstammung, im NT aber über den Glauben an Christus laufen, ist so exklusiv formuliert eine Verkürzung. „Abstammung“ ist im AT nicht alles und im NT nicht nichts. Die Verhältnisse sind komplexerer Natur. Wenn man hier simplifiziert, geht theologisch viel verloren.

In Ihrem Seminar haben Sie betont, dass Paulus‘ Schmerz über die Verstockung seines Volkes (vgl. Röm 9,2) auch deshalb so groß ist, weil diesem damit nicht nur der Zutritt zum Himmel, sondern eine ganzheitliche Wiederherstellung entgeht. Wie kommt es, dass Paulus eine solche nationale Wiederherstellung Israels, also eine wörtliche Erfüllung der alttestamentlichen Verheißungen, außerhalb von Röm 9-11 nicht thematisiert?

Die Frage ist berechtigt – und sie hätte sogar noch kritischer ausfallen können. Zunächst einmal ist es wichtig zu sehen, dass die paulinischen Briefe (am ehesten noch mit Ausnahme des Römerbriefes) alle Gelegenheitsschreiben waren, die durch bestimmte Anlässe motiviert waren. Paulus schreibt, weil in der Gemeinde was nicht stimmt, und geht darauf ein. Das ist der Grundansatz. Von daher versteht es sich von selbst, dass das Tagesgeschäft die Inhalte der Briefe maßgeblich bestimmt hat. Was für ein Glück, dass es in Korinth Probleme mit dem Abendmahl gab! Sonst hätte Paulus vielleicht nie etwas darüber geschrieben. Hinzu kommt, dass uns nicht alle paulinischen Briefe erhalten geblieben sind. Von denen an Korinth fehlen uns wahrscheinlich welche. Die argumentatio e silentio greift hier also noch weniger als sonst.

Im Übrigen hätten Sie auch fragen können, ob Paulus in Röm 9-11 die Perspektive einer ganzheitlichen Wiederherstellung Israels überhaupt im Blick hat. Expressis verbis hat er das nicht. Er kommt „nur“ bis an die Stelle, dass „ganz Israel gerettet“ wird (was auch sein Hauptinteresse gewesen sein dürfte). Folgt man jedoch seinem Schriftbeweis, dann führen diese Verse in Texte aus den Propheten Jesaja und Jeremia zurück. Texte, die von einer ganzheitlichen Wiederherstellung sprechen. Bedenkt man nun noch, dass schriftgelehrtes Zitieren von Belegstellen nicht nur die zitierten Verse meint, sondern das Textumfeld in Erinnerung rufen will, aus dem sie entnommen sind, darf man den Schluss ziehen, dass eine ganzheitliche Wiederherstellung Israels implizit im Blick, wenngleich nicht im Fokus der paulinischen Argumentation ist.

Für Sie ist Röm 11,28 das Koordinatensystem biblischer Israellehre. Der Kontext dieses Verses könnte nahelegen, ihn wie Vers 2a als Antwort auf Paulus’ rhetorische Frage aus Vers 1 zu verstehen: „Gott hat die Juden aufgrund ihres momentanen Unglaubens nicht definitiv und endgültig vom Evangelium ausgeschlossen, da sie zu seinem auserwählten und geliebten Volk gehören.“ Muss Röm 11,28 zwingend als Spannung interpretiert werden, die sich allein durch die zukünftige Errettung des Volkes Israel auflösen kann oder kann Paulus gemeint haben: „Sie sind Feinde des Evangeliums, aber weil ich sie einmal erwählt habe, werde ich sie deshalb nicht verstoßen, sondern sie mit offenen Armen aufnehmen, sobald sie zu mir kommen“?

 Dass Gott bereit ist, sein Volk Israel mit offenen Armen aufzunehmen, und sich sogar danach sehnt, ist schon seit Röm 10,21 klar. Röm 11,28 in diesem Sinne zu interpretieren, würde heißen, den gedanklichen Fortschritt in Kap. 11 zu verkennen. Und der führt immerhin an den Punkt, dass ganz Israel gerettet werden wird (Röm 11,26), also weit über Röm 10 und den von Ihnen genannten Interpretationsansatz hinaus. Diese Gewissheit wiederum erreicht Paulus über das Studium der Schrift (Gott wird die Gottlosigkeit von Jakob abwenden und Israels Sünden wegnehmen; V.25f), und so entsteht das Spannungsfeld in 11,28, dass Gott an der Erwählung Israels festhält und sie zum Ziel führt, obwohl Israel aktuell in Feindschaft gegenüber dem Evangelium verharrt. Dieses Spannungsfeld wird übrigens auch im Aufbau des Verses sichtbar: zwei strikt parallel gebaute Vershälften, die antithetisch miteinander verbunden sind (zwar – aber) und so einen stehenden Gegensatz bilden.

Der Clou liegt, wie dann auch der Fortgang in Röm 11,30ff zeigt, darin, dass am Ende von Kap. 11 Gott allein es ist, der Israel in seine Erlösung führt. Das ist weit mehr als das Warten auf Umkehr, das am Ende von Kap. 10 zu finden ist. Und es ist der Grund für den großartigen Lobpreis, mit dem Röm 9-11 endet.

Schließt das πᾶς Ἰσραὴλ („ganz Israel“) aus Röm 11,26 Ihrer Deutung nach alle Juden zu allen Zeiten oder nur die zu einem gewissen Zeitpunkt lebenden Juden ein? Wenn letzteres, wie ist das Schicksal der Millionen Juden der Geschichte einzuordnen, die bis heute trotz ihrer Erwählung ohne den Glauben an Jesus Christus sterben?

Paulus´ Denken in Röm 9-11 ist insgesamt nach vorne gerichtet. Die Frage ist, ob Israel noch zum Ziel kommt oder auf der Strecke bleibt. Und hier erlangt Paulus am Ende von Kap. 11 die Gewissheit, dass Ersteres der Fall sein wird: Ganz Israel wird gerettet, also zu Jesus finden und von seinen Sünden befreit werden. Es deutet zunächst nichts darauf hin, dass hier mehr gemeint sein könnte als die Volkserweckung des jüdischen Volkes, also ein geschichtliches Ereignis in Raum und Zeit.

Das Problem, das Sie hier ansprechen, betrifft im Übrigen ja nicht nur die Juden, sondern alle Menschen, die ohne den Glauben an Jesus Christus sterben, vor allem all diejenigen, die nie das Evangelium gehört und verstanden haben. Man soll von der Gnade Gottes wirklich nicht klein denken, aber hier bleibt ein Bangen und Zagen, wie Gottes Urteil im Endgericht wohl ausfallen wird.

Sie haben erläutert, dass das οὕτως („so“) aus Röm 11,26 nicht temporal („dann“), sondern modal („auf diese Weise“) zu verstehen ist: Israel wird dadurch gerettet, dass Christen ihnen den Glauben schmackhaft machen – was schwerlich möglich war, wenn diese gleichzeitig Antisemiten waren. Wie können wir mit der Tatsache umgehen, dass es immer Menschen gab und geben wird, die im Namen Christi Unheil gegenüber Juden anrichten (z. B. die Deutschen Christen) und die von vielen Juden – wie auch vielen Muslimen – als die Christen betrachtet werden?

Da bleibt m.E. nur ein Weg, nämlich der, dass sich die gesamte Christenheit (welcher Couleur auch immer) an die Brust schlägt und betet „Gott sei uns Sündern gnädig“. Das können auch die Nachfahren der von Ihnen genannten „Deutschen Christen“ tun – angesichts dessen, was geschehen ist. Wenn dann noch ein öffentliches Eingestehen und Benennen der Schuld erfolgt, dann wird deutlich, dass die Verfehlungen der Christen nicht auf das Konto Jesu Christi gehen, sondern ihm geradezu widersprechen. Und dann ist schon viel gewonnen. Solche Schuldeingeständnisse werden übrigens in Israel sehr wach gehört. Sie haben eine große Auswirkung.

Es ist „im Namen Jesu Christi“ viel Schlimmes passiert. Das sollte Anlass genug sein, jetzt mit aller Kraft und Entschiedenheit das Richtige zu tun. Noch ist es nicht zu spät.

 Herzlichen Dank für das Interview!

(jp)

 
Fotos:
Krämer: privat

Das Paradoxe an Israel – Gedanken zu Römer 3

Dr. Jürgen Bühler

7. November 2013

 

icejzen_logoJürgen Bühler, ein Deutscher, der seit 1994 in Israel lebt und als Executive Director für die Internationale Christliche Botschaft Jerusalem (ICEJ) arbeitet, beginnt seinen Vortag mit einem Überblick über die geistliche Situation in der islamischen Welt.

Er berichtet, dass während der Jesaja 62-Gebetsinitiative der ICEJ für eine Erweckung in jedem islamischen Land gebetet wurde, weil man den Eindruck hatte, Gott wolle etwas im Nahen Osten bewegen. Diese Prophezeiung werde nun Wirklichkeit. Bühler führt fort mit Schlaglichtern einzelner Länder, wobei er leider mit Erläuterungen oder Nachweisen spärlich umgeht. Er berichtet von:

  • Tunesien: Kurz nach besagtem Gebet habe es dort einen Aufbruch gegeben.
  • Syrien: In diesem von Krieg geplagten Land, das neben Israel die älteste Kirche der Welt beherbergt, arbeite Gottes Geist wie nie zuvor, obwohl es sich für die schwierigste Zeit für die Christen handelt.
  • Ägypten: Das Land stehe an der Schwelle der Erweckung, weil 15.000 Personen für ihr Land gebetet haben.
  • Irak: Hier passiere ähnliches.
  • Iran: Allein in Teheran würden monatlich 5000 Menschen getauft. Hierauf bricht das Publikum in spontanen Applaus aus. Leider präzisiert Bühler nicht, ob es sich bei den Getauften um Neubekehrte handelt. Er erzählt weiter, wie die Menschen unter Ahmadinedschad nur so in die Kirchen strömten, weil sie dachten „Wenn das Islam ist, werden wir lieber Christen!“
  • Libyen: Laut dem Gebetsführer Operation World von 2000 sei dies das verschlossenste Land der Welt gewesen, mit keinem einzigen Christen. 2012 sollte dann plötzlich für mehr Bibeln gebetet werden, weil sich so viele bekehren. (Anmerkung: Diesen ermutigenden Worten steht der Bericht von Open Doors entgegen, demzufolge viele Christen das Land verlassen haben, weil ihnen düstere Zeiten bevorstehen: http://www.opendoors.de/verfolgung/laenderprofile/libyen/)
Dr. Jürgen Bühler

Dr. Jürgen Bühler

Bühler berichtet weiter von einem prophetischen Wort an die ICEJ laut dem es in den nächsten Jahren in zehn Ländern der arabischen Welt Vertretungen der christlichen Botschaft geben werde. Tatsächlich verfügen ihm zufolge inzwischen Algerien und der Niger über eine solche Botschaft, zu deren Aufgaben laut Website des ICEJ (wo die zwei Länder in der Aufzählung fehlen) das Organisieren von Konferenzen, Gottesdiensten, Seminaren, Pro-Israel-Versammlungen und Veranstaltungen gegen den Antisemitismus gehören. Der oberste Imam des Niger habe laut Bühler geschildert, wie enttäuscht viele dort von den oftmals rassistischen Arabern seien und erkannt haben, dass die Zukunft im Westen und in Israel liege…

Wenn Bühler erzählt, gewinnt man den Eindruck, dass islamische Oberhäupter, Politiker sowie Muslime zusammen mit dem von ihm dargestellten geistlichen Aufbruch plötzlich allesamt eine Pro-Israel-Haltung an den Tag legten. Hier wären nähere Infos hilfreich, zumal beispielsweise im nahe gelegenen Westjordanland dieser Automatismus von Bekehrung zum Christentum und dem Engagement für Israel im Allgemeinen eher nicht zu beobachten sein scheint.

Bevor er zu seinem eigentlichen Thema kommt, spricht Bühler von Prophezeiungen über den Niedergang von Kommunismus und Islam. Die Macht des ersten sei bereits gebrochen und der zweite werde genauso fallen. Dies sind klare Worte, obwohl man angesichts der Tatsache, dass es sich um menschliche (prophetische) Eindrücke handelt, etwas mehr Vorsicht erwarten würde.

Es folgt Bühlers Lektüre von Römer 3,1-12 mit dem Schwerpunkt auf dem scheinbaren Paradox der Verse 2 und 9: Vers 2: Was haben die Juden für einen Vorzug oder was nützt die Beschneidung? -> Viel in jeder Weise! Vers 9: Haben wir Juden einen Vorzug? -> Gar keinen. Jürgen Bühler erzählt von einer Gemeinde, in der die Israel-Fans versuchten, ihren Pastor von der Besonderheit der Juden zu überzeugen, der wiederum betonte, dass Juden wie alle anderen seien, die Jesus Christus brauchen. Beide haben Bühler zufolge Recht, denn genau diese Spannung behandele Römer 3: Welchen Vorteil hat es im Neuen Bund, Jude zu sein, in dem jüdisch Sein eine Frage des Herzens ist?

Zunächst behandelt der Redner die Aussage von Vers 2: Der andauernde Vorzug der Juden bestehe darin, dass sie die Privatsekretäre Gottes seien – ihnen sind die Aussprüche Gottes anvertraut worden. Leider macht Bühler nicht deutlich, ob die Juden diese Rolle der Privatsekretäre immer noch innehaben und wenn ja, worin diese heute bestehen würde. Er betont, dass dem jüdischen Volk Gottes Wort anvertraut wurde, was man auch daran erkenne, dass ausnahmslos alle Autoren der Bibel Juden seien (selbst Lukas). Ohne die Kenntnis der jüdischen Geschichte und Kulturen sei so manche Bibelstelle nicht zu verstehen.

In diesem Sinne deutet der Redner Offb 22,16 („Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, der helle Morgenstern“) – die (fast) letzten Worte der Bibel – wie folgt: „Jesus möchte uns sagen, dass er Jude ist. Selbst im Himmel bleibt er Jude.“ Die letzte und damit wichtigste Botschaft des Sohnes Gottes an die Welt ist nach Bühler, dass sie ja seine Abstammung und damit das jüdische Volk nie vergessen soll. Das klingt romantisch, doch es ist fragwürdig, ob dies Jesu Intention war und er mit diesen Bezeichnungen nicht vielmehr seine Identität als wahrer Messias und damit Erlöser der Welt bekräftigen wollte.

„Die Juden sind aber doch nicht so heilig wie Paulus tut“ – diese oft gehörte Erwiderung nimmt Bühler nun auf, indem er auf Vers 3 verweist: Nein, sind sie nicht – aber Gott wäre ein Lügner, wenn das Verhalten der Juden seine Verheißungen zunichte machen würde. Die Basis für die Erwählung des jüdischen Volkes lege nicht in dessen Heiligkeit, sondern der Bündnistreue Gottes. Dies zeige sich an dem Bündnisschluss Gottes mit Abraham: Während normalerweise beide Bündnispartner bei Vertragsabschluss durch getötete und zweigeteilte Tiere schritten (was soviel bedeutete wie: „Wenn ich meinen Bund nicht halte, soll es mir ergehen wie diesen Tieren“), ging laut Mose 15,12-17 nur Gott durch die Tierhälften. Abraham schlief. Die Erhaltung des Bundes hängt also nicht von ihm und seinen Nachkommen ab. Damit widersetzt sich Bühler solchen Ersatztheologen, die proklamieren, Gott habe Israels Erwählung wegen dessen Untreue aufgehoben.

Nun folgt die andere Seite. Vor Gott sei ein Jude ein Mensch wie jeder andere. Es gibt eine nationale Berufung des Volkes, aber wenn es eins auf eins geht, gebe es keinen Unterschied zwischen beispielsweise Deutschen und Juden. Gott führe keine Vetternwirtschaft oder bevorzuge einige seiner Kinder, und die Lehre der Sündhaftigkeit des Menschen sei tief im Judentum verankert: Keiner ist gerecht. Das sind wichtige Worte auf einem Kongress, dessen Töne teilweise doch sehr die andere Seite betonen.

Diese Spannweite zwischen dem Geliebtsein um der Väter willen und der Feindschaft um des Evangeliums willen (Röm 11,28) dürfen wir nicht verlieren, schließt Bühler. Das in Römer 3 zum Ausdruck kommende Paradox habe dreierlei Auswirkungen: 1. Es bewahrt vor den Extremen der Ersatztheologie und der Zwei-Bündnis-Lehre (nach der es einen jüdischen und einen christlichen Weg zum Heil gibt). 2. Es hilft, die Rolle Israels zu verstehen: Wir sollen Israel als Augapfel Gottes bedingungslos unterstützen, jedoch nicht all seine politischen Entscheidungen gutheißen. (Was das genau dann heißt, bleibt hier offen.) 3. Es bewahrt uns Christen vor falschen Illusionen bezüglich der Errettung Israels: Jeder muss seine persönliche Entscheidung treffen, um erlöst zu werden – auch die Juden.

Was Bühler mit dem letzten Punkt vor allem angesichts der scheinbaren Errettung ganz Israels (Röm 11,26) impliziert, wird leider nicht deutlich. Doch mit diesem Vortrag legt er am Anfang des Kongresses ein gutes Fundament für den teils so schwierigen Balanceakt zwischen Engagement für das jüdische Volk und der sich zu oft daraus ergebenden Theologie oder Ansätze eines zweiten Heilsweges für die Juden, welcher ohne persönliche Entscheidung auskommt.

(jp)

 

Knackpunkt: Israel in den Medien

Egmond Prill

8. November 2013

 

In seinem Seminar zur Darstellung Israels in den Medien geht Egmond Prill, Journalist, Theologe und stellvertretender Geschäftsführer des christlichen Medienverbundes KEP e.V., auf das Phänomen der oftmals pro-palästinensischen Berichterstattung über Israel in den Medien ein.

Er berichtet, wie Israel zunehmend ins Unrecht gesetzt wird, wenn es zum Beispiel um Todesfälle im Nahostkonflikt geht: Überschriften wie „Israelische Soldaten töten Palästinenser“ finden sich häufig über Artikeln, in denen – wenn überhaupt – nur beiläufig die Todesopfer auf israelischer Seite sowie die Gründe der Tat genannt werden. Das Prinzip „Aktion-Reaktion“, das jedem Journalisten in Bezug auf militärische Vorfälle bekannt sein sollte, würde damit umschifft und mit der Tatsache gespielt, dass viele Zeitungsleser nicht mehr als die Überschriften und Bildunterschriften lesen.

Besonders besorgniserregend sind dem Journalisten zufolge falsche Darstellungen, die besonders häufig in Bildbeschreibungen auftauchen. Er zeigt ein Foto, auf dem ein Mann einen anderen herunterdrückt. Die internationale Nachrichtenagentur Associated Press hatte dieses mit „Israelischer Polizist und Palästinenser auf dem Tempelberg“ betitelt. Schon das Schild einer Tankstelle im Hintergrund deutet aber darauf hin, dass die Ortsangebe nicht korrekt ist. Als sich einen Tag darauf der Vater des auf dem Foto heruntergedrückten jungen Mannes meldet, ein amerikanischer Jude, der angibt, sein dort abgebildeter Sohn sei zum Studium nach Israel gekommen, wird klar: Hier werden entweder Menschen bewusst hinter‘s Licht geführt oder aber es wird sehr schlechte Recherche betrieben.

Problematisch ist bei solchen Vorfällen stets, dass anschließende Korrekturen wenig Auswirkungen haben, da das Bild im Zusammenhang mit der Überschrift sich sofort in den Köpfen festsetzt. Dabei fügt der KEP-Journalist an, er wolle keiner Zeitung unterstellen, dass sie judenfeindlich sei – nicht mal der SZ mit ihrer antisemitisch anmutenden Karikatur vom Juli 2013. Problematisch sei vielmehr, dass über die einseitige Berichterstattung und die Verwendung von antisemitischen Stereotypen nicht mehr nachgedacht werde und sich diese deshalb wie ein schleichendes Gift verbreiten könne.

Medien haben Macht, betont Prill immer wieder. Sie erzeugen Vorurteile und bestätigen diese und sind immer noch Hauptfaktor für die Meinungsbilder vieler Bürger hierzulande zu dem, was im Nahen Osten geschieht. Deshalb sei es wichtig, mediale Zusammenhänge zu verstehen und einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Der Vertreter des Medienbundes KEP erläutert drei wichtige Prinzipien bei der Berichterstattung, die man kennen muss, um zu wissen, wie Medien funktionieren:

1. „Was ist neu?“ Hierbei handelt es sich um die leitende Frage bei jeder Meldung, die vergegenwärtigt, warum ein getöteter Palästinenser eher einen Bericht wert ist, als die zu manchen Zeiten fast täglich abgefeuerten Raketen aus dem Gazastreifen nach Israel.

2. „Bad news are good news.“ Wie bei jeder anderen Thematik sei für Medien eine positive Nachricht (beispielsweise von einem israelischen Krankenhaus, das Palästinenser aufnimmt) nicht so relevant wie eine negative.

3. Die Frage der Perspektive. Diese werde von Medien gezielt genutzt. So kann in einem interessanten Seminar mit 300 Hörern der eine, der einschläft, fotografiert werden, um die Botschaft zu transportieren, dass der Redner seine (also die 229 restlichen aufmerksamen Zuhörer ebenso) gelangweilt habe. Ein anderes Beispiel ist das häufig wiederkehrende Motiv eines vermummten palästinensischen Steinewerfers, den man durch die Nahaufnahme inmitten einer gefährlichen Straßenschlacht glaubt – eine andere Perspektive würde zeigen ,dass ein paar Meter weiter andere in Seelenruhe ihre Falafeln essen.

Bilder sagen nie die ganze Wahrheit. So möchte Prill zufolge das sonst farbenfrohe SZ-Magazin mit einer in schwarz-weiß gehaltenen Fotoreportage über den als „Todesstreifen“ titulierten Gazastreifen bewusst Erinnerungen an die Berliner Mauer und ihre Todesstreifen aufkommen lassen, obwohl es im Gazastreifen keinerlei Selbstschussanlagen und Minen gebe, wie dies in der DDR der Fall war. Die düsteren Bilder zeigen ein tristes Bild der in Gaza lebenden Bevölkerung – Prill dazu: „Man hätte auch schöne Gärten mit blühenden Tomatensträuchen zeigen können.“ Die gebe es dort nämlich auch, genauso luxuriöse Villen oder Menschen, die ihren Eisbecher genießen.

Zur bildlichen Darstellung erwähnt Prill zudem die kulturellen Unterschiede zwischen Juden und Arabern, die zur Folge haben, dass grausame Bilder von getöteten Zivilisten beispielsweise öfter auf der palästinensischen Seite auftauchen, da in Israel mit solchen Darstellungen von Leid und Tod anders umgegangen werde.

Neben den oben genannten Prinzipien weist Prill auf die linke Prägung vieler großer Zeitungen hin: Für ihn kommt diese Ideologie aus der DDR, in welcher der Zionismus als Speerspitze des Imperialismus das größte Übel war und weswegen in vielen Köpfen bis heute ein anti-imperialisitischer Kampf gegen Kapitalismus und Weltjudentum zu führen sei. Geführt werde diese Weltanschauung unter anderem von europäischen Intelektuellen, die zu einer schleichenden öffentlichen Deligimation Israels beitragen. Prill zitiert den berühmten Autor Henning Mankell, für den Israel als Apartheidsstaat kein Existenzrecht mehr hat, sowie Jostein Gaarder („Sofies Welt“), in dessen Augen der Staat Israel wegen Rassismus und Verbrechen gegen die Menschlichkeit Geschichte ist. Dazu komme, dass viele Journalisten nicht unabhängig berichten dürften und der Ausrichtung ihrer Zeitung folgen.

Was also tun? Egmond Prill gibt in seinem Seminar die folgenden Tipps, um gegen einseitige Berichterstattung vorzugehen:

1. Kritisch bleiben und zurückfragen. Man solle als mündiger Bürger nicht alles glauben, nur weil es in der Zeitung steht und sich, wenn möglich, 15 Minuten täglich mit der Thematik beschäftigen. Wenn beispielsweise mitgeteilt werde, dass die Mauer 1200 km lang sei, solle man sich fragen, wie dies in einem Land, das von Norden bis Süden 470 km misst, möglich sei. Oder wenn Gaza als „größtes Gefängnis der Welt“ bezeichnet wird, weil es mit 4000 Einwohnern pro Quadratkilometer die höchste Bevölkerungsdichte der Welt – ähnlich Mumbai oder Manhattan – habe, könnte ein wenig Recherche nicht schaden. Dann fünde man heraus, dass in London die Zahl bei 5100 liegt, in Tel Aviv bei 7445, in Kalkutta bei 24.000 und in Mumbai bei 27.366 Personen pro Quadratmeter.

2. Sich von Organisationen wie dem Israelnetz helfen lassen, das gut recherchiert Argumentationshilfen geben möchte: www.israelnetz.de

3. Sich bei Werken wie der christlichen Medienakademie KEP aus- oder fortbilden lassen, damit mehr Menschen mit gutem Wertefundament in die Medien gelangen.

4. Leserbriefe schreiben. Prill ist überzeugt, dass wir andere Medien hätten, wenn wir uns mehr zu Wort melden würden. Mit Leserbriefen hätte man die Möglichkeit, den eigenen Standpunkt ins öffentliche Bewusstsein und ins Bewusstsein der betreffenden Redaktion zu bringen, unkorrekte Darstellungen zu korrigieren bzw. zu ergänzen sowie als Verband oder Interessengruppe kostenlos öffentlichkeitswirksam aufzutreten. Solche Briefe würden gelesen und sehr aufmerksam wahrgenommen. Als der Chefredakteur einer Zeitung die Evangelisationsveranstaltung Pro Christ trotz ihrer Größe ungeachtet gelassen hatte, gingen Beschwerden beim Innenministerium ein, woraufhin der Redakteur entlassen wurde. Wichtig sei jedoch, dass man auch schreibt, wenn etwas gut dargestellt und recherchiert wurde. Mit den folgenden Tipps zur Verfassung eines Leserbriefes schließt Egmond Prill sein informatives und Mut machendes Seminar:

  • In der Kürze liegt die Würze: Je kürzer der Brief, desto eher wird er abgedruckt.
  • Vorsicht vor frommem Vokabular: Ein mit Bibeltexten oder Insider-Formulierungen gespickter Brief wirkt abstoßend, weltfremd und ist schwer lesbar bis unverständlich.
  • Sachlich bleiben: Auch bei berechtigter Kritik sind Polemik und Beleidungen nicht hilfreich.
  • Aktualität wahren: Auf Zeitungsmeldungen und TV-Sendungen muss schnell reagiert werden, damit der Brief nicht unter den Tisch fällt.
  • Keine anonymen Briefe: Der Schreiber muss zu dem, was er geschrieben hat, stehen. Obwohl es sich um eine persönliche Reaktion handelt, kann aber eine gemeinsame konzertierte Aktion angestoßen werden.
 

(jp)

 

Mit Geburtswehen wird ein männlicher Sohn geboren. Dein Name soll nicht mehr Jakob heißen. Israel ist dein Name.

Benjamin Berger

8. November 2013

 
Benjamin Berger vor seinem Vortrag

Benjamin Berger vor seinem Vortrag

Auf den Vortrag von Benjamin Berger, dem bereits im Vorhinein als Hauptredner angepriesenen messianischen Juden aus Ein Kerem bei Jerusalem, hatten viele mit Spannung gewartet. Bergers Vortrag ist vielmehr ein Appell als eine thematische Abhandlung oder ein Vortrag. Ihm liegt auf dem Herzen, den anwesenden deutschen Israelfreunden neu die Bedeutung von Israel und die Wichtigkeit ihres Auftrages am jüdischen Volk vor Augen zu malen – und so stellt der schwer deutbare Titel eine Art Potpourri aus den von ihm dafür ausgewählten Bibelstellen dar.

Berger berichtet zunächst aus seinem Leben, in dem er immer wieder Gottes zeichenhaftes Handeln entdeckt: So kamen Benjamin und Ruben Berger 1971 nach Betanien, wo sie eine Wohnung in der Nähe des Lazarus-Grabes fanden. Diese Episode ihrer Biographie interpretieren sie als Zeichen der Auferstehung des Volkes Israel, zu welcher Gott sie gebrauchen wolle. Immer wieder fällt in Bergers Rede das Wort „Gnadenzeit“: In einer solchen Zeit, in der Gott etwas Bestimmtes erwartet, befänden wir uns aktuell, und müssten wachsam sein, damit wir sie nicht verpassen, wie sein Volk dies bereits in der Geschichte getan habe. „Wir wollen nicht spekulieren“, mahnt Berger, „aber es ist eine besondere Zeit.“ Gott möchte Neues schaffen und habe dabei „einen besonderen Plan für Deutschland und Israel“.

Nun führt er seine These anhand des biblischen Bildes der schwangeren Frau, die um der vor ihr liegenden Freude Schmerzen aushält, aus (siehe z. B. Joh 16,21). Bergers Haupttext ist Offb 12,1ff.:

[box] 1 Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen. 2 Und sie war schwanger und schrie in Kindsnöten und hatte große Qual bei der Geburt. 3 Und es erschien ein anderes Zeichen am Himmel, und siehe, ein großer, roter Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Kronen, 4 und sein Schwanz fegte den dritten Teil der Sterne des Himmels hinweg und warf sie auf die Erde. Und der Drache trat vor die Frau, die gebären sollte, damit er, wenn sie geboren hätte, ihr Kind fräße.5 Und sie gebar einen Sohn, einen Knaben, der alle Völker weiden sollte mit eisernem Stabe. Und ihr Kind wurde entrückt zu Gott und seinem Thron.[/box]

Diese Passage spricht Berger zufolge von der heutigen Zeit und nicht – so die verbreitete Auslegung – von der Geburt Jesu. Die Sonne, mit der die beschriebene Frau bekleidet ist, stehe für eine von Gott empfangene Gerechtigkeit. Der Mond unter ihren Füßen stehe für Israel, da die Juden einen Mondkalender besäßen. Ihre aus 12 Sternen bestehende Krone stehe sowohl für die Stämme Israels als auch für die Apostel. Dies führt den messianischen Redner zu dem Schluss, dass es sich bei der Frau um eine kollektive Größe handele, nämlich die aus Israel sowie den Nationen bestehende Priesterschaft: Menschen, die eine priesterliche Berufung haben und einheitlich fürbittend für das Volk Israel eintreten. Die Schwangerschaft ist für Berger keine buchstäbliche, sondern das Bild für eine Last, die diese Priesterschaft trägt: Die Last für das Volk Israel und seine Hinwendung zum wahren Gott. Folgt man dieser Deutung, dann steht der geborene Sohn für die Erlösung des jüdischen Volkes – dazu zitiert Berger Röm 11,15: „… was wird ihre Annahme anderes sein als Leben aus den Toten?“

Benjamin Berger aus Jerusalem

Diese Erlösung habe bereits angefangen: So gab es, als Ruben und Benjamin 1971 ihre Arbeit unter den Juden begannen, weitaus weniger messianische Gemeinden als heute. Impliziert dies für Berger, dass mit seinem Dienst die Erlösung Israels eingeläutet wurde? Dennoch fehle die vollständige Erfüllung und darin bestehe der Schmerz Gottes, den die Priester mittrügen.

Aus dieser speziellen Deutung kommt der engagierte Redner zu seinem Aufruf: Zwar gebe es solche Priester aus Israel und den Nationen schon – dazu gehöre auch er selbst -, doch fehle es weiterhin an Menschen aus den Nationen, die diese Last tragen. Die kollektive Frau ist seines Erachtens noch nicht vollständig, Gott warte auf Einheit. Und hier kommt Deutschland ins Spiel, das für den messianischen Juden eine besondere Berufung hat. Berger lässt verlauten: „Es ist ein nationaler Ruf an euch, diese Last zu tragen!“ Diese Berufung sei wie eine Schwangerschaft Ehre und Schmerz zugleich, aber: „Es soll uns etwas kosten!“

Überhaupt spielt der Aspekt der Nationalität für Berger eine große Rolle: Da Gott immer national an Israel gehandelt habe (am Sinai, durch Jesus, während des Holocaust), werde auch dessen Erlösung nationaler Art sein. Diese wiederum habe aber aufgrund der Schlüsselrolle, die das Volk Israel spielt, Auswirkungen auf die ganze Welt – auch wenn vielen nicht gefalle, dass Israel so wichtig ist.

Benjamins Bergers Ausführungen führen ihn nun zur Geschichte von Jakobs Kampf am Jabbok, die für ihn eine prophetische Bedeutung hat und in diesem Sinne mit Offb 12 zusammenhängt. Auf den ersten Blick erkenntlich ist dieser Zusammenhang nicht unbedingt: Der kämpfende Jakob erhält von Gott im Anschluss an den Kampf einen neuen Namen („Israel“) – und Namen haben in der Bibel stets eine tiefe Bedeutung und enthalten eine Verheißung. Im Folgenden bezieht sich Berger damit allerdings vor allem auf den Namen, den Jakob dem Ort gab: Pniël, das heißt „Angesicht Gottes“.

Hierin liege der hermeneutische Schlüssel, der den Bezug zur Frau aus der Offenbarung herstellt: Jakob, also Israel, hat das Angesicht Gottes gesehen. Und wer das Angesicht Gottes sieht, wird gerettet. Da Jesus aber sagte: „Wer mich sieht, sieht Gott“ (Joh 12,45), kann man sagen, dass wer Jesus sieht, und damit erkennt, wer Gott ist und wer er selbst ist, gerettet wird. Nun trage aber Israel – wie damals Mose, der sein Angesicht verdeckte – einen Schleier vor den Augen, von dem es Zeit sei, dass er weggenommen wird. Wie also in 1. Mose 32 Israel Gottes Angesicht sieht, gehe es in Offb 12 auch um die Erlösung Israels.

Die Geschichte Israels – und hier nimmt Berger diesen Namen gleichzeitig für den Erzvater Jakob sowie für das jüdische Volk – ist ein Kampf mit Gott, weil es Jeschua nicht angenommen habe und deswegen in die Zerstreuung geschickt wurde. Und in dieser Diaspora, so der messianische Jude, habe Israel den Kampf deshalb weitergeführt, weil es von den Nationen schlecht behandelt und sogar verfolgt wurde. So sei die – von den Nationen erfundene – Ersatztheolgie die Wurzel aller Verfolgung, die im Holocaust mündete. Doch Gott habe sein Volk nicht aussterben lassen, weil er es liebt. Wenn deshalb, führt der Redner aus, Juden heute sagen, dass sie aufgrund der Shoah nicht an Gottes Liebe glauben könnten, entgegnet er, dass im Gegenteil das Überleben des jüdischen Volkes ein Zeichen von Gottes Liebe ist.

Zum Schluss wiederholt Berger eindringlich seinen Appell im Namen Gottes: Gott wolle, dass die Kongressteilnehmer ihre Berufung für Israel erkennen und diese an das deutsche Volk weitertragen. Er warte auf Einheit der Gläubigen im Einsatz für Israel und wir alle sollten – solange noch Gnadenzeit ist – bereit sein, die Wehen zu erleiden, damit die Erlösung Israels zustande kommt.

Interview mit Benjamin Berger

Lieber Benjamin,

wann hat die Gnadenzeit, in der wir uns befinden, begonnen und wann wird sie deiner Meinung nach enden? Und du hast von einem „nationalen Ruf“ Deutschlands und einem „besonderen Plan Gottes“ für Deutschland und Israel gesprochen. Siehst du dies in der Bibel verankert oder handelt es sich um dein persönliches Empfinden aufgrund der deutschen Geschichte?

Alles hat zu tun mit dem Wort Gottes und auch mit meiner Erfahrung in Deutschland, die eigentlich angefangen hat in 1978, als ich meinen Dienst in Deutschland angefangen habe. Durch viele Erfahrungen in Deutschland und auch durch die Führung vom heiligen Geist und auch wie ich das Wort Gottes verstehe, bin ich zu diesem Verständnis gekommen, das ich ausgedrückt habe im Bezug auf das Thema, das ich in Deutschland das letzte Mal gebracht habe. (Anmerkung: Das Interview wurde nach dem Kongress per Email geführt.)

Ich werde anfangen mit der ersten Frage, die mit der Gnadenzeit in Deutschland zu tun hat. An erster Stelle ist es klar, dass ist in der ganzen Geschichte Israels niemals so etwas Schreckliches geschehen ist, wie es damals in der Hitlerzeit gegen die Juden geschehen ist. Wir haben in unserer langen Geschichte viel gelitten durch die Nationen. Es war auch teilweise Gottes Gericht über uns, es hat aber niemals eine Nation gegeben – ob in der babylonische oder in der römischen oder in der griechische Zeit – , wo man probiert hat, das jüdische Volk total zu vernichten.

Dies ist nur zweimal in unsere Geschichte geschehen. Das erste Mal war in der Zeit von Ester. Haman, der ein Agagiter war, wollte das Volk auf eine totale Weise vernichten. Das zweite Mal in unsere Geschichte war in der jüngsten Geschichte, als Adolf Hitler auch diesen Plan gehabt hat, das jüdische Volk total zu vernichten. Die Grausamkeit des Holocaust war etwas einmaliges. Man würde denken, dass Gott dem deutschen Volk ferner stehen würde nach dieser schrecklichen Geschichte. Wir sehen aber, dass Gott ganz anders mit Deutschland gehandelt hat. Auch wenn es Gericht gegeben hat über Deutschland, so schlimm es war, wenn man die Grausamkeit der Nazis vergleicht mit dem Gericht, das über Deutschland gekommen ist, so sehen wir, dass das Gericht niemals so schlimm wie diese Grausamkeit war.

Nach dem zweiten Weltkrieg sehen wir, dass es sofort einen Anfang einer Bußbewegung in Deutschland gegeben hat. Es fing an mit einem Judenchristen namens Abraham Polyak und danach Gabis Mutter Basilea Schlink, die auch in der Nazi-Zeit über Israel verkündigt hat, obwohl sie wusste, dass es sehr gefährlich ist. Aber weil sie es aus der Heiligen Schrift so verstanden hat, hat sie es weiter getan. Nachdem Darmstadt bombardiert war, haben sie und Schüler aus ihrem Bibelkreis verstanden, dass Gott sie berufen hat, das, was wir heute “Kanaren” nennen zu gründen. In der neuen Schwesternschaft haben Sie angefangen, die Botschaft von Israel in vielen Kirchen zu verkündigen. Sie hatten ein “Rufer-Spiel”, dass sie “Israel, mein Volk” nannten, und das haben sie in ganz verschiedene Kirchen und Gemeinden gebracht. Es war ein Ruf, Buße über ganz Deutschland zu tun.

Damals fing etwas Neues an in Deutschland und langsam ging dieser Ruf weiter auf ganz verschiedene Weise. Es war klar, dass eine neue Zeit in Deutschland angefangen hat. Auch mit der Wiederaufbau Deutschlands und besonders nach der Gründung vom Staat Israel wurden manche in Deutschland erweckt und sie haben angefangen, die heilsgeschichtliche Bedeutung Israels zu erkennen, und haben auch langsam angefangen, ihre eigene Schuld in der Nazi-Zeit zu erkennen. Wenn wir bis 1995 kommen, und das war die Zeit, in der man sich an alles was in den Konzentrationslagern geschehen ist, erinnern kann, weil es 50 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz war, fingen manche an, auch in der Tiefe Buße zu tun. Das ist immer ein Zeichen von Gottes Gnade.

Wir sehen auch, dass Deutschland in der Wirtschaft viel stärker geworden ist und dann erleben wir etwas später, wie die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland fiel. Es ist ganz klar, dass der Herr eine Gnadenzeit für Deutschland gegeben hat. Es sind auch viele junge Leute inzwischen nach Israel gekommen, um irgendwie zu helfen – manche auch mit Holocaust-Überlebenden. So sehen wir, dass Gott sich über Deutschland erbarmt hat.

Wir wissen aber, dass in der Geschichte Gnadenzeiten immer einen bestimmten Anfang haben und auch zu einer bestimmten Zeit enden. In dieser Zwischenzeit wartet Gott, was geschehen wird. Die Frage ist auch: Wie wird Deutschland an der Seite Israels stehen, wenn die Zeiten noch kritischer werden. Wird Deutschland sich so verhalten wie die meisten Nationen sich verhalten werden, also gegen Israel stehen?

Gott handelt auch immer im Positiven, wenn es einen treuen heiligen Überrest gibt, wenn es Menschen gibt, die priesterlich vor ihm stehen in der Fürbitte für Israel und auch in Beziehung mit der messianischen Gemeinde in Israel sowie mit dem ganzen Volk Israel stehen. Das wird die große Prüfung sein und wir kennen die Geschichte von Sodom und Gommora: Hätte Gott nur zehn treue Menschen in diesen Städten gefunden, dann hätte er sie nicht vernichtet. Ich sehe die Situation heute auch so: Der Herr wartet auf Deutschland. Die Gnade ist etwas, das wir empfangen haben durch das Opfer unseres Herrn YeshuaHamashiach, weil er das ganze Gericht, dass wir hätten bekommen sollen, auf sich genommen hat. Das ist eine biblische Wahrheit und man muss immer die biblische Wahrheit mit der historischen Wirklichkeit vergleichen, um zu erkennen was das Handeln Gott in jeder Situation ist.

So denke ich, dass ich die zwei Fragen eigentlich im Kurzen beantwortet habe und es gibt uns auch zu verstehen, dass die jetzige Zeit eine sehr kritische Zeit ist. Wir werden sehen und wir beten, dass die Minderheit der Gläubigen in Deutschland diese Zeit erkennen und auch als Priester vor Gott stehen in der Fürbitte, im Flehen, dass der Herr sich barmherzig zeigt über Deutschland, und dass Deutschland wirklich seinen Platz in dieser Geschichte nicht versäumt und an der Seite Israel stehen wird.

Deiner Meinung nach steht die schwangere Frau von Offb 12 für „die Priester aus Israel und den Nationen“, die – allegorisch ausgelegt – „eine Last tragen“. Diese Last ist für dich die Sehnsucht nach einer geistlichen Auferstehung des jüdischen Volkes und die Bereitschaft, sich konkret daran zu beteiligen. Eine wörtlichere Auslegung – gestützt auf Ps 2 und Röm 9,4-5 – sieht in der Frau das Volk Israel und in dem Kind den Messias. Kann sich eine gesunde Israeltheologie, die sonst vor allegorischen Deutungen (z. B. der alttestamentlichen Verheißungen) warnt, eine solch allegorische Interpretation von Offb 12 erlauben?

Du hast gesagt, dass es etwas allegorisches ist. Ich möchte über das Thema Allegorie etwas sagen. Das Allegorische wird zu einem Problem, weil wir verstehen, dass die allegorische Auslegung der heiligen Schrift in der Zeit enstanden ist, in der sich die Ersatztheologie entwickelt hat. Damals hatte man ein Problem mit allen Prophezeiungen, die mit Israel zu tun haben – in der Zukunft, nämlich der Zeit vom messianischen Reich. Weil man es so verstanden hat, dass Israel keine Rolle mehr spielt in der Heilsgeschichte, konnte man diese Prophezeiungen nicht mehr buchstäblich erklären. Man hat es so erklärt, dass es keine wörtliche Erfüllung mehr hat, sondern dass man diese Prophezeiungen nur allegorisch verstehen kann, dass sie eine geistliche Bedeutung haben.

Das Bild in Offenbarung 12 ist überhaupt kein allegorisches Bild. Es zeigt uns etwas in Form eines Bildes, das eine buchstäbliche Bedeutung hat. Vieles in der Offenbarung wird uns auf diese Weise gezeigt, und alles, was in der Offenbarung steht, hat eine geschichtliche Erfüllung, die zu einer bestimmten Zeit in der Geschichte erfüllt wird.

Warum sehe ich diese Frau, die mit der Sonne gekleidet ist, als eine Frau die nicht nur eine Person ist, sondern auch eine, die aus einer Mehrheit besteht? Manche sehen sie als  Israel, weil sie diesen Kranz über ihrem Haupt hat, der aus zwölf Sternen besteht und sie erkläre, dass die zwölf Sterne die zwölf Stämme Israels sind. Andere sehen sie als die Gemeinde, die auch diesen Kranz trägt aus zwölf Sternen und dass die Sterne die zwölf Apostel symbolisieren. Ich denke, dass wenn wir es mit einer Prophezeiung zu tun haben, wir flexibler sein müssen, weil eine Prophezeiung auch eine doppelte Bedeutung haben kann. Damit meine ich, dass die zwölf Sterne die zwölf Stämme Israels und zur selben Zeit auch die zwölf Apostel bedeuten können, dass sie beides bedeuten können. Diese kollektive Frau ist mit die Sonne bekleidet – das bedeutet für mich, dass sie mit der Gerechtigkeit Gottes gekleidet ist. Sie steht nicht vor Gott in ihrer eigenen Gerechtigkeit. Der Mond unter ihren Füße kann zweierlei bedeuten: Entweder bedeutet es, dass der Mond unter ihren Füße ist, was heißt, dass der Mond ein negatives Symbol ist. Wir wissen, dass der Mond im Islam eine geistliche Bedeutung hat. Man kann aber den Mond auch als etwas Positives sehen und er kann ein Symbol für das Israel Gottes sein, weil Israel einen Mondkalender hat. Wie gesagt sehe ich diese Frau als eine kollektive Frau, die aus den Gläubigen aus Israel und den Gläubigen aus den Nationen besteht. Ich sehe sie so, weil Israel bis heute nicht mit der Sonne gekleidet ist. Israel hat noch seine eigene Gerechtigkeit.

Dass sie schwanger und in Geburtswehen ist, bedeutet, dass sie eine geistliche Last trägt, die man vergleichen kann mit Schwangerschaft und Geburtswehen. Der männliche Sohn: Es gibt in der heiligen Schrift eine gewaltige und direkte Parallele im zweiten Buch Mose. Als der König von Ägypten sah, dass die Kinder Israels sich sehr schnell vermehrten, hatte er Angst, dass sie sich eines Tages gegen ihn wenden und ihn bekämpfen. Zwischen Jesus und dem Volk Israel gibt es diese Parallelen. Der König von Ägypten hatte den Befehl gegeben, dass alle männliche Kinder die geboren werden, in den Fluss geschmissen werden, so dass sie ertrinken. Der König Herodes hat den Befehl gegeben, dass alle männlichen Kinder unter zwei Jahren, die in Bethlehem geboren werden, mit dem Schwert umgebracht werden.

Der zweite Vers hat mit das Wort aus Hosea 11,2 zu tun: “Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.” Dieser Vers redet darüber, was Gott mit Israel getan hat, als er Israel aus Ägypten herausgerufen hat. Im Leben von unserem Messias erkennen wir, dass auch Jesus als Kind bei der Flucht mit seinen Eltern nach Ägypten gekommen ist. Nachdem Herodes gestorben ist, ruft der Herr Maria, Josef und das Kind zurück in das Land Israel. Wieder sehen wir die Parallele zwischen der Geschichte Israels und der Geschichte Jesu. Weiter sehen wir, dass Jesus in der Versuchung 40 Tage in der Wüste war und den Feind, der ihn versucht hat, überwunden hat. Israel war 40 Jahre in der Wüste, weil es ungehorsam gehandelt hat und es hat den Feind nicht überwunden. Mose war 40 Tage auf dem Sinaiberg . Wieder sehen wir die Zahl 40. Jesus hatte zwölf Jünger erwählt, in Israel gibt es zwölf Stämme – wieder eine gewaltige Paralelle.

In dieser nationalen messianischen Geburt Israels sehe ich, dass dieser kollektive männlicher Sohn Jesus ganz ähnlich sein wird. So ist das Ziel Gottes für die Erlösung Israels. Sicher steht der Drache vor dieser Frau – wie er immer steht, wenn etwas gewaltiges Heilsgeschichtliches geschehen wert. Wir lesen in Hosea 2, dass der Messias in Bethlehem geboren wird: “Darum wird er sie dahin geben, bis zur Zeit, in der eine Gebärende geboren hat und der Rest seiner Brüder zu den Söhnen Israels zurückkehrt.” Ich verstehe das so, dass es eine Zwischenzeit gibt zwischen der Geburt des Messias und der Geburt von dem männlichen Sohn, von der wir hier in Micha lesen. Es kann auch eine 2000-jährige Zwischenzeit sein. Wir lesen, dass “der Rest seiner Brüder zu den Söhnen Israels zurückkehrt”. Die Frage ist: Wer ist Rest seiner Brüder, der zu den Söhnen Israels zurückkehrt? Sind es nicht die aus den Nationen, die eingefropft sind in den edlen Ölbaum Israel? Zuerst muss der edle Ölbaums Israel wieder inkardiniert werden, bevor die Brüder in diesen edlen Ölbaum eingepfropft werden können. Dieser Prozess ist jetzt im Gange.

Würdest du mit Mt 13,24ff. und 25,31ff. sagen, dass sich das Heil des einzelnen Christen daran entscheidet, wie er zu Israel steht bzw. dass an seinem Umgang mit den Juden erkennbar wird, ob jemand ein wahrer Christ ist?

Ich werde eine kurze Antwort auf die Frage geben, ob es für Christen wichtig ist, mit Israel verbunden und ob dies mit der Erlösung zu tun hat. In dieser letzten Zeit rückt Israel mehr und mehr in die Mitte, die ganze Weltgeschichte wird und ist schon mit Israel verbunden. Wenn die Christen in dieser Zeit nicht verstehen, was Gott mit Israel vorhat und tun wird, ist es so, wie es mehr und mehr in der Geschichte geschehen ist, dass die Christen verblendet geblieben sind. Wir haben schon in der Geschichte gesehen, dass die Christen in Verführung kommen werden, darum hat es alles mit der Erlösung zu tun.

In deinem Seminar hast du betont, dass „eine theologische Wahrheit Fleisch werden“ muss. Heißt das für dich, dass die Christen aus den Nationen, die ja nur in den Ölbaum eingepfropft wurden, die DNA des Baumes verinnerlichen müssen? Wenn ja, wie können sie das tun und wie wirkt es sich konkret aus?

Diese Frage hat zu tun mit dem edlen  Ölbaum und wie wir Christen Anteil an diesen Ölbaum haben können. Ich denke, dass ich diese Frage schon beantwortet habe.

Ich wünsche dir und euch Gottes reichlicher Segen. In Yeshua verbunden.

Herzlichen Dank für das Interview!  

(jp)

 
Fotos:
 
Berger 1: privat; Berger 2: © 2013 Gemeinde und Israel ; Jakobs Kampf:wikimedia

Nicht weniger als “die ganze Wahrheit” über das Judentum will eine Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin seinen Gästen vermitteln, wenn auch sicherlich mit einem Augenzwinkern: In der vom 22. März bis 1. September 2013 geöffneten Ausstellung “Die ganze Wahrheit … was Sie schon immer über Juden wissen wollten” führen 30 Fragen den Besucher durch die Räume des Museums. Diese reichen von alltäglichen zu außergewöhnlichen, von lustigen über schwierige bis hin zu eigentlich nicht beantwortbaren Fragen, darunter zum Beispiel:

  • Lässt sich die Vergangenheit bewältigen?
  • Sind Juden besonders?
  • Wie hält die Kippa auf dem Kopf?
  • Woran erkennt man einen Juden?
  • Wie kommt ein Jude in den Himmel?
  • Sind Juden auserwählt?
 

Trailer zu der Sonderausstellung

Jede der gestellten Fragen wird mit einer künstlerischen “Installation” aus Objekten und Texten “beantwortet”. So geben 180 Objekte aus Religion, Kunst und Alltagswelt Einblick in das jüdische Denken, die unter Juden herrschende Identitätsdebatte, ihr Verhältnis zur nichtjüdischen Umwelt und die Vielfalt des Judentums.

Zur Frage “Gibt es noch Juden in Deutschland?” nimmt beispielsweise zu bestimmten Zeiten ein Jude in einer Vitrine Platz und beantwortet bei Bedarf Fragen über das Judentum. Eine der absurdesten Fragen, die dabei gestellt wurden, war die, ob Juden auch so etwas wie eine Bibel hätten. Die Erlebnisberichte zweier “Vitrinen-Juden” auf dem Blog des Museums unter http://www.jmberlin.de/blog/2013/04/von-wagner-bis-zum-wetter/#more-1136 und http://www.jmberlin.de/blog/2013/04/in-der-vitrine/#more-1080 sind hierzu sehr zu empfehlen.

Zudem haben alle Besucher selbst die Möglichkeit, auf Post-its Fragen oder Kommentare zu hinterlassen. Bei solch interaktiven Angeboten erlebten die “Ausstellungsjuden”, dass nach anfänglichem Zögern die Fragen gar nicht mehr enden wollten und dass teilweise große Unsicherheit herrscht, was diese mit dem Christentum so eng verbundene Religion betrifft.

Zusätzlich zur Ausstellung wird dem Besucher ein interessantes Begleitprogramm angeboten: So findet beispielsweise ein runder Tisch mit Juden unterschiedlicher Couleur (orthodox, konservativ und liberal) statt und wird ein Montagskino mit zahlreichen unterhaltsamen wie innovativen Filmen angenboten. (Hier finden Sie mehr Informationen)

Wer die Berliner Ausstellung nicht besuchen kann, findet auch auf dem Blog des Jüdischen Museums einige Antworten, so finden Sie zum Beispiel hier eine Erklärung zum mysteriösen Haften der Kippa auf den Köpfen jüdischer Männer:

 

Wer eher historisch interessiert ist, kommt in einer weiteren Ausstellung auf seine Kosten, diesmal im Berliner Alliiertenmuseum. Dort leistet die Schau “Sieger, Befreier, Besatzer” bis zum 1. Dezember 2013 einen Beitrag zum offiziellen Themenjahr “Zerstörte Vielfalt. Berlin 1933 – 1938 – 1945”. Sie stellt das Leben einer besonderen Personengruppe dar, nämlich von – hauptsächlich – in die USA emigrierten deutschen Juden, die nach den Grauen des zweiten Weltkriegs meist in Uniform als Soldaten in ihre alte Heimat zurückkehrten.

Einige von ihnen gelangen zu großer Popularität, darunter Henry Kissinger und Ernst Cramer, deren gleich begonnene Schicksäle unterschiedlicher nicht hätten enden können: Beide kehrten dem Land, in dem sie als junge Männer massive Einschränkungen, Gewalt und Verfolgung erlebten, Cramer u.a. im Konzentrationslager Buchenwald, gerade noch rechtzeitig den Rücken, der aus Fürth stammende Kissinger 1938 und der gebürtiger Augsburger Cramer ein Jahr darauf.

Beide kamen sie in der Uniform ihrer neuen Heimat zurück in die alte und stellten schnell fest, dass keiner ihrer Verwandten überlebt hatte. Doch während Kissinger zurückging und US-Außenminister wurde, blieb der zweite, was er im Nachhinein als “die schwierigste, bitterste Entscheidung” seines Lebens bezeichnete. Er wollte mithelfen, ein besseres, ja, demokratischeres Deutschland zu schaffen und trug als eine der prägendsten Figuren des Axel-Springer-Verlages viel zum Aufbau einer pluralistischen Presse in dem vom Nationasozialismus gekennzeichneten Land bei.

So zeichnet die Berliner Ausstellung den Lebensweg von 14 Juden, darunter auch der jüdische Schriftsteller Stefan Heym, der seinen Eintritt in die US-Armee als einschneidendes Erlebnis beschreibt: “Ich habe geweint, als ich mein Gewehr bekam. (…) Ich war nicht mehr wehrlos. Zum ersten Mal konnte ich mich verteidigen”

Sie alle flohen als Verfolgte und kehrten als Befreier zurück. Und sie trugen mit dazu bei, dass sich nach der grauenhaften Euthanisie der Juden wieder jüdisches Leben in der BRD etablieren konnte.

  Quellen: http://www.zeit.de/video/2013-04/2311120608001/ausstellung-ausstellung-die-ganze-wahrheit-ueber-das-judentum-in-berlin#autoplay http://www.jmberlin.de/main/DE/01-Ausstellungen/02-Sonderaustellungen/2013/ganze-wahrheit.php http://www.israelmagazin.de/die-ganze-wahrheit-was-sie-schon-immer-uber-juden-wissen-wollten http://www.alliiertenmuseum.de/ausstellungen/sonderausstellung.html http://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article114446674/Deutsche-Juden-verfolgt-vertrieben-heimgekehrt.html