Israel in echt und in Farbe – überraschend anders

Seit drei Jahren gehöre ich als studentische Mitarbeiterin zum Team des Instituts für Israelogie. In dieser Zeit habe ich zahlreiche Artikel und Kurzmeldungen verfasst, Inputs vorbereitet, eine Themenwoche mitorganisiert. Schwerpunkte meiner Arbeit sind Antisemitismus, die theologische Verbindung von Judentum und Christentum – und: Israel. Ich interessiere mich dabei für Historie, Archäologie und Zeitgeschichte, Politik. Themen, die man auch aus der Distanz kompetent bearbeiten kann. Was mir bisher fehlte, war der persönliche Kontakt zu Land und Leuten. So hatte ich den „Spirit“ Israels noch nicht selbst erlebt. Oder wenn es um die Beschreibung bekannter Stätten ging, konnte ich mich nur auf fremde Augenzeugenberichte und Fotografien berufen.

Das sollte sich im Sommer 2019 ändern. Dank des jährlich ausgeschriebenen Stipendiums des Instituts durfte ich sechs Wochen an der Ben-Gurion-Universität in Beersheva, Israel, verbringen. Menschen aus der ganzen Welt kommen für einen Sommer des kulturellen Austauschs in der Wüstenstadt zusammen. Den Rahmen unseres Aufenthaltes bildete der Besuch des „Ulpans“, einem Sprachkurs, in dem Neuhebräisch erlernt wird. Weiterhin wurden Exkursionen unternommen, Vorträge und Ausstellungen besucht, es wurde gemeinsam gefeiert und miteinander gelebt.

Teilweise besteht im Christentum neben Offenheit eine emotionale Faszination für Israel. Dann wird jeder Stein im „Heiligen Land“ zu etwas Besonderem erklärt. Schon im Flugzeug saß eine Gruppe älterer Damen, die sich als Pilgerinnen auf den Weg ans Tote Meer gemacht hatten. Ihre geradezu kindliche Vorfreude auf Israel, dem Land der Bibel, hatte durchaus Ansteckungspotential. Religiöse Faszination packt aber nur den, der sich packen lässt. Ich muss zugeben, dass ich meine Reise mit einer Prise spiritueller Nüchternheit angetreten bin, um Land und Menschen erst einmal offen zu begegnen.

Wüste um Beersheva soweit man schaut

Für mich als Theologin ist stets alles interessant, was allgemein unter dem großen Wort „Glauben“ zusammengefasst werden kann. Aus dieser Kategorie musste in Israel doch reichlich Anschauungs- und Inspirationsmaterial zu finden sein. Gleichzeitig beobachte ich gerne religiöses Leben in politischen Strukturen – und umgekehrt Politik in der Kirche. Die wichtigste Frage, die mich schon vor meiner Abreise beschäftigte, lautete daher: „wieviel Judentum” werde ich im Staat Israel tatsächlich vorfinden?

Als stiller Beobachter müsste ich hierauf ganz klar mit „sehr, sehr viel“ antworten. Bereits am Flughafen erscheint für den mitteleuropäischen Christen alles ‚typisch jüdisch‘. Traditionelle Kleidung, mehr Kinder als Erwachsene, ausschließlich koscheres Essen. Symbole wie die Menora oder der Davidsstern bestimmen das Bild. Der Theologe wird ständig von Namen und Worten getriggert, die er aus dem Althebräischen kennt.

Ortsschild vor Jerusalem

Man weiß außerdem und im besten Fall schon vor Reiseantritt: Beim Einkaufen einfachster Dinge zahlt man mindestens das Doppelte als in Deutschland, denn die meisten Läden zahlen für teure Koscher – Zertifikate. Viele Orte – unter anderem Beersheva  – haben eine biblische Geschichte, die dem Touristen nicht vorenthalten wird. Wer am Sabbat einen Ausflug unternehmen möchte, muss gut planen. Zwar ist es bei weitem nicht so, dass das ganze Land in Synagoge oder Wohnzimmer verbringt. Doch öffentliche Verkehrsmittel und Öffnungszeiten von Museen, Restaurants oder Freizeitanlagen schränken den Reisenden stark ein.

Religion ist also in Israel sehr präsent und auf natürliche Weise Teil des israelischen Alltags, den Außenstehende auf den ersten Blick wahrnehmen können.

Sonnenuntergang in der Wüste

Wenn es aber nicht einfach darum geht, in kürzester Zeit möglichst günstig möglichst viele Orte zu sehen, sondern man mehrere Wochen am Stück relativ entspannt in den Tag leben kann, entdeckt man Facetten des Landes, die nicht auch Wikipedia und Reiseführer hätten liefern können. Für mich war die Universität der perfekte Ort, um ganz natürlich erste Kontakte mit jungen Israelis zu knüpfen.

Denn auf dem Campus leben internationale und israelische Studenten eng zusammen. Die Atmosphäre ist natürlich. Man trifft sich beim Wäschewaschen, am Swimming-Pool, in der Mensa oder beim Sport. Eine der ersten israelischen Eigenschaften, die dort zutage tritt: Israelis wollen alles wissen. Sie fragen sehr direkt und sehr persönlich. „Bist du verheiratet? Hast du Kinder? Warum nicht?“  Deutsche Zurückhaltung darf schnell beiseitegelegt werden.

Dafür erhielt ich im Gegenzug Einblicke in das, was wir Deutschen als “privat” bezeichnen. Familie, Wohnung, Religion – alles darf zum Gesprächsgegenstand gemacht und auf Einladung sogar persönlich kennengelernt werden. Während Familie und häusliches Umfeld sehr individuelle Kategorien bilden und sich bei jedem anders gestalten, wird beim Thema Religion schnell klar: für die meisten junge Menschen sind es in erster Linie Kultur und Respekt, nicht persönlicher Glaube, der dazu anhält, am Sabbat gemeinsam zu essen oder in die Synagoge zu gehen. Viele junge jüdische Israelis geben gleich ungefragt an, sie seien nicht religiös sondern „a secular Jew“. Mehrmals fiel in Gesprächen der Vorwurf, Europäer oder Amerikaner würden in Israel immer noch ein staubiges, unterentwickeltes, rückständiges Land sehen, reduziert auf eine Kultur, die nur Religion in den Mittelpunkt stellt. Stattdessen sei man stolz auf moderne Technologien, Partymetropolen wie Eilat und TelAviv – und der Selbstverständlichkeit, mit der man Stücke arabischer Kultur übernimmt.

Auf der Abschlussfeier gaben wir Studenten eine kleine Show

Es ist schon etwas dran, dass man gerade als gläubiger Christ am traditionellen Bild von Israel hängt. Und dieses Bild entspricht auch in gewisser Weise immer noch der Realität – nämlich der von Politik und der Einstellung vieler Menschen der „älteren“ Generation. Das spiegelt in den Wahlen nieder, aber auch in der Skepsis gegenüber den Entwicklungen in den größeren Städten, die sich immer mehr öffnen.

Kasten, um geliehene Gebetsschals zurückzugeben

Israel steht unter Spannung, soweit nichts Neues. Eine ganz besondere Begegnung, die mir gut im Gedächtnis geblieben ist, war eine Gesprächsrunde mit der ultra-orthodoxen Politikerin Rivka Ravitz. Ravitz ist seit 2014 „chief of staff“ unter Staatspräsident Reuven Rivlin. Ihre Person verkörpert eindrücklich eine Fusion aus dem „traditionellen“ und dem „modernen“ Judentum. Hochschwanger, kurz vor ihrer Niederkunft mit dem elften Kind, war sie bereit, uns Teilnehmern an der Sommer-Universität Rede und Antwort zu stehen. Noch dazu am Sabbat: im orthodoxen Judentum ist es Pflicht der Ehefrau, sämtliche Vorbereitungen für den Feiertag zu treffen – bei einer zehnköpfigen Familie keine leichte Aufgabe. Ravitz hat studiert und promoviert, eine politische Karriere gestartet, verfügt über Macht und Einfluss, ist eine anerkannte Frau. Parallel dazu ist sie pflichtbewusste Mutter, Ehegattin, religiöse Jüdin. Ravitz sieht darin keinen Widerspruch. Ich fragte sie, was ihr wichtiger sei: gesellschaftsrelevante Werte wie Liberalität und Selbstbestimmung an ihre Kinder weiterzuvermitteln, oder sie zu religiösen Menschen zu erziehen. Ravitz antwortete: „Ich kann nur als Mutter antworten: Ich möchte meine  Kinder eng bei Gott sehen.“ Es ist eben nicht einfach mit der Religion und der Politik.

Diese sechs Wochen Israel brachten mich nicht nur fachlich, sondern persönlich weiter. Für mich war es besonders wichtig, fremde Erlebnisberichte durch eigene zu ersetzen. Was denke ich, wenn ich am See Genezareth auf blaue Wasser zu schauen? Wie ist es, nach getanem Gebet im Rückwärtsschritt die Klagemauer zu verlassen? Wie fühlt es sich an, als Deutsche unter Juden am Holocaustdenkmal Yad Vashem zu stehen?

Reisen bildet. Für Christen ist jedes Stück jüdischer Kultur ein guter Anknüpfungspunkt, um die eigene Religion und Geschichte besser kennenzulernen und zu verstehen, und daher eine Auseinandersetzung richtig und wichtig. Für die Chance, solche Erfahrungen vor Ort zu sammeln, bin ich sehr dankbar. Auch ohne von einer heißen Liebe zu sprechen, blicke ich auf eine faszinierende Zeit zurück in einem Land, das mich überraschte.

Am See Genezareth

Alena Edler

   

von links: Dr. Berthold Schwarz und Dr. h.c. Fritz May

Am Mittwoch, den 18. April 2018, fand die Verleihung des Franz-Delitzsch-Preises an der Freien Theologischen Hochschule in Gießen statt. Jährlich prämiert der Preis eine herausragende Forschungsarbeit, die mit den Zielen und Schwerpunkten des Instituts für Israelogie übereinstimmt und dazu einen wissenschaftlichen Beitrag leistet. Möglich sind diese Förderungen aufgrund der Stiftungsgelder, die die Arbeitsgemeinschaft „Christen für Israel“ (CfI) durch ihren langjährigen Vorsitzenden Dr. h.c. Fritz May zur Verfügung stellt. Herr May und seine Frau waren während der Preisverleihung ebenfalls anwesend, bei der er zugleich Segenswünsche zu seinem Geburtstag entgegennehmen durfte. Durch das Programm der Preisverleihung führten Prof. Dr. Helge Stadelmann, der Institutsleiter Dr. Berthold Schwarz und ein Team von Studierenden der Hochschule.

Hauptpreisträger sind dieses Jahr Prof. Dr. Hendrik Koorevaar und Prof. Dr. Mart-Jan Paul. Beide lehren als Professoren für Altes Testament unter anderem an der Evangelischen Theologischen Fakultät Leuven, Belgien. Sie beschäftigen sich schon viele Jahre mit Israel: Während Koorevaar selbst 14 Monate im Land gelebt hat, ist Paul aktives Mitglied am Zentrum für Judaistik-Studien in Ede. Gemeinsam haben sie vor einigen Jahren ein Forschungsprojekt initiiert mit dem Titel: „The Earth and the Land. Studies About the Value of the Land of Israel in the Old Testament and Afterwards”. In diesem Sammelband sind Aufsätze zu finden, die sich unter dem Fokus der alttestamentlichen Verheißung, dass von Zion Segen für die ganze Welt ausgehen soll (z.B. Ps 69,30-37 oder Ps 133), mit dem Land Israel beschäftigen. Auch Beiträge zur späteren Entwicklung der Thematik im Judentum und im Islam wurden aufgenommen. Die Publikation wird demnächst in der Reihe Edition Israelogie erscheinen (EDIS 11).

Prof. Dr. Helge Stadelmann, im Hintergrund die beiden Preisträger

Die beiden Gewinner konnten nicht persönlich bei der Verleihung anwesend sein, übermittelten aber eine Videobotschaft (siehe Link): Koorevaar betonte darin, dass es für Christen sehr wichtig sei, die Relation zum jüdischen Volk zu bedenken. Theologisch betrachtet habe das Christentum nicht die Position Israels eingenommen. Wer in Zukunft das Recht haben wird, im Land Israel zu wohnen, liegt für ihn auf der Hand: die Sanftmütigen, so wie es Jesus in der Bergpredigt sagt.

Prof. Dr. Helmuth Pehlke erhält den Franz-Delitzsch-Förderpreis

Ferner wurde der Franz-Delitzsch-Förderpreis verliehen. Der Förderpreis würdigt Arbeiten, die noch im Progress sind, und geht in diesem Jahr an Prof. Dr. Helmuth Pehlke. In seinem Buch „Israel. Daten – Fakten – Hintergründe, um das Heilige Land zu verstehen“ bereitet der Alttestamentler Insider-Fakten zu ausgewählten Orten mit teilweise Jahrtausende alter Bedeutung auf, die man immer noch besuchen kann. Sein Anliegen, das Wissen um Besonderheiten des Heiligen Landes zu erweitern und Begeisterung dafür zu wecken, brachte er in einer Ansprache lebhaft zum Ausdruck.

Weiterhin wurden zwei Arbeiten jeweils mit einem studentischen Sonderpreis ausgezeichnet. Diese gingen an Jan Kilian Freiherr von Bibra und Alena Edler. Beide studieren an der Freien Theologischen Hochschule Gießen. Philip Quast, ebenfalls Student an der FTH Gießen, erhielt ein besonderes Stipendium: Dieses umfasst einen sechswöchigen Sommeraufenthalt an der Ben-Gurion Universität in Be’er Scheva, Israel.

Ein Impuls zum 70-jährigen Bestehen des Staates Israel beendete den offiziellen Teil der Preisverleihung.

AE

Preisträger 2017: Rev. Dr. Jacob Allen Corzine

Am Mittwoch, den 18. April 2018, findet im Plenarsaal der Freien Theologischen Hochschule Gießen wieder die Franz-Delitzsch-Preisverleihung statt, die das Instituts für Israelogie jährlich ausrichtet.

In diesem Rahmen werden der Franz-Delitzsch-Preis sowie der Franz-Delitzsch-Forschungsförderpreis verliehen.

Die Preise prämieren Arbeiten, die in herausragender Weise sachkompetent und in Übereinstimmung mit den Forschungsschwerpunkten des Instituts für Israelogie eine ausgewogene biblisch-heilsgeschichtliche sowie eine zeitgeschichtlich und historisch sachgerechte Israel-Theologie fördern.

Ein Highlight der Preisverleihung ist zudem seit 2011 die Verkündigung des Gewinners eines Stipendiums für ein sechs-wöchiges Studium an der Sommeruniversität Beer Sheva bekannt gegeben, für das sich Studierende der Freien Theologischen Hochschule Gießen seit Anfang des Jahres bewerben konnten.

Zu der feierlichen Preisverleihung mit anschließendem Kaffeetrinken laden wir Sie herzlich ein und freuen uns darauf, Sie bei dieser Gelegenheit kennen zu lernen oder wiederzusehen! Die Preisvergabe beginnt um 10.10 Uhr in der Freien Theologischen Hochschule Gießen, Rathenaustr. 5-7, 35394 Gießen.

Weitere Informationen zum Franz-Delitzsch-Preis, seinem Namensgeber und den Preisträgern der vergangenen Jahre finden Sie hier.

 (mr)

Gebäudekomplex auf dem Campus der Universität

„Wir werden uns bestimmt wiedersehen. Wer einmal in Israel war, kommt ziemlich sicher wieder zurück!“ – So oder so ähnlich wurde ich im August 2016 nach meinem internationalen Jugendfreiwilligendienst in einem Jerusalemer Krankenhaus verabschiedet. Und dieser Freund sollte mit seiner Aussage Recht behalten. Schon vor meinem Rückflug dachte ich über die nächste Möglichkeit, wieder nach Israel zu kommen, nach. Als ich erfuhr, dass es durch ein von dem Institut für Israelogie ausgeschriebenem Stipendium möglich ist, für etwa sechs Wochen an der „Ben-Gurion-Universität“ in Beer Sheva zu studieren, nahm ich mir vor, mich dafür zu bewerben. Als ich dieses Stipendium im April 2017 dann tatsächlich bekam, hatte ich eine tolle Perspektive, mit der ich mein restliches zweites Semester an der FTH Gießen verbringen konnte.

Am 27. Juli – der Tag, an dem ich auch noch meine letzte Klausur schrieb – flog ich schließlich nach Israel. Dort angekommen durfte ich schon in den ersten Wochen erleben, dass sich der ganze Stress, der sich durch die Vorbereitungen besonders in der Klausurenphase ergeben hatte, gelohnt hat. Für 40 Tage durfte ich an der „Universität des Negevs“ studieren. Warmes Wüstenklima, unzählige Straßenkatzen, leckerer Hummus und Klimaanlagen, die mich gefühlt eher im Winter als im Sommer leben ließen, gehörten zu meinem Alltag.

An der Grenze zu Gaza

Das speziell auf deutschsprachige Teilnehmer ausgerichtete Sommerprogramm der Universität beinhaltete als Hauptpunkt einen intensiven Ulpan (Ivrit-Sprachkurs), sowie ein am Nachmittag stattfindendes akademisches Rahmenprogramm, zu dem unter anderem Vorlesungen zu israelischer Literatur, Kultur, Archäologie und Politik gehörten. Zusätzlich wurden einige Studienausflüge in der Umgebung und in andere Städte angeboten. So konnte ich z.B. Einiges über die vom Brutalismus geprägte Architektur in Beer Sheva, über archäologische Ausgrabungen in Ashkelon, über die Situation von Beduinen im Negev sowie über politische Aktivisten in der Nähe vom Gaza-Streifen erfahren.

Der im Zentrum stehende Ulpan, der innerhalb der Woche jeden Vormittag ausfüllte, erlaubte mir eine Vertiefung meiner Vorkenntnisse in Ivrit (Neu-Hebräisch), die ich bereits während meines ersten Aufenthaltes in Israel gesammelt hatte. Während die Einsteiger-Klassen eine Gruppengröße von bis zu 20 Studenten hatten, genoss ich in einem von den höheren Kursen die Privilegien einer kleineren Gruppe. Die Teilnehmerzahl unserer Gruppe bewegte sich zwischen 5 und 7, da einzelne Studentinnen und Studenten erst später dazugekommen und einige schon früher

Meine Ulpan-Klasse beim Abschluss-Essen

gegangen sind. Durch diese Gruppengröße konnten wir intensive Diskussionen über verschiedenste Themen führen, bei denen sich jeder beteiligen konnte. Zudem sollte jeder von uns Präsentationen zu selbst ausgewählten Themen halten. Der Ulpan war insgesamt also sehr vielfältig – so konnte ich beispielsweise etwas über Volkstänze, die Intelligenz von Haustieren, jüdische Philosophie und die Flat-Earth-Society lernen, während ich Vorträge zur Geschichte der Russlanddeutschen und zu dem Einsatz von Lamas, Antilopen und Berberschafen in der Israelischen Armee gehalten habe.

Neben dem Ulpan war es mir sehr wichtig, Kontakte zu Israelis zu knüpfen. Zum Teil erhielten wir bereits durch die Organisatoren unseres Sommerprogramms die Möglichkeit, bei israelischen Studentinnen und Studenten zum Shabbat-Essen eingeladen zu werden. Zusammen mit drei anderen Teilnehmern der Sommeruni wurde ich in eine WG zum Essen eingeladen. Bei Shakshuka, einem typisch israelischen Gericht, welches hauptsächlich aus Eiern in Tomatensoße besteht, und guten Gesprächen hatten wir die Möglichkeit, die Lebenswelt der israelischen Studenten ein wenig kennenzulernen. Neben diesem Angebot habe ich regelmäßig „Nahalat Yeshua“ („Erbe Jesu“), eine messianisch-jüdische Gemeinde, besucht. Dort habe ich mich sehr wohlgefühlt – schnell konnte ich einige Kontakte knüpfen und Zeit mit der Jugendgruppe verbringen.

Nimrod-Festung mit dahinterliegendem Hula-Tal

Zusätzlich konnte ich bereits bestehende Kontakte und Freundschaften pflegen und vertiefen. Für zwei Tage bin ich beispielsweise mit einigen Freunden campen gefahren. Gemeinsam haben wir bei heißem Sommerwetter das kalte Wasser im Fluss Dan im Norden Israels genossen, sind Kajak gefahren, waren in einem kleinen Kletterpark klettern und haben die beeindruckende Nimrod-Festung besichtigt.

Für die Möglichkeit, dieses Sommerprogramm mitgemacht haben zu dürfen, bin ich sehr dankbar. Die Erfahrungen, die ich diesen Sommer sammeln konnte, waren für mich sehr bereichernd.

Wer noch mehr über meinen Studienaufenthalt in Beer Sheva wissen will, vielleicht weil er oder sie Interesse hat, auch einmal dort zu studieren oder einfach nur um Israel besser kennen zu lernen, der kann mich gerne über die Homepage des Israel-Instituts kontaktieren.

Bestimmt wird es nicht das letzte Mal sein, dass ich in Israel war. Wer zweimal in Israel war, kommt ziemlich sicher wieder zurück!

Simon Tielmann

Ein großer Traum ging für mich und meine Frau, Tirza, in Erfüllung als wir am 01. August 2016 auf dem Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv ausstiegen. Wir waren angekommen im Land der Bibel, dem Land dessen Geographie, Umwelt, Geschichte und Sprache ich die letzten fünf Jahre im Theologie Studium auf besondere Art und Weise kennengelernt hatte.

Bereits im Flugzeug lernten wir die ersten Israelis kennen und waren schnell in einer lebhaften Diskussion vertieft. Unser neuer Freund und seine Frau waren säkulare Juden aus Tel Aviv, die herzlich wenig mit den orthodox religiösen Juden anfangen konnten. Neben diesen spannungsvollem innerisraelischen Thema bekamen wir auch mitgeteilt, dass wir z.B. unbedingt den Erosionskrater Machtesch Ramon aufsuchen sollten, dessen Weite und verschiedenen Farben unglaublich schön sein sollten. Unsere 7 Wochen in Israel hatten sehr gut angefangen…

Der Traum zusammen nach Israel zu reisen war durch unser gemeinsames Interesse für das Land entstanden. Tirza hatte ihr Außlandsjahr in Israel verbracht und dadurch das Land kennen- und lieben gelernt. Ich kannte Israel in der Theorie durch das Studium der Theologie, aber wollte schon seit langem dieses Land auch selber einmal aufsuchen, um ein praktisches Gefühl und Verständnis für das Leben dort zu bekommen. Wir hatten von einem 2-wöchigen Urlaub in Israel geträumt, aber als ich tatsächlich das Stipendium gewann, wurden daraus dank des Israelinstitutes 7 Wochen inklusive Sprachstudiums.

Der erste bleibende Eindruck entstand als wir auf unseren Zug warteten mit dem wir nach Beer Sheva fahren wollten. Wohin man auch schaute, standen überall verteilt junge Soldaten und Soldatinnen, häufig ausgestattet mit schweren Sturmgewehren. Für niemanden außer uns schien dass etwas Besonderes zu sein und auch wir sollten uns sehr schnell an dieses Stadtbild gewöhnen.

In Beer Sheva lebten wir nicht als Touristen, sondern als Studenten und hatten dadurch viel stärker als sonst die Möglichkeit wirklich das Land und die Israelis kennenzulernen. Unterrichtet wurden wir von einer aus Jerusalem stammenden orthodoxen Lehrerin, die von Anfang an streng nach dem Motto „raq iwrit“ lehrte. Was so viel bedeutet wie „nur hebräisch“. Sie verwendete kein Englisch oder Deutsch was zunächst eine echte Herausforderung war, aber letztlich zu schnellen Lernfortschritten führte. Der Sprachkurs fand immer vormittags statt. Nachmittags gab es die Möglichkeit Vorträge zu besuchen, die  ein vielfältiges Programm über z.B. die deutsch-israelischen Beziehungen, den Palästina Konflikt, Archäologie u.a. Themen boten.  In der großen Bibliothek lernten wir zusammen mit den Studenten der Ben Gurion Universität und haben sehr viel Hilfsbereitschaft und Interesse seitens der israelischen Studierenden erfahren. Interessanterweise kamen viele Studenten aus Tel Aviv und Jerusalem nach Beer Sheva, weil die Universitätsgemeinschaft dort intensiver gelebt werde, andrerseits wollten die meisten jugendlichen aus Beer Sheva nach Tel Aviv, der kulturellen Hauptstadt des Landes.

Die Ben Gurion Universität verdankt ihren Namen dem ersten Ministerpräsidenten des Landes, dem Mann der 1948 die Unabhängigkeitserklärung Israels verkündigt hatte. Nicht umsonst ist er zu einer überaus wichtigen Identifikationsfigur für das ganze Land bis heute geworden. An einer Wand der Universität war folgendes Zitat von ihm abgedruckt:

„Die größte Herausforderung für Israel in unser Generation ist es, durch die Kraft der Wissenschaft und des Pioniergeistes, die großen Weiten des Südens und des Negevs bewohnbar zu machen.“

Der größte Teil der Landfläche Israel befindet sich im Süden. Dort wo bekanntlich die Negev Wüste ist. Das große Ziel die Wüste urbar zu machen, hat in Israel dazu geführt, dass ein enormes Know-How im Bereich der Wüstenlandwirtschaft entstanden ist. Weltweit kommen Studenten, vor allem aus anderen Wüstenländern, nach Israel, um dort zu lernen, wie die Wüste bewirtschaftet werden kann. Ben Gurion lebte nach seiner Pensionierung in dem Kibbuz Sede Boker in der Wüste und ließ sich ganz bewusst dort zusammen mit seiner Frau begraben, um Israelis zu motivieren weiter daran zu arbeiten die Wüste nutzbar zu machen.

Im Rahmen einer Exkursion besichtigten wir die Ruinen der alten Nabatäer Stadt Avdat mitten im Negev. In dieser Stadt lebten einmal bis zu ca. 10.000 Menschen, was für die damalige Zeit und Wüstenlage der Stadt eine enorme Anzahl darstellte. Verteilt in der Stadt gab es zahlreiche Zisternen in denen das Trinkwasser der Stadt gespeichert wurde. In der Wüste regnet es bekanntlich sehr selten. Wenn es aber regnet dann meistens sturzbachartig. Um das Wasser in den Zisternen zu speichern reinigten die Nabatäer, die Dächer, Straßen und Zuläufe zu den Zisternen zur Regenzeit, damit das Wasser möglichst unverschmutzt gespeichert werden konnte. Zur Verwunderung der Archäologen gab es in der Stadt auch eine große Kelterei. Wozu brauchte man aber eine Kelterei mitten in der Wüste? Woher hatten sie die Weintrauben? Einige Zeit später entdeckte man, dass es den Nabatäern möglich gewesen war außerhalb der Stadt durch ein ausgeklügeltes Damm und Zisternensystem Landwirtschaft zu betreiben. Mitten in der Wüste bauten sie Getreide, Wein u.a. Nahrungsmittel an, die ihnen das Leben dort ermöglichten. Inspiriert von den Nabatäern haben auch die Israelis wieder angefangen unweit der alten Nabatäer Stadt Wein anzubauen. Bevor die Stadt 636 n. Chr. durch die Muslime eingenommen worden war gab es dort auch schon eine lebendige christliche Gemeinschaft. Zwei große Kirchen wurden innerhalb der Stadt gebaut. Noch heute ist dort ein kreuzförmiges Taufbecken zu finden, nach der Art wie es z.B. auch in Ephesus besichtigt werden kann.

Es ist inspirierend und herausfordernd zugleich zu sehen, wie die Nabatäer damals und die Juden heute es schaffen unter den schwierigsten Bedingungen Leben möglich zu machen. Des Weiteren gewinnt das Element Wasser aus der Perspektive der Wüste einen ganz neuen Stellenwert. Es ist Leben, der Grund warum irgendetwas grün ist und lebt. Es ist alles andere als selbstverständlich und nicht unbegrenzt verfügbar, wie es in Deutschland wahrgenommen wird.

Zu sehen wie in der Wüste, stellenweise, Leben entsteht, vertrocknete staubige Erde wieder blüht, erinnert an die Verheißung Gottes, dass er bei seinem Kommen die Wüste vollkommen zu einem blühenden, wasserreichen Ort umwandeln wird (Jes 35,1ff.) und lässt auf eine große Zukunft hoffen.

Mein kurzer Reisbericht endet in Jerusalem, dieser religiös polarisierten Stadt. Sobald man die Stadt betritt, prägen orthodoxe Juden das öffentliche Geschehen. Es sind die schwarzen Anzüge, die verschiedenen Hütte, Bärte, Schläfenlocken und Kippas, die einem unweigerlich ins Auge stechen. Der Kleidungsstil entspringt der Mode Europas aus dem 18 Jh. und wurde von den orthodoxen Juden bis heute konserviert.  An der Klagemauer stehen sie zu hunderten und beten leidenschaftlich zu Gott. Nur einige Meter entfernt von der Al-Aksa-Moschee. Leider gelingt das oft nicht friedlich. Auf dem Tempelberg erlebten wir eine heftige, teils kämpferische Auseinandersetzung zwischen einer größeren, äußerst aufgebrachten Gruppe von Muslimen mit orthodoxen Juden, die die Moslems dadurch provozierten, dass sie auf dem Tempelberg für die Errichtung des jüdischen Tempels beteten.

Es ist traurig zu sehen, wie die Menschen im Namen der Religion aufeinander losgehen ohne dazu in der Lage zu sein in einen friedlichen Dialog miteinander zu treten, der zu einem für alle gewinnbringenden Kompromiss führen könnte. Die radikalen Positionen auf beiden Seiten verhindern jeglichen Fortschritt und führen dazu, dass viele junge Juden mit Religion und Glaube nichts mehr zu tun haben wollen. Es bleibt zu hoffen und zu beten, dass dieser überaus tiefe und zerstörerische Konflikt zwischen den Arabern und Juden einmal wirklich beigelegt werden kann.

Angesichts dieser tiefen Konflikte wird umso deutlicher, wie wichtig es ist die eigene Weltanschauung und Glaubensüberzeugungen kritisch zu reflektieren. Zu welcher Handlungsweise führt mich meine Weltanschauung? Ist es auf der Basis meiner Weltanschauung möglich Frieden zu schaffen oder führt es mich immer wieder in Hass und Konflikte?

Die 7 Wochen in Israel waren für uns eine unglaublich schöne Zeit mit vielen neuen Erkenntnissen, tollen Erlebnissen und bleibenden Erfahrungen, aber auch neuen Fragen. Die Chance Israel im Rahmen des Sommer Programms kennenzulernen sollte niemand links liegen lassen.

(rf)

Johannes Appelt in Jerusalem

Wir schreiben den 10. September 2016, Samstag, Shabbat. Ich warte auf meinen Rückflug nach Deutschland, nachdem ich den Großteil des Sommers in Israel gewesen war. Gerade hatte ich alle Security Checks hinter mich gebracht, mein ganzes Handgepäck durchsuchen lassen und Fragen zu allen möglichen Dingen beantwortet. Als ich noch einmal vor die Tür ging um ein letztes Mal die warme Spätsommerluft zu genießen, fiel mir auf, dass ich mich schon an die Klimaanlage im Flughafengebäude gewöhnt hatte. Eines von vielen Dingen, die für mich in den letzten Wochen normal geworden waren.

Doch fangen wir vorne an. Begonnen hatte mein Abenteuer schon im April als das Israel Institut bekannt gab, wer ein Stipendium für die Sommeruniversität in Beer Sheva, im Süden Israels am Rand der Negev Wüste gelegen, gewonnen hatte. Mit Spannung wartete ich die Bekanntgabe ab. Genannt wurde nicht mein Name. Enttäuschung. Doch dann der Hoffnung schaffende Satz: “Da wir noch etwas Geld übrig haben, können wir noch einen Studenten nach Israel schicken: Johannes Appelt.” Begeisterung und Erleichterung. Einige Wochen später, Ende Juli, war es dann soweit: Ich flog nach Tel Aviv, Israel, und war gespannt was vor mir lag. Der Flyer und die Homepage hatten mir schon einen Überblick gegeben, doch es ist dann doch etwas anderes, wenn man es vor sich hat. Am 30. Juli, auch ein Samstag, morgens um 3:30 Uhr landete mein Flug. Das kann man besser planen. Die Uhrzeit ist zum einen natürlich nicht so angenehm (doch mit dem Vorteil von zügigen Security Checks), außerdem hatte ich die Bedeutung des Shabbat in Israel sehr unterschätzt. Kein Bus und keine Bahn fährt den Flughafen an, nur sehr teure Taxis. Erwartet hatte ich einen eingeschränkten Fahrplan wie es sonntags in Deutschland üblich ist. Die beste Lösung war ein sogenanntes Sheruth, ein Sammeltaxi, die für umgerechnet 15 Euro nach Jerusalem fahren. Abends, als die günstigen Linienbusse wieder fuhren, ging es dann weiter in den Süden nach Beer Sheva. Dort erwartete mich die nächste Überraschung. In Deutschland hatte ich oft gehört, dass es zwar sehr warm sei – tatsächlich hatten wir die nächsten Wochen jeden Tag um die 34 Grad – allerdings eine “trockene Hitze” und daher angenehm. Doch als ich an diesem Samstagabend um 23 Uhr aus dem Bus stieg, schlug mir eine schwül-warme Hitzewelle entgegen. Wie mir später von Israelis berichtet wurde, wird diese Schwüle auch durch die in der Vergangenheit errichteten Wasseranlagen in Tel Aviv begünstigt.

Die Ulpanklasse auf dem Universitätsgelände

Am nächsten Tag, Sonntag, bezog ich mein Zimmer für die nächsten Wochen in einem Studentenheim der Ben Gurion University of the Negev. Wie in den nächsten Wochen, merkte man die sehr gute Organisation und Begleitung durch die Mitarbeiter der Sommeruniversität. Die meisten sprachen deutsch, alle aber englisch. Im Allgemeinen sprechen die meisten Israelis gut englisch, was die Kommunikation auch ohne Ivrit Kenntnisse erleichtert. Die Zimmer sind in meist 4-Zimmer Wohnungen zusammengeschlossen. Dusche, Toilette, eine kleine Küche. Mein Zimmer, spärlich eingerichtet, nicht so sehr sauber, mit einem Bett, Schrank, Schreibtisch und Stuhl ausgestattet. Wie in jedem Zimmer gab es eine Klimaanlage. Ich war kein Fan von Klimaanlagen, weil ich mich schnell erkältete. Das Problem war, dass in Israel sehr viele Räume, ähnlich wie in den USA, klimatisiert sind.

Meine Mitbewohner waren zwei Amerikaner in den 40ern, die über ein Internationales Programm der Universität den Sommer in Beer Sheva verbrachten. Michael aus New York City und Joel aus Texas. In anderen Wohnungen teilten sich allerdings die Teilnehmer die Wohnungen auch mit israelischen Studenten. Diese schliefen allerdings meist tagsüber, weil sie nachts besser lernen konnten als tagsüber in der Hitze.

An diesem ersten Abend gab es eine kleine Willkommensparty für die Teilnehmer der Sommeruniversität. Dieses Programm war speziell für deutschsprachige Teilnehmer, weswegen es nur kleinere, durch die verschiedenen Dialekte verursachte, sprachliche Barrieren gab. In den folgenden Wochen begannen einige Freundschaften, was man sich am ersten Abend noch gar nicht vorstellen konnte. Allerdings blieb man, vereint durch die neue Sprache, meist unter sich und der Kontakt zu Israelis, obwohl jene sehr kontaktfreudig sind, eingeschränkt.

Vor dem Wohnheim in Beer Sheva

Am Montag, den 1. August, begann dann das Programm: von 9-12:30 gab es Ivritunterricht in verschiedenen, dem Sprachniveau gemäßen, Klassen. Die Lehrer/innen prägten durch ihre freundliche und kompetente Art eine gute Lernatmosphäre, auf den Einzelnen eingehend. Die Klassen waren gemischt von Deutschsprachigen (Teilnehmern der Sommeruniversität) und meist Englischsprachigen (meist Amerikanern, aber auch Franzosen, die an einem vergleichbaren internationalen Programm teilnahmen). Da die Klassen meist nicht größer als 17 Leuten waren, entwickelten sich auch in den Klassen in den folgenden 5 Wochen gute Freundschaften. Den Ivritunterricht habe ich sehr genossen. Ich hatte schon vorher einige Kurse besucht und angefangen Ivirt (das heute gesprochene Hebräisch) zu lernen, aber in diesem 6 wöchigen Intensivkurs habe ich sehr viel dazugelernt. Auch die Vorträge (von 13 Uhr – 16/17 Uhr) haben meinen Horizont sehr erweitert. In den nächsten Wochen hörten wir viel vor allem über die Geschichte und Gesellschaft Israels. Am meisten beeindruckt und interessiert haben mich ein Psycholge, der über die psychischen Folgen der Kriege bei Israelis und Palestinänsern redete. Diese Dimension des Nahostkonflikts war neu für mich. Die Zerrissenheit der jüdischen Gesellschaft wurde besonders von einer Schauspielerin verdeutlicht, die erst in der Rolle einer orthodoxen Jüdin auftrat und dann mit wechselndem Outfit das breite Spektrum der Gesellschaft mit den jeweiligen Ansichten über den Staat, Armeedienst, Kibuzzim und allen möglichen Bereichen aufzeigte. Eine wirkliche Horizonterweiterung für mich.

Praktisch anschaulich wurde das Gesagte aus den Vorträgen dann bei den Ausflügen, die fast jeden Freitag angeboten wurden. Morgens um sieben starteten wir dann und fuhren mit einem Bus in die Regionen rund um Beer Sheva zu archäologischen Grabungen oder in die Wüste, was jeweils sehr beeindruckend war. Die frühe Abfahrtszeit wurde angesetzt, da um 15 Uhr das Land langsam ruhiger wurde und sich auf den Shabbat vorbereitete. Diesen (fast) totalen Stillstand zu erleben war mit das Schönste für mich in dieser gesamten Zeit. Ganz anders als unser Sonntag, wo Busse und Bahnen noch vereinzelt fahren, Geschäfte teilweise offen haben und die Straßen fast normal voll sind, kommt man in Israel von Freitagabend bis Samstagabend nur zu Fuß oder im eigenem Auto vorwärts. Die Straßen sind innerhalb von Stunden wie leergefegt. Wo vorher noch reges Treiben auf den Straßen und Märkten herrschte, sind jetzt nur noch vereinzelt Menschen anzutreffen. Vom Programm wurde außerdem angeboten mit Israelis den Shabbat zu feiern. Wer das noch nicht erlebt hat, sollte sich dieses Erlebnis nicht entgehen lassen.

Zwischendurch hatten wir, bedingt durch andere jüdische Feiertage, auch ein paar Tage frei, sodass privat organisierte längere Ausflüge möglich waren. Während einige nach Jerusalem fuhren, fuhr ich mit einigen anderen nach Ein Gedi ans Tote Meer und Massada, die bekannte Festung aus dem jüdischen Freiheitskampf, die 70 n. Chr. im Kampf gegen die Römer fiel und heute ein sehr beliebter und identifikationsstiftender Ort für Israelis ist.

Vieles mehr ließe sich berichten über sechs besondere Wochen in dieser interessanten Region der Welt. Einige Abenteuer wurden bestanden und neue Freunde gefunden. Was ich neben mehr Ivirtkentnissen und Informationen aus den Vorträgen mitnehme aus dieser Zeit, ist, dass eine Lösung des Nahostkonflikts keine einfache sein wird. Dass dieses verhältnismäßig kleine Land reich an unterschiedlichen Kulturen durch massive Einwanderung ist und an Vielfalt einige andere größere Länder übertrifft. Beeindruckt haben mich arabische und jüdische Israelis, die wirklich offen für Neues sind, sodass wir z.B. oft von verschiedenen auf dem großen Uni Campus angesprochen wurden. Gewöhnt habe ich mich an die vielen wilden Katzen, die in jeder Stadt das Bild prägen. An das viele Wasser trinken – 3 Liter pro Tag waren Pflicht – und die starke Abkühlungen durch Klimaanlagen. Die herzliche und persönliche Fürsorge durch die Mitarbeiter der Sommeruniversität bleiben mir in schöner Erinnerung sowie deren gute Organisation. Zu empfehlen ist ein Aufenthalt in Beer Sheva für alle, die in der Kürze der Zeit ihren Horizont erweitern und ihr Interesse für Israel und seine Bewohner und deren Sprache vertiefen wollen. Meine Zeit in Beer Sheva wird sicherlich nicht mein letztes Mal im Heiligen Land gewesen sein.

(Johannes Appelt)

Vergangene Erfahrungsberichte: Bert Görzen, Colin Bergen, Philipp Wiens, Markus Rehberg

Seit 2007 fördert das Institut für Israelogie wissenschaftliche Arbeiten und Forschungsbeiträge, die sich auf hervorragende Weise mit Themen der Israelogie beschäftigen, mit dem Franz-Delitzsch-Preis. Die zehnte Preisverleihung fand am Mittwoch, dem 20. April 2016, im Plenarsaal der Freien Theologischen Hochschule Gießen statt.

Pfr. Dr. B. Schwarz (l.) überreicht Dr. E. Hirschfeld (r.) den Franz-Delitzsch-Förderpreis

Pfr. Dr. B. Schwarz (l.) überreicht Dr. E. Hirschfeld (r.) den Franz-Delitzsch-Förderpreis

Auf eine Begrüßung und Einführung durch den Institutsleiter Pfr. Dr. Berthold Schwarz folgte eine instrumental-musikalische Begrüßung durch J. Bork (Flügel) und M. Engel (Akustikgitarre) mit dem Musikstück „In Christ alone“. Anschließend wurde als erster Förderpreisträger Dr. Ekkehard Hirschfeld ausgezeichnet. Er erhielt den Förderpreis für die Erörterung von Ernst Ferdinand Ströters „Israeltheologie“ in einem umfangreichen Kapitel seiner Greifswalder Dissertation über Ströter.

In seinem Grußwort hob Herr Hirschfeld die judenmissionarische Tätigkeit Ströters zu Beginn des 20. Jahrhunderts hervor: Durch seinen Einsatz für die Judenmission in den USA und im damaligen britischen Mandatsbezirk Palästina (heutiges Israel) habe Ströter einen entscheidenden Beitrag zur Israelogie seiner Zeit und auf gewisse Weise sogar zur späteren Staatsgründung Israels geleistet.

Der Förderpreisträger M. Steiner, Mag. Theol.

Der Förderpreisträger M. Steiner, Mag. Theol.

Der zweite diesjährige Förderpreisträger war Martin Steiner, der die Ehrung für seine Magisterarbeit, die an der Universität Wien mit summa cum laude ausgezeichnet wurde, erhielt. Die Arbeit „Messianische Juden und hebräisch sprechende Katholiken“ beschäftigt sich mit einigen speziellen messianischen Gruppierungen. Diese Studie über Theologie und Praxis jüdisch-katholischer Gemeinden in Israel sei, so Pfr. Dr. Berthold Schwarz, wichtig für ein fundiertes Verständnis des jüdisch-christlichen Dialogs. Leider konnte Herr Steiner nicht persönlich anwesend sein; stattdessen sandte er ein Grußwort per Video.

Anschließend wurde Dr. Benjamin Lange für seine Masterarbeit an der University of South Africa mit dem Titel „Die Bundesbeziehung Gottes zu Israel im Sinaibund als Argumentationsgrundlage in Röm. 9-11“ mit dem Franz-Delitzsch-Hauptpreis ausgezeichnet. Herr Lange hielt das Hauptreferat des Tages zum Thema seiner Forschungsarbeit.

Im Römerbrief, so Lange, finde sich in den Kapiteln 9-11 eine gründliche heilsgeschichtliche Einordnung Israels; hierbei hebe Paulus sowohl die Zuwendung Gottes zu Israel als auch das Problem, dass Israel Gott ungehorsam sei, hervor. Wie lässt sich dieser Befund mit dem Sinaibund (Mosaischer Bund) verbinden?

Ein Einblick in die aktuelle Forschung zeigte den Zuhörern, dass der Sinaibund in der alttestamentlichen Wissenschaft heutzutage positiver wahrgenommen wird als noch vor einigen Jahren. Es wird betont, dass Israels Beziehung zu Gott einseitig von Gott abhänge und nicht von Israels Gehorsam Gott und seinen Geboten gegenüber. Gleichzeitig wird stark zwischen dem Bundesinhalt (der für heutige Heidenchristen nicht unmittelbar gelte) und der Bundesbeziehung zwischen Gott und seinem Volk unterschieden. Diese werde im Alten Testament mit verschiedenen Begriffen ausgedrückt. Sie werde unverbrüchlich von Gott garantiert.

Dr. B. Lange bei seinem Referat

Dr. B. Lange bei seinem Referat

In diesem Kontext wirkt Röm. 9-11 zunächst paradox, denn aus diesen Kapiteln ließ sich in früherer Zeit die Substitutionslehre ableiten: Gott habe Israel völlig verworfen und sich die neutestamentliche Gemeinde als sein neues Volk erwählt. Hier zeige sich, so Lange, ein völlig anderer Blickwinkel der AT- und der NT-Wissenschaft auf den Sinaibund.

Was für den Sinaibund konstitutiv sei, sei die zeitliche Reihenfolge dreier Elemente:

1. Gottes Segen (für Gehorsam Israels)

2. Gottes Fluch (für Ungehorsam Israels)

3. Wiederherstellung des Bundes durch Gott

Diese Reihenfolge werde in 5. Mose 28-32 explizit herausgestellt; sie zeige sich auch immer wieder in der alttestamentlichen Geschichte. Beispielsweise folge auf die Sünde Israels mit dem Goldenen Kalb (2. Mose 32) ein Fluch Gottes, danach aber die Wiederherstellung des Bundes durch Gott.

Langes These ist, dass diese Elemente den Sinaibund mit dem Neuen Bund in Christus verbinden. Gott breche den Bund niemals; wenn aber der menschliche Bundespartner sündige und den Bund breche, so stelle Gott den Bund wieder her. Der Alttestamentler Erich Zenger brachte es auf den Punkt: „Israel kann den Bund brechen, aber Israel kann den Bund nicht zerbrechen.“

Hier finde sich, meint Lange, eine Gemeinsamkeit zwischen dem Sinaibund und Röm. 9-11. In beiden Texten gehe es darum, dass Gottes Barmherzigkeit den einmal geschlossenen Bund wiederherstelle. Beide Texte sprächen von der Initiative Gottes an Israel und von einer bleibenden Bedeutung und Zukunft Israels.

In Röm. 9-11 benutze Paulus einige sogenannte Bundesformeln aus dem AT, um Gottes Beziehung zu Israel zu beschreiben. Wie 5. Mose 30 stelle Paulus heraus, dass auf Israels Sünde (den Bruch des Bundes) Umkehr und Buße folgen werde. Damit argumentiere er völlig in der Linie der frühjüdischen Tradition.

Dr. B. Lange bei seinem Referat

Dr. B. Lange bei seinem Referat

Das Schlüsselwort in Röm. 9-11 sei „Barmherzigkeit“. Diese Barmherzigkeit (Gottes) sei die Lösung des Problems, dass Israel Jesus nicht als Messias anerkennt. Trotz dieses Problems nenne Paulus Israel „Gottes Volk“ (Röm. 11,1f.) und verwende eine spezifische Bundesterminologie. Durch Israels Umkehr werde – so die Überzeugung von Paulus – die Wiederherstellung des Sinaibundes erfolgen: „Ganz Israel wird errettet werden“ (Röm. 11,26). Paulus verwende zahlreiche Zitate und Anspielungen auf die alttestamentliche Bundesterminologie, in der es um Gottes bleibende Beziehung zu Israel gehe. Er betone die Barmherzigkeit Gottes und zitiere exakt diejenigen Passagen des Sinaibundes, die sich besonders mit der Wiederherstellung eines gebrochenen Bundes beschäftigten. Röm. 9-11 sei, meinte Lange, so konzipiert, dass deutlich werde, dass es nach Paulus eine völlige Wiederherstellung von Gottes Bund mit Israel geben werde. Gleichzeitig aber betone Paulus die heilsgeschichtliche Bedeutung für die Heidenvölker: Die Bundesbeziehung Gottes zu Israels sei paradigmatisch für Gottes barmherzige Zuwendung zu den Nationen. Paulus verfolge hier also eine Doppelstrategie. Er sei vom Bundesdenken geprägt und übertrage diesen Bund auch auf die Heiden, die sich an Christus halten – wobei er das jüdische Volk aber nicht verloren gebe. Nach Paulus’ Sprachgebrauch zu urteilen, meine er, dass die Wiederherstellung Israel als Kollektiv gelte, nicht unbedingt jedem einzelnen Israeliten individuell.

Das ebenso inhaltsreiche wie kurzweilige Referat wurde mit begeistertem Applaus aufgenommen.

Institutsleiter Pfr. Dr. Schwarz mit den Stipendiaten

Institutsleiter Pfr. Dr. Schwarz mit den Stipendiaten

Zusätzlich zum Franz-Delitzsch-Preis wurden auch zwei Stipendien des Instituts für Israelogie vergeben. Roland Franz und Johannes Appelt (beide Studenten an der Freien Theologischen Hochschule Gießen) bekamen einen Platz an der Sommeruni der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva (Israel). Für sechs Wochen können sie in Israel studieren, bekommen Ivrit-Unterricht, besuchen theologische Vorlesungen und lernen Land und Leute kennen.

Musikalisch großartig untermalt wurde der Festakt durch J. Bork (Flügel) und M. Engel (Akustikgitarre). Während der Preisverleihung wurde auch der Förderer des Israel-Instituts, Dr. h.c. Fritz May, Vorsitzender von „Christen für Israel“ (CfI), zu seinem 80. Geburtstag geehrt. Anschließend an die Preisverleihungen rundeten Gespräche bei Kaffee und Kuchen die Preisverleihungs-Feierlichkeiten ab.

Übrigens: Weitere Bilder der Preisverleihung finden Sie hier!

sg

Bilder: privat

IMG_3299Auch in diesem Jahr konnte das Institut für Israelogie einem Theologiestudenten die Reise zum sechswöchigen Kultur- und Sprachprogramm in der Wüstenstadt Beer Sheva ermöglichen. Im letzten Jahr musste diese leider aufgrund des Krieges kurzfristig abgesagt werden. Der Stipendiat Markus Rehberg erzählt: „Die israelische und arabische Kultur war mir nicht ganz unbekannt, da ich vor fünf Jahren meinen „Anderen Dienst im Ausland“ für ein Jahr in der Nähe von Tel Aviv in einem jüdischen Altenheim absolvierte. IMG_3307Was mich genau am Sprachkurs der Sommer-Uni in Beer Sheva erwarten würde, war mir nicht bekannt. Nachdem ich meinen schriftlichen Spracheinstufungstest von Deutschland aus nach Israel gesandt hatte und der mündliche Einstufungstest am ersten Tag des Sprachkurses von einer Lehrerin mit mir durchgeführt wurde, stand fest, ich könne in die fortgeschrittene „Dalet-Klasse“. An der Sommer-Uni gibt es fünf verschiedene Sprachniveaus (Aleph-א, Aleph+, Beth-ב, Gimmel-ג, Dalet-ד). Diese Kategorien sind mit den Anfangsbuchstaben des hebräischen Alphabets gekennzeichnet, die die Sprachniveaus der Studierenden einteilen, die also zugleich auch eine Zahlenbedeutung haben, anfangend mit Aleph-א, mit der Zahlenbedeutung „eins“ bis Dalet-ד. Somit durfte ich in der am meisten fortgeschrittenen „Dalet-Klasse“ mitmachen. Eine große Herausforderung, aber auch sehr ermutigend und bereichernd für mich. Unsere Klasse bestand aus neun Schülern, zwei muslimisch-arabischen Israelis, vier amerikanischen Juden, einer Schweizerin und aus zwei Deutschen, einschließlich mir. Irit, unsere Lehrerin, war eine gebürtige ungarische Jüdin, die schon in jungen Jahren mit ihrer Familie nach Israel auswanderte. Sie übt diesen Beruf schon seit über 30 Jahren aus und hatte sehr ausgefeilte didaktische Fähigkeiten. Das Hauptziel unserer Lehrerin war es, dass das Hebräisch, das wir bereits „beherrschten“, präsenter für uns wird und die neuen Wörter, die wir erlernen, nicht nur im Kopf sind, sondern auch ins Herz rutschen. Somit lag der Schwerpunkt unserer Klasse auf der aktiven Anwendung, auf dem Reden. IMG_3377Jeden Tag musste eine andere Person unseres Kurses ein Referat halten. Dabei ging es um ethische, politische oder gesellschaftliche Themen, die wir uns selber aussuchen durften. Einmal in der Woche sahen wir uns einen Film an, über den wir uns dann im Nachhinein austauschten, zu dem wir die Charaktere schriftlich beschreiben mussten oder wir einen Teil des Films genauer erläutern sollten. Wir sprachen über Dinge, die wir so im Alltag nach der Sprachschule erlebten. Wir lernten dabei viele neue Wörter kennen, die uns unsere Lehrerin beibrachte. Unsere Lehrerin betonte häufig, dass wir als Sprachklasse nun eine Familie seien, dass wir alles miteinander teilten und dass Ausreden, ein Thema sei zu privat, deshalb nicht zugelassen wäre 😉 Auch wurden uns in diesem Zusammenhang wichtige Feinheiten der hebräischen Grammatik beigebracht. Um diese und die neu gelernten Worte zu überprüfen, wurden mehrere Teste und dann auch eine Abschlussprüfung geschrieben. Die Sommer-Uni war ja auch kein „Urlaub“, sondern schon auch mit intensivem Lernen verbunden. Und das war auch für das Sprachelernen gut so. IMG_3476Wir lasen (auf Hebräisch!) Texte über die Geschichte des Tees und dessen Herstellung, über die Produktion von Olivenprodukten und über vieles andere mehr. Während der gesamten Kommunikation, war es in der Klasse verboten, Englisch zu reden. Das war eine ziemliche Herausforderung, aber auch total lohnenswert, weil wir wirklich viel gelernt haben. Zu meinen Erlebnissen in der Klasse und im Land neben der Sprache gibt es aber auch sonst noch so manches zu erzählen. Es war sehr beeindruckend, wenn wir in unserer Klasse über ethische Themen diskutierten, beispielsweise darüber, ob es fördernd und gut sei, wenn in Jerusalem eine „Schwulenparade“ stattfindet. Dadurch, dass jeder von uns so unterschiedlich geprägt war, hinsichtlich der jeweiligen Gesellschaft, Kultur und Herkunft, bereicherten mich die Diskussionen sehr. Wir diskutierten über Charles Darwin, über die Frage des Tragens von religiösen Symbolen an Schulen, darüber, ob unsere Schulform in Klassen in unserer heutigen modern-digitalen Gesellschaft überhaupt noch Sinn macht, ob es sinnvoll ist, deutsches Bier zu trinken, wenn damit soziale Projekte gefördert werden, oder auch darüber, was die genaue Problematik von Beduinen in Israel ist, ob es sinnvoll ist, Agrarwirtschaft in Israel zu betreiben oder ob das Ganze nur politisch motiviert und inszeniert ist. Wir debattierten auch darüber, wie wir über die Waffengesetze in den USA denken, was die Ursachen der Wirbelstürme der USA sind und wie wir weltweit mit der Flüchtlingsfrage umzugehen haben. Das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der Themenpalette, die wir miteinander diskutiert haben. Meine Auswahl soll verdeutlichen, wie vielschichtig und aufregend unsere Diskussionen in der Klasse gewesen sind, die im Anschluss nach dem Unterricht oftmals unter den ungefähr 45 deutschsprachigen Teilnehmern der Sommer-Uni fortgeführt wurden. IMG_3488Über die sonstigen Vorlesungen, die nachmittags angeboten wurden, oder auch über die Exkursionen, die freitags in umliegende Gebiete von Beer Sheva von der Sommer-Uni aus für uns organisiert und durchgeführt wurden, möchte ich nichts schreiben. Dies alles kann in den vorherigen Berichten von Stipendiaten des Israelinstituts nachgelesen werden, da es sich mit dem, was ich erlebt habe, gut vergleichen lässt (Bert Görzen, Colin Bergen, Philipp Wiens). Was ich allerdings nun versuchen möchte, ist, an Einzelbeispielen zu skizieren, wie ich Israel und das dortige Leben im Alltag erlebt habe und kennen lernen durfte. Ein Erlebnis beim Einkaufen: Eines Tages bin ich am Nachmittag in ein größeres Einkaufsgeschäft gegangen, um einige Dinge zu besorgen. Eine Frau mittleren Alters bemerkte an der Kasse, dass der ausgeschriebene Preis der Gurken ein anderer war, als sie dachte. Als sie sich beim Informationsposten lautstark darüber beschwerte, dass der Preis falsch ausgezeichnet wäre, und die dortige Person ihr zu versuchen erklärte, dass bei der Preisausschreibung unten noch etwas kleingeschrieben sei, das den höheren Preis erklärt, wurde sie immer lauter. Sie suchte schließlich nach Brillen im Supermarkt und rief den Leuten sinngemäß zu: „Wenn ihr hier Gurken kaufen wollt, dann kauft euch auch gleich eine Brille, sonst werdet ihr hier hinters Licht geführt!“ Naja, es ist für mich einfach eine etwas ungewohnte „kulturelle“ Art und Weise, mit Enttäuschungen umzugehen. Aber auch das ist Israel. IMG_3469An der Kasse eines Supermarktes oder Geschäfts angekommen, war ich jedes Mal erneut verwundert, mit welch einer Seelenruhe, beinahe gemütlich-gelassen gearbeitet wurde. Nirgends kam auch nur annähernd das Gefühl auf, dass es jemand eilig haben könnte. Wenn eine Person, einen Einkauf tätigte, für eine vielleicht sechsköpfige Familie, wurde erst einmal alles in Kunststofftüten verpackt, alles in den Einkaufswagen gelegt und erst danach bezahlt, während die Menschen in der Warteschlange voller Geduld darauf warteten, selbst an der Reihe zu sein. Es ist einfach „anders“ als bei bekannten Supermarktketten hier zu Lande, wo man eher Angst haben muss, dass die Kassierer einem aufgrund der Hektik, schnell weiterkassieren zu müssen, das Geld beinahe aus dem Portmonee reißen. IMG_3471Als ich dann nach dem Einkauf in der Hitze meine restlichen Sachen vom Einkaufswagen in meinen Rucksack verstaute, kam ein sephardisch-dunkelhäutig aussehender Angestellter auf mich zu, der dafür verantwortlich war, dass die Einkaufswägen an Ort und Stelle zurückgeschoben werden, damit es außerhalb des Ladens ordentlich aussieht. Er meinte: „Mein Lieber, ist alles gut bei dir? Kann ich dir irgendwie helfen?“ Vermutlich wunderte er sich, dass ich meine restlichen Sachen in der Hitze einpackte. Ich sagte ihm, dass alles gut sei und bedankte mich für seine Hilfe. Worauf er erwiderte: „Bleibe gesund, und Dir noch einen schönen Tag!“ Ich finde, dass gerade solche Erlebnisse dieses Land auszeichnen, eben diese kleinen, aber doch wertvollen Momente, die ich in solcher oder ähnlicher Form wirklich äußerst selten, wenn denn überhaupt, in Deutschland erlebt habe. Israel ist anders. Und das war für mich oft sehr bereichernd! IMG_3491Für mich stehen diese Erlebnisse sinnbildlich für einzelne Gesichtspunkte der Mentalität in der israelischen Gesellschaft. Israelis sind sehr direkt, und mitunter kommunizieren sie Probleme recht lautstark und direkt vor Ort. Sie lassen sich dennoch nicht so schnell stressen, wie ich das bei uns in Deutschland kenne. Vermutlich hat das bei den Angestellten auch etwas mit den niedrigen Löhnen zu tun, nicht mehr zu machen, als nötig. Alle sind jedenfalls meiner Erfahrung nach meistens sehr nett und hilfsbereit. Die letzte Woche meines siebenwöchigen Aufenthaltes in Israel verbrachte ich im Beit Skandinavia, einem Haus in Haifa, das von norwegischen Christen geleitet wird. Dort hatte ich viele intensive Gespräche mit Christen und Juden aus Israel und von anderen Kontinenten der Welt. Vor allem ging es dabei um Politik, Religion und die kulturellen Unterschiede der einzelnen Länder. Auch war es mir möglich, in Haifa an einem Gottesdienst einer messianisch-jüdischen Gemeinde teilzunehmen. Alle diese vielfältigen Erfahrungen und Erlebnisse waren so wertvoll für mich, ich möchte sie auf keinen Fall missen! IMG_3609Ich bedanke mich herzlichst bei den Personen vom Israelinstitut in Gießen (www.israelogie.de), die mir das Stipendium zur Teilnahme an der Sommer-Universität 2015 in Beer Sheva ermöglicht haben! Dadurch konnte ich u.a. mein aktiv gesprochenes Hebräisch auffrischen und viel Neues über Israel und Israelis dazulernen. Mein Horizont in Bezug auf andere Kulturen und Denkweisen wurde außerdem stark erweitert und hier und da sogar konstruktiv korrigiert, insbesondere in Bezug auf die in Israel lebenden Minderheiten. „Nächstes Jahr in Jerusalem?!“ – also, soweit es mich betrifft, ich bin jederzeit zu einem Israel-Trip wieder bereit! Und jeder, der Israel noch nicht kennt, dem empfehle ich, dieses Land der Bibel mit seiner heutigen multikulturellen Prägung, auch im politisch-religiösen Spannungsfeld des sog. „Nah-Ost-Konflikts“ zwischen Juden und Muslimen, unbedingt vor Ort kennenzulernen!“

(mr)

Bilder: privat@mr

Pfr. Dr. Gerhard Gronauer bei seinem Vortrag

Auf die Suche nach einer theologisch wie politisch angemessenen Haltung zum jüdischen Staat und zum Nahostkonflikt hat am vergangenen Freitag, 25. April 2014, Pfr. Dr. Gerhard Gronauer seine Zuhörer bei der Franz-Delitzsch-Preisverleihung mitgenommen.

Gronauer wurde vom Institut für Israelogie in einer feierlichen Zeremonie für sein 2013 in Göttingen erschienenes Werk “Der Staat Israel im westdeutschen Protestantismus. Wahrnehmungen in Kirche und Publizistik von 1948 bis 1972” mit dem Franz-Delitzsch-Preis geehrt. Dieser seit 2007 verliehene Preis prämiert Arbeiten, die sachkompetent und in herausragender Weise eine heilsgeschichtliche Israel-Theologie (Israelogie) fördern.

“Der Staat Israel im westdeutschen Protestantismus”

In seinem gut verständlichen und überzeugenden Vortrag betonte der in Dinkelsbühl (Bayern) tätige Pfarrer als eine persönliche Erkenntnis aus seinem Buch die Wichtigkeit einer ausgewogenen sowie sachgerechten Haltung im Hinblick auf die Nahostproblematik, da zu jedem Konflikt stets zwei Parteien gehörten. So müsse Kritik an Israel wie an jedem anderen säkularen Staat – jedoch nicht mehr als an jedem anderen Staat – erlaubt sein, seien aber die Ansprüche der palästinensischen Befreiungstheologie ebenso unter die Lupe zu nehmen. Dass letzteres versäumt wurde, während der christliche Zionismus missbilligte wurde, bemängelte der Theologe zum Beispiel an der 2012 erschienenen EKD-Orientierungshilfe “Das gelobte Land”. Eine richtige Friedensbewegung hingegen müsse vermitteln und sich in Selbstkritik üben anstatt Ressentiments zu verschärfen.

Prof. Dr. Stadelman überreicht dem Preisträger die Urkunde

Gronauer führte weiter aus, wie ihn trotz seines Strebens nach Ausgewogenheit sein Glaube an den Gott, der auch im Neuen Testament der „Gott Israels“

genannt wird und sein Erschrecken über den Nationalsozialismus zu einer pro-israelischen Haltung führen. Die Gefahr, mit dieser Haltung Schiffbruch zu erleiden (z. B. durch eine theologische Verklärung des Staates Israel) ist seines Erachtens geringer als bei einem Antisemitismus, der im Deckmantel einer “neutralen Israel-Kritik” daherkomme oder auch bei einer grundsätzlichen theologischen Israel-Vergessenheit, welche Gronauer zu bekämpfen sucht. Er ermutigte seine jungen Zuhörer, Verantwortung für unsere deutsche Vergangenheit zu übernehmen und – so abgedroschen dies manchmal klingt – die Verbrechen des Holocaust sowie Israel nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Dies könne zum Beispiel dadurch geschehen, dass der 10. Sonntag nach Trinitatis als der offiziell Israel-Sonntag wieder bekannt gemacht und sinnvoll genutzt würde oder indem man sich für den Erhalt jüdischer oder von Juden ehemals bewohnter Gebäude einsetze.

Bei den Recherchen für sein Buch sei Gronauer unter den vielen Stellungnamen zum Thema Israel eine besonders ins Auge gefallen: Im Jahr 1980 bezeichnete die Evangelische Kirche im Rheinland die “fortdauernde Existenz des jüdischen Volkes” als ein “Zeichen der Treue Gottes gegenüber seinem Volk”. Gronauer lobte die Wortwahl dieser theologischen Standortbestimmung. Der Begriff “Zeichen” bringe auf der einen Seite das Handeln Gottes mit dem aktuellen Staat Israel in Verbindung, ließe aber auf der anderen Seite auch einige Fragen – wie beispielsweise die, ob sich 1948 eine biblische Weissagung erfüllt hat – offen, und dies sei gut so.

Illustration von Hes 37 aus der “Action Bible”

In Bezug auf Fragen wie diese hielt sich Gronauer sympathischerweise bedeckt: Er könnte nicht von sich behaupten, für die Gegenwart einen Plan Gottes für Israel und die Palästinenser zu kennen. Es ist jedoch seine Überzeugung, dass sich mit der Wiederkunft Christi innerbiblisch nicht erfüllte Verheißungen wie die aus Hesekiel 36-37 erfüllen können: “Wenn Gott eingreift, wenn er die Himmel aufreißt und die Welt in irgendeiner Form verwandelt, dann sind noch viele Hoffnungen und Verheißungen aus der Bibel da – auch an Israel -, die dann in Erfüllung gehen können.”

Doch bis dahin lebten wir in der Jetzt-Zeit und könnten nur gemeinsam auf eine Lösung des Nahostkonflikts hoffen und dafür beten. So drückte der Lehrbeauftragte der CVJM-Hochschule in Kassel zum Schluss seines inspirierenden wie auch nachdenklich stimmenden Vortrags seinen tiefen Wunsch aus, dass – vielleicht durch Abstimmungen und Abgrenzungen – eines Tages seine Söhne erleben, wie Juden und Palästinenser friedlich im Heiligen Land zusammenleben – bis zu dem Zeitpunkt, an dem Gott seine Welt verwandeln wird.

“Wozu Israel”, hg. von Tobias Krämer

Krämer im Video-Grußwort

Neben der Verleihung des Hauptpreises wurde Tobias Krämer aus Stuttgart von Institutsleiter Dr. Berthold Schwarz für die Mitwirkung an und Herausgabe von „Wozu Israel? Historische, theologische und zeitgeschichtliche Zugänge zum Bundesvolk Israel“ mit dem Franz-Delitzsch-Förderpreis ausgezeichnet. Dieses kompakte Themenbuch bereitet das Verhältnis der Gemeinde Jesu zum Bundesvolk und zum Staat Israel biblisch fundiert und in gemeindetauglicher Form auf. In seinem Video-Grußwort drückte Krämer seine Überzeugung aus, dass unsere gesamte Theologie mit unserer Haltung zu Israel stehe und falle, sowie seine Dankbarkeit für die Auszeichnung, welche aus seiner Sicht auch das Bemühen um das heute mehr denn je nötige gemeinderelevante theologische Arbeiten prämiere.

Eine der Gewinnerinen des Sommer-Uni-Stipendiums

Im Rahmen der Preisverleihung wurden mit Seline Kanwischer und Franziska Peters zudem die zwei glücklichen Gewinnerinen des Stipendiums für eine sechs-wöchige Sommeruniversität in Beer Sheva, Israel, bekannt gegeben, auf das sich Studierende jährlich bewerben können. Die beiden Studentinnen werden dort in ihrer vorlesungsfreien Zeit modernes Hebräisch lernen und durch Vorträge sowie Ausflüge Land, seine Kultur und das Judentum besser kennen lernen. Im Anschluss werden sie auf unserer Website von ihren Erfahrungen im Heiligen Land berichten.

Große Freude über das Stipendium

Große Freude über das Stipendium

Jochen Grebe am Klavier und Marie-Helen Tuchscherer am Saxophon führten das Publikum durch ihre einfühlsamen und hochwertigen Interpretationen musikalisch durch die ein-stündige Preisverleihung, welche Prof. Dr. Stadelmann mit der Erinnerung daran beendete, dass Gott immer zu seiner Zeit seine Ziele erreicht – dies werde auch für Israel der Fall sein.

(jp)

Fotos: © privat

Diesen Sommer konnte das Institut für Israelogie zwei Studenten die Teilnahme am Sommerprogramm der Ben-Gurion Universität in Beer Sheva ermöglichen (hier der Bericht über die Preisverleihung im April). Nach Philipp Wiens berichtet uns nun Colin Bergen von seiner Zeit im Heiligen Land.

Blick auf die Jerusalemer Altstadt vom Ölberg

Blick auf die Jerusalemer Altstadt vom Ölberg

Wie der sprichwörtliche Blinde, der von der Farbe redet – so in etwa könnte man einen Theologen beschreiben, der selber nie einen Fuß ins Heilige Land gesetzt hat. Um bei dem Bild zu bleiben: Diesen Sommer ist die Zeit meiner Blindheit zu Ende gegangen: Ich – ein Theologiestudent der FTH Gießen – hatte nämlich das Privileg, Israel das erste Mal zu besuchen.

Israel ist übrigens mehr als ein Exkursionsziel für intellektuelle „Nerds“ (sprich: Theologen, Politik- und Geschichtsinteressierte, Archäologen usw.): Es ist für alle etwas dabei. Ausnahmslos jedem Israelbesucher, von dem ich mir im Vorfeld ein Meinungsbild eingeholt habe, konnte ich die Begeisterung für Land, Menschen und Kultur aus einem strahlenden Gesicht beim Erzählen abspüren. Seit diesem Sommer bin ich einer von diesen Menschen.

Das „Projekt Israel“ hat für mich im März diesen Jahres angefangen, als ich mich an die Arbeit gemacht habe, einen Artikel für den Wettbewerb des Instituts für Israelogie zu verfassen. Die Vorgabe: Ungefähr 1500 Wörter so auf Papier bringen, dass am Ende „irgendetwas, das mit dem Thema Israel zu tun hat“ und ein persönliches Motivationsschreiben dabei herauskommen. Der Preis: ein sechs Wochen dauernder, vollfinanzierter Israelaufenthalt mit Teilnahme an einem Hebräisch-Sommerkurs der Ben-Gurion Universität. Meine Einstellung: Wer da nicht mitmacht, ist selber schuld. Am 26. April gab es die Gewissheit: Weniger als zehn Stunden Arbeitsaufwand haben sich für mich bezahlt gemacht. Mein Kommilitone Philipp Wiens und ich wurden als Gewinner des Wettbewerbs bekanntgegeben.

Am Samstag, den 3. August startete mein Flugzeug in Frankfurt und brachte mich ca. 4 Stunden später kurz nach Mitternacht wohlbehalten nach Tel Aviv. Die Ankunftszeit war kein Zufall: Von Freitag- bis Samstagabend hätte ich nämlich gemeinsam mit dem Großteil der Autos, Busse und Züge in Israel am Flughafen stillgestanden. Der Sabbat beeinflusst das öffentliche Leben hier in einem viel maßgeblicheren Umfang, als wir es von unserem Sonntag kennen. An den „Sabbataufzügen“, die an diesem Tag auf jeder Etage automatisch anhalten, damit die Reisenden nicht den Knopf drücken müssen, wird die religiöse Konsequenz der Juden besonders deutlich. Das war nur ein erster Vorgeschmack auf noch viele andere Besonderheiten, die ich in den folgenden sechs Wochen über das Land lernen sollte.

Boker tov!

Mein Hebräischkurs in der Ben-Gurion Universität

Das sind die Worte, mit denen ich mal mehr und mal weniger motiviert jeden Morgen im Sprachkurs begrüßt wurde. Sie bedeuten schlicht und ergreifend „Guten Morgen“ auf Hebräisch. Wie zu Beginn erwähnt, war ich während meines gesamten Aufenthaltes in Israel Teilnehmer eines offiziellen Sommeruniversitätsprogrammes der Ben-Gurion Universität – einer von ca. 40 anderen Deutschen und 20 weiteren Amerikanern. Der Hauptcampus der Universität und damit auch mein Wohnsitz für die sechs Wochen befand sich in Beer Sheva, einer Stadt in der Negevwüste, rund 80 km südlich von Jerusalem.

Ein Muss für jeden Israelreisenden – Foto mit Zeitung im Toten Meer

Das Programm bestand im wesentlichen aus drei Elementen: Über den gesamten Zeitraum hinweg fanden nach Schwierigkeit gestaffelte Hebräischkurse von Sonntag (1. Arbeitstag der Woche) bis Donnerstag jeweils von 9:00 bis 12:30 Uhr am Vormittag statt. Bei meinem Kurs für Teilnehmer mit Basiskenntnissen handelte es sich um eine 12-köpfige Gruppe, die von einer israelischen Lehrerin geleitet wurde: Sie gestaltete den Unterricht von der ersten Minute an konsequent auf Hebräisch. Als zweiten Schwerpunkt bot das Programm an jedem dieser Tage Abendvorlesungen zu Themen rund um die Geschichte, Kultur und Politik Israels an. Und drittens beinhaltete das Programm gemeinsame Ausflüge zu verschiedenen Sehenswürdigkeiten (Jerusalem, Ein Gedi, Totes Meer usw.), die jeweils auf die Freitage fielen. Zu alldem kommen natürlich viele unbezahlbare Erlebnisse mit einigen neugewonnenen Freunden hinzu.

(Für mehr Informationen siehe den Artikel von Philipp Wiens.)

Bibel für’s Auge

Modell von Jerusalem im 1. Jh. n. Chr. im Israelmuseum

Modell von Jerusalem im 1. Jh. n. Chr. im Israelmuseum

Man kann sich wahrscheinlich keine 20 km in Israel bewegen, ohne durch einen Ort zu kommen, den die Bibel an irgendeiner Stelle erwähnt. In Israel bekommt der Bibelleser die Originalbilder zu den Bibelgeschichten serviert – das ist noch besser als den Jesusfilm zu schauen. Und wenn an einem Ort mal zugegebener Maßen nicht mehr ganz so viel von vor zwei- bis viertausend Jahren übrig geblieben ist, dann bleibt immer noch der Gang ins Israelmuseum in Jerusalem, das die wohl bedeutendste Ausstellung rund um die Bibel beherbergt. Um nur wenige Ausstellungsstücke zu nennen: ein Tempelstein, der den Heiden den Zutritt zum Tempelhof unter Androhung der Todesstrafe verbot, die ältesten alttestamentlichen Textfunde aus Qumran, das Grab von Herodes dem Großen.

Bewegt man sich etwa 4 km aus dem Museum Richtung Altstadt, befindet man sich am wohl bedeutendsten religiösen Sammelpunkt der Welt – die drei größten monotheistischen Weltreligionen sind jedenfalls alle kräftig vertreten. Auf den schmalen dunklen Gassen, die ca. 80 % der Altstadt Jerusalems ausmachen, reiht sich ein übereifriger Souvenirhändler an den nächsten. Immer wieder drängen sich – teilweise singende – Gruppen von Gläubigen auf dem Weg zu einem ihrer heiligen Orte durch die Menschenmassen.

Der Salbungsstein in der Grabeskirche

Der Salbungsstein in der Grabeskirche

Mich hat dieser religiöse Rummel ehrlich gesagt mehr geschockt als fasziniert: Haben evangelikale Christen etwas falsch verstanden, wenn sie keinen Kult aus heiligen Orten und Gegenständen machen und fast schon magische Kraft von ihnen erwarten, wie andere christliche Gruppen es anscheinend tun? Müsste ich mich auch mit tränenüberströmtem Gesicht in der Grabeskirche vor dem Stein niederwerfen, auf dem Jesu Leichnam angeblich gesalbt wurde und ihn küssen – wenn ich es wirklich ernst meinen würde? Sollte ich mich auch einer russisch orthodoxen Gruppe anschließen und die Via Dolorosa mit ernster Miene singend entlang pilgern (zumindest einige Russlanddeutsche könnten ja mitsingen)? Sollte neben den Katholiken, den Orthodoxen, Armeniern und den muslimischen Türwärtern auch eine evangelikale Partei in der Grabeskirche vertreten sein, um bei den gelegentlichen Schlägereien aufgrund von Meinungsverschiedenheiten den eigenen Standpunkt durch ordentliches Austeilen deutlich zu vertreten? (http://www.youtube.com/watch?v=pGRV9728UEs).

Blick auf Syrien

Blick auf Syrien

Ich persönlich habe mich aus dem ganzen Rummel um die „heiligen“ Orte und Bräuche herausgehalten und muss bekennen, dass ich an keinem Ort von Tränen übermannt wurde – obwohl ich es mit dem Glauben sehr ernst nehme. Ich halte es ganz mit dem Neuen Testament, das uns lehrt, dass wir durch Jesus Christus an jedem Ort dieser Welt eine Direktverbindung zu Gott haben. Dennoch ist es natürlich toll, wenn man durch die Orte, an denen sich Gottes Offenbarungen ereignet haben – mal ganz abgesehen davon, ob der genaue Standort hundertprozentig historisch verifiziert werden konnte oder nicht – an die hundertprozentig wahren Ereignisse erinnert wird, von denen die Bibel uns berichtet.

Alltag in Israel

Was wäre ein Land ohne seine Bewohner? Sie sind es doch, die einem Land erst seinen einmaligen Charakter verleihen. Nun ja, was lässt sich daraus über den Charakter Israels schlussfolgern? Ich durfte sehr viele spannende neue Bekanntschaften machen, die mir zumindest einen ersten Eindruck vermittelt haben: In Beer Scheva habe ich mir die sechs Wochen über in einem Studentenwohnheim die Wohnung mit einem jüdischen und einem arabischen Israeli geteilt. An den unterschiedlichen Wurzeln haben die beiden sich überhaupt nicht gestört und auch mich ganz unkompliziert aufgenommen. Die Israelis habe ich generell als sehr entspannt und direkt kennengelernt: Sie nehmen kein Blatt vor den Mund, sagen, wie es ist und sparen sich jede Form von künstlicher Höflichkeit – man weiß immer, woran man ist und muss nicht hinter jeder Aussage noch die eigentliche Botschaft des Gegenübers aufspüren. Die Gastfreundschaft meines arabischen Mitbewohners hat mich besonders beeindruckt. Er hat mich häufig eingeladen dazuzukommen, wenn er beispielsweise mit seinen Freunden irgendwelche heimischen Gerichte mit Leber gegessen, eine (oder mehrere) Wasserpfeifen geraucht oder Fußball gespielt hat.

Leere Hauptstraße in Haifa am Yom Kippur

Leere Hauptstraße in Haifa am Yom Kippur

An den Dienstagabenden bin ich fast jede Woche mit einer kleinen Gruppe der Sommeruni-Teilnehmer zu einer christlichen Bibelstudiengruppe gegangen, die von der messianischen Gemeinde in Beer Scheva ausgerichtet wurde. Auf dem Programm standen in der Regel ein paar hebräische Lobpreislieder und eine Bibelandacht. Es hatte für mich schon etwas Besonderes, Lobpreislieder in der Sprache der Psalmen zu singen. Auch die Bibel haben die Christen in Beer Scheva irgendwie anders gelesen als ich. Schon allein durch das Hebräische haben sie einen näheren Zugang zum Alten Testament. Aber auch die jüdische Kultur drum herum prägt die Perspektive, mit der diese Menschen die Bibel betrachten. Die für den Durchschnittsdeutschen langweiligen Texte zu jüdischen Festen werden auf einmal anschaulich und relevant – gerade wenn das Fest, über das man gerade liest, in derselben Woche ansteht und dafür sorgen wird, dass kein Auto auf der Straße zu sehen ist, wie es am Yom Kippur, dem großen Versöhnungstag der Juden, der Fall war.

 „Denn der HERR, dein Gott, führt dich in ein gutes Land…“

Ausblick auf den See Genezareth

Ausblick auf den See Genezareth

Zu guter Letzt kann ich eine Information nicht unter den Tisch fallen lassen: Israel ist einfach herrlich, um Urlaub zu machen. Zunächst einmal ist da die Wetterlage, die eine verlässliche Grundlage dafür bietet. In den sechs Wochen habe ich keinen einzigen Regentropfen abbekommen und an einen Tag mit weniger als 30 Grad kann ich mich nicht erinnern. Das Land ist ungefähr so groß wie Hessen – man kann problemlos jedes Urlaubsziel schnell erreichen. Die Vielfalt des Angebots wird durch die Überschaubarkeit des Landes in keiner Weise beschnitten: Während eines viertägigen Aufenthalts in Eilat, eines der Zentren des israelischen Tourismus, das ganz im Süden des Landes am Roten Meer liegt, konnte ich beim Schnorcheln wunderschöne Korallenriffe und Fische bestaunen. Für diejenigen, die lieber an Land bleiben, gibt es alternativ Kamele, die nur darauf warten, Touristen auf eine Tour durch die Wüste zu entführen.

Wunderschöne Natur – die Banias-Wasserfälle

Von einer anderen Seite habe ich Israel ziemlich genau 400 km nördlich am See Genezareth in Galiläa kennengelernt. Hier habe ich für drei Tage einen Freund in einem wunderschönen christlichen Gästehaus mit dem Namen Beit Baracha, Haus des Segens, besucht. Auf der Terrasse mit Blick über den See ließ es sich auf einer Hollywoodschaukel sehr gut aushalten. Dazu stand dort eine Fahrt durch die wunderschöne Natur der Golanhöhen auf dem Programm, eine Besichtigung der Golan-Brauerei in Katzrin, ein Ausflug zu den Banias-Wasserfällen, ein Stopp an der syrischen Grenze und die Besteigung des Berges Arbel vor dem Sonnenaufgang mit Blick über den See Genezareth. Wie gesagt: Es ist ganz sicher für jeden etwas dabei.

Gedanken

Sonnenaufgang über dem See Genezareth auf dem Berg Arbel

Sonnenaufgang über dem See Genezareth auf dem Berg Arbel

Neben all den tollen Erfahrungen wird mir Israel allerdings auch als eine Zeit des Nachdenkens in Erinnerung bleiben: Es war unglaublich wertvoll für mich, einmal so viel Abstand vom eigenen Alltag zu bekommen. In der Hektik des alltäglichen Lebens bleibt oft keine Zeit, bewusste Entscheidungen zu treffen. Ein Berg von Aufgaben türmt sich mit gewissem Zeitdruck vor einem auf und man macht es sich unbewusst schnell zur Pflicht, diese einfach so gut es geht abzuarbeiten. Gerade wenn wir vielbeschäftigt sind sieht die Realität oft eher danach aus, dass wir durch unsere Umstände gelebt werden, anstatt selbst bewusst zu leben. Ab und zu kann es da sehr wertvoll sein, sich einmal aus diesem Kreislauf herauszunehmen. Wenn man aus einer Vogelperspektive auf das eigene Leben schaut, wird es wieder möglich, bewusst die Richtung neu festzulegen, in die man eigentlich steuern möchte. Die wichtigen Dinge werden dann wieder wichtig und auch eigentlich weniger bedeutende Dinge werden als solche enttarnt.

Am 14. September bin ich durch alle Eindrücke, Erfahrungen und Gedanken rundum gestärkt wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Es war eine aufregende und prägende Zeit für mich, die ich jedem von Herzen wünschen kann. Mein Fazit: Jeder FTH-Student, der nächstes Jahr nicht am Wettbewerb teilnimmt, ist selber schuld.

(Colin Bergen)

Fotos: © privat