Die 20. und letzte Sächsische Israelkonferenz Glauchau, den 20.-22.05.2016 – ein Rückblick

Nach einer feierlichen Einleitung des Erev-Schabbat von Johannes Gerloff am Freitagabend wurde der Samstag von ihm mit einer Bibelauslegung über Psalm 2, dem Motto der Israelkonferenz „Warum toben die Heiden“ begonnen. Gerloff betonte dabei, dass Bibelarbeit harte Arbeit sei, dass man nie genug studieren kann, um herauszustellen, was man generell und für jeden Tag damit betonen will. In der Bibellektüre befinden wir uns im Gespräch mit Gott.

Zunächst fragte er, ob man bei dem Wort „Heide“ nur an Menschen aus polytheistischen Religionen denkt oder ob der deutsche Christ zum Beispiel nicht auch gemeint sein könnte. Jedenfalls meint es aus biblischer Sicht zunächst einmal jeden Nichtjuden. Psalm 2 könne in mehreren Ebenen angewendet werden, wobei nach rabbinischer Auslegung die 1. Ebene die Handlung auf die Geschichte von David in den Philisterkriegen beziehe. Die 2. Ebene liege in Apostelgeschichte 4, in der der Aufruhr der Heiden auf die Verschwörung zwischen Pilatus und Herodes deute, während die Gemeinde Jesus, dem Messias, in heiliger Ergriffenheit und Ehrfurcht zujubeln solle. Die 3. Ebene umschreibe das Tobens der Völker gegen Israel, das Volk Gottes, und die 4. Ebene reflektiere die persönliche Ebene des Gläubigen, des Christen, auch hinsichtlich dessen, was „Gesalbter“ bedeute, der von Feinden bedrängt wird und der einmal nach Offenbarung 2,26ff., wie auch nach Psalm 2, wie Tongefäße behandelt werde. Diese verschiedenen Auslegungen in demselben Heiligen Geist seien wie die verschiedenen Seiten einer Münze. (Eine Anfrage wäre hier ob es sich um eine Wiedergeburt des vierfachen Schriftsinns handelt)

OlivenbaumAls Journalist möchte Johannes Gerloff nun einen besonderen Bezug von Psalm 2 zur heutigen globalen Unruhe hervorheben. In Syrien seien in den letzten Jahren mehr Menschen getötet worden als in allen Konflikten des Staates Israel seit 1948 zusammen, und Brasilien habe in den letzten Jahren unbeachtet mehr als eine halbe Million Ureinwohner ermordet. Die durch Islamisten verursachte Unruhe komme nun auch zu uns nach Mitteleuropa, und die UNO, wie auch die meisten Nationen der Welt hätten ungeachtet dessen dennoch nicht Besseres im Sinn, als gegen Gott und seinen Gesalbten Israel zu toben.

In der Bibel gebe es viele Gesalbte, Könige und Priester Israels, und der Gesalbte oder Messias wäre der „besonders Gesalbte“ für die Gläubigen, eben der Christus Jesus. Zugleich trage das Volk Israel ebenfalls diese Funktion eines von Gott Gesalbten. Der Aufruhr gegen den Herrn und seinen Gesalbten richte sich – so Gerloff – gegen die Tora, gegen die Bibel, besonders aber gegen diejenigen, die sie umsetzen, wie der Aufruf im Psalm 2 es anzudeuten vermag: Lasst uns ihre Stricke und Fesseln von uns reißen! Gottes Ordnungen für die Menschen- und Tierwelt, bei Geschlechterrollen, der praktizierten Sexualität und im Umgang mit Alten – das alles werde rebellierend, respektlos und unverschämt angegriffen. Gott, der Vater im Himmel, lache jedoch über dieses Ansinnen, weil er alles fest in der Hand behält, und ein Gläubiger dürfe wie ein Kind sein, das beim Autofahren seines Vaters nur darauf achtet, ob er alles im Griff habe. Deshalb hätten Christen keinen Grund angesichts der Flüchtlingsströme Angst zu haben, Gott selbst habe beim Turmbau zu Babel absichtlich das „Multikulti“ initiiert – als Reaktion Gottes, um den Hochmut der Menschen zu demütigen. Bundeskanzlerin Merkel habe daher im Grunde recht mit ihrem Handeln angesichts der hierher kommenden Flüchtlinge, weil Gott wolle, dass alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit finden, wo es doch statistisch in der arabischen Welt weniger Missionare als in Alaska gebe.

Wenn Gott auf die Rebellion der Völker mit Zorn antworten werde, dann werde er in Zion, das heißt im genannten politischen Kontext Jerusalems, Israels Parlament, sich zu seinem ‚ersten Sohn‘, hier Israel, bekennen. Die Herrschaft Israels gehe aber in Psalm 2 in erster Linie bis zu den Enden des Landes und nicht der Welt, denn Israel wolle gar keine Weltherrschaft, habe aber den Auftrag zu einer politischen Leitungsaufgabe in der Welt zu der man es ermutigen sollte, wie man Eltern ermutige, die Familie zu führen.

sunset-953203_1280Gott selbst komme aber als Weltenrichter wieder, und sein Wiederkommen werde bewirken, dass alle Knie sich vor ihm beugen. Israel ist wie im Buch Josua Werkzeug des Weltgerichts, müsse aber dafür auch selbst eine Läuterung durchmachen. Korruption und Übergriffe an Palästinensern dürften nicht in falscher Parteilichkeit für Israel gutgeheißen werden, denn das Gericht müsse im Haus Gottes anfangen. Deshalb kämen diese Dinge an die Öffentlichkeit und würden abgestraft; Psalm 2 gebiete trotzdem eine Liebe zu dem Sohn Israel, egal, ob er diese Liebe verdiene oder nicht.

Gerloff fragte zum Schluss, wie man diese Zeit einigermaßen zufrieden und glücklich überstehen könne. Das Ende des 2. Psalms hat dieselbe Formulierung wie in Psalm 1, die in rabbinischer Auslegung als ein Psalm angesehen werden. Das bedeutet: Psalm 1 und 2 preisen im Grunde denjenigen glücklich, der in dieser Welt auf Gott ausgerichtet bleibe, eine Ausrichtung, die Eltern ihren Kindern mitgeben sollten. Um nicht als Spötter oder Sünder, der sein Ziel verfehlt, zu enden, sei der erste Schritt zum Gelingen eines solchen Lebens, dass man lerne, „Nein!“ zu sagen, „Nein!“ zu allem, was nicht auf das biblische Ziel ausgerichtet sei, und stattdessen eine Liebe zum Wort, zur Unterweisung der Tora erstrebe, die helfe, das Leben präziser auf das Ziel auszurichten. Luthers negatives Gesetzesverständnis sei falsch, denn die Tora gebe wie bei Pfeil und Bogen eine Ausrichtung auf das Ziel hin, zum Maschiach (Gesalbten, Messias) Jesus, und deshalb sei auch das Judentum als Gnadenreligion zu identifizieren.

Es gäbe heute aber viele andere Toras, andere Zielsetzungen und Unterweisungen, wie die des Zeitgeistes oder der „political correctness“, oder das Denken: „Die Bibel sei nicht das Wort Gottes, sie enthalte es nur!“ – ein Denken, das Ursprung des Chaos sei, weil es Gott selbst einem Prinzip unterordne.

Gläubige aber stünden gemeinsam unter Gottes Wort, hätten Gefallen an der Tora, und träfen eine Entscheidung zu einem erarbeitenden Lebensstil. Sie sollten mit ihren Kindern das Wort Gottes lernen und eine Kultur des Wortes Gottes als Alternative zur heutigen medialen Kultur schaffen, so dass Menschen als wandelnde Tora, durchtränkt mit dem Wort, auf das richtige Ziel ausrichtet leben. Auf diese Weise erfülle man das, was wertvoll sei, und habe Erfolg in Ehe und Arbeit – sofern man das Geforderte praktisch umsetze!

wheat-field-640960_1280Gottlose demgegenüber würden hin und hergetrieben wie Spreu im Wind. Der Gläubige aber solle fest bleiben, korrigierbar, nicht labil, und wo nötig müsse er auch anderen das Gericht Gottes predigen. Der Herr kenne den Weg der Gerechten, derjenigen also, die mit der Tora als Lebensstil gezielt auf den Himmel zugingen. Man könne währenddessen die Bibelinhalte auf kreative Weise weitergeben, mit Mitteln wie dem Internet oder durch WhatsApp-Messages, egal wie, aber man solle sich Zeit für Gott nehmen. Denn selbst im Beruf müsse man seine Aufgaben und Ziele an Gott ausrichten, um sich von ihnen nicht knechten zu lassen oder seine Prioritäten zu verlieren. Für Israel sei es ebenso wichtig, in Beziehung zu IHM Zeugnis, Mauer und Wort Gottes zu sein und dementsprechend zu leben.

Ein paar abschließende Bemerkungen zur Bibelarbeit insgesamt: Der Vortrag hatte viele wichtige und gute Anregungen, insbesondere im Hinblick auf die hohe Bedeutung der Bibel als Orientierung im Alltagsleben, dass Gerloff ermutigte, sie viel intensiver zu gebrauchen als dies in den meisten christlichen Familien der Fall sei. Es ist wichtig, die Schrift als Wort Gottes an uns persönlich gerichtet wiederzuentdecken und sich von ihr im Denken und Verhalten prägen zu lassen und zugleich sich von fragwürdigen, anderen Prägungen zu distanzieren. Auch das positive Verhältnis zum nationalen Israel und zum Volk der Juden, das bei Christen immer überwiegen sollte, selbst dann, wenn berechtigte Kritik angebracht sein kann, ist ein wohltuendes Gegengewicht zu einem rein kritischen und negativen Verhalten, das in den Medien viel zu oft im Mittelpunkt stehe.

In Bezug auf die Auslegungsmodelle, die Gerloff anwendete, sollte man allerdings den mehrfachen Schriftsinn, ob er nun rabbinisch zu verstehen ist oder vielleicht aus dem sogenannten klassischen Modell des vierfachen Schriftsinns entlehnt wurde, mit etwas Vorsicht umgehen, da er in der christlichen Theologie nicht unproblematisch und berechtigt nicht unumstritten ist. Auch die Kritik an Martin Luthers Umgang mit dem Gesetz sollte man biblisch etwas genauer untersuchen, weil Luther nach Vorgabe der paulinischen Theologie des Neuen Testaments nicht nur auf einen falschen Umgang mit der Tora reagiert, sondern auch konkret das Gesetz des Mose selbst (Tora, Pentateuch) für den christlichen Gebrauch begrenzt. Beispiele dafür finden sich in Römer 7,1-6 oder in 2. Korinther 3, um nur einige zu nennen. Über einige Gegenwartsbezüge in der Auslegung von Psalm 2 kann man geteilter Meinung sein, ob sie wirklich sachlich angemessen gewesen sind. Dennoch bleibt festzuhalten, dass das biblische Zeugnis von Gerloff in den Mittelpunkt gerückt wurde, und ein moderater, vernünftiger Umgang von Christen mit dem nationalen Israel und dem Judentum ans Herz der Zuhörer gelegt wurde, was seine Bibelarbeit sehr wertvoll erscheinen lässt.

jerusalem-1314895_640Die Sächsische Israelkonferenz in Glauchau vom 20.-22.05.2016 war die letzte Konferenz ihrer Art, in der sie seit 20 Jahren bestanden hat. Nun aber ist es ein verstärktes Anliegen der Sächsischen Israelfreunde, in dieser Zeit der gesellschaftlichen Veränderung wieder etwas mehr in verschiedene Gemeinden Deutschlands vor Ort hineinzukommen um dort israelspezifische Vorträge zu halten und für mehr Engagement für Israel zu werben. Als Beauftragte zur Umsetzung dieses Anliegens sind die jungen Vorsitzenden des CFFI (Christliches Forum für Israel) vorgestellt worden: Tobias Krämer, Theresia Ebert, Benjamin Schnabel und Franziska Tofaute. In diesem Zusammenhang wurde auf die geplante gesamtdeutsche Israelkonferenz für 2018 in Berlin hingewiesen.

Den Abschluss der letzten Israelkonferenz bildete eine kurze Podiumsdiskussion, in der Rogel Rachmann als Sprecher der Israelischen Botschaft zur gegenwärtigen Flüchtlingssituation ein interessantes Statement gab, das hier zum Schluss im Rückblick auf die Sächsische Israelkonferenz wiedergegeben werden soll: „Nehmt die Flüchtlinge in Deutschland auf, und gebt ihnen dabei Folgendes mit: Antisemitismus gehört nicht zu Europa!“

(cl)

Bilder:

sg/privat

pixabay.com (gemeinfrei)

Blick in den Kongresssaal zum Schabbatbeginn am Freitag

Der Kongresssaal zum Schabbatbeginn am Freitag

In Berlin fand letztes Wochenende unter dem Motto “aus der Kraft der Wurzel die Zukunft gestalten” der 2. “Gemeinde und Israel”-Kongress statt, der vom Christlichen Forum für Israel, einem Netzwerk von etwa 40 israel-freundlichen Werken in Deutschland, organisiert wurde. Als einer von 44 Ausstellern war auch unser Institut mit einem Stand auf dem Kongress vertreten.

Viele unterschiedliche Redner aus Deutschland und Israel ermutigten die Kongressteilnehmer, den Auftrag der Christen für das Volk Israel und seine Hinwendung zu Gottes Messias neu zu erkennen und in ihrem Umfeld zu verkündigen. Gerade angesichts des 75. Jahrestages der Reichspogromnacht beschloss man auf dem Kongress einheitlich, sich antisemitischem Gedankengut in Deutschland vehement widersetzen und die besondere Verantwortung unseres Volkes gegenüber dem jüdischen ernst nehmen zu wollen.

Blick auf die Galerie mit einigen der 44 Ständen

Die Galerie mit den Ständen der Aussteller

Mit 1250 angemeldeten Besuchern übertraf die Resonanz alle Erwartungen der Veranstalter, die diesen Kongress als eine Fortsetzung des ersten dieser Art vom November 2006 betrachteten.

Für alle, die nicht teilnehmen konnten oder die sich mit den Inhalten des Kongresses noch einmal ausführlicher auseinandersetzen wollen, werden wir demnächst auf unserer Website detaillierte Bericht der einzelnen Vorträge sowie einige Interviews mit den geladenen Rednern zur Verfügung stellen.

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Fotos: © privat

Was lehrt die Bibel über die gegenwärtige Rolle des jüdischen Volkes und der israelischen Nation? Was ist Gottes zukünftiger Plan für Israel und seine Nachbarn? Wie können an Christusgläubige Teil von Gottes Friedensprozess im Nahen Osten sein?

Mit diesen und vielen anderen Fragen beschäftigte sich die „The people, the land and the future of Israel“ – Konferenz von Chosen People Ministries, die vom 3. bis 5. Oktober in New York stattfand. Hochkarätige Redner äußerten sich zu zahlreichen und vielschichtigen Themen rund um die biblische Rolle Israels in Gegenwart und Zukunft, darunter Eugene H. Merrill, Darrell L. Bock (Dallas Theological Seminary), Michael G. Vanlaningham (Moody Bible Institute), Craig A. Blaising (Southwestern Baptist Theological Seminary) und Walter C. Kaiser Jr.

Die Referenten jüdischen und nicht-jüdischen Hintergrundes untersuchten das Vorkommen des Konferenzthemas „Das Volk, das Land und die Zukunft Israels“ in den unterschiedlichen biblischen Schriften (von den fünf Büchern Mose bis zum Hebräerbrief) und setzten es u.a. in Bezug zu Hermeneutik, traditionellen jüdischen Erwartungen, Kirchengeschichte, jüdischer Evangelisation, Nahostkonflikt und dem Holocaust. Damit gelang ein Rundumschlag vielzähliger für die „Israelfrage“ relevanter Fragestellungen.

Das Programm enthielt weiterhin Zeugnisse von arabischen wie jüdischen Gläubigen aus Israel, Musik des messianisch-jüdischen Sängers Marty Goetz sowie eine motivierende Abschlussrede des Bestseller-Autors Joel C. Rosenberg unter der Frage: „Wird es jemals Frieden geben für Israel und seine Nachbarn?“

Das bereits 1894 von Rabbi Leopold Cohn in Brooklyn gegründete Werk Chosen People Ministries sieht seine Aufgabe darin, dem jüdischen Volk zu dienen – durch Gebet, Evangelisation, Jüngerschaft und anderen Dienste – sowie Christen zu unterstützen und auszurüsten, dasselbe zu tun. Die Organisation wirkt in 13 Ländern weltweit und wird derzeit von Dr. Mitch Glaser geleitet.

Ein Großteil der ausschließlich auf Englisch gehaltenen Vorträge der Konferenz sind als Video- und Audiodateien unter http://videos.chosenpeople.com/ zugänglich.  

Der Trailer der Konferenz:

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Quellen:

http://drmitchglaser.wordpress.com/ http://www.chosenpeople.com/main/future-schedule
Dr. Berthold Schwarz, Leiter des Instituts für Israelogie

Dr. Berthold Schwarz, Leiter des Instituts für Israelogie

Diesen Sommer fand zum 41. Mal die jährliche Israelkonferenz vom Evangeliumsdienst für Israel (edi) in der Stuttgarter Filderhalle statt, zu der auch Institutsleiter Dr. Berthold Schwarz eingeladen war.

Zu dem Thema “Der Messias – Hoffnung für Israel und die Welt” startete der Sonntag, 9. Juni, mit einem Gottesdienst, in dem der Dozent für Systematische Theologie die Predigt hielt. Anhand von Richter 6,1-16 lud er er die Konferenzteilnehmer ein, mit Gott und seinen Möglichkeiten zu rechnen – gerade wenn es um die Rolle geht, die messianische Juden und die Einheit zwischen Christen und Juden in den Gemeinden unseres Landes wieder spielen sollten. Die Hoffnung auf den Messias solle uns alle wieder anspornen, in unserer Zeit mutig die Fackeln hochzuhalten und Schritte im Glauben zu wagen – zum Wohl unserer Gesellschaft, zum Wohl Israels und zum Wohl der Welt.

Die Koferenzteilnehmer während der Predigt

Die Koferenzteilnehmer während der Predigt

Anschließend folgte eine “aktuelle Stunde”, in der über einzelne edi-Projekte berichtet wurde. Die Begleitung messianischer Gemeinden in Deutschland ist dabei eines der Kernanliegen der 1971 gegründeten Organisation. Während der Mittagspause wurden drei Seminare angeboten:

1. Im Schmelztiegel der Nationen – Bibelladen Tel Aviv (Andy Ball)

Der Konferenzflyer

Der Konferenzflyer

2. Bundesvolk Israel und Gemeinde Jesu – ein spannendes Verhältnis (Dr. Berthold Schwarz)

3. Messianische Juden – ihr Auftrag heute (Anatoli Uschomirski und Team)

Am Nachmittag ging es weiter mit jüdisch-messianischer Lobpreismusik des Duos Shoshan, gefolgt von einer Podiumsdiskussion mit den Gästen Rev. Ben Midgley, Dr. Berthold Schwarz, Armin Bachor und Anatoli Uschomirski. Das Thema lautete: “Messianische Juden im kirchlichen Kontext Deutschlands und Europas”. Interessierte können die 35-minütige Diskussionsrunde für 6,00 € beim edi bestellen.

Die Podiumsdiskussion am Nachmittag

Die Podiumsdiskussion am Nachmittag

Der Tag wurde abgeschlossen mit einem Vortrag von Rev. Ben Midgley, ein jüdischer Gläubiger, heute Vorsitzender von Christian Witness to Israel (CWI) und Pastor der North Bradley Baptist Church in England. Er ermutigte die Anwesenden, Gott und seinem guten Willen zu vertrauen und zuversichtlich unter seinem Volk Israel zu evangelisieren. Das Ergebnis werde ein Segen nicht nur für Israel, sondern auch für das deutsche Volk und die ganze Welt sein.

Die mp3s einiger Vorträge und Seminare können Sie sich hier kostenlos herunterladen.

(jp)

 
Quellen:
 
http://www.evangeliumsdienst.de/_2011/index.php?option=com_content&amp;view=category&amp;layout=blog&amp;id=11&amp;Itemid=19&amp;lang=de</
http://www.evangeliumsdienst.de/_2011/index.php?option=com_phocadownload&view=category&id=1&Itemid=29&lang=de (edi-Freundesbrief von August 2013)
 
 

Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von Armin Bachor (© edi – Evangeliumsdienst für Israel e.V)

Israels Zukunft – Wladimir Pikman

 Jüdisch-messianische Israelkonferenz Berlin

17. November 2012

 

Er ist sympathisch, dieser junge messianische Leiter, mit seiner Mischung aus ernsthafter Leidenschaft und spitzbübischem Humor. Wladimir Pikmans Vortrag über die Zukunft Israel wurde gespannt erwartet, schließlich ist es das, worum sich letztendlich alles dreht: Welche alttestamentlichen Verheißungen werden wann auf welche Weise erfüllt werden? Wie können wir die abendliche Tagesschau deuten? Dies sind wichtige Fragen und wir müssen vielleicht zugeben, dass ohne solch eschatologisch-mathematischen Spekulationen womöglich der ein oder andere israelfreundliche Christ – zumindest ein bisschen – seinen Spaß an der Sache verlieren würde. Pikman geht auf solche Detailfragen nicht ein, aber enttäuscht sein Publikum dennoch nicht. Er beginnt provokativ, indem er zunächst – wie viele auf dieser Konferenz vor ihm – einige entscheidende die Landesverheißung betreffende Texte an die Wand projiziert:

Bild 2

Nun Pikmans Erläuterung: Die im ersten Text genannten Völker leben heute in Ägypten, Libanon, Syrien und großen Teilen der Türkei, des Irak und Saudi-Arabiens. Den im zweiten Text enthaltenen Hinweis auf das schwer zu lokalisierende Schilfmeer bezieht Pikman auf die arabische Halbinsel. Hier finden Sie die von Pikman in dem Zuge gezeigte Landkarte. Das Problem dieser Landesgrenzen: „Hier fehlt mir die Türkei – die mag ich auch“. Eine letzte Lösung kommt mit einer Karte der in Deuteronomium 11,24 beschriebenen Grenzen (Karte hier), welche Pikmans Interpretation zufolge die gesamte arabische Halbinsel einschließt, darunter Saudi-Arabien, Jemen und die Vereinige Arabische Emirate. Sein Kommentar: „Dort passen wir alle rein und so soll es auch sein!“ Das Publikum ist begeistert. Und wenn Gott die Grenzen so weit ausweitet, könne dies letztendlich vielleicht sogar Deutschland einschließen, mutmaßt Pikman gegen Ende seines Vortrages weiter, und schiebt angesichts des lachenden Publikums nach: „Ich finde das auch lustig und amüsant!“

Pikman erläuert die Karte zu den zukünftigen israelischen Grenzen

Pikman erläuert die Karte zu den zukünftigen israelischen Grenzen

Sofort greift der messianische Leiter den möglichen Einwand auf, die genannten Prophezeiungen hätten sich unter König Salomo bereits erfüllt. Nein, Israel habe noch nie über all diese Gebiete die Kontrolle gehabt. Ein Grund dafür sei der Ungehorsam des Volkes nach Deuteronomium 19,8-9. Deswegen finde man auch so unterschiedliche bzw. widersprüchliche Beschreibungen der Grenzen – es lohne sich nicht darüber zu streiten, weil sie flexibel und abhängig vom Verhalten der Juden seien. Dementsprechend schmal seien die Grenzen Israels heute. Sicher ist jedoch: „Das Land ist den Juden für immer und ewig versprochen, und denen, die von ihnen abstammen!“

Nach diesem ersten, sehr deutlichen Punkt, bringt der charismatische Redner einen zweiten, aber nicht minder überraschenden. Mit Hesekiel 47,21-23 verkündet er, dass auch die Araber das Recht hätten in Israel zu leben: „… so sollt ihr die Fremdlinge, die bei euch wohnen und Kinder unter euch zeugen, halten wie die Einheimischen unter den Israeliten; mit euch sollen sie ihren Erbbesitz erhalten unter den Stämmen Israels, und ihr sollt auch ihnen ihren Anteil am Lande geben, jedem bei dem Stamm, bei dem er wohnt“. Die Begeisterung des Publikums hält sich diesmal in Grenzen. Damit hatte keiner gerechnet. Doch Pikman führt fort: „Biblisch gesehen sollten wir uns eher bemühen, sie zu Gott zu führen, als sie aus dem Land zu vertreiben!“ Eine erfreuliche Aussage, die allerdings angesichts des christlichen Gebots der Nächstenliebe, der Rechte der Fremdlinge im AT u.a. selbstverständliche sein sollte. Alles andere – etwa die Forderung nach der Vertreibung der Palästinenser, die in christlich-zionistischen Kreisen ab und zu zu verlauten ist – wäre deplaziert gewesen.

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Ein mit großem Enthusiasmus gehaltener Vortrag von Pikman

Leider geht der gebürtige Ukrainer nicht näher auf die Bedingungen für dieses Zusammenleben ein, doch scheint für ihn relativ klar zu sein, dass der Glaube an den Gott Israels und die Anerkennung seines Messias die grundlegenden Voraussetzungen für diese Einladung sind. Denn es wird unseres Erachtens in der Thora zweierlei deutlich: Erstens, der Schutz des Fremden, der nicht unterdrückt, sondern geliebt werden soll – weil das Volk Israel selbst in der Fremde war (vgl. Exodus 22,20; 23,9; Deuteronomium 10,18-19 u.a.). Zweitens die Einschließung der Fremdlinge in einen Großteil der Gesetzesvorschriften (vgl. 12,19; 43ff.; Levitikus 17,10ff.; Numeri 15,26ff. uva.), was zwangsläufig Gehorsam gegenüber dem Gott Israels bedeutete. So wurde die Lästerung des Namens Jahwes mit dem Tod bestraft (Levitikus 24,16). Für Juden wie Araber gelten laut Pikman die gleichen Bedingungen. Und er betont deshalb: „Wir sollten nicht xenophobisch werden“, sondern „die Arme weit ausstrecken“. Das ist in der Tat eine Mahnung, die angesichts der manchmal zu polemischen Zwischenrufe seitens des Publikums fast notwendig erscheint.

Es folgt eine Aneinanderreihung von Bibelversen, mit denen der messianische Leiter möglicherweise doch ein wenig erläutern will, wie man sich die bevorstehende Endzeit vorzustellen hat, doch bleibt er bezüglich eines chronologischen Ablaufs vorsichtig – vielleicht ist dies gut so. Pikman hebt in jedem Fall hervor, dass in der Zeit, in der die Juden aus der Zerstreuung in Israel gesammelt sind und der Messias von dort aus regieren wird (Jeremia 30,10), dieser das Land und seine Bewohner inmitten von Kriegen und Katastrophen beschützen werde (Hesekiel 20,41f.; 39,28; Joel 3,16f.; Sacharja 12,8; Matthäus 24 – wobei hier der Bezug unklar bleibt). Aber hier kommt es wieder: „Diese Zukunft gehört nicht nur den Juden allein!“ Hoffentlich hatte nie jemand im Saal etwas anderes erwartet.

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Pikman bei seinem Vortrag

Pikman schließt: „Zurück in die Zukunft“, so sollte unser Motto lauten. „Wenn wir“ – damit meint er die Juden – „zurück zu ihm kommen, blicken wir in die Zukunft. Die Zukunft gehört uns. In Jeschua Hamaschiach, in Jesus Christus.“ Er erläutert bedauerlicherweise nicht, inwiefern die Zukunft den Juden gehört. Schade auch, dass eine der herausforderndsten und umstrittensten Fragen, die der Deutung von Römer 11,26 („dann wird ganz Israel gerettet werden“), in Pikmans Vortrag nicht behandelt wird. Auch bei ihm lag der Schwerpunkt auf den materiell greifbaren – und vielleicht deshalb so verführerischen und interessanteren? – Verheißungen Gottes.

(jp)

 

Interview mit Wladimir Pikman

 

Wie empfandest du die Konferenz bis jetzt?

„Sehr gut. Mit Gottes Gnade erreichen wir unser Ziel.“

Was ist denn das Ziel der Konferenz?

„Erstens, dass die Konferenz nicht nur für uns allein ist, sondern auch für andere. Zweitens wollten wir unsere Position Israel gegenüber zeigen. Drittens wollten wir in unserer Einheit auch ein Beispiel sein,  das bei der Welt ein Zeugnis bewirkt.

Also wurden diese Ziele deiner Meinung nach erreicht?

Ja, es ist uns gelungen, das alles in harmonischer Einheit zu machen als messianische Leiter, ohne Konflikte, mit Liebe und Respekt zueinander: Unsere Botschaft, unsere Vorträge, unsere Workshops, unser Lobpreis haben Resonanz in den Herzen der Menschen gefunden. Und die Heidenchristen fühlen sich hier bei dieser Konferenz zuhause. Und das, obwohl es eine jüdisch-messianische Konferenz ist. Unser Ziel war nicht, es Menschen hier gemütlich zu machen, aber es geschieht einfach.

Wurden die Gemeinden aus dem Berliner Umkreis auch eingeladen?

Ja, wir haben nicht alle, aber viele Berliner Gemeinden und Werke aus ganz Deutschland eingeladen. Ich habe hunderte von Briefen von Hand unterschrieben. Einige haben zurückgeschrieben und sich entschuldigt, dass sie nicht kommen. Aber ich bin natürlich traurig, dass nur ein paar aus dieser Gemeinde hier gekommen sind. Wir haben sogar eine persönliche Einladung an die meisten Rabbiner geschickt. Es ist keiner gekommen, aber gleichzeitig kamen auch keine negative Reaktionen.

Denkst du, auch wenn man die Teilnehmer dieser Konferenz betrachtet, dass Pfingst- oder charismatische Gemeinden offener für messianische Juden sind?

Ja, aber nicht nur charismatische und Pfingstgemeinden, sondern auch charismatische Erneuerungen in der evangelischen oder in der katholischen Kirche. Egal welche Kirche, charismatische Erneuerungen sind offener. Und dabei sehe ich auch einen geistlichen Hintergrund. Wenn Menschen erneuert sind, wenn man Gott tatsächlich neu erlebt hat, wird man offen dafür.

Auf der Konferenz war viel von der Ersatztheologie die Rede. Kennst du und wenn ja, was hältst du von moderaten Vertretern, die beispielsweise Israel nach wie vor eine Rolle in Gottes Heilsplan einordnen, aber auch die Kirche als neues Gottesvolk sehen?

Meine Position ist: Die Kirche oder Gemeinde besteht aus Juden, die an Jesus glauben, und allen anderen, die sich ihnen angeschlossen haben. Aber die Kirche ist nicht das neue Israel. Die Juden kommen in der Endzeit einfach zum Messias, und fangen an ihn anzubeten, und ihnen schließen sich alle anderen Völker an.

Du meinst, dass nach Epheser 2,14 der Zaun zwischen Juden und Heiden gebrochen ist?

Ja, wobei sich die Christen diesen Zaun oder diese Mauer so denken: Die Juden waren auf der einen und die Völker auf der anderen Seite. Dann ist die Mauer gefallen und die Juden kamen raus und bildeten mit den anderen Völkern einen neuen Menschen. Das ist aber nicht das, was in Epheser geschrieben steht. Die Mauer ist gefallen, damit andere Völker reinkommen können. Wir treffen uns im neuen Jerusalem, und dabei unterstreiche ich „Jerusalem“. Es ist wie in dem Gleichnis vom Ölbaum: Es ist kein neuer Baum, es ist ein uralter Baum. Und deswegen ist kein Ersatz möglich.

Was denkst du also, muss angesichts der letzten 2000 Jahre an Versöhnung zwischen Juden und Christen noch geschehen?

Es ist nichts Menschliches. Niemand kommt durch pure Logik zum Glauben, es ist immer ein Aha-Moment, jeder muss das erleben. Wenn man das nicht erlebt, ist es viel schwieriger. Aber es ist ein Werk Gottes. Und so geschieht es: Historisch gesehen ist das Problem, dass die Christen ihre Wurzeln verlassen und die Juden ihren Messias losgelassen haben. Die Christen müssen also zurück zu den Wurzeln des Baumes gehen und die Juden müssen wieder Anspruch auf ihren Messias erheben.

Ist deiner Meinung nach ein notwendiger Schritt für die Kirche, von dem “griechischen Denken” Abstand zu nehmen und sich neu auf das “jüdische Denken” zu besinnen?

Ja, dieses griechische Denken… Ich habe so viele charismatische Vorträge darüber gehört. Es ist zu spekulativ. Was versteht man unter „griechischem Denken“ und „jüdischem Denken“? Viele Juden damals waren ziemlich griechisch in ihren Gedanken, haben zum Beispiel Philo gelesen. Nein, man muss sich nicht in erster Linie vom griechischen Denken verabschieden. Man muss zurück zu den Wurzeln finden. Und da geht es nicht um das Denken in erster Linie, es geht um unsere Einstellung. In der westlichen Welt denkt man, dass alles im Denken ist – das ist falsch. Zuerst muss man sagen: „Wir gehören zu den jüdischen Wurzeln.“ Und dann: „Was heißt das eigentlich? Was sollen wir für uns entdecken? Juden sind in gewisser Weise auch unser Volk. Wir tragen eine gewisse Verantwortung dafür.“ Es ist nicht unbedingt geboten, jüdische Feste zu feiern, aber zumindest Bescheid darüber zu wissen – in Vorbereitung für das, was dann kommt.

Würdest du sagen, dass das messianische Judentum versucht, sich auf das Urchristentum zurückzubesinnen?

Nicht in jeder Hinsicht. Wir wissen nicht genau, wie man damals lebte, wir können nicht so leben wie damals und wir wollen nicht so leben wie damals. Ich genieße die Medizin von heute, das Licht von heute, die Kultur von heute in vielerlei Hinsicht, wo es nicht der Bibel widerspricht. Wir können es nicht, wir wollen es nicht, aber wo wir zum Urchristentum zurückkehren wollen, ist, dass wir als Juden Jesus in den Mittelpunkt stellen. Für die Kirche von damals war Jesus im Mittelpunkt. Und heute, wenn man die Kirche in Deutschland nimmt – lieber Gott! Man hört „Jesus“ nicht so oft.

Kritiker sagen, dass das messianische Judentum im Grunde orthodoxes Judentum mit Bezug auf Jeschua ist. Stimmt das oder versucht ihr, eure eigenen Traditionen zu finden?

Na ja, wir haben versucht, unsere eigenen Traditionen zu finden, aber es ist uns nicht gut gelungen. Auf der anderen Seite können wir auch nicht alle orthodoxen Traditionen übernehmen, auch deswegen, weil nicht viele von uns glauben, dass wir es machen müssen. Wir sind auf der Suche. Aber natürlich gab es Zeiten, in denen Judenchristen oder messianischen Juden sich vom rabbinischen Judentum abgrenzen und Zeiten, in denen sie sich ihm annähern wollten. Deswegen finde ich folgende Definition für uns angemessen: Ein messianischer Jude ist ein Jude, der an Jesus, d. h. den Messias Israels glaubt, und sich dabei als Teil des jüdischen Volkes und seiner Traditionen versteht. Ich kann deshalb nicht sagen, dass das rabbinische Judentum Blödsinn ist – es ist Teil meines Erbes, es ist auch Teil meiner Traditionen. Aber ich habe auch nicht genug Beziehung zu ihm, um es voll zu übernehmen.

So wird zum Teil kritisiert, dass manche jüdischen Traditionen anti-messianisch sind, wie zum Beispiel einige Gebete.

Ja, es gibt Gebete, die ich nicht mit gutem Gewissen beten kann – dann bete ich sie nicht. Unser Volk hat viel Gutes aufgebaut – traditionell, rabbinisch oder geistlich. Aber wir haben auch viele Schwachpunkte dabei. Und das ist menschlich.

Die messianische Bewegung in Deutschland ist etwas Besonderes. Könntest du kurz ihre Geschichte skizzieren?

Es kamen hunderttausende Juden nach Deutschland, hauptsächlich aus der ehemaligen Sowjetunion, weil Deutschland sie eingeladen hat. Es kamen auch viele Israelis nach Deutschland, mehr und mehr. So besteht die jüdische Bevölkerung in Deutschland zu mehr als 80% aus Migranten. Und das hat die messianische Bewegung hier in Deutschland beeinflusst und gewaltig verändert. Und dann kam es zu einer Erweckung…

Woher kam diese deiner Meinung nach? Von der geistlichen Leere, die der Kommunismus hinterlassen hatte?

Was hat man in Ostdeutschland damals unterrichtet? Atheismus pur. Und dann kam die Wende. Und jetzt sagt man immer noch, dass Ostdeutschland das atheistischste Land der Welt ist. Mit der Leere der Vergangenheit hat das also überhaupt nichts zu tun. 8 von 100 Ostdeutschen glauben an einen persönlichen Gott – und die Wende hat daran nichts geändert. Die Erweckung hat also nichts mit der Wende zu tun. Es ist eine Offenbarung Gottes. Man kann es nicht systematisieren, man kann es nicht logisch erklären. Damals kamen Menschen in Strömen zu uns, weil sie sich bekehren wollten. Wir fragten uns wie damals bei Petrus: „Was sollen wir tun?“

Ist die Tendenz immer noch steigend?

Nein, seit zehn Jahren nicht mehr. Die Erweckung unter russischsprachigen Juden ist jetzt vorbei, jetzt ist harte evangelistische Arbeit an der Reihe. Es kommen Leute zum Glauben, aber nicht in so gewaltigen Mengen. Das heißt nicht, dass wir unseren Dienst aufhören sollen – es ist wie beim Surfen oder Skilaufen. Man fährt runter – und dann muss man wieder hoch. Jetzt spricht man allerdings von einer Erweckung unter Israelis in Israel. Von dort könnte es wieder nach Deutschland kommen. Ich kann mir vorstellen, dass bald mehrere messianische Gemeinden statt Russisch Hebräisch sprechen.

Wie viele messianische Juden gibt es denn heute in Deutschland?

Man spricht von bis zu 1000 Juden, die zu messianischen Gemeinden gehören. Aber es gibt viele an Jesus glaubende Juden, die sich weiterhin als Juden identifizieren und die in verschiedenen Kirchen und Freikirchen zuhause sind.

Und wie viele Juden gibt es ungefähr in Deutschland?

Das kann ich nicht genau sagen. Es kamen 300.000 oder mehr aus der ehemaligen Sowjetunion, dazu gibt es zehntausende Israelis, Juden, die schon vorher hier in Deutschland waren und welche, die aus Amerika oder anderen Ländern stammen. Dazu kommt die Frage, wie man einen Juden definiert. Über die jüdische Mutter allein? Wenn auch der jüdische Vater zählt, vergrößert sich die Zahl. Wenn jeder, der von einer jüdischen Mutter oder von einem jüdischen Vater stammt, Jude ist, dann kommen wir leicht auf 300.000 Juden in Deutschland. Und es gibt Gentests, die besagen, dass jeder zehnte Deutsche jüdisches Blut hat. Man kann nachlesen, dass sich allein in Berlin in 200 Jahren (von ca. 1650 bis 1830) mehr als 1 Million Juden taufen ließen (aus dem Buch: How Jews became Germans). Ich kenne viele Deutsche, die vor einiger Zeit erst erfahren haben, dass sie jüdisches Blut haben, weil die Großeltern nie darüber sprechen wollten. Deswegen gibt es viele Faktoren.

Was können messianische Juden und nichtjüdische Christen voneinander lernen?

Christen können von messianischen Juden lernen, Jesus als König der Juden in den Mittelpunkt zu stellen, in Vorbereitung des Reiches; auch viel über ihre jüdische Wurzeln, um die Bibel zu verstehen. Es erfrischt das geistliche Leben, wenn man das entdeckt. Was wir als messianische Juden von Christen lernen können, ist Hingabe. Wenn man hier auf der Konferenz das Gebet für Israel betrachtet, gibt es kaum messianische Juden, sondern fast nur Christen. Diese Geistlichkeit, die altchristliche Hingabe im Gebet, müssen wir noch von euch lernen bzw. hier ergänzen wir uns. Wir sind jung, wir sind schwach, wir sind immer noch im Wandel, was unsere Identität betrifft, wir haben Probleme mit Minderwertigkeitskomplexen, und damit, dass wir von allen Seiten abgelehnt werden. Christen scheinen normalerweise stabiler, und diese Stabilität hält uns und da können wir von Christen lernen. Aber natürlich von Christen, die sich hingeben.

Und was denkst du, wie wird die Beziehung zwischen Juden und Christen aussehen, wenn Jesus wiederkommt? Werden die Differenzen komplett aufgehoben werden? Hast du eine Idee?

Nein, keine Idee, für die ich meine Hand ins Feuer legen würde. Aber wir werden zusammen herrschen und es gibt Bibelstellen, die darauf hinweisen, dass es sogar möglich ist, dass Menschen aus anderen Völkern zu Leviten und Priestern werden. Aber lassen wir uns überraschen. Doch natürlich wird es keine Menschen zweiter Klasse geben. Wir werden alle gleich sein. Dennoch wird es sicher verschiedene Sprachen, Kulturen und ethnische Gruppen geben. Die Völker verschwinden nicht alle in einem Topf. Das Reich Gottes wird bunt, nicht eine Farbe. Ich glaube, dass es nicht nur eine Sprache, das Hebräische, geben wird, sondern verschiedene Zungen und Sprachen, die ihn bekennen. Ich sehe unsere Einheit in der Vielfalt von unseren Gaben und Berufungen.

Und was sind, wenn wir über die Zukunft Israels sprechen, deine konkreten eschatologischen Vorstellungen in Bezug auf die Offenbarung?

Ich habe am Dallas Theological Seminary studiert, aber natürlich muss ich nicht alle ihre Ansichten teilen. Ich würde automatisch immer noch sagen, es gibt ein tausendjähriges Reich und dann geht es weiter. Aber grundsätzlich weiß ich es nicht mehr so genau. Wir lesen von einem neuen Himmel und einer neuen Erde in der Offenbarung. Wir lesen auch von der Grenze zwischen den 1000 Jahren und was danach kommt. Es kann sein, dass die 1000 Jahre schon die Ewigkeit bedeuten. Ich bin mir überhaupt nicht sicher, aber ich werde auf keinen Fall enttäuscht werden. In meinem Leben ändert das nicht viel. Ich meine, ob es ein 1000-jähriges Reich gibt, und es dann weitergeht, oder ob es kein 1000-jähriges Reich gibt und es gleich weitergeht, das ändert an meinem Leben heutzutage nichts! Am besten ist es, wenn wir Theologie mit praktischen Auswirkungen betreiben. Auch was die Entrückung der Gemeinde betrifft, gibt es verschiedene Ansichten – das könnte vielleicht schon praktischer werden.

Glaubst du, dass messianische Juden in der Gefahr stehen, die Bibel zu sehr auf politische Ereignisse, z. B. in Israel, zu beziehen, statt auf ihr persönliches geistliches Leben?

Das ist unterschiedlich. Es gibt natürlich viele, die so sind. Aber Juden sind, auch was Israel betrifft, viel weniger politisiert, als viele Christen. Christen haben eher politische Meinungen dazu, sie sind entweder pro oder contra. Messianische Juden in Deutschland sind nicht so stark politisiert. Wir sind zionistisch, aber nicht politisch zionistisch. Wir unterstützen Israel, wir sind biblisch fundiert, aber nicht politisiert. Wenn wir für Frieden in Israel beten, dann schließen wir selbstverständlich auch die Araber mit ein. Das versteht man in christlich-zionistisch Kreisen nicht so deutlich. Aber wir sind politisch gesehen viel offener als Christen.

Hast du Kontakte zu Arabern oder Moslems?

Christliche Araber, klar.

Wie ist deren Beziehung zu messianischen Juden?

Es gibt nur wenige, die nicht anti-israelisch sind. Meistens sind sie sehr indoktriniert. Die messianischen Juden sind oft viel toleranter und offener als arabische Christen.

Dein Statement war klar: Auch die Araber bzw. wer auch immer in dem Land lebt, gehört dazu. Ist die Voraussetzung dafür die Versöhnung?

Die Voraussetzung ist nicht die Versöhnung, die Voraussetzung ist Jesus, und Hingabe, Glauben an ihn, Leben mit ihm. Versöhnung ist die Konsequenz, eine Wirkung davon, aber sie ist nicht das Ziel.

Wenn du sagst, dass die Grenzen und der Gehorsam zusammenhängen, wie ist das mit der Gnadenlehre in Einklang zu bringen, nach der uns Gottes Gnade vom Gesetz befreit hat?

Die Gnade Gottes hat uns nicht vom Gesetz befreit, sondern vom Fluch der Sünde. Was heißt das denn, dass wir frei vom Gesetz sind? Das ist irgendwie verwirrend. Sagen wir: „Danke, Herr, du hast mich endlich freigemacht, Schweinefleisch zu essen?“ Jesus ist nicht gestorben, damit ich Schweinefleisch essen kann oder damit ich nicht mehr als Jude lebe. „Was für eine Freiheit! Ich habe mein ganzes Leben lang davon geträumt, Schweinefleisch zu essen!“ Ich habe 27 Jahre meines Lebens alles gegessen, und dann als messianischer Jude aufgehört, alles zu essen – und habe damit erst meine Freiheit gefunden. Vorher war ich ein Sklave davon.

Würdest du also sagen, dass Israel zum Glauben an Jesus kommt und dann dadurch die verheißenen Landesgrenzen erhält, weil es gehorsam ist?

Ja. Das Land gehört Israel. Aber die Grenze ist damit verbunden, wie Israel lebt, wie die Juden leben, von unserem Gehorsam – nicht von Gottes Gnade. Auch Fremdlinge dürfen im Land leben, aber die Bedingungen gelten für Araber wie auch für Juden. Die Juden haben heute noch Anspruch darauf, in Israel zu leben. Es gibt Christen, die zum Beispiel bei der „Christ at the Checkpoint“-Konferenz involviert sind, die sagen: „Ja, es war versprochen, aber Israel ist sündig und die Juden haben nur das Recht dort zu leben, wenn sie gerecht und ohne Sünde sind.“ Nein, Juden haben auch heute das Recht, dort zu leben, aber über zwei Sachen dürfen sie nicht klagen: Erstens, dass die Grenzen zu schmal sind und zweitens, dass es keinen Frieden gibt. Die beiden Sachen werden bleiben, bis die Juden zurück zu Gott kommen.

Würdest du sagen, dass der politische und soziale Unfrieden eine Konsequenz aus ihrem Handeln ist, und dass Gott sie bestraft, um sie zu ihm zurückzuführen?

Sagen wir so: Es ist eine Strafe Gottes. Ich weiß nicht, ob um sie zu ihm zurückzuführen, um Gnade zu zeigen oder was auch immer. Wie heute während des Gottesdienstes gesagt: Daniel hat begriffen, was in der Thora beschrieben wurde. Es ist eine Strafe – leider. Auch der Holocaust ist eine Strafe. Es ist dramatisch, es ist traurig, es tut weh. Aber mit Gott macht man keine Witze.

Und was bedeutet dann „ganz Israel“ (Römer 11,26) für dich? Wer genau wird gerettet werden?

Es geht um Israel. Paulus zitiert Jesaja, es geht in Römer 9-11 um die Juden nach dem Fleisch. Wenn Jeschua zurückkommt, gießt Gott seinen Geist auf die Juden und sie werden gläubig. Aber „ganz Israel“ schließt nicht alle Juden aller Zeiten ein, sondern nur die Juden, die in der Zeit leben werden.

Du hast in deinem Vortrag viele alttestamentliche Stellen zitiert. Wieso spricht deiner Meinung nach Jesus weniger von materiellen Verheißungen? Was meint er mit „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (Johahnnes 18,36)?

Ich trenne nicht zwischen Materiellem und Spirituellem. Es vermischt sich, wie bei unserem Geist und Körper: Wenn wir krank sind und Fieber haben, ist auch unser Geist betroffen. Wenn unser Geist bedrückt ist, erhöht sich die Chance, dass auch unser Körper krank wird. Ich finde das nicht biblisch, eigentlich eher griechisch, das Geistliche vom Irdischen oder Physischen zu trennen. Ich trenne das nicht. Wir müssen unseren Geist, aber auch unseren Körper pflegen. Wir müssen geistig die Erde verändern, aber auch physisch die Erde verbessern.

Vielen Dank für das Interview!

 (bs/jp)

 

Fotos: © privat

 Jüdisch-messianische Israelkonferenz Berlin – 16. November 2012

Vitali F. ist in der Adon Jeschua Gemeinde Stuttgart, die sein Vater im Jahr 2000 gegründet hat und bis heute leitet, für die Jugendarbeit zuständig. Sein Workshop ist perfekt vorbereitet, so hat er eigens für diesen Zweck eine Umfrage unter jüdisch-messianischen Jugendlichen gestartet – man merkt gleich zu Beginn, wie ernst ihm das Thema ist, wieviel Israel ihm bedeutet.

Seine Familie wanderte 1992 aus Russland ein und Vitali erzählt, wie in dieser Zeit viele Juden ihre wahre Identität erst mit Hilfe von Christen fanden, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, Juden gemäß Römer 11,14 zur Eifersucht zu reizen. Beispielsweise luden sie jüdische Einwanderer zum Schabbatfeiern ein, so dass diese sich fragten: „Wieso kennen sich die Heiden besser mit unseren Traditionen aus als wir?“ Der Kommunismus hatte alles Religiöse vernichtet. Dementsprechend seien ältere russische Juden in Deutschland oftmals atheistischer geprägt und Israel für sie dementsprechend belanglos, als es bei der zweiten Generation der Fall sei: Diese beschäftige sich mit Fragen der Spiritualität, der Selbstverwirklichung und vor allem der Identität. Viele jüngere Juden wünschen sich, nach Israel zu reisen – 76 % der von Vitali Befragten waren bereits dort -, um dort ihre Wurzeln und so sich selbst zu finden. Gerade aufgrund ihrer speziellen Situation fühlen sie sich eher in Israel heimisch als in den Ländern der ehemaligen UDSSR oder in Deutschland. Sie spüren, dass sie dorthin gehören und können sich gut vorstellen, in Israel zu leben, was wiederum zu einer großen Einheit innerhalb der jungen Generation führt.

Vielleicht verstärkt sich dieses Gefühl durch den in Deutschland wachsenden beunruhigenden „latenten Antisemitismus“, so Vitali F. Die Juden wissen sich mit Israel verbunden, da sie dort womöglich eines Tages Zuflucht suchen werden. Dem messianischen Juden macht die anti-israelische Einstellung im akademischen Umfeld, vor allem unter Studenten, mehr Angst als grölende Neo-Nazis – damit spricht er sicherlich Wahres an. Gleichzeitig führt er uns Zuhörern vor Augen, wie sehr politische Kritik an Israel  von den Juden – nach dem Holocaust – als persönlicher Angriff auf ihre Identität empfunden wird (siehe Jurek Schulz’ Vortrag).

Es folgt eine längere Ausführung darüber, wie die jungen messianischen Juden in Vitalis Umfeld ihren Alltag in Schule und Freundeskreis erleben. (Hier trifft der Referent übrigens als einer der wenigen das Thema seines Workshops ziemlich genau.) Dabei geht es nicht so sehr um ihre jüdische Abstammung an sich, als um ihren Bezug zu Israel als dem kleinen demokratischen Land im Nahen Osten, dessen Innenpolitik in den Medien so heiß diskutiert wird. Der messianische Leiter analysiert, dass es im deutschen Geschichtsunterricht oftmals zu langen Diskussionen kommt, weil bei den deutschen Schülern eine Aversion gegenüber dem Thema Holocaust gewachsen ist: Sie haben nichts mehr damit zu tun und wollen nichts von Schuld hören. Im Politik- oder Erdkundeunterricht hingegen trage man keine Schuld mehr, hier seien die Israelis die Bösen und man dürfe frei seine Meinung äußern, was dem Referenten zufolge auch genutzt werde.

Dazu komme, was auch ein anderer Referent betonte, die einseitige mediale Berichterstattung: Israel als Besatzungsmacht, die Bewohner Ostjerusalems als Siedler und alle Israelis gewissermaßen als Täter. (Der von Vitali F. erwähnte Artikel der Welt verdeutlicht dies). Wehrten sich Juden im Unterricht gegen die mangelnde objektive Darstellung, würden sie als dumm oder befangen verurteilt. Doch: „Gott hat seine Gründe, warum wir als messianische Juden in diesem Land leben“, resümiert der Redner. Bei 200.000 in Deutschland lebenden Juden bliebe der Auftrag groß.

Eine weitere Frage, die der junge Leiter aus Stuttgart anreißt, ist die der Bedeutung Israels für den persönlichen Glauben. Vitali stellt dem Publikum einige einfache Fragen:

„Wenn ihr ein Haus hättet, welcher Teil davon wäre Israel?“ „Wenn Israel eine Person in eurem Umfeld wäre, wer wäre es?“ „Wenn die Bibel ein Theaterstück wäre, welche Rolle würde Israel spielen?“

Die Antworten des Publikums, das sichtlich Spaß an der Sache hat, sind aufschlussreich, zum Teil auch erschreckend: „Israel wäre das Wohnzimmer, weil man sich hier am wohlsten fühlt“ – „Die Küche, weil sie die Schaltzentrale der Familie ist“ – „Israel wäre natürlich das ganze Haus“. Bei der zweiten Frage wird Israel von mehreren mit der Ehefrau verglichen, von vielen als Mutter oder Vater gesehen, von manchen als der große Bruder – sehr wichtige Rollen im Leben der Menschen. Darüber, dass Israel in der Bibel als Theaterstück natürlich die Hauptrolle spielt, sind sich alle einig – was für eine Frage. Auf Jesus als Hauptrolle, oder aber die Menschen als Objekt der Missio Dei kommt in dem Moment niemand. Der Redner selbst beantwortet die Frage indirekt anhand einer Grafik, die deutlich macht, wie oft das Wort “Israel” in der Bibel auftaucht, nämlich 2316 Mal als Teil eines Wortes und 1370 Mal allein – dies scheint für ihn ein ausreichender theologischer Beweis für Israel als Zentrum von Gottes Aufmerksamkeit und Fixpunkt der Menschheit zu sein.

Daraus ergibt sich für Vitali F.  die – durchaus nachvollziehbare – Konsequenz, dass es aufgrund von mangelndem Wissen über Israel zu Verständnisproblemen bzw. zu Missverständnissen beim Bibellesen kommen kann. Denn die Autoren der Bibel seien allesamt Israeliten, und keiner beherrsche deren Sprache sowie die Auslegungsmethoden besser als die Juden (hier verweist er auf die messianische Zeitschrift Menora).

Dies ist auf der einen Seite ein nicht zu unterschätzender Punkt, was die Sprache des Alten Testaments sowie Kultur, Traditionen u.ä. betrifft, auf der anderen Seite nicht absolut zu setzen, ist doch das Neue Testament in Griechisch verfasst und hängt eine kompetente Auslegung nicht allein von der Vertrautheit mit der Sprache und Welt der Bibel, sondern auch mit Fragen der Methodik, Hermeneutik und weiteren wissenschaftlich-bibeltreuen Schlüsselkompetenzen zusammen. Selbstverständlich ist jedoch, dass jeder Bibelleser sich „auf Israel einlassen“ muss und es „nicht als Kontext ausklammern“ und einfach weiterlesen kann. Der Redner betont allerdings wieder und wieder, dass Gott der „Gott Israels“ ist – man kommt nicht umhin, in seinen Aussagen ein Stück Exklusivismus zu sehen und eine auffallend große Betonung des Alten Testaments.

Für ihn ist Israel der beste Beweis für die Treue Gottes und die Wahrhaftigkeit seines Wortes, womit er sicherlich weniger die in der Bibel selbst beschriebenen Erfüllungen alttestamentlicher Prophezeiungen meint (allen voran das Kommen des Messias), als diejenigen, die sich in der jüngsten Geschichte ereignet haben (allen voran 1948) – welche wiederum auch unter Christen Ansichtssache sind und deshalb unseres Erachtens kein Maßstab für die Glaubwürdigkeit des Wortes Gottes sein sollten.

Zuletzt wird wie bei den anderen Referenten der Bogen zu den Christen hin geschlagen. Vitali F. zitiert Johannes Gerloff, dass wir als Christen ohne Israel keine Zukunft haben, denn „das Heil kommt von den Juden“ (Johannes 4,22). Was der messianische Jude damit genau aussagen will, wird nicht ganz klar. Die Kirche würde ohne Israel nicht existieren. Aber ob ihre Existenz in der Zukunft von Israels Ergehen abhängt, wie auf dieser Konferenz so häufig behauptet, müsste wieder diskutiert werden, auch die Tatsache, dass Jesus in den Sätzen vor und nach dem zitierten Vers 22 darauf hinweist, dass mit ihm die Zeit gekommen ist, in der die Anbetung Gottes nicht mehr an physische Gegebenheiten gebunden sein wird.

„Israel soll ein Segen sein“, so schließt der messianische Leiter, „wie können wir also durch Israel gesegnet werden?“ Die Antwort lautet: „Wer Israel segnet, wird gesegnet“ – wieder ein Zitat aus dem Alten Testament. „Gott misst die Völker an ihrem Verhalten gegenüber seinem Volk“, weshalb „eine Gemeinde ohne Israel“, d. h. eine, die sich als eigenständig betrachtet, falsch funktioniere. Weil die Gläubigen aus den Nationen ein Teil Israels sein dürfen (geistlich), können sie nicht mehr gegen Israel sein (politisch). Eine These, die unbedingt besser begründet werden müsste, um Kritikern standhalten zu können. Vitali F. hebt jeden Dualismus auf, denn das geistliche Israel ist für den jungen messianischen Juden mit dem politischen verwoben. Und sein Ziel ist dementsprechend, dass jeder Christ sagen kann: „Israels Erbe ist auch mein Erbe und Israels Hoffnung ist auch meine Hoffnung.“

(jp)

Zionismus – Jurek Schulz

 Jüdisch-messianische Israelkonferenz Berlin

16. November 2012

 

Als nächstes ist Jurek Schulz an der Reihe. Seine Geschichte ist eine ganz besondere: Er ist Kind zweier der wenigen deutschen Juden, die den Holocaust im Land überlebt haben. Im Alter von 24 Jahren gelangte der jüdisch erzogene junge Mann durch das Studium des Neuen Testaments zu der Überzeugung, dass es sich bei Jesus Christus um den verheißenen Messias handelt. Eigentlich schade, dass er auf seine Biographie, vielleicht weil beim Publikum bereits bekannt, nicht zu sprechen kommt.

Stattdessen beschäftigt er sich mit dem Thema des Zionismus und gibt zu Beginn einen kurzen historischen Überblick: Seit dem Exil des Volkes Israel seien Jerusalem und Zion zu Symbolen der Sehnsucht geworden (Psalm 137,4-5). Schon immer habe das Volk um sein Überleben kämpfen müssen. Schulz sagt, so wie im Jahre 70 n. Chr. nach Angaben von Josephus 1,1 Millionen Juden getötet wurden, Gott also scheinbar sein Volk verstoßen hat, geschehe dies auch gegenwärtig. Er zitiert Psalm 83, der für ihn das nie endende Schicksal des Gottesvolkes und somit mehr als eine spezifische geschichtliche Situation beschreibt. Deshalb der Zionismus. Deshalb wurde Israel 1897 in Basel geboren.

Ab hier wird der Vortrag ein wenig unübersichtlich, denn Schulz vermischt die Geschichte mit persönlichen Bemerkungen gegenüber „Israelfeinden“. Er erzählt wie in der Geburtsstunde des Zionismus eine Fahne für das neue Land gebraucht wurde und David Wolffsohn – der Nachfolger Herzls als Präsident der Zionistischen Weltorganisation – auf den weiß-blauen Tallit zeigte mit den Worten: „Wir haben doch eine Fahne!“ (Weiterführende Informationen zur Entstehung der israelischen Nationalflagge gibt es übrigens hier.) Wolffsohn selbst kommentierte dieses Geschehnis mit den folgenden Worten: „Auf Geheiß unsres Anführers Herzl kam ich nach Basel, um Vorbereitungen für den Zionistischen Kongress zu treffen. Unter den vielen Problemen, die mich damals beschäftigten, war eines, das in gewisser Weise das Wesen des jüdischen Problems in sich barg: Welche Flagge würde in der Kongresshalle hängen? Da durchfuhr mich eine Idee: Wir haben eine Flagge – und die ist blau und weiß. Der Tallit, den wir um uns wickeln, wenn wir beten: das ist unser Symbol. Lass uns diesen Tallit hervornehmen und vor den Augen Israels und aller Völker entrollen! Also bestellte ich eine blauweiße Flagge, auf die der Davidstern gezeichnet wäre. Und so entstand die Nationalflagge, die über der Kongresshalle wehte.“ (Übersetzung: wikipedia.de)

Für Schulz ist die Flagge heute „Zeichen des Ärgernisses“ – hier benutzt er eine biblische Formulierung, die sonst nur für Jesus Christus verwendet wird (vgl. Jesaja 8,14; Römer 9,33; 1. Korinther 1,23; Galater 5,11; 1. Petrus 2,8). Seine Begründung ist, dass beispielsweise im CVJM-Zentrum in Westjerusalem alle Flaggen der Welt hängen – außer der israelischen. Das ist eigentlich aber nur die halbe Wahrheit: Bei dem Fahnenschmuck handelt es sich unseren Recherchen nach nicht um eine dauerhafte Einrichtung, sondern um eine zeitlich begrenzte Aktion im Rahmen eines Sommercamps für jüdische, christliche und muslimische Kinder. Hier wurde bewusst auf die israelische sowie die palästinensische Flagge verzichtet, was kritisiert werden kann und vielleicht sollte, aber nicht zum Ausdruck bringen wollte, dass der CVJM Israels Existenz nicht anerkennt.

Zion und der Zionismus blieben ein Zeichen des Ärgernisses. So werden in der aktuellen EKD-Orientierungshilfe zu Land und Staat Israel (siehe hier auf S. 84) christliche Zionisten als schädlich für den christlich-jüdischen Dialog und im Kern „judenfeindlich“ beschreiben – in der Tat harte Worte.

An dieser Stelle bringt Schulz das auf den Punkt, was viele der Konferenzredner auf die eine oder andere Art zu vermitteln suchten: „Was früher die Judenfrage war, ist heute die Israelfrage geworden.“ Eine Aussage, die in ihrer simplistischen Form, gerade angesichts der Brisanz des Themas des Antisemitismus, nicht so stehen gelassen werden sollte. Es handelt sich selbstverständlich um eine subjektive Empfindung und kein Nichtjude kann einem Juden vorschreiben, wie er die Dinge wahrzunehmen hat. Doch muss zumindest erwidert werden, dass es sich bei der nationalsozialistischen Judenverfolgung in der Tat um Antisemitismus in seiner Reinform handelte, einen rassistisch motivierten Hass auf Anhänger des jüdischen Volkes. Es ist sicherlich nicht zu leugnen, dass die moderne (oftmals aus dem linken Lager kommende) Israelkritik antisemitische Motive enthalten kann und sich teilweise antisemitischer Parolen bedient. Doch ist grundsätzlich zunächst der rassistisch begründete Antisemitismus vom politisch begründeten Antizionismus bzw. der Kritik an der israelischen Regierung zu unterscheiden – wenn auch beide zum Teil beide in der Praxis ähnliche Konsequenzen haben und Ausuferungen annehmen können.

Schulz weist darauf hin, dass in der UN-Resolution 3379 von November 1975 Zionismus als Rassismus bezeichnet wurde, ein Spruch, der übrigens bis heute überall in Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten in Form von Graffitis zu finden ist. Daneben wurde Israel mit Ländern wie Südafrika, in denen Apartheid herrschte, verglichen. Was er nicht erwähnt, ist der (immerhin) knappe Ausgang der Abstimmung: 72 Ja-Stimmen, 32 Enthaltungen und 35 Nein-Stimmen, vornehmlich von den westlichen Ländern. Im Jahre 1991 wurde die Resolution zurückgenommen und vom damaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan als „Tiefpunkt“ in der Geschichte der Vereinten Nationen beschrieben. Das ist erfreulich. (Eine kurze Antwort auf die Frage, ob Zionismus tatsächlich als Rassismus eingestuft werden kann, gibt aus juristischer Perspektive Calev Myers: http://www.youtube.com/watch?v=pGYbH294C9g.)

Dennoch bleibt die UN für Schulz der Buhmann: Es gebe kein Land, das seit seiner Staatsgründung von dem Staatenbund so diskreditiert wurde wie Israel, d. h. gegen das so viele Resolutionen verfasst wurden. Dabei sei nicht allein der Zionismus im Fokus der Kritik, sondern der gesamte Staat. Israel sei für die UNO das Sicherheitsproblem der Region, von dem der Weltfrieden abhinge. In einem anderen Vortrag wies Schulz an dieser Stelle auf die fast lächerlich erscheinende Größe dieses kleinen, angeblich so gefährlichen Landes im Gegensatz zu den es umgebenden nicht-demokratischen arabischen Ländern hin (http://www.youtube.com/watch?v=Y1U6LZ1yq3U – siehe 44. Minute). Wenn man es so sieht und die Tatsache bedenkt, dass Israel die einzige stabile Demokratie des Nahen Ostens darstellt, erscheint es in der Tat erstaunlich, dass 59 % der Europäer und 64 % der Deutschen in Israel das größte Sicherheitsproblem sehen. Man weiß allerdings nicht, ob sie damit zum Teil gemeint haben könnten, dass in den nahöstlichen Auseinandersetzungen viel von Israel abhängt und es nicht für sich allein eine Bedrohung des Weltfriedens ist.

Nun kommt Jurek Schulz wieder auf sein eigentliches Thema zu sprechen: den Zionismus. Er möchte die Rolle betonen, die Christen bei der Gründung des Staates Israel zugekommen ist. So habe Theodor Herzl den Judenchristen und Christen in Basel einen Platz freigehalten, damit sie am Kongress teilnehmen können. Des weiteren würden drei Freunde des Zionismus-Begründers in dessen Tagebüchern öfters erwähnt, die allesamt Christen waren: Kaiser Wilhelm, Friedrich von Baden und William Hechler. Letztgenannter war anglikanischer Pastor und ihm ist zu danken, dass über seine Bekanntschaft zu Friedrich von Baden der Kontakt zwischen Herzl und dem Kaiser hergestellt werden konnte. Über Theodor Herzl ist laut Schulz bekannt, dass er mehr Angst davor hatte, in eine Synagoge zu gehen, als in einer Kirche zu predigen. Er war säkular. Doch Hechler hatte ihm die Augen geöffnet, so unser Redner, er nennt ihn den „Wegbereiter“ des biblischen Zionismus. Laut Schulz steht ein Christ am Anfang der zionistischen Idee – eine interessante These, der weiter nachgegangen werden sollte.

Doch bis 1948 verging noch viel Zeit. Die Sehnsucht nach Zion, so Jurek Schulz, blieb bestehen. Sie drückte sich aus beim Feiern des Pessach („Nächstes Jahr in Jerusalem!“) oder bei Hochzeiten (wo zur Erinnerung an den zerstörten Tempel ein Glas zertreten wird). Kein anderes Volk habe über Jahrtausende die Bindung zu seinem Land in diesem Maße erhalten.

Allerdings wurde der Traum von Zion für die Juden zum Albtraum. Im Folgenden verbindet Schulz – ob absichtlich oder unabsichtlich – die auf Augustinus beruhende Ersatztheologie, die besagt, dass Israel nicht mehr Gottes Volk ist, mit dem Holocaust. Schulz greift eine ersatztheologisch begründete klassische Abbildung des christlich-jüdischen Verhältnisses auf: die der als Frauen dargestellten „triumphierenden Kirche“ und der „erniedrigten“ oder „blinden Synagoge“ (siehe zum Beispiel hier oder die in Straßburg abgebildeten Reliefs hier), wie sie sich bis heute an so manchem Kirchengebäude findet. Die Kirche: siegend, gekrönt, erhobenen Hauptes und mit einem Kelch in der Hand. Die Synagoge: gebeugt, die Lanze gebrochen, blind (bezüglich der Identität Christi) und in der Hand die Gesetzestafeln. Und dies ist nur ein Beispiel für judenfeindliche Darstellungen seitens der Kirchen, die eins deutlich machen wollten: Das Judentum hat gegenüber dem Christentum eine bittere, endgültige Niederlage eingesteckt, es ist allerhöchstens seine irrende Schwester, deren Zeit abgelaufen ist. Diese Theologie gipfelte laut Schulz in der Shoa. Doch liegt unseres Erachtens dieser These ein so komplexer Sachverhalt zugrunde, nämlich die Frage nach dem Entstehen und Grund des Antisemitismus, dass Vorsicht geboten sein sollte.

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Jurek Schulz betont, dass es neben diesen Gräueltaten der Kirche immer Gläubige gab, welche dem Wort Gottes bedingungslos vertrauten (hiermit meint er: einer bestimmten Auslegung des Wortes Gottes), so beispielsweise August Hermann Francke, der habe verlauten lassen: „Eines Tages wird das Volk der Juden wieder in Eretz Israel gesammelt werden – das Wort Gottes wird es bestätigen.“

Und dies ist für Schulz die Aussage von Hesekiel 37 – dem Schlüsselkapitel über Gottes heilsgeschichtliches Handeln: Israel wird aus den Toten auferstehen, wie es auf dem Relief der Skelette in Yad Vashem und auf der Menora vor der Jerusalemer Knesset abgebildet ist. Bei diesem Bild könne es sich nicht um die Kirche handeln, gibt doch Gott in Vers 11 selbst Auskunft, wie das Kapitel zu deuten sei: „Diese Gebeine sind das Haus Israel.“ Schade, dass der messianische Jude diese wörtliche, und etwas simplistisch anmutende, Interpretation des Kapitels nicht rechtfertigt.

Am 14. Mai 1948 wird schließlich durch David Ben Gurion der Staat Israel ausgerufen, vorhergesagt durch den säkularen Prophet Herzl, der Ende des 19. Jahrhunderts verkündet hatte: „In Basel habe ich den Judenstaat gegründet. In fünf, spätestens fünfzig Jahre wird es jeder sehen.“

Schulz endet mit einigen aktuellen Informationen und damit verbundenen Aufforderungen an das Publikum: Man dürfe bei Israel nicht nur an die dort lebenden Juden denken, immerhin sei die Hälfte des Landes palästinensische Autonomiezone und lebten dort Drusen, Muslime sowie (teils christliche) Araber. Ein wichtiger Punkt. Innerhalb der Landesgrenzen herrsche aufgrund des Raketenbeschusses aus Gaza häufig Ausnahmezustand. Bedenklich sei auch die wachsende Armut in Israel. Die Zukunft liege deshalb einzig und allein in einer Ein-Staaten-Lösung, einem Friedensreich, in dem jeder Hass überwunden wird und Menschen aller Völker gemeinsam den Messias anbeten (Psalm 87,3-4), allen voran die Palästinenser (Sacharja 9,6-7), Syrien und Ägypten (Jesaja 19,23-25). Sie werden allesamt Gott erkennen, schließt Schulz und beendet seinen Vortrag wie eine Predigt mit einem „Amen“.

Wer sich näher über Geschichte, Definition und Ausprägungen von Antisemitismus, Antijudaismus und Antizionismus informieren will, findet hier zahlreiche Artikel: http://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/37944/was-heisst-antisemitismus

Hier ein Interview mit Jurek Schulz über sein Leben: http://www.bibeltv.de/mediathek/bibel_tv_das_gespraech/Juden_Christen_Judenchristen_Jurek_Schulz-426.html

(jp)

 

 Jüdisch-messianische Israelkonferenz Berlin – 16. November 2012

Einen Einblick in die Lebenswelt eines jungen in Deutschland lebenden messianischen Juden gaben im Rahmen ihrer Workshops zwei Referenten am Nachmittag als auch am Abend, beide im Dienst an ihrem jüdischen Volk tätig.

Der erste Referent aus Heidelberg erzählte, wie er von Gott die Berufung erhielt, in seiner Stadt einen messianischen Gottesdienst zu beginnen: Gestartet zu dritt oder viert haben sie heute – nach einem halben Jahr – schon 30 Besucher. Er selbst und seine Frau entschieden sich damals bewusst für eine Ausrichtung und Öffnung des Gottesdienstes für Nicht-Juden, nachdem der junge messianische Leiter in der Heidelberger Universität eine Muslimin traf, die großes Interesse am Judentum gezeigt hatte.

Viel mehr erzählte er von seinem Leben und zu der großen Frage, mit der die Workshopteilnehmer (zumindest wir) gekommen waren: Wie lebt es sich als junger Jude in Deutschland? Wie ist die Spannung zwischen der postmodernen Lebenswelt der jungen deutschen Generation und den konservativen messianisch-jüdischen Sitten und Gebräuchen auszuhalten? Hat er nicht-jüdische Freunde oder bleiben auch junge messianische Juden der Einfachheit halber lieber unter sich?

Was stattdessen folgte, war ein Plädoyer für Israel und ein Aufruf an die Zuhörer, das Land vermehrt zu unterstützen – ob es wirklich das ist, was die bereits so israelfreundlichen Anwesenden ein weiteres Mal hören müssen?!

Zunächst legte der junge Mann also dar, wie unglaublich die gesamte Geschichte seines Volkes anmutet – vielleicht um zu unterstreichen, wie wenig verwunderlich es ist, dass heute die erwartete Erfüllung der Landesverheißung belächelt wird.

Der Referent erzählte die Geschichte eines jüdischen Jungen, dem in der Sonntagsschule die Geschichte vom Auszug aus Ägypten vermittelt wird. Als ihn seine Mutter fragt, was er denn gelernt habe, erzählt er ihr, wie das jüdische Volk aus der Sklaverei floh, die ägyptische Armee sie verfolgte, Moses irgendwann zu seinem Handy griff und die israelische Luftwaffe anrief, die die Ägypter postwendend bombardierte und so in die Flucht schlug. Als die Mutter erstaunt nachfragt, ob ihm das wirklich so gesagt wurde, erwidert der Junge: „Wenn ich dir erzählt hätte, was sie uns wirklich gesagt haben, würdest du es sowieso nicht glauben!“ Nun sei die gesamte jüdische Geschichte so „unglaublich“ verlaufen. Doch wenn wir an den biblischen Gott glauben, sollten wir dann kein Interesse an dieser seiner Geschichte haben? Damit sprach er einen wunden Punkt vieler christlicher Gemeinden an: Wenn wir schon per se keine besondere Affinität zu Israel besitzen, sollten wir dann nicht wenigstens in Erwägung ziehen, uns genauer mit der alttestamentlichen Geschichte zu beschäftigen, weil wir dadurch etwas über unseren Gott erfahren könnten?!

Es folgte eine Darstellung der medialen Verdrehung der Ereignisse in Nahost: So hätten Muslime – heimlich – vom Jerusalemer Tempelplatz viele archäologische Beweise für eine jüdische Existenz vernichtet, damit kein Anspruch auf diesen erhoben werden kann. Auch informierte der Referent über den vorgeschriebenen Ablauf der israelischen Kriegsberichterstattung: Wenn es auf der Seite Israels Verletzte gibt, habe sich das Land verpflichtet, vor jeder Meldung zunächst die Angehörigen persönlich zu informieren, damit diese nicht durch die Medien davon erfahren. Deshalb sitze Israel am kürzeren Hebel, weil von ihm zu beklagende Todesfälle und Verletzte viel zu spät an die Öffentlichkeit gelangen, wenn Zuschauer sich bereits ein Urteil gebildet haben. Ein bedenkenswerter Punkt, der weiter zu untersuchen wäre.

Immer wieder erlebt er zudem, wie Menschen in Deutschland Israel diskreditieren, z.B. indem zum Boykott der Besatzungsmacht Israel aufrufende Handzettel verteilt würden. Dabei habe Gott ihm gezeigt, dass solche Menschen verblendet seien, das Gespräch mit ihnen nutzlos, solange Jeschua sie nicht befreie. Das ist ein Satz, der auf der Konferenz häufig fällt: Man muss Jesus kennen lernen, um von der Bedeutung Israels überzeugt zu werden. Leider impliziert diese verabsolutierende Aussage zu schnell die gefährliche Aussage, dass Christen, denen das (politische) Israel kein Herzensanliegen ist, Jesus nicht kennen.

Zum Schluss und als Hauptteil folgten biblische Ausführungen, die an den Vortrag Uschomirskis anknüpften – leider fehlte weiterhin der Bezug zum Thema des Workshops. Der Referent betete, bevor er die Bibel, das heißt, das Alte Testament, aufschlug. Anhand von Genesis 16 (Hagar und Ismael) und Hiob 39,5-8 (die Unergründbarkeit Gottes) erläuterte er, dass die Nachkommenschaft Ismaels nicht nur auf die Beduinen, sondern auch auf die arabische Bevölkerung übertragbar sei. Weitere, auch außerbiblische Beweise nannte er dafür nicht. Der messianische Jude erinnerte diesbezüglich aber an Gottes Zusage, Ismael zu segnen und zu einem großen Volk zu machen. Wie bei der Beerdigung Abrahams seine beiden Söhne zusammenkommen (Genesis 25,9), werde dies auch der Fall sein, wenn Gott sich als Friedefürst offenbart und so die Nationen zusammenbringt: Kedar und Nebajot, zwei Nachkommen Ismaels, werden in Jesaja 60,7 konkret genannt. Noch werde Israel jedoch vom Teufel angegriffen, der es zu vernichten und Gottes Geschichte in eine andere Richtung zu lenken sucht – dies zeige laut dem Referenten auch die sich ausbreitende moralische Sünde im Land.

Kleingruppen im großen Saal

Kleingruppen im großen Saal

So soll sich jeder der Anwesenden von Jesus fragen lassen, wer sein Nächster sei. „Der Nächste“, so schließt er, „ist immer der in Not geratene. Kann es also sein, dass Israel unser Nächster ist?!“ Damit beendete er seinen Vortrag früher als geplant, damit die Teilnehmer noch in Kleingruppen für Israel beten können.

(jp)

Fotos: © privat

Israels biblische Grundlagen – Anatoli Uschomirski

 Jüdisch-messianische Israelkonferenz Berlin

16. November 2012

 

Anatoli Uschomirski strahlt Weisheit aus, als er lächelnd das Rednerpult betritt. Sein Vortrag ist einer der wichtigsten dieser Konferenz, weil grundlegend für die gesamte messianische Theologie. Er beginnt, wie man das so macht, mit zwei provokativen Zitaten der Gegenseite, die bei der vom Bethlehem Bible College veranstalteten „Christ at the Checkpoint“-Konferenz im März 2012 fielen. Diese scheint er aus Videoaufnahmen herausgefiltert, übersetzt und gekürzt zu haben.

„Der Begriff ,Ersatztheologie‘ ist korrekt, wenn wir darunter verstehen, dass Jesus, der Messias, den Alten Bund mit dem Königreich Israel durch den Neuen Bund mit dem Reich Gottes oder Himmelreich ersetzt hat. Ein noch besserer Begriff als ,Ersatztheologie‘ wäre ,Erfüllungstheorie‘.“

(Manfred Kohl)

„Vielleicht sollten wir ,genug jetzt‘ zu Evangelikalen sagen, die die Bibel benutzen, um politische Punkte zu erreichen, statt einen Gott verherrlichenden Frieden. Mit einem Wort, christliches Denken hebt alle klassischen Identitätskategorien auf. Gemäß der Schrift schließt Abrahams Familie all diejenigen ein, die seinen Glauben teilen, die an Christus glauben, und dies beinhaltet auch die palästinensische Kirche hier in Israel, Palästina. Kurz gesagt, Christen sind Kinder Abrahams.

Ich glaube, ich bin hochgradig müde, zutiefst müde, christliche Geschwister aus meiner evangelikalen Familie zu treffen (…), die alle ihren Lieblingsvers aus Genesis 12 oder Römer 11 benutzen wollen, um ihre Interesse voranzubringen. Sie sagen: „Wegen dem, was ich bin oder dem, was sie [die Juden] sind, fordere ich, dass sie in diesem Land Privilegien bekommen.“ Ich hungere nach den tieferen Tugenden des christlichen Glaubens. Ich hungere danach, Evangelikale zu treffen, die in dieses Land kommen und Barmherzigkeit üben. Und Großzügigkeit. Und Vergebung. Und Demut.

In dieser ganzen Debatte über religiöse Volkszugehörigkeit und Privilegien, die im Nahen Osten wohlbekannt ist, ziehe ich es vor, Jesu Richtlinien zu folgen: ,Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden die Erde besitzen‘ (Mt 5,5).“

(Dr. Gary Burge, Wheaton College)

Während Uschomirski die Zitate vorliest, sind lautstarke Aufschreie des Entsetzens und des Unverständnisses aus dem Publikum zu hören. Vielleicht auch deshalb, weil die verkürzte Wiedergabe des Burge-Zitats es polemischer klingen ließ als es im Wortlaut erscheint. Es wurde wie folgt verlesen: „Es reicht allmählich mit diesen Evangelikalen, die die Bibel benutzen, um politische Punkte zu sammeln (mit Israel). Ich bin es leid, Christen zu treffen, die diesen oder jenen Vers benutzen, um für ihre Agenda zu weben und die behaupten, dass die Juden aufgrund dessen, wer sie sind, auf irgendetwas in diesem Land Anspruch hätten.“

Dr. Gary Burge

Dr. Gary Burge

Übersetzung hin oder her, dem Inhalt tut dies in der Tat keinen Abbruch. So war die Kernaussage von Dr. Burges Vortrag, wie der Videoaufnahme zu entnehmen ist, dass alle Gläubigen Kinder Abrahams sind und somit Erben der Verheißung, die Welt zu besitzen – und damit die Verheißung an die Juden, nur ein Land zu besitzen, nichtig geworden sei. Er bezieht sich auf Röm 4,13: „Denn die Verheißung, dass er der Erbe der Welt sein solle, ist Abraham oder seinen Nachkommen nicht zuteil geworden durchs Gesetz, sondern durch die Gerechtigkeit des Glaubens.“

Es ist in jedem Fall empfehlenswert, sich die – mal mehr, mal weniger bedenklichen – Vorträge der viel kritisierten „Christ at the Checkpoint“-Konferenz einmal zu Gemüte zu führen, um sich ein Urteil zu bilden. (Hier sind die Beträge von Kohl und Burge in ihrer Gesamtlänge zu sehen. Aufschlussreich sind auch die Schlüsselzitate der Tagung.)

Mit diesem Start macht Anatoli Uschomirski das Ziel seines Vortrages deutlich: Eine solche Ersatztheologie will er widerlegen und zeigen, dass Israel bis heute biblische Grundlagen hat. Diese seien nicht „mystischer oder emotionaler Natur, sondern haben prophetisch-juristischen Charakter“. Und wenn er „Israel“ sagt, meint der messianische Jude stets Volk und Land, die für ihn untrennbar zusammenhängen. Er beginnt direkt nach der Lesung der Zitate mit dem für viele der hiesigen Redner aussagekräftigsten Argument: „Die Juden wurden Gottes Volk und werden es immer sein – weil es Gott gesagt hat.“ Applaus. Weil die Erwählung Israels Gottes freie Entscheidung war und Gott seine Entscheidungen nicht gereuen, müsse dies bis heute so sein.

Diese göttlichen Entscheidungen finden sich nun in der Heiligen Schrift. Deshalb gleicht die Berufung auf eben diese für die meisten Konferenzredner teilweise einem Totschlagargument. Doch weil sich auch ihre Gegener auf die Bibel beziehen und mitunter ein- und diesselbe Bibelstelle sehr unterschiedlich ausgelegt wird, ist es schade, dass niemand die den Thesen zugrunde liegenden hermeneutischen Prämissen erläutert. Stattdessen wird immer wieder betont, dass man dann bibeltreu sei, wenn man die Schlüsselstellen möglichst wörtlich nehme. So beruhigt Uschomirski sein Publikum: „Alle diese Aussagen [von Kohl, Burge u.ä.] sind bedeutungslos im Licht der folgenden Aussagen der allmächtigen Schrift“, und zählt dann Levitikus 25,23, Jesaja 14,25, Jeremia 2,7 und Hesekiel 38,16 auf, wo Gott Israel „mein Land“ nennt. Den göttlichen Anspruch auf das Land würden aber – im Gegensatz zum jüdischen – hoffentlich nur wenige Christen bezweifeln.

Anatoli Uschomirski während seines Vortrages

Anatoli Uschomirski während seines Vortrages

Es folgt eine ausführliche Darlegung der alttestamentlichen Bundesschlüsse, die für Uschomirski bis heute gelten. Zunächst der Abrahambund, dessen Grundlage in der Berufung Abrahams und der an ihn gerichteten Verheißung aus Gen 12,1-3 liegt. Ein Schlüsselvers ist für den messianischen Leiter Vers 7: „Deinen Nachkommen will ich dies Land geben.“ „Wenn das keine biblische Grundlage für Israel ist, was soll diese Aussage noch bedeuten?“ Nach der Lektüre von Genesis 17,2-8 formuliert Uschomirski ähnlich: „Eigentlich braucht man nichts mehr, es ist so klar und einfach. Wenn Gott es einmal gesagt hat, welche anderen Grundlagen braucht man noch?“

Was man brauchen könnte, wäre eine Erklärung, die auch das Neue Testament mit einbezieht. Doch leider geht der Redner zu kurz auf die Frage ein, inwiefern die oben genannten Verheißungen im Neuen Bund geistlich zu deuten sind. Sein Argument: Dualismus sei nicht biblisch, man könne das Geistliche nicht vom Materiellen trennen – im Gegenteil finde jede geistliche Handlung ihren Ausdruck im materiellen Bereich, so die Beschneidung und auch das Gelobte Land. Leider erläutert Uschomirski diese These nicht näher. Christen seien mit einem Dualismus aufgewachsen, der dem jüdischen Denken nicht entspreche. Allerdings findet sich das, was der messianische Jude „Dualismus“ nennt, nämlich die Betonung der geistlichen Dimension, des Öfteren im Neuen Testament, welches interessanterweise aus jüdischer Feder stammt.

Anatoli Uschomirski zitiert weiter. Anhand von Deuteronomium 6,17-19 macht er deutlich, dass das Land eine der ersten Prioritäten jedes Christen sein sollte und fragt seine Zuhörer: „Könnt ihr dazu ,Amen‘ sagen?“ Darum muss er nicht lange bitten. Doch gerade hier wäre es interessant gewesen zu hören, wie er und seine Kollegen gegenüber Ersatztheologen argumentieren würden, für die die Landesverheißung im Neuen Bund keine materielle Gültigkeit mehr hat. Es bleibt nur bei der bereits genannten Begründung: Es handele sich um einen ewigen Bund (Psalm 105,7-11), der durch Israels Ungehorsam niemals aufgehoben werden könne. Immer wieder formuliert Uschomirski Fragen wie „Würden sie so einem gott, mit kleinem Buchstaben geschrieben, glauben, der von heute auf morgen seine Meinung geändert hat?“

Für den messianischen Juden ist Ersatztheologie die Überzeugung, dass Gott sein Volk wegen dessen Untreue verworfen hat, was für ihn „eine reine Lüge“ ist – für das emotional involvierte Publikum ebenso. Was der Fairness halber an dieser Stelle hätte erwähnt werden können, ist die Position moderaterer Ersatztheologen, die nicht postulieren, dass Gott seine Verheißungen wegen Israels Schuld aufgehoben hat und von denen einige mit Stellen wie Römer 11,28-29 Israel immerhin noch einen reellen Platz in der Heilsgeschichte einräumen. Auch wird nie ganz klar gesagt, was man denn nun jemandem erwidern soll, der betont, dass Gott die Verheißungen des Alten Bundes – wie schon immer geplant – durch seinen Messias erfüllt hat und noch erfüllen wird. Wie würde ein messianischer Jude wie Uschomirski beispielsweise auf die folgende Gegenüberstellung von Manfred Kohl (aus dessen oben genanntem Vortrag, er zitiert Alex Awad) reagieren und wie würde er seinerseits die Errungenschaften des Neuen Bundes deuten?

„Im Alten Bund hatten wir Israel, das im Neuen Bund zu allen Gläubigen wird. Im Alten Bund hatten wir das verheißene Land, das im Neuen Bund das Reich Gottes ist. Im Alten Bund hatten wir die Stadt Jerusalem, im Neuen Bund das himmlische Jerusalem. Im Alten Bund hatten wir den Tempelberg, im Neuen Bund die Herzen der Gläubigen. Im Alten Bund hatten wir die aaronitische Priesterschaft und die Leviten, im Neuen Bund haben wir Christus und die Gläubigen. Im Alten Bund hatten wir Tieropfer, im Neuen Bund haben wir Jesus am Kreuz.“

Zum Neuen Testament und der wichtigen Frage, warum Jesus selbst so wenig über die materielle Wiederherstellung Israels spricht, zitiert der messianische Jude Matthäus 5,17: „Denkt nicht, dass ich gekommen bin, um das Gesetz abzuschaffen“, und postuliert: „Jeschua betrachtet die Wiederherstellung des Reiches nicht als überholt oder erledigt.“ Im Gegenteil, er erwähne „die Rückführung und Wiederherstellung des Reiches explizit.“ Als Beleg nennt er Apostelgeschichte 1,6-7, wo Jesus auf die Frage, wann diese geschehe, erwidert: „Es gebührt euch nicht, Zeit oder Stunde zu wissen“ und dann auf den Empfang des Heiligen Geistes hinweist. Sehr aussagekräftig ist gerade dieser Vers leider nicht.

Blick auf den Konferenzsaal während Uschomirskis Vortrag

Blick auf den Konferenzsaal während Uschomirskis Vortrag

Positiv hervorzuheben ist bei Uschomirski die Betonung, dass das Land Israel dem Volk nicht zum Selbstzweck gegeben wurde: „Gott hat nichts für Israel getan, was nicht die Errettung aller Menschen zum Ziel hatte.“

Es folgt nun eine kurze Darstellung des Sinaibundes: Dieser sei im Gegensatz zum abrahamitischen Bund zweiseitig und an Bedingungen geknüpft, die Israel bejahen musste. Es geht um Segen und Fluch, die vom Thoragehorsam abhängig sind (vgl. Deuteronomium 11,26-28 sowie Kapitel 28 und 30). In diesem Bund ist dem messianischen Leiter zufolge schon angekündigt, was in Römer 11,26-27 wiederholt wird, nämlich die geistliche Wiederherstellung Israels nach deren Rückführung in das Land (Deuteronomium 30,1-8). Andere beziehen diese alttestamentlichen Prophezeiung auf die Rückkehr aus dem babylonischen Exil.

Als letztes behandelt Uschomirski den davidischen Bund. Er präsentiert keine systematische Abhandlung, sondern reiht verschiedene Israel betreffende Aussagen aneinander. Israel wird ein König verheißen, und während das erste Kommen des Messias das Problem der Sünde beseitigen sollte, werde dieser bei seinem zweiten Kommen im tausendjährigen Reich als gerechter König regieren. Auch hier ist es wieder schade, dass keine abweichenden eschatologischen Meinungen erwähnt werden, was dem Publikum in der Auseinandersetzung mit Mitchristen sicher helfen würde.

Im Bund mit David schließlich werde das Realität, was im Sinaibund angekündigt wurde: Gott schickt Gericht und er – nicht der Teufel – benutzt die Feinde, um Israel zurechtzuweisen. Dabei sieht Uschomirski 722 v. Chr. (das assyrische Exil), 586 v. Chr. (das babylonische Exil) und auch 70 n. Chr. (die Zerstörung Jerusalems) als göttliche Strafen an. Das sei das Geheimnis des Landes, was sich im Laufe der Geschichte oft wiederholte: Wenn das jüdische Volk Gott nicht dient, kann und wird Gott es „hinauswerfen“. Doch seine Treue stehe über Israels Untreue und auch wenn es lange schien, als ob die Juden ihr Land nicht mehr besitzen würden – das Blatt der Geschichte wendete sich. Mit diesen Worten zeigt Uschomirski das Video der Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel und kommentiert begeistert: „Sind diese Aufnahmen nicht genial?!“

Ein Bund fehlt in Uschomirskis Darstellung: der Neue. Zwar erwähnt er zwischendurch, dass dieser durch Jeschua in Kraft gesetzt wurde, aber mehr als dass Israel physisch und geistlich wiederhergestellt wird (Jeremia 31,31f. und Hesekiel 36,26-28) erläutert er zu diesem nicht.

Nun kommt der Schwenker in die Gegenwart: Die heutige jüdisch-messianische Israelkonferenz sei die „Fortsetzung dessen, was Gott in seiner Geschichte mit seinem Volk tut. Wir gehören zu den Zeitzeugen, wir müssen uns bewusst werden, in welcher Zeit wir leben.“ Das heißt für Uschomirski konkret: „Der erste und entscheidende Auftrag der Christen ist es, Israel zu segnen und sie dadurch zur Eifersucht zu reizen.“ Offen bleibt die Frage, welche Bedeutung in dem Rahmen dem Missionsbefehl zukommt. Auch inwiefern die Ambition des Paulus, seine jüdischen Stammesverwandten zur Eifersucht zu reizen (Römer 11,14), als Aufforderung an alle Christen verstanden werden kann, müsste noch ein wenig erklärt werden.

Anatoli Uschomirski fasst zusammen: 1. Die biblischen Grundlagen Israels beruhen auf den Bündnissen. Sie wurden bestätigt durch die Propheten, beglaubigt durch Jeschua und werden im tausendjährigen Reich vollständig erfüllt werden. 2. Das jüdische Volk von heute und das biblische Israel stehen in einer ungebrochenen Identitätslinie. 3. Der Bund Gottes mit Abraham ist unauflösbar und gilt bis heute in allen Komponenten, weil er einseitig geschlossen wurde und nicht von Menschen abhängig ist. 4. Die Verheißung des Landes Israel für das Volk Israel ist ungebrochen.

„Amen“-Rufe erschallen aus dem Publikum, auch als der charismatische Redner sein Fazit formuliert, für welches er keine Begründung mehr benötigt: „Der Schlüssel zur Erweckung der nichtjüdischen Völkerwelt liegt nach wie vor und auch in der Zukunft in Israel – und in unserer Beziehung zu diesem Volk und Land!“

Wer sich für die Biographie von Uschomirski interessiert, kann diese hier nachlesen:

http://kolhesed.de/anatoli_uschomirski.html

(jp)

 

Interview mit Anatoli Uschomirski

 

Lieber Herr Uschomirski,

in Ihrem Vortrag erwähnten Sie die „Christ at the Checkpoint“-Konferenz, die vom 5.-9. März in Bethlehem stattfand. Hätten Sie diese besucht, wenn messianische Juden dort willkommen gewesen wären?

Ich würde diese Konferenz nicht besuchen, weil ich von Anfang an die Einstellung, die Ziele und die Theologie von den Leuten kenne, die die Konferenz veranstalteten.

Sind Sie mit Theologen, die die Ersatztheologie vertreten, in Kontakt bzw. im Gespräch?

Nicht offiziell. Aber immer wieder, im Zusammenhang mit meinen Vorträgen in den Kirchen und Gemeinden.

Was halten Sie von moderaten Vertretern der oben genannten Theologie, die davon ausgehen, dass die aus Juden und Christen bestehende Kirche das wahre Israel ist, das Israel „nach dem Fleisch“ (Röm 9,8) aber weiterhin eine Rolle in Gottes Heilsplan zukommt?

Die Sache ist die: Ich glaube nicht, dass Gott zwei auserwählte Völker, sprich Israel und die Gemeinde hat. Israel, sowohl das geistliche als auch das Israel „im Fleisch“, bleibt Gottes erwähltes Volk. Die Perspektive für das „Israel im Fleisch“ ist folgende: Sie müssen durch den Geist Gottes (aber auch durch das Zeugnis von messianischen Juden und Christen) aufgeweckt und in ihren eigenen Ölbaum wieder eingepfropft werden. Die Perspektive für die Christen: Sie gehören auch zum Volk Gottes, als Nachfolger Jesu aus den Nationen. Die zwei Größen (Israel und die Christen) begegnen sich aber nicht auf neutralem Boden. Die Christen aus den Nationen wurden zum Volk Israel hinzugetan. Das heißt, sie müssen die hebräisch-jüdische Wurzel ihres Glaubens anerkennen und schätzen lernen.

Sie sagten, Gott habe nichts für Israel getan, was nicht die Errettung aller Menschen zum Ziel hatte. War Israel also nur Mittel zum Zweck?

Der Zweck der Heilsgeschichte ist die Errettung aller Menschen. Wenn Gott mich dazu benutzt, um einen Menschen aus seinen Problemen zu retten, ist das in erster Linie ein Privileg für mich. Ich fühle mich geehrt. Jeder Prophet, den Gott als sein Sprachrohr benutzte, hat es zwar nicht leicht gehabt, aber hat auch die eigene Mission wahrgenommen.

Wie sind Aussagen wie Sacharja 2,15 und 1. Petrus 2,10 einzuordnen, wo (an Jeschua glaubende) Heiden als „Gottes Volk“ bezeichnet werden?

Ich bin nach wie vor der Meinung, das Volk Gottes ist Israel und alle, die an den Gott Israels glauben und zum Volk Israel hinzugetan wurden. Zum Beispiel sind mit den Israeliten aus Ägypten auch sehr viele andere Menschen geflohen. Viele von denen wurden später zu Israeliten. Der Bund war entscheidend und nicht die Volkszugehörigkeit. Im Neuen Bund gibt es diesselben Regeln. Die Bundesbeziehung macht einem Menschen zum Volk zugehörig.

Und diese Bundesbeziehung ist Ihres Erachtens nach Römer 4 (Abrahams Gerechtigkeit durch Glauben) mit dem Glauben gleichzusetzen?

Ja, das Mittel ist nach wie vor der Glaube. Ich würde gerne einen Israeliten zur Zeit von Mose sehen, der behaupten würde: “Ich glaube nicht an den Gott Israels, aber ich gehöre zum Volk.” Das hieße, er betet Götzen an. Nach dem Talmud ist das eine der Sünden, wofür Menschen aus dem Volk ausgerottet werden sollten.

Was denken Sie, ist Gottes Anforderung an Israel, damit die Landesverheißung sich erfüllt? Gilt diese Anforderung jedem einzelnen Juden auf der Welt oder nur den politischen Repräsentanten des Volkes?

Alle Verheißungen, einschließlich der Landverheißung, gipfeln in Jesus. Das heißt, der Glaube an Jesus ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, um das Land zu besitzen. Wenn nur die Politiker glauben, ist das Ziel immer noch nicht erreicht. Wobei ich denke, als Repräsentanten des Volkes spielen sie eine wichtige Rolle in diesem Prozess.

Was meint Jeschua, wenn er sagt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (Johahnnes 18,36)?

Kontext, Kontext, Kontext! Pilatus will eine politische Antwort. Jesus aber gibt ihm eine geistliche, um Rom nicht zu provozieren. Seine Antwort spricht aber nicht gegen das irdische Reich. Das Reich Israel ist ein materieller Ausdruck der inneren, geistlichen Reife des Volkes. Deuteronomium 28,13 ist das Ziel. Darauf zielt auch die Frage der Jünger in Apostelgeschichte 1,6, was Jesus nicht verurteilt, nur lediglich nicht für zeitgemäß erklärt.

Ist es Ihrer Meinung nach der erste Auftrag der Christen, das Evangelium weiterzusagen oder Israel zu segnen?

Das Eine widerspricht dem Anderen nicht.

Glauben Sie, dass israelfreundliche Christen und messianische Juden in der Gefahr stehen könnten, das Alte Testament zulasten des Neuen überzubetonen und die Bibel eher aus politischer Perspektive zu lesen statt auf ihre persönliches Leben (Heiligung) anzuwenden?

Nein! Diese Gefahr sehe ich nicht. Seit 2000 Jahren wurde die Bedeutung des sogenannten “Alten Testaments” heruntergespielt. Man braucht nicht weniger als noch 2000 Jahre, um in eine solche Gefahrenzone zu kommen!

Weil den Juden das Gesetz anvertraut wurde und Kultur und Sprache der Bibel ihnen besonders vertraut sind, könnten viele Christen sicherlich von einer jüdisch-messianischen Auslegung der Schrift lernen. Wäre es denkbar, dass messianische Juden – z.B. im Rahmen einer Konferenz wie dieser – auch andere Themen (z.B. ethisch-apologetischer Art) vermehrt behandeln und so die christliche Theologie mit voranbringen?

Warum nicht? Aber für solche Themen brauchen wir ein entsprechendes Publikum. Die Lehrer und die Zuhörer sollen in der Lage sein, gemeinsam Theologie z treiben und voneinander zu lernen. Das ist schon ein gewisser Wachstum von einem Israelfan zu einem echten Talmid Jeschua (Jünger von Jesus).

Vielen herzlichen Dank für das Interview!

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Deutsch-israelische Beziehungen – Horst Stresow

 Jüdisch-messianische Israelkonferenz Berlin

15. November 2012

 

In seiner Vorstellung bezeichnet Wladimir Pikman ihn als „einen der ersten Nicht-Juden, den man nicht mehr von einem Juden unterscheiden kann“: Horst Stresow, geboren 1928 in Pommern, hat als kleiner Junge den Nationalsozialismus miterlebt und die Synagogen brennen sehen, und wenn er heute eine Kippa trägt, spürt man ihm ab, dass er es ernst meint. Seit 1996 ist der heute 84-Jährige bei Beit Sar Shalom aktiv und hat als Deutscher ein großes Anliegen für Israel und die deutsch-israelischen Beziehungen, die Thema seines Vortrages sind.

Die Kardinalfrage, so beginnt Stresow, die Deutschland sich aufgrund seiner Vergangenheit stellen müsse, sei die folgende: Hat sich seine Beziehung zu Israel grundlegend verändert? Denn schlussendlich ginge es mit Genesis 12,3 („Ich will segnen, die dich segnen“) dabei um das Wohl unserer eigenen Nation. Deshalb wünscht sich Stresow, diese Israelkonferenz würde mit der Überschrift „Land, Land, höre des Herrn Wort“ in die ganze Republik ausgestrahlt. Er gliedert seinen Vortrag in vier Punkte, wovon er dem ersten die meiste Zeit widmet.

1. Der historische Werdegang Deutschlands nach dem 2. Weltkrieg

Stresow zufolge prägt der Holocaust bis heute die komplizierte und vielschichtige Beziehung zwischen Deutschland und Israel – mit dem israelischen Schriftsteller Amos Oz betont er, dass ein „normales“ Verhältnis beider Staaten immer unangemessen bleiben werde. Anschließend skizziert der „nicht-jüdische Jude“ die Geschichte dieser Beziehung:

Das erste Treffen nach dem 2. Weltkrieg fand im März 1960 in New York statt – es ist der erste Schritt eines langen Weges der materiellen und finanziellen Unterstützung, den David Ben Gurion und Konrad Adenauer gemeinsam betreten. Bereits 1952 hatte Adenauer ein Wiedergutmachungsabkommen (das so genannte „Luxemburger Abkommen“) über 3,85 Milliarden DM mit Israel geschlossen. Proteste gegen diese Annäherung gab es auf beiden Seiten sowie die Frage, ob eine Wiedergutmachung durch Geld überhaupt notwendig sei. Im Mai 1965 werden die diplomatischen Beziehungen beider Länder schließlich offiziell aufgenommen und Botschafter entsandt: Rolf Friedemann Pauls nach Jerusalem und Asher Ben Natan nach Bonn.

Daraus entstanden rege Kontakte bis heute, von denen Stresow besonders die Bedeutung von Patenschaften und Schüleraustausch hervorhebt, denn „nichts verbindet mehr als das persönliche Kennenlernen von Land, Kultur und Menschen“. Inzwischen hätten Deutsche mehr Kontakte mit Israel als mit jedem anderen Land auf der Welt – eine ermutigende These, für welche einige Belege wünschenswert gewesen wären.

Horst Stresow führt weiter aus, dass diese Länderpartnerschaft sich auf die Bereiche Kunst und Kultur ausstreckt – hier erwähnt er die zentrale Bedeutung Berlins, z. B. durch sein jüdisches Museum und die Berlinale, bei der 2008 sechs israelische Filme ausgezeichnet wurden, sowie die wertvolle Arbeit der Bundeszentrale für politische Bildung -, auf Wissenschaft und Forschung sowie den Handel – sei doch Deutschland nach den USA Israels wichtigster Partner, was man an den zahlreichen dort hergestellten technischen Produkte sehen könne.

Die immer besser werdende Beziehung erklärt Stresow nun sowohl mit der Geschichte, als auch mit der engen Verbindung zwischen Judentum und Christentum sowie den europäischen Wurzeln des Zionismus (dazu mehr bei Jurek Schulz) – wobei dem hinzuzufügen ist, dass nur das erstgenannte Element in besonderer Weise auf Deutschland zutrifft.

2. Die deutsch-israelische Beziehung aus israelischer Sicht

„Nur wenn Deutsche und Israelis begreifen, dass ein wichtiger Teil ihrer so wichtigen Identitäten in jenen zwölf Jahren der Nazi-Zeit gegründet sind, gibt es Hoffnung auf gesunde Normalität in den Beziehungen“, so äußerte sich ein Israeli gegenüber Stresow im Jahre 2005. Leider bleibt offen, was genau damit gemeint ist und ob (siehe das oben genannte Zitat von Oz) von Normalität die Rede sein kann, wenn man gleichzeitig aufgefordert ist, sich die historische Tragödie der Shoa stets vor Augen zu halten. Ein anderer Jude beschrieb dem 84-jährigen Deutschen gegenüber das deutsch-israelische Verhältnis als „belastet, aber belastbar“ – kurz und treffend.

Mit Ezer Weizmann, dem israelischen Präsidenten von 1993 bis 2000, wundert sich Horst Stresow über die unbegreifliche Tatsache, dass Juden nach dem Holocaust immer noch in Deutschland wohnen wollen. Seien doch „Nazismus“ und „Shoa“ bis heute die ersten Wörter, an die Israelis denken, wenn von Deutschland die Rede ist – egal, ob sie persönlich betroffen sind oder nicht. Sicherlich, das könnte man ergänzend hinzufügen, ginge dies vielen Deutschen ähnlich, wenn sie das Wort „Jude“ hören. Wobei zu fragen ist, ob heute Deutsche mit Israel nicht auch schnell den Nahostkonflikt verbinden und so die Gegenwart die Vergangenheit langsam mit ihrer Relevanz verdrängt. Es ist dementsprechend für die nahe Zukunft zu hoffen, dass Israelis auch die deutsche – immer noch grundsätzlich pro-israelische – Rolle im nahöstlichen Friedensprozess als für Deutschland kennzeichnend erleben.

Auch wenn es in Israel immer noch junge wie alte „Totalverweigerer“ gebe, sei der Umgang mit Deutschland heute – ungeachtet der oben genannten Assoziationen – doch relativ entspannt und von Offenheit und Herzlichkeit geprägt, so Stresow weiter.

3. Die religiöse Situation

Vermutlich wegen zeitbedingter Kürzungen erwähnt Stresow zu der religiösen Situation (Israels? Deutschlands? Der israelisch-deutschen Beziehungen? Sein Titel wird nicht weiter erläutert) nur, dass viele christliche Werke Israel durch die Vermittlung von Freundschaften, Reisen, materielle Hilfen uvm. Unterstützung leisten, und listet exemplarisch die bei der Israelkonferenz anwesenden Organisationen auf, darunter due Sächsischen Israelfreunde, der Evangeliumsdienst für Israel, die Brücke Berlin-Jerusalem, die Arbeitsgemeinschaft für das messianische Zeugnis an Israel und die Internationale Christliche Botschaft Jerusalem.

4. Persönliche Bemerkungen

Zuletzt gibt Stresow einen Einblick in seine Perspektive auf das deutsch-israelische Verhältnis, hebt aber besondere die deutsche Lage im Hinblick auf den Antisemitismus hervor: „Ist der Judenhass aus unserem Land verschwunden? Das muss leider verneint werden.“ Als Beispiel erzählt er, wie antisemitische Aussagen in einem deutschen Fliegerclub zum Alltag gehören und wie eine ihm bekannte messianische Familie durch Mobbing, Einbrüche und antisemitische Parolen aus dem Land geekelt werde. Es sei ein Wunder, „dass Gott uns wieder mit so vielen Juden segnet“ und wir müssten uns unserer diesbezüglichen Verantwortung bewusst werden.

Horst Stresow berichtet zum Schluss von der ersten Taufe messianischer Juden im Jahre 1996 in einer Berliner Baptistengemeinde: Für ihn war dies ein historisches Ereignis, der Beginn einer Erweckung unter deutschen Juden. Und die heutige Konferenz zeige, dass Gott Akzente setzt – damit bringt er zum Ausdruck, dass für ihn das jüdische Volk Grundlage wie Maßstab für Gottes Handeln ist. Es sei ein „Licht, das auf dem Berge steht und nicht verborgen kann“ – mit dieser nicht ganz nachvollziehbaren Allegorie aus Mt 5,14 beendet Stresow seinen Vortrag, der den Zuhörern Grund zur Freude, aber auch Grund zur Besorgnis gab.

Einen ausführlichen und informativen Artikel zu den deutsch-israelischen Beziehungen finden Sie bei der Bundeszentrale für politische Bildung: http://www.bpb.de/izpb/25044/40-jahre-deutsch-israelische-beziehungen?p=all

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