ESC 2019 in Tel Aviv – Boykott statt Kunst?

Vom 14.-18. Mai soll in Tel Aviv der 64. Eurovision Song Contest stattfinden, den viele noch unter der bis 2001 gängigen Bezeichnung „Grand Prix“ kennen. Ort der Austragung ist dabei immer das Siegerland des Vorjahres. Das mag verwundern, insofern Israel geografisch nicht zu Europa gehört. Allerdings dürfen alle Länder teilnehmen, die Mitglied der European Broadcasting Union sind, einem Zusammenschluss öffentlich-rechtlicher Rundfunkunionen. Da es für die Mitgliedschaft keine geografischen Richtlinien gibt, können Israel und beispielsweise auch Russland und Australien am ESC teilnehmen.

Der ESC – dieses Jahr in Tel Aviv

Dieses Jahr trägt der ESC allerdings nicht nur zur Horizonterweiterung und Unterhaltung seiner Zuschauer und Fans bei.  Denn die weltweit organisierte BDS-Bewegung macht seit Monaten darauf aufmerksam, dass Israel ihrer Ansicht nach nicht als Ausrichtungsort taugt. Israel, so heißt es beispielweise in einem offenen Brief, den die schwedische Zeitung „Aftonbladet“ vor wenigen Tagen veröffentlichte, nutze seine Rolle als Gastgeber aus, um die eigenen Verbrechen zu vertuschen. Aus Solidarität mit den Palästinensern, die laut der Bewegung permanent durch den Staat Israel in ihren Menschenrechten verletzt oder dieser gar beraubt werden, solle der Contest nicht öffentlich übertragen werden. Besser noch, kein Künstler ginge hin. In Island, Frankreich und Irland gab es bereits diverse Aktionen, um dieses Ziel durchzusetzen.

So fordert die BDS-Bewegung mal wieder, künstlerische Freiheit zugunsten ihrer politischen Interessen zu beschränken. Notfalls mit viel Nachdruck.

Nicht alle geben nach: Via facebook reagierte der Frankfurter Bürgermeister Uwe Becker auf einen offenen Brief, den Boykotteure Ende Januar im Guardian veröffentlichten. Becker kritisiert darin mit deutlichen Worten die Doppelmoral der BDS-Bewegung: „They (Anm.: die Boykotteure) write: ‚Until Palestinians can enjoy freedom, justice and equal rights, there should be no business-as-usual with the state that is denying them their basic rights.‘ Well ‚artists from Europe and beyond‘ where in the whole region you are talking about can we see ‚freedom, justice and equal rights‘? Where are those basic human rights constitutional guaranteed? Right, in Israel.[1]

Zudem: „…as long as you support the boycott of Israel, you are not welcome in our city of Frankfurt!

Die Stadt Frankfurt setzt sich gegen Antisemitismus ein

Becker stellt sich schon seit Jahren offen gegen Antisemitismus. So arbeitet die Stadt Frankfurt nicht mit Banken zusammen, die der BDS-Bewegung nahe stehen oder diese unterstützen. Außerdem werden keine Räumlichkeiten mehr an BDS-Aktionisten vermietet. Als der Bürgermeister Ende Februar in Tel Aviv ein Bündnis gegen Antisemitismus mitgründete, umfasste dies betont auch das Vorgehen gegen die BDS-Bewegung. Denn zum Einsatz gegen Antisemitismus gehört für Becker ganz klar die Solidarität mit dem Staat Israel.

A.Edler

[1] Den vollständigen Post finden Sie unter https://www.facebook.com/uwe.becker.545/posts/10218256177623682

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu veröffentlichte am 15. Juli 2016 über die Videoplattform youtube.com eine zweiminütige englischsprachige Botschaft an den palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas. Darin spricht er sich für eine friedliche Koexistenz von Israelis und Palästinensern aus und fordert fünf Friedensmaßnahmen von Abbas.

Der erste Satz im Video formuliert sogleich die erste, wenn auch höfliche, Schuldzuweisung an den palästinensischen Politiker. Abbas habe sich in den letzten Jahren immer geweigert, sich mit Netanjahu zu treffen und über den Frieden zu reden – deshalb sei nun diese Videobotschaft nötig.

Dann fährt Netanjahu ohne Umschweife mit seinen fünf Forderungen fort. Sein erster Aufruf gilt der Entlassung von Abbas’ Berater Sultan Abu Al-Einein. Dieser hatte kürzlich in einer öffentlichen Stellungnahme dazu aufgerufen, alle Israelis zu töten – Netanjahu stellt eine direkte Verbindung zu der drei Tage später begangenen Mordtat eines palästinensischen Terroristen an dem israelischen Mädchen Hallel Yaffa Ariel her. „Sie war ein kleines unschuldiges Mädchen. Sie hat das nicht verdient“, sagt Netanjahu mit ernster, ruhiger Stimme. Er fordert Abbas unmissverständlich auf, seinen Berater zu entlassen, denn „zum Genozid zu raten, verträgt sich nicht mit Frieden.“

Mahmud Abbas, Empfänger der Videobotschaft

Mahmud Abbas, Empfänger der Videobotschaft

Die zweite Forderung betrifft die Verehrung von Terroristen durch offizielle Parteimedien der PLO. Netanjahu bittet Abbas, dies zu unterbinden: „Leicht beeinflussbare Kinder lesen diese Beiträge. Statt Hass sollte ihnen Harmonie beigebracht werden. Solche Worte verletzen ernsthaft die Chancen auf Frieden.“

Netanjahus dritter Aufruf an Abbas richtet sich gegen die geplante Errichtung einer Ehrenstatue für den Terroristen Abu Sukar, den die Palästinensische Autonomiebehörde als Nationalhelden verehrt. Netanjahu rät Abbas, lieber eine Statue für einen Verfechter der Koexistenz von Israelis und Palästinensern aufzustellen: „Das wird künftigen Generationen helfen, Frieden mehr als Krieg zu lieben, Mitgefühl mehr als Hass.“ Dabei argumentiert Netanjahu durchaus auch auf realpolitischer Ebene: „Es wird außerdem dabei helfen, Israelis zu überzeugen, dass sie einen wirklichen Partner für den Frieden haben.“ Nur indirekt, aber dennoch deutlich genug, wird damit hervorgehoben: Im Moment kann Israel diese Gewissheit nicht haben.

Die vierte Forderung betrifft die Geldzahlungen der PLO an Terroristen. Momentan zahlt Abbas’ Partei monatlich eine Art „Gehalt“ an jeden Palästinenser, der Juden getötet hat. Netanjahu ruft dazu auf, das zu unterlassen: „Benutzen Sie das Geld stattdessen dazu, Koexistenz-Erziehung zu finanzieren! Lehren Sie Toleranz, nicht Terror!“

Netanjahus fünfter und letzter Punkt ist kurz und bündig: „Fünftens: Jedes israelische und palästinensische Kind verdient ein Leben voll Hoffnung, Ruhe und Chancen. Ich werde damit fortfahren, unermüdlich für Frieden zu arbeiten. Es ist Zeit, dass Sie dieser Bestrebung beitreten.“ Damit endet die Videobotschaft unvermittelt. Kein Grußwort, kein Lächeln: Netanjahu ist es ernst.

Die Chancen, dass Abbas den Forderungen des israelischen Ministerpräsidenten nachkommen könnte, sind sicherlich gering. Weit wahrscheinlicher ist, dass Netanjahus Videobotschaft einen anderen Effekt erzielt: die Welt auf die palästinensische Terrorfinanzierung und den unerbittlichen Judenhass selbst offizieller PA-Organe aufmerksam zu machen.

Wird es jemals Frieden in Jerusalem geben?

Wird es jemals Frieden in Jerusalem geben?

Die Videobotschaft „Fünf Schritte zum Frieden“ ist ein klares Statement Netanjahus, der sich selbst als Verfechter des Friedens ansieht, Abbas dagegen als bisher zu echtem Frieden nicht bereit betrachtet. Er fordert auf, Toleranz und Koexistenz zu verwirklichen, Harmonie statt Hass zu fördern und die Beseitigung von Elementen, die dem Frieden zwischen Israel und den Palästinensern im Wege stehen, anzustreben. Zugleich macht er deutlich, dass er die Schuld für den andauernden Hass primär auf Seiten der Palästinenser sieht. Seiner Ansicht nach wäre Israel für den sofortigen Frieden bereit.

Die Videobotschaft kann unter https://www.youtube.com/watch?v=7MtEsV9LCFo (englischsprachig) eingesehen werden. Die obigen deutschen Übersetzungen stammen vom Autor.

sg

Bilder

Titelbild: Benjamin Netanjahu – public domain. Link zur Quelle mit weiteren Copyright-Angaben: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Benjamin_Netanyahu_portrait.jpg

Mahmud Abbas – public domain. Link zur Quelle mit weiteren Copyright-Angaben: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mahmoud_Abbas.jpg

Pray for Peace – public domain.

 
Johannes Gerloff bei der Buchvorstellung von "Die Palästinenser"

Johannes Gerloff bei der Buchvorstellung von “Die Palästinenser”

Heute möchte ich ein Buch vorstellen, das zwar schon seit einiger Zeit auf dem Markt ist, seitdem aber nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat: „Die Palästinenser“ von Johannes Gerloff.

Das Buch ist 2011 im Verlag SCM Hänssler erschienen. Sein Ziel ist, wie Gerloff im Vorwort schreibt, „Denkanstöße zu vermitteln, die dabei helfen mögen, die Situation im Nahen Osten besser zu verstehen“ (Seite 13). Der Weg zu diesem Ziel ist in diesem Buch nicht nur in der Weitergabe von Sachinformationen zu finden, sondern auch in persönlichen Erfahrungen und Berichten aus Gerloffs Arbeit in Israel und den umliegenden Ländern.

Der Autor

 Johannes Gerloff (geb. 1963) ist ein christlicher Journalist und Theologe, der seit Jahrzehnten in Israel lebt und arbeitet. Als Auslandskorrespondent des christlichen Medienverbundes KEP hat er die Nachrichtenagentur Israelnetz gegründet und aufgebaut – heute ist Israelnetz ein international renommiertes Portal für News aus Israel und dem Nahen Osten. Gerloff ist Mitglied einer messianisch-jüdischen Gemeinde in Jerusalem, er ist verheiratet und hat fünf Kinder. Als Insider der israelischen Gesellschaft hat er einen sehr persönlichen Zugang zum Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern.

Der Inhalt

Das Buch „Die Palästinenser“ handelt von einer Menschengruppe, die mit dem modernen Israel so eng verbunden ist wie kaum eine andere. Wer auch immer sich für Israel interessiert – egal, welche politische oder religiöse Meinung er vertritt –, der muss sich auch für das Phänomen „Palästinenser“ interessieren.

Gerloff stellt und beantwortet in seinem Buch spannende und spannungsvolle Fragen: Wer sind eigentlich „die“ Palästinenser? Woher stammt der Name und was sagt er aus? Welche Rolle spielte Jasser Arafat, der „Vater des palästinensischen Volkes“, beim Prozess der Volkswerdung? Woher kommen die Palästinenser? Was kann man über ihre Mentalität sagen, ihre politischen Einstellungen, ihr Verhältnis zur Hamas und zur Fatah, über die angeblichen „Massaker“ israelischer Truppen in Sabra und Schatila, über palästinensische Selbstmordattentäter, Waffenhändler und Terroristen? Wie sieht der Alltag im Gazastreifen aus, wie kam es zur Al-Aqsa-Intifada und welche Rolle spielen palästinensische Christen im Konflikt zwischen Muslimen und Juden?

Johannes Gerloff klärt diese und andere Fragen sehr gelungen; fair, kompetent, oftmals wertend, aber immer gut begründet. Bei einem Thema, das politisch und religiös so aufgeladen ist wie die „Palästinenserfrage“, ist es unmöglich, nicht wertend zu sein. Gerloffs Blick auf die Palästinenser ist der eines bewussten Christen, eines westlichen Journalisten und eines bekennenden Israelfreundes. Dennoch bleibt Gerloff den Palästinensern gegenüber freundlich gesonnen (bei weitem keine Selbstverständlichkeit!) und versucht, den Sachverhalten objektiv, möglichst vorurteilsfrei, detailliert und sachlich argumentierend auf den Grund zu gehen. Das Ergebnis ist ein spannendes, manchmal herausforderndes, aber stets unterhaltsames und informatives Buch.

Die enge persönliche Beziehung zwischen Gerloff und seinem Thema prägt auch die Herangehensweise des Buches. Die Kapitel beginnen – in typisch journalistischer Manier – mit Anekdoten und Berichten Gerloffs. Immer wieder sind persönliche Sichtweisen und passende Geschichten aus dem Alltag in die Sachberichte eingestreut. Das macht das Buch praxisnah und lebendig. Gleichzeitig ist „Die Palästinenser“ auch ein ausgewiesenes Sachbuch, das bewusst sachlich bleiben möchte: Gerloff zeichnet sich durch einen umfangreichen Sachverstand aus und schenkt auch den kleinen und oftmals so wichtigen Details seines Themas die nötige Aufmerksamkeit. Was das Wissen um die Situation im Nahen Osten und die Insider-Kenntnisse über palästinensisches Alltagsleben angeht, ist Gerloff sicherlich einer der kenntnisreichsten Experten, die es momentan im deutschsprachigen Raum gibt.

Sein Buch ist weitgehend wissenschaftlich aufgebaut, alle Informationen sind gründlich recherchiert, die Schlussfolgerungen gut fundiert. Um seine Quellen aufzuzeigen, verwendet der Autor 279 Fußnoten. Dennoch wirkt das Buch nicht wie eine theoretische Abhandlung oder ein Lehrbuch: Die Anekdoten und Geschichten, die frische, lebendige Sprache, die narrative Herangehensweise und nicht zuletzt die 73 Abbildungen lassen es eher wie einen spannenden Roman oder eine Biografie erscheinen. Gerloff gelingt mühelos der Spagat zwischen Unterhaltsamkeit und Sachlichkeit. „Die Palästinenser“ nimmt den Leser mit hinein in die reale Welt des Nahen Ostens und zeigt das Leben dort, wie es (natürlich in ausgewählten Ausschnitten) wirklich ist – ohne Schönfärberei, ohne Nostalgie, aber auch ohne Schwarzmalerei und Pessimismus. Eine Welt, die geprägt ist von Hamas-Propaganda, Judenhass und Fanatismus, geprägt aber auch vom brennenden Wunsch nach Frieden und Freiheit – Gerloff zeichnet ein so umfassendes Bild der Palästinenser, wie es vor ihm noch niemand im deutschen Sprachraum getan hat, durchaus vergleichbar mit Peter Scholl-Latour.

Am Schluss seines Buches geht Gerloff ausführlich auf den biblischen Befund ein: „Was sagt die Bibel zur Palästinenserfrage?“ Detailliert und tiefgründig beschreibt er den wechselvollen Weg der biblischen Israeliten mit den Nachbarvölkern und den in Israel lebenden Fremden, die „negativen“ wie die „positiven“ Seiten. Dabei betont er stets,

„dass die Bibel ganz offensichtlich keine wie auch immer geartete ‚Blut-und-Boden-Theologie‘ vertritt. Rassismus lässt sich von der Heiligen Schrift her nicht begründen.“ (Seite 366)

Gerloff kommt zu dem Schluss, dass die Bibel in Bezug auf das Land Israel sehr eindeutig sei: Gott habe dem Volk Israel das Land, das die Grenzen des heutigen Staates Israel umfasst, anvertraut. Gleichzeitig aber sei „die Vision des Schöpfers ein Miteinander von Israel und seinen nichtjüdischen Nachbarn im Heiligen Land“ (S. 374), eine Sichtweise, die das Alte Testament eindeutig betone. „Fremdlinge“, so Gerloff, „haben zwar kein Recht auf das Land, wohl aber ein von Gott verliehenes Recht im Land. Entscheidend ist dabei nicht die Abstammung oder ethnische Zugehörigkeit, sondern die Einstellung zu dem einen lebendigen Gott“ (S. 374). Diese – politisch schwerwiegende und religiös heftig umstrittene – Konsequenz kann Gerloff erstaunlich gut anhand der Bibel begründen.

Je nachdem, welche Ideologie und vorgefasste Meinung der Leser mitbringt, wird sich „Die Palästinenser“ als ein harter Brocken – oder eine wohltuende Horizonterweiterung – erweisen. Seit seinem Erscheinen vor vier Jahren hat dieses Buch enormen Widerspruch und Ärger hervorgerufen, jedoch auch große Zustimmung und Lob erfahren. Natürlich kann kein Autor der Welt einem so vielschichtigen Phänomen wie der politischen Palästinenserbewegung in einem einzigen Buch gerecht werden. Natürlich ist es bereits eine grobe Verallgemeinerung, wenn Gerloff von „den“ Palästinensern spricht – betont er doch selbst, dass die Ethnien, Sprachen, Einstellungen, Religionen und Kulturen, die in diesem Begriff zusammengefasst werden, äußerst unterschiedlich sind. Natürlich pauschalisiert er, vereinfacht er, fasst er zusammen – weil der Stoff kaum anders literarisch zu bewältigen wäre, zumindest nicht auf 378 Seiten. Und natürlich lässt Gerloff auch dezidiert seine eigene Meinung in Darstellung und Bewertung der Sachverhalte einfließen, seine generelle Israelfreundlichkeit, seine Kritik am Islam, seine entschiedene Abscheu gegen den Terrorismus. Dennoch gelingt ihm das scheinbar Unmögliche, kein Feindbild aufzubauen und keine pauschale „Palästinenserkritik“ zu propagieren; Gerloff liegen die Menschen in seiner Wahlheimat am Herzen, auch und gerade die Palästinenser. Das wird bei der Lektüre immer wieder ersichtlich. Das Buch sorgt für Diskussionsstoff; man kann es interessiert, neugierig, freundlich, aber auch ablehnend und hinterfragend lesen. Die Darlegung aller schriftlichen Quellen, die Gerloff benutzt hat, lässt es zu, sich durchaus kritisch mit dem Buch auseinanderzusetzen, wenn man das will. Diese Quellentransparenz ist vorbildlich.

IMG_2712Insgesamt ist dieses Buch ein Muss für jeden, der über die Situation im Nahen Osten Bescheid wissen möchte, ein Muss für jeden, der sich eine begründete Meinung bilden will und ein Muss für jeden, der sich für Israels aktuelle Lage in der Weltpolitik interessiert. Unterhaltsam, spannend und plastisch schildert der Autor sperrige, schwierige und heiß umstrittene Themen, immer gewürzt mit persönlichen Erinnerungen und eigenen Kommentaren. „Die Palästinenser“ behandelt kein einfaches Thema, aber ein wichtiges; und das Buch lässt sich besser lesen als so mancher Roman. Ich empfehle jedem, es zu lesen und sich seine eigene Meinung zu bilden!

„Die Palästinenser“ von Johannes Gerloff ist 2011 im Verlag SCM Hänssler erschienen und kostet 19,95 € (gebundene Ausgabe, 378 Seiten).

(sg)

Titelbild: sg@privat

Missionar Shahwan Johnny und Marlene

Am 28. Januar 2015 lud die Christliche Gemeinde Gießen-Allendorf zu einem Vortragsabend mit Johnny und Marlene Shahwan ein. Johnny und Marlene Shahwan sind die Gründer und Leiter des Christlichen Schulungs- und Freizeitzentrums Beit Al Liqa‘ in BeitJala bei Bethlehem (www.beitliqa.org).

Leider konnte Johnny Shahwan krankheitsbedingt an dem Vortragsabend nicht teilnehmen. Dafür waren Tochter und Schwiegersohn von Shahwans mitgekommen, Melissa und Andres Zorob, die Zeugnisse gaben.

Johnny Shahwan ist in einer palästinensischen, christlich-orthodoxen Familie in Bethlehem aufgewachsen. In Kanada kam er zum lebendigen Glauben an Jesus und absolvierte eine Bibelschulausbildung in Deutschland. In Deutschland lernte er auch seine Frau Marlene, eine Deutsche, kennen. 1992 reiste die junge Familie mit inzwischen 4 Kindern mit der DMG nach Bethlehem aus.

Palästinenserkinder beim Fußballsommercamp im Beit Al Liqa

Marlene Shahwan berichtete sehr fesselnd, wie aus kleinen Anfängen einer Teestuben-Arbeit eine Arbeit mit verschiedenen Arbeitszweigen, zwei Gebäuden und über 20 einheimischen angestellten Mitarbeitern gewachsen ist. Shahwans kamen während der ersten Intifada in Bethlehem an und blieben auch in Krisenzeiten im Land, was für viele ein Zeichen der Hoffnung war. Das Beit Al Liqa‘ eröffnete 2000 den ersten öffentlichen Spielplatz in der Provinz Bethlehem. Inzwischen ist ein Innenspielplatz, die Friedensarche, dazu gekommen. Das Beit Al Liqa‘ betreibt einen Kinderhort, lädt in jedem Jahr in den Sommerferien ca. 160 Kinder zu Sommercamps ein, hat Gruppen für Teenager, Jugendliche und Frauen. Hauptsächlich richtet sich das Angebot an Kinder und Jugendliche, die etwa die Hälfte der Bevölkerung in der Provinz Bethlehem stellen. Es ist das Anliegen des Beit Al Liqa‘, christliche Werte zu vermitteln und den Teilnehmern zu zeigen, wie diese Werte hilfreich sind in der Gestaltung des Lebens. Das Beit Al Liqa‘ will ein Ort der Hoffnung und der Versöhnung sein in einer Umgebung, in der es daran oft mangelt. Dass dies gelingt und das Beit Al Liqa‘ zu einer Oase in der Provinz Bethlehem geworden ist, die das Leben vieler Menschen positiv verändert, zeigte ein Film im Anschluss an Marlene Shahwans Vortrag.

Ausflug nach Jericho und Umgebung

Melissa und Andres Zorob gaben anschließend Zeugnis, wie sie in den vergangenen Monaten berufen wurden, mit ihrer Tochter nach Bethlehem zurück zu kehren und ebenfalls in die Arbeit im Beit Al Liqa‘ einzusteigen. Sie leben zur Zeit in Deutschland, wo sie sich mit Studium und beruflicher Tätigkeit genau für die Aufgaben qualifiziert haben, die sie im Beit Al Liqa‘ gut werden einsetzen können. Derzeit bauen die beiden einen Freundeskreis auf, um als Mitarbeiter der DMG ausreisen zu können.

(Dorothea Bender)

Bilder: Titelbild: www.dmg.de/beit-al-liqua; Sonstige Bilder: www.dmg.de/beit-al-liqua und www.beitliqa.org

Mehr als an jedem anderen Land der Welt entzünden sich an Israel konträre Diskussionen, und unzählige Meinungen haben sich, fernab des eigentlichen Konflikts, zum Teil zu verhärteten Fronten formiert. Da fällt es nicht immer leicht, einen eigenen Standpunkt zu bestimmen, vielfach mangelt es jedoch auch an Begründungen der vertretenen Positionen. “Wie in einem Brennglas bündeln sich in Land und Staat Israel und im Nahostkonflikt politische, religiöse, nationale und soziale Konflikte mit Wurzeln tief in der Geschichte (…). [Sie] bilden ein unentwirrbares Knäuel und eine lebenslange Herausforderung.“ (S. 108 der u.g. EKD-Orientierungshilfe)

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat deshalb im vergangenen Oktober eine Orientierungshilfe mit dem Titel „Gelobtes Land? Land und Staat Israel in der Diskussion“ publiziert. Nach ihrem Selbstverständnis möchte sie mit dieser Publikation dazu beitragen, die „hoch emotional und polarisierend geführte Diskussion um Land und Staat Israel zu versachlichen“ (S. 9) und einen „gewichtigen Beitrag auf dem Weg zu einer Neubestimmung des Verhältnisses von Christen und Juden“ (S. 11) leisten.

In neun Kapiteln werden dazu verschiedene theologische und politische Aspekte beleuchtet. Bild- und Kartenmaterial sowie ein Glossar ergänzen die theoretischen Ausführungen. Das erste Kapitel „Im Brennpunkt vielfältiger Interessen“ widmet sich neben der Positionsbestimmung der EKD zum Staat Israel als politischer Entität auch der Frage, wie die biblische Landverheißung aus Sicht der EKD heute zu verstehen ist.

Ihr Verhältnis zum Staat Israel formuliert sie in drei prägnanten Aussagen: – “Wir halten fest an dem Konsens über die bleibende Verbundenheit der Christen mit Israel als dem erstberufenen Gottesvolk. – Wir respektieren jüdisches Selbstverständnis, auch im Bezug auf das Land. – Wir bejahen das Existenzrecht des Staates Israel.“ (S. 16)

In den nachfolgenden Kapiteln befasst sich die Publikation mit dem „Land Israel in der Bibel“ sowie  im „nachbiblischen Judentum“. Ergänzt wird diese Sicht durch einen Blick auf die „Kirchengeschichte des »Heiligen Landes«“, gefolgt von der Perspektive der islamischen Welt auf „das »Heilige Land« und die Stadt Jerusalem“. Im Kapitel „Kirchliches Leben im »Heiligen Land« heute“ wird die Präsenz und zahlenmäßige Entwicklung unterschiedlicher christlicher Kirchen betrachtet und mit den Anteilen anderer Glaubensgruppierungen im Land verglichen. Beginnend mit der Erweckungsbewegung werden theologische Positionen der „liberalen Theologie“, „Israeltheologien im 20. Jahrhundert“, der „Orientalische Kirchen“, der „römisch-katholischen Kirche“, „Kontextuelle[n] Theologie“ sowie die Positionen »Christlicher Zionismus« umrissen, wobei letztere Darstellung bereits im Titel die Ergänzung enthält, „eine notwendige Kritik“ zu sein. In den letzten beiden Kapiteln wird das „Evangelisches Staatsverständnis“ erläutert und auf den Staat Israel angewandt sowie die Frage nach „Israel [als] Zeichen der Treue Gottes“ gestellt.

Die gut 100 Seiten starke Publikation ist dabei sehr bemüht, unterschiedliche Positionen vorzustellen und der Komplexität des Konflikts gerecht zu werden, indem die historischen und biblischen Hintergründe erläutert werden, was über weite Teile gelingt. Damit setzen die Autoren das als sehr positiv zu bewertende Anliegen um, den Leserinnen und Lesern eine eigene, begründete Urteilsbildung zu ermöglichen. Durch die Rücksichtnahme auf jüdische und muslimische Dialogpartner und wohl auch durch verschiedene Nuancierungen der Ausschussmitglieder, welche den Text verantworten, bleiben die Aussagen jedoch an manchen Stellen unbestimmt und lassen Klarheit vermissen. So wird statt der Formulierung des rheinischen Synodalbeschlusses von 1980, dass „die fortdauernde Existenz des jüdischen Volkes, seine Heimkehr in das Land der Verheißung und auch die Errichtung des Staates Israel Zeichen der Treue Gottes gegenüber seinem Volk sind“, folgende schwächere Form gewählt: „In diesem Sinn kann die Gründung des Staates Israel als ein »Zeichen der Treue Gottes zu seinem Volk« gedeutet werden“ (S. 108).

Zudem ist es wichtig, nicht dem Irrtum zu erliegen, es gäbe eine objektive Möglichkeit, den Konflikt zu schildern. Auch wenn vielfältige Perspektiven einbezogen werden, so bleibt der Blick doch ein dezidiert durch die derzeitige deutsche Sicht auf den Konflikt und die Positionen der EKD geprägter. Besonders deutlich wird dies in dem Kapitel über den „christlichen Zionismus“. Anders als bei abweichenden Verständnissen von Land und Volk Israel in anderen Gruppierungen wird hier eine scharfe Kritik vorgenommen. Formulierungen wie: die „Lehren und die Praxis des »christlichen Zionismus« wirken konfliktverschärfend und widersprechen der biblischen Botschaft von Versöhnung und Feindesliebe“ (S. 85), bringen diese Sichtweise erheblich in Misskredit. Jede Parteinahme im Nahostkonflikt wirkt konfliktverstärkend, da durch unterschiedliches Engament jeweils beide Seiten gestärkt werden.

Worin ist diese harsche Haltung der EKD begründet? Sie könnte einerseits in ihrem Verhältnis zur Erweckungsbewegung, also historisch-theologisch verwurzelt sein. Da der „christliche Zionismus“ nach Ansicht der EKD jedoch auch das Existenzrecht der Kirchen in dieser Region negiert und somit „nicht ökumenisch und geschwisterlich“ (S. 85) sei, wird die Haltung christlicher Zionisten eventuell auch als Angriff auf die Präsenz und Aktivitäten der EKD in Israel gesehen.

Leider nicht unter allen Christen selbstverständlich und deshalb in dieser Orientierungshilfe positiv hervorzuheben sind folgende Aussagen: „Das unaufgebbare Interesse der Christen am Wohlergehen des jüdischen Volkes in sicheren Grenzen entspringt der Einsicht, dass Gottes Verheißung, sein Volk zu bewahren, nicht hinfällig ist, dass das Volk Israel weiterhin Gottes erwähltes Volk ist und das gegenwärtige Judentum in Kontinuität zum biblischen Israel steht“ (S. 106f.), sowie, dass der „gegenwärtige Staat Israel (…) aus diesem Grund immer auch Gegenstand des politischen Engagements und der Fürsprache von Christen sein [wird], damit Juden und Jüdinnen eine Zukunft haben und in Sicherheit und Frieden leben können.“ (S. 107)

Kritik äußerte u.a. der evangelische Pfarrer und Theologe Dr. Stefan Meißner auf der Seite der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in der Pfalz. Er bemängelt: „Man scheint in der EKD Angst vor einer dezidiert theologischen Deutung historischer Fakten zu haben und bleibt deshalb häufig bei Kompromissformeln stehen, die die Debatte vermutlich wenig vorwärts bringen werden.“ Ausführlich äußert sich Meißner dazu, dass die Publikation zwar Dankbarkeit gegenüber Gott für seine Bewahrung des jüdischen Volkes zum Ausdruck bringt, sich für sichere Grenzen für das Volk Israel ausspricht und bestätigt, dass Bund und Land zusammen gehören, es nun aber „offensichtlich an Mut oder an Kraft [fehlt], auch Land und Staat Israel eine entsprechende theologische Bedeutung zuzubilligen.“

Meißner kritsiert in ungewohnter Deutlichkeit auch anti-israelische Tendenzen aus den eigenen Reihen: „Es ist zweitens die Angst vor dem empörten Aufschrei einer mittlerweile einflussreichen »Palästina-Lobby« in der eigenen Mitte, für die der Staat Israel ein Brückenkopf von Kapitalismus und Imperialismus im Nahen Osten darstellt. In diesem ideologischen Kontext ist von vornherein klar, wer die Guten und wer die Bösen sind. In Verkennung der politischen Realitäten träumt man in diesen Kreisen neuerdings von einem Staat, in dem alle Menschen gleichberechtigt zusammen leben. Den ersten Teil dieser Vision wird man auch mit der Hamas realisieren können, was den zweiten Teil angeht, habe ich da meine Zweifel.“

Von dem Journalisten Ulrich W. Sahm wurden zudem einige Fehler und Ungenauigkeiten der EKD-Publikation aufgedeckt. Dazu gehört die in der Orientierungshilfe geäußerte Kritik an der israelische Unabhängigkeitserklärung, dass jüdische Volk sei nach biblischer Vorstellung nicht in Israel, sondern Ägypten entstanden. Sahm weist hier richtigerweise auf die Entstehung des Volkes nach jüdischem Verständnis hin, durch den Bundschluss Gottes mit dem jüdischen Erzvater Abraham, der im Land der Verheißung stattfand. Ein weiter Kritikpunkt Sahms ist, dass der Sabbat nicht wie der Sonntag in Deutschland gesetzlicher Feiertag ist, sondern Christen und Moslems die Freiheit haben, den Sonntag oder Freitag zu halten. Das übliche jüdische Wochenende besteht aus einem ganz oder halb-freien Freitag und dem freien Samstag. Sahm unterzieht auch die Fotos und Karten einer genauen Betrachtung und wiederholt die bereits 2007 geäußerte Beanstandung, dass auf einer Karte (Nr. 9) sich zwar die Bezeichnungen „Gaza“ und „Westjordanland“ finden, „Israel“ aber nicht als Bezeichnung auftaucht.

Ricklef Münnich, evangelischer Pfarrer in Thüringen, kritisiert ähnlich wie Stefan Meißner: „Eine wirkliche Weiterführung ihres Themas gelingt der Orientierungshilfe jedoch nicht. Dazu müsste sie mehr Farbe bekennen.“ Kritisch kommentiert er auch eine Formulierung aus dem ersten Kapitel, nach welcher die Präsenz von Muslimen aus der Region in Deutschland eine Rolle in der Beschäftigung mit dem Judentum und dem Nahen Osten spielt. „Das wäre neu, wenn christliches Selbstverständnis von muslimischer Präsenz in Deutschland mitbestimmt würde.“ Ihm ist zuzustimmen, dass dem palästinensischen Verständnis, in der Publikation als „kontextuelle Theologie“ bezeichnet, das Land Israel sei allen Schwachen verheißen, deutlicher hätte widersprochen werden müssen. Interessant ist sein Hinweis, dass der Ausschuss „Kirche und Judentum“ der drei evangelischen Kirchenbünde fünf Jahre benötigte, um sich bei dem heiklen Thema Israel auf eine Position zu einigen.

Auf aixpaix.de veröffentlichte Reiner Bernstein eine Rezension der Orientierungshilfe. Er schlägt dabei jedoch eine völlig andere Kritikrichtung ein. Zwar bemängelt auch Bernstein die Uneindeutigkeit und vermutet „die Autoren [seien] selbst von erheblicher Verunsicherung geplagt“, doch sein Hauptaugenmerk liegt auf der Kritik religiöser Standpunkte. Angefangen damit, dass die EKD „theologische (…) Fragen von den politischen Debatten nicht loslösen will“, folgt eine Erwähnung der „selbsternannten christlichen Zionisten mit ihrem apokalyptischen Messianismus“ und einer ebenso ausführlichen wie negativen Beschreibung des orthodoxen Judentums und dessen „Einwanderung in die Mitte der Gesellschaft“. Seinen Kollegen Yossi Beilin von der “Genfer Initiative” zitiert Bernstein mit dessen Klage über den “jüdischen Khomeinismus”.

Eine ähnlich kritikwürdige Diffamierung formuliert Bernstein als ehemaliger Leiter des Büros der Evangelischen Landesarbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung in Nordrhein-Westfalen bezüglich der Legitimität israelischer Politik. Er wirft ihr Menschenrechtsverletzungen vor „die im Falle Syriens, Saudi-Arabiens und der Türkei gegebenenfalls die gebührende Aufmerksamkeit finden“.

Einen Abschnitt davor entwirft Berstein das Szenario der Auflösung des Staates Israel: „Was wäre, wenn der als »Zeichen der Treue Gottes« beglaubigte Staat Israel einem multinationalen Gemeinwesen Platz machen würde“? Auch wenn es sein Anliegen ist, die theologische Aussage des “Zeichen[s] der Treue Gottes” zu kritisieren, steht eine solche Aussage dem im arabischen Raum verbreiteten Anliegen gefährlich nahe, Israel als jüdischen Staat auszulöschen und seine Bewohner anti-jüdischen Gewalttaten auszuliefern. Als positiv kann in seiner Rezension der folgende Satz hervorgehoben werden: “Ob [der israelische Staat] einer christlich-theologischen Rechtfertigung bedarf, muss jedoch bezweifelt werden“.

Dr. Birgit Schintlholzer-Barrows findet auch positive Anknüpfungspunkte: „Nun gibt es im Text auch beruhigende Aussagen wie etwa die, dass Israels Existenzrecht völkerrechtlich unumstritten sei und der Rassismus-Vorwurf gegen den Zionismus nicht haltbar. Seltsam im Gegensatz dazu steht nur die distanziert-neutrale Weise, mit der die EKD die real vorhandenen ideologischen und terroristisch-militärischen Kräfte behandelt, die die Existenz Israels gefährden.“

Stärker als andere Reaktionen auf die Veröffentlichung kommen bei ihr sozial-politische Kritikpunkte zum Tragen. So weist sie darauf hin, dass zwar vom Menschenrechtsschutz-Programm des Ökumenischen Rats der Kirchen die Rede ist, sich aber kein Hinweis darauf findet, dass sein Ziel ausschließlich die Beobachtung der israelischen Soldaten und Siedler ist. Von Menschenrechtsverletzungen durch Morde an politischen Gegnern im Gaza-Streifen, Provokationen und Steinwürfe auf Soldaten oder Diskriminierung politisch Andersdenkender, z. B. durch Kündigung, in den Autonomiegebieten wird kein Bericht erbeten.

Auch den Vorwurf der „täglichen Demütigung an den Kontrollpunkten“ sieht Schintlholzer-Barrows kritisch, da jüdische Israelis ebenfalls täglichen Sicherheitskontrollen an Busbahnhöfen, Einkaufszentren und öffentlichen Gebäuden ausgesetzt sind. Ihr Fazit ist, dass die EKD statt einer Neuorientierung nur die Mainstream-Meinung im Bezug auf Israel wiedergegeben habe.

Das scheint allerdings eine zu optimistische Sicht zu sein. Es wäre erfreulich, wenn sich eine Mehrheit für wenigstens die in der Orientierungshilfe formulierten Zusagen an Israel fände. Leider übernehmen aber viele Christen das in den Nachrichtenmedien immer negativer gezeichnete Bild des Staates und seiner Bewohner. Insoweit ist die Orientierungshilfe positiv zu werten, weil sie auch weit verbreiteten Ansichten, wie der Ersatztheologie, widerspricht. Den zitierten Kritikern ist jedoch zuzustimmen, dass dieser Widerspruch nicht weit genug geht und nicht eindeutig genug formuliert ist.

(wr)

Quellen: http://www.christen-und-juden.de/index.htm?html/gelobtesland.htm http://israelaktuell.eu/index.php/dokumentation/460-kommentare-zur-ekd-schrift-gelobtes-land http://www.aixpaix.de/autoren/bernstein/ekd.html

Anlässlich des 65. Jahrestages des Staates Israel am 14. Mai, hat sich auch der Hauptbahnhof in Zürich an einer Aktion beteiligt: Dabei werden die 65 Jahre der Existenz des Staates Israel in “65 Jahre Unrecht an den Palästinensern” umgedeutet und wird in großen Buchstaben proklamiert: “Israel verletzt täglich das Völkerrecht und die Menschenrechte der Palästinenser!” Darunter werden simplistisch namenlose Juden in Großbritannien zitiert, die eine einladende Legitimation aussprechen: “Es ist koscher, israelische Güter zu boykottieren!”

Verantwortlich für diese “Werbekampagne” ist die Schweizer Ethnologin und Soziologin Verena Tobler (Jg. 1944), auf Internetblogs aufgrund entsprechener Artikel in der Vergangenheit als “Taliban-Versteherin” bezeichnet, die bereits eine ähnliche Plakataktion im Jahr 2009 initiiert hatte. Sie habe den Slogan gewählt, weil er von Juden selbst stamme, und wenn selbst diese schon israelkritisch eingestellt sind…

Protest ist insofern zwecklos, als ein Sprecher der Schweizer Bundesbahnen (SBB) verlauten ließ, dass diese nach einem Urteil des Bundesgerichtshofes verpflichtet seien, solche Plakate im Namen der Meinungsfreiheit aufzuhängen. Vor vier Jahren wurde der entsprechende Aushang nach drei Tagen wieder entfernt, was im Nachhinein allerdings als unrechtmäßig beurteilt wurde.

“Sehr geschmackvoll, am Ende eines Gleises Juden zu diffamieren”, wertete die Facebookseite “Freundschaft Deutschland – Israel” mit einem ironischen Unterton. Andere weisen auf die gefährliche Ähnlichkeit zu nationasozialistischen Propagandaaufrufen wie “Kauft nicht bei den Juden” hin.

Auf unsachgemäße und vereinfachende Vergleiche sollte trotz aller berechtigten Kritik aber verzichtet und das Problem in seiner Komplexität betrachtet werden. Noch wird der Boykottaufrauf in den meisten Fällen nicht auf sämtliche jüdische Geschäfte im In- und Ausland ausgeweitet, sondern auf israelische Produkte aus dem Land selbst.

Warum, so die militanten Kritiker, sollte man ein Land wirtschaftlich unterstützen, dass Menschenrechtsverletzungen nicht nur duldet, sondern auch täglich praktiziert?! Hier kann auf UN-Sanktionen verwiesen werden, die im Falle von beispielsweise China einer ähnlichen Logik folgen.

Doch gibt es hier große Unterschiede, da die Lage im Nahen Osten so einfach und einseitig leider nicht ist. Yigal Caspi, israelischer Botschaft in der Schweiz, erläuterte gegenüber dem Wochenmagazin Tachles: “Bisher zielten Boykottaufrufe auf die Siedlungen in den umstrittenen Gebieten westlich des Jordans, aber dieses Plakat ruft zum Totalboykott Israels auf – als wäre Israel verantwortlich für sämtliche Probleme im Nahen Osten.”

Einseitige Schuldzuweisungen, die die schwierige Lage Israels ignorieren, sind im Falle des Nahostkonflikts fehl am Platze. Auch ist die Frage, inwiefern die aktuelle israelische Regierung die Meinung aller in Israel lebenden Juden repräsentiert, von denen immer mehr – vor allem die weitesgehend links-liberale intellektuelle Elite – der Siedlungspolitik ablehnend gegenüberstehen. Auch diese Menschen sowie in Israel lebende und am Exporthandel beteiligte Araber trifft aber letztendlich der Boykott.

Eine weitere an die Initiatoren der Boykottaufrufe zu stellende Frage ist die der Verhältnismäßigkeit. Ja, dass Israel im Westjordanland Menschenrechtsverletzungen begeht, ist nur schwer zu leugnen. Aber wie sind diese zu bewerten im Vergleich zu denen anderer Staaten wie China, dem Iran, Syrien oder Russland? Bis heute haben die USA trotz internationaler Proteste Guantanamo noch nicht geschlossen, obwohl dort Verdächtige ohne Prozess festgehalten wurden –  ähnliches wird Israel gegenüber den Palästinenser vorgeworfen. Deshalb erscheint ein wirtschaftlicher Boykott von Ländern, deren Politik tadelnswert ist, nur dann kohärent, wenn auf Doppelmoral verzichtet und überall der gleiche Maßstab angesetzt wird.

Im Falle des akademischen Boykotts von Professor Stephen Hawking, der seine Teilnahme an der diesjährigen Presidential Conference in Jerusalem aus ähnlichen Gründen zurückgezogen hatte, weist der Journalist Carlo Strenger in einem offenen Brief an Dr. Hawking zu Recht daraufhin, dass unsere Welt leider ein “chaotischer, schwieriger Ort” ist und man das perfekte Land vergebens suchen müsse. Er zitiert den Autor Ian McEwan, der auf die Kritik seiner Entscheidung, 2011 in Israel den Jerusalem-Preis für Literatur entgegenzunehmen, erwiderte: „Wenn ich nur Länder bereisen würde, mit deren Politik ich übereinstimme, würde ich mein Bett wahrscheinlich nie verlassen.”

Carlo Stenger schreibt weiter – Worte, die sicherlich auch im Falle des Züricher Hauptbahnhofes zutreffen:

“Wie können Sie und Ihre Kollegen, die sich für einen akademischen Boykott Israels aussprechen, Ihren doppelten Standard rechtfertigen, indem Sie sich nur Israel herauspicken? Sie leugnen ganz einfach, dass Israel den größten Teil seiner Geschichte unter existentieller Bedrohung stand und steht. Bis heute ruft die Hamas, eine der beiden großen Parteien in Palästina, zur Vernichtung Israels auf, und ihre Charta bedient sich abscheulichster antisemitischer Sprache. Bis heute vergeht kaum eine Woche, während der der Iran und sein Vasale, die Hisbollah, nicht drohen, Israel zu vernichten, obwohl sie keinen konkreten Konflikt mit Israel haben.

Sich Israel für einen akademischen Boykott herauszupicken, ist, glaube ich, ein Fall von schwerwiegender Heuchelei. Es bedeutet, ein wenig Dampf über die Ungerechtigkeiten in der Welt abzulassen, wo es nicht allzu viel kostet. Ich warte immer noch auf den britischen Intellektuellen, der sagt, er würde nicht mit US-amerikanischen Institutionen kooperieren, solange Guantanamo besteht, so lange die USA ihre Politik der gezielten Tötungen fortsetzen.”

So ist die demagogische und auf einem Schwarz-Weiß-Denken beruhende Plakataktion zu verurteilen. Sie macht es sich zu leicht und ist einer reellen Lösung der Probleme im Nahen Osten in keinster Weise förderlich.

(jp)

  Quellen:
http://www.tachles.ch/israelkritisches-plakat-im-hauptbahnhof
http://www.hagalil.com/archiv/2013/05/12/israelboykott/
http://www.hagalil.com/archiv/2013/05/12/hawking-2/
 

Am 5. und 6. März 2013 zeigten arte und ARD den oscarnominierten Film „Töte zuerst“ von Dror Moreh. Eine Wiederholung im Morgenprogramm wird am Dienstag, den 16. April 2013, um 9:40 Uhr, auf arte ausgestrahlt.

Dror Morehs Film ruft in Deutschland ganz unterschiedliche Reaktionen hervor. Für die einen ist er die Bestätigung ihrer Sicht auf Israel, bei anderen hinterlässt er Verwirrung, warum die früheren Shin BetChefs so über ihr Land sprechen, wie ein Kommentar zu Ulrich W. Sahms Artikel auf israelnetz.com zeigt.

Der deutsche Titel „Töte zuerst“ des vom NDR und arte koproduzierten Films, trägt dazu einen erheblichen Teil bei. Er steht in keiner Beziehung zu dem hebräischen Original „Hüter der Schwelle“ [»Schomrei ha-Saf (שומרי הסף)«]. Jörg Taszman von Deutschlandradio Kultur nennt ihn somit zu Recht „polemisch und reißerisch“, da „dieser [der] offenen Message des Films […] nicht gerecht“ wird. Der deutsche Titel ist dem unvollständig zitierten Satz aus dem Talmud „Wenn jemand kommt, dich zu töten, steh auf, und töte ihn zuerst“ entnommen, wie Sahm mit Verweis auf Andrea Lauser von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Freiburg feststellt. Der Satz findet sich im Film jedoch nur in einer Bemerkung des ehemalige Shin Bet Chef Avi Dichter und stellt keineswegs seine Hauptaussage dar.

Um den Film zu verstehen, hilft es, nach der Motivation des Regisseurs Dror Moreh für die Dreharbeiten zu fragen. In zahlreichen Interviews hat er dazu Stellung genommen. Gegenüber Estee Chandler von Mondoweiss nennt er folgendes Anliegen: „Das Hauptziel war es, etwas zu schaffen, was die Art und Weise, wie Israelis die Realität sehen, verändert. Eine Geschichte zu erzählen, die sie vielleicht kennen, aber von einem anderen Standpunkt“ [eigene Übersetzung aus dem Englischen]. Sein Film soll die aktuelle israelische Politik und ganz besonders den israelischen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kritisieren, wie in vielen Interviews deutlich wird. Er sei der schlechteste Ministerpräsident in Israels Geschichte und der größte Fehler, äußert sich Moreh gegenüber Chandler und kann nicht verstehen, weshalb die israelische Bevölkerung ihn erneut wählte.

Die Idee zu seinem Film hat ihren Ursprung in den Dreharbeiten zu Morehs Film „Sharon“ über den früheren Ministerpräsidenten Ariel Sharon. Laut FAZ und ARD kam sie Moreh, als dieser hörte, dass ein Interview mit vier ehemaligen Geheimdienstchefs Ariel Sharons Entscheidung beeinflusste, sich aus dem Gazastreifen zurück zu ziehen. Da wurde ihm klar, welches Potential Aussagen der Geheimdienstchefs hatten. Politikern traue niemand, ihnen könne man leicht widersprechen, „aber diesen sechs: unmöglich!“ (FAZ).

Sie waren die richtigen Protagonisten für die Botschaft, mit der Moreh der israelischen Gesellschaft einen Spiegel vorhalten wollte. „Ich wusste schon vor den Dreharbeiten durch viele Gespräche, wo sie politisch standen, was sie dachten”, äußerte sich Moreh im FAZ-Interview. Ein Risiko musste er somit nicht eingehen.

Ja’akov Peri bringt es in dem Film selbst auf den Punkt: “Wenn du aus dem Dienst ausscheidest, stehst du politisch ein wenig links.” Drei der sechs interviewten Geheimdienstchefs sind heute auch in der Politik aktiv: Ami Ayalon in der Arbeiterpartei Avodah, Ja’akov Peri in Jesh Atid sowie Avi Dichter in der Partei Kadima. Alle drei Parteien setzen sich für eine Zwei-Staaten-Lösung ein. Ami Ayalon hatte schon die Interviews, die auf Sharon eine große Wirkung hatten, angeregt. Aus diesem Grund wandte sich Dror Moreh mit seiner Filmidee zunächst an Ayalon, welcher dann die anderen Shin Bet – Chefs zur Kooperation anregte, wie Moreh im FAZ-Interview berichtet.

„Dror Moreh hat nun mit seinen sechs Protagonisten Männer versammelt, die aus ähnlichem Holz geschnitzt sind, wie es Rabin war und die aus ihrer Verehrung für ihn keinen Hehl machen“, schreibt Dominik Peters für zenithonline.de. Und genau darum geht es in Morehs Film: Um einen Aufruf zur Weiterführung der Politik Yitzchak Rabins und zur Umsetzung einer Zwei-Staaten-Lösung. Rabin war für sie der einzige Politiker, der im Nahost-Konflikt nicht nur kurzfristige Taktiken nutzte, sondern eine langfristige Strategie hatte. Er setzte sich für den Rückzug aus den palästinensischen Autonomiegebieten ein und hoffte damit  dauerhaften Frieden erreichen zu können.

Zenithonline.de zitiert den stellvertretenden israelischen Ministerpräsidenten Mosche Yaalon mit Kritik für Moreh. Dieser sei einseitig vorgegangen und habe Aussagen so gewählt, dass sie zu seiner Sichtweise passen, welche nach Yaalon eine palästinensische Perspektive ist.

Gerade weil man laut Dror Moreh den kriegs- und geheimdiensterfahrenen Männern keinen linken Idealismus vorwerfen könne, schienen sie die geeigneten Kommunikatoren für seine Botschaft: Der Konflikt hätte schon vor langem beendet werden können und sollen. Und da sie die aktuelle Politik als Stillstand wahrnehmen und ihre Parteien wenig politischen Einfluss haben, erklärten sich die ehemaligen Shin Bet – Chefs zu den Interviews bereit.

Avraham Shalom kritisierte Moreh nach dessen Angaben sogar im Anschluss an die israelische Premiere mit den Worten „Du hättest härter zu den Politikern sein sollen!“ Gemeint sind damit die Politiker im Kabinett Benjamin Netanjahus. In Morehs Film wird zudem deutlich, wie frustriert die Shin Bet – Chefs mit den politischen Führern waren und ihnen häufig Fehler und Versagen bei gescheiterten Operationen oder hohen Opferzahlen vorwarfen.

So wollen der Regisseur und die interviewten Geheimdienstchefs eine grundlegende politische Veränderung in Israel mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln bewirken. Und da dies auf dem politischen Weg derzeit nicht realisierbar scheint, ist es die Absicht, die Bevölkerung mit dem Film für eine Zwei-Staaten-Lösung zu gewinnen, auch wenn die von ihnen gewählten politischen Vertreter diese ablehnen. Ein ähnliches Anliegen brachte der US-Präsident Barak Obama am 21. März 2013 in Jerusalem vor.

In Deutschland herrscht jedoch eine ganz andere Haltung gegenüber der israelischen Nahost-Politik vor, als es in der israelischen Bevölkerung oder Israels Parlament gegenwärtig der Fall ist. Gerade aus dem politisch linken Spektrum wird die Politik Israels stark und häufig undifferenziert kritisiert.

Gisela Dachs beschäftigt sich in einer Publikation für die Bundeszentrale für politische Bildung auch mit den Differenzen in der politischen Perspektive und findet einen wichtigen Schlüssel (S.113): Die unterschiedlichen Lehren aus der Vergangenheit, welche beide Seiten verbindet. „Denn wo die Deutschen ‘Nie wieder Krieg’ rufen, heißt es bei den Israelis: ‘Nie wieder schwach sein’“. So fällt der Aufruf von Morehs Film, die mit der gegenwärtigen Situation und ihren Sicherheitsproblemen einhergehende gewaltsamen Praktiken des israelischen Geheimdienstes zu beenden, in Deutschland vielfach auf offene Ohren. In Israel wird jedoch viel stärker auch die nach dem Rückzug aus Gaza 2005 verstärkte Gewalt der islamistischen Hamas thematisiert, die durch fortdauernden Raketenbeschuss und Selbstmordattentate viele Menschenleben in Israel forderte und die Menschen im Süden Israels traumatisiert. „Jenen, die fern von Israel leben und den israelischen Geheimdienst wohl für eine Verbrecherorganisation halten, liefert der Film eine billige Bestätigung für Israel als Staat, der vermeintlich palästinensischen Terror provoziert und selber Schuld am mangelnden Frieden und den eigenen Toten trägt“, schreibt Ulrich W. Sahm für israelnetz.com.

Kaum beachtet wird in den Interviews mit Dror Moreh hingegen, dass ein zweiter Film aus dem Nahen Osten, mit ähnlicher Thematik, ebenfalls eine Oscarnominierung für die beste Dokumentation erhielt: Der Film „5 Broken Cameras“ [dt. “5 zerbrochene Kameras”]. Obwohl der Film eine Koproduktion des Palästinensers Emad Burnat und des Israelis Guy Davidi ist und durch israelische und europäische Filmförderungen finanziert wurde, wie die Jerusalem Post berichtet, zeigt er ausschließlich die palästinensische Perspektive des Konflikts.

Die Idee für die subjektive Perspektive mit Emad Burnat als Protagonist und Kameramann und dem Fokus auf die stark emotionalisierenden Reaktionen seiner Frau und Kinder stammte zudem von dem Israeli Davidi. Beide bemühten sich jedoch nach der ablehnenden Haltung arabischer Vertreter, den Film als ein palästinensisches Produkt darzustellen, um den Boykott durch Israelgegner zu verhindern.Bedauerlicherweise wird nichts davon in den Interviews mit Dror Moreh erwähnt.

Doch Morehs Film und jener von Burnat/Davidi eignen sich gut, um einen weiteren Aspekt zu verdeutlichen, welcher dem internationalen Publikum die Rezeption von „Töte zuerst“ erschwert. Während es den palästinensischen Filmemachern an einer möglichst nachdrücklichen und emotionalen Kommunikation der palästinensischen Sicht auf den Konflikt gelegen ist, die auf internationale Sympathie und Unterstützung zielt, nutzen israelische Filmemacher das Medium, um die israelische Politik kritisch zu reflektieren. Sie fordern ihre Mitbürger sowie die internationale Staatengemeinschaft auf, nachdrücklich eine politische Veränderung herbeizuführen.

Gerade die Stärke der Israelis, sich selbst und ihre Politik zu reflektieren, bleibt jedoch in allen Interviews und Artikeln über den Film unerwähnt. Auch der Wunsch von Palästinensern, einen ähnlich kritischen Film über ihre politischen Führer zu produzieren, findet sich nur im Interview mit Deutschlandradio. Moreh antwortet auf die Frage, ob er sich auch vorstellen könne, einen Film über Führer der Hamas zu drehen: “Nein, aber das ist eine gute Frage. Alle Palästinenser, die den Film gesehen haben und auf mich zukamen, sagten immer zuerst: ‘Wir wünschten, jemand könnte einen ähnlichen Film in unserer Gesellschaft drehen. Das würde leider niemals passieren.’ Ich schaue in meinem Film auf meine Gesellschaft, die israelische. Damit lenke ich keine Sekunde von der Verantwortung oder dem Mangel an Verantwortung der palästinensischen Führung ab. Sie sind mitverantwortlich für das Scheitern des Friedensprozesses und für die heutige Situation.“

Doch ohne weitere Hintergrundinformationen bleibt der Film Morehs für ein deutsches Publikum schwer verständlich.

„Dass hochrangige Vertreter des Sicherheitsapparats nach ihrer Pensionierung in die Politik gehen, ist in Israel ebenso normal wie die Tatsache, dass sie sich dann offen an kontrovers geführten Diskussionen beteiligen. Typisch israelisch an diesem Film ist, dass hohe Vertreter des Sicherheitsapparats vor laufender Kamera ihr Versagen und moralische Bedenken im Blick auf ihren Beruf breit treten. Selbstkritik ist der erste Schritt zur Verbesserung der eigenen Fähigkeiten, Selbstgefälligkeit der erste Schritt in Richtung Abstieg. Das weiß jeder Sicherheitsprofi“ resümiert Johannes Gerloff auf israelnetz.com.

Es ist wichtig, diese Charakteristika der öffentlichen Debatten in Israel zu bedenken, wenn man sich mit dem Film „Töte zuerst“ beschäftigt. Dieser ist ein israelischer Film, der für ein israelisches Publikum entstanden ist, um konkrete politische Veränderungen in Israel hervorzurufen. Der Israeli Chemi Shalev drückt dies für die Tageszeitung Haaretz wie folgt aus:

„Hüter der Schwelle [engl. “The Gatekeepers”] ist ein sehr israelischer Film. Es ist ein Film von Israelis, für Israelis, über Israelis […] er ist nach wie vor wesensmäßig und ausschliesslich israelisch“ [eigene Übersetzung aus dem Englischen].

  Quellen:

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/fazit/2030228/

http://www.israelnetz.com/kultur/detailansicht/aktuell/alte-kamellen-aufgewaermt-toete-zuerst-von-dror-moreh/#.UWW4MDdnArU

http://www.israelnetz.com/kultur/detailansicht/aktuell/ausser-spesen-nichts-gewesen/#.UWXMujdnArU

http://www.zenithonline.de/deutsch/kultur/film-theater//artikel/eine-botschaft-mit-der-wucht-einer-beretta-003585/

http://mondoweiss.net/2013/01/occupation-interview-gatekeepers.html

http://www.haaretz.com/blogs/west-of-eden/the-gatekeepers-is-a-harsh-portrayal-of-life-outside-the-ghetto-of-self-denial.premium-1.501277

http://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/dokus/sendung/ndr/toete-zuerst-notizen-von-regisseur-dror-moreh-100.html

http://www.jpost.com/Opinion/Columnists/Article.aspx?id=305550

 

Israels Zukunft – Wladimir Pikman

 Jüdisch-messianische Israelkonferenz Berlin

17. November 2012

 

Er ist sympathisch, dieser junge messianische Leiter, mit seiner Mischung aus ernsthafter Leidenschaft und spitzbübischem Humor. Wladimir Pikmans Vortrag über die Zukunft Israel wurde gespannt erwartet, schließlich ist es das, worum sich letztendlich alles dreht: Welche alttestamentlichen Verheißungen werden wann auf welche Weise erfüllt werden? Wie können wir die abendliche Tagesschau deuten? Dies sind wichtige Fragen und wir müssen vielleicht zugeben, dass ohne solch eschatologisch-mathematischen Spekulationen womöglich der ein oder andere israelfreundliche Christ – zumindest ein bisschen – seinen Spaß an der Sache verlieren würde. Pikman geht auf solche Detailfragen nicht ein, aber enttäuscht sein Publikum dennoch nicht. Er beginnt provokativ, indem er zunächst – wie viele auf dieser Konferenz vor ihm – einige entscheidende die Landesverheißung betreffende Texte an die Wand projiziert:

Bild 2

Nun Pikmans Erläuterung: Die im ersten Text genannten Völker leben heute in Ägypten, Libanon, Syrien und großen Teilen der Türkei, des Irak und Saudi-Arabiens. Den im zweiten Text enthaltenen Hinweis auf das schwer zu lokalisierende Schilfmeer bezieht Pikman auf die arabische Halbinsel. Hier finden Sie die von Pikman in dem Zuge gezeigte Landkarte. Das Problem dieser Landesgrenzen: „Hier fehlt mir die Türkei – die mag ich auch“. Eine letzte Lösung kommt mit einer Karte der in Deuteronomium 11,24 beschriebenen Grenzen (Karte hier), welche Pikmans Interpretation zufolge die gesamte arabische Halbinsel einschließt, darunter Saudi-Arabien, Jemen und die Vereinige Arabische Emirate. Sein Kommentar: „Dort passen wir alle rein und so soll es auch sein!“ Das Publikum ist begeistert. Und wenn Gott die Grenzen so weit ausweitet, könne dies letztendlich vielleicht sogar Deutschland einschließen, mutmaßt Pikman gegen Ende seines Vortrages weiter, und schiebt angesichts des lachenden Publikums nach: „Ich finde das auch lustig und amüsant!“

Pikman erläuert die Karte zu den zukünftigen israelischen Grenzen

Pikman erläuert die Karte zu den zukünftigen israelischen Grenzen

Sofort greift der messianische Leiter den möglichen Einwand auf, die genannten Prophezeiungen hätten sich unter König Salomo bereits erfüllt. Nein, Israel habe noch nie über all diese Gebiete die Kontrolle gehabt. Ein Grund dafür sei der Ungehorsam des Volkes nach Deuteronomium 19,8-9. Deswegen finde man auch so unterschiedliche bzw. widersprüchliche Beschreibungen der Grenzen – es lohne sich nicht darüber zu streiten, weil sie flexibel und abhängig vom Verhalten der Juden seien. Dementsprechend schmal seien die Grenzen Israels heute. Sicher ist jedoch: „Das Land ist den Juden für immer und ewig versprochen, und denen, die von ihnen abstammen!“

Nach diesem ersten, sehr deutlichen Punkt, bringt der charismatische Redner einen zweiten, aber nicht minder überraschenden. Mit Hesekiel 47,21-23 verkündet er, dass auch die Araber das Recht hätten in Israel zu leben: „… so sollt ihr die Fremdlinge, die bei euch wohnen und Kinder unter euch zeugen, halten wie die Einheimischen unter den Israeliten; mit euch sollen sie ihren Erbbesitz erhalten unter den Stämmen Israels, und ihr sollt auch ihnen ihren Anteil am Lande geben, jedem bei dem Stamm, bei dem er wohnt“. Die Begeisterung des Publikums hält sich diesmal in Grenzen. Damit hatte keiner gerechnet. Doch Pikman führt fort: „Biblisch gesehen sollten wir uns eher bemühen, sie zu Gott zu führen, als sie aus dem Land zu vertreiben!“ Eine erfreuliche Aussage, die allerdings angesichts des christlichen Gebots der Nächstenliebe, der Rechte der Fremdlinge im AT u.a. selbstverständliche sein sollte. Alles andere – etwa die Forderung nach der Vertreibung der Palästinenser, die in christlich-zionistischen Kreisen ab und zu zu verlauten ist – wäre deplaziert gewesen.

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Ein mit großem Enthusiasmus gehaltener Vortrag von Pikman

Leider geht der gebürtige Ukrainer nicht näher auf die Bedingungen für dieses Zusammenleben ein, doch scheint für ihn relativ klar zu sein, dass der Glaube an den Gott Israels und die Anerkennung seines Messias die grundlegenden Voraussetzungen für diese Einladung sind. Denn es wird unseres Erachtens in der Thora zweierlei deutlich: Erstens, der Schutz des Fremden, der nicht unterdrückt, sondern geliebt werden soll – weil das Volk Israel selbst in der Fremde war (vgl. Exodus 22,20; 23,9; Deuteronomium 10,18-19 u.a.). Zweitens die Einschließung der Fremdlinge in einen Großteil der Gesetzesvorschriften (vgl. 12,19; 43ff.; Levitikus 17,10ff.; Numeri 15,26ff. uva.), was zwangsläufig Gehorsam gegenüber dem Gott Israels bedeutete. So wurde die Lästerung des Namens Jahwes mit dem Tod bestraft (Levitikus 24,16). Für Juden wie Araber gelten laut Pikman die gleichen Bedingungen. Und er betont deshalb: „Wir sollten nicht xenophobisch werden“, sondern „die Arme weit ausstrecken“. Das ist in der Tat eine Mahnung, die angesichts der manchmal zu polemischen Zwischenrufe seitens des Publikums fast notwendig erscheint.

Es folgt eine Aneinanderreihung von Bibelversen, mit denen der messianische Leiter möglicherweise doch ein wenig erläutern will, wie man sich die bevorstehende Endzeit vorzustellen hat, doch bleibt er bezüglich eines chronologischen Ablaufs vorsichtig – vielleicht ist dies gut so. Pikman hebt in jedem Fall hervor, dass in der Zeit, in der die Juden aus der Zerstreuung in Israel gesammelt sind und der Messias von dort aus regieren wird (Jeremia 30,10), dieser das Land und seine Bewohner inmitten von Kriegen und Katastrophen beschützen werde (Hesekiel 20,41f.; 39,28; Joel 3,16f.; Sacharja 12,8; Matthäus 24 – wobei hier der Bezug unklar bleibt). Aber hier kommt es wieder: „Diese Zukunft gehört nicht nur den Juden allein!“ Hoffentlich hatte nie jemand im Saal etwas anderes erwartet.

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Pikman bei seinem Vortrag

Pikman schließt: „Zurück in die Zukunft“, so sollte unser Motto lauten. „Wenn wir“ – damit meint er die Juden – „zurück zu ihm kommen, blicken wir in die Zukunft. Die Zukunft gehört uns. In Jeschua Hamaschiach, in Jesus Christus.“ Er erläutert bedauerlicherweise nicht, inwiefern die Zukunft den Juden gehört. Schade auch, dass eine der herausforderndsten und umstrittensten Fragen, die der Deutung von Römer 11,26 („dann wird ganz Israel gerettet werden“), in Pikmans Vortrag nicht behandelt wird. Auch bei ihm lag der Schwerpunkt auf den materiell greifbaren – und vielleicht deshalb so verführerischen und interessanteren? – Verheißungen Gottes.

(jp)

 

Interview mit Wladimir Pikman

 

Wie empfandest du die Konferenz bis jetzt?

„Sehr gut. Mit Gottes Gnade erreichen wir unser Ziel.“

Was ist denn das Ziel der Konferenz?

„Erstens, dass die Konferenz nicht nur für uns allein ist, sondern auch für andere. Zweitens wollten wir unsere Position Israel gegenüber zeigen. Drittens wollten wir in unserer Einheit auch ein Beispiel sein,  das bei der Welt ein Zeugnis bewirkt.

Also wurden diese Ziele deiner Meinung nach erreicht?

Ja, es ist uns gelungen, das alles in harmonischer Einheit zu machen als messianische Leiter, ohne Konflikte, mit Liebe und Respekt zueinander: Unsere Botschaft, unsere Vorträge, unsere Workshops, unser Lobpreis haben Resonanz in den Herzen der Menschen gefunden. Und die Heidenchristen fühlen sich hier bei dieser Konferenz zuhause. Und das, obwohl es eine jüdisch-messianische Konferenz ist. Unser Ziel war nicht, es Menschen hier gemütlich zu machen, aber es geschieht einfach.

Wurden die Gemeinden aus dem Berliner Umkreis auch eingeladen?

Ja, wir haben nicht alle, aber viele Berliner Gemeinden und Werke aus ganz Deutschland eingeladen. Ich habe hunderte von Briefen von Hand unterschrieben. Einige haben zurückgeschrieben und sich entschuldigt, dass sie nicht kommen. Aber ich bin natürlich traurig, dass nur ein paar aus dieser Gemeinde hier gekommen sind. Wir haben sogar eine persönliche Einladung an die meisten Rabbiner geschickt. Es ist keiner gekommen, aber gleichzeitig kamen auch keine negative Reaktionen.

Denkst du, auch wenn man die Teilnehmer dieser Konferenz betrachtet, dass Pfingst- oder charismatische Gemeinden offener für messianische Juden sind?

Ja, aber nicht nur charismatische und Pfingstgemeinden, sondern auch charismatische Erneuerungen in der evangelischen oder in der katholischen Kirche. Egal welche Kirche, charismatische Erneuerungen sind offener. Und dabei sehe ich auch einen geistlichen Hintergrund. Wenn Menschen erneuert sind, wenn man Gott tatsächlich neu erlebt hat, wird man offen dafür.

Auf der Konferenz war viel von der Ersatztheologie die Rede. Kennst du und wenn ja, was hältst du von moderaten Vertretern, die beispielsweise Israel nach wie vor eine Rolle in Gottes Heilsplan einordnen, aber auch die Kirche als neues Gottesvolk sehen?

Meine Position ist: Die Kirche oder Gemeinde besteht aus Juden, die an Jesus glauben, und allen anderen, die sich ihnen angeschlossen haben. Aber die Kirche ist nicht das neue Israel. Die Juden kommen in der Endzeit einfach zum Messias, und fangen an ihn anzubeten, und ihnen schließen sich alle anderen Völker an.

Du meinst, dass nach Epheser 2,14 der Zaun zwischen Juden und Heiden gebrochen ist?

Ja, wobei sich die Christen diesen Zaun oder diese Mauer so denken: Die Juden waren auf der einen und die Völker auf der anderen Seite. Dann ist die Mauer gefallen und die Juden kamen raus und bildeten mit den anderen Völkern einen neuen Menschen. Das ist aber nicht das, was in Epheser geschrieben steht. Die Mauer ist gefallen, damit andere Völker reinkommen können. Wir treffen uns im neuen Jerusalem, und dabei unterstreiche ich „Jerusalem“. Es ist wie in dem Gleichnis vom Ölbaum: Es ist kein neuer Baum, es ist ein uralter Baum. Und deswegen ist kein Ersatz möglich.

Was denkst du also, muss angesichts der letzten 2000 Jahre an Versöhnung zwischen Juden und Christen noch geschehen?

Es ist nichts Menschliches. Niemand kommt durch pure Logik zum Glauben, es ist immer ein Aha-Moment, jeder muss das erleben. Wenn man das nicht erlebt, ist es viel schwieriger. Aber es ist ein Werk Gottes. Und so geschieht es: Historisch gesehen ist das Problem, dass die Christen ihre Wurzeln verlassen und die Juden ihren Messias losgelassen haben. Die Christen müssen also zurück zu den Wurzeln des Baumes gehen und die Juden müssen wieder Anspruch auf ihren Messias erheben.

Ist deiner Meinung nach ein notwendiger Schritt für die Kirche, von dem “griechischen Denken” Abstand zu nehmen und sich neu auf das “jüdische Denken” zu besinnen?

Ja, dieses griechische Denken… Ich habe so viele charismatische Vorträge darüber gehört. Es ist zu spekulativ. Was versteht man unter „griechischem Denken“ und „jüdischem Denken“? Viele Juden damals waren ziemlich griechisch in ihren Gedanken, haben zum Beispiel Philo gelesen. Nein, man muss sich nicht in erster Linie vom griechischen Denken verabschieden. Man muss zurück zu den Wurzeln finden. Und da geht es nicht um das Denken in erster Linie, es geht um unsere Einstellung. In der westlichen Welt denkt man, dass alles im Denken ist – das ist falsch. Zuerst muss man sagen: „Wir gehören zu den jüdischen Wurzeln.“ Und dann: „Was heißt das eigentlich? Was sollen wir für uns entdecken? Juden sind in gewisser Weise auch unser Volk. Wir tragen eine gewisse Verantwortung dafür.“ Es ist nicht unbedingt geboten, jüdische Feste zu feiern, aber zumindest Bescheid darüber zu wissen – in Vorbereitung für das, was dann kommt.

Würdest du sagen, dass das messianische Judentum versucht, sich auf das Urchristentum zurückzubesinnen?

Nicht in jeder Hinsicht. Wir wissen nicht genau, wie man damals lebte, wir können nicht so leben wie damals und wir wollen nicht so leben wie damals. Ich genieße die Medizin von heute, das Licht von heute, die Kultur von heute in vielerlei Hinsicht, wo es nicht der Bibel widerspricht. Wir können es nicht, wir wollen es nicht, aber wo wir zum Urchristentum zurückkehren wollen, ist, dass wir als Juden Jesus in den Mittelpunkt stellen. Für die Kirche von damals war Jesus im Mittelpunkt. Und heute, wenn man die Kirche in Deutschland nimmt – lieber Gott! Man hört „Jesus“ nicht so oft.

Kritiker sagen, dass das messianische Judentum im Grunde orthodoxes Judentum mit Bezug auf Jeschua ist. Stimmt das oder versucht ihr, eure eigenen Traditionen zu finden?

Na ja, wir haben versucht, unsere eigenen Traditionen zu finden, aber es ist uns nicht gut gelungen. Auf der anderen Seite können wir auch nicht alle orthodoxen Traditionen übernehmen, auch deswegen, weil nicht viele von uns glauben, dass wir es machen müssen. Wir sind auf der Suche. Aber natürlich gab es Zeiten, in denen Judenchristen oder messianischen Juden sich vom rabbinischen Judentum abgrenzen und Zeiten, in denen sie sich ihm annähern wollten. Deswegen finde ich folgende Definition für uns angemessen: Ein messianischer Jude ist ein Jude, der an Jesus, d. h. den Messias Israels glaubt, und sich dabei als Teil des jüdischen Volkes und seiner Traditionen versteht. Ich kann deshalb nicht sagen, dass das rabbinische Judentum Blödsinn ist – es ist Teil meines Erbes, es ist auch Teil meiner Traditionen. Aber ich habe auch nicht genug Beziehung zu ihm, um es voll zu übernehmen.

So wird zum Teil kritisiert, dass manche jüdischen Traditionen anti-messianisch sind, wie zum Beispiel einige Gebete.

Ja, es gibt Gebete, die ich nicht mit gutem Gewissen beten kann – dann bete ich sie nicht. Unser Volk hat viel Gutes aufgebaut – traditionell, rabbinisch oder geistlich. Aber wir haben auch viele Schwachpunkte dabei. Und das ist menschlich.

Die messianische Bewegung in Deutschland ist etwas Besonderes. Könntest du kurz ihre Geschichte skizzieren?

Es kamen hunderttausende Juden nach Deutschland, hauptsächlich aus der ehemaligen Sowjetunion, weil Deutschland sie eingeladen hat. Es kamen auch viele Israelis nach Deutschland, mehr und mehr. So besteht die jüdische Bevölkerung in Deutschland zu mehr als 80% aus Migranten. Und das hat die messianische Bewegung hier in Deutschland beeinflusst und gewaltig verändert. Und dann kam es zu einer Erweckung…

Woher kam diese deiner Meinung nach? Von der geistlichen Leere, die der Kommunismus hinterlassen hatte?

Was hat man in Ostdeutschland damals unterrichtet? Atheismus pur. Und dann kam die Wende. Und jetzt sagt man immer noch, dass Ostdeutschland das atheistischste Land der Welt ist. Mit der Leere der Vergangenheit hat das also überhaupt nichts zu tun. 8 von 100 Ostdeutschen glauben an einen persönlichen Gott – und die Wende hat daran nichts geändert. Die Erweckung hat also nichts mit der Wende zu tun. Es ist eine Offenbarung Gottes. Man kann es nicht systematisieren, man kann es nicht logisch erklären. Damals kamen Menschen in Strömen zu uns, weil sie sich bekehren wollten. Wir fragten uns wie damals bei Petrus: „Was sollen wir tun?“

Ist die Tendenz immer noch steigend?

Nein, seit zehn Jahren nicht mehr. Die Erweckung unter russischsprachigen Juden ist jetzt vorbei, jetzt ist harte evangelistische Arbeit an der Reihe. Es kommen Leute zum Glauben, aber nicht in so gewaltigen Mengen. Das heißt nicht, dass wir unseren Dienst aufhören sollen – es ist wie beim Surfen oder Skilaufen. Man fährt runter – und dann muss man wieder hoch. Jetzt spricht man allerdings von einer Erweckung unter Israelis in Israel. Von dort könnte es wieder nach Deutschland kommen. Ich kann mir vorstellen, dass bald mehrere messianische Gemeinden statt Russisch Hebräisch sprechen.

Wie viele messianische Juden gibt es denn heute in Deutschland?

Man spricht von bis zu 1000 Juden, die zu messianischen Gemeinden gehören. Aber es gibt viele an Jesus glaubende Juden, die sich weiterhin als Juden identifizieren und die in verschiedenen Kirchen und Freikirchen zuhause sind.

Und wie viele Juden gibt es ungefähr in Deutschland?

Das kann ich nicht genau sagen. Es kamen 300.000 oder mehr aus der ehemaligen Sowjetunion, dazu gibt es zehntausende Israelis, Juden, die schon vorher hier in Deutschland waren und welche, die aus Amerika oder anderen Ländern stammen. Dazu kommt die Frage, wie man einen Juden definiert. Über die jüdische Mutter allein? Wenn auch der jüdische Vater zählt, vergrößert sich die Zahl. Wenn jeder, der von einer jüdischen Mutter oder von einem jüdischen Vater stammt, Jude ist, dann kommen wir leicht auf 300.000 Juden in Deutschland. Und es gibt Gentests, die besagen, dass jeder zehnte Deutsche jüdisches Blut hat. Man kann nachlesen, dass sich allein in Berlin in 200 Jahren (von ca. 1650 bis 1830) mehr als 1 Million Juden taufen ließen (aus dem Buch: How Jews became Germans). Ich kenne viele Deutsche, die vor einiger Zeit erst erfahren haben, dass sie jüdisches Blut haben, weil die Großeltern nie darüber sprechen wollten. Deswegen gibt es viele Faktoren.

Was können messianische Juden und nichtjüdische Christen voneinander lernen?

Christen können von messianischen Juden lernen, Jesus als König der Juden in den Mittelpunkt zu stellen, in Vorbereitung des Reiches; auch viel über ihre jüdische Wurzeln, um die Bibel zu verstehen. Es erfrischt das geistliche Leben, wenn man das entdeckt. Was wir als messianische Juden von Christen lernen können, ist Hingabe. Wenn man hier auf der Konferenz das Gebet für Israel betrachtet, gibt es kaum messianische Juden, sondern fast nur Christen. Diese Geistlichkeit, die altchristliche Hingabe im Gebet, müssen wir noch von euch lernen bzw. hier ergänzen wir uns. Wir sind jung, wir sind schwach, wir sind immer noch im Wandel, was unsere Identität betrifft, wir haben Probleme mit Minderwertigkeitskomplexen, und damit, dass wir von allen Seiten abgelehnt werden. Christen scheinen normalerweise stabiler, und diese Stabilität hält uns und da können wir von Christen lernen. Aber natürlich von Christen, die sich hingeben.

Und was denkst du, wie wird die Beziehung zwischen Juden und Christen aussehen, wenn Jesus wiederkommt? Werden die Differenzen komplett aufgehoben werden? Hast du eine Idee?

Nein, keine Idee, für die ich meine Hand ins Feuer legen würde. Aber wir werden zusammen herrschen und es gibt Bibelstellen, die darauf hinweisen, dass es sogar möglich ist, dass Menschen aus anderen Völkern zu Leviten und Priestern werden. Aber lassen wir uns überraschen. Doch natürlich wird es keine Menschen zweiter Klasse geben. Wir werden alle gleich sein. Dennoch wird es sicher verschiedene Sprachen, Kulturen und ethnische Gruppen geben. Die Völker verschwinden nicht alle in einem Topf. Das Reich Gottes wird bunt, nicht eine Farbe. Ich glaube, dass es nicht nur eine Sprache, das Hebräische, geben wird, sondern verschiedene Zungen und Sprachen, die ihn bekennen. Ich sehe unsere Einheit in der Vielfalt von unseren Gaben und Berufungen.

Und was sind, wenn wir über die Zukunft Israels sprechen, deine konkreten eschatologischen Vorstellungen in Bezug auf die Offenbarung?

Ich habe am Dallas Theological Seminary studiert, aber natürlich muss ich nicht alle ihre Ansichten teilen. Ich würde automatisch immer noch sagen, es gibt ein tausendjähriges Reich und dann geht es weiter. Aber grundsätzlich weiß ich es nicht mehr so genau. Wir lesen von einem neuen Himmel und einer neuen Erde in der Offenbarung. Wir lesen auch von der Grenze zwischen den 1000 Jahren und was danach kommt. Es kann sein, dass die 1000 Jahre schon die Ewigkeit bedeuten. Ich bin mir überhaupt nicht sicher, aber ich werde auf keinen Fall enttäuscht werden. In meinem Leben ändert das nicht viel. Ich meine, ob es ein 1000-jähriges Reich gibt, und es dann weitergeht, oder ob es kein 1000-jähriges Reich gibt und es gleich weitergeht, das ändert an meinem Leben heutzutage nichts! Am besten ist es, wenn wir Theologie mit praktischen Auswirkungen betreiben. Auch was die Entrückung der Gemeinde betrifft, gibt es verschiedene Ansichten – das könnte vielleicht schon praktischer werden.

Glaubst du, dass messianische Juden in der Gefahr stehen, die Bibel zu sehr auf politische Ereignisse, z. B. in Israel, zu beziehen, statt auf ihr persönliches geistliches Leben?

Das ist unterschiedlich. Es gibt natürlich viele, die so sind. Aber Juden sind, auch was Israel betrifft, viel weniger politisiert, als viele Christen. Christen haben eher politische Meinungen dazu, sie sind entweder pro oder contra. Messianische Juden in Deutschland sind nicht so stark politisiert. Wir sind zionistisch, aber nicht politisch zionistisch. Wir unterstützen Israel, wir sind biblisch fundiert, aber nicht politisiert. Wenn wir für Frieden in Israel beten, dann schließen wir selbstverständlich auch die Araber mit ein. Das versteht man in christlich-zionistisch Kreisen nicht so deutlich. Aber wir sind politisch gesehen viel offener als Christen.

Hast du Kontakte zu Arabern oder Moslems?

Christliche Araber, klar.

Wie ist deren Beziehung zu messianischen Juden?

Es gibt nur wenige, die nicht anti-israelisch sind. Meistens sind sie sehr indoktriniert. Die messianischen Juden sind oft viel toleranter und offener als arabische Christen.

Dein Statement war klar: Auch die Araber bzw. wer auch immer in dem Land lebt, gehört dazu. Ist die Voraussetzung dafür die Versöhnung?

Die Voraussetzung ist nicht die Versöhnung, die Voraussetzung ist Jesus, und Hingabe, Glauben an ihn, Leben mit ihm. Versöhnung ist die Konsequenz, eine Wirkung davon, aber sie ist nicht das Ziel.

Wenn du sagst, dass die Grenzen und der Gehorsam zusammenhängen, wie ist das mit der Gnadenlehre in Einklang zu bringen, nach der uns Gottes Gnade vom Gesetz befreit hat?

Die Gnade Gottes hat uns nicht vom Gesetz befreit, sondern vom Fluch der Sünde. Was heißt das denn, dass wir frei vom Gesetz sind? Das ist irgendwie verwirrend. Sagen wir: „Danke, Herr, du hast mich endlich freigemacht, Schweinefleisch zu essen?“ Jesus ist nicht gestorben, damit ich Schweinefleisch essen kann oder damit ich nicht mehr als Jude lebe. „Was für eine Freiheit! Ich habe mein ganzes Leben lang davon geträumt, Schweinefleisch zu essen!“ Ich habe 27 Jahre meines Lebens alles gegessen, und dann als messianischer Jude aufgehört, alles zu essen – und habe damit erst meine Freiheit gefunden. Vorher war ich ein Sklave davon.

Würdest du also sagen, dass Israel zum Glauben an Jesus kommt und dann dadurch die verheißenen Landesgrenzen erhält, weil es gehorsam ist?

Ja. Das Land gehört Israel. Aber die Grenze ist damit verbunden, wie Israel lebt, wie die Juden leben, von unserem Gehorsam – nicht von Gottes Gnade. Auch Fremdlinge dürfen im Land leben, aber die Bedingungen gelten für Araber wie auch für Juden. Die Juden haben heute noch Anspruch darauf, in Israel zu leben. Es gibt Christen, die zum Beispiel bei der „Christ at the Checkpoint“-Konferenz involviert sind, die sagen: „Ja, es war versprochen, aber Israel ist sündig und die Juden haben nur das Recht dort zu leben, wenn sie gerecht und ohne Sünde sind.“ Nein, Juden haben auch heute das Recht, dort zu leben, aber über zwei Sachen dürfen sie nicht klagen: Erstens, dass die Grenzen zu schmal sind und zweitens, dass es keinen Frieden gibt. Die beiden Sachen werden bleiben, bis die Juden zurück zu Gott kommen.

Würdest du sagen, dass der politische und soziale Unfrieden eine Konsequenz aus ihrem Handeln ist, und dass Gott sie bestraft, um sie zu ihm zurückzuführen?

Sagen wir so: Es ist eine Strafe Gottes. Ich weiß nicht, ob um sie zu ihm zurückzuführen, um Gnade zu zeigen oder was auch immer. Wie heute während des Gottesdienstes gesagt: Daniel hat begriffen, was in der Thora beschrieben wurde. Es ist eine Strafe – leider. Auch der Holocaust ist eine Strafe. Es ist dramatisch, es ist traurig, es tut weh. Aber mit Gott macht man keine Witze.

Und was bedeutet dann „ganz Israel“ (Römer 11,26) für dich? Wer genau wird gerettet werden?

Es geht um Israel. Paulus zitiert Jesaja, es geht in Römer 9-11 um die Juden nach dem Fleisch. Wenn Jeschua zurückkommt, gießt Gott seinen Geist auf die Juden und sie werden gläubig. Aber „ganz Israel“ schließt nicht alle Juden aller Zeiten ein, sondern nur die Juden, die in der Zeit leben werden.

Du hast in deinem Vortrag viele alttestamentliche Stellen zitiert. Wieso spricht deiner Meinung nach Jesus weniger von materiellen Verheißungen? Was meint er mit „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (Johahnnes 18,36)?

Ich trenne nicht zwischen Materiellem und Spirituellem. Es vermischt sich, wie bei unserem Geist und Körper: Wenn wir krank sind und Fieber haben, ist auch unser Geist betroffen. Wenn unser Geist bedrückt ist, erhöht sich die Chance, dass auch unser Körper krank wird. Ich finde das nicht biblisch, eigentlich eher griechisch, das Geistliche vom Irdischen oder Physischen zu trennen. Ich trenne das nicht. Wir müssen unseren Geist, aber auch unseren Körper pflegen. Wir müssen geistig die Erde verändern, aber auch physisch die Erde verbessern.

Vielen Dank für das Interview!

 (bs/jp)

 

Fotos: © privat

Was bewegt palästinensische Frauen dazu, ihre Kinder zu verlassen, um für ihr Volk einen Anschlag zu verüben, der sie das Leben kosten kann?

Die jüdische Regisseurin Natalie Assouline besucht diese Frauen in einem israelischen Gefängnis und fragt nach ihrer Geschichte, ihren Beweggründen, ihren Hoffnungen. Herausgekommen ist ein Dokumentarfilm, der bewegend und schockierend zugleich ist.

“Shahida – Allahs Bräute” ist auf Youtube abrufbar und wird am kommenden Sonntag, den 3. März, um 20h15 auf 3sat ausgestrahlt.

 

Weitere wertvolle Fernsehtipps rund um Israel und das Judentum finden Sie übrigens jeden Monat auf der Seite von Hagalil: http://www.hagalil.com/archiv/2013/02/28/fernsehtipps-81/

(jp)

Der stellvertretende israelische Außenminister Danny Ajalon, bekannt für seine professionelle Nutzung der Social Media zu politischen Zwecken, kritisierte letzte Woche in Genf die UNO für ihren Umgang mit der palästinensischen Flüchtlingsproblematik.

Ajalon zufolge würde die Situation von palästinensischen Flüchtlingen absichtlich ohne Lösung aufrecht erhalten, weil die arabischen Staaten dieses als „offene Wunde“ und „Waffe gegen Israel“ behalten wollten. Beispielsweise ermutige laut Ajalon die neben dem UN-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR eigens für die Flüchtlinge Palästinas gegründete Agentur UNRWA diese nicht dazu – wie alle anderen Flüchtlinge weltweit -, sich in ihrem Gastland zu integrieren.

Der jüdische Minister veröffentlichte zu dieser Thematik ein Video mit dem Titel „Die Wahrheit über die Flüchtlinge“, welches nach „Die Wahrheit über das Westjordanland“ und „Die Wahrheit über den Friedensprozess“ bereits das dritte dieser Art ist. Als ein Puzzleteil zur Meinungsbildung in dieser komplexen Thematik kann Ajalons Video mit deutschen Untertiteln (dazu auf „CC“ klicken und „Deutsch“ wählen)  hier abgerufen werden.

(jp)

Quelle: http://www.israelnetz.com/themen/aussenpolitik/artikel-aussenpolitik/datum/2011/12/09/ajalon-im-video-die-wahrheit-ueber-die-fluechtlinge/