Israels Zukunft – Wladimir Pikman

Israels Zukunft – Wladimir Pikman

 Jüdisch-messianische Israelkonferenz Berlin

17. November 2012

 

Er ist sympathisch, dieser junge messianische Leiter, mit seiner Mischung aus ernsthafter Leidenschaft und spitzbübischem Humor. Wladimir Pikmans Vortrag über die Zukunft Israel wurde gespannt erwartet, schließlich ist es das, worum sich letztendlich alles dreht: Welche alttestamentlichen Verheißungen werden wann auf welche Weise erfüllt werden? Wie können wir die abendliche Tagesschau deuten? Dies sind wichtige Fragen und wir müssen vielleicht zugeben, dass ohne solch eschatologisch-mathematischen Spekulationen womöglich der ein oder andere israelfreundliche Christ – zumindest ein bisschen – seinen Spaß an der Sache verlieren würde. Pikman geht auf solche Detailfragen nicht ein, aber enttäuscht sein Publikum dennoch nicht. Er beginnt provokativ, indem er zunächst – wie viele auf dieser Konferenz vor ihm – einige entscheidende die Landesverheißung betreffende Texte an die Wand projiziert:

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Nun Pikmans Erläuterung: Die im ersten Text genannten Völker leben heute in Ägypten, Libanon, Syrien und großen Teilen der Türkei, des Irak und Saudi-Arabiens. Den im zweiten Text enthaltenen Hinweis auf das schwer zu lokalisierende Schilfmeer bezieht Pikman auf die arabische Halbinsel. Hier finden Sie die von Pikman in dem Zuge gezeigte Landkarte. Das Problem dieser Landesgrenzen: „Hier fehlt mir die Türkei – die mag ich auch“. Eine letzte Lösung kommt mit einer Karte der in Deuteronomium 11,24 beschriebenen Grenzen (Karte hier), welche Pikmans Interpretation zufolge die gesamte arabische Halbinsel einschließt, darunter Saudi-Arabien, Jemen und die Vereinige Arabische Emirate. Sein Kommentar: „Dort passen wir alle rein und so soll es auch sein!“ Das Publikum ist begeistert. Und wenn Gott die Grenzen so weit ausweitet, könne dies letztendlich vielleicht sogar Deutschland einschließen, mutmaßt Pikman gegen Ende seines Vortrages weiter, und schiebt angesichts des lachenden Publikums nach: „Ich finde das auch lustig und amüsant!“

Pikman erläuert die Karte zu den zukünftigen israelischen Grenzen

Pikman erläuert die Karte zu den zukünftigen israelischen Grenzen

Sofort greift der messianische Leiter den möglichen Einwand auf, die genannten Prophezeiungen hätten sich unter König Salomo bereits erfüllt. Nein, Israel habe noch nie über all diese Gebiete die Kontrolle gehabt. Ein Grund dafür sei der Ungehorsam des Volkes nach Deuteronomium 19,8-9. Deswegen finde man auch so unterschiedliche bzw. widersprüchliche Beschreibungen der Grenzen – es lohne sich nicht darüber zu streiten, weil sie flexibel und abhängig vom Verhalten der Juden seien. Dementsprechend schmal seien die Grenzen Israels heute. Sicher ist jedoch: „Das Land ist den Juden für immer und ewig versprochen, und denen, die von ihnen abstammen!“

Nach diesem ersten, sehr deutlichen Punkt, bringt der charismatische Redner einen zweiten, aber nicht minder überraschenden. Mit Hesekiel 47,21-23 verkündet er, dass auch die Araber das Recht hätten in Israel zu leben: „… so sollt ihr die Fremdlinge, die bei euch wohnen und Kinder unter euch zeugen, halten wie die Einheimischen unter den Israeliten; mit euch sollen sie ihren Erbbesitz erhalten unter den Stämmen Israels, und ihr sollt auch ihnen ihren Anteil am Lande geben, jedem bei dem Stamm, bei dem er wohnt“. Die Begeisterung des Publikums hält sich diesmal in Grenzen. Damit hatte keiner gerechnet. Doch Pikman führt fort: „Biblisch gesehen sollten wir uns eher bemühen, sie zu Gott zu führen, als sie aus dem Land zu vertreiben!“ Eine erfreuliche Aussage, die allerdings angesichts des christlichen Gebots der Nächstenliebe, der Rechte der Fremdlinge im AT u.a. selbstverständliche sein sollte. Alles andere – etwa die Forderung nach der Vertreibung der Palästinenser, die in christlich-zionistischen Kreisen ab und zu zu verlauten ist – wäre deplaziert gewesen.

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Ein mit großem Enthusiasmus gehaltener Vortrag von Pikman

Leider geht der gebürtige Ukrainer nicht näher auf die Bedingungen für dieses Zusammenleben ein, doch scheint für ihn relativ klar zu sein, dass der Glaube an den Gott Israels und die Anerkennung seines Messias die grundlegenden Voraussetzungen für diese Einladung sind. Denn es wird unseres Erachtens in der Thora zweierlei deutlich: Erstens, der Schutz des Fremden, der nicht unterdrückt, sondern geliebt werden soll – weil das Volk Israel selbst in der Fremde war (vgl. Exodus 22,20; 23,9; Deuteronomium 10,18-19 u.a.). Zweitens die Einschließung der Fremdlinge in einen Großteil der Gesetzesvorschriften (vgl. 12,19; 43ff.; Levitikus 17,10ff.; Numeri 15,26ff. uva.), was zwangsläufig Gehorsam gegenüber dem Gott Israels bedeutete. So wurde die Lästerung des Namens Jahwes mit dem Tod bestraft (Levitikus 24,16). Für Juden wie Araber gelten laut Pikman die gleichen Bedingungen. Und er betont deshalb: „Wir sollten nicht xenophobisch werden“, sondern „die Arme weit ausstrecken“. Das ist in der Tat eine Mahnung, die angesichts der manchmal zu polemischen Zwischenrufe seitens des Publikums fast notwendig erscheint.

Es folgt eine Aneinanderreihung von Bibelversen, mit denen der messianische Leiter möglicherweise doch ein wenig erläutern will, wie man sich die bevorstehende Endzeit vorzustellen hat, doch bleibt er bezüglich eines chronologischen Ablaufs vorsichtig – vielleicht ist dies gut so. Pikman hebt in jedem Fall hervor, dass in der Zeit, in der die Juden aus der Zerstreuung in Israel gesammelt sind und der Messias von dort aus regieren wird (Jeremia 30,10), dieser das Land und seine Bewohner inmitten von Kriegen und Katastrophen beschützen werde (Hesekiel 20,41f.; 39,28; Joel 3,16f.; Sacharja 12,8; Matthäus 24 – wobei hier der Bezug unklar bleibt). Aber hier kommt es wieder: „Diese Zukunft gehört nicht nur den Juden allein!“ Hoffentlich hatte nie jemand im Saal etwas anderes erwartet.

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Pikman bei seinem Vortrag

Pikman schließt: „Zurück in die Zukunft“, so sollte unser Motto lauten. „Wenn wir“ – damit meint er die Juden – „zurück zu ihm kommen, blicken wir in die Zukunft. Die Zukunft gehört uns. In Jeschua Hamaschiach, in Jesus Christus.“ Er erläutert bedauerlicherweise nicht, inwiefern die Zukunft den Juden gehört. Schade auch, dass eine der herausforderndsten und umstrittensten Fragen, die der Deutung von Römer 11,26 („dann wird ganz Israel gerettet werden“), in Pikmans Vortrag nicht behandelt wird. Auch bei ihm lag der Schwerpunkt auf den materiell greifbaren – und vielleicht deshalb so verführerischen und interessanteren? – Verheißungen Gottes.

(jp)

 

Interview mit Wladimir Pikman

 

Wie empfandest du die Konferenz bis jetzt?

„Sehr gut. Mit Gottes Gnade erreichen wir unser Ziel.“

Was ist denn das Ziel der Konferenz?

„Erstens, dass die Konferenz nicht nur für uns allein ist, sondern auch für andere. Zweitens wollten wir unsere Position Israel gegenüber zeigen. Drittens wollten wir in unserer Einheit auch ein Beispiel sein,  das bei der Welt ein Zeugnis bewirkt.

Also wurden diese Ziele deiner Meinung nach erreicht?

Ja, es ist uns gelungen, das alles in harmonischer Einheit zu machen als messianische Leiter, ohne Konflikte, mit Liebe und Respekt zueinander: Unsere Botschaft, unsere Vorträge, unsere Workshops, unser Lobpreis haben Resonanz in den Herzen der Menschen gefunden. Und die Heidenchristen fühlen sich hier bei dieser Konferenz zuhause. Und das, obwohl es eine jüdisch-messianische Konferenz ist. Unser Ziel war nicht, es Menschen hier gemütlich zu machen, aber es geschieht einfach.

Wurden die Gemeinden aus dem Berliner Umkreis auch eingeladen?

Ja, wir haben nicht alle, aber viele Berliner Gemeinden und Werke aus ganz Deutschland eingeladen. Ich habe hunderte von Briefen von Hand unterschrieben. Einige haben zurückgeschrieben und sich entschuldigt, dass sie nicht kommen. Aber ich bin natürlich traurig, dass nur ein paar aus dieser Gemeinde hier gekommen sind. Wir haben sogar eine persönliche Einladung an die meisten Rabbiner geschickt. Es ist keiner gekommen, aber gleichzeitig kamen auch keine negative Reaktionen.

Denkst du, auch wenn man die Teilnehmer dieser Konferenz betrachtet, dass Pfingst- oder charismatische Gemeinden offener für messianische Juden sind?

Ja, aber nicht nur charismatische und Pfingstgemeinden, sondern auch charismatische Erneuerungen in der evangelischen oder in der katholischen Kirche. Egal welche Kirche, charismatische Erneuerungen sind offener. Und dabei sehe ich auch einen geistlichen Hintergrund. Wenn Menschen erneuert sind, wenn man Gott tatsächlich neu erlebt hat, wird man offen dafür.

Auf der Konferenz war viel von der Ersatztheologie die Rede. Kennst du und wenn ja, was hältst du von moderaten Vertretern, die beispielsweise Israel nach wie vor eine Rolle in Gottes Heilsplan einordnen, aber auch die Kirche als neues Gottesvolk sehen?

Meine Position ist: Die Kirche oder Gemeinde besteht aus Juden, die an Jesus glauben, und allen anderen, die sich ihnen angeschlossen haben. Aber die Kirche ist nicht das neue Israel. Die Juden kommen in der Endzeit einfach zum Messias, und fangen an ihn anzubeten, und ihnen schließen sich alle anderen Völker an.

Du meinst, dass nach Epheser 2,14 der Zaun zwischen Juden und Heiden gebrochen ist?

Ja, wobei sich die Christen diesen Zaun oder diese Mauer so denken: Die Juden waren auf der einen und die Völker auf der anderen Seite. Dann ist die Mauer gefallen und die Juden kamen raus und bildeten mit den anderen Völkern einen neuen Menschen. Das ist aber nicht das, was in Epheser geschrieben steht. Die Mauer ist gefallen, damit andere Völker reinkommen können. Wir treffen uns im neuen Jerusalem, und dabei unterstreiche ich „Jerusalem“. Es ist wie in dem Gleichnis vom Ölbaum: Es ist kein neuer Baum, es ist ein uralter Baum. Und deswegen ist kein Ersatz möglich.

Was denkst du also, muss angesichts der letzten 2000 Jahre an Versöhnung zwischen Juden und Christen noch geschehen?

Es ist nichts Menschliches. Niemand kommt durch pure Logik zum Glauben, es ist immer ein Aha-Moment, jeder muss das erleben. Wenn man das nicht erlebt, ist es viel schwieriger. Aber es ist ein Werk Gottes. Und so geschieht es: Historisch gesehen ist das Problem, dass die Christen ihre Wurzeln verlassen und die Juden ihren Messias losgelassen haben. Die Christen müssen also zurück zu den Wurzeln des Baumes gehen und die Juden müssen wieder Anspruch auf ihren Messias erheben.

Ist deiner Meinung nach ein notwendiger Schritt für die Kirche, von dem “griechischen Denken” Abstand zu nehmen und sich neu auf das “jüdische Denken” zu besinnen?

Ja, dieses griechische Denken… Ich habe so viele charismatische Vorträge darüber gehört. Es ist zu spekulativ. Was versteht man unter „griechischem Denken“ und „jüdischem Denken“? Viele Juden damals waren ziemlich griechisch in ihren Gedanken, haben zum Beispiel Philo gelesen. Nein, man muss sich nicht in erster Linie vom griechischen Denken verabschieden. Man muss zurück zu den Wurzeln finden. Und da geht es nicht um das Denken in erster Linie, es geht um unsere Einstellung. In der westlichen Welt denkt man, dass alles im Denken ist – das ist falsch. Zuerst muss man sagen: „Wir gehören zu den jüdischen Wurzeln.“ Und dann: „Was heißt das eigentlich? Was sollen wir für uns entdecken? Juden sind in gewisser Weise auch unser Volk. Wir tragen eine gewisse Verantwortung dafür.“ Es ist nicht unbedingt geboten, jüdische Feste zu feiern, aber zumindest Bescheid darüber zu wissen – in Vorbereitung für das, was dann kommt.

Würdest du sagen, dass das messianische Judentum versucht, sich auf das Urchristentum zurückzubesinnen?

Nicht in jeder Hinsicht. Wir wissen nicht genau, wie man damals lebte, wir können nicht so leben wie damals und wir wollen nicht so leben wie damals. Ich genieße die Medizin von heute, das Licht von heute, die Kultur von heute in vielerlei Hinsicht, wo es nicht der Bibel widerspricht. Wir können es nicht, wir wollen es nicht, aber wo wir zum Urchristentum zurückkehren wollen, ist, dass wir als Juden Jesus in den Mittelpunkt stellen. Für die Kirche von damals war Jesus im Mittelpunkt. Und heute, wenn man die Kirche in Deutschland nimmt – lieber Gott! Man hört „Jesus“ nicht so oft.

Kritiker sagen, dass das messianische Judentum im Grunde orthodoxes Judentum mit Bezug auf Jeschua ist. Stimmt das oder versucht ihr, eure eigenen Traditionen zu finden?

Na ja, wir haben versucht, unsere eigenen Traditionen zu finden, aber es ist uns nicht gut gelungen. Auf der anderen Seite können wir auch nicht alle orthodoxen Traditionen übernehmen, auch deswegen, weil nicht viele von uns glauben, dass wir es machen müssen. Wir sind auf der Suche. Aber natürlich gab es Zeiten, in denen Judenchristen oder messianischen Juden sich vom rabbinischen Judentum abgrenzen und Zeiten, in denen sie sich ihm annähern wollten. Deswegen finde ich folgende Definition für uns angemessen: Ein messianischer Jude ist ein Jude, der an Jesus, d. h. den Messias Israels glaubt, und sich dabei als Teil des jüdischen Volkes und seiner Traditionen versteht. Ich kann deshalb nicht sagen, dass das rabbinische Judentum Blödsinn ist – es ist Teil meines Erbes, es ist auch Teil meiner Traditionen. Aber ich habe auch nicht genug Beziehung zu ihm, um es voll zu übernehmen.

So wird zum Teil kritisiert, dass manche jüdischen Traditionen anti-messianisch sind, wie zum Beispiel einige Gebete.

Ja, es gibt Gebete, die ich nicht mit gutem Gewissen beten kann – dann bete ich sie nicht. Unser Volk hat viel Gutes aufgebaut – traditionell, rabbinisch oder geistlich. Aber wir haben auch viele Schwachpunkte dabei. Und das ist menschlich.

Die messianische Bewegung in Deutschland ist etwas Besonderes. Könntest du kurz ihre Geschichte skizzieren?

Es kamen hunderttausende Juden nach Deutschland, hauptsächlich aus der ehemaligen Sowjetunion, weil Deutschland sie eingeladen hat. Es kamen auch viele Israelis nach Deutschland, mehr und mehr. So besteht die jüdische Bevölkerung in Deutschland zu mehr als 80% aus Migranten. Und das hat die messianische Bewegung hier in Deutschland beeinflusst und gewaltig verändert. Und dann kam es zu einer Erweckung…

Woher kam diese deiner Meinung nach? Von der geistlichen Leere, die der Kommunismus hinterlassen hatte?

Was hat man in Ostdeutschland damals unterrichtet? Atheismus pur. Und dann kam die Wende. Und jetzt sagt man immer noch, dass Ostdeutschland das atheistischste Land der Welt ist. Mit der Leere der Vergangenheit hat das also überhaupt nichts zu tun. 8 von 100 Ostdeutschen glauben an einen persönlichen Gott – und die Wende hat daran nichts geändert. Die Erweckung hat also nichts mit der Wende zu tun. Es ist eine Offenbarung Gottes. Man kann es nicht systematisieren, man kann es nicht logisch erklären. Damals kamen Menschen in Strömen zu uns, weil sie sich bekehren wollten. Wir fragten uns wie damals bei Petrus: „Was sollen wir tun?“

Ist die Tendenz immer noch steigend?

Nein, seit zehn Jahren nicht mehr. Die Erweckung unter russischsprachigen Juden ist jetzt vorbei, jetzt ist harte evangelistische Arbeit an der Reihe. Es kommen Leute zum Glauben, aber nicht in so gewaltigen Mengen. Das heißt nicht, dass wir unseren Dienst aufhören sollen – es ist wie beim Surfen oder Skilaufen. Man fährt runter – und dann muss man wieder hoch. Jetzt spricht man allerdings von einer Erweckung unter Israelis in Israel. Von dort könnte es wieder nach Deutschland kommen. Ich kann mir vorstellen, dass bald mehrere messianische Gemeinden statt Russisch Hebräisch sprechen.

Wie viele messianische Juden gibt es denn heute in Deutschland?

Man spricht von bis zu 1000 Juden, die zu messianischen Gemeinden gehören. Aber es gibt viele an Jesus glaubende Juden, die sich weiterhin als Juden identifizieren und die in verschiedenen Kirchen und Freikirchen zuhause sind.

Und wie viele Juden gibt es ungefähr in Deutschland?

Das kann ich nicht genau sagen. Es kamen 300.000 oder mehr aus der ehemaligen Sowjetunion, dazu gibt es zehntausende Israelis, Juden, die schon vorher hier in Deutschland waren und welche, die aus Amerika oder anderen Ländern stammen. Dazu kommt die Frage, wie man einen Juden definiert. Über die jüdische Mutter allein? Wenn auch der jüdische Vater zählt, vergrößert sich die Zahl. Wenn jeder, der von einer jüdischen Mutter oder von einem jüdischen Vater stammt, Jude ist, dann kommen wir leicht auf 300.000 Juden in Deutschland. Und es gibt Gentests, die besagen, dass jeder zehnte Deutsche jüdisches Blut hat. Man kann nachlesen, dass sich allein in Berlin in 200 Jahren (von ca. 1650 bis 1830) mehr als 1 Million Juden taufen ließen (aus dem Buch: How Jews became Germans). Ich kenne viele Deutsche, die vor einiger Zeit erst erfahren haben, dass sie jüdisches Blut haben, weil die Großeltern nie darüber sprechen wollten. Deswegen gibt es viele Faktoren.

Was können messianische Juden und nichtjüdische Christen voneinander lernen?

Christen können von messianischen Juden lernen, Jesus als König der Juden in den Mittelpunkt zu stellen, in Vorbereitung des Reiches; auch viel über ihre jüdische Wurzeln, um die Bibel zu verstehen. Es erfrischt das geistliche Leben, wenn man das entdeckt. Was wir als messianische Juden von Christen lernen können, ist Hingabe. Wenn man hier auf der Konferenz das Gebet für Israel betrachtet, gibt es kaum messianische Juden, sondern fast nur Christen. Diese Geistlichkeit, die altchristliche Hingabe im Gebet, müssen wir noch von euch lernen bzw. hier ergänzen wir uns. Wir sind jung, wir sind schwach, wir sind immer noch im Wandel, was unsere Identität betrifft, wir haben Probleme mit Minderwertigkeitskomplexen, und damit, dass wir von allen Seiten abgelehnt werden. Christen scheinen normalerweise stabiler, und diese Stabilität hält uns und da können wir von Christen lernen. Aber natürlich von Christen, die sich hingeben.

Und was denkst du, wie wird die Beziehung zwischen Juden und Christen aussehen, wenn Jesus wiederkommt? Werden die Differenzen komplett aufgehoben werden? Hast du eine Idee?

Nein, keine Idee, für die ich meine Hand ins Feuer legen würde. Aber wir werden zusammen herrschen und es gibt Bibelstellen, die darauf hinweisen, dass es sogar möglich ist, dass Menschen aus anderen Völkern zu Leviten und Priestern werden. Aber lassen wir uns überraschen. Doch natürlich wird es keine Menschen zweiter Klasse geben. Wir werden alle gleich sein. Dennoch wird es sicher verschiedene Sprachen, Kulturen und ethnische Gruppen geben. Die Völker verschwinden nicht alle in einem Topf. Das Reich Gottes wird bunt, nicht eine Farbe. Ich glaube, dass es nicht nur eine Sprache, das Hebräische, geben wird, sondern verschiedene Zungen und Sprachen, die ihn bekennen. Ich sehe unsere Einheit in der Vielfalt von unseren Gaben und Berufungen.

Und was sind, wenn wir über die Zukunft Israels sprechen, deine konkreten eschatologischen Vorstellungen in Bezug auf die Offenbarung?

Ich habe am Dallas Theological Seminary studiert, aber natürlich muss ich nicht alle ihre Ansichten teilen. Ich würde automatisch immer noch sagen, es gibt ein tausendjähriges Reich und dann geht es weiter. Aber grundsätzlich weiß ich es nicht mehr so genau. Wir lesen von einem neuen Himmel und einer neuen Erde in der Offenbarung. Wir lesen auch von der Grenze zwischen den 1000 Jahren und was danach kommt. Es kann sein, dass die 1000 Jahre schon die Ewigkeit bedeuten. Ich bin mir überhaupt nicht sicher, aber ich werde auf keinen Fall enttäuscht werden. In meinem Leben ändert das nicht viel. Ich meine, ob es ein 1000-jähriges Reich gibt, und es dann weitergeht, oder ob es kein 1000-jähriges Reich gibt und es gleich weitergeht, das ändert an meinem Leben heutzutage nichts! Am besten ist es, wenn wir Theologie mit praktischen Auswirkungen betreiben. Auch was die Entrückung der Gemeinde betrifft, gibt es verschiedene Ansichten – das könnte vielleicht schon praktischer werden.

Glaubst du, dass messianische Juden in der Gefahr stehen, die Bibel zu sehr auf politische Ereignisse, z. B. in Israel, zu beziehen, statt auf ihr persönliches geistliches Leben?

Das ist unterschiedlich. Es gibt natürlich viele, die so sind. Aber Juden sind, auch was Israel betrifft, viel weniger politisiert, als viele Christen. Christen haben eher politische Meinungen dazu, sie sind entweder pro oder contra. Messianische Juden in Deutschland sind nicht so stark politisiert. Wir sind zionistisch, aber nicht politisch zionistisch. Wir unterstützen Israel, wir sind biblisch fundiert, aber nicht politisiert. Wenn wir für Frieden in Israel beten, dann schließen wir selbstverständlich auch die Araber mit ein. Das versteht man in christlich-zionistisch Kreisen nicht so deutlich. Aber wir sind politisch gesehen viel offener als Christen.

Hast du Kontakte zu Arabern oder Moslems?

Christliche Araber, klar.

Wie ist deren Beziehung zu messianischen Juden?

Es gibt nur wenige, die nicht anti-israelisch sind. Meistens sind sie sehr indoktriniert. Die messianischen Juden sind oft viel toleranter und offener als arabische Christen.

Dein Statement war klar: Auch die Araber bzw. wer auch immer in dem Land lebt, gehört dazu. Ist die Voraussetzung dafür die Versöhnung?

Die Voraussetzung ist nicht die Versöhnung, die Voraussetzung ist Jesus, und Hingabe, Glauben an ihn, Leben mit ihm. Versöhnung ist die Konsequenz, eine Wirkung davon, aber sie ist nicht das Ziel.

Wenn du sagst, dass die Grenzen und der Gehorsam zusammenhängen, wie ist das mit der Gnadenlehre in Einklang zu bringen, nach der uns Gottes Gnade vom Gesetz befreit hat?

Die Gnade Gottes hat uns nicht vom Gesetz befreit, sondern vom Fluch der Sünde. Was heißt das denn, dass wir frei vom Gesetz sind? Das ist irgendwie verwirrend. Sagen wir: „Danke, Herr, du hast mich endlich freigemacht, Schweinefleisch zu essen?“ Jesus ist nicht gestorben, damit ich Schweinefleisch essen kann oder damit ich nicht mehr als Jude lebe. „Was für eine Freiheit! Ich habe mein ganzes Leben lang davon geträumt, Schweinefleisch zu essen!“ Ich habe 27 Jahre meines Lebens alles gegessen, und dann als messianischer Jude aufgehört, alles zu essen – und habe damit erst meine Freiheit gefunden. Vorher war ich ein Sklave davon.

Würdest du also sagen, dass Israel zum Glauben an Jesus kommt und dann dadurch die verheißenen Landesgrenzen erhält, weil es gehorsam ist?

Ja. Das Land gehört Israel. Aber die Grenze ist damit verbunden, wie Israel lebt, wie die Juden leben, von unserem Gehorsam – nicht von Gottes Gnade. Auch Fremdlinge dürfen im Land leben, aber die Bedingungen gelten für Araber wie auch für Juden. Die Juden haben heute noch Anspruch darauf, in Israel zu leben. Es gibt Christen, die zum Beispiel bei der „Christ at the Checkpoint“-Konferenz involviert sind, die sagen: „Ja, es war versprochen, aber Israel ist sündig und die Juden haben nur das Recht dort zu leben, wenn sie gerecht und ohne Sünde sind.“ Nein, Juden haben auch heute das Recht, dort zu leben, aber über zwei Sachen dürfen sie nicht klagen: Erstens, dass die Grenzen zu schmal sind und zweitens, dass es keinen Frieden gibt. Die beiden Sachen werden bleiben, bis die Juden zurück zu Gott kommen.

Würdest du sagen, dass der politische und soziale Unfrieden eine Konsequenz aus ihrem Handeln ist, und dass Gott sie bestraft, um sie zu ihm zurückzuführen?

Sagen wir so: Es ist eine Strafe Gottes. Ich weiß nicht, ob um sie zu ihm zurückzuführen, um Gnade zu zeigen oder was auch immer. Wie heute während des Gottesdienstes gesagt: Daniel hat begriffen, was in der Thora beschrieben wurde. Es ist eine Strafe – leider. Auch der Holocaust ist eine Strafe. Es ist dramatisch, es ist traurig, es tut weh. Aber mit Gott macht man keine Witze.

Und was bedeutet dann „ganz Israel“ (Römer 11,26) für dich? Wer genau wird gerettet werden?

Es geht um Israel. Paulus zitiert Jesaja, es geht in Römer 9-11 um die Juden nach dem Fleisch. Wenn Jeschua zurückkommt, gießt Gott seinen Geist auf die Juden und sie werden gläubig. Aber „ganz Israel“ schließt nicht alle Juden aller Zeiten ein, sondern nur die Juden, die in der Zeit leben werden.

Du hast in deinem Vortrag viele alttestamentliche Stellen zitiert. Wieso spricht deiner Meinung nach Jesus weniger von materiellen Verheißungen? Was meint er mit „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (Johahnnes 18,36)?

Ich trenne nicht zwischen Materiellem und Spirituellem. Es vermischt sich, wie bei unserem Geist und Körper: Wenn wir krank sind und Fieber haben, ist auch unser Geist betroffen. Wenn unser Geist bedrückt ist, erhöht sich die Chance, dass auch unser Körper krank wird. Ich finde das nicht biblisch, eigentlich eher griechisch, das Geistliche vom Irdischen oder Physischen zu trennen. Ich trenne das nicht. Wir müssen unseren Geist, aber auch unseren Körper pflegen. Wir müssen geistig die Erde verändern, aber auch physisch die Erde verbessern.

Vielen Dank für das Interview!

 (bs/jp)

 

Fotos: © privat

 Jüdisch-messianische Israelkonferenz Berlin – 16. November 2012

Vitali F. ist in der Adon Jeschua Gemeinde Stuttgart, die sein Vater im Jahr 2000 gegründet hat und bis heute leitet, für die Jugendarbeit zuständig. Sein Workshop ist perfekt vorbereitet, so hat er eigens für diesen Zweck eine Umfrage unter jüdisch-messianischen Jugendlichen gestartet – man merkt gleich zu Beginn, wie ernst ihm das Thema ist, wieviel Israel ihm bedeutet.

Seine Familie wanderte 1992 aus Russland ein und Vitali erzählt, wie in dieser Zeit viele Juden ihre wahre Identität erst mit Hilfe von Christen fanden, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, Juden gemäß Römer 11,14 zur Eifersucht zu reizen. Beispielsweise luden sie jüdische Einwanderer zum Schabbatfeiern ein, so dass diese sich fragten: „Wieso kennen sich die Heiden besser mit unseren Traditionen aus als wir?“ Der Kommunismus hatte alles Religiöse vernichtet. Dementsprechend seien ältere russische Juden in Deutschland oftmals atheistischer geprägt und Israel für sie dementsprechend belanglos, als es bei der zweiten Generation der Fall sei: Diese beschäftige sich mit Fragen der Spiritualität, der Selbstverwirklichung und vor allem der Identität. Viele jüngere Juden wünschen sich, nach Israel zu reisen – 76 % der von Vitali Befragten waren bereits dort -, um dort ihre Wurzeln und so sich selbst zu finden. Gerade aufgrund ihrer speziellen Situation fühlen sie sich eher in Israel heimisch als in den Ländern der ehemaligen UDSSR oder in Deutschland. Sie spüren, dass sie dorthin gehören und können sich gut vorstellen, in Israel zu leben, was wiederum zu einer großen Einheit innerhalb der jungen Generation führt.

Vielleicht verstärkt sich dieses Gefühl durch den in Deutschland wachsenden beunruhigenden „latenten Antisemitismus“, so Vitali F. Die Juden wissen sich mit Israel verbunden, da sie dort womöglich eines Tages Zuflucht suchen werden. Dem messianischen Juden macht die anti-israelische Einstellung im akademischen Umfeld, vor allem unter Studenten, mehr Angst als grölende Neo-Nazis – damit spricht er sicherlich Wahres an. Gleichzeitig führt er uns Zuhörern vor Augen, wie sehr politische Kritik an Israel  von den Juden – nach dem Holocaust – als persönlicher Angriff auf ihre Identität empfunden wird (siehe Jurek Schulz’ Vortrag).

Es folgt eine längere Ausführung darüber, wie die jungen messianischen Juden in Vitalis Umfeld ihren Alltag in Schule und Freundeskreis erleben. (Hier trifft der Referent übrigens als einer der wenigen das Thema seines Workshops ziemlich genau.) Dabei geht es nicht so sehr um ihre jüdische Abstammung an sich, als um ihren Bezug zu Israel als dem kleinen demokratischen Land im Nahen Osten, dessen Innenpolitik in den Medien so heiß diskutiert wird. Der messianische Leiter analysiert, dass es im deutschen Geschichtsunterricht oftmals zu langen Diskussionen kommt, weil bei den deutschen Schülern eine Aversion gegenüber dem Thema Holocaust gewachsen ist: Sie haben nichts mehr damit zu tun und wollen nichts von Schuld hören. Im Politik- oder Erdkundeunterricht hingegen trage man keine Schuld mehr, hier seien die Israelis die Bösen und man dürfe frei seine Meinung äußern, was dem Referenten zufolge auch genutzt werde.

Dazu komme, was auch ein anderer Referent betonte, die einseitige mediale Berichterstattung: Israel als Besatzungsmacht, die Bewohner Ostjerusalems als Siedler und alle Israelis gewissermaßen als Täter. (Der von Vitali F. erwähnte Artikel der Welt verdeutlicht dies). Wehrten sich Juden im Unterricht gegen die mangelnde objektive Darstellung, würden sie als dumm oder befangen verurteilt. Doch: „Gott hat seine Gründe, warum wir als messianische Juden in diesem Land leben“, resümiert der Redner. Bei 200.000 in Deutschland lebenden Juden bliebe der Auftrag groß.

Eine weitere Frage, die der junge Leiter aus Stuttgart anreißt, ist die der Bedeutung Israels für den persönlichen Glauben. Vitali stellt dem Publikum einige einfache Fragen:

„Wenn ihr ein Haus hättet, welcher Teil davon wäre Israel?“ „Wenn Israel eine Person in eurem Umfeld wäre, wer wäre es?“ „Wenn die Bibel ein Theaterstück wäre, welche Rolle würde Israel spielen?“

Die Antworten des Publikums, das sichtlich Spaß an der Sache hat, sind aufschlussreich, zum Teil auch erschreckend: „Israel wäre das Wohnzimmer, weil man sich hier am wohlsten fühlt“ – „Die Küche, weil sie die Schaltzentrale der Familie ist“ – „Israel wäre natürlich das ganze Haus“. Bei der zweiten Frage wird Israel von mehreren mit der Ehefrau verglichen, von vielen als Mutter oder Vater gesehen, von manchen als der große Bruder – sehr wichtige Rollen im Leben der Menschen. Darüber, dass Israel in der Bibel als Theaterstück natürlich die Hauptrolle spielt, sind sich alle einig – was für eine Frage. Auf Jesus als Hauptrolle, oder aber die Menschen als Objekt der Missio Dei kommt in dem Moment niemand. Der Redner selbst beantwortet die Frage indirekt anhand einer Grafik, die deutlich macht, wie oft das Wort “Israel” in der Bibel auftaucht, nämlich 2316 Mal als Teil eines Wortes und 1370 Mal allein – dies scheint für ihn ein ausreichender theologischer Beweis für Israel als Zentrum von Gottes Aufmerksamkeit und Fixpunkt der Menschheit zu sein.

Daraus ergibt sich für Vitali F.  die – durchaus nachvollziehbare – Konsequenz, dass es aufgrund von mangelndem Wissen über Israel zu Verständnisproblemen bzw. zu Missverständnissen beim Bibellesen kommen kann. Denn die Autoren der Bibel seien allesamt Israeliten, und keiner beherrsche deren Sprache sowie die Auslegungsmethoden besser als die Juden (hier verweist er auf die messianische Zeitschrift Menora).

Dies ist auf der einen Seite ein nicht zu unterschätzender Punkt, was die Sprache des Alten Testaments sowie Kultur, Traditionen u.ä. betrifft, auf der anderen Seite nicht absolut zu setzen, ist doch das Neue Testament in Griechisch verfasst und hängt eine kompetente Auslegung nicht allein von der Vertrautheit mit der Sprache und Welt der Bibel, sondern auch mit Fragen der Methodik, Hermeneutik und weiteren wissenschaftlich-bibeltreuen Schlüsselkompetenzen zusammen. Selbstverständlich ist jedoch, dass jeder Bibelleser sich „auf Israel einlassen“ muss und es „nicht als Kontext ausklammern“ und einfach weiterlesen kann. Der Redner betont allerdings wieder und wieder, dass Gott der „Gott Israels“ ist – man kommt nicht umhin, in seinen Aussagen ein Stück Exklusivismus zu sehen und eine auffallend große Betonung des Alten Testaments.

Für ihn ist Israel der beste Beweis für die Treue Gottes und die Wahrhaftigkeit seines Wortes, womit er sicherlich weniger die in der Bibel selbst beschriebenen Erfüllungen alttestamentlicher Prophezeiungen meint (allen voran das Kommen des Messias), als diejenigen, die sich in der jüngsten Geschichte ereignet haben (allen voran 1948) – welche wiederum auch unter Christen Ansichtssache sind und deshalb unseres Erachtens kein Maßstab für die Glaubwürdigkeit des Wortes Gottes sein sollten.

Zuletzt wird wie bei den anderen Referenten der Bogen zu den Christen hin geschlagen. Vitali F. zitiert Johannes Gerloff, dass wir als Christen ohne Israel keine Zukunft haben, denn „das Heil kommt von den Juden“ (Johannes 4,22). Was der messianische Jude damit genau aussagen will, wird nicht ganz klar. Die Kirche würde ohne Israel nicht existieren. Aber ob ihre Existenz in der Zukunft von Israels Ergehen abhängt, wie auf dieser Konferenz so häufig behauptet, müsste wieder diskutiert werden, auch die Tatsache, dass Jesus in den Sätzen vor und nach dem zitierten Vers 22 darauf hinweist, dass mit ihm die Zeit gekommen ist, in der die Anbetung Gottes nicht mehr an physische Gegebenheiten gebunden sein wird.

„Israel soll ein Segen sein“, so schließt der messianische Leiter, „wie können wir also durch Israel gesegnet werden?“ Die Antwort lautet: „Wer Israel segnet, wird gesegnet“ – wieder ein Zitat aus dem Alten Testament. „Gott misst die Völker an ihrem Verhalten gegenüber seinem Volk“, weshalb „eine Gemeinde ohne Israel“, d. h. eine, die sich als eigenständig betrachtet, falsch funktioniere. Weil die Gläubigen aus den Nationen ein Teil Israels sein dürfen (geistlich), können sie nicht mehr gegen Israel sein (politisch). Eine These, die unbedingt besser begründet werden müsste, um Kritikern standhalten zu können. Vitali F. hebt jeden Dualismus auf, denn das geistliche Israel ist für den jungen messianischen Juden mit dem politischen verwoben. Und sein Ziel ist dementsprechend, dass jeder Christ sagen kann: „Israels Erbe ist auch mein Erbe und Israels Hoffnung ist auch meine Hoffnung.“

(jp)

Zionismus – Jurek Schulz

 Jüdisch-messianische Israelkonferenz Berlin

16. November 2012

 

Als nächstes ist Jurek Schulz an der Reihe. Seine Geschichte ist eine ganz besondere: Er ist Kind zweier der wenigen deutschen Juden, die den Holocaust im Land überlebt haben. Im Alter von 24 Jahren gelangte der jüdisch erzogene junge Mann durch das Studium des Neuen Testaments zu der Überzeugung, dass es sich bei Jesus Christus um den verheißenen Messias handelt. Eigentlich schade, dass er auf seine Biographie, vielleicht weil beim Publikum bereits bekannt, nicht zu sprechen kommt.

Stattdessen beschäftigt er sich mit dem Thema des Zionismus und gibt zu Beginn einen kurzen historischen Überblick: Seit dem Exil des Volkes Israel seien Jerusalem und Zion zu Symbolen der Sehnsucht geworden (Psalm 137,4-5). Schon immer habe das Volk um sein Überleben kämpfen müssen. Schulz sagt, so wie im Jahre 70 n. Chr. nach Angaben von Josephus 1,1 Millionen Juden getötet wurden, Gott also scheinbar sein Volk verstoßen hat, geschehe dies auch gegenwärtig. Er zitiert Psalm 83, der für ihn das nie endende Schicksal des Gottesvolkes und somit mehr als eine spezifische geschichtliche Situation beschreibt. Deshalb der Zionismus. Deshalb wurde Israel 1897 in Basel geboren.

Ab hier wird der Vortrag ein wenig unübersichtlich, denn Schulz vermischt die Geschichte mit persönlichen Bemerkungen gegenüber „Israelfeinden“. Er erzählt wie in der Geburtsstunde des Zionismus eine Fahne für das neue Land gebraucht wurde und David Wolffsohn – der Nachfolger Herzls als Präsident der Zionistischen Weltorganisation – auf den weiß-blauen Tallit zeigte mit den Worten: „Wir haben doch eine Fahne!“ (Weiterführende Informationen zur Entstehung der israelischen Nationalflagge gibt es übrigens hier.) Wolffsohn selbst kommentierte dieses Geschehnis mit den folgenden Worten: „Auf Geheiß unsres Anführers Herzl kam ich nach Basel, um Vorbereitungen für den Zionistischen Kongress zu treffen. Unter den vielen Problemen, die mich damals beschäftigten, war eines, das in gewisser Weise das Wesen des jüdischen Problems in sich barg: Welche Flagge würde in der Kongresshalle hängen? Da durchfuhr mich eine Idee: Wir haben eine Flagge – und die ist blau und weiß. Der Tallit, den wir um uns wickeln, wenn wir beten: das ist unser Symbol. Lass uns diesen Tallit hervornehmen und vor den Augen Israels und aller Völker entrollen! Also bestellte ich eine blauweiße Flagge, auf die der Davidstern gezeichnet wäre. Und so entstand die Nationalflagge, die über der Kongresshalle wehte.“ (Übersetzung: wikipedia.de)

Für Schulz ist die Flagge heute „Zeichen des Ärgernisses“ – hier benutzt er eine biblische Formulierung, die sonst nur für Jesus Christus verwendet wird (vgl. Jesaja 8,14; Römer 9,33; 1. Korinther 1,23; Galater 5,11; 1. Petrus 2,8). Seine Begründung ist, dass beispielsweise im CVJM-Zentrum in Westjerusalem alle Flaggen der Welt hängen – außer der israelischen. Das ist eigentlich aber nur die halbe Wahrheit: Bei dem Fahnenschmuck handelt es sich unseren Recherchen nach nicht um eine dauerhafte Einrichtung, sondern um eine zeitlich begrenzte Aktion im Rahmen eines Sommercamps für jüdische, christliche und muslimische Kinder. Hier wurde bewusst auf die israelische sowie die palästinensische Flagge verzichtet, was kritisiert werden kann und vielleicht sollte, aber nicht zum Ausdruck bringen wollte, dass der CVJM Israels Existenz nicht anerkennt.

Zion und der Zionismus blieben ein Zeichen des Ärgernisses. So werden in der aktuellen EKD-Orientierungshilfe zu Land und Staat Israel (siehe hier auf S. 84) christliche Zionisten als schädlich für den christlich-jüdischen Dialog und im Kern „judenfeindlich“ beschreiben – in der Tat harte Worte.

An dieser Stelle bringt Schulz das auf den Punkt, was viele der Konferenzredner auf die eine oder andere Art zu vermitteln suchten: „Was früher die Judenfrage war, ist heute die Israelfrage geworden.“ Eine Aussage, die in ihrer simplistischen Form, gerade angesichts der Brisanz des Themas des Antisemitismus, nicht so stehen gelassen werden sollte. Es handelt sich selbstverständlich um eine subjektive Empfindung und kein Nichtjude kann einem Juden vorschreiben, wie er die Dinge wahrzunehmen hat. Doch muss zumindest erwidert werden, dass es sich bei der nationalsozialistischen Judenverfolgung in der Tat um Antisemitismus in seiner Reinform handelte, einen rassistisch motivierten Hass auf Anhänger des jüdischen Volkes. Es ist sicherlich nicht zu leugnen, dass die moderne (oftmals aus dem linken Lager kommende) Israelkritik antisemitische Motive enthalten kann und sich teilweise antisemitischer Parolen bedient. Doch ist grundsätzlich zunächst der rassistisch begründete Antisemitismus vom politisch begründeten Antizionismus bzw. der Kritik an der israelischen Regierung zu unterscheiden – wenn auch beide zum Teil beide in der Praxis ähnliche Konsequenzen haben und Ausuferungen annehmen können.

Schulz weist darauf hin, dass in der UN-Resolution 3379 von November 1975 Zionismus als Rassismus bezeichnet wurde, ein Spruch, der übrigens bis heute überall in Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten in Form von Graffitis zu finden ist. Daneben wurde Israel mit Ländern wie Südafrika, in denen Apartheid herrschte, verglichen. Was er nicht erwähnt, ist der (immerhin) knappe Ausgang der Abstimmung: 72 Ja-Stimmen, 32 Enthaltungen und 35 Nein-Stimmen, vornehmlich von den westlichen Ländern. Im Jahre 1991 wurde die Resolution zurückgenommen und vom damaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan als „Tiefpunkt“ in der Geschichte der Vereinten Nationen beschrieben. Das ist erfreulich. (Eine kurze Antwort auf die Frage, ob Zionismus tatsächlich als Rassismus eingestuft werden kann, gibt aus juristischer Perspektive Calev Myers: http://www.youtube.com/watch?v=pGYbH294C9g.)

Dennoch bleibt die UN für Schulz der Buhmann: Es gebe kein Land, das seit seiner Staatsgründung von dem Staatenbund so diskreditiert wurde wie Israel, d. h. gegen das so viele Resolutionen verfasst wurden. Dabei sei nicht allein der Zionismus im Fokus der Kritik, sondern der gesamte Staat. Israel sei für die UNO das Sicherheitsproblem der Region, von dem der Weltfrieden abhinge. In einem anderen Vortrag wies Schulz an dieser Stelle auf die fast lächerlich erscheinende Größe dieses kleinen, angeblich so gefährlichen Landes im Gegensatz zu den es umgebenden nicht-demokratischen arabischen Ländern hin (http://www.youtube.com/watch?v=Y1U6LZ1yq3U – siehe 44. Minute). Wenn man es so sieht und die Tatsache bedenkt, dass Israel die einzige stabile Demokratie des Nahen Ostens darstellt, erscheint es in der Tat erstaunlich, dass 59 % der Europäer und 64 % der Deutschen in Israel das größte Sicherheitsproblem sehen. Man weiß allerdings nicht, ob sie damit zum Teil gemeint haben könnten, dass in den nahöstlichen Auseinandersetzungen viel von Israel abhängt und es nicht für sich allein eine Bedrohung des Weltfriedens ist.

Nun kommt Jurek Schulz wieder auf sein eigentliches Thema zu sprechen: den Zionismus. Er möchte die Rolle betonen, die Christen bei der Gründung des Staates Israel zugekommen ist. So habe Theodor Herzl den Judenchristen und Christen in Basel einen Platz freigehalten, damit sie am Kongress teilnehmen können. Des weiteren würden drei Freunde des Zionismus-Begründers in dessen Tagebüchern öfters erwähnt, die allesamt Christen waren: Kaiser Wilhelm, Friedrich von Baden und William Hechler. Letztgenannter war anglikanischer Pastor und ihm ist zu danken, dass über seine Bekanntschaft zu Friedrich von Baden der Kontakt zwischen Herzl und dem Kaiser hergestellt werden konnte. Über Theodor Herzl ist laut Schulz bekannt, dass er mehr Angst davor hatte, in eine Synagoge zu gehen, als in einer Kirche zu predigen. Er war säkular. Doch Hechler hatte ihm die Augen geöffnet, so unser Redner, er nennt ihn den „Wegbereiter“ des biblischen Zionismus. Laut Schulz steht ein Christ am Anfang der zionistischen Idee – eine interessante These, der weiter nachgegangen werden sollte.

Doch bis 1948 verging noch viel Zeit. Die Sehnsucht nach Zion, so Jurek Schulz, blieb bestehen. Sie drückte sich aus beim Feiern des Pessach („Nächstes Jahr in Jerusalem!“) oder bei Hochzeiten (wo zur Erinnerung an den zerstörten Tempel ein Glas zertreten wird). Kein anderes Volk habe über Jahrtausende die Bindung zu seinem Land in diesem Maße erhalten.

Allerdings wurde der Traum von Zion für die Juden zum Albtraum. Im Folgenden verbindet Schulz – ob absichtlich oder unabsichtlich – die auf Augustinus beruhende Ersatztheologie, die besagt, dass Israel nicht mehr Gottes Volk ist, mit dem Holocaust. Schulz greift eine ersatztheologisch begründete klassische Abbildung des christlich-jüdischen Verhältnisses auf: die der als Frauen dargestellten „triumphierenden Kirche“ und der „erniedrigten“ oder „blinden Synagoge“ (siehe zum Beispiel hier oder die in Straßburg abgebildeten Reliefs hier), wie sie sich bis heute an so manchem Kirchengebäude findet. Die Kirche: siegend, gekrönt, erhobenen Hauptes und mit einem Kelch in der Hand. Die Synagoge: gebeugt, die Lanze gebrochen, blind (bezüglich der Identität Christi) und in der Hand die Gesetzestafeln. Und dies ist nur ein Beispiel für judenfeindliche Darstellungen seitens der Kirchen, die eins deutlich machen wollten: Das Judentum hat gegenüber dem Christentum eine bittere, endgültige Niederlage eingesteckt, es ist allerhöchstens seine irrende Schwester, deren Zeit abgelaufen ist. Diese Theologie gipfelte laut Schulz in der Shoa. Doch liegt unseres Erachtens dieser These ein so komplexer Sachverhalt zugrunde, nämlich die Frage nach dem Entstehen und Grund des Antisemitismus, dass Vorsicht geboten sein sollte.

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Jurek Schulz betont, dass es neben diesen Gräueltaten der Kirche immer Gläubige gab, welche dem Wort Gottes bedingungslos vertrauten (hiermit meint er: einer bestimmten Auslegung des Wortes Gottes), so beispielsweise August Hermann Francke, der habe verlauten lassen: „Eines Tages wird das Volk der Juden wieder in Eretz Israel gesammelt werden – das Wort Gottes wird es bestätigen.“

Und dies ist für Schulz die Aussage von Hesekiel 37 – dem Schlüsselkapitel über Gottes heilsgeschichtliches Handeln: Israel wird aus den Toten auferstehen, wie es auf dem Relief der Skelette in Yad Vashem und auf der Menora vor der Jerusalemer Knesset abgebildet ist. Bei diesem Bild könne es sich nicht um die Kirche handeln, gibt doch Gott in Vers 11 selbst Auskunft, wie das Kapitel zu deuten sei: „Diese Gebeine sind das Haus Israel.“ Schade, dass der messianische Jude diese wörtliche, und etwas simplistisch anmutende, Interpretation des Kapitels nicht rechtfertigt.

Am 14. Mai 1948 wird schließlich durch David Ben Gurion der Staat Israel ausgerufen, vorhergesagt durch den säkularen Prophet Herzl, der Ende des 19. Jahrhunderts verkündet hatte: „In Basel habe ich den Judenstaat gegründet. In fünf, spätestens fünfzig Jahre wird es jeder sehen.“

Schulz endet mit einigen aktuellen Informationen und damit verbundenen Aufforderungen an das Publikum: Man dürfe bei Israel nicht nur an die dort lebenden Juden denken, immerhin sei die Hälfte des Landes palästinensische Autonomiezone und lebten dort Drusen, Muslime sowie (teils christliche) Araber. Ein wichtiger Punkt. Innerhalb der Landesgrenzen herrsche aufgrund des Raketenbeschusses aus Gaza häufig Ausnahmezustand. Bedenklich sei auch die wachsende Armut in Israel. Die Zukunft liege deshalb einzig und allein in einer Ein-Staaten-Lösung, einem Friedensreich, in dem jeder Hass überwunden wird und Menschen aller Völker gemeinsam den Messias anbeten (Psalm 87,3-4), allen voran die Palästinenser (Sacharja 9,6-7), Syrien und Ägypten (Jesaja 19,23-25). Sie werden allesamt Gott erkennen, schließt Schulz und beendet seinen Vortrag wie eine Predigt mit einem „Amen“.

Wer sich näher über Geschichte, Definition und Ausprägungen von Antisemitismus, Antijudaismus und Antizionismus informieren will, findet hier zahlreiche Artikel: http://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/37944/was-heisst-antisemitismus

Hier ein Interview mit Jurek Schulz über sein Leben: http://www.bibeltv.de/mediathek/bibel_tv_das_gespraech/Juden_Christen_Judenchristen_Jurek_Schulz-426.html

(jp)

 

 Jüdisch-messianische Israelkonferenz Berlin – 16. November 2012

Einen Einblick in die Lebenswelt eines jungen in Deutschland lebenden messianischen Juden gaben im Rahmen ihrer Workshops zwei Referenten am Nachmittag als auch am Abend, beide im Dienst an ihrem jüdischen Volk tätig.

Der erste Referent aus Heidelberg erzählte, wie er von Gott die Berufung erhielt, in seiner Stadt einen messianischen Gottesdienst zu beginnen: Gestartet zu dritt oder viert haben sie heute – nach einem halben Jahr – schon 30 Besucher. Er selbst und seine Frau entschieden sich damals bewusst für eine Ausrichtung und Öffnung des Gottesdienstes für Nicht-Juden, nachdem der junge messianische Leiter in der Heidelberger Universität eine Muslimin traf, die großes Interesse am Judentum gezeigt hatte.

Viel mehr erzählte er von seinem Leben und zu der großen Frage, mit der die Workshopteilnehmer (zumindest wir) gekommen waren: Wie lebt es sich als junger Jude in Deutschland? Wie ist die Spannung zwischen der postmodernen Lebenswelt der jungen deutschen Generation und den konservativen messianisch-jüdischen Sitten und Gebräuchen auszuhalten? Hat er nicht-jüdische Freunde oder bleiben auch junge messianische Juden der Einfachheit halber lieber unter sich?

Was stattdessen folgte, war ein Plädoyer für Israel und ein Aufruf an die Zuhörer, das Land vermehrt zu unterstützen – ob es wirklich das ist, was die bereits so israelfreundlichen Anwesenden ein weiteres Mal hören müssen?!

Zunächst legte der junge Mann also dar, wie unglaublich die gesamte Geschichte seines Volkes anmutet – vielleicht um zu unterstreichen, wie wenig verwunderlich es ist, dass heute die erwartete Erfüllung der Landesverheißung belächelt wird.

Der Referent erzählte die Geschichte eines jüdischen Jungen, dem in der Sonntagsschule die Geschichte vom Auszug aus Ägypten vermittelt wird. Als ihn seine Mutter fragt, was er denn gelernt habe, erzählt er ihr, wie das jüdische Volk aus der Sklaverei floh, die ägyptische Armee sie verfolgte, Moses irgendwann zu seinem Handy griff und die israelische Luftwaffe anrief, die die Ägypter postwendend bombardierte und so in die Flucht schlug. Als die Mutter erstaunt nachfragt, ob ihm das wirklich so gesagt wurde, erwidert der Junge: „Wenn ich dir erzählt hätte, was sie uns wirklich gesagt haben, würdest du es sowieso nicht glauben!“ Nun sei die gesamte jüdische Geschichte so „unglaublich“ verlaufen. Doch wenn wir an den biblischen Gott glauben, sollten wir dann kein Interesse an dieser seiner Geschichte haben? Damit sprach er einen wunden Punkt vieler christlicher Gemeinden an: Wenn wir schon per se keine besondere Affinität zu Israel besitzen, sollten wir dann nicht wenigstens in Erwägung ziehen, uns genauer mit der alttestamentlichen Geschichte zu beschäftigen, weil wir dadurch etwas über unseren Gott erfahren könnten?!

Es folgte eine Darstellung der medialen Verdrehung der Ereignisse in Nahost: So hätten Muslime – heimlich – vom Jerusalemer Tempelplatz viele archäologische Beweise für eine jüdische Existenz vernichtet, damit kein Anspruch auf diesen erhoben werden kann. Auch informierte der Referent über den vorgeschriebenen Ablauf der israelischen Kriegsberichterstattung: Wenn es auf der Seite Israels Verletzte gibt, habe sich das Land verpflichtet, vor jeder Meldung zunächst die Angehörigen persönlich zu informieren, damit diese nicht durch die Medien davon erfahren. Deshalb sitze Israel am kürzeren Hebel, weil von ihm zu beklagende Todesfälle und Verletzte viel zu spät an die Öffentlichkeit gelangen, wenn Zuschauer sich bereits ein Urteil gebildet haben. Ein bedenkenswerter Punkt, der weiter zu untersuchen wäre.

Immer wieder erlebt er zudem, wie Menschen in Deutschland Israel diskreditieren, z.B. indem zum Boykott der Besatzungsmacht Israel aufrufende Handzettel verteilt würden. Dabei habe Gott ihm gezeigt, dass solche Menschen verblendet seien, das Gespräch mit ihnen nutzlos, solange Jeschua sie nicht befreie. Das ist ein Satz, der auf der Konferenz häufig fällt: Man muss Jesus kennen lernen, um von der Bedeutung Israels überzeugt zu werden. Leider impliziert diese verabsolutierende Aussage zu schnell die gefährliche Aussage, dass Christen, denen das (politische) Israel kein Herzensanliegen ist, Jesus nicht kennen.

Zum Schluss und als Hauptteil folgten biblische Ausführungen, die an den Vortrag Uschomirskis anknüpften – leider fehlte weiterhin der Bezug zum Thema des Workshops. Der Referent betete, bevor er die Bibel, das heißt, das Alte Testament, aufschlug. Anhand von Genesis 16 (Hagar und Ismael) und Hiob 39,5-8 (die Unergründbarkeit Gottes) erläuterte er, dass die Nachkommenschaft Ismaels nicht nur auf die Beduinen, sondern auch auf die arabische Bevölkerung übertragbar sei. Weitere, auch außerbiblische Beweise nannte er dafür nicht. Der messianische Jude erinnerte diesbezüglich aber an Gottes Zusage, Ismael zu segnen und zu einem großen Volk zu machen. Wie bei der Beerdigung Abrahams seine beiden Söhne zusammenkommen (Genesis 25,9), werde dies auch der Fall sein, wenn Gott sich als Friedefürst offenbart und so die Nationen zusammenbringt: Kedar und Nebajot, zwei Nachkommen Ismaels, werden in Jesaja 60,7 konkret genannt. Noch werde Israel jedoch vom Teufel angegriffen, der es zu vernichten und Gottes Geschichte in eine andere Richtung zu lenken sucht – dies zeige laut dem Referenten auch die sich ausbreitende moralische Sünde im Land.

Kleingruppen im großen Saal

Kleingruppen im großen Saal

So soll sich jeder der Anwesenden von Jesus fragen lassen, wer sein Nächster sei. „Der Nächste“, so schließt er, „ist immer der in Not geratene. Kann es also sein, dass Israel unser Nächster ist?!“ Damit beendete er seinen Vortrag früher als geplant, damit die Teilnehmer noch in Kleingruppen für Israel beten können.

(jp)

Fotos: © privat

Israels biblische Grundlagen – Anatoli Uschomirski

 Jüdisch-messianische Israelkonferenz Berlin

16. November 2012

 

Anatoli Uschomirski strahlt Weisheit aus, als er lächelnd das Rednerpult betritt. Sein Vortrag ist einer der wichtigsten dieser Konferenz, weil grundlegend für die gesamte messianische Theologie. Er beginnt, wie man das so macht, mit zwei provokativen Zitaten der Gegenseite, die bei der vom Bethlehem Bible College veranstalteten „Christ at the Checkpoint“-Konferenz im März 2012 fielen. Diese scheint er aus Videoaufnahmen herausgefiltert, übersetzt und gekürzt zu haben.

„Der Begriff ,Ersatztheologie‘ ist korrekt, wenn wir darunter verstehen, dass Jesus, der Messias, den Alten Bund mit dem Königreich Israel durch den Neuen Bund mit dem Reich Gottes oder Himmelreich ersetzt hat. Ein noch besserer Begriff als ,Ersatztheologie‘ wäre ,Erfüllungstheorie‘.“

(Manfred Kohl)

„Vielleicht sollten wir ,genug jetzt‘ zu Evangelikalen sagen, die die Bibel benutzen, um politische Punkte zu erreichen, statt einen Gott verherrlichenden Frieden. Mit einem Wort, christliches Denken hebt alle klassischen Identitätskategorien auf. Gemäß der Schrift schließt Abrahams Familie all diejenigen ein, die seinen Glauben teilen, die an Christus glauben, und dies beinhaltet auch die palästinensische Kirche hier in Israel, Palästina. Kurz gesagt, Christen sind Kinder Abrahams.

Ich glaube, ich bin hochgradig müde, zutiefst müde, christliche Geschwister aus meiner evangelikalen Familie zu treffen (…), die alle ihren Lieblingsvers aus Genesis 12 oder Römer 11 benutzen wollen, um ihre Interesse voranzubringen. Sie sagen: „Wegen dem, was ich bin oder dem, was sie [die Juden] sind, fordere ich, dass sie in diesem Land Privilegien bekommen.“ Ich hungere nach den tieferen Tugenden des christlichen Glaubens. Ich hungere danach, Evangelikale zu treffen, die in dieses Land kommen und Barmherzigkeit üben. Und Großzügigkeit. Und Vergebung. Und Demut.

In dieser ganzen Debatte über religiöse Volkszugehörigkeit und Privilegien, die im Nahen Osten wohlbekannt ist, ziehe ich es vor, Jesu Richtlinien zu folgen: ,Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden die Erde besitzen‘ (Mt 5,5).“

(Dr. Gary Burge, Wheaton College)

Während Uschomirski die Zitate vorliest, sind lautstarke Aufschreie des Entsetzens und des Unverständnisses aus dem Publikum zu hören. Vielleicht auch deshalb, weil die verkürzte Wiedergabe des Burge-Zitats es polemischer klingen ließ als es im Wortlaut erscheint. Es wurde wie folgt verlesen: „Es reicht allmählich mit diesen Evangelikalen, die die Bibel benutzen, um politische Punkte zu sammeln (mit Israel). Ich bin es leid, Christen zu treffen, die diesen oder jenen Vers benutzen, um für ihre Agenda zu weben und die behaupten, dass die Juden aufgrund dessen, wer sie sind, auf irgendetwas in diesem Land Anspruch hätten.“

Dr. Gary Burge

Dr. Gary Burge

Übersetzung hin oder her, dem Inhalt tut dies in der Tat keinen Abbruch. So war die Kernaussage von Dr. Burges Vortrag, wie der Videoaufnahme zu entnehmen ist, dass alle Gläubigen Kinder Abrahams sind und somit Erben der Verheißung, die Welt zu besitzen – und damit die Verheißung an die Juden, nur ein Land zu besitzen, nichtig geworden sei. Er bezieht sich auf Röm 4,13: „Denn die Verheißung, dass er der Erbe der Welt sein solle, ist Abraham oder seinen Nachkommen nicht zuteil geworden durchs Gesetz, sondern durch die Gerechtigkeit des Glaubens.“

Es ist in jedem Fall empfehlenswert, sich die – mal mehr, mal weniger bedenklichen – Vorträge der viel kritisierten „Christ at the Checkpoint“-Konferenz einmal zu Gemüte zu führen, um sich ein Urteil zu bilden. (Hier sind die Beträge von Kohl und Burge in ihrer Gesamtlänge zu sehen. Aufschlussreich sind auch die Schlüsselzitate der Tagung.)

Mit diesem Start macht Anatoli Uschomirski das Ziel seines Vortrages deutlich: Eine solche Ersatztheologie will er widerlegen und zeigen, dass Israel bis heute biblische Grundlagen hat. Diese seien nicht „mystischer oder emotionaler Natur, sondern haben prophetisch-juristischen Charakter“. Und wenn er „Israel“ sagt, meint der messianische Jude stets Volk und Land, die für ihn untrennbar zusammenhängen. Er beginnt direkt nach der Lesung der Zitate mit dem für viele der hiesigen Redner aussagekräftigsten Argument: „Die Juden wurden Gottes Volk und werden es immer sein – weil es Gott gesagt hat.“ Applaus. Weil die Erwählung Israels Gottes freie Entscheidung war und Gott seine Entscheidungen nicht gereuen, müsse dies bis heute so sein.

Diese göttlichen Entscheidungen finden sich nun in der Heiligen Schrift. Deshalb gleicht die Berufung auf eben diese für die meisten Konferenzredner teilweise einem Totschlagargument. Doch weil sich auch ihre Gegener auf die Bibel beziehen und mitunter ein- und diesselbe Bibelstelle sehr unterschiedlich ausgelegt wird, ist es schade, dass niemand die den Thesen zugrunde liegenden hermeneutischen Prämissen erläutert. Stattdessen wird immer wieder betont, dass man dann bibeltreu sei, wenn man die Schlüsselstellen möglichst wörtlich nehme. So beruhigt Uschomirski sein Publikum: „Alle diese Aussagen [von Kohl, Burge u.ä.] sind bedeutungslos im Licht der folgenden Aussagen der allmächtigen Schrift“, und zählt dann Levitikus 25,23, Jesaja 14,25, Jeremia 2,7 und Hesekiel 38,16 auf, wo Gott Israel „mein Land“ nennt. Den göttlichen Anspruch auf das Land würden aber – im Gegensatz zum jüdischen – hoffentlich nur wenige Christen bezweifeln.

Anatoli Uschomirski während seines Vortrages

Anatoli Uschomirski während seines Vortrages

Es folgt eine ausführliche Darlegung der alttestamentlichen Bundesschlüsse, die für Uschomirski bis heute gelten. Zunächst der Abrahambund, dessen Grundlage in der Berufung Abrahams und der an ihn gerichteten Verheißung aus Gen 12,1-3 liegt. Ein Schlüsselvers ist für den messianischen Leiter Vers 7: „Deinen Nachkommen will ich dies Land geben.“ „Wenn das keine biblische Grundlage für Israel ist, was soll diese Aussage noch bedeuten?“ Nach der Lektüre von Genesis 17,2-8 formuliert Uschomirski ähnlich: „Eigentlich braucht man nichts mehr, es ist so klar und einfach. Wenn Gott es einmal gesagt hat, welche anderen Grundlagen braucht man noch?“

Was man brauchen könnte, wäre eine Erklärung, die auch das Neue Testament mit einbezieht. Doch leider geht der Redner zu kurz auf die Frage ein, inwiefern die oben genannten Verheißungen im Neuen Bund geistlich zu deuten sind. Sein Argument: Dualismus sei nicht biblisch, man könne das Geistliche nicht vom Materiellen trennen – im Gegenteil finde jede geistliche Handlung ihren Ausdruck im materiellen Bereich, so die Beschneidung und auch das Gelobte Land. Leider erläutert Uschomirski diese These nicht näher. Christen seien mit einem Dualismus aufgewachsen, der dem jüdischen Denken nicht entspreche. Allerdings findet sich das, was der messianische Jude „Dualismus“ nennt, nämlich die Betonung der geistlichen Dimension, des Öfteren im Neuen Testament, welches interessanterweise aus jüdischer Feder stammt.

Anatoli Uschomirski zitiert weiter. Anhand von Deuteronomium 6,17-19 macht er deutlich, dass das Land eine der ersten Prioritäten jedes Christen sein sollte und fragt seine Zuhörer: „Könnt ihr dazu ,Amen‘ sagen?“ Darum muss er nicht lange bitten. Doch gerade hier wäre es interessant gewesen zu hören, wie er und seine Kollegen gegenüber Ersatztheologen argumentieren würden, für die die Landesverheißung im Neuen Bund keine materielle Gültigkeit mehr hat. Es bleibt nur bei der bereits genannten Begründung: Es handele sich um einen ewigen Bund (Psalm 105,7-11), der durch Israels Ungehorsam niemals aufgehoben werden könne. Immer wieder formuliert Uschomirski Fragen wie „Würden sie so einem gott, mit kleinem Buchstaben geschrieben, glauben, der von heute auf morgen seine Meinung geändert hat?“

Für den messianischen Juden ist Ersatztheologie die Überzeugung, dass Gott sein Volk wegen dessen Untreue verworfen hat, was für ihn „eine reine Lüge“ ist – für das emotional involvierte Publikum ebenso. Was der Fairness halber an dieser Stelle hätte erwähnt werden können, ist die Position moderaterer Ersatztheologen, die nicht postulieren, dass Gott seine Verheißungen wegen Israels Schuld aufgehoben hat und von denen einige mit Stellen wie Römer 11,28-29 Israel immerhin noch einen reellen Platz in der Heilsgeschichte einräumen. Auch wird nie ganz klar gesagt, was man denn nun jemandem erwidern soll, der betont, dass Gott die Verheißungen des Alten Bundes – wie schon immer geplant – durch seinen Messias erfüllt hat und noch erfüllen wird. Wie würde ein messianischer Jude wie Uschomirski beispielsweise auf die folgende Gegenüberstellung von Manfred Kohl (aus dessen oben genanntem Vortrag, er zitiert Alex Awad) reagieren und wie würde er seinerseits die Errungenschaften des Neuen Bundes deuten?

„Im Alten Bund hatten wir Israel, das im Neuen Bund zu allen Gläubigen wird. Im Alten Bund hatten wir das verheißene Land, das im Neuen Bund das Reich Gottes ist. Im Alten Bund hatten wir die Stadt Jerusalem, im Neuen Bund das himmlische Jerusalem. Im Alten Bund hatten wir den Tempelberg, im Neuen Bund die Herzen der Gläubigen. Im Alten Bund hatten wir die aaronitische Priesterschaft und die Leviten, im Neuen Bund haben wir Christus und die Gläubigen. Im Alten Bund hatten wir Tieropfer, im Neuen Bund haben wir Jesus am Kreuz.“

Zum Neuen Testament und der wichtigen Frage, warum Jesus selbst so wenig über die materielle Wiederherstellung Israels spricht, zitiert der messianische Jude Matthäus 5,17: „Denkt nicht, dass ich gekommen bin, um das Gesetz abzuschaffen“, und postuliert: „Jeschua betrachtet die Wiederherstellung des Reiches nicht als überholt oder erledigt.“ Im Gegenteil, er erwähne „die Rückführung und Wiederherstellung des Reiches explizit.“ Als Beleg nennt er Apostelgeschichte 1,6-7, wo Jesus auf die Frage, wann diese geschehe, erwidert: „Es gebührt euch nicht, Zeit oder Stunde zu wissen“ und dann auf den Empfang des Heiligen Geistes hinweist. Sehr aussagekräftig ist gerade dieser Vers leider nicht.

Blick auf den Konferenzsaal während Uschomirskis Vortrag

Blick auf den Konferenzsaal während Uschomirskis Vortrag

Positiv hervorzuheben ist bei Uschomirski die Betonung, dass das Land Israel dem Volk nicht zum Selbstzweck gegeben wurde: „Gott hat nichts für Israel getan, was nicht die Errettung aller Menschen zum Ziel hatte.“

Es folgt nun eine kurze Darstellung des Sinaibundes: Dieser sei im Gegensatz zum abrahamitischen Bund zweiseitig und an Bedingungen geknüpft, die Israel bejahen musste. Es geht um Segen und Fluch, die vom Thoragehorsam abhängig sind (vgl. Deuteronomium 11,26-28 sowie Kapitel 28 und 30). In diesem Bund ist dem messianischen Leiter zufolge schon angekündigt, was in Römer 11,26-27 wiederholt wird, nämlich die geistliche Wiederherstellung Israels nach deren Rückführung in das Land (Deuteronomium 30,1-8). Andere beziehen diese alttestamentlichen Prophezeiung auf die Rückkehr aus dem babylonischen Exil.

Als letztes behandelt Uschomirski den davidischen Bund. Er präsentiert keine systematische Abhandlung, sondern reiht verschiedene Israel betreffende Aussagen aneinander. Israel wird ein König verheißen, und während das erste Kommen des Messias das Problem der Sünde beseitigen sollte, werde dieser bei seinem zweiten Kommen im tausendjährigen Reich als gerechter König regieren. Auch hier ist es wieder schade, dass keine abweichenden eschatologischen Meinungen erwähnt werden, was dem Publikum in der Auseinandersetzung mit Mitchristen sicher helfen würde.

Im Bund mit David schließlich werde das Realität, was im Sinaibund angekündigt wurde: Gott schickt Gericht und er – nicht der Teufel – benutzt die Feinde, um Israel zurechtzuweisen. Dabei sieht Uschomirski 722 v. Chr. (das assyrische Exil), 586 v. Chr. (das babylonische Exil) und auch 70 n. Chr. (die Zerstörung Jerusalems) als göttliche Strafen an. Das sei das Geheimnis des Landes, was sich im Laufe der Geschichte oft wiederholte: Wenn das jüdische Volk Gott nicht dient, kann und wird Gott es „hinauswerfen“. Doch seine Treue stehe über Israels Untreue und auch wenn es lange schien, als ob die Juden ihr Land nicht mehr besitzen würden – das Blatt der Geschichte wendete sich. Mit diesen Worten zeigt Uschomirski das Video der Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel und kommentiert begeistert: „Sind diese Aufnahmen nicht genial?!“

Ein Bund fehlt in Uschomirskis Darstellung: der Neue. Zwar erwähnt er zwischendurch, dass dieser durch Jeschua in Kraft gesetzt wurde, aber mehr als dass Israel physisch und geistlich wiederhergestellt wird (Jeremia 31,31f. und Hesekiel 36,26-28) erläutert er zu diesem nicht.

Nun kommt der Schwenker in die Gegenwart: Die heutige jüdisch-messianische Israelkonferenz sei die „Fortsetzung dessen, was Gott in seiner Geschichte mit seinem Volk tut. Wir gehören zu den Zeitzeugen, wir müssen uns bewusst werden, in welcher Zeit wir leben.“ Das heißt für Uschomirski konkret: „Der erste und entscheidende Auftrag der Christen ist es, Israel zu segnen und sie dadurch zur Eifersucht zu reizen.“ Offen bleibt die Frage, welche Bedeutung in dem Rahmen dem Missionsbefehl zukommt. Auch inwiefern die Ambition des Paulus, seine jüdischen Stammesverwandten zur Eifersucht zu reizen (Römer 11,14), als Aufforderung an alle Christen verstanden werden kann, müsste noch ein wenig erklärt werden.

Anatoli Uschomirski fasst zusammen: 1. Die biblischen Grundlagen Israels beruhen auf den Bündnissen. Sie wurden bestätigt durch die Propheten, beglaubigt durch Jeschua und werden im tausendjährigen Reich vollständig erfüllt werden. 2. Das jüdische Volk von heute und das biblische Israel stehen in einer ungebrochenen Identitätslinie. 3. Der Bund Gottes mit Abraham ist unauflösbar und gilt bis heute in allen Komponenten, weil er einseitig geschlossen wurde und nicht von Menschen abhängig ist. 4. Die Verheißung des Landes Israel für das Volk Israel ist ungebrochen.

„Amen“-Rufe erschallen aus dem Publikum, auch als der charismatische Redner sein Fazit formuliert, für welches er keine Begründung mehr benötigt: „Der Schlüssel zur Erweckung der nichtjüdischen Völkerwelt liegt nach wie vor und auch in der Zukunft in Israel – und in unserer Beziehung zu diesem Volk und Land!“

Wer sich für die Biographie von Uschomirski interessiert, kann diese hier nachlesen:

http://kolhesed.de/anatoli_uschomirski.html

(jp)

 

Interview mit Anatoli Uschomirski

 

Lieber Herr Uschomirski,

in Ihrem Vortrag erwähnten Sie die „Christ at the Checkpoint“-Konferenz, die vom 5.-9. März in Bethlehem stattfand. Hätten Sie diese besucht, wenn messianische Juden dort willkommen gewesen wären?

Ich würde diese Konferenz nicht besuchen, weil ich von Anfang an die Einstellung, die Ziele und die Theologie von den Leuten kenne, die die Konferenz veranstalteten.

Sind Sie mit Theologen, die die Ersatztheologie vertreten, in Kontakt bzw. im Gespräch?

Nicht offiziell. Aber immer wieder, im Zusammenhang mit meinen Vorträgen in den Kirchen und Gemeinden.

Was halten Sie von moderaten Vertretern der oben genannten Theologie, die davon ausgehen, dass die aus Juden und Christen bestehende Kirche das wahre Israel ist, das Israel „nach dem Fleisch“ (Röm 9,8) aber weiterhin eine Rolle in Gottes Heilsplan zukommt?

Die Sache ist die: Ich glaube nicht, dass Gott zwei auserwählte Völker, sprich Israel und die Gemeinde hat. Israel, sowohl das geistliche als auch das Israel „im Fleisch“, bleibt Gottes erwähltes Volk. Die Perspektive für das „Israel im Fleisch“ ist folgende: Sie müssen durch den Geist Gottes (aber auch durch das Zeugnis von messianischen Juden und Christen) aufgeweckt und in ihren eigenen Ölbaum wieder eingepfropft werden. Die Perspektive für die Christen: Sie gehören auch zum Volk Gottes, als Nachfolger Jesu aus den Nationen. Die zwei Größen (Israel und die Christen) begegnen sich aber nicht auf neutralem Boden. Die Christen aus den Nationen wurden zum Volk Israel hinzugetan. Das heißt, sie müssen die hebräisch-jüdische Wurzel ihres Glaubens anerkennen und schätzen lernen.

Sie sagten, Gott habe nichts für Israel getan, was nicht die Errettung aller Menschen zum Ziel hatte. War Israel also nur Mittel zum Zweck?

Der Zweck der Heilsgeschichte ist die Errettung aller Menschen. Wenn Gott mich dazu benutzt, um einen Menschen aus seinen Problemen zu retten, ist das in erster Linie ein Privileg für mich. Ich fühle mich geehrt. Jeder Prophet, den Gott als sein Sprachrohr benutzte, hat es zwar nicht leicht gehabt, aber hat auch die eigene Mission wahrgenommen.

Wie sind Aussagen wie Sacharja 2,15 und 1. Petrus 2,10 einzuordnen, wo (an Jeschua glaubende) Heiden als „Gottes Volk“ bezeichnet werden?

Ich bin nach wie vor der Meinung, das Volk Gottes ist Israel und alle, die an den Gott Israels glauben und zum Volk Israel hinzugetan wurden. Zum Beispiel sind mit den Israeliten aus Ägypten auch sehr viele andere Menschen geflohen. Viele von denen wurden später zu Israeliten. Der Bund war entscheidend und nicht die Volkszugehörigkeit. Im Neuen Bund gibt es diesselben Regeln. Die Bundesbeziehung macht einem Menschen zum Volk zugehörig.

Und diese Bundesbeziehung ist Ihres Erachtens nach Römer 4 (Abrahams Gerechtigkeit durch Glauben) mit dem Glauben gleichzusetzen?

Ja, das Mittel ist nach wie vor der Glaube. Ich würde gerne einen Israeliten zur Zeit von Mose sehen, der behaupten würde: “Ich glaube nicht an den Gott Israels, aber ich gehöre zum Volk.” Das hieße, er betet Götzen an. Nach dem Talmud ist das eine der Sünden, wofür Menschen aus dem Volk ausgerottet werden sollten.

Was denken Sie, ist Gottes Anforderung an Israel, damit die Landesverheißung sich erfüllt? Gilt diese Anforderung jedem einzelnen Juden auf der Welt oder nur den politischen Repräsentanten des Volkes?

Alle Verheißungen, einschließlich der Landverheißung, gipfeln in Jesus. Das heißt, der Glaube an Jesus ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, um das Land zu besitzen. Wenn nur die Politiker glauben, ist das Ziel immer noch nicht erreicht. Wobei ich denke, als Repräsentanten des Volkes spielen sie eine wichtige Rolle in diesem Prozess.

Was meint Jeschua, wenn er sagt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (Johahnnes 18,36)?

Kontext, Kontext, Kontext! Pilatus will eine politische Antwort. Jesus aber gibt ihm eine geistliche, um Rom nicht zu provozieren. Seine Antwort spricht aber nicht gegen das irdische Reich. Das Reich Israel ist ein materieller Ausdruck der inneren, geistlichen Reife des Volkes. Deuteronomium 28,13 ist das Ziel. Darauf zielt auch die Frage der Jünger in Apostelgeschichte 1,6, was Jesus nicht verurteilt, nur lediglich nicht für zeitgemäß erklärt.

Ist es Ihrer Meinung nach der erste Auftrag der Christen, das Evangelium weiterzusagen oder Israel zu segnen?

Das Eine widerspricht dem Anderen nicht.

Glauben Sie, dass israelfreundliche Christen und messianische Juden in der Gefahr stehen könnten, das Alte Testament zulasten des Neuen überzubetonen und die Bibel eher aus politischer Perspektive zu lesen statt auf ihre persönliches Leben (Heiligung) anzuwenden?

Nein! Diese Gefahr sehe ich nicht. Seit 2000 Jahren wurde die Bedeutung des sogenannten “Alten Testaments” heruntergespielt. Man braucht nicht weniger als noch 2000 Jahre, um in eine solche Gefahrenzone zu kommen!

Weil den Juden das Gesetz anvertraut wurde und Kultur und Sprache der Bibel ihnen besonders vertraut sind, könnten viele Christen sicherlich von einer jüdisch-messianischen Auslegung der Schrift lernen. Wäre es denkbar, dass messianische Juden – z.B. im Rahmen einer Konferenz wie dieser – auch andere Themen (z.B. ethisch-apologetischer Art) vermehrt behandeln und so die christliche Theologie mit voranbringen?

Warum nicht? Aber für solche Themen brauchen wir ein entsprechendes Publikum. Die Lehrer und die Zuhörer sollen in der Lage sein, gemeinsam Theologie z treiben und voneinander zu lernen. Das ist schon ein gewisser Wachstum von einem Israelfan zu einem echten Talmid Jeschua (Jünger von Jesus).

Vielen herzlichen Dank für das Interview!

(jp)

Fotos: © privat

Deutsch-israelische Beziehungen – Horst Stresow

 Jüdisch-messianische Israelkonferenz Berlin

15. November 2012

 

In seiner Vorstellung bezeichnet Wladimir Pikman ihn als „einen der ersten Nicht-Juden, den man nicht mehr von einem Juden unterscheiden kann“: Horst Stresow, geboren 1928 in Pommern, hat als kleiner Junge den Nationalsozialismus miterlebt und die Synagogen brennen sehen, und wenn er heute eine Kippa trägt, spürt man ihm ab, dass er es ernst meint. Seit 1996 ist der heute 84-Jährige bei Beit Sar Shalom aktiv und hat als Deutscher ein großes Anliegen für Israel und die deutsch-israelischen Beziehungen, die Thema seines Vortrages sind.

Die Kardinalfrage, so beginnt Stresow, die Deutschland sich aufgrund seiner Vergangenheit stellen müsse, sei die folgende: Hat sich seine Beziehung zu Israel grundlegend verändert? Denn schlussendlich ginge es mit Genesis 12,3 („Ich will segnen, die dich segnen“) dabei um das Wohl unserer eigenen Nation. Deshalb wünscht sich Stresow, diese Israelkonferenz würde mit der Überschrift „Land, Land, höre des Herrn Wort“ in die ganze Republik ausgestrahlt. Er gliedert seinen Vortrag in vier Punkte, wovon er dem ersten die meiste Zeit widmet.

1. Der historische Werdegang Deutschlands nach dem 2. Weltkrieg

Stresow zufolge prägt der Holocaust bis heute die komplizierte und vielschichtige Beziehung zwischen Deutschland und Israel – mit dem israelischen Schriftsteller Amos Oz betont er, dass ein „normales“ Verhältnis beider Staaten immer unangemessen bleiben werde. Anschließend skizziert der „nicht-jüdische Jude“ die Geschichte dieser Beziehung:

Das erste Treffen nach dem 2. Weltkrieg fand im März 1960 in New York statt – es ist der erste Schritt eines langen Weges der materiellen und finanziellen Unterstützung, den David Ben Gurion und Konrad Adenauer gemeinsam betreten. Bereits 1952 hatte Adenauer ein Wiedergutmachungsabkommen (das so genannte „Luxemburger Abkommen“) über 3,85 Milliarden DM mit Israel geschlossen. Proteste gegen diese Annäherung gab es auf beiden Seiten sowie die Frage, ob eine Wiedergutmachung durch Geld überhaupt notwendig sei. Im Mai 1965 werden die diplomatischen Beziehungen beider Länder schließlich offiziell aufgenommen und Botschafter entsandt: Rolf Friedemann Pauls nach Jerusalem und Asher Ben Natan nach Bonn.

Daraus entstanden rege Kontakte bis heute, von denen Stresow besonders die Bedeutung von Patenschaften und Schüleraustausch hervorhebt, denn „nichts verbindet mehr als das persönliche Kennenlernen von Land, Kultur und Menschen“. Inzwischen hätten Deutsche mehr Kontakte mit Israel als mit jedem anderen Land auf der Welt – eine ermutigende These, für welche einige Belege wünschenswert gewesen wären.

Horst Stresow führt weiter aus, dass diese Länderpartnerschaft sich auf die Bereiche Kunst und Kultur ausstreckt – hier erwähnt er die zentrale Bedeutung Berlins, z. B. durch sein jüdisches Museum und die Berlinale, bei der 2008 sechs israelische Filme ausgezeichnet wurden, sowie die wertvolle Arbeit der Bundeszentrale für politische Bildung -, auf Wissenschaft und Forschung sowie den Handel – sei doch Deutschland nach den USA Israels wichtigster Partner, was man an den zahlreichen dort hergestellten technischen Produkte sehen könne.

Die immer besser werdende Beziehung erklärt Stresow nun sowohl mit der Geschichte, als auch mit der engen Verbindung zwischen Judentum und Christentum sowie den europäischen Wurzeln des Zionismus (dazu mehr bei Jurek Schulz) – wobei dem hinzuzufügen ist, dass nur das erstgenannte Element in besonderer Weise auf Deutschland zutrifft.

2. Die deutsch-israelische Beziehung aus israelischer Sicht

„Nur wenn Deutsche und Israelis begreifen, dass ein wichtiger Teil ihrer so wichtigen Identitäten in jenen zwölf Jahren der Nazi-Zeit gegründet sind, gibt es Hoffnung auf gesunde Normalität in den Beziehungen“, so äußerte sich ein Israeli gegenüber Stresow im Jahre 2005. Leider bleibt offen, was genau damit gemeint ist und ob (siehe das oben genannte Zitat von Oz) von Normalität die Rede sein kann, wenn man gleichzeitig aufgefordert ist, sich die historische Tragödie der Shoa stets vor Augen zu halten. Ein anderer Jude beschrieb dem 84-jährigen Deutschen gegenüber das deutsch-israelische Verhältnis als „belastet, aber belastbar“ – kurz und treffend.

Mit Ezer Weizmann, dem israelischen Präsidenten von 1993 bis 2000, wundert sich Horst Stresow über die unbegreifliche Tatsache, dass Juden nach dem Holocaust immer noch in Deutschland wohnen wollen. Seien doch „Nazismus“ und „Shoa“ bis heute die ersten Wörter, an die Israelis denken, wenn von Deutschland die Rede ist – egal, ob sie persönlich betroffen sind oder nicht. Sicherlich, das könnte man ergänzend hinzufügen, ginge dies vielen Deutschen ähnlich, wenn sie das Wort „Jude“ hören. Wobei zu fragen ist, ob heute Deutsche mit Israel nicht auch schnell den Nahostkonflikt verbinden und so die Gegenwart die Vergangenheit langsam mit ihrer Relevanz verdrängt. Es ist dementsprechend für die nahe Zukunft zu hoffen, dass Israelis auch die deutsche – immer noch grundsätzlich pro-israelische – Rolle im nahöstlichen Friedensprozess als für Deutschland kennzeichnend erleben.

Auch wenn es in Israel immer noch junge wie alte „Totalverweigerer“ gebe, sei der Umgang mit Deutschland heute – ungeachtet der oben genannten Assoziationen – doch relativ entspannt und von Offenheit und Herzlichkeit geprägt, so Stresow weiter.

3. Die religiöse Situation

Vermutlich wegen zeitbedingter Kürzungen erwähnt Stresow zu der religiösen Situation (Israels? Deutschlands? Der israelisch-deutschen Beziehungen? Sein Titel wird nicht weiter erläutert) nur, dass viele christliche Werke Israel durch die Vermittlung von Freundschaften, Reisen, materielle Hilfen uvm. Unterstützung leisten, und listet exemplarisch die bei der Israelkonferenz anwesenden Organisationen auf, darunter due Sächsischen Israelfreunde, der Evangeliumsdienst für Israel, die Brücke Berlin-Jerusalem, die Arbeitsgemeinschaft für das messianische Zeugnis an Israel und die Internationale Christliche Botschaft Jerusalem.

4. Persönliche Bemerkungen

Zuletzt gibt Stresow einen Einblick in seine Perspektive auf das deutsch-israelische Verhältnis, hebt aber besondere die deutsche Lage im Hinblick auf den Antisemitismus hervor: „Ist der Judenhass aus unserem Land verschwunden? Das muss leider verneint werden.“ Als Beispiel erzählt er, wie antisemitische Aussagen in einem deutschen Fliegerclub zum Alltag gehören und wie eine ihm bekannte messianische Familie durch Mobbing, Einbrüche und antisemitische Parolen aus dem Land geekelt werde. Es sei ein Wunder, „dass Gott uns wieder mit so vielen Juden segnet“ und wir müssten uns unserer diesbezüglichen Verantwortung bewusst werden.

Horst Stresow berichtet zum Schluss von der ersten Taufe messianischer Juden im Jahre 1996 in einer Berliner Baptistengemeinde: Für ihn war dies ein historisches Ereignis, der Beginn einer Erweckung unter deutschen Juden. Und die heutige Konferenz zeige, dass Gott Akzente setzt – damit bringt er zum Ausdruck, dass für ihn das jüdische Volk Grundlage wie Maßstab für Gottes Handeln ist. Es sei ein „Licht, das auf dem Berge steht und nicht verborgen kann“ – mit dieser nicht ganz nachvollziehbaren Allegorie aus Mt 5,14 beendet Stresow seinen Vortrag, der den Zuhörern Grund zur Freude, aber auch Grund zur Besorgnis gab.

Einen ausführlichen und informativen Artikel zu den deutsch-israelischen Beziehungen finden Sie bei der Bundeszentrale für politische Bildung: http://www.bpb.de/izpb/25044/40-jahre-deutsch-israelische-beziehungen?p=all

(jp)

 

Die jüdisch-messianische Israelkonferenz 2012

„Wir wollen diese Konferenz nicht nur durchführen, sondern feiern“ – mit diesen Worten eröffnete Wladimir Pikman die jüdisch-messianische Israelkonferenz, die vom 15. bis 17. November 2012 in Berlin stattfand. Pikman ist als Leiter des Evangeliumsdienstes Beit Sar Shalom einer der Hauptorganisatoren dieser Konferenz, welche erstmalig von einem Großteil der messianischen Gemeinden Deutschlands getragen und veranstaltet wurde und mit um die 350 Teilnehmern sehr gut besucht war.

Die dreitägige Konferenz sollte „biblisch fundiert“, „jüdisch geprägt“ und „Messias-zentriert“ sein und richtete sich nicht allein an messianische Juden, sondern war laut Pikman für die Öffentlichkeit bestimmt. Tatsächlich bestand das Publikum sowohl aus Gläubigen jüdischer als auch nichtjüdischer Herkunft und lebte so die propagierte Einheit nach Galater 3,28 vor. Das Thema der Tagung, die „Rolle Israels für Deutschland und die Welt“, wurde im Rahmen von Vorträgen, Workshops und Gruppenreflektionen behandelt. Diese wurden von unterschiedlichen messianischen Leitern aus Deutschland geleitet, von denen ein Großteil derer, die in dem Milieu Rang und Namen haben, vertreten waren – darunter die Hauptredner Horst Stresow, Anatoli Uschomirski, Jurek Schulz und Wladimir Pikman.

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Wladimir Pikman

Die Konferenz begann am Donnerstag Abend mit einer freundlichen Begrüßung des jungen Pikman, dem man seine Freude über die bevorstehende Veranstaltung sichtlich ansah. Er betonte deutlich, dass biblisch gearbeitet und „nicht so viel Politik“ gemacht werden solle. Erreicht werden konnte dieses Ziel nicht immer, nahmen doch die dargelegten biblisch-theologischen Überzeugungen allesamt auch (welt-)politische Dimension an. Zudem waren die Konferenztage geprägt von Nachrichten über Raketenbeschuss aus Gaza, der Tel Aviv und Jerusalem erreicht hatte. Dementsprechend wurde im Plenum und in den Gebetszeiten für einen dauerhaften von Jeschua etablierten Frieden im Nahen Osten gebetet.

Durch die gemeinsamen Lobpreiszeiten führte die Band der Berliner Gemeinde Beit Schomer Israel mit einer bunten Mischung aus deutschen und natürlich hebräischen Lobpreisliedern wie „Kadosch“, „Ani Ma‘amin“, auch das „Schema Israel“ durfte nicht fehlen. (Einen Online-Radiosender mit den typischen Liedern, teils allerdings auf Russisch, bietet die Gemeinde hier an.)

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Musik bei der Israelkonferenz

Für den ersten Vortrag über die deutsch-israelischen Beziehungen tritt der 84-jährige Horst Stresow, langjähriger Mitarbeiter von Beit Sar Shalom, ans Rednerpult – vielleicht mit seiner ruhigen Art als animierender Einstieg nach den langen Anfahrtswegen der Teilnehmer nicht die beste Wahl, aber durchaus informativ. Sein Hauptanliegen scheint dabei zu sein, vor dem latent wiederkehrenden Antisemitismus in Deutschland zu warnen (hier der detaillierte Bericht). Nach den einzelnen Vorträgen folgen jeweils Gruppenreflektionen, bei denen jeder das aufgreifen soll, was ihm am wichtigsten geworden ist. Platz für – konstruktive – Kritik bleibt bei dieser „Aufgabenstellung“ nicht unbedingt, stattdessen dient der Austausch vor allem dazu, sich unter Gleichgesinnten in der Freundschaft zu Israel und in der damit verbundenen Abgrenzung zu kritischen Stimmen zu bestärken.

Der Tag wird beendet mit zwei Workshops – im Laufe der Konferenz werden insgesamt acht verschiedene angeboten, die sich allesamt um die Frage drehen, welche Rolle Israel in unserem Leben einnimmt, ob in der Gemeinde, im Lobpreis oder in der Evangelisation. Heute Abend berichtet Dmitriy Siroy, Leiter der messianischen Gemeinde Beit Hesed in Düsseldorf, welche Rolle Israel in deren Gemeindeleben spielt. Dabei ist er nicht der einzige Redner, der so sehr ins Predigen gerät, dass sachlich vorgetragene Information in den Hintergrund tritt. Doch das Publikum scheint dies nicht zu stören, es hat möglicherweise nichts anderes erwartet, und so werden die „Prediger“ immer wieder mit lautstarken „Amen“- und sonstigen Dazwischenrufen bestätigt. Siroy betont: In letzter Zeit gebe es immer mehr Israel-Fans, die Land und Leute lieben, weil diese ihnen attraktiv erscheinen. Doch Israel brauche keine Fans, sondern Brüder und Schwestern, die es politisch unterstützen und die mithelfen, die jüdische Identität zu wahren. Schade, dass er damit viele Israelreisende, die Volk und Land offen gegenüberstehen und zur florierenden Wirtschaft beitragen, abwertet. Seiner Ansicht nach seien die ersten Gläubigen der Apostelgeschichte ein gutes Vorbild, weil sie nach ihrer Bekehrung „noch mehr Juden wurden als zuvor“. Ob nicht auch das Gegenteil behauptet werden könnte, wird von Siroy leider nicht näher thematisiert.

Vielmehr legt er Wert darauf, dass auch Christen sich mit den jüdischen Traditionen befassen, um sich diese zu eigen zu machen. (Übrigens war es für uns ein Novum, dass die messianischen Juden selbst sich nie als „Christen“ bezeichnen, dieser Begriff nur für die sogenannten „Heidenchristen“ verwendet wird.) Tatsächlich scheint bei dem Redner und seinen Zuhörern allgemeiner Konsens darüber zu herrschen, dass die Solidarität mit dem jüdischen Volk sich sogar – und vielleicht bestenfalls – in einem jüdischen Lebensstil äußern sollte. Unvergesslich bleibt für uns diesbezüglich die Begegnung mit einem typischen „Vorzeigejuden“ auf dieser Konferenz: Er trägt eine Kippa, einen langen Bart und jüdische Tracht. Er klärt uns auf über die Schönheit des jüdischen Gebetsbuches (Siddur), singt die hebräische Sabbatliturgie fehlerlos auswendig mit und verfällt während unseres Gesprächs in eine Lobeshymne auf die Gesetze der Thora, die laut ihm den Schlüssel für ein erfülltes Leben in sich bergen. Doch: Er ist kein Jude, sondern deutscher Christ, der aber in diesem jüdischen Leben so aufzublühen scheint und sich so sehr mit dem Judentum identifiziert, dass mancher „echter“ Jude erstaunt wäre.

Die anwesenden messianischen Leiter aus ganz Deutschland (Dmitriy Siroy: sechster v.r.)

Zurück im Workshop erklärt Dmitriy Siroy nachvollziehbar, warum seine messianische Gemeinde sich für die Wahrung zahlreicher Traditionen und Gesetze, wie beispielweise das koschere Essen, entschieden hat: Sie gehören zu ihrer Identität als Juden, schweißen sie zusammen und helfen den Kindern dabei, biblische Wahrheiten zu verstehen (Deuteronomium 6,7). Siroy schließt mit dem Aufruf, dass das heutige Israel, welches für ihn das biblische ist, die Mitte all unserer Gebete sein müsste. Eine Begründung gibt er dafür nicht und scheint auch niemand zu vermissen. Wir sind eben nicht auf einer theologischen Fachtagung.

Der nächste, sich intensiv ankündigende Tag, startet mit freiwilligem Gebet für Israel. Der Großteil der beteiligten Frühaufsteher sind laut Pikman die Christen. Sie erleben hier etwas, was ihnen vielleicht in ihren Heimatgemeinden manchmal fehlt: Die Schofar wird geblasen, hebräische Lieder werden angestimmt – man fühlt sich fast wie in Israel.

Anatoli Uschomirski

Nun geht es weiter mit einem der grundlegendsten Vorträge der Konferenz: Anatoli Uschomirski, Leiter von Schma Israel in Stuttgart und Referent beim Evangeliumsdienst für Israel (edi), kommt zu Wort und man merkt, dass er sich gut vorbereitet hat. Wie alle messianischen Leiter vor und nach ihm betont er die zentrale Rolle Israels in Gottes Heilsplan: „Der Schlüssel zur Erweckung der nichtjüdischen Völkerwelt liegt nach wie vor und auch in der Zukunft in Israel“, bringt er es auf den Punkt, und wendet sich damit gegen jede Theologie, der zufolge die Kirche Israel als Gottes Volk abgelöst habe. (Hier finden Sie den Bericht sowie ein Interview mit Uschomirski).

Wer nun besonders bei diesem Thema auf eine wissenschaftliche Auseinandersetzung gewartet hat, die die Argumente der Gegenseite aufnimmt und auswertet, wartet auch hier vergeblich. Das „biblisch fundiert“ als Schlüsselwert der Konferenz besteht eher in der wiederkehrenden Betonung wichtiger Bibelverse als in dem Publikum nahegebrachten exegetischen und hermeneutischen Argumenten. Dabei wäre ein großer Teil der Redner sicher dazu in der Lage gewesen und könnten noch fundiertere Begründungen den anwesenden Israel-Fans zwecks Festigung und Verteidigung ihrer Position bestimmt von Nutzen sein.

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Ein junger messianischer Jude und Rosa Geisler stellen ihre Workshops vor

Vor der Mittagspause folgt der nächste Workshopblock, es berichtet ein junger messianischer Jude aus seinem Dienst in Heidelberg. Sein Beispiel zeigt, dass auch die junge Generation aktiv mitgestaltet, wenn diese auch bei der Konferenz selbst in der Minderheit ist. Er knüpft mit seinen Aussagen an den Vortrag Uschomirskis an und verbringt einen großen Teil seiner Redezeit mit einer biblischen Rechtfertigung der fortwährenden Erwählung Israels (siehe Bericht).

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Einer der Stände bei der Konferenz

Anschließend lässt die Pause Zeit, sich über das bisher Gehörte auszutauschen, sich an Ständen mit Infomaterial einzelner Organisationen oder israelischen Produkten einzudecken oder  einfach mal an der frischen Luft durchzuatmen. Die Stimmung ist ausgelassen in den Räumlichkeiten dieser Berliner Freikirche und man kommt nicht umhin, sich vorzustellen, dass eine solche Versammlung kippa-tragender Menschen am gleichen Ort vor einigen Jahrzehnten vielen das Leben hätte kosten können. Doch auch jetzt herrscht zeitweise eine gewisse Beklemmung, denn nähert man sich den Konferenzräumen von außen, würde man aufgrund der vorgezogenen Vorhänge und der fehlenden Plakate am Eingang nie erahnen können, dass sich hier Juden versammeln. Zufall oder Vorsichtsmaßnahme?!

Am Nachmittag ist es an Jurek Schulz von Amzi, gegen die Müdigkeit der Zuhörer anzukämpfen – doch dies gelingt dem charismatischen Redner mit seinem Vortrag über den Zionismus recht gut. Der deutschstämmige messianische Jude präsentiert eine Mischung aus geschichtlichem Abriss und – wie seine Vorgänger – Predigt. Ihm zufolge ist die einzige Hoffnung für den Nahen Osten die Ein-Staaten-Lösung und auch er warnt vor Kritik an Israel, welche er auf eine Stufe mit dem Holocaust stellt: „Was früher die Judenfrage war, ist heute die Israelfrage geworden.“ (Hier der ausführliche Bericht von Schulz’ Vortrag.)

Vitali F. während seines Workshops

Im nächsten Workshopblock hören wir uns de Vortrag „Israel aus Sicht junger messianischer Juden II“ von Vitali F. an. So langsam erwartet man inhaltlich nicht mehr viel Neues, ist aber gespannt auf den Einblick in die Lebenswelt eines jeden messianischen Juden in Deutschland, da diese einem sonst eher selten begegnen. Dem messianischen Leiter Vitali F. liegt es wie Siroy am Herzen, dass jeder Christ sich mit Israel identifiziert, es zum Mittelpunkt seines Lebens macht. Wie bereits zuvor wächst in uns der Eindruck, dass ein solches Werben eher in weniger israelfreundlichen Kreisen und Gemeinden als auf dieser Konferenz nötig wäre.

Der Sabbat wird eröffnet

Der Sabbat wird eröffnet

Für heute sind die Vorträge vorbei und nach dem Abendessen beginnt der entspannende Teil des Tages, denn: Der Sabbat hat begonnen. Zur Freude aller nichtjüdischen Teilnehmer der Konferenz wurde dieser zuvor von Anatoli Uschomirski offiziell mit der klassischen Sabbatliturgie begonnen, allerdings nicht ohne hinzuzufügen: Christen würden oft ein spektakuläres Event erwarten, wenn der Sabbat begrüßt wird, doch sei dieser Moment für einen Juden, der Woche für Woche Sabbat feiert, keine so große Aufregung. Dementsprechend werden in einem simplen, aber bedeutungsvollen Moment von einer Frau die Kerzen angezündet und der Segen gesprochen und wird das Brot für alle an den Eingang des großen Saales deponiert. Festlicher geht es dann um 20 Uhr zu, bei einer Mischung aus Kabbalat Schabbat mit den hebräischen Liedern wie „Shabbat Shalom“ und einem christlich geprägten Lobpreisteil. Ein Highlight des Abends ist die Tanzgruppe von Adon Jeschua Stuttgart, die mit typisch jüdischem Tanz für ausgelassene Stimmung sorgt.

Die Tanz

Die Tanzgruppe von Adon Jeschua Stuttgart

Der Samstag als letzter Konferenztag schließt an den Vorabend an und beginnt mit einem Gottesdienst zum Sabbat, wie ihn die messianischen Juden üblicherweise am Samstag feiern. So etwas bekommt man nicht alle Tage geboten: Ein normaler messianisch-jüdischer Gottesdienst, der einem das Gefühl vermittelt, mitten in Israel zu sein, unterbrochen von liebevoll erklärten Anleitungen Wladimir Pikmans, der neben seiner Arbeit bei Beit Sar Schalom ordinierter Rabbiner der messianischen Gemeinde Beit Schomer Israel Berlin ist, und Schritt für Schritt durch den fast dreistündigen Gottesdienst führt. Jedes Element und Ritual des Schacharit l‘Schabbat wird den anwesenden Nichtjuden nachvollziehbar erläutert. Dazu gehört die Frage, wann man aufzustehen und wann sitzenzubleiben hat, was auf der Powerpoint jeweils durch ein entsprechendes Symbol gekennzeichnet wird: „Man muss aufmerksam bleiben“, kommentiert Pikman lächelnd. Er erklärt, dass man das Schema Israel mit der rechten Hand vor den Augen betet, man sich beim Amida, dem Achtzehngebet, in Richtung Jerusalem wendet und dabei mit ganz Israel im Gebet vereint ist, und ruft einfühlsam zum Kaddisch Jatomi, dem Gebet der Trauernden auf. Zu der Liturgie gehört zudem viel Lobpreismusik, die Sammlung für Reisen von Holocaustüberlebenden nach Deutschland (bei der sogar auf diejenigen Rücksicht genommen wird, die am Sabbat kein Geld bei sich tragen) sowie eine Predigt Pikmans über Daniel 9,1-21, bei der der messianischer Leiter betont, dass wahre Fürbitte Identifikation beinhaltet (in dem Fall mit Israel und dessen Schuld). Berührt von diesen Worten stimmen die Gottesdienstteilnehmer daraufhin spontan das Lied „Vater, mach uns eins“ an.

Das Schema Israel vor dem Ausheben der Thorarolle

Das Schema Israel vor dem Ausheben der Thorarolle

Für viele ist sicherlich das Highlight des Vormittages das Seder Hoza‘at Sefer Torah, das Ausheben der Thorarolle. Pikman selbst kann seinen Enthusiasmus nicht verstecken, wenn er – fast personifizierend – über die Thora spricht: „Wir sind froh, dass sie heute unter uns ist. Noch nie waren die messianischen Gemeinden mit der Thora zusammen!“ Er sei sicher, dass Gott heute durch sie wirken und etwas in Kraft setzen werde und erklärt das uns erwartende Ritual: Bevor aus ihr gelesen wird, wird die Schriftrolle von zwei Männern durch den Saal getragen, so dass jeder sie „begrüßen“, ihr „begegnen“ kann. Dies geschehe, indem man mit einem Schal, dem Siddur, der Bibel oder einem ähnlichen Gegenstand die Thorarolle berührt und den Gegenstand anschließend küsst. Dabei dürfe man der Thora weder den Rücken kehren noch sie aus den Augen verlieren. Dieses für viele ungewohnte und beinah katholisch anmutende Ritual wird begeistert aufgenommen – die Stimmung ist gut, während in einer Endlosschleife immer wieder, vom Chasan angeführt, das gleiche Lied wiederholt wird. Durch interaktive Elemente wie dieses hat man am Schluss das Gefühl, aktiv teilgenommen zu haben und für eine kurze Zeit in die jüdische Welt eingetaucht zu sein.  (Wenn Sie den Gottesdienst auf Video live miterleben möchten, können Sie ihn sich hier ansehen.)

Wladimir Pikman bei seinem Vortrag über die Zukunft Israels

Wladimir Pikman bei seinem Vortrag über die Zukunft Israels

Nach dem Mittagessen folgt Pikmans Vortrag über Israels Zukunft (unter dem Link finden Sie neben dem Bericht auch ein ausführliches Interview mit Pikman, das das Institut für Israelogie auf der Konferenz mit ihm geführt hat), auf den sicherlich alle gewartet haben: Was wird denn nun in Israel passieren, was ist die Lösung des Nahostkonfliktes, wann und wie kommt der Messias wieder? Doch mit präzisen eschatologischen Hypothesen hält sich der ausgebildete Theologe glücklicherweise zurück. Stattdessen überrascht er mit der Aussage: „Auch die Araber haben das Recht, in Israel zu leben!“ Der jüdisch-messianische Leiter gründet seine These auf biblische Verheißungen wie Hesekiel 47,21-23 und plädiert dafür, dass Israel sich eher bemühen solle, die arabische Bevölkerung zu Gott zu führen, als sie aus dem Land zu vertreiben. Weiter führt Pikman aus, dass nur eine Umkehr zu Jeschua seitens der Juden wie auch der Araber zur Erfüllung der das Land betreffenden Prophezeiungen führen würde – darin liege Israels Zukunft. Neben diese versöhnlich klingenden Botschaft bringt er deutlich seine Überzeugung zum Ausdruck, dass die von Gott versprochenen Grenzen Israels weit über das heutige Gebiet hinausgehen und Saudi-Arabien, Ägypten und die Türkei einschließen würden. Er hält sich mit diesen provokativen Äußerungen, die er durch Kartenmaterial illustriert, trotz des öffentlichen Charakters der Konferenz und der weltweit online abrufbaren Videoaufnahmen nicht zurück. Hier hat er das emotionale Publikum wieder ganz auf seiner Seite und sorgt für so manchen Lacher.

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Die Hawdala zum Sabbatende

Mit der Hawdala, die das Ende des Sabbats markiert, und einem weiteren Workshopblock, geht die jüdisch-messianische Israelkonferenz schließlich zu Ende. Die Verbundenheit mit Israel sowie die Einheit jüdischer und nichtjüdischer Christen war auf der Berliner Konferenz spürbar. Und man kann festhalten, dass Pikmans anfängliche Einladung, „diese Konferenz nicht nur durchzuführen, sondern zu feiern“ durch vielerlei Elemente wie die hebräischen Lobpreislieder, festlichen Traditionen und den intensiven Schabbatgottesdienst praktisch umgesetzt wurde.

Für die messianische Bewegung bleibt zu hoffen, dass sie sich auch in Zukunft als so lebendig erweist, wie sie sich auf dieser Konferenz gezeigt hat, dass in Deutschland das Interesse an der Begegnung mit diesen Juden wächst, für die der Glaube an den Messias Jeschua erst das wahre Judentum ausmacht, und – last, but not least -, dass messianische Juden kompetente Theologen ausbilden, die sie in Zukunft dabei unterstützen, in einen konstruktiv-sachlichen Dialog mit Christen anderer Meinungen zu treten, welcher vielleicht mehr noch als das Singen frommer Lieder Ausdruck der christlichen Einheit sein kann und sollte.

Hier eine Übersicht der von uns verfassten Berichte von der jüdisch-messianischen Israelkonferenz:

Unter dem folgenden Link finden Sie die Videoaufnahmen der gesamten Konferenz (für die Vorträge und Workshops wird ein Passwort benötigt, andere Mitschnitte sind frei zugänglich): http://www.israelkonferenz.de/index.php/videouebertragung

(jp)

Fotos: privat

Noch ein Israel-Bericht? Ja, zwar wohl der vorerst letzte für dieses Jahr, doch auch die Teilnehmer der diesjährigen vom Institut für Israeologie angebotenen Studienreise haben so einiges zu erzählen: Vom 6. bis 20. September besichtigten die 29 Teilnehmer einen historisch, kulturell und/oder religiös wichtigen Ort nach dem anderen, natürlich nicht ohne sich jeweils Zeit zu nehmen für Reflexion und Besinnung über die Bedeutung der biblischen Stätten. Für alle Beteiligten war es eine lohnenswerte und prägende Zeit. Hermann Menger berichtet:

Vierzehn Tage im „Heiligen Land“ – ein Reisebericht

Eigentlich beginnt eine Israel-Reise schon vor dem Einchecken auf dem Frankfurter Flughafen, wenn man von freundlichen Israelis nach dem Grund der Reise gefragt wird und ob man seinen Koffer alleine gepackt hat. Kommt man dann nach der Landung auf dem Ben-Gurion-Flughafen nahe Tel-Aviv aus den klimatisierten Räumen ins Freie, hat man den Eindruck, man betrete gerade die Sauna.

Blick vom Ölberg auf den Tempelberg in Jerusalem

Vom 6. bis 20. September 2012 waren meine Frau und ich Teilnehmer der 26. Israel-Studienreise, die von Gerhard Duske (Gießen) in Zusammenarbeit mit dem Institut für Israelogie der FTH perfekt organisiert war. Seine jahrzehntelange Erfahrung in Sachen Reiseplanung war in jeder Minute der gesamten Reise zu spüren: Waren es die bestens ausgesuchten Unterkünfte, die optimale Reiseroute, der israelische Reiseführer Gideon Yairi, mit dem er schon jahrelang gut zusammenarbeitet, das Wissen um die beste Zeit, etwas zu besichtigen, um nicht in den Besuchermassen unterzugehen …, hier könnte die Aufzählung noch beliebig ergänzt werden.

In der Reiseplanung waren zwei Experten für die theologische Begleitung, das heißt für die Andachten und Vorträge, vorgesehen: Die Professoren Dr. Helge Stadelmann (Rektor der FTH) und Dr. Berthold Schwarz (FTH-Dozent und Leiter des Instituts für Israelogie). Leider konnte Berthold Schwarz aus gesundheitlichen Gründen nicht dabei sein. Sein Part wurde von Helge Stadelmann übernommen, der uns an vielen markanten Orten eindrucksvoll den Bezug zur Bibel aufzeigte und an einigen Abenden wertvolle Vorträge hielt. Er hat in uns durch seine tiefschürfenden Beiträge ganz neu die Liebe zu Israel geweckt und uns Einblicke und Zusammenhänge aufgezeigt, die wir nicht mehr missen möchten.

Badespaß im Toten Meer

Die Höhlen von Qumran

Die wichtigsten Stationen des ausgefüllten Programms waren Netanya, Cäsarea am Meer, Megiddo, Beth Shearim, Nazareth, Ein Gev am See Genezareth, Tabgha, Kapernaum, Korazin, Safed, die Jordan-Quellen, Golan-Höhen, Qumran, die Oase Ein Gedi, das Tote Meer, Eilat am Roten Meer, der Moses-Berg in Ägypten, der Ramon-Krater, die Nabatäerstadt Avdat, die Wüstenstadt Arad, die Festung Massada, die Abraham-Stadt Beer-Sheva, die Höhlen von Marescha und – last not least – als Höhepunkt fünf volle Tage in Jerusalem.

Im Wadi Zin (Negev)

Wir werden sicher noch lange brauchen, um die vielen Eindrücke und Erlebnisse nach und nach zu verarbeiten. Von den Landschaften hat uns am meisten die Wüste Zin beeindruckt, aber auch der Sonnenaufgang über dem Sinai nach drei Stunden Nachtwanderung zum Mosesberg über dem Katharinenkloster oder der frühmorgendliche Aufstieg zur Festung Massada über die Römer-Rampe, lange bevor die Massen aus der Seilbahn ausstiegen.

Sonnenaufgang im Sinai

Abstieg vom Moses-Berg

Das “Tal der Gemeinden” in Yad Vashem

Inhaltlich hat mich die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem am meisten beeindruckt, aber auch nervlich mitgenommen. Zum Beispiel, im „Tal der Gemeinden“ zu sehen, dass Tausende von jüdischen Gemeinden in Europa von den Nazis ausgelöscht wurden, unter anderen auch die in Gießen.

Sonnenuntergang am See Genezareth

In Erinnerung bleiben werden auch eine Taufe am See Genezareth, Helge Stadelmanns Vorträge über den Landbesitz Israels, seine Aussagen über die Gemeinde Jesu im antiken Cäsarea Philippi, die Abendmahlsfeier am Gartengrab und der Gang durch die Via Dolorosa in Jerusalem.

Die Abendmahlsfeier am Gartengrab

Dazu zählen auch die gute Gemeinschaft in der mit 29 Teilnehmern überschaubaren Reisegruppe, unsere mehrstimmigen Gesänge in der St. Anna-Kirche, unser privater Ruhetag am Rosh Hashanna, dem jüdischen Neujahrsfest.

Alles in allem: Eine wunderbare Reise, die wir nur jedem wärmstens empfehlen können!

PS: Gerhard Duske plant schon seine nächste (und letzte) Israelreise für die Herbstferien 2014.

(Hermann Menger)

So etwas gibt es nur in Israel. Der Oberste Gerichtshof zitiert den biblischen Moses, um ein Urteil zu begründen: „Sollen eure Brüder in den Krieg ziehen, während ihr selbst hier bleibt?” Mit dieser Aussage aus Numeri 32,6 stellten sich sechs der neun Richter Israels schon im Februar diesen Jahres mit dem Vorwurf der Verfassungswidrigkeit gegen eine Freistellung der Ultraorthodoxen von der Armee.

Dieser Entscheidung liegen eine lange Geschichte und eifrigste Diskussionen voraus. Bislang waren seit 1948 ultraorthodoxe Juden durch das sogennante „Tal-Gesetz“ vom Militärdienst befreit, um sich ganz dem Torah-Studium zu widmen. Dazu besuchen sie Jeschivas, Talmud-Schulen, zum Teil ihr ganzes Leben lang, wofür sie ein Stipendium vom Staat erhalten.

Der Wehrdienst hindere sie insofern daran, ihren Glauben rechtmäßig auszuüben, als es beispielsweise keine strikte Geschlechtertrennung gebe und der Sabbat nicht immer und ihren Vorstellungen entsprechend eingehalten werde.

Zur Zeiten der Staatsgründung Israels handelte es sich bei dieser Befreiung nur um ein paar hundert Fälle pro Jahr, doch ist diese Zahl aufgrund der hohen Geburtenrate der Ultraorthodoxen rasant auf mehrere Zehntausend angestiegen, heute sind es etwa 13 % der wehrpflichtigen Bevölkerung. Die wirtschaftlichen Konsequenzen dieser Ausnahmeregelung sowie der damit zusammenhängenden Tatsache, dass viele strenggläubige Juden keinem „weltlichen“ Beruf nachgehen und auf Sozialhilfe angewiesen sind, sind allen ersichtlich.

Dementsprechend groß ist die Wut seitens einem Großteil der israelischen Bürger über diese Ungerechtigkeit – verständlich in einem Land, in dem sich der Militärdienst auf ganze drei Jahre beläuft und in dem auch Frauen einberufen werden (allerdings „nur“ für zwei Jahre). In sich mehrenden Demonstrationen forderten zahlreiche Israels deshalb diesen Sommer eine universelle Wehrpflicht. Viele drückten aus, sie wollten nicht als „Freierim“ in der Armee dienen – Menschen, die sich Ungerechtigkeiten gefallen lassen.

Nach dem Gerichtsurteil vom Februar musste nun das Tal-Gesetz angepasst werden – eine große Herausforderung vor der die Regierungskoalition um Premierminister Netanjahu stand, zumal 16 der 66 Koalitionsmitglieder einer der zwei strenggläubigen Parteien (Schas und Vereinigtes Thora-Judentum = UTJ) angehören. Mit der Aussage „Wir sind alle Bürger desselben Staates und wir müssen alle die Last des Wehrdienstes tragen“ hatte Netanjahu dann im Juli den Beschluss verkündet, von nun an alle in die Armee einzuberufen – neben ultraorthodoxen Juden also auch israelische Araber. Allerdings handelt es sich zunächst um eine Übergangslösung und soll nach den Neuwahlen im Januar ein neues Gesetz erarbeitet werden.

Jetzt sind die Musterungsbescheide unterwegs und werden etwa 15.000 strenggläubige Juden zwischen 17 und 19 in den nächsten Wochen erreichen. Wie es weitergeht und wie viele der Ultraorthodoxen tatsächlich in der Armee landen, wird sich zeigen.

Gesichert ist jedenfalls jetzt schon, dass die betreffenden Juden mit Rücksicht auf ihre religiösen Überzeugungen behandelt und so beispielsweise nur von männlichem Personal betreut werden.

Dass sich Armee und Religion in Einklang bringen lassen, zeigen zudem die zwei speziellen Einheiten, die es bei den israelischen Streitkräften gibt und in denen mehrere tausend strengreligiöse Männer bereits dienen: das Bataillon Netzah Yehuda, das vor allem im Westjordanland aktiv ist, sowie die dem Technologie- und Logistiksegment der Luftwaffe angehörige Gruppe Shahar.

Lipa Schmeltzer, ein orthodoxer Rapstar aus New York, der auch der „jüdische Elvis“ oder die „Lady Gaga der chassidischen Musik“ genannt wird, nahm die umstrittene Gesetzesneuregelung und die damit verbundenen Streitigkeiten zum Anlass für ein neues Lied. In seinem Videoclip „Mizrach“ (= „Osten“) behandelt der chassidische Sänger, der 2008 zu den 50 einflussreichsten Juden zählte, das heikle Thema auf humorvolle Art, indem er mit Soldaten der Netzah Yehuda – Bataillon in der Jerusalmer Fußgängerzone tanzt. Er greift das jüdische Gebet für die Rückkehr aller Juden aus Osten und Westen, Norden und Süden auf und wirbt so für Einheit zwischen säkularen und ultraorthodoxen Juden.

 

(jp)

Quellen:

http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-02/israel-armeedienst-ultraorthodox

http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-07/wehrpflicht-israel-orthodeoxe

http://www.botschaftisrael.de/2012/07/05/dienst-bei-den-israelischen-verteidigungskraften-auf-ultra-orthodoxe-art/#more-6049

http://www.jpost.com/Defense/Article.aspx?ID=276213&R=R1

http://www.israelnetz.com/innenpolitik/detailansicht/aktuell/15000-ultraorthodoxe-erhalten-musterungsbescheide-vom-militaer/#.UH_A9IX8o7A

http://israelheute.com/Nachrichten/tabid/179/nid/24982/Default.aspx

http://israelheute.com/Nachrichten/tabid/179/nid/24653/Default.aspx

   

Dieses Jahr konnte es das Institut für Israelogie zum zweiten Mal im Folge einem Studenten der FTH Gießen ermöglichen, an dem Sommeruniversitätsprogramm der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva teilzunehmen. Der glückliche Gewinner Ruben Hauck berichtet uns nun über spannende sechs Wochen im Heiligen Land.

Was war passiert

Aufgeregt waren wir alle. Jeder von uns hätte gerne an dem Sommerprogramm der Universität Ben-Gurion in Beer Sheva teilgenommen, um einen Sprachkurs in Hebräisch zu machen und – fast schon nebenbei – die schönsten Plätze Israels zu sehen. Nachdem letztes Jahr die Entscheidung schon sehr schwer fiel, welchem Student dieser Kurs bezahlt werden soll (alleine ist es kaum möglich dieses Projekt finanziell zu stemmen), war es auch dieses Jahr wieder ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Zum Bedauern meiner Mitstreiter, aber zu meiner größten Freude, fiel die Wahl dieses Mal auf mich.

Und damit begannen Wochen der Spannung und Vorfreude. Immerhin war es mein erster Besuch in Israel.

Blick über Tel Aviv

Doch kaum am Flughafen in Tel Aviv gelandet, musste ich bereits feststellen, dass Israel nicht nur ein anderes Land ist, sondern auch eine andere Kultur besitzt. Die Security erkannte sofort, dass ich kein Einheimischer bin und befragte mich erstmal einige Zeit zu meinen Vorhaben in Israel.

Die Sicherheit

Man stellt in Israel sehr schnell fest, dass hier Sicherheitsvorkehrungen sehr groß geschrieben werden. Mein erster richtiger Kontakt mit Israelis war im Zug vom Flughafen nach Beer Sheva. In meinem Abteil waren etwa drei Zivilisten und 20 bis 30 Soldaten. Alle mit einem Maschinengewehr bewaffnet – Waffen, die ich sonst nur aus dem Fernseher kannte. Direkt verwickelte mich der Soldat neben mir in ein Gespräch. Er war sehr daran interessant wo ich herkomme, was ich hier mache und wieso überhaupt jemand eine Sprache wie Hebräisch lernen will, die doch im Vergleich zu den Weltsprachen kaum einer spricht. Er war sehr freundlich und sympathisch, wie überhaupt fast alle Soldaten, weswegen man sehr schnell ein vertrautes Gefühl zu ihnen aufbaute und sie auf der Straße bald gar nicht mehr wahrnahm. Der Soldat erzählte mir, dass es Pflicht ist, seine Waffe ständig bei sich zu tragen, aber auch manche Zivilisten das Recht haben, ihre Waffe bei sich zu tragen und das auch öffentlich zur Schau stellen.

Doch diese Waffenpräsenz wird sehr schnell zum Alltag. Egal ob ich in den Supermarkt gehe, ins Kaufhaus oder auch nur auf das Unigelände will. Überall steht Wachpersonal, das meine Tasche oder meinen Ausweis kontrolliert. In der ersten Woche war es etwas merkwürdig, aber es wird so schnell zur Gewohnheit, dass man irgendwann automatisch seine Tasche öffnet, wenn man ein öffentliches Gebäude betreten will.

Trotz allem vergisst man sehr schnell, dass man in der Nähe des Gazastreifens wohnt, dass jeden Moment eine Rakete einschlagen kann oder dass die Medien seit Wochen einen möglichen Krieg vorhersagen. Die Einheimischen – so scheint es zumindest nach außen hin – lassen sich erst gar nicht darauf ein. Selbst als es einen Raketenalarm gab. Die Deutschen und die Amerikaner rannten so schnell es ging in den Schutzraum, denn nachdem der Alarm ertönt, hat man genau 60 Sekunden Zeit, sich Schutz zu suchen. Manche Israelis standen hingegen draußen am Geländer und schauten, ob sie den Einschlag bzw. den Abschuss der Rakete sehen können. Dieses Mal traf die Rakete ein Haus in einem kleinen Dorf nähe der Grenze zu Gaza. Keine Verletzte – zumindest körperlich blieben die Bewohner unverletzt, sie haben es rechtzeitig in den Schutzraum geschafft. Während sich unsere Gruppe erst einmal über den Vorfall austauschen musste, gingen die meisten Israelis wieder zu ihrem Alltag über. Die meisten von ihnen haben in der Armee gedient. Männer müssen drei Jahre, Frauen zwei Jahre dienen. Es ist sehr schwer bis fast unmöglich, sich vom Dienst befreien zu lassen – es sei denn, man ist Araber oder orthodoxer Jude.

Obwohl ich mich häufig mit Israelis unterhalten habe und auch Themen wie Krieg, der Gazastreifen oder das Westjordanland dabei waren, blieben persönliche Erlebnisse während ihres Dienstes meist außen vor. Aber ein Raketenalarm gehörte definitiv nicht zu den prägenden Ereignissen. Nach dem Alarm sagte ein Israeli zu mir: Er ist ständig der Gefahr ausgesetzt und die Wahrscheinlichkeit, dass hier eine Rakete einschlägt, liegt bei über 1:1000. Deswegen rennt er nicht jedes Mal in den Schutzraum. Dennoch würde er mir es raten, denn ich müsste es nicht riskieren, dass der einzige Alarm, den ich mitbekomme, genau dieser eine ist. Danach ging alles wieder in den Alltag über.

Der Uni-Alltag

Aktives Lernen im Hebräischunterricht

Schwerpunkt meiner sechs-wöchigen Reise war natürlich das Studium an der Universität Ben-Gurion. Von Sonntag bis Donnerstag hatten wir von 9.00 bis 12.30 Hebräisch-Unterricht. Dabei wurde viel gesprochen, die Praxis wird in diesen Kursen viel höher gehalten als die Theorie. Dadurch erhält man allerdings auch wesentlich schneller Einblick in und Gefühl für die hebräische Sprache, die sich doch stark von der deutschen unterscheidet. Bereits nach den ersten Tagen konnten wir richtige Dialoge führen und – da der Unterrichtsstoff sehr realitätsnah ausgewählt wird – bereits erste Versuche mit unseren israelischen Mitbewohnern unternehmen. Allerdings muss ich zugeben, dass ich meine schnellen Lernerfolge nur meinem Vorwissen aus der Bibelhebräisch-Vorlesung zu verdanken habe. Zum Glück ist die Grammatik bis heute zu großen Teilen identisch geblieben.

Durch diesen Intensivkurs fühlte ich mich nach diesen sechs Wochen sehr sicher, wenn ich allein unter israelischen Leuten war. Zwar ist mein Wortschatz noch sehr klein, aber es reicht vollkommen aus, um sich zu verständigen, vor allem in Geschäften und Supermärkten. Besonders auf dem Markt hilft es sehr, die Zahlen zu kennen, denn die Verkäufer gehen beim Verhandeln sofort mit dem Preis runter, wenn sie merken, dass man ein wenig Hebräisch spricht.

Neben dem Sprachkurs fanden an Nachmittagen Vorlesungen statt. Viele davon wurden auf Deutsch gehalten, da einige Dozenten an der Universität deutsche Auswanderer sind oder zumindest deutsche Wurzeln haben. Die Themen waren dabei sehr unterschiedlich. Leicht verdaulich waren Vorträge über Geologie oder Archäologie, große Diskussionen riefen dagegen Themen wie die nationale Verarbeitung des Holocaust oder der politische Konflikt um das Westjordanland hervor. So unterschiedlich die Dozenten waren, so unterschiedlich waren auch ihre Meinungen zu diesen Themen. Sowohl pro-Israelische, zionistische, als auch sehr kritische Stimmen trugen ihre Meinung vor. Zwar habe ich immer noch keine sichere Meinung zur Westjordanlandproblematik, aber mein Verständnis für den Konflikt hat sich durch diese Vorträge doch grundlegend verbessert.

Die Ausflüge

Wüstenwanderung im Negev

Auch wenn der Uni-Alltag manchmal etwas monoton erschien – die Ausflüge waren alles andere als eintönig. Jedes Wochenende ging es zu einem neuen aufregenden Ort. Dazu zählte eine Wanderung durch die Wüste Negev und zur Festung Massada, ein Wochenende in Tel Aviv und in Haifa. Am spannendsten war natürlich der Ausflug nach Jerusalem. Aus den Vorlesungen und aus Büchern habe ich bereits von den meisten Orten gehört oder sie auf Bildern gesehen.

Der heiß ersehnte Blick über Jerusalem

Es ist faszinierend, wie es die verschiedenen Religionen in Jerusalem gelernt haben, nebeneinander zu leben und ihren Glauben zu praktizieren. Zugleich wirkten diese ganzen Eindrücke auf mich sehr befremdlich. Vor allem an den „christlichen“ Plätzen, die vorwiegend mit orthodoxen Christen gefüllt waren, konnte ich kaum zur Ruhe kommen. Zu ungewohnt waren die Praktiken und die gedrückte Stimmung. Speziell in der Grabeskirche. Nach meinem Empfinden sollte an diesem (historischen ziemlich sicheren) Ort, an dem Jesus auferstanden ist, Jubel und Freude herrschen. Stattdessen weinten und trauerten die Menschen um mich herum.

An der Klagemauer

Erst an der Klagemauer, fernab aller Geschäfte, alles Konsums, in der Ruhe der Abendsonne und umgeben von laut betenden und klagenden Juden, wurde mir richtig bewusst, wo ich nun stehe, was in den Straßen dieser Stadt alles geschehen ist und welche unfassbar große Taten Gott hier vollbracht hat.

Am nächsten Tag besuchte ich das nahe gelegene Bethlehem, welches aber bereits auf der Seite des Westjordanlands liegt. Wer die israelische Politik beurteilen will, muss auch hier einmal gewesen sein. Denn durch die Straßen Bethlehems verläuft eine fast acht Meter hohe Mauer, die zum (erfolgreichen) Schutz vor terroristischen Anschlägen gebaut wurde, gleichzeitig aber die Bewegungsfreiheit der gewöhnlichen Bewohner stark einschränkt. Unser Taxifahrer wollte uns nicht weiterfahren, bis er uns die Mauer gezeigt hat. Das macht er mit allen Touristen so. Weiter weg, an der Geburtskirche und in der Innenstadt, fällt von der Situation kaum mehr auf.

Die Grenzmauer von Bethlehem aus betrachtet

Es ist sehr schwer, eine endgültige Meinung über diesen Konflikt und über den Umgang der Regierungen damit zu fällen. Wie so oft sieht die Praxis leider anders als die Theorie aus. Aber eine wichtige Erfahrung war dieser Kurztrip dennoch.

Fazit

Nach sechs Wochen Israel kann ich nur sagen: Ich habe wirklich viel gesehen und sehr viel erlebt.

Ein Shabbat-Essen

Durch das Leben im Wohnheim und auf dem Campus bekommt man sehr guten Kontakt zu Israelis und Einblick in ihren Alltag, denn sie sind sehr offen und kontaktfreudig. Das trifft vor allem auf die Christen dort zu (nach einem Gottesdienstbesuch wurden wir zum Beispiel von verschiedenen Leuten zum Abendessen eingeladen).

Ich bin sehr dankbar für alles, was ich in Israel erleben durfte und bin mir sicher, dass ich dieses Land noch einmal besuchen muss. Die Zeit in der Sommeruni in Beer Sheva war eine tolle Erfahrung, die ich jedem, egal in welchem Alter, weiterempfehlen kann.

(Ruben Hauck)