Christliche Mission als Deutscher in Israel

Als Deutsche tragen wir eine schwere Bürde aufgrund des verbrecherischen Umgangs mit dem jüdischen Volk durch die Nazis, die uns bis heute zurecht belastet. Die  nationalsozialistische Diktatur und der Holocaust können und dürfen in Deutschland niemals als geschichtlich abhakt behandelt werden.

Dachau, Bayern, Deutschland, Konzentrationslager, Kz

Konzentrationslager in Dachau

Angesichts dieser schlimmen Geschichte zwischen Juden und Deutschen, sowie den daraus entstandenen Verletzungen, haben sich einige Christen aus Deutschland die Aufgabe gestellt, das aktuelle Volk Israel zu trösten, um dadurch bei der Heilung der Beziehungen untereinander und bei der Versöhnung der Menschen mitzuwirken. Herausfordernde Fragen dazu lauten: Was treibt Menschen zu so einem Verhalten an? Wie können denn Christen das Volk Israel praktisch trösten? Was ist dabei der Auftrag vom Wort Gottes her?

Ein paar persönlich gehaltene Gedanken und Überlegungen dazu: Ich selbst war ein Jahr lang mit einer solchen christlichen Organisation namens „Zedakah“ (auf Deutsch Gerechtigkeit oder Wohltätigkeit) im Norden Israels unterwegs. Die Organisation versteht sich als ein Werk der Liebe, das Gutes tun will, und verfolgt einen Tröstungsauftrag in Anlehnung an Jesaja 40,1: „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott.“. Praktisch sieht das so aus, dass Zedakah zwei Häuser für Holocaustüberlebende im Norden Israels unterhält, ein Altenheim und ein Gästehaus. Es handelt es sich dabei nicht um ein klassisches Missionswerk, sondern es dreht sich vielmehr um eine bewusst christlich geprägte diakonische Verantwortung dem jüdischen Volk gegenüber, indem christusgläubige Deutsche sowohl frommen, als auch säkularen Juden praktisch dienen und ihnen helfen wollen. In meinem Jahr, das ich dort verbracht habe, sind mir drei Punkte zum Thema „ Christliche Mission in Israel“ besonders wichtig geworden. Diese möchte ich hier kurz persönlich gehalten darstellen.

Das Zeugnis in der Tat

Wenn man als Deutscher nach Israel kommt, wird man gerade im Dialog mit religiösen Juden sehr schnell merken, dass eine andere Art des Denkens vorherrscht als in Europa: Vom mosaischen Gesetz herkommend, beurteilen sie ihre Mitmenschen sehr stark nach ihrer praktisch gelebten Frömmigkeit und danach, wie „ethisch gut“ oder religiös gottesfürchtig sie wirken und handeln. Sie sind sensibel dafür, wer das Gute sucht unter denen, die ihnen begegnen, und mit welcher Motivation er mit ihnen spricht. Das beginnt mit der äußeren Erscheinung, wie beispielsweise der Kleidung, betrifft aber selbstverständlich auch die Art des Redens und Handelns. Mission in Israel beginnt also nicht mit der Weitergabe des Evangeliums in Worten, sondern damit, sich als authentisch, vertrauenswürdig und liebevoll zu erweisen, in der Regel durch sein praktisches Verhalten. „Lasst euer Licht leuchten vor den Menschen, dass sie eure guten Werke sehen und den Vater im Himmel preisen“ (Mt. 5,16). Genau das macht Mission fruchtbar und ist auch unabhängig vom Thema „Mission“ der bleibende Auftrag Gottes an uns Christen. So spricht Johannes davon, „nicht mit der Zunge zu lieben, sondern in Tat und in Wahrheit“ (vgl. 1.Joh. 5,18). Das Zeugnis durch die Tat ist also gerade in Israel wichtig für Christen und es bekommt noch einmal ein besonderes Gewicht für uns Deutsche, die wir eine so vorbelastete Beziehung zum jüdischen Volk haben. Ein Jude, und ganz besonders ein Holocaustüberlebender, muss zuerst sehen, dass der Deutsche, dem er so skeptisch gegenübersteht, tatsächlich gute Absichten verfolgt und ihm in Demut dient. Ich selbst habe Holocaustüberlebende erlebt, die sich nach zehn Tagen Urlaub im Gästehaus unter Tränen dafür entschuldigt haben, anfänglich so schlecht von uns gedacht zu haben. Die gelebte Liebe macht das Bekenntnis im Wort erst authentisch und bekräftigt das Bekenntnis in einer Art und Weise, die das Herz der Ungläubigen, uns gegenüber skeptisch eingestellten Menschen, wirklich erreicht. 

Diese gelebte Liebe hat noch eine weitere Dimension im Kontext der Mission in Israel. Paulus formuliert es so, dass die Christen aus den Nicht-jüdischen Völkern Israel „zur Eifersucht reizen sollen“ (vgl. Röm. 11, 11). Das tun wir, indem wir ihnen zeigen, dass wir nun ebenfalls eine Beziehung zu dem lebendigen Gott haben, der sich dem Volk Israel doch zuerst offenbart hatte. Durch unsere Gottesfurcht und unsere Liebe zu Gott und unserem Nächsten sehen die Juden, dass nun selbst Nationen den Auftrag erfüllen, der doch ihnen gegeben worden war und werden so dazu angespornt, es ihnen gleichzutun. 

Die richtige Liebe

Im neunten Kapitel des Römerbriefs schreibt Paulus in den ersten Versen von der besonderen heilgeschichtlichen Stellung Israels. Das nationale Israel nach dem Fleisch hat unter anderem die Bündnisse, die Gesetzgebung und der Abstammungslinie nach sogar den Messias bekommen. Als Gläubige an den Messias Israels aus allen Völkern (vgl. Röm. 1,16; Gal. 3,7-9; Eph. 2,11-22 u.a.) haben wir den Auftrag, dieses Israel, das so viele Privilegien besitzt, auch so einen Eifer für Gott (vgl. Röm. 10,2), und das von Gott nicht verworfen worden ist (vgl. Röm.11,1), zurück zu dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs zu führen, den wir in Jesus Christus kennen dürfen. Mit einem solchen Verständnis bekommen wir eine echte Liebe und große Dankbarkeit diesem Volk gegenüber, weil wir erkennen, was für einen Segen wir durch sie empfangen durften. Es macht uns auch demütig und bringt uns dazu, uns nicht über die ursprünglichen Zweige des Ölbaumes, das Volk Israel selbst, zu erheben (Röm. 11,18-21). Mit dieser Wertschätzung und Anerkennung verstehen wir diesen Auftrag auch als Bestandteil unserer Mission an Israel.

Paulus ist vom Evangelium getrieben

Gleichzeitig müssen wir uns davor hüten, in einen blinden „Israel-Fanatismus“ zu verfallen, gerade als Zeugen Jesu Christi im Land Israel unter den heutigen Juden. Wir brauchen daher ein gesundes Verständnis dessen, was Paulus in 1.Korinther 9 ausführt. Er wird den Juden wie ein Jude, aber nicht einfach deshalb, weil er sie so beeindruckend findet, sondern mit einem konkreten Ziel: „damit ich die Juden gewinne“ (1.Kor. 9,20), was bedeutet, dass sie ihren Messias in dem gekreuzigten und auferstandenen Jesus im Glauben entdecken. Antrieb für „seine“ Mission ist also einerseits die Liebe zu Juden und zu Israel (vgl. Röm. 9, 1-3), andererseits aber auch das, was gleichzeitig das Ziel der Mission Gottes mit dem Evangelium überhaupt ist: das Gewinnen von Menschen in die Nachfolge Jesu Christi! So wird der Apostel zwar den Juden wie ein Jude, verliert dabei jedoch nicht sein eigentliches Ziel aus den Augen: Das Verbreiten der guten Botschaft von Jesus, dem Retter der Welt. Er passt sich sehr gezielt an die vorliegende Kultur an, bleibt sich jedoch sowohl seiner eigentlichen Identität, als auch seines Missionsziels bewusst: „Ich bin (…) denen, die unter Gesetz sind, wie einer unter Gesetz – obwohl ich selbst nicht unter Gesetz bin – damit ich die, welche unter Gesetz sind, gewinne“ (1.Kor. 9,20). Es findet also keine Vermischung mit oder Anpassung der Identität an das Umfeld aus überschwänglicher Liebe zu Israel statt, indem dadurch dann in Ergänzung zum Evangelium entgegengesetzte religiöse Überzeugungen übernommen würden.  Vielmehr orientiert Paulus sich an Jesu Worten: „Seht zu und hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und der Sadduzäer!“ (Mt.16,6) als Jesus von deren Lehre spricht, die für seine Jünger gelten soll (vgl. Mt. 16,12). Bei Paulus ist es eine Art Brückenbau zwischen Personen in ihrem jeweiligen Kontext mit der zentralen Ausrichtung auf den Neuen Bund. Paulus ist getrieben von seiner Liebe zum Evangelium, und er weiß, was für eine wundervolle Botschaft er zu predigen hat und weiß auch, dass der Glaube an Jesus das Eigentliche, Wahre und Bessere ist, im Vergleich zum Alten Bund, in dem seine jüdischen Zuhörer stehen. So schreibt er in 1.Kor. 9,16: „Denn wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkündigte!“. Und auch in Apostelgeschichte 28,23b. wird seine Mission so beschrieben: „Er suchte sie zu überzeugen von Jesus, sowohl aus dem Gesetz Moses, als auch aus den Propheten, von frühmorgens bis zum Abend.“ Ich bin davon überzeugt, dass unsere Mission von demselben intensiven Herzensanliegen durchdrungen sein muss, wie bei Paulus, wenn sie fruchtbar sein will. 

Es geht also um eine aufrichtige Liebe zum Volk Israel, die die Bedeutung Israels versteht, wohlgemerkt jedoch nicht um eine blinde Euphorie, die Israel glorifiziert.

Das Zeugnis im Wort

Wenn wir uns als Deutsche unserer so vorbelasteten Beziehung zum jüdischen Volk bewusst sind, dabei ein gutes Zeugnis durch echtes und vorbildliches Verhalten ablegen und Israel ehrlich lieben, dann ist es unabdingbar, dass wir auch mit Freude von Jesus Christus erzählen, als dem Retter aller, die glauben. Er ist auch für Israel der einzige Weg zum Vater, und wenn wir uns für Israel, wie es Paulus tat, die Rettung wünschen und Israel segnen wollen, dann erzählen wir freimütig von Jesus Christus, unserem Herrn, als Zeugnis unseres christlichen Glaubens. Unser Wunsch ist es schließlich, dem Missionsauftrag Jesu in Matthäus 28,18-20 auch in Israel unverkürzt nachzukommen. Das ist unser Auftrag vom Wort Gottes.


Dominik von Haeften  
Bilder:
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Anlässlich des 70-jährigen Bestehens des Staates Israel wird vom 5.-9. November eine Themenwoche an der Freien Theologischen Hochschule Gießen stattfinden. Ein ansprechendes Rahmenprogramm ist geplant, das Land und Judentum auf vielfältige Art und Weise beleuchtet. Denn Israel geht nicht nur Freaks und Fans etwas an, sondern jeden!

Thematisch eingeleitet wird diese besondere Woche am Montag, den 5. November von Johannes Gerloff. Der Theologe ist bekannt durch seine Tätigkeit als Nahostkorrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien. Als Insider hält er einen Vortrag zur aktuellen Situation im „Heiligen Land“, zu dem alle Interessenten herzlich eingeladen sind.

Darüber hinaus hat jeder einzelne Wochentag seinen eigenen Programmhöhepunkt: So wird es unter anderem eine Diskussion mit Islamwissenschaftler Dr. Carsten Polanz über heutige Formen von Antisemitismus geben. Weiterhin finden eine Sabbatfeier und eine Holocaust-Gedenkstunde statt. Auch ein authentisches israelisches Mittagessen darf natürlich nicht fehlen!

Ort der einzelnen Veranstaltungen ist der Plenarsaal der Freien Theologischen Hochschule Gießen. Die jeweiligen Uhrzeiten und Tagesabläufe entnehmen Sie der Ausschreibung. Der Eintritt ist natürlich frei!

Herzliche Einladung!

IsraelInstitut_Themenwoche_Programm

IsraelInstitut_Vortrag_Themenwoche_Vortrag J. Gerloff
Gespräch mit M. Privorozki (3. v. l.) und Rabbi A. Kahanovsky (r.) im Gemeindezentrum der jüdischen Gemeinde Halle/Saale

Gespräch mit M. Privorozki (3. v. l.) und Rabbi A. Kahanovsky (r.)

Die jüdische Gemeinde in Halle an der Saale (Sachsen-Anhalt) hat eine lange Tradition und eine bewegte Geschichte. Schon seit über 1.000 Jahren ist jüdisches Leben in der Stadt bezeugt. 1703 wurde die erste Synagoge eingeweiht, die 235 Jahre Bestand hatte, bevor sie unter dem NS-Regime zerstört wurde. In dieser Zeit wurde der größte Teil der jüdischen Bevölkerung Halles in Konzentrationslager deportiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg bildete sich eine neue Gemeinde, die für zehn Jahre auch Sitz des „Verbandes der Jüdischen Gemeinden in der DDR“ war. Sie baute sich eine neue Synagoge und wurde zu einer der angesehensten jüdischen Gemeinschaften der DDR. Nach der Wende wuchs die Gemeinde durch Zuzug aus dem ehemaligen Ostblock sprunghaft an. Heute ist die jüdische Gemeinde in Halle mit knapp 600 Mitgliedern eine wichtige und einflussreiche Gemeinschaft orthodoxer Juden in Deutschland.

Am 7. Juni 2015 besuchten wir, eine Gruppe christlicher Theologiestudenten aus Gießen, die jüdische Gemeinde Halle. Rabbi Alexander Kahanovsky und Vorstandsvorsitzender Max Privorozki stellten uns die Gemeindearbeit vor und beantworteten offen religiöse, gesellschaftliche und politische Fragen.

M. Privorozki (l.) berichtet von der Gemeindearbeit

Eine besondere Rolle in der jüdischen Gemeinde Halle spielt – wie Privorozki betonte – die soziale Hilfstätigkeit. Diakonische Arbeiten – auch in Kooperation mit christlichen und säkularen Organisationen – seien der Gemeinde zunehmend wichtig. Darunter fielen beispielsweise Hilfsangebote für Kinder, Senioren oder Häftlinge. Ebenso wichtig sei es der Gemeinde, das kulturelle jüdische Erbe der Mitglieder zu bewahren. Dies geschehe durch dezidiert kulturelle Veranstaltungen, die häufig Themen rund um das Land Israel zum Inhalt hätten. Rabbi Kahanovsky betonte die Wichtigkeit des Staates Israel für die jüdische Gemeinde als kultureller Bezugspunkt, religiöser Mittelpunkt und ethnischer Ausgangspunkt der Mitglieder.

Im Laufe des Gesprächs sprach der Vorstandsvorsitzende Privorozki auch die Probleme der jüdischen Gemeinschaft in Halle offen an: Überalterung, Sprach- und kulturelle Schwierigkeiten, Antisemitismus.

Knapp zwei Drittel der Mitglieder der jüdischen Gemeinde Halle seien, wie er sagte, über 50 Jahre alt, das Durchschnittsalter liege bei über 60 Jahren. Das jüdische Leben in Halle basiere auf den jüdisch geprägten Familien; allerdings gebe es momentan nur wenig Nachwuchs. Dieses Problem, betonte Privorozki, sei nicht auf Halle beschränkt; in ganz Deutschland verkleinerten sich die jüdischen Gemeinden durch Überalterung. Nur durch Immigration – meist aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion – finde ein gewisser Ausgleich für die demografischen Schwierigkeiten statt.

Die meisten halleschen Juden stammen, so Privorozki weiter, aus Osteuropa. Die Hauptsprache im Synagogengottesdienst sei Russisch. Die sprachlichen und kulturellen Herausforderungen für die neu zugewanderten Familien seien immens, vor allem, weil die ausgeprägt jüdische Identität oft eine vollständige Integration in die deutsche Gesellschaft erschwere.

Zudem seien jüdische Gemeinden in Deutschland zunehmend von Antisemitismus bedroht. Antisemitische Parolen und Grabschändungen auf dem jüdischen Friedhof seien auch in Halle immer öfter zu finden. Diese antijüdische Tendenz verstärke sich zusehends, sowohl auf nationaler wie auch auf lokaler Ebene. Dieses Jahr sah sich die jüdische Gemeinde Halle gezwungen, ihr Budget für Sicherheitsvorkehrungen zu verzehnfachen.

Ingesamt ergab sich für uns also ein zwiespältiges Bild von der Situation jüdischer Gemeinden in Deutschland. Einerseits gibt es nach NS-Regime und DDR – in beiden Systemen wurde die jüdische Religionsausübung stark eingeschränkt – heute wieder blühende jüdische Gemeinschaften im Osten Deutschlands, die ihr kulturelles Erbe bewahren und sich aktiv in die Gesellschaft einbringen. Andererseits wachsen aber auch die antijüdischen Tendenzen in Deutschland, was jüdische Gemeinden vor große Probleme stellt.

Exkursionsleiter Dr. Schnurr (l.) und Dr. Schwarz (r., Leiter des Instituts für Israelogie) in Halle

Der Besuch der jüdischen Gemeinde Halle fand im Rahmen einer Exkursion von Studierenden der Freien Theologischen Hochschule in Gießen statt, die vom Institut für Israelogie mitfinanziert wurde. Der Austausch zwischen orthodoxen Juden und evangelischen Christen war eine große Bereicherung für uns. Besonders beeindruckend war das große wohltätig-soziale Engagement der jüdischen Gemeinde, das sich aus einer tief in der jüdischen Identität verwurzelten Frömmigkeit und einem großen Gottvertrauen speist.

Weitere Informationen über die jüdische Gemeinde Halle können Sie auch hier finden.

(sg)

Quellen:

persönliche Informationen von M. Privorozki und Rabbi A. Kahanovsky

http://www.jghalle.de/wordpress/

Bilder: privat

Nimmt man die Metapher der Kirche als „Braut Jesu“ ernst (z.B. Eph. 5,23ff.; Offb. 21,9) und beschäftigt man sich mit der traditionellen jüdischen Hochzeit, wie sie auch teilweise im Alten Testament zu finden ist (Gen 24,1ff.), so stößt man auf mancherlei Parallelen. In diesem Artikel geht es um einige Elemente des jüdischen Hochzeitsritus und deren indirekten Rezeption im Neuen Testament durch die Evangelisten (Mt 22,2ff.; Lk 22,19-20; Mt 26,29; Joh 3,28f.; Joh 14,2-3; Mt 9,15; Offb 19,9)

Dass die Ehe bzw. die Hochzeit gut als Metapher dient, um die Beziehung zwischen Christus und seiner Kirche zu beschreiben, betont v.a. der Apsotel Paulus. Er schreibt in 2 Kor 11,2: „Ich habe euch einem einzigen Mann verlobt, um euch als reine Jungfrau zu Christus zu führen.“ Oder in Eph 5,31-32 schreibt er: „Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche.“

In diesem Artikel wird es nicht um die genaue Abfolge einer jüdischen Hochzeit gehen; diese kann man hier nachlesen. Aber einige wichtige Elemente einer jüdischen Hochzeit werden hier vorgestellt, die indirekt von Jesus bzw. von den Evangelisten aufgegriffen werden, u.a. der Brautpreis, der Weinkelch, der Abschied des Bräutigams, die Rückkehr des Bräutigams und die Heimführung der Braut („Chuppah“) sowie das Hochzeitsmahl.

In biblischen Zeiten, also zur Zeit des Alten und Neuen Testaments, wurde die Frau von ihrem Vater „abgekauft“ und wurde nach der Hochzeit als Besitz des Mannes angesehen. Deutlich wird das auch an den hebräischen Bezeichnungen für Ehefrau und Ehemann: Ehefrau (Be’ulah) bedeutet „die in Besitz Befindliche“, Ehemann (Ba’al) bedeutet „Besitzer“. Was für heutige Verhältnisse als ungewohnte und als unangemessene Bezeichnung angesehen wird, dass die (Ehe-)Frau als „Besitz“ angesehen wird, war im Vergleich zu anderen Völkern durchaus „fortschrittlich“. Denn oft hat sich ein Mann anderer Völker eine Frau zu sich nach Hause genommen, mit ihr Verkehr gehabt, und beide galten dann seitdem als verheiratet, wobei die Frau keinerlei Rechte oder Freiheiten besaß; der Mann konnte sich ihrer ohne Angaben von Gründen wieder entledigen. Ein jüdischer Mann dem gegenüber brauchte eine ordentliche Scheidung sowie triftige, angemessene Gründe, um sich scheiden zu lassen. Vor der Hochzeit hatte der Mann auch einen Brautpreis zu zahlen, entweder Geld, Güter oder Arbeitszeit. Dies kann durchaus als eine Höherachtung der Frau im Unterschied zu anderen Völkern angesehen werden.

In den Briefen des Neuen Testaments findet man bereits, dass das vergossene Blut Jesu als „Preis“ und „Lösegeld“ verstanden wurde, welches für die Mitglieder der christlichen Kirche gezahlt wurde. In 1 Petr 1,18-19 lesen wir: „Ihr wißt, daß ihr aus eurer sinnlosen, von den Vätern ererbten Lebensweise nicht um einen vergänglichen Preis losgekauft wurdet, nicht um Silber oder Gold, sondern mit dem kostbaren Blut Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel.“ Auch Paulus schreibt in 1 Kor 6,20: „Denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib!“

Der jüdische Hochzeitsritus besteht, damals wie heute, aus der Verlobung (Kiddushin) und der eigentlichen Heirat (Nissu’in). Heute folgt auf die Verlobung, bei der ein Verlobungsring angesteckt wird, der Ehevertrag verlesen wird und die ebenso in der Öffentlichkeit stattfindet, sofort die Heirat. Damals konnten zwischen Kiddushin und Nissu’in mehrere Monate vergehen. Die Verlobung gehörte aber dennoch genauso zur kompletten Hochzeitszeremonie mit dazu. Wenn die Verlobung stattgefunden hat und der Ehevertrag (Ketubah) verlesen worden war, in dem u.a. enthalten ist, welche Pflichten der Mann gegenüber der Frau hat, trinken die Brautleute Wein aus einem Kelch. Der eine Kelch symbolisiert den gemeinsamen Ehebund, den beide eingegangen sind. Danach, manchmal Monate später, wenn die Braut vom Bräutigam abgeholt wird und zu ihrem neuen Zuhause geführt wurde, wird die eigentliche Hochzeit (Nissu’in) gefeiert: Der Rabbiner verliest sieben Hochzeits-Segenssprüche und das Ehepaar trinkt wieder einen Schluck Wein.

Beide Momente, in denen Wein getrunken wird, haben Entsprechungen im Neuen Testament. Auch der Kelch, den Jesus mit seinen Jüngern beim letzten Abendmahl teilt, ist ein Bundeskelch: „Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird.“ (Lk 22,20) Dieser Kelch war der Kelch des neuen Bundes, teilweise mit einem Ehebund vergleichbar, und die Abendmahlsfeier könnte so ähnlich gedeutet werden, wie eine Verlobung zwischen Jesus und seiner Braut. Wie auch die jüdischen Brautleute nach der Heimführung der Braut und der Hochzeit abermals einen Weinkelch teilen werden, wird die Braut Christi wieder einen Kelch mit Jesus beim zweiten Teil der Hochzeitszeremonie teilen.

Wann die Hochzeit im alten Israel stattfinden würde, entschied der Vater des Bräutigams und nicht der Bräutigam selbst. Es musste erst einmal alles für die Hochzeit und das Leben danach vorbereitet werden, bevor der Bräutigam seine Braut zu sich holen konnte. Dies ist auch der Hintergrund folgender Bibelstelle, wo Jesus über seine Wiederkunft spricht: „Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.“ (Mk 13,32) Normalerweise holt der Bräutigam seine Braut um die Mitternachtsstunde zu sich: Dann erklingen Schofar-Hörner und eine Schar von Menschen mit Fackeln sind auf der Straße geradewegs zum Haus der Braut. Die Braut hat dann nur noch wenig Zeit sich vorzubereiten. Wir lesen z.B. im Gleichnis von den zehn Jungfrauen etwas über diesen Brauch: „Mitten in der Nacht aber hörte man plötzlich laute Rufe: Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen!“ (Mt 25,6) Dieses Bild der Rückkehr des Bräutigams hat Paulus wohl im Blick gehabt, als er folgende Worte an die Gemeinde in Thessaloniki geschrieben hat, um die Gläubigen dort zu trösten: „Denn der Herr selbst wird vom Himmel herabkommen, wenn der Befehl ergeht, der Erzengel ruft und die Posaune Gottes erschallt. (…) Dann werden wir immer beim Herrn sein.“ (1 Thess 4,16-17) Hier beschreibt Paulus die Wiederkunft Jesu wie ein plötzliches Kommen, ähnlich dem eines Bräutigams, wobei hier auch der Triumphzug des römischen Kaisers als Bild im Hintergrund stehen kann.

Während der Hochzeitsfeier gibt es auch das traditionelle Hochzeitsmahl, das Braut und Bräutigam im Beisein von Familie und Freunden zu sich nimmt. Währenddessen spielt fröhliche Musik und es wird getanzt. Begründet wird das Hochzeitsmahl mit Gen 29,22, wo schon Laban, Jakobs Schwiegervater, ein Hochzeitsfest für Jakob und Lea veranstaltet hat und viele Gäste einlud. Auch in den Visionen des Johannes, die in biblischen Buch der Offenbarung zu finden sind, wird beschrieben, wie eine Schar im Himmel Gott lobt, sich Engel vor dem Thron Gott verbeugen und eine Stimme zu Johannes sagt: „Jemand sagte zu mir: Schreib auf: Selig, wer zum Hochzeitsmahl des Lammes eingeladen ist. Dann sagte er zu mir: Das sind zuverlässige Worte, es sind Worte Gottes.“ (Offb 19,9) Hier finden wir also ebenso einen indirekten Hinweis auf ein Element der jüdischen Hochzeit: Das Hochzeitsmahl des Lammes, an dem die erlöste Schar der Gläubigen teilnehmen darf, wird als Höhepunkt der Vereinigung zwischen Christus und der Gemeinde gesehen.

(ts)

 
Bibliographie:
Barclay, William, Auslegung des Neuen Testaments. Brief des Jakobus, Briefe des Petrus, 1973, 2. Aufl. Wuppertal 1982
Barclay, William, Auslegung des Neuen Testaments. Brief an die Philipper, Brief an die Kolosser, Briefe an die Thessalonicher, 7. Auflage Wuppertal 1985
Lash, Jamie, Die jüdische Hochzeit. Ein Sinnbild für die Gemeinde Jesu – Der Messias kehrt zu seiner Braut zurück, 2002, 2. Aufl. Rosbach-Rodheim 2004
Maier, Gerhard, Lukasevangelium 2. Teil, Neuhausen Stuttgart 1996
Maier, Gerhard, Markusevangelium, Holzgerlingen 2007
 
Quellen:
http://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/ehe-at-3/ch/3d6d29b1010bc69c1e5884cbf386c3ee/
http://www.hagalil.com/judentum/gebet/hochzeit/hochzeit.htm
http://www.de.chabad.org/library/article_cdo/aid/1045509/jewish/Kidduschin-Verlobung.htm
http://www.planet-wissen.de/kultur_medien/brauchtum/hochzeit/juedische_hochzeit.jsp
   

 Sobald heutzutage das Wort Dispensationalismus in theologischen Gesprächen auftaucht, fangen die einen an zu schaudern, während die anderen fröhlich in die Hände klatschen. Aber was versteht man unter Dispensationalismus eigentlich? Der klassische Dispensationalismus ist im von J. N. Darby geprägten Umfeld der Brüdergemeinden in der Mitte des 19. Jahrhunderts aus Vorläuferkonzepten entstanden und theologisch weiterentwickelt worden, hat seitdem jedoch auch überkonfessionell in der evangelikalen Welt Verbreitung gefunden. Dieses heilgeschichtliche, in biblischen Epochen denkende Modell der Bibelauslegung wurde von Anfang an von verschiedenen, oftmals konfessionell geprägten Seiten kritisiert. Auf Webseiten wie Wikipedia.org findet man eine Definition, die Dispensationalismus als eine „Form der Bibelauslegung und Eschatologie“ beschreibt.

Der amerikanische Neutestamentler und Theologe Darrell Bock, der sich selber als einen „modifizierten“ (oder progressiven) Dispensationalisten versteht, ist angesichts des verbreiteten Unverständnisses dem Dispensationalismus gegenüber frustriert. In einem Vortrag am Laidlaw College, der in diesem Artikel ausgewertet wird, will Bock, der selbst messianischer Jude ist, daher mit den Missverständnissen, Fehl- und Vorurteilen aufräumen, die es seiner Ansicht nach dem Dispensationalismus gegenüber gibt.

Ein Fehlurteil sei beispielsweise, so Bock, die Vorstellung, dass sich der Dispensationalismus primär um Grafiken, Skizzen, Tabellen und allmöglichen Theorien über die Zukunft drehe. Besonders bemängelt werde dabei, dass jedes kleine Detail aufgeschrieben und in Tabellen einsortiert würde und man immer wieder darauf Wert lege, dass gewisse, biblisch vorhergesagte Ereignisse in relativ naher Zukunft eintreten würden. Ein gravierendes Missverständnis des Dispensationalismus sei außerdem, dass Menschen sich vorbereiten müssten, die Zukunft zu planen. Außerdem würde die Lehre vor allem mit theologisch-endzeitlichen Theorien für Unruhe in den Gemeinden sorgen.

Diese verschiedenen Fehlurteile, die gegen den Dispensationalismus im Umlauf sind, nimmt Bock nicht ernst. Er kritisiert, dass die meisten, die dem Dispensationalismus negativ gegenüber eingestellt wären, meistens keine Ahnung von der Thematik und den jeweils begründeten Zusammenhängen hätten, oder deren Bild und Verständnis vom Dispensationalismus schon mehr als 100 Jahre alt sei, Vorstellungen, die heutzutage nach Bocks Meinung kaum noch jemand vertrete.

In der Realität, gehe es dem Dispensationalismus nicht um verrückte Theorien über die Zukunft, sondern darum, wie Gott mit verschiedenen Menschen zu verschiedenen (heilsgeschichtlich relevanten) Zeiten umgeht. Es gehe also um die Art und Weise, wie Gott die Erde verwaltet. Bock meint, dass man in der Bibel erkennen könne, dass es zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Regelungen des Verhältnisses zwischen Gott und Menschheit gegeben habe, gibt und noch geben werde. So stellt er die These auf, dass jeder Christ, der zum Beispiel nicht den Sabbath hielte und der keine Opfer für Gott darbrächte, im Grunde bereits Dispensationalist sei, weil er nicht mehr dem Buchstaben des mosaischen Gesetzes folge. Daraus folgert Bock, dass es also gar nicht die Frage sei, ob man Dispensationalist sei oder nicht, sondern nur die Frage bis zu welchem Grad, da offensichtlich fast alle Christen anerkennen würden, dass die alttestamentlichen Tora-Gebote nicht mehr so eingehalten werden müssten, wie Juden sie verstanden und noch verstehen.

Klassischer Dispensationalismus ziehe eine starke Linie zwischen den verschiedenen Bundesschlüssen zwischen Gott und seinen auserwählten Adressaten. So sehe klassischer Dispensationalismus für Israel zum Beispiel nur eine irdische Zukunft, für die Gemeinde hingegen ausschließlich eine himmlische. Dem gegenüber befinde sich der Calvinismus, welcher besage, alle Bünde, die Gott je geschlossen habe, seien in Jesus Christus erfüllt, und damit gelte Israel durch die Gemeinde seit Christus als ersetzt. Bock deutet an, dass er zwischen diesen beiden Fronten stehe. Seine These lautet, dass manche Ordnungen gleich blieben (Kontinuität), wie zum Beispiel die Bergpredigt, welche ja zu Juden gepredigt wurde, während andere Ordnungen für die Gemeinde Jesu modifiziert oder aufgehoben würden.

Konsequent betont Bock, dass Israel als ethnische Gruppe nicht durch die Gemeinde ersetzt worden sei, sondern es gelte vielmehr, dass die Gemeinde Aufgaben Israels übernommen habe. In Texten wie Lukas 13,34-35 oder Lukas 21,20 sieht Bock die klare Ausrichtung, dass Israel für die momentane Zeit verworfen sei, und stimmt damit mit der reformiert-bundestheologischen Perspektive überein. Allerdings erkenne er auch, dass die Zeit der Verwerfung in jedem der Texte begrenzt sei. In diesen und noch weiteren Texten sei klar erkennbar, dass Israel für den Moment ohne Hoffnung und beiseite gesetzt sei, aber es zukünftig eine Zeit geben werde, in der Israel mit Gott wieder versöhnt werde, gemäß alttestamentlicher Verheißungen und Hinweise in den Reden Jesu (Lk./ Apg.). Und zwar genau dann, wenn sie rufen werden „Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ (Lk. 13,35).

Aus diesem Grund bekennt sich Bock auch dazu, dass er ein zukünftiges Millennium im Sinne der „Reich-Gottes-Erfüllung“ erwarte, denn für ihn sei es wichtig, dass Gott die Versprechen, die er Israel bezüglich eines irdischen Reiches gegeben habe, auch einhielte. Ansonsten seien auch Christen ohne Hoffnung, weil sie dann auch nicht damit rechnen könnten, dass Gott sein Versprechen durch Christus an die Gläubigen einhalte.

Die Tatsache, dass Christen auch als Kinder Abrahams gelten, dürfe Christen nicht dazu verleiten, diejenigen „enterben und ersetzen“ zu wollen, denen der Bund ursprünglich galt. Deshalb sei es für Bock auch nicht verwunderlich, dass es für Israel noch eine irdische Zukunft gebe. Dies sei viel mehr ein Hinweis auf die ungebrochene Treue Gottes gegenüber seinen Verheißungen und Zusagen an Israel (Röm. 11,25-28), die er erfüllen werde. Daher sei es gut, ein biblisch orientierter Dispensationalist zu sein, der die Treue Gottes zu Israel und die Liebe zur Gemeinde, beides um Christi Willen, zugleich festhalten und unterscheiden (lernen) will.

(tk)

Quellen:
Youtube-Link zu dem Video-Vortrag
 
 

Oder: Was haben Christen mit Juden bzw. mit Israel zu schaffen? In seinem Youtube-Podcast, kürzlich (am 2.10.14) aufgenommen am Dallas Theological Seminary (DTS), hat Darrell Bock zwei weitere Theologen, David Brickner und Mitch Glaser, eingeladen, um mit ihnen über diese wichtige, theologisch relevante Fragestellung zu diskutieren.

Basierend auf zwei Bibelstellen (Lk 13,34-35; Mt 23,39) hält Bock zu Beginn fest, dass die Gemeinde zwar nicht die Juden ersetzt habe, wohl aber, dass die Juden bis zur Rückkehr Jesu verloren sind, wenn sie nicht Jesus Christus als den Messias Gottes annehmen. Daran anschließend verdeutlicht Bock, dass zur Wiederkunft Jesu, die dann lebenden Juden wieder eine Rolle spielen würden, indem sie Jesus (an-)erkennen und ihn als ‚Erstgeburt’ Gottes anbeten werden (Apg 3). Des weiteren sieht Bock in den Kapiteln 9-11 im Römerbrief, dass Israel nur bis zum Tag der Wiederkunft Christi zurückgestellt sei, und verweist dabei als Begründung auf Gottes Treue zu seinen früher gegebenen Versprechen („promises”), gleichzeitig aber auch auf den Umstand, das Juden auch nur durch Glauben gerettet werden. Das bedeutet wiederum, dass eine biologische Abstammung von Abraham nicht bedeutet, dadurch auch Nachkomme Abrahams im Sinne einer damit implizierten „Heilszusage“ zu sein, sondern es wichtig sei, auf die Propheten Gottes zu hören. Die Juden, so Bock, die nicht an Jesus Christus als Erlöser, Gottessohn und Herr glauben, verwerfen demnach Gottes Gesandten; sie haben somit keinen Anteil an den Verheißungen, die Gott Abraham gegeben hat. Sie sind also im Gericht Gottes verloren.

An diesem Punkt steigt Mitch Glaser in das Fachgespräch ein. Er betont das Thema Judenmission, die heutzutage unter Christen kaum noch thematisiert werde oder Berücksichtigung finde: Judenmission hat nach seiner Definition das Ziel, dass Juden Jesus Christus kennen lernen. Er hebt dabei zugleich hervor, dass die Juden keine Vergessenen seien, sondern in Zukunft eine Rolle spielen würden, und es deshalb umso dringlicher sei, dass auch Juden das Evangelium von Christus kennenlernen. Er bedauert zudem, dass es früher eine große Motivation in christlichen Kreisen gab, Juden mit dem Evangelium erreichen zu wollen, diese jedoch im Laufe der letzten Jahre sehr stark zurück gegangen sei, mittlerweile aus verschiedenen Gründen Judenmission sogar vollständig abgelehnt werde.

Brickner stimmt Glasers Analyse prinzipiell zu, widerspricht jedoch in einer Hinsicht. Nach Brickner hat Gott die Juden nicht für eine gewisse Zeit ‚deaktiviert‘, um sie irgendwann später wieder einzusetzen, sondern Gott wolle mit ihnen ‚jetzt’ arbeiten, und deshalb sei es umso wichtiger, Juden mit der Botschaft Christi ‚jetzt’ zu erreichen. Seiner Meinung nach ist es deshalb von großer Bedeutung, sich auf das Wesen des christlichen Glaubens zurückzubesinnen und damit auf das Evangelium selbst, um Juden neu mit der frohen Botschaft vom Heil im Messias Jesus erreichen zu können.

Bock stellt die provokative Frage, ob Israel überhaupt noch benötigt werde, wenn es nicht der Segen war, den es für die Völkerwelt hätte sein sollen, sondern alle alttestamentlichen Prophezeiungen und Verheißungen erst in Jesus wirklich zugänglich würden.

Brickner erwidert, dass es in der Bibel keinen Anlass dazu gäbe, die Prophezeiungen die Gott gegeben hat, als verworfen zu verstehen oder auf die Gemeinde zu beziehen. Eher sei es anders herum: Durch Christus haben Nicht-Juden die Möglichkeit an Gottes Prophezeiungen Anteil zu haben, wie bei einem edlen Ölbaum, bei dem Zweige eines wilden Ölbaumes einpfropft werden. Jedoch wurden gleichzeitig die schlechten Äste herausgeschnitten (Röm 11,17). Schlussendlich argumentiert Brickner ähnlich, wie Bock, dass es für Israel nie durch den Bund mit Abraham die Erlösung gegeben habe, sondern es schon immer darauf ankam, auf den Bund die vor Gott richtige Antwort zu geben. Deshalb sei es wichtig, dass Christen Juden dazu ermutigen, die richtige Antwort zu geben, indem sie ihnen Jesus Christus bekannt machen, der die richtige (Glaubens-)Antwort verkörpert.

Ein Hauptproblem nach Glaser ist allerdings, dass Christen entweder dazu tendieren, Judenmission komplett abzulehnen, oder Juden als Menschen sehen, die das Evangelium nicht bräuchten, um gerettet zu werden. Die erste Gruppe argumentiere, so Glaser, dass es eine Zeit gegeben habe, in der fast ausschließlich Juden gerettet worden seien, weshalb es nur ‚fair’ wäre, dass es ‚nun’ eine Zeit geben könne, in der Juden nicht gerettet werden. Die zweite Gruppe sehe die Juden mehr oder weniger als eine heilsbringende Religion an (z.B. aufgrund der ungebrochenen, bleibenden Erwählung durch Gott), so dass es keinen Bedarf gäbe, Juden zu missionieren, da sie sowieso schon gerettet seien. Glaser appelliert deshalb an seine Zuhörer, aus dem „evangelistischen Schlaf“ aufzuwachen und die Juden nicht aus den Missions- und Evangelisationsbemühungen auszuschließen, wenn es darum gehe, die Nachricht von Jesus Christus bekannt zu machen.

Diesem Aufruf Glasers stimmen auch Brickner und Bock zu, so dass – trotz marginaler Unterschiede in der Argumentation in Einzelfragen – alle drei zur gleichen Schlussfolgerung kommen: Die Gemeinde Jesu hat Israel nicht ersetzt, aber Israel muss trotzdem die Botschaft von Jesus hören und glauben, um das Heil Gottes zu empfangen und dadurch gerettet zu werden (Röm 1,16).

(tk)

Quellen:
Darrel Bocks Facebook-Seite
Video-Podcast
http://youtu.be/X16rU6SKvG8
 

Die Decke des Schweigens zerbrechen – Aufbruch ins Leben

Jobst Bittner

9. November 2013

 

„Siehe, ich will die Sünde des Landes wegnehmen an einem einzigen Tag“. Mit diesem Vers aus Sacharja 3,9 beginnt das eindrückliche Video von TOS Ministries, mit dem Jobst Bittner seinen Vortrag am Samstagvormittag beginnt und welches am Beispiel der Ukraine zeigt, wie sich Wege des Todes in Wege des Lebens verwandeln: Auf denselben Straßen, auf denen 1944/45 mehrere hunderttausende KZ-Häftlinge während der so genannten „Todesmärsche“ starben, gehen nun während der „Märsche des Lebens“ Hand in Hand die Nachkommen von Naziverbrechern oder -mitläufern mit Holocaustüberlebenden und deren Nachfahren und proklamieren so den Sieg der Versöhnung und des Lebens über den Tod.

An den Anfang seines Vortrages über die Notwendigkeit der Buße stellt Bittner den Satz aus Mt 24,39, mit dem die nichtsahnenden Menschen kurz vor der Sintflut beschrieben werden: „Und sie merkten nicht, was geschah.“ Für ihn steht diese Beschreibung sinnbildlich für die heutige Generation, die die Zeichen der Zeit ebenfalls nicht zu deuten wisse. Für den Buchautoren und Theologen Bittner sind die Jahre 2013 bis 2015 ein „besonderes Zeitfenster Gottes“. 70 Jahre nach der Kapitulation der Deutschen möchte Gott ihm zufolge ein neues Segenskapitel aufschlagen und unserem Land eine zweite Chance geben, indem er ihm zuvor eine Zeit der Reinigung und Aufarbeitung ermöglicht. Diese Gelegenheit müssten wir ergreifen, damit die Gnadenzeit – die auch Benjamin Berger betonte – nicht an uns vorbeigehe und wir stattdessen eine Zeit des Gerichts heraufbeschwören. Es liege an uns.

“Die Decke des Schweigens”

Bittner sieht sich sozusagen als Prophet, der sein Volk warnen will, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Denn dies sei noch nicht geschehen. Die Menschen verspüren wie zu Noahs Zeiten nicht das Bedürfnis, Buße für die Vergangenheit zu tun. Auf diese Art würden normale Menschen zu Tätern und eine Decke der Finsternis bzw. des Schweigens (so der Titel seines 2011 erschienenen Buches) lege sich auf das Volk.

Man kann sich angesichts dieser mahnenden Worte der Frage nicht erwehren, ob der Noah-Vergleich ein adäquater ist: Die Menschen zur Zeit des Sintflut sowie die in Mt 24 beschriebenen haben nicht die Buße für eine bestimmte Haltung oder ein Verbrechen, sondern schlichtweg die Hinwendung zu Gott verpasst und wurden bzw. werden deshalb vom Gericht überrascht. Bei aller Notwendigkeit der deutsch-jüdischen Versöhnung handelt es sich hier nicht um die über allem stehende Versöhnung mit Gott, die über Heil oder Unheil entscheiden wird. Es sei denn, man setzt das jüdische Volk mit dem Gott (der Juden) gleich und behauptet mit Benjamin Berger und anderen, an der Haltung zum Volk Gottes entscheide sich das ewige Heil eines Menschen. Dies führt allerdings zu weit.

Ungeachtet der aufkommenden Fragen liefert Bittner nun eine wegweisende Analyse der Nazi-Zeit und ihrer andauernden Auswirkungen. Dafür dass „normale“ Menschen zu einem Teil eines dämonischen Systems werden könnten, sei der Nationalsozialismus das beste Beispiel, betont er, und zitiert Obadja 1,11 als Beispiel für die Sünde des „Zusehens“: “Zu der Zeit, als du dabeistandest und sahst, wie Fremde sein Heer gefangen wegführten und Ausländer zu seinen Toren einzogen und über Jerusalem das Los warfen, da warst auch du wie einer von ihnen.” Dies überträgt er relativ schnell auf die deutsche Geschichte. Auch die, die „nur“ mitgemacht haben, seien also in Schuld verstrickt, welche wiederum an deren Nachkommen weitergegeben werde. Dies betrifft demnach uns alle.

Daher rührt nun auch Bittners Forderung nach einer flächendeckenden Buße: Nicht allein die Nachkommen von eindeutigen Tätern, sondern auch die der Millionen Mitläufer seien aufgefordert, um Vergebung zu bitten. Im Folgenden erläuert der Autor deshalb die vier Ebenen der „Decke des Schweigens“:

1. die persönliche Ebene

2. die familiäre Ebene

3. die kirchliche Ebene

4. die der Städte und Nationen

Dabei handele es sich seiner Aussage nach bei Buße um mehr als eine einmalige Bitte um Vergebung – es sei ein Lebensstil der Umkehr. Dazu gehöre auch, aus der Vergangenheit zu lernen, mahnt der Redner, und schiebt einen geschichtlichen Exkurs über die Entwicklung des Antisemitismus in Deutschland ein. Die Zeit zwischen dem Kaiserreich und der Weimarer Republik war bereits von einem speziellen juden- wie slavenfeindlichem Klima geprägt, das die Ideologie der Volksgemeinschaft zum Leitbild hatte, das heißt, die Einheit eines rassisch und ethnisch „reinen“ Volkes. Der Nationalsozialismus als Gesinnungsgemeinschaft fand schnell Anklang, zumal er neben der äußerlichen Attraktivität durch Fackelmärsche und ähnliche Aktionen viele Vorteile versprach: Wer dazugehörte, war Teil des nationalen Aufstiegs und sicher vor Ausgrenzung und Vernichtung. Wer sich dem nicht anschloss, war ein Außenseiter. Die Exklusion der Juden war also bereits vor der offiziellen Arisierung in vollem Gange. Die Bevölkerung war schon antisemitisch geprägt und wurde so zum wiederspruchslosen Befürworter eines dämonischen Systems, das besagte, dass Juden nicht zur Volksgemeinschaft gehörten. Hier, so Bittner, begann das Schweigen einer gesamten Nation. Aufgrund der Attraktivität der nationalsozialistischen Erziehung, die in vielen Teilen auch positiv wahrgenommen wurde, sagen heute viele: Es gab auch Gutes. Deshalb falle bis heute so vielen der – durchaus korrekte – Begriff der „Täter-Generation“ so schwer.

Dann spricht Bittner von den Soldaten, bei denen das Phänomen des Schweigens besonders zum Tragen kommt. Millionen deutscher Wehrmachtssoldaten kehrten von der „Vernichtungsmaschinerie“ als Mörder zurück – und schwiegen, verdrängten die Bilder, die Verletzungen, die Schuld. Ein dichter Nebel lag über den Familien, die nicht in der Lage waren, über das Erlebte zu reden. Diese Verschlossenheit vor jeder Emotion und Verarbeitung habe seelische Langzeitwirkungen, die bis ins hohe Alter reichen, erläutert der Theologe richtig. Drei Viertel der deutschen Familien seien aufgrund der Vergangenheit von Blockaden, Beziehungsstörungen und ähnlichem betroffen. Wenn diese Zahl stimmt, dann ist es allein aus psychologischer Sicht unerlässlich, das Schweigen zu brechen, wenn eine gesunde Gesellschaft entstehen soll.

Doch Bittner spricht nicht in erster Linie von Psychologie, sondern von Theologie, und deshalb steht bei ihm der Schuldaspekt im Vordergrund: „Schwere Schuld wird an Nachkommen weitergegeben“, besage die Bibel. Wahrscheinlich bezieht er sich damit auf das Heimsuchen der „Missetat der Väter bis ins dritte oder vierte Glied an den Kindern“ aus den Zehn Geboten (2. Mose 20,5). Ein solcher Generationentransfer werde in der Fachwelt nicht länger bestritten. Hier vermischt Bittner allerdings – zu leichtfertig – die geistliche mit der psychologischen Ebene: Dass durch Traumata und ähnliche Kriegserlebnisse bestimmte Lasten an die Kinder weitergegeben werden, heißt noch nicht, dass auch die damit zusammenhängende Schuld weitergereicht wird. Bittner geht noch weiter und spricht von einer „unbereinigten anti-jüdischen Haltung“, die in unserem Land vorherrsche. Heißt das: Wenn mein Opa antisemitische Ressentiments hegte und darüber in meiner Familie geschwiegen wurde, ist wahrscheinlich, dass auch ich Vorbehalte gegen Juden hege, über die ich Buße tun muss?

Auf der Ebene der Städte und Nationen illustriert Bittner diese These nun am Beispiel Tübingens: Dort habe es nur 120 Jahre lang jüdisches Leben gegeben. Die Universität wurde von Antisemiten gegründet – Tübingen war eine Schmiede des Nationalsozialismus, die Bittners Zahlen zufolge durch die Ausbildung von 300 Kriegsverbrechern 700.000 tote Juden auf dem Gewissen hat. Dieser Stadt der Mitläufer gelte folgendes Reden Gottes: „Das Schweigen eurer Väter ist in euch.“

Jobst Bitter am Samstagvormittag

Wieder vermischt der Theologe, indem er Gott sprechen lässt, die geistliche Schuldfrage mit der in vielerlei Hinsicht notwendigen Vergangenheitsbewältigung und -aufarbeitung. Für ihn ist jede Veränderung und Transformation in Städten auf das Zerbrechen der Decke des Schweigens zurückzuführen. Diesbezüglich erwähnt er, dass es in unserem Land in den letzten fünf bis acht Jahren eine beispiellose „Welle der Aufarbeitung“ gegeben habe: Die historische Auftragsforschung der Bundesforschung boome in Bezug auf die Aufarbeitung des Nationalsozialismus, es würden zahlreiche Fernsehsendungen und Zeitungsartikel veröffentlicht, Sigmar Gabriel spreche von der „Schuld seines Vaters“ und laut Bundespräsident Gauck müsse man die „Schuld beim Namen nennen“.

Mit den Märschen des Lebens möchten Bittner und seine Organisation dazu beitragen. Die Todesmärsche stehen für ihn exemplarisch für das Schweigen, da niemand sagen könne, er habe die 750.000 marschierenden KZ-Häftlinge und die von ihnen zurückgebliebene Blutspur nicht gesehen oder davon gehört.

Es berührt, wenn der Buchautor von seinen Erfahrungen bei den Märschen des Lebens berichtet. Wir hören von Rose Price, einer Holocaust-Überlebenden, die sechs verschiedene Konzentrationslager durchlaufen hat. Sie kam mit vielen anderen Juden zu einem Marsch des Lebens – trotz ihrer aller Angst vor dem Land, der Sprache und all den Erinnerungen an ihre Leidenszeit. Sie kamen und die Nachkommen von SS-Offizieren wuschen ihnen die Füße. Rose, die seit ihrem 16. Lebensjahr nicht mehr geweint hatte, weinte. Ihr Herz wurde geheilt. In Ungarn brachte bei einem „Marsch des Lebens“-Seminar ein Jude, dessen Vater als Nazi selbst Juden getötet hatte, diese Schuld an das Kreuz – obwohl er nie messianisch gewesen war – und lud daraufhin Jesus in sein Leben ein.

Marsch des Lebens in Polen

Diese Lebensmärsche verbreiten sich in der ganzen Welt: Ukraine, Litauen, Polen, Lettland, selbst in den USA gibt es den „march of remembrance“. Die New York Times berichtete Bittner zufolge einmal mit dem Titel: „Ehemalige Nazi-Stadt bittet um Vergebung.“ Diese Geschichten, von denen Bittner sicherlich zahlreiche erzählen könnte, sollten uns immer wieder den Wert und die Notwendigkeit, ja die Dringlichkeit der Versöhnung vor Augen führen. Inwiefern die geistliche Frage nach der durch eigene Buße zu tilgende Schuld der Vorfahren dann noch eine Rolle spielt, könnte und müsste diskutiert werden.

Wie sollte es anders sein, auch Bittner beendet seinen Vortrag mit einer Warnung: „Ein neuer Antisemitismus blüht in Europa auf.“ So hegten 20% der Deutschen antijüdische Haltungen – innerhalb der Kirche noch mehr. Damit spielt Bittner vermutlich auf den 2012 erschienenen Antisemitismusbericht an (erhältlich hier), nach dem jeder fünfte Deutsche latente antisemitische Neigungen hege. (Mit dem erhöhten Vorkommen von Antisemitismus in der Kirche meint Bittner evtl. die Aussage des Berichts, nach der im Jahr vor der Studie “11,3 Prozent der Katholiken, 7,7 Prozent der Protestanten und  6,4 Prozent der Nichtreligiösen antisemitischen Items” zustimmten; vgl. S. 60 und 90ff.). Laut Bittner stehen wir in unserer ach so toleranten und pluralistischen Welt wieder vor der Entscheidung: Werden wir Teil des Systems und schweigen weiter oder erheben wir unsere Stimme für Israel und gegen den Antisemitismus?

Hier passiert, was so oft passiert: Der Antisemitismus des Dritten Reiches wird gleichgesetzt mit anti-israelischen Äußerungen der heutigen Zeit, die vor allem im linken Lager, aber auch in der unauffälligen Mitte Deutschlands zu finden sind. Sicherlich finden sich in der modernen Israelkritik oftmals antisemitische Stereotype und ist äußerste Vorsicht geboten. Doch mit dem Nazi-Vergleich sollte nicht zu vorschnell um sich geworfen werden – was uns Israel selbst im Februar diesen Jahres in seiner Debatte um den leichtfertigen Gebrauch von Holocaust-Vergleichen nahelegt.

Bittner verbindet hier unmissverständlich die persönliche und familiäre Versöhnung mit dem politischen Einsatz für Israel. Es ist jedoch durchaus denkbar, dass ein Deutscher beispielsweise im Rahmen eines Lebensmarsches einem Holocaust-Überlebenden mit ehrlichen Motiven die Füße wäscht, und dennoch die Politik des Staates Israels kritisch sieht – vielleicht sogar eine pro-palästinensische Gesinnung hat. Eine zu strikte Entweder-Oder-Haltung könnte das Gegenteil bewirken, dass sich niemand mehr mit der Vergangenheit auseinandersetzen möchte, weil damit sofort auch ein politisches pro-israelisches Statement gefordert wird.

Bittner jedenfalls fordert das Publikum auf, aus der Betroffenheit über unsere Vergangenheit und die unserer Familie hinaus einen Marsch des Lebens zu organisieren und so das „Zeitfenster der Gnade“ zu nutzen. Dies ist für ihn die konkrete Erfüllung des „Mach dich auf, werde Licht“ und „Um Zion willen will ich nicht schweigen“ aus Jes 60,1 und 62,1. Wie der Prophet Jesaja nicht schweigen und Gottes Worte an Israel weitergeben wollte, sollen auch wir nicht schweigen über das, was im Dritten Reich passiert ist – eine etwas fragwürdige Allegorie. Vielleicht ist es gar nicht absolut notwendig, die notwendige Vergangenheitsbewältigung unbedingt geistlich zu begründen und biblisch untermauern zu wollen? Denn wie Bittner richtig schließt: „Wir zerbrechen das Schweigen, indem wir Wahrheit aussprechen.“

Dass dies weiterhin in unserem Land von Nöten ist, hat Bittner eindrücklich deutlich gemacht.

 
 

Interview mit Jobst Bittner

 

Lieber Herr Bittner,

für Sie sind die Jahre 2013 bis 2015 eine besondere Zeit der Reinigung und Aufarbeitung, in der sich entscheidet, ob Gott ein „neues Segenskapitel“ aufschlägt oder Gericht schickt. Betrifft dies nur Deutschland oder alle Völker dieser Welt? Wie würde das Gericht aussehen?

Die Kapitulation Deutschlands jährt sich 2015 zum siebzigsten Mal. In diesem Sinn hat dieses Zeitfenster für Deutschland eine besondere Bedeutung. Gleichzeitig ist Deutschland wie alle anderen Nationen ein Teil der Geschichte, die Gott mit Israel schreibt. Gottes Segenshandeln wird immer eine Öffnung und Zuwendung der Herzen zu Jesus bedeuten, Gottes Gerichtshandeln im Gegensatz dazu eine Zunahme der Ungerechtigkeit und das Verfinstern der Herzen und Gemüter im Sinn von Mt 24.

Können Sie das Prinzip der stellvertretenden Buße kurz biblisch-theologisch erläutern und neutestamentlich begründen?

Neben der individuellen Bedeutung der Buße, bei der es sich um einen persönlichen Akt handelt, den niemand für jemand anderen übernehmen kann, gibt es in der Bibel ebenso den kollektiven prophetischen Bußruf (Mt 3,8; Apg 13,24). Wir kommen dem Prinzip der Kollektivschuld in der Bibel näher, wenn wir verstehen, dass für die gesamte Heilslehre die Lehre von der Erbsünde von grundlegender Bedeutung ist. Ihr liegt das Konzept zugrunde, dass die Handlungen eines Einzelnen Auswirkungen auf alle haben. Wir finden das in Röm 5,18-19. Neben den alttestamentlichen Belegen der stellvertretenden Buße z.B in Neh 1,4-7; Esra 9,7 und Dan 9,8.15 ist sicherlich das eindrücklichste Beispiel das stellvertretende hohepriesterliche Gebet Jesu, denen zu vergeben, die ihn kreuzigen (Lk 23,34). Die Frage nach der stellvertretenden Buße habe ich in meinem Buch “Die Decke des Schweigens” im Kapitel 6 ausführlicher behandelt.

Betreffen die befreienden Folgen stellvertretender Buße vor allem die (verstorbenen) Täter, die Opfer und ihre Nachkommen oder mich selbst? Was geschieht, wenn ich diese Buße versäume?

Die stellvertretende Buße gilt nicht den Verstorbenen, sondern im Sinn von 2. Chr 7,14 den Lebenden und den nachkommenden Generationen. Wenn wir wollen, dass unsere Gegenwart und Zukunft gesegnet wird, dürfen wir so lange nicht ruhen, bis unsere Vergangenheit auf allen Ebenen bereinigt ist.

Bis in wie viele Generationen hinein wird Ihrer Ansicht nach unausgesprochene Schuld weitergegeben und wie lange kann diese welche Auswirkungen auf die Nachkommen haben?

Die Bibel spricht in 2. Mose 20 von den Folgen der Sünde bis in die dritte und vierte Generation. Das entspricht der Beobachtung von Psychotherapeuten, dass es sogenannte transgenerationale Übertragungen bis in die vierte Generation geben kann.

Betrifft Ihre Betonung der stellvertretenden Buße insbesondere an dem jüdischen Volk begangene Sünden oder ist sie für andere Sünden gleichermaßen relevant?

Ich entdecke die stellvertretende Buße auf drei Ebenen: 1. die persönliche Ebene, 2. die familiäre Ebene und 3. die Ebene von Städten und Nationen. Schuld kann vor Gott nicht aufgewogen werden und wird ohne Erlösung Jesu immer Tod hervorbringen (Röm 6,23). Dabei scheint die am jüdischen Volk begangene Sünde vor Gott ein besonderes Gewicht zu haben (1. Mose 12,3). Ich habe immer wieder erlebt, wie stark die Auswirkungen der Schuld gegenüber dem jüdischen Volk auf einer Familie liegen können – und wie einfach ein Joch über einer Familie durch stellvertretende Buße und das Erleben der Gnade Jesu zerbrechen kann. Ich kann jeden Leser nur ermutigen, sich den Schatten der Vergangenheit zu stellen, um für das neue Segenskapitel Gottes gut gerüstet zu sein.

Herzlichen Dank für das Interview!

Für ausführlichere Antworten auf diese und andere Fragen siehe Jobst Bittner, Die Decke des Schweigens. (Das Buch ist u.a. hier erhältlich: http://www.diedeckedesschweigens.de/kaufen/.)

 

 (jp)

 
 
 
Fotos:
 
Bittner: © 2013 Gemeinde und Israel; Marsch des Lebens Polen: Screenshot aus https://www.youtube.com/watch?v=2-7StHJ5LUQ

Unter der Überschrift „Aus der Kraft der Wurzel die Zukunft gestalten” fand vom 7. bis 9. November 2013 in Berlin der zweite „Gemeinde-Israel-Kongress” statt. Auch Vertreter vom Institut für Israelogie waren zur Berichterstattung angereist. Damit Sie auch im Nachhinein noch von den Inhalten des Kongresses profitieren und diese auswerten können, haben wir für Sie die wichtigsten Vorträge zusammengefasst, einzelne Seminare besucht und Interviews mit den Hauptrednern geführt. (Eine Auflistung finden Sie am Ende dieses Berichts.)

Wilfried Gotter begrüßt die Teilnehmer

Am Donnerstagabend begrüßte in der Berliner Gemeinde auf dem Weg Wilfried Gotter die 1250 Besucher im Namen des „Christlichen Forums für Israel” (CFFI). Dieser Verbund von etwa 40 Organisationen, Werken und Vereinen, die sich zum Ziel gesetzt haben Israel zu stärken, das biblische Israel-Verständnis in Kirchen und Gemeinden zu fördern sowie die deutsch-israelischen Beziehungen zu festigen und zu vertiefen, hatte den Kongress als Fortsetzung des ersten Kongresses dieser Art im Jahr 2006 veranstaltet. Gotter machte es zur Tradition, jedes Mal, wenn er zur Überleitung zwischen den Programmpunkten die Bühne betrat, einen Witz zu erzählen. Für die Kongresseröffnung entschied er sich für einen Witz, mit dem er die Dringlichkeit der Einheit unter Christen unterstrich:

Auf einer Konferenz für Urchristen begegnen sich zwei Männer. Wie sich herausstellt, waren sie blind gewesen und von Jesus sehend gemacht worden. “Es ist doch großartig”, berichtet der eine, “Jesus nimmt Schlamm, legt ihn auf die blinden Augen, befiehlt sich zu waschen und dadurch verschwindet die Blindheit. Man kann nachher wirklich sehen.” “Schlamm?” fragt der andere verwundert. “Jesus verwendet zur Heilung von Blindheit doch keinen Schlamm! Er spricht nur ein Wort – und dann kann man sehen.” “Natürlich verwendet Jesus Schlamm.” “Nein, das ist ganz und gar unmöglich, er verwendet keinen Schlamm!” “Doch, das tut er!” “Nein, das tut er nicht!”
Die Diskussion erhitzt sich.
 “Ich weiß es doch ganz genau. Ich war blind. Jesus sprach: ‘Sei sehend’, und jetzt sehe ich.” “Wenn Jesus bei deiner Heilung keinen Schlamm verwendet hat, dann kannst du gar nicht geheilt worden sein. Du bist immer noch blind. Du meinst nur, dass du sehen kannst. Weil du eine so grundlegende Glaubenslehre – den Schlammismus – verleugnest, will ich mit dir nichts mehr zu tun haben!” Am Ende der Konferenz bilden sich jetzt zwei Denominationen – die Schlammisten und Anti-Schlammisten. Ihre ganze Energie ver(sch)wenden sie mit dem Versuch, sich gegenseitig zu überzeugen. Dabei vergessen sie ganz, dass um sie herum viele “Blinde” auf Heilung warten. Schlammismus kontra Anti-Schlammismus kann leicht zum Schlamassel werden!
 

Blick in den vollen Kongresssaal

Nach diesem eher heiteren Start in den Abend betonte Gotter die wichtige Rolle, die dieser Kongress spielen solle: So erhielt das Team von CFFI im Vorhinein viele prophetische Eindrücke, die sich allesamt darum drehten, dass Gott für Deutschland und Israel einen Plan hat, dem Deutschland sich nicht verschließen solle. Die Konferenz solle uns ermahnen, die Gnadenzeit zur Buße zu nutzen.

Eindringliches Gebet in Kleingruppen

Anschließend gab Harald Eckert von Christen an der Seite Israels e.V. einen Abriss von der bewegten Gründungsgeschichte des CFFI. Als sich im August 2002 zur Zeit der zweiten Intifada über 30 Werke zusammentaten, um sich solidarisch hinter Israel zu stellen, entschied ein Großteil der Beteiligten, über diese Initiative hinaus zusammenzubleiben und ein dauerhaftes Netzwerk als gemeinsame Stimme für Israel zu gründen. Damit war das CFFI geboren. Als Meilenstein sollte nun der Kongress dazu dienen, dem Anliegen des Forums zum Durchbruch zu verhelfen. Deshalb forderte Eckert die angereisten Teilnehmer auf, den Kongress in Kleingruppen im Gebet vor Gott zu bringen, bevor zum gemeinsamen Lobpreis die Band „Breaking Silence“ die Bühne betrat.

Dr. Jürgen Bühler

Im Abendvortrag referierte Dr. Jürgen Bühler von der Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem zum Thema „Das Paradoxe an Israel – Gedanken zu Römer 3“ und führte aus, wie Israel einerseits als Gottesvolk vielerlei Vorzüge habe, andererseits im Hinblick auf das Evangelium genauso bedürftig sei wie jedes andere Volk auf dieser Welt. (Hier der Bericht.) Damit ebnete er Tobias Krämer den Weg, der dieses Paradox in seinem Seminar über Römer 11,28 vertiefte (s. unten).

Der Abend wurde beschlossen von Wilfried Gotter, der mit dem Hinweis, dass die Straßen des himmlischen Jerusalems aus Gold sein sollen, dem müden, aber motivierten Publikum die Kollekte schmackhaft machte.

Benjamin Berger aus Jerusalem

Der Freitag als Hauptkongresstag kündigte sich als lang und voll an. Nach dem morgendlichen Start mit Lobpreis und Gebet in Kleingruppen lauschen die angereisten Gäste dem Hauptreferenten Benjamin Berger. Eigens aus Jerusalem angereist ermahnte der messianische Jude die Deutschen dazu, ihre besondere Rolle in der Heilsgeschichte der Juden anzuerkennen und wahrzunehmen. (Hier der Bericht und ein Interview mit Berger.)

Nach dem langen und eindringlichen Vortrag lockerte Wilfried Gotter wie gewohnt mit einem seiner Witze die Stimmung auf, bevor es nahtlos zum Podiumsgespräch überging, bei dem der Name des Kongresses konkret wurde: „Welche Relevanz hat das Israel-Anliegen für die Gemeinde?“

Hierzu wurden von Karl-Heinz-Geppert und Tobias Rink mit Tobias Krämer (Pastor und Geschäftsführer von Christen an der Seite Israels), Winfried Rudloff (Pastor der Christusgemeinde Berlin) und Michael Sawitzki (Handwerkerreisen Sächsische Israelfreunde) drei Männer interviewt, die mitten in der Praxis stehen. Wenn es darum geht, Christen für Israel zu begeistern, nehmen Israelreisen einen hohen Stellenwert ein, so der Konsens der Diskussion. Tobias Krämer betonte zusätzlich die Notwendigkeit einer guten Israel-Lehre und berichtete von dem in seiner Gemeinde einmal jährlich durchgefühten Israelgrundkurs anhand des neu erschienenen Buches „Wozu Israel“ (im April 2014 mit dem Franz-Delitzsch-Förderpreis ausgezeichnet – mehr hier.)

Die Podiumsdiskussion in vollem Gange

Winfried Rudloff aus Berlin vertrat die These: „Israel ist kein Thema, sondern das Fundament!“ Israel solle in keinen Israel-Arbeitskreis verlagert werden, sondern eine zentrale Stellung in der Gesamtgemeinde einnehmen, damit es unsere christliche Identität und unser Gottesbild grundsätzlich prägen kann. Denn für Rudloff ist Gott nicht verlässlich, wenn „das mit Israel“ nicht stimmen sollte. So werde Gottes Charakter und Wesen für uns an Israel deutlich. Krämer ergänzte, dass im Normalfall jede Bekehrung zum christlichen Glauben auch eine Verwurzelung mit sich bringe. Der Moderator Geppert warf hierzu das Beispiel von Christen in der Dritten Welt ein, die die Bibel lesen und sofort wissen wollen, ob das Land Israel heute noch existiert und man es besuchen könne. Seiner Ansicht nach “theologisieren“ sie nicht herum wie wir, ob das Thema relevant sei oder nicht.

Stand des Israel-Instituts

In Bezug auf den Beitrag der Israellehre für die verschiedenen Konfessionen waren sich alle einig, dass Unterschiede sekundär werden, sobald man sich gemeinsam für dieses Thema stark mache – wie dies auch auf dieser Konferenz erlebbar sei. Nichtsdestotrotz sprach sich Krämer gegen jede Form des geistlichen Egoismus aus, bei dem alles, was wir tun, uns nützen muss: „Vielleicht haben wir von Gott einen Auftrag an Israel, ohne dass uns das etwas bringt. Wäre das okay?“ Zuletzt plädierte Rudloff dafür, dass sich die Gemeinden und Israelwerke neu auf einem gemeinsamen Weg begeben, um die Herzen der Menschen für Israel zu berühren.

Nach der Mittagspause begann der Seminarteil: In den zwei Blöcken war bei über 20 Themen für jeden etwas dabei. Zwei Seminare haben wir für Sie besucht:

Das Foyer mit seinen zahlreichen Israel-Ständen

Nach den Seminaren herrschte im Zentrum der Berliner Gemeinde auf dem Weg reges Treiben an den zahlreichen Ständen der Israelwerke, bevor von Wladimir Pikman offiziell der Sabbat eröffnet wurde und schließlich im Abendprogramm Schwester Joela von der Evangelischen Marienschwesternschaft Darmstadt die Bühne betrat. In ihrem Vortrag machte sie auf antisemitische Tendenzen in den Evangelischen Landeskirchen aufmerksam, welche sich beispielsweise am Ausschluss messianischer Juden vom Kirchentag zeigten. Sie warnte – wie viele ihrer Vorgänger – vor der Ersatztheologie, welche die christliche Gemeinde auf einen falschen und gefährlichen Weg führe.

Schwester Joela bei ihrem Vortrag

Getroffen von diesen Worten stimmte Wilfried Gotter im Anschluss spontan das alte Kirchenlied „Geh meiner Seele auf den Grund“ an, mit dem die Konferenzteilnehmer Gott ihre Reuebereitschaft zum Ausdruck brachten. Als praktisches Zeichen der Versöhnung beteten die Leiter der Konferenz stellvertretend um Gottes Segen für alle anwesenden Juden. So ging ein langer Konferenztag voller Emotionen zu Ende. Für Nachtschwärmer gab es im Spätprogramm noch den Film „Holocaust light – gibt es nicht“ (wir berichteten) in Anwesenheit der Regisseurin Sara Atzmon sowie eine von Junge Christen für Israel gestaltete Lobpreiszeit.

Jobst Bittner

Am nächsten Tag stellte Jobst Bittner in einem von vielen Erfahrungsberichten gespickten Vortrag sein Anliegen vor, die „Decke des Schweigens“ über Deutschland aufzubrechen. Dies geschehe durch eine gründliche Aufarbeitung des Holocaust und durch Buße, welche durch „Märsche des Lebens“ zum Ausdruck gebracht werden könne. (Hier der Bericht und ein Interview mit Bittner.) An seinen prophetischen Zuspruch „70 Jahre nach der Kapitulation Deutschlands will Gott ein neues Segenskapitel aufschlagen“, knüpfte anschließend Harald Eckert an. Laut dem Vorsitzenden von Christen an der Seite Israels stehe Deutschland an einem Scheideweg und sei es Aufgabe der Christen, dass unser Land nicht wieder in den Antisemitismus verfalle. Seiner Meinung nach entscheidet sich das Schicksal jeder Nation an deren Position zu Staat und Volk Israel. (Hier der Bericht und ein Interview mit Eckert.)

Harald Eckert appelliert an sein Publikum

Mit diesem eindringlichen Aufruf, der sich wie ein roter Faden durch alle Vorträge und Programmpunkte der Konferenz zog, wurde letztere beschlossen. Spontan ergriff mit einem prophetischen Eindruck noch einmal Benjamin Berger das Wort, um Eckerts Appell zu unterstreichen. Dass der Kongress viel später als geplant endete, schien keinen der Teilnehmer zu stören, und so folgten die 1250 Anwesenden bereitwillig der Einladung des CFFI-Vorstandes, zur Bühne vorzukommen, um sich segnen zu lassen. Schließlich erwartete sie in ihrer jeweiligen Heimat eine herausfordernde Aufgabe.

Die Kongressteilnehmer strömen zum Segen nach vorne

Hier eine Übersicht der von uns verfassten Berichte und Interviews vom Gemeinde-Israel-Kongress 2013:  

Die Abschlusserklärung des Kongresses finden Sie hier: http://www.gemeinde-israel.de/uploads/media/erklaerung.pdf

 

(jp)

 
Fotos:
 
Logo, Gotter, Kongresssaal, Bühler, Berger, Podiumsdiskussion, Schwester Joela: © 2013 Gemeinde und Israel; Rest: privat

Römer 11,28 als Koordinatensystem biblischer Israellehre

Tobias Krämer

8. November 2013

 

Für ihn ist es der Vers, in dem alle biblischen Linien und Aussagen zum Thema Israel wie in einem Brennglas zusammenlaufen: Römer 11,28

In seinem Seminar am Freitagnachmittag führt Tobias Krämer, Geschäftsführer von Christen an der Seite Israels, die Teilnehmer in das „Koordinatensystem biblischer Israellehre“ ein: Paulus mache mit Röm 11,28 deutlich, dass alle Aussagen über Israel stets im Hinblick auf zwei Perspektiven zu betrachten seien – hinsichtlich des Evangeliums und hinsichtlich der Erwählung. Damit definiere der Apostel den Rahmen, innerhalb dem sich Israellehre bewegen muss, wenn sie biblisch genannt werden will, und schiebe jeglichen Extrempositionen und Verzerrungen einen Riegel vor.

Tobias Krämer

Tobias Krämer

Um sich der Bedeutung dieses Kernverses sowie der Lösung des darin enthaltenen Widerspruchs (die Juden als Geliebte sowie als Feinde) anzunähern, bettet Krämer ihn zunächst in seinen Gesamtkontext ein: Nachdem der Apostel Paulus in Römer 1-8 ausführlich und kraftvoll das Evangelium dargestellt hat (Verlorenheit aller Menschen – Versöhnung durch Jesus Christus – Freiheit vom Gesetz – Leben im Heiligen Geist), komme er in Kapitel 9 auf Israel zu sprechen, das offensichtlich zu einem Großteil dieses Evangelium ablehne: Paulus‘ Schmerz darüber (vgl. 9,2-3) sei auch deshalb so groß, weil die Juden mit dem Evangelium den Neuen Bund in seiner Gesamtheit und damit auch ihre eigene Wiederherstellung als Volk ablehnten. Als gutem Juden blute Paulus also das Herz, weil sich sein Volk durch die Ablehnung des Messias so viel mehr beraube als nur eines Freifahrtscheins in den Himmel.

Eine solche Wiederherstellung Israels thematisiert der Apostel allerdings in Römer 9-11 mit keinem Wort, er scheint im Gegenteil die Errettung zu betonen (vgl. 10,1.9-13; 11,14.26), und es bleibt umstritten, ob er und die anderen neutestamentlichen Autoren die an Israel gerichteten Verheißungen wörtlich auf das Volk der Juden oder eben doch geistlich auf das aus Juden und Heiden bestehende Gottesvolk auslegen. Krämer vertritt die erstgenannte Position, da seiner Ansicht nach für jeden Juden damals nach Jeremia 30-33 der Neue Bund untrennbar mit der Wiederherstellung von Volk und Land Israel zusammenhing. Paulus würde also in diesen Kapiteln voller Bedauern zum Ausdruck bringen: Hätte Israel den Messias angenommen, wäre es nicht nur geistlich errettet, sondern das Volk vollständig in sein Land zurückgeführt und ein Friedensreich mit Jerusalem als Zentrum etabliert worden (vgl. Jer 30,3.8-11.17-22; 31,4-17.23-40; 32,36-44; 33,6-26).

Nun stelle Paulus die Frage, die bei seinen Lesern im Raum steht: Ist jetzt alles aus? Ist die Erwählung Israels gescheitert, weil die Mehrzahl der Juden Jesus als Heilsmittel ablehnten? In seiner Antwort konzentriert sich Krämer auf den Abschnitt Röm 11,25ff., der für ihn sozusagen den in Kapitel 9 noch nicht absehbaren Klimax darstellt: „… und so wird ganz Israel gerettet werden.“ Auch wenn der Theologe die Frage der Art und Weise und des Zeitpunktes dieses Geschehnisses offen lässt, lässt er doch keinen Zweifel daran, dass dieser Vers nichts anderes heißen kann, als dass „ganz Israel zum Glauben kommt“.

Die grobe Linie zwischen Paulus‘ Traurigkeit in Kapitel 9 und seiner Prophezeihung in Kapitel 11 ist damit jedenfalls gezogen: Zu Paulus‘ und damit zu unserer Zeit glaube der Großteil Israels nicht an Jesus Christus, am Ende der Zeit werde jedoch ganz Israel glauben. Damit stellt sich die Frage: Was ist heute? Auf diese Frage antwortet laut Krämer Römer 11,28. Die „geistliche Analyse“ des Volkes der Juden im hier und heute laute: Sie sind zweierlei, nämlich Feinde und Geliebte zugleich.

Was bedeutet nun dieses scheinbare Paradox?

Es bedeutet: Israel ist verloren, wenn es nicht das Evangelium annimmt. Paulus macht beim Evangelium keine Abstriche, jeder ist verloren und es gibt selbst für die Juden keinen anderen Heilsweg (Vers 28a). Es bedeutet aber auch: Nur weil Israel nicht an Jesus glaubt, wird seine Erwählung nicht aufgehoben. Im Gegenteil, sie bleibt bestehen und deswegen wird Israel einst das Evangelium annehmen (Vers 28b).

Deshalb sei die auf den ersten Blick widersprüchlich klingende Aussage aus Röm 11,28 keineswegs unlogisch. So wie hier die Juden aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden, würden auch wir einander immer wieder aus verschiedenen Blickwinkeln beurteilen. Beispielsweise sei es kein Widerspruch, illustriert Krämer, wenn er sage: „Meine Frau ist hinsichtlich handwerklicher Begabungen geschickt, hinsichtlich ihrer Charakterschwächen ist sie ungeduldig.“ Beides sei wahr, und die Juden gleichermaßen hinsichtlich des Evangeliums (auf der geistlichen Ebene) Feinde, hinsichtlich der Erwählung (auf der ethnisch-biologischen Ebene) aber Geliebte.

Konkret impliziert die Analyse des Paulus für Krämer tiefgreifende Konsequenzen für die moderne Israeltheologie, mit deren großen Irrtümern sie aufzuräumen vermöge:

Der Irrtum der Ersatztheologie bestehe darin, dass sie das Verhältnis von Glaube und Erwählung falsch bestimmt. Laut ihr ist Israel nicht mehr erwählt oder gar nicht mehr geliebt, weil es nicht an Jesus glaubt. Richtig sei aber: Weil Israel erwählt ist, wird es eines Tages an Jesus glauben (vgl. Röm 11,25ff.). Hierzu ist zu ergänzen, dass diese Darstellung dazu beiträgt, dass die Ersatztheologie als mysteriös-gefährliches Monster, von dem man sich lieber fernhält, statt sich sachgerecht damit auseinanderzusetzen, weiter durch die Köpfe schwebt. Es gibt aber nicht die Ersatztheologie, sondern inzwischen viele Spielarten sowie Abschwächungen dieser Theologie, welche Israel zum Teil durchaus eine besondere Rolle in der Heilsgeschichte zugestehen und keineswegs allesamt behaupten, dass Gott seine Erwählung Israels wegen dessen Unglauben aufgehoben habe.

Der Irrtum von Vertretern des zweiten Heilsweges liege, führt Krämer fort, in einer falschen Bestimmung der Rolle des Glaubens. Laut ihr brauche Israel nicht an Jesus glauben, weil es ohnehin erwählt ist und auf einem eigenen Weg – ohne Jesus – „in den Himmel kommt“. Richtig sei aber: Der Glaube an Jesus ist auch für Israel unbedingte Bedingung für das Heil (vgl. Röm 11,14 und Paulus‘ großer Einsatz für die Errettung seiner Brüder).

Krämer bei seinem Seminar

Diesbezüglich kommt später eine Frage aus dem Publikum, nämlich wie zu erklären sei, dass Juden teilweise von einer Beziehung zu Gott sprechen, obwohl sie Jesus nicht als Messias angenommen haben. Krämers Einschätzung nach hängt dies damit zusammen, dass „Sünde“ in evangelikalen Kreisen nur als „Getrenntsein von Gott“ verstanden würde. Dies sei nicht falsch, aber nicht alles: Gerade bei frommen Juden sei zu beobachten, dass eine tiefe Beziehung zu und Vertrauen auf Gott Seite an Seite mit einer großen Erlösungsbedürftigkeit vorhanden sein kann.

Ersatztheologen sowie die Vertreter des zweiten Heilsweges lösen also laut Krämer die Spannung von Röm 11,28 falsch auf, indem sie einen der beiden „Fixpunkte“ relativieren oder negieren. Des weiteren ziehen sie jeweils falsche Rückschlüsse: Die Ersatztheologen vom geistlichen Stand (Unglaube Israels) auf die ethnische Verwerfung, die Vertreter des zweiten Heilsweges von der ethnischen Erwählung auf den geistlichen Stand (automatische Errettung).

Paulus hingegen biete eine andere Lösung für die Spannung, die in der Heilsgeschichte verwurzelt ist. Die Spannung wird geschichtlich aufgehoben, sie löst sich als propehtische Erwartung in der Zukunft: Weil Israel erwählt ist, wird es einst zum Glauben kommen und das ewige Heil empfangen.

Diese sehr durchdachte These Krämers beruht unseres Erachtens vor allem auf einer bestimmten Interpretation von Röm 11,26, nach der tatsächlich das gesamte Volk Israel zum Glauben kommen wird. Deutet man den Vers hingegen so, dass mit „ganz Israel“ nicht jeder einzelne Jude, sondern Israel als heilsgeschichtliche Gruppe – wie die Heiden, die auch nicht in ihrer Gesamtheit gerettet werden – gemeint ist, bleibt offen, wie Krämers These, nach der Juden als Geliebte wegen ihrer Erwählung noch zum Glauben finden werden, begründet werden könnte.

Tobias Krämer führt sein Seminar fort, indem er weitere Details des aus zwei Halbsätzen bestehenden Verses exegesiert:

Der erste Teil (Evangelium – Auswahl) der Halbsätze spreche jeweils von zwei unterschiedlichen Blickwinkeln, durch die man Israel betrachten kann. Im zweiten Teil (Feinde – Geliebte) werde deutlich: Die Feinde sind die Juden – wie alle ungläubigen Menschen – aufgrund ihrer eigenen Entscheidung. Die Geliebten aber sind sie durch Gottes Entscheidung. Vielleicht ist dies der Grund, weshalb in Krämers Sicht dieser Blickwinkel am Ende gewissermaßen den Sieg davontragen wird. Der dritte Teil (um euretwillen – um der Väter willen) behandele die Begründung dieses Ist-Zustandes: Die Geliebten sind die Juden um der Väter willen, weil Gott mit ihren Vorfahren einen unauflöslichen Bund geschlossen habe. Die Feinde sind sie aber um unseret-, das heißt um der Christen willen. Inwiefern? Krämer erläutet diese mysteriöse Aussage mit dem genauso anmutenden mysteriösen Satz aus Röm 11,25, den er im Anschluss auslegt: „Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt.“

Der Theologe legt anhand von Paulus‘ Argumentation in Röm 11,11 den Ablauf der Heilsgeschichte dar: Die Ablehnung des Evangeliums von Seiten der Juden war ein maßgeblicher Motor für die Heidenmission. Laut Krämer handelt es sich um eine Verstockung, die sich das Volk Israel selbst auferlegt hat, indem es sich gegen Jesus Christus entschied. Allerdings, so führt er aus, habe Gott seine Hand im Spiel, indem er diese Verstockung sozusagen um der Heiden willen versiegelt bzw. verlängert – bis heute. In diesem Punkt würde nicht jeder Krämer zustimmen, so besagt eine alternative Auslegung, dass diese Verstockung nur eine kurze Zeit lang anhielt, aber mit dem Beginn der Weltmission und der Bekehrung zahlreicher Heiden zu Lebzeiten des Paulus – zumindest von Gottes Seite her – beendet wurde und der Weg für die Juden frei ist.

In Krämers Argumentation geht es wie folgt weiter: Aufgrund ihrer fortbestehenden Verstockung zugunsten der Heiden bleibe den Juden keine andere Möglichkeit, als auf diese zu blicken. Daher rührt seine anfängliche Betonung des „zur Eifersucht Reizens“. Die Rettung der Heiden sei also kein Selbstzweck, sondern diene letztendlich wieder der Rettung der Juden. Gott sage seinem Volk laut Krämer: „Ihr wolltet das Evangelium nicht haben, dann bekommt ihr es jetzt auch erstmal nicht. Schaut stattdessen darauf, was Gott unter den Heiden bewirkt und vielleicht weckt das in euch den Wunsch, ihnen nachzueifern.“ Diese Verstockung dauere so lange an, bis nach Vers 25 „die Vollzahl der Nationen“ gerettet sei. Wann oder wie viele Menschen dies sein werden, wisse keiner, betont Krämer richtig.

Und nun trete der essentielle Vers 26 in Kraft, den der Theologe bereits am Anfang des Seminars erwähnt hatte: „So wird ganz Israel gerettet werden.“ Krämer erläutert, dass das griechische οὕτως nicht temporal mit „dann“ zu übersetzen ist, als gäbe es erst eine Zeit der Heiden und dann eine Zeit der Juden. Stattdessen liege hier eine modale Bedeutung vor: „So“ im Sinne von „auf diese Weise“ wird Israel gerettet werden – nämlich durch den Glauben der Heiden, der sie zur Eifersucht reize. Dies sei der von Gott vorgesehene Weg, auf dem die Juden das Heil erlangen könnten. Hier schließe sich der Kreis und so erkläre sich auch das „um euretwillen“ aus Vers 28: Israel glaubt nicht um der Heiden willen und die Heiden glauben um Israel willen. Das ist für Krämer die im Römerbrief dargestellte Heilsgeschichte auf den Punkt gebracht.

Die ganze Tragik der Kirchengeschichte liege nun darin, dass wir Christen diesen Mechanismus zerstört hätten, so Krämer: „Welcher Jude will denn an Jesus glauben, wenn alle Christen Antisemiten sind?“ Dementsprechend liegt es an den Christen und ihrem Verhalten, ob Israel zum Glauben komme und bleibe noch viel wiedergutzumachen, damit die Heilige Schrift sich erfüllen könne. Gelinge der Mechanismus, werde über kurz oder lang ganz Israel gläubig werden. Ob das „ganz Israel“ nur das Volk zu einem bestimmten Zeitpunkt impliziert oder anders zu deuten ist, versucht Krämer nicht zu beantworten, was ihm hoch anzurechnen ist.

Diese These Krämers hängt damit zusammen, dass er das Phänomen des „zur Eifersucht Reizens“ aus den Versen 12, 14 und evtl. 25 des 11. Kapitels des Römerbriefs als einen Soll-Zustand deutet: Es sei Auftrag der Christen so zu leben, dass den Juden der Glaube schmackhaft gemacht werde. Dies ist sicherlich grundsätzlich in Bezug auf unser Verhältnis zu jedem ungläubigen Menschen wahr. Man könnte die Aussagen des Paulus allerdings auch als eine Beschreibung des Ist-Zustandes verstehen: Die Juden werden automatisch zur Eifersucht gereizt, wenn Menschen aus den Nationen zum Glauben kommen.

Bleibt man bei Krämers Deutung, ist der Antisemitismus – der zu einem Großteil von Christen oder solchen, die sich Christen nannten, verübt wurde – der Hauptgrund, weshalb es Juden schwer fällt, Jesus als ihren Messias anzunehmen. In dem Fall muss es unsere oberste Priorität sein, die Vergangenheit aufzuarbeiten und diesen „Fehler“, davon spricht Krämer des Öfteren, wiedergutzumachen. Eine wahrlich große Aufgabe, zumal viele Juden leider Gottes mehr auf „die Christen“ in ihrer Gesamtheit blicken – welche in der Kirchengeschichte selten gut da standen -, als auf den einzelnen ernsthaften Christen. Können wir dieser von Krämer und anderen auf dem Kongress hervorgehobenen Verantwortung jemals gerecht werden?

Neben dieser Ermahnung steht allerdings die immer wiederkehrende, mutmachende These Krämers, beruhend auf seiner Auslegung von Röm 11,26: Weil Israel erwählt ist, wird es eines Tages zum Glauben an Jesus Christus kommen.

Zum Schluss seines intensiven Seminars kommt Tobias Krämer zur praktischen Bedeutung des von ihm ausgelegten Schlüsselverses: Sämtliche Literatur könne nun daraufhin überprüft werden, ob dieses in Röm 11,28 dargestellte Spannungsfeld korrekt wahrgenommen wird. Krämer betont die traurige Realität, dass viele auf einer Seite vom Pferd fielen: Entweder werde von Israel-Fans die Besonderheit der Juden überbetont, als bräuchten sie das Evangelium nicht mehr, oder aber es werde von evangelistischen oder eben ersatztheologisch geprägten Menschen die Verlorenheit der Juden überbetont, als gebe es für sie keine Hoffnung und als spiele ihre Erwählung keine Rolle mehr.

In diesem Sinne lässt der im Seminar vermittelte Inhalt auf mehr Sachlichkeit und Ausgewogenheit in israelfreundlichen Kreisen hoffen, weshalb zu bedauern ist, dass Krämers Vortrag nicht zum Hauptprogramm des Kongresses gehörte.

 Interview mit Tobias Krämer

Lieber Herr Krämer,

wie wichtig ist Ihres Erachtens das Israel-Anliegen im Vergleich zu anderen Aufträgen Gottes an die Christen? Sollten sich alle Christen gleichermaßen für Israel engagieren oder ist denkbar, dass sich hinter den theologischen Differenzen unterschiedliche Berufungen verbergen, bei denen die einen sich für einen geistlichen Aufbruch in Israel einsetzen, während anderen Muslimen das Evangelium bringen und wieder andere sich für Arme und Schwache stark machen?

Israel gehört m.E. zu den 10 wichtigsten Beauftragungen Gottes an die Gemeinde Jesu. Ein Ranking möchte ich hier nicht vornehmen, da die Bibel das auch nicht tut. Aber Israel sollte so selbstverständlich und natürlich zum „Portfolio“ an Beauftragungen dazugehören wie Mission, Evangelisation, Diakonie u.a. auch. Besteht hier im Grundsätzlichen Klarheit, dann kann es in der praktischen Umsetzung durchaus Unterschiede geben. Als Pastor ist mir die Tatsache geläufig, dass Christen unterschiedliche Gaben und Berufungen haben. Ähnlich sehe ich das auch für Gemeinden, evtl. auch für ganze Netzwerke und Kirchen. Schwerpunktsetzungen darf es geben. Kritisch wird es erst dort, wo man einen Auftrag Gottes nicht erkennt oder gar ablehnt. Das ist in Sachen Israel stellenweise im Leib Christi anzutreffen. Und das ist der Sache gegenüber nicht angemessen.

Wie würden Sie auf die folgende These eines moderaten Vertreters der Ersatztheologie reagieren? „Das Volk Israel hat seine Erwählung nicht verloren. Es ist weiterhin erwählt, nur definiert es sich anders. Gott hat entschieden, im Neuen Bund die Zugehörigkeit zu seinem erwählten Volk nicht mehr über die Abstammung, sondern den Glauben an den Messias zu definieren.“

Das ist eine Position, über die man diskutieren kann, weil sie von der Grundsubstanz her viel Biblisches enthält. Problematisch sehe ich zwei Aspekte: (1.) Der Erwählungsbegriff wird inhaltlich nahezu entleert. Worin besteht denn die Erwählung Israels, wenn sich Israel bleibend anders definieren kann? Das wäre zu klären. (2.) Der Abrahamsbund und damit die Väterlinie gehen hier unter. Paulus aber hält diese – man denke nur an Röm 11,28! – bis zum Schluss fest. Und zwar bewusst und mit theologischen Konsequenzen. Das darf man nicht aus den Augen verlieren.

Der Ansatz, die Zugehörigkeit zum erwählten Volk würde im AT über die Abstammung, im NT aber über den Glauben an Christus laufen, ist so exklusiv formuliert eine Verkürzung. „Abstammung“ ist im AT nicht alles und im NT nicht nichts. Die Verhältnisse sind komplexerer Natur. Wenn man hier simplifiziert, geht theologisch viel verloren.

In Ihrem Seminar haben Sie betont, dass Paulus‘ Schmerz über die Verstockung seines Volkes (vgl. Röm 9,2) auch deshalb so groß ist, weil diesem damit nicht nur der Zutritt zum Himmel, sondern eine ganzheitliche Wiederherstellung entgeht. Wie kommt es, dass Paulus eine solche nationale Wiederherstellung Israels, also eine wörtliche Erfüllung der alttestamentlichen Verheißungen, außerhalb von Röm 9-11 nicht thematisiert?

Die Frage ist berechtigt – und sie hätte sogar noch kritischer ausfallen können. Zunächst einmal ist es wichtig zu sehen, dass die paulinischen Briefe (am ehesten noch mit Ausnahme des Römerbriefes) alle Gelegenheitsschreiben waren, die durch bestimmte Anlässe motiviert waren. Paulus schreibt, weil in der Gemeinde was nicht stimmt, und geht darauf ein. Das ist der Grundansatz. Von daher versteht es sich von selbst, dass das Tagesgeschäft die Inhalte der Briefe maßgeblich bestimmt hat. Was für ein Glück, dass es in Korinth Probleme mit dem Abendmahl gab! Sonst hätte Paulus vielleicht nie etwas darüber geschrieben. Hinzu kommt, dass uns nicht alle paulinischen Briefe erhalten geblieben sind. Von denen an Korinth fehlen uns wahrscheinlich welche. Die argumentatio e silentio greift hier also noch weniger als sonst.

Im Übrigen hätten Sie auch fragen können, ob Paulus in Röm 9-11 die Perspektive einer ganzheitlichen Wiederherstellung Israels überhaupt im Blick hat. Expressis verbis hat er das nicht. Er kommt „nur“ bis an die Stelle, dass „ganz Israel gerettet“ wird (was auch sein Hauptinteresse gewesen sein dürfte). Folgt man jedoch seinem Schriftbeweis, dann führen diese Verse in Texte aus den Propheten Jesaja und Jeremia zurück. Texte, die von einer ganzheitlichen Wiederherstellung sprechen. Bedenkt man nun noch, dass schriftgelehrtes Zitieren von Belegstellen nicht nur die zitierten Verse meint, sondern das Textumfeld in Erinnerung rufen will, aus dem sie entnommen sind, darf man den Schluss ziehen, dass eine ganzheitliche Wiederherstellung Israels implizit im Blick, wenngleich nicht im Fokus der paulinischen Argumentation ist.

Für Sie ist Röm 11,28 das Koordinatensystem biblischer Israellehre. Der Kontext dieses Verses könnte nahelegen, ihn wie Vers 2a als Antwort auf Paulus’ rhetorische Frage aus Vers 1 zu verstehen: „Gott hat die Juden aufgrund ihres momentanen Unglaubens nicht definitiv und endgültig vom Evangelium ausgeschlossen, da sie zu seinem auserwählten und geliebten Volk gehören.“ Muss Röm 11,28 zwingend als Spannung interpretiert werden, die sich allein durch die zukünftige Errettung des Volkes Israel auflösen kann oder kann Paulus gemeint haben: „Sie sind Feinde des Evangeliums, aber weil ich sie einmal erwählt habe, werde ich sie deshalb nicht verstoßen, sondern sie mit offenen Armen aufnehmen, sobald sie zu mir kommen“?

 Dass Gott bereit ist, sein Volk Israel mit offenen Armen aufzunehmen, und sich sogar danach sehnt, ist schon seit Röm 10,21 klar. Röm 11,28 in diesem Sinne zu interpretieren, würde heißen, den gedanklichen Fortschritt in Kap. 11 zu verkennen. Und der führt immerhin an den Punkt, dass ganz Israel gerettet werden wird (Röm 11,26), also weit über Röm 10 und den von Ihnen genannten Interpretationsansatz hinaus. Diese Gewissheit wiederum erreicht Paulus über das Studium der Schrift (Gott wird die Gottlosigkeit von Jakob abwenden und Israels Sünden wegnehmen; V.25f), und so entsteht das Spannungsfeld in 11,28, dass Gott an der Erwählung Israels festhält und sie zum Ziel führt, obwohl Israel aktuell in Feindschaft gegenüber dem Evangelium verharrt. Dieses Spannungsfeld wird übrigens auch im Aufbau des Verses sichtbar: zwei strikt parallel gebaute Vershälften, die antithetisch miteinander verbunden sind (zwar – aber) und so einen stehenden Gegensatz bilden.

Der Clou liegt, wie dann auch der Fortgang in Röm 11,30ff zeigt, darin, dass am Ende von Kap. 11 Gott allein es ist, der Israel in seine Erlösung führt. Das ist weit mehr als das Warten auf Umkehr, das am Ende von Kap. 10 zu finden ist. Und es ist der Grund für den großartigen Lobpreis, mit dem Röm 9-11 endet.

Schließt das πᾶς Ἰσραὴλ („ganz Israel“) aus Röm 11,26 Ihrer Deutung nach alle Juden zu allen Zeiten oder nur die zu einem gewissen Zeitpunkt lebenden Juden ein? Wenn letzteres, wie ist das Schicksal der Millionen Juden der Geschichte einzuordnen, die bis heute trotz ihrer Erwählung ohne den Glauben an Jesus Christus sterben?

Paulus´ Denken in Röm 9-11 ist insgesamt nach vorne gerichtet. Die Frage ist, ob Israel noch zum Ziel kommt oder auf der Strecke bleibt. Und hier erlangt Paulus am Ende von Kap. 11 die Gewissheit, dass Ersteres der Fall sein wird: Ganz Israel wird gerettet, also zu Jesus finden und von seinen Sünden befreit werden. Es deutet zunächst nichts darauf hin, dass hier mehr gemeint sein könnte als die Volkserweckung des jüdischen Volkes, also ein geschichtliches Ereignis in Raum und Zeit.

Das Problem, das Sie hier ansprechen, betrifft im Übrigen ja nicht nur die Juden, sondern alle Menschen, die ohne den Glauben an Jesus Christus sterben, vor allem all diejenigen, die nie das Evangelium gehört und verstanden haben. Man soll von der Gnade Gottes wirklich nicht klein denken, aber hier bleibt ein Bangen und Zagen, wie Gottes Urteil im Endgericht wohl ausfallen wird.

Sie haben erläutert, dass das οὕτως („so“) aus Röm 11,26 nicht temporal („dann“), sondern modal („auf diese Weise“) zu verstehen ist: Israel wird dadurch gerettet, dass Christen ihnen den Glauben schmackhaft machen – was schwerlich möglich war, wenn diese gleichzeitig Antisemiten waren. Wie können wir mit der Tatsache umgehen, dass es immer Menschen gab und geben wird, die im Namen Christi Unheil gegenüber Juden anrichten (z. B. die Deutschen Christen) und die von vielen Juden – wie auch vielen Muslimen – als die Christen betrachtet werden?

Da bleibt m.E. nur ein Weg, nämlich der, dass sich die gesamte Christenheit (welcher Couleur auch immer) an die Brust schlägt und betet „Gott sei uns Sündern gnädig“. Das können auch die Nachfahren der von Ihnen genannten „Deutschen Christen“ tun – angesichts dessen, was geschehen ist. Wenn dann noch ein öffentliches Eingestehen und Benennen der Schuld erfolgt, dann wird deutlich, dass die Verfehlungen der Christen nicht auf das Konto Jesu Christi gehen, sondern ihm geradezu widersprechen. Und dann ist schon viel gewonnen. Solche Schuldeingeständnisse werden übrigens in Israel sehr wach gehört. Sie haben eine große Auswirkung.

Es ist „im Namen Jesu Christi“ viel Schlimmes passiert. Das sollte Anlass genug sein, jetzt mit aller Kraft und Entschiedenheit das Richtige zu tun. Noch ist es nicht zu spät.

 Herzlichen Dank für das Interview!

(jp)

 
Fotos:
Krämer: privat

Das Paradoxe an Israel – Gedanken zu Römer 3

Dr. Jürgen Bühler

7. November 2013

 

icejzen_logoJürgen Bühler, ein Deutscher, der seit 1994 in Israel lebt und als Executive Director für die Internationale Christliche Botschaft Jerusalem (ICEJ) arbeitet, beginnt seinen Vortag mit einem Überblick über die geistliche Situation in der islamischen Welt.

Er berichtet, dass während der Jesaja 62-Gebetsinitiative der ICEJ für eine Erweckung in jedem islamischen Land gebetet wurde, weil man den Eindruck hatte, Gott wolle etwas im Nahen Osten bewegen. Diese Prophezeiung werde nun Wirklichkeit. Bühler führt fort mit Schlaglichtern einzelner Länder, wobei er leider mit Erläuterungen oder Nachweisen spärlich umgeht. Er berichtet von:

  • Tunesien: Kurz nach besagtem Gebet habe es dort einen Aufbruch gegeben.
  • Syrien: In diesem von Krieg geplagten Land, das neben Israel die älteste Kirche der Welt beherbergt, arbeite Gottes Geist wie nie zuvor, obwohl es sich für die schwierigste Zeit für die Christen handelt.
  • Ägypten: Das Land stehe an der Schwelle der Erweckung, weil 15.000 Personen für ihr Land gebetet haben.
  • Irak: Hier passiere ähnliches.
  • Iran: Allein in Teheran würden monatlich 5000 Menschen getauft. Hierauf bricht das Publikum in spontanen Applaus aus. Leider präzisiert Bühler nicht, ob es sich bei den Getauften um Neubekehrte handelt. Er erzählt weiter, wie die Menschen unter Ahmadinedschad nur so in die Kirchen strömten, weil sie dachten „Wenn das Islam ist, werden wir lieber Christen!“
  • Libyen: Laut dem Gebetsführer Operation World von 2000 sei dies das verschlossenste Land der Welt gewesen, mit keinem einzigen Christen. 2012 sollte dann plötzlich für mehr Bibeln gebetet werden, weil sich so viele bekehren. (Anmerkung: Diesen ermutigenden Worten steht der Bericht von Open Doors entgegen, demzufolge viele Christen das Land verlassen haben, weil ihnen düstere Zeiten bevorstehen: http://www.opendoors.de/verfolgung/laenderprofile/libyen/)
Dr. Jürgen Bühler

Dr. Jürgen Bühler

Bühler berichtet weiter von einem prophetischen Wort an die ICEJ laut dem es in den nächsten Jahren in zehn Ländern der arabischen Welt Vertretungen der christlichen Botschaft geben werde. Tatsächlich verfügen ihm zufolge inzwischen Algerien und der Niger über eine solche Botschaft, zu deren Aufgaben laut Website des ICEJ (wo die zwei Länder in der Aufzählung fehlen) das Organisieren von Konferenzen, Gottesdiensten, Seminaren, Pro-Israel-Versammlungen und Veranstaltungen gegen den Antisemitismus gehören. Der oberste Imam des Niger habe laut Bühler geschildert, wie enttäuscht viele dort von den oftmals rassistischen Arabern seien und erkannt haben, dass die Zukunft im Westen und in Israel liege…

Wenn Bühler erzählt, gewinnt man den Eindruck, dass islamische Oberhäupter, Politiker sowie Muslime zusammen mit dem von ihm dargestellten geistlichen Aufbruch plötzlich allesamt eine Pro-Israel-Haltung an den Tag legten. Hier wären nähere Infos hilfreich, zumal beispielsweise im nahe gelegenen Westjordanland dieser Automatismus von Bekehrung zum Christentum und dem Engagement für Israel im Allgemeinen eher nicht zu beobachten sein scheint.

Bevor er zu seinem eigentlichen Thema kommt, spricht Bühler von Prophezeiungen über den Niedergang von Kommunismus und Islam. Die Macht des ersten sei bereits gebrochen und der zweite werde genauso fallen. Dies sind klare Worte, obwohl man angesichts der Tatsache, dass es sich um menschliche (prophetische) Eindrücke handelt, etwas mehr Vorsicht erwarten würde.

Es folgt Bühlers Lektüre von Römer 3,1-12 mit dem Schwerpunkt auf dem scheinbaren Paradox der Verse 2 und 9: Vers 2: Was haben die Juden für einen Vorzug oder was nützt die Beschneidung? -> Viel in jeder Weise! Vers 9: Haben wir Juden einen Vorzug? -> Gar keinen. Jürgen Bühler erzählt von einer Gemeinde, in der die Israel-Fans versuchten, ihren Pastor von der Besonderheit der Juden zu überzeugen, der wiederum betonte, dass Juden wie alle anderen seien, die Jesus Christus brauchen. Beide haben Bühler zufolge Recht, denn genau diese Spannung behandele Römer 3: Welchen Vorteil hat es im Neuen Bund, Jude zu sein, in dem jüdisch Sein eine Frage des Herzens ist?

Zunächst behandelt der Redner die Aussage von Vers 2: Der andauernde Vorzug der Juden bestehe darin, dass sie die Privatsekretäre Gottes seien – ihnen sind die Aussprüche Gottes anvertraut worden. Leider macht Bühler nicht deutlich, ob die Juden diese Rolle der Privatsekretäre immer noch innehaben und wenn ja, worin diese heute bestehen würde. Er betont, dass dem jüdischen Volk Gottes Wort anvertraut wurde, was man auch daran erkenne, dass ausnahmslos alle Autoren der Bibel Juden seien (selbst Lukas). Ohne die Kenntnis der jüdischen Geschichte und Kulturen sei so manche Bibelstelle nicht zu verstehen.

In diesem Sinne deutet der Redner Offb 22,16 („Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, der helle Morgenstern“) – die (fast) letzten Worte der Bibel – wie folgt: „Jesus möchte uns sagen, dass er Jude ist. Selbst im Himmel bleibt er Jude.“ Die letzte und damit wichtigste Botschaft des Sohnes Gottes an die Welt ist nach Bühler, dass sie ja seine Abstammung und damit das jüdische Volk nie vergessen soll. Das klingt romantisch, doch es ist fragwürdig, ob dies Jesu Intention war und er mit diesen Bezeichnungen nicht vielmehr seine Identität als wahrer Messias und damit Erlöser der Welt bekräftigen wollte.

„Die Juden sind aber doch nicht so heilig wie Paulus tut“ – diese oft gehörte Erwiderung nimmt Bühler nun auf, indem er auf Vers 3 verweist: Nein, sind sie nicht – aber Gott wäre ein Lügner, wenn das Verhalten der Juden seine Verheißungen zunichte machen würde. Die Basis für die Erwählung des jüdischen Volkes lege nicht in dessen Heiligkeit, sondern der Bündnistreue Gottes. Dies zeige sich an dem Bündnisschluss Gottes mit Abraham: Während normalerweise beide Bündnispartner bei Vertragsabschluss durch getötete und zweigeteilte Tiere schritten (was soviel bedeutete wie: „Wenn ich meinen Bund nicht halte, soll es mir ergehen wie diesen Tieren“), ging laut Mose 15,12-17 nur Gott durch die Tierhälften. Abraham schlief. Die Erhaltung des Bundes hängt also nicht von ihm und seinen Nachkommen ab. Damit widersetzt sich Bühler solchen Ersatztheologen, die proklamieren, Gott habe Israels Erwählung wegen dessen Untreue aufgehoben.

Nun folgt die andere Seite. Vor Gott sei ein Jude ein Mensch wie jeder andere. Es gibt eine nationale Berufung des Volkes, aber wenn es eins auf eins geht, gebe es keinen Unterschied zwischen beispielsweise Deutschen und Juden. Gott führe keine Vetternwirtschaft oder bevorzuge einige seiner Kinder, und die Lehre der Sündhaftigkeit des Menschen sei tief im Judentum verankert: Keiner ist gerecht. Das sind wichtige Worte auf einem Kongress, dessen Töne teilweise doch sehr die andere Seite betonen.

Diese Spannweite zwischen dem Geliebtsein um der Väter willen und der Feindschaft um des Evangeliums willen (Röm 11,28) dürfen wir nicht verlieren, schließt Bühler. Das in Römer 3 zum Ausdruck kommende Paradox habe dreierlei Auswirkungen: 1. Es bewahrt vor den Extremen der Ersatztheologie und der Zwei-Bündnis-Lehre (nach der es einen jüdischen und einen christlichen Weg zum Heil gibt). 2. Es hilft, die Rolle Israels zu verstehen: Wir sollen Israel als Augapfel Gottes bedingungslos unterstützen, jedoch nicht all seine politischen Entscheidungen gutheißen. (Was das genau dann heißt, bleibt hier offen.) 3. Es bewahrt uns Christen vor falschen Illusionen bezüglich der Errettung Israels: Jeder muss seine persönliche Entscheidung treffen, um erlöst zu werden – auch die Juden.

Was Bühler mit dem letzten Punkt vor allem angesichts der scheinbaren Errettung ganz Israels (Röm 11,26) impliziert, wird leider nicht deutlich. Doch mit diesem Vortrag legt er am Anfang des Kongresses ein gutes Fundament für den teils so schwierigen Balanceakt zwischen Engagement für das jüdische Volk und der sich zu oft daraus ergebenden Theologie oder Ansätze eines zweiten Heilsweges für die Juden, welcher ohne persönliche Entscheidung auskommt.

(jp)