70 Jahre Israel – Herzliche Einladung zur Themenwoche!

Anlässlich des 70-jährigen Bestehens des Staates Israel wird vom 5.-9. November eine Themenwoche an der Freien Theologischen Hochschule Gießen stattfinden. Ein ansprechendes Rahmenprogramm ist geplant, das Land und Judentum auf vielfältige Art und Weise beleuchtet. Denn Israel geht nicht nur Freaks und Fans etwas an, sondern jeden!

Thematisch eingeleitet wird diese besondere Woche am Montag, den 5. November von Johannes Gerloff. Der Theologe ist bekannt durch seine Tätigkeit als Nahostkorrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien. Als Insider hält er einen Vortrag zur aktuellen Situation im „Heiligen Land“, zu dem alle Interessenten herzlich eingeladen sind.

Darüber hinaus hat jeder einzelne Wochentag seinen eigenen Programmhöhepunkt: So wird es unter anderem eine Diskussion mit Islamwissenschaftler Dr. Carsten Polanz über heutige Formen von Antisemitismus geben. Weiterhin finden eine Sabbatfeier und eine Holocaust-Gedenkstunde statt. Auch ein authentisches israelisches Mittagessen darf natürlich nicht fehlen!

Ort der einzelnen Veranstaltungen ist der Plenarsaal der Freien Theologischen Hochschule Gießen. Die jeweiligen Uhrzeiten und Tagesabläufe entnehmen Sie der Ausschreibung. Der Eintritt ist natürlich frei!

Herzliche Einladung!

IsraelInstitut_Themenwoche_Programm

IsraelInstitut_Vortrag_Themenwoche_Vortrag J. Gerloff

Am Sonntag, den 22.10., zeigte sich besonders deutlich, dass Antisemitismus im Fußball ein großes Thema ist, über das öffentlich geredet werden muss: Angefangen hatte alles damit, dass Anhänger des italienischen Vereins Lazio Rom nicht mehr wie üblich die Nordkurve des Olympiastadions für die nächsten Spiele besetzen durften. Von dort waren Anfang Oktober rassistische Parolen erschallt, sodass es zur Sperrung kam. Daraufhin siedelten sich beim nächsten Spiel vor allem die Ultra Lazios, berüchtigt für rechtsradikale Gesinnungsäußerungen, in der vom Fußball-Gegner AS Rom besetzen Südkurve an. Lazio siegte über Cagliari Calcio, alle gingen nach Hause. Doch was Reinigungskräfte und Ordner nach dem Spiel vorfanden, führte zum Eklat: In der Südkurve hatte man Sticker, Grafiken und Graffitis verteilt. Darauf konnte man wahlweise die Jüdin Anne Frank im gelb-roten Trikot des AS-Rom erkennen oder derbe Beleidigungen wie “Romanista Frocio” (Schwuchtel) lesen. Beides zielte ganz offensichtlich darauf ab, den Fußball-Gegner schmähen und diffamieren zu wollen.

Anne-Frank-Museum, Amsterdam

Anne Frank, deren Erlebnisse in ihrem berühmten Tagebuch niederschrieben sind, starb 1945 mit 15 Jahren im Konzentrationslager Bergen-Belsen als Opfer des Nationalsozialismus. Der italienische EU-Parlaments-Präsident Antonio Tajani brachte am Dienstag den Skandal auf den Punkt: „Anne Frank als Beleidigung gegenüber einer anderen Gruppe einzusetzen, halte ich für sehr schwerwiegend.” Zwar ist es in Italien nicht unüblich, ein „Andenken“, also eine symbolische Schmähung, im Territorium des Fußball-Gegners zu hinterlassen. Aber wenn eine Gruppe, deren rechte Tendenzen kein Geheimnis sind, sich des Gesichtes eines Holocaust-Opfers bedient, um andere zu verhöhnen, dann ist das perfide, unerträglich und hat nichts mit Fußball zu tun.

 

Fußball-Stadion

Lazio-Präsident Claudio Lotito reagierte demonstrativ mit einem Synagogenbesuch und der Ankündigung, mit der Klubjugend jährlich Auschwitz besuchen zu wollen. Außerdem tragen Vereinsspieler in dieser Woche Leibchen mit einem Aufdruck von Anne Franks Gesicht, darunter steht „Nein zum Antisemitismus“. Zusätzlich lesen Kapitäne der Fußballmannschaften vor dem Spiel Passagen aus ihrer Lebensgeschichte, und im Stadion wird eine Schweigeminute eingelegt. Konkrete  Schritte statt Gesten fordern zudem die Vertreter der Jüdischen Gemeinde Roms: zu Recht. Ein Verfahren einzuleiten ist möglich, denn seit September kann nun auch in Italien der propagandistische Gebrauch faschistischer Symbole und Gesten strafrechtlich verfolgt und sanktioniert werden.

Darüber hinaus bleibt die Pflicht bestehen, sich mit den unrühmlichen Vorfällen in Italien aktiv auseinanderzusetzen. Auch bei uns, denn in Deutschland ist judenfeindlicher Hass unter fanatisierten Fans von Sportmannschaften ebenfalls kein unbekanntes Phänomen. Die Idee, dass beim Sport stets alle kulturellen Unterschiede in positiv zugewandter Harmonie nichtig würden, bleibt ein Wunschtraum. 2015 sagte Sportjournalist Ronny Blaschke in einer Gesprächsrunde, dass „Jude“ in Fußballerkreisen immer noch als schlimmste Beleidigung gelte. Eine traurige Wahrheit, wie das aktuelle Beispiel aus Italien verdeutlicht.

Links zu entsprechenden Artikeln in der Presse:

(ae)

Jährlich fahren 30.000 israelische Teenager nach Polen, um dem Geschehenen gemeinsam zu begegnen. Von diesen besonderen Klassenfahrten befinden sich 20.000 selbstgefilmte YouTube-Clips im Internet. Ein Dokumentarfilm der besonderen Art versucht durch Zusammenschnitte einprägender Momente die Erlebnisse der Teenager wiederzugeben. In Anbetracht der Novemberpogrome, die sich am 9. November jähren, scheint es ein passender Zeitpunkt zu sein, um sich durch solch eindrückliche Zusammenschnitte die Erinnerung wieder einmal ins Bewusstsein zu rufen.

Zu sehen wird #uploading_holocaust an folgenden Terminen sein: 05.11.16: Screening des Dokumentarfilms um 13:30 Uhr (Cinestar 6) / 08.11.16: TV-Premiere im BR Fernsehen um 22:30 Uhr / 13.11.16: TV-Ausstrahlung auf ORF2 um 23:15 Uhr / 28.11.16: Berlin-Premiere im Babylon-Kino um 19:30 Uhr / 24.01.17: TV-Ausstrahlung im RBB   http://www.ardmediathek.de/tv/DoX-Der-Dokumentarfilm-im-BR/uploading-holocaust/Bayerisches-Fernsehen/Video?bcastId=24831852&documentId=38700988

(mr)

Auf der Website der ZEIT ist heute ein Artikel erschienen, den wir Ihnen nahelegen möchten: Chefredakteur Giovanni di Lorenzo höchstpersönlich spricht in einem sehr einfühlsamen Interview mit der 90-jährigen Renate Lasker-Harpprecht in deren Wohnsitz an der Côte d’Azur.

Die Frau des Publizisten Klaus Harpprecht gehört zu den Holocaust-Überlebenden, die nur selten über die Vergangenheit sprechen – sie hat “Angst, die Leute zu langweilen”, sagt sie. Dennoch spricht sie nun mit einer Ehrlichkeit über ihre Erlebnisse im KZ, die berührend und schockierend zugleich ist. Von einigen Zuständen, die in Auschwitz herrschten, werden Sie möglicherweise noch nie etwas gehört haben. Wohl auch deshalb, weil jede Geschichte eine ganz persönliche ist. So auch die von Renate Lasker-Harpprecht.

Hier finden Sie das Interview: http://www.zeit.de/2014/19/auschwitz-ueberlebende-renate-lasker-harpprecht/komplettansicht

(jp)

 

Morgen, am 27. Januar, ist Holocaust-Gedenktag. “Schon wieder?”, fragen vielleicht die einen. “Das ist doch sowieso immer das gleiche”, mögen die anderen denken. In der Tat fällt es manchmal schwer, dem alljährlichen Gedenken an die Gräuel des Nationalsozialismus einen Nutzen abzugewinnen, da ja im Grunde “nichts Neues” gesagt wird.

Bedenkt man jedoch erstens, dass jedes Jahr in Deutschland etwa 650.000 Kinder zur Welt kommen, für die Hitler nicht viel mehr als eine Figur aus dem Geschichtsbuch ist und die sich deshalb womöglich der Gefahren des latenten Antisemitismus und der neonazistischen Propaganda weniger bewusst sind; zweitens, dass wir tatsächlich bald an dem Punkt angekommen sein werden, an dem niemand mehr berichten kann, wie es wirklich damals war; und drittens, dass die aktuelle Diskussion um Israels Verhalten im Nahostkonflikt immer wieder in Beziehung gesetzt wird zur Geschichte des jüdischen Volkes und somit eine (zum Teil gefährliche) Schnittmenge mit der Holocaust-Thematik aufweist – dann gewinnt das Gedenken wieder an Relevanz. Beobachtet man zudem die (sicherlich nicht unbedingt selbstverschuldete) Ignoranz viele junger Deutscher bezüglich der Geschichte ihres Volkes, erscheint die daneben stehende Forderung vieler älterer Mitbürger, endlich einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen, als seltsames Paradox. So kann das Thema, wie dies zahlreiche deutsche Politiker, engagierte Lehrer und alle, die in diesem Bereich aktive Aufklärungsarbeit leisten, richtig erkannt haben, nach 70 Jahren nicht als “beendet” betrachtet werden – im Gegenteil.

Wir möchten Sie deshalb bei dieser Gelegenheit auf einen interessanten Film der Regisseurin Ilona Rothin aufmerksam machen. Er wird diesen Sommer erscheinen und von der deutschen Botschaft, dem israelischen Außenministerium und vielen anderen christlichen und jüdischen Organisationen unterstützt. Die deutsche Schauspielerin Iris Berben spricht den Erzähltext dieses Filmes, der sich gegen das Vergessen und die Ignoranz wenden will:

Holocaust light – gibt es nicht!

  Hier ein kleiner Auszug aus der Beschreibung:

<< Eine Großmutter erzählt ihrer Enkelin eine Geschichte. Das tun viele Großmütter. Doch die, die Sara Atzmon ihrer Enkelin vorträgt, ist eine außergewöhnlich andere Geschichte. Eine von einer ewig langen Fahrt durch halb Europa. Mit Halt an Orten mit merkwürdigen Namen: wie Auschwitz, Bergen-Belsen, Buchenwald. Eine Fahrt in vollen Wagons mit Menschen, die hungerten, froren und keine Toilette hatten. Eine Geschichte von Kindern, die im KZ neben Leichen spielten und Wetten abschlossen, wer morgen als nächster an Hunger stirbt.

Als die Jüdin Sara Atzmon selbst ein Kind war, jagten die Nazis sie und ihre Familie durch halb Europa. Der Film begleitet die heute 79jährige Israelin noch einmal an all jene Orte in Ungarn, Österreich und Deutschland, an denen die Nazis sie quälten, ihren Vater und drei ihrer Geschwister töteten.

 Und die Filmemacher begleiten Sara Atzmon noch einmal dorthin, wo sie mit 12 Jahren zum zweiten Mal geboren wurde – nach Israel. 1945 landete Sara damals mit dem ersten Schiff aus Europa in Haifa, in Palästina. 

Dennoch erzählen die Filmemacher nicht „nur“ eine Holocaustbiografie. Indem Sara Atzmon ihrer 12jährigen Enkelin von ihrem Schicksal erzählt, schlägt sie bewusst einen Bogen zu den jungen Menschen heute, besonders zur Jugend in Deutschland. Ihnen gilt es aufzuzeigen, wie wichtig der Kampf gegen das Vergessen ist. „Ich will keine Schuld zuweisen, ich will, dass sie Verantwortung übernehmen“, sagt die bekannte israelische Malerin Sara Aztmon, die sich mit Schulklassen in Celle und Mundelsheim auf den schwierigen Weg in die Vergangenheit und Gegenwart begibt.

Das Wissen um die Barbarei der Nazis schafft ein Gespür, heute Unrecht, Rassendiskriminierung und Unterdrückung zu erkennen,“ so Sara Atzmon. >>

 

Die 1933 geborene Sara Atzmon hat erst 20 Jahre nach ihren Erlebnissen begonnen, darüber zu sprechen. Heute ist sie eine der bekanntesten Malerinnen Israels und reist rund um die Welt, damit alle die Chance bekommen, aus ihrer schrecklichen Vergangenheit zu lernen. Ihre aufwühlenden Werke, die jenseits aller sprachlichen Barrieren und dem, was Worte auszudrücken imstande sind, für sich sprechen, kann man auf ihrer Homepage unter “All Artworks” betrachten: http://www.saraatzmon.com/.

Hier geht es zur Homepages des Films: http://www.holocaustlight-film.com/de/index.html

Rund um den morgigen Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau (27. Januar 1945) erscheinen im deutschen Fernsehen eine Anzahl an Dokumentationen und Filmen zum Thema. Eine Zusammenstellung finden Sie hier.

(jp

Er überlebte das Konzentrationslager, indem er seine Mitgefangenen in Boxkämpfen besiegte, die von den KZ-Wächtern in Auschwitz zur eigenen Belustigung veranstaltet wurden. Siege nach Punkten gab es dort nicht: Sobald der Verlierer nicht mehr aufstehen konnte, wartete nichts anderes auf ihn als sein unmittelbarer Tod in der Gaskammer. Hertzko Haft, geboren 1925 in Belchatow (Polen), war Jude und – unfreiwilliger – Profiboxer und er überlebte sowohl den Zweiten Weltkrieg als auch den Neubeginn nach dem Krieg nur dadurch, dass er sich im wahrsten Sinne des Wortes „durchboxte“.

In einem eindrücklichen Comicstrip erzählt Reinhard Kleist von seinem Leben. Es ist die unglaubliche – und dennoch wahre – Geschichte eines gebrochenen Mannes, ein Leben lang zerrissen zwischen starkem Überlebenswillen und tiefen Schuldgefühlen.

Hertzko Haft ist „kein einfacher Charakter“, so der Zeichner im Interview. „Er ist nicht das sympathische Opfer, sondern er teilt nach allen Richtungen aus. Irgendwann habe ich begriffen, dass es genau das ist, was mich an dem Stoff interessiert.“ Denn die Geschichte von Hertzko Haft, von den KZ-Aufsehern „das jüdische Biest“ genannt, liest man nicht mal eben so. Im Gegenteil, so warnt Andreas Platthaus von der FAZ, „es wird Szenen in ,Der Boxer‘ geben, die an die Grenzen des Darstellbaren und Erträglichen führen. Anders in Bildern vom Leben des Hertzko Haft zu erzählen, wäre indes unlauter.“

Denn in einem Umfeld voller Unmenschlichkeit, Tod und Gewalt, blieb dem jungen Mann keine Wahl, als in seinen Kämpfen alles zu geben – wohlwissend, dass er seine bereits geschwächten und unterlegenen Gegner in den sicheren Tod schickte. Zwar gewann er jeden einzelnen der 76 Kämpfe, die er kämpfen musste, doch konnte er sich angesichts des grausamen Schicksals seiner Gegner nie als Sieger fühlen.

Als der jüdische Boxer 1945 endlich aus der nicht enden wollenden Todesschleife fliehen konnte, versuchte er sein Glück als Boxer in den USA. Doch von 22 ausgetragenen Kämpfen konnte er dort nur 14 für sich entscheiden und gab schließlich auf.

Nie fand Haft das, was man sich unter einem normalen Leben vorstellen kann. Als Familienvater und Besitzer eines Obstladens verfolgten ihn die traumatischen Erlebnisse aus dem Konzentrationslager bis an sein Lebensende – sehr zum Leidwesen seiner Kinder. Sein Sohn Alan Scott Haft, dem sein Vater ganz zum Schluss seine Lebensgeschichte anvertraute, verarbeitete diese in der Biographie seines Vaters „Eines Tages werde ich alles erzählen: Die Überlebensgeschichte des jüdischen Boxers Hertzko Haft“. Dank ihm wurde die Geschichte des jüdischen Boxers Hertzko Haft bekannt.

Nun wagte sich Kleist mithilfe des überraschenden Comic-Genres mutig an dieses herausfordernde Thema heran und zeichnet mit großem Einfühlungsvermögen eine grafische Biographie, die Geschichtsschreibung, Lebens- aber auch Liebesgeschichte zugleich ist.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung veröffentlichte von März bis August letzten Jahres Kleists Fortsetzungscomic, der anschließend im Mai 2012 in überarbeiteter Fassung unter dem Titel „Der Boxer – Die wahre Geschichte des Hertzko Haft“ beim Carlsen Verlag erschien.

Die Lektüre lohnt sich. Der Comic ist zwar „definitiv keine leichte Bettlektüre“ wie Franziska Bechtholt vom Titel-Magazin treffend zusammenfasst, aber es ist die „spannend und mitreißend erzählte Geschichte eines vom Leben bestraften Mannes. Wer hier die eine oder andere Träne verdrückt, braucht sich sicher nicht zu schämen. Großartige Geschichte, starke Bilder, emotionale Szenen – Der Boxer ist es wert, gelesen zu werden.“

  Hier geht es zu Teil 1 und 2 des Comicstrips: Teil 1: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/cartoons/reinhard-kleist-der-boxer-11290923.html Teil 2: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/cartoons/fortsetzungscomic-der-boxer-teil-2-11290926.html

(jp)

  Quellen: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/fortsetzungscomic/fortsetzungscomic-der-boxer-von-reinhard-kleist-1596587.html http://titel-magazin.de/artikel/35/11094/interview-mit-reinhard-kleist.html http://einestages.spiegel.de/external/ShowTopicAlbumBackground/a4330/l3/l0/F.html#featuredEntry http://www.reinhard-kleist.de/?lang=de&section=2&subsection=25

Heute, am 27. Januar, dem 67. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau, wird in Deutschland und vielen anderen Ländern des Holocaust gedacht.

Um 9 Uhr heute Morgen hielt der 91-jährige  Marcel Reich-Ranicki die jährliche Gedenkrede im deutschen Bundestag, die live übertragen wurde. Als Überlebender des Warschauer Ghettos, dessen Eltern und Bruder von den Nazis ermordet wurden, gab der deutsche Literaturkritiker jüdischer Abstammung einen bewegenden Einblick in die nationalsozialistische Politik der „Umsiedlung“ der Juden: „Was die ‘Umsiedlung’ der Juden genannt wurde, war bloß eine Aussiedlung – die Aussiedlung aus Warschau. Sie hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck: den Tod.” Nach diesen schließenden Worten Reich-Ranickis herrschte unter den Abgeordneten betroffene Stille.

Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, betonte vor der Veranstaltung die Bedeutung des Gedenktages für die heutige Generation: Nicht die Opfer des Holocaust brauchten einen solchen Tag, sondern diejenigen, die dieses Leid nicht durchmachen mussten. Kramers Worte erscheinen besonders im Hinblick auf den aktuellen deutschen Antisemitismus-Bericht von höchster Relevanz: Demnach hat jeder fünfte Deutsche eine latent antisemitische Einstellung. Dies zeige sich im Alltag beispielsweise in den Parolen in Fußballstadien sowie auf Schulhöfen, wo das Schimpfwort „Jude“ keine Seltenheit sei, und vor allem auf antisemitischen Plattformen im Internet. Ein solcher Antisemitismus beruht laut dem Historiker Peter Longerich vor allem auf „tief verwurzelten Klischees und auf schlichtem Unwissen über Juden und das Judentum“. Eine Umfrage ergab weiterhin, dass jeder fünfte Deutsche unter 30 mit dem Begriff „Auschwitz“ nichts anzufangen weiß und jeder Dritte nicht sagen konnte, in welchem Land sich das ehemalige Konzentrationslager befindet. Erkenntnisse wie diese sowie die jüngste Neonazi-Mordserie zeigen, dass nie zuviel an die Vergangenheit erinnern werden kann und dass es Aufgabe jedes Einzelnen ist sicherzustellen, „dass dieses Gedenken nicht zu einem kalten Ritual verkümmert, sondern die Herzen der Menschen und der zukünftigen Generationen erreicht”, so Kramer.

In Israel selbst fand am Dienstag eine Sondersitzung der Knesset anlässlich des Gedenktages statt,  zu der jedoch ganz zum Ärger der eingeladenen Holocaust-Überlebenden nur vier Minister und 21 Abgeordnete gekommen waren. Dies nannte die 75-jährige Zeitzeugin Dvorah Weinstein gegenüber der Zeitung Yediot Aharonot eine „beispiellose Schande und Scham“: „Wenn uns die Knessetabgeordneten und Minister nicht respektieren, wer wird uns dann respektieren?“ Die mangelnde Anwesenheit der Parlamentsmitglieder kann damit zusammenhängen, dass Israel seinen eigenen Holocaust-Gedenktag hat und den internationalen nur durch entsprechende Sondersitzungen zusätzlich würdigt. Der „Jom haShoah“ bezieht sich auf den Warschauer Ghettoaufstand und wird dieses Jahr am 19. April stattfinden.

(jp)

  Quellen: http://www.tagesschau.de/inland/holocaustgedenktag118.html http://www.zeit.de/gesellschaft/2012-01/deutschland-antisemitismus-bericht und http://www.zeit.de/gesellschaft/2012-01/umfrage-auschwitz http://www.israelnetz.com/themen/innenpolitik/artikel-innenpolitik/datum/2012/01/25/kaum-abgeordnete-bei-schoahgedenken/