„Das volle Programm Israel“, ein Erfahrungsbericht von Bert Görzen

 

Im Sommer 2011 konnten wir es einem Studenten der Freien Theologischen Hochschule in Gießen ermöglichen für 6 Wochen an dem Sommeruniversitäts-Programm der internationalen Universität Ben-Gurion in Beer Sheva teilzunehmen. Bei einer Ausschreibung im vergangenen Frühjahr konnte sich Bert Görzen gegen weitere Mitbewerber schließlich in einer Auslosung durchsetzen (wir berichteten). Über seine gemachten Erfahrungen und Erlebnisse berichtet er in folgendem kurzen Bericht: 

Das volle Programm Israel

Sind knappe sechs Wochen genug Zeit, um ein Land  kennenzulernen, das flächenmäßig so groß ist wie Hessen? Ein deutsches Reisebüro, das Israelrundreisen anbietet, würde diese Frage wahrscheinlich mit „Ja“ beantworten. Man hätte genug Zeit, die allgemeinen Must-See-Sehenswürdigkeiten Israels mitzunehmen. Doch was ist, wenn man mit „Kennenlernen“ mehr meint, als ein „Ich-war-da-Erlebnis“? Ist es in sechs Wochen möglich, nicht nur geographisch-optische Eindrücke zu gewinnen, sondern auch den Israeli in seinen unterschiedlichsten Lebenszusammenhängen wahrzunehmen, eine Art Innenansicht des Landes zu bekommen? Nach meiner Teilnahme an dem diesjährigen Sommerprogramm der Ben-Gurion-Universität für deutschsprachige Studenten kann ich auch diese Frage bejahen: Ich habe das „volle Programm Israel“ erlebt!

Der Rahmen

Die Sommeruni in Beer Sheva vom 7.8.-15.9.11 hatte im Grunde vier Elemente: Schwerpunkt des Programms war der Ivrit-Sprachkurs, der jeden Werktag (nach unserer Tageszählung also von Sonntag bis Donnerstag) vormittags stattfand. An den gleichen Tagen hatten wir als Teilnehmer die Möglichkeit, nachmittags ein oder zwei akademisch ausgerichtete Vorlesungen zum Themengebiet Jüdische Studien oder Israelwissenschaften zu besuchen, die von israelischen und ausländischen DozentenInnen auf Deutsch oder Englisch gehalten wurden.

Bei Beer Sheva

Den Tag abgeschlossen haben wir gewöhnlich mit einem gemeinsamen Abendprogramm, zu dem z.B. Pubnights oder Filmabende gehörten. Das vierte Element des Programms waren am „Wochenende“ (Freitag, mit der Option, um einen Tag zu verlängern) Reisen zu charakteristischen Orten des Landes, wobei der südliche Bereich der Negevwüste eine besondere Aufmerksamkeit bekommen hat. An dem Programm teilgenommen haben mit mir noch ca. 50 andere Studenten aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz, meist Judaistik- oder Theologiestudenten, Jüdischstämmige, die eine „Back-to-the-Roots“-Erfahrung suchten, oder solche, die von Israel ganz allgemein fasziniert waren.

Israel im Konflikt

Wandertour im Negev

Das kleine Israel ist ein großer Konfliktherd – diese Erkenntnis gewann ich schon nach wenigen Tagen, eine Erkenntnis, die mein ganzen Aufenthalt prägen sollte. Isarels außenpolitische Probleme waren für mich vom ersten Tag offensichtlich: an bestimmten Orten wie z.B. an Busbahnhöfen sieht man, so schien es, mehr Menschen in Uniformen als in zivil. Das habe ich jedoch eher sachlich zur Kenntnis genommen, auch wenn an fast jeder Soldatenschulter eine automatische Waffe baumelte. Emotional verstanden habe ich Israel Kriegszustand dann in der zweiten Woche, als ich neben meinen angespannten Mitstudenten in einem „Shelter“ saß und gehört (und gespürt!) habe, wie Raketen aus dem Gazastreifen eingeschlagen sind oder vom israelischen Raketenabwehrsystem abgeschossen wurden. Dieses Erlebnis wurde uns ungefähr zehn Mal zuteil, meist spätabends oder nachts, einmal wurden wir vom Alarm auch um 5:30 geweckt. Für die Menschen in Beer Sheva ist das quasi eine alltägliche Erfahrung, mit der man sich mehr oder weniger arrangiert hat. Ist der Bombenangriff vorbei, geht das „normale“ Leben weiter. In unserer Gruppe haben die Raketen jedoch bei einigen zu großer Beunruhigung geführt, sodass wir nach intensivem Beschuss für drei Tage „evakuiert“ wurden. In dem kleinen Wüstenort Sde Boker, am Grab von Ben Gurion, konnten sich unsere Gemüter wieder beruhigen. Ich gehörte nicht zu denjenigen, denen die Raketen (natürlich nachvollziehbarerweise) sehr zu schaffen machten, so richtig mulmig zumute wurde mir erst nach dem Terroranschlag in Eilat mit mehreren Toten. Eine Woche davor bin ich mit zwei Mitstudenten mit dem Bus nach Eilat gereist, und zwar auf der Strecke, auf der der Bus gereist ist, der von Terristen beschossen wurde. „Es hätte auch mich treffen können“, habe ich gedacht, und sprach ein Stoßgebet: „Danke, Gott!“.

Baniaswasserfall am Hermon

Ich war auch Zeuge von den innenpolitischen Unruhen. In mehreren israelischen Großstädten fanden im August Demonstrationen gegen die Sozialpolitik im Land statt. Am Tag meiner Ankunft in Tel Aviv waren dort hundertausende Menschen auf den Straßen. Nicht nur diese Demonstrationen haben mir gezeigt, dass es immer mehr „linkspolitische“ Stimmen gegen die rechts ausgerichtete Regierung gibt, sondern auch Gespräche mit israelischen Studenten. Ich wünsche es dem Land, dass es Shalom erleben kann, nach innen und außen.

Ein Land mit vielen Gesichtern

Schwimmen im Toten Meer

Nach den sechs Wochen war ich überwältigt von der Facettenbreite des Landes. Es tat gut, nicht nur die „politische“ Seite Israels kennenzulernen, die uns die Medien (nicht immer sehr differenziert) präsentieren. Es ist faszinierend, wie einzelne Gesellschaftsgruppen zusammenleben, wie etwa jüdisch und arabisch-muslemisch, jüdisch orthodox und jüdisch säkular, sowie hebräischsprachige und russischsprachige Juden. Israel ist ein multikulturelles Mosaik, was sich für mich am deutlichsten in Jerusalem gezeigt hat: Die Altstadt ist unterteilt in ein arabisches, jüdisches, christliches und armenisches Viertel. Ein faszinierendes Zusammenleben, natürlich nicht ohne Spannungen. Neben den Kontrasten in der Bevölkerung hat Israel auch geographisch eine unvergleichliche Unterschiedlichkeit zu bieten: Im Süden Wüste und im Norden fruchtbares Grünland, am Toten Meer 400m unter Null und auf dem Berg Hermon in den Golanhöhen über 2800m über Null.  Außerdem glaube ich, dass ich kein Land kennenlernen werde, in dem ich wieder so viele verschiedene  „Badeerlebnisse“ haben kann: im idyllischen See Genezareth, im supersalzigen Toten Meer, im Mittelmeer, in einem Wasserloch in der Negevwüste, im Roten Meer und – im Pool meines Studentenwohnheims in Beer Sheva natürlich :). Hier könnte ich noch sehr viel über die verschiedenen Gesichter Israels schreiben, die ich durch meine Reisen, die akademischen Vorträge oder die Gespräche mit den Israelis kennengelernt habe, aber es soll noch etwas Platz sein für ein paar „spirituelle“ Erfahrungen.

Heilige Momente

In der Grabeskirche

Israel ist anders als zu biblischen Zeiten, heute ist es ein moderner Staat. Von dem heiligen Flavour ist meistens nichts zu spüren, zumal es unter den Juden in der Gesellschaft nur ca. 20% Orthodox-religiöse gibt und sich der größte Teil als säkular bezeichnet. Dennoch habe ich Israel trotz allem als das „Heilige Land“ erlebt. Das liegt unter anderem an meinen Erlebnissen in Jerusalem. Ich stand an einem Shabbatabend inmitten einer Menge orthodoxer Juden vor der Klagemauer und wurde anschließend von einem Rabbi zum Shabbatessen eingeladen – eine unvergessliche Erfahrung, die mir einen authentischen Eindruck heutiger jüdischer Frömmigkeit ermöglichte und mir gezeigt hat, welche heiligen Momente orthodoxe Juden jede Woche in ihrem Land erleben. Der vielleicht emotionalste heilige Moment fand für mich jedoch auf dem nicht sehr heilig anmutenden Rasen des Wohnheims statt, wo wir Studenten untergebracht waren: Dort saßen zehn Mitstudenten und ich, teilweise sehr beunruhigt nach etlichen Raketenangriffen auf Beer Sheva. Ein Mitstudent, der eigentlich nicht religiös war, machte den Vorschlag, dass ich als Theologe doch um Schutz beten kann in dieser angespannten Lage. Als ich dies tat, merkte ich, wie bei uns allen Ruhe einkehrte und sich Hoffnung breit machte. Israel war somit nicht nur für mich eine spirituelle Erfahrung, sondern auch für diejenigen, die nicht unbedingt danach suchten.

Fazit

Wer das volle Programm Israel erleben will, der sollte an der Sommeruniversität der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva teilnehmen. Das Programm bietet kompetenten Sprachunterricht, es ermöglicht, Vieles vom Land zu sehen, niveauvolle Vorträge zu relevanten Themen zu hören und eine einmalige Gruppenerfahrung mit verschiedenen deutschen Studenten zu machen. Was allerdings nicht garantiert inklusive ist, sind Raketenangriffe. Aber auf dieses Charakteristikum des Landes können die meisten wohl verzichten.

(Bert Görzen)