„Antisemitismus – keineswegs Schnee von gestern!“

 

„Antisemitismus – keineswegs Schnee von gestern!“

Bemerkungen zu einer Filmdokumentation, die (bisher) nicht gezeigt werden soll

Am Dienstag, den 13. Juni 2017, stellte BILD.de für genau einen Tag den Dokumentarfilm „Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa“ online. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht entschieden, ob der Film überhaupt von einem der öffentlich-rechtlichen Sender Arte oder dem WDR gezeigt werden würde, obwohl diese die Produktion selbst in Auftrag gegeben hatten. Während man zu diesem Zeitpunkt beim WDR noch diskutierte, lehnte Arte die Doku klar ab. Grund dafür sei die Abweichung von journalistischen Standards und vom mit den Machern Joachim Schroeder und Sophie Hafner verabredeten Sendekonzept.

Alle, die am Dienstag keine Zeit hatten, können sich im Folgenden einen Eindruck verschaffen: Worüber wird gestritten, worüber wird berichtet? Claas Weinmann, BILD-Reporter, fasst die Antwort in einem Vorwort zusammen: über „Unsäglichkeiten“, über Belege für „ein antisemitisches Weltbild in weiten Teilen der Gesellschaft“.

Für 90 Minuten Filmlänge waren die Macher fast eineinhalb Jahre lang dort unterwegs, wo sich Antisemitismus leicht vermuten lässt, vor allem in Deutschland, Gaza und Frankreich. Schon zu Beginn der Doku macht der Kommentator klar, dass die eigene Meinungsbildung gefragt ist. Außerdem wird es provokant zugehen: „Sind die Juden schuld am Untergang der Titanic?!“ Am Ende des Films sollte der Zuschauer selbst in der Lage sein, reflektierte Antworten auf derlei Fragen zu geben.

Juni 2016, im europäischen Parlament in Brüssel. Der Präsident von Palästina, Mahmoud Abbas, kündigt ein Ende von Extremismus, Terrorismus und Gewalt auf der gesamten Welt an, wenn die Palästinenser zu ihrem Recht kommen. Als Abschluss seiner Rede formuliert er, wie nebenbei, dass kürzlich einige Rabbiner die Regierung in Jerusalem aufgefordert hätten, Wasser in seinem Land zu vergiften. Mit Tötungsabsicht. „Tolle Rede!“, meint darauf der derzeitige deutsche Kanzlerkandidat Martin Schulz bei Twitter. „Ritualmordlegende“, nennt es der Kommentator. Zwar hat Abbas seine Behauptung später als unbegründet zurückgenommen. Doch „sie bleibt in den Köpfen von Millionen Menschen“. Antisemitismus sitzt fest im kollektiven Gedächtnis, als Teil unserer Kultur, so die Filmemacher.

Was an dieser These dran ist, zeigen die Reporter dann anhand einiger Beispiele aus Deutschland. Ob auf dem Stuttgarter Kirchentag oder mitten in Berlin, ob politisch links oder rechts, überall finden sich engagierte Menschen, die sich zur Lage im Nahen Osten oder im eigenen Land äußern. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie Schlechtes zu berichten haben, nicht über Juden, sondern über Israel. Prof. Monika Schwarz-Friesel, Kognitionswissenschaftlerin, sieht hier ein nicht unerhebliches Problem: Niemand würde sich heute in unserem Land trauen, öffentlich gegen Juden zu polemisieren. Stattdessen wird der Terminus „Jude“ durch andere Begriffe ersetzt, zum Beispiel durch „Zionisten“ oder „die Israellobby“. Sind wir also auf dem Weg zu einem salonfähigen Antisemitismus? Die Hinweise in der Dokumentation verdeutlichen, dass das nicht ganz abwegig zu sein scheint.

Um das Phänomen besser einordnen zu können, wird ein geschichtlicher Abriss von der Entstehung der zionistischen Bewegung im ausgehenden 19. Jahrhundert über die britische Mandatszeit bis hin zur Gründung des israelitischen Staates gezeigt. Dass dabei eine ungewisse Zahl Araber vertrieben wurde, wird nicht geleugnet. Die, die blieben, sind heute israelische Staatsbürger.

Ein abrupter Sprung zurück in die Gegenwart: Der Film informiert nun über Non-Governmental Organizations (NGOs). Darunter sind Interessenverbände zu verstehen, die auf zivilgesellschaftlicher Basis agieren. „Brot für die Welt“ wird als Beispiel genannt. Dieser evangelische Entwicklungsdienst soll jüngst insgesamt 800.000 Euro an eine politische NGO überwiesen haben, die Israel „Apartheid und Nazi-Methoden“ vorwirft. Der Israel-Boykott, bei dem aufgefordert wird, keine israelischen Produkte mehr zu kaufen, soll ebenfalls von teils kirchlichen NGOs finanziell unterstützt werden. Die Belege dafür stammen aus den im Rahmen der Recherchen zugänglichen Quellen.

„Was passiert noch mit unseren Steuer- und Spendengeldern?“ – das mag sich so mancher Zuschauer gefragt haben. Die Antwort darauf wollen die Filmemacher in Gaza finden. Über die Hälfte aller dortigen Einwohner lebt im Flüchtlingsstatus – als „Faustpfand“ für ausländische Finanzhilfen, so der Kommentator. Denn seit 2005 ist hier die Hamas an der Macht. Sie wurde Ende der 80er Jahre von der Muslimbruderschaft gegründet. Eine Widerstandsbewegung, die die eigene Bevölkerung unterdrückt. Es finden sich Bewohner, die das Ende des Hamas-Regimes und eine Verbesserung ihrer eigenen sozialen und wirtschaftlichen Lage nur sehen, wenn alle Gelder von außen gestrichen würden – es handelt sich um Milliarden von Euro – denn dann würde das von der Hamas bewusst aufrechterhaltene Elend deutlich in Erscheinung treten. Die EU ist derzeit der größte Geldgeber. Und dennoch gibt es in Gaza nicht einmal genügend Klassenzimmer.

„Free Palestine!“, rufen Demonstranten in Deutschland und Frankreich. Auch in der Musikszene werden anti-israelische Töne laut. Zum Beweis füllen Ausschnitte aus aggressiv politisierter Rapmusik ganze zwei Minuten. Für Hafner und Schroeder ist klar, dass das Verherrlichung von Hass sei und zugleich die Umkehr von Täter und Opfer. Palästinensischer Terror wirkt wie Teil einer Widerstandsbewegung, die Schuld daran wird Israel zugeschoben. Dabei lassen sich in namhaften israelischen Krankenhäusern ausgerechnet Familienangehörige von Hamas-Größen behandeln.

Wieder in Europa, Frankreich. Die Anzahl der Attentate, gezielt gegen Juden, hat zugenommen.  Warum ist solche Gewalt etwas anderes als vor knapp 70 Jahren, beispielsweise in der Reichspogromnacht? Georges Bensoussan, Historiker, sagt, dass man Schwierigkeiten habe zu verstehen, „dass die Geschichte sich nicht wiederholt, dass sie das niemals tut.“ Deswegen trete Antisemitismus immer in anderen Formen auf. Immer mehr Juden verlassen das Land, auf der Suche nach Sicherheit und Frieden. Gehört doch die Freiheit, auch die der Religionszugehörigkeit, mit zu den Idealen der französischen Revolution und ihrer heutigen Republik. Und doch scheint gerade die Religionsfreiheit für Juden in Frankreich höchst fragil geworden zu sein.

Natürlich hat die Doku auch Mängel: Die teilweise ironischen Bemerkungen passen nicht recht zu dem ernsten Thema. Weiterhin sind die anfänglichen Aussagen, die die christliche Kultur als Mutter des Judenhasses präsentieren, fragwürdig und wenig hilfreich für den Dialog der beiden Religionen. Dass der Verräter Jesu ausgerechnet Judas hieß, „um die Juden für alle Zeit zu stigmatisieren“, ist theologisch einfach nicht richtig.

Im Gesamturteil ist die Produktion sicher nicht neutral, auch nicht objektiv. Denn: „Wie kann man einen Film über europäischen Antisemitismus machen, der nicht vom Verstand, von der Haltung und vom Herzen her projüdisch ist?“, so kommentiert Joachim Schroeder seinen eigenen Film. Er zeigt ein breites Spektrum an Informationen, die man woanders in dieser Zusammenstellung vergeblich suchen wird. Die Macher lassen Experten zu Wort kommen und scheuen sich nicht, „heiße Eisen“ anzupacken. So erschreckend manche Darstellungen sind, so wichtig ist es, sie der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Die Piratenausstrahlung dieser Antisemitismus-Dokumentation durch BILD.de hat weithin zu erstaunten Reaktionen geführt. Viele zeigten sich dankbar und hoch erfreut über den Mut der BILD. Doch ungefähr 24 Stunden später kamen schriftliche Reaktionen aus der Medienwelt dazu, die teilweise heftige verbale Gegenaktionen initiierten. Der Film sei „propagandistisch und manipulativ“ (ZEIT Online – ähnlich der Onlinedienst SPON oder die ARD, namentlich Anja Reschke). Das Gegenteil von dem, was der Film beschreibe, sei die Wahrheit. Solche Kommentare entsprechen allerdings genau dem unterschwellig vorhandenen Anti-Israelismus, den die Dokumentation kritisch aufzeigt. Sie lassen jeden objektiven Betrachter und Kenner des Konflikts irritiert zurück.

Mittlerweile wurde entschieden, die Dokumentation am kommenden Mittwoch, den 21. Juni 2017, um 22:15 im Ersten auszustrahlen. Anschließend soll es eine Diskussion geben. Siehe dazu: http://www.achgut.com/artikel/der_wdr_stellt_sein_versagen_zur_diskussion (aufgerufen am 17.06.2017).

Weitere Informationen, die kritisch gelesen werden müssen, findet man z.B. unter http://www.mena-watch.com/mena-analysen-beitraege/wdrarte-doku-die-endgueltige-kapitulation-vor-dem-antisemitismus/ (aufgerufen am 16.06.2017). Oder unter: http://www.spiegel.de/kultur/tv/umstrittene-antisemitismus-dokumentation-von-arte-und-wdr-mit-elan-ins-minenfeld-a-1152010.html, (aufgerufen am 14.06.2017), http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/zum-streit-um-die-doku-auserwaehlt-und-ausgegrenzt-der-hass-auf-juden-in-europa-15052712.html (aufgerufen am 14.06.2017) oder unter http://www.zeit.de/kultur/film/2017-06/antisemitismus-doku-joachim-schroeder-arte-wdr-vorwurf (aufgerufen am 15.06.2017).

(ae)