‚Mission im Alten Testament‘?! Vorüberlegungen zu einem kontroversen Thema

 

Soll laut dem Alten Testament der Glaube an den Gott Israels unter heidnischen Völkern verbreitet werden?! Oder um es neutestamentlich auszudrücken: „Gab es so etwas wie „Mission“ im Alten Testament?“ Diese Fragen sind kontrovers diskutierte Fragen, und die Antworten reichen von einem begeisterten „Ja!“ bis zu einem entschiedenen „Nein!“. Das sachliche Problem der unterschiedlichen Antworten scheint dabei im zugrunde gelegten Missionsbegriff zu liegen. Um die Frage nach der Mission im AT angemessen zu beantworten sollte man sich daher von einem festen Missionsbegriff lösen und eine eher deskriptive Herangehensweise wählen, um dem Alten Testament in seiner Vielfalt gerecht zu werden.

Wenn der geübte Bibelleser an Grundtexte für das Thema „Mission“ denkt, landet er intuitiv meist im Neuen Testament. Der Missionsbefehl in Mt. 28, 18-20, die Missionsreisen des Paulus oder Apg. 1,8 und die hier ausgesprochene große Verheißung Jesu: „Ihr werdet Zeugen für mich sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samaria und bis ans Ende der Erde“. Das Neue Testament ist also voll von „Mission“, also der Aufforderung, den Glauben an Gott bzw. an den Christus Gottes und seines Evangeliums an andere Menschen aller Volksgruppen weiterzugeben. Doch wie ist das im Alten Testament? Findet sich auch dort so etwas wie „Mission“, also die Verpflichtung der Weitergabe des Gottesglaubens an andere Völker außerhalb Israels?

Diese Frage ist für den Bibelleser schon etwas schwerer zu beantworten. Denn selbst wenn man Jona häufig als so etwas, wie einen klassischen Missionar im AT ansieht: Die Flucht vor dem Auftrag, die schroffe Gerichtspredigt in Ninive und Jonas Enttäuschung über die „Bekehrung“ der Niniviten sprechen nicht gerade für das missionarische Herz Jonas, wie es sich etwa bei dem Apostel Paulus findet. Und auch sonst scheint der Fokus im Alten Testament eher auf der Partikulargeschichte des Volkes Israels zu liegen anstatt auf einer universalen Rettungsgeschichte der ganzen Welt.

Schaut man nach dieser Erstbeobachtung einmal in die bibelwissenschaftliche- und missionswissenschaftliche Forschung, merkt man, wie so oft, dass sich zur Frage nach der „Mission im AT“ eine sehr differenzierte Diskussionslage gebildet hat, die ein weites Spektrum von „Es gibt keine Mission im AT“ bis hin zu „Das AT ist voll von Mission“ abdeckt.

Dieser Artikel soll diese Diskussionslage im Folgenden kurz darstellen, kritisch reflektieren und uns methodologische Forderungen an die Hand geben, um sachgerecht von dem zu reden, was „Mission im AT“ genannt werden kann. Somit legt dieser Artikel die methodischen Grundlagen für einige weitere bald folgende Artikel, die das Thema „Mission im AT“ konkret beleuchten wollen.

Der Begriff „Mission“ (von lat. Missio, „das Absenden, die Freilassung“) hat sich als christlicher terminus technicus erst im 16. Jahrhundert etabliert. Er ist dabei stark von dem aus dem Neuen Testament herausgelesenen Missionsgedanken beeinflusst worden. Damit impliziert der Missionsbegriff meist eine aktive und zentrifugale Sendung von Boten mit einer entsprechenden Botschaft. Bei der Anwendung eines solchen Missionsbegriffes auf das, was an Texten im AT vorliegt, liegt dann für viele Forscher die Schlussfolgerung nahe, dass es keine „solche“ Mission im Alten Testament gebe.

Andere Forscher wiederum gaben sich mit diesem Ergebnis nicht zufrieden und insistierten auf der gegenläufigen Behauptung, dass es sehr wohl „Mission“ im AT gebe. Der Grund dieser radikal anderen Sichtweise ist schlicht in der Erweiterung des Missionsbegriffes zu finden. Denn wenn der Missions-Begriff erweitert wird, bleibt mehr Spielraum für eine Integration des Alten Testaments. In diesem Forschungsstrang wurde der Missionsbegriff jedoch teilweise so stark ausgedehnt, dass er mit einer heilsgeschichtlichen Schau der Geschichte Israels zusammenfiel. Mission sei demnach auf jeder Seite der Bibel zu finden, da sie mit der großen Narrative der Bibel zusammenfalle. Diese Narrative sei die des die Menschen rettenden Gottes: Sie beginne bei Adam und dem Fall und erstrecke sich dann über Abraham und Israel bis hin zu Jesus Christus und dem Neuen Testament.

Diese Betrachtung von sich diametral entgegenstehenden Positionen zur „Mission im AT“ verdeutlicht folgendes: Die Antwort auf die Frage, ob man Mission im AT findet oder nicht, entscheidet sich an der Grundentscheidung, wie man die Definition des Wortes „Mission“ wählt. Denn den Missionsbegriff kann man entsprechend begründet enger oder weiter fassen. Der Textbestand des Alten Testaments dagegen bleibt jedoch stets die Gleiche.

An dieser Stelle scheint nun der entscheidende Grund für die äußerst heterogenen Forschungspositionen zur Frage nach der Mission im AT aufzuleuchten. Denn die beherrschende Denkfigur in den Publikationen zum Thema „Mission im AT“ ist die, dass ein neu definiertes Paradigma der Mission an das Alte Testament herangetragen wird. Es wird also ein jeweiliges Missionskonzept der AT-Textwirklichkeit gegenüber gestellt. Kurz: Das Missionskonzept wird dabei zum Maßstab. Diese normative Nuance ist eigentlich schon durch die Formulierung der Frage: „Gibt es eigentlich Mission im Alten Testament?“ impliziert. Von dieser Grundschwierigkeit eines jeden Forschungsansatzes im Blick auf die Frage nach der „Mission im AT“, ergibt sich ein erhellendes Muster für die systematische Darstellung der Forschungsantworten auf die vorliegende Frage. (siehe Bild: entnommen aus Riecker, Mission, 133f).

Riecker, Mission, 133f.

Riecker, Mission, 133f.

So wird einem zentrifugalen oder aktiven Missionsverständnis eine zentripetale oder passive alttestamentliche Realität entgegengestellt. Mit dieser Darstellung korreliert die Behauptung, Israel sei im Alten Testament noch nicht „Missionar“, sondern nur „Zeuge“. Vielmehr sei im AT also Gott der „Missionar“ und das Volk Israel sei vorwiegend „passiv“. Oder Mission wird mit der „Missionspraxis“ gleichgesetzt. Dem gegenüber ergibt sich dann im AT eher das Bild des reinen Missionsgedankens, der eventuell auch nur eschatologisch gefasst ist.

Dieses Gegenüber von Missionsbegriff und alttestamentlicher Realität ist jedoch defizitär, da es nur versucht, eine heutige Frage zu beantworten, die sich aus von uns definierten Kategorien speist. Die zugrunde liegende Frage dieser Vorgehensweise ist also: Findet sich das, was wir als Mission definieren, im Alten Testament wieder? Diese Vorgehensweise ist letztlich zu hinterfragen, denn sie trägt Kategorien an das Alte Testament heran, die nicht aus ihm selbst entspringen.

Stattdessen sollte unserer Suche nach ‚Mission im AT‘ kein normativer Begriff von Mission zugrunde gelegt werden. Es sollte vielmehr deskriptiv die Frage nach dem Verhältnis von Israel und den Völkern gestellt werden. Des Weiteren sollte vorsichtig und ohne aufgezwungene moderne Kategorien nach einem positiven Auftrag Gottes an Israel gefragt werden. In diesem eher beschreibenden Prozess fällt dann auf: Die Frage nach „Mission im AT“ tangiert Grundfragen des Alten Testaments, wie z.B.: „Was ist eigentlich der Sinn des Bundes zwischen JHWH und Israel?“ „Wie ist die partikulare Geschichte Israels mit dem universal-heilsgeschichtlichen Aufriss des AT in Verbindung zu bringen?“

Es geht in diesem eher beschreibenden, nachzeichnenden Ansatz also darum, das Alte Testament so zu lesen, wie es sich selbst verstanden wissen will. Das heißt auch, dass vorwiegend mit alttestamentlichen Kategorien gearbeitet werden muss, um deskriptiv (also beschreibend) und positiv das Verhältnis von Israel und den Völkern, von Gott und Israel und letztlich auch von der Partikulargeschichte und der Universalgeschichte zu charakterisieren. Zugegeben: Ein solcher Ansatz beantwortet eben gerade nicht die Frage „Gibt es Mission (so wie wir sie für uns definiert haben) eigentlich auch im Alten Testament?“. Doch eine erwartete einfache Antwort auf diese Frage ist aufgrund der oben dargestellten offensichtlichen Ausweglosigkeit zu vernachlässigen, da sie keine reflektierte Tiefenschärfe in Bezug auf das zugrunde liegende Problem ermöglicht. Vielmehr ist durch einen die Inhalte der AT-Texte nachzeichnenden Ansatz nach einer größeren problemorientierten Differenzierung zu suchen, die die dahinter stehenden Fragen nach dem Bund und dem Verhältnis von Partikulargeschichte und Universalgeschichte aufdeckt und thematisiert.

(tf)

Quellen:
  • Riecker, Siegbert, Mission im Alten Testament? – Ein Forschungsüberblick mit Auswertung, Frankfurt am Main, 2008
Bilder: Titelbild: privat@mr; Riecker, Mission, 133f.