Der Zionismus – ein umkämpftes Phänomen

 

Der Zionismus ist eine vielschichtige (religiös-)politische Bewegung unter Juden, die heute so umstritten ist wie kaum eine andere Bewegung auf der Welt. Die UNO-Vollversammlung verurteilte 1975 den Zionismus als rassistisch, nahm diese Entscheidung aber 1991 wieder zurück. Heute verstehen sich Millionen von Menschen weltweit als Zionisten, weitere Millionen als Anti-Zionisten. Doch was versteht man eigentlich unter „Zionismus“?

Ursprünglich war „Zion“ der Name einer Turmburg im jebusitischen Stadtstaat Jerusalem, der von Israels König David eingenommen wurde (2. Samuel 5,7). David machte Jerusalem zu seiner Residenz, Zion wurde zur „Davidsstadt“, und Davids Sohn Salomo baute dort – auf dem Berg Zion – den jüdischen Tempel. Seitdem war „Zion“ auch die Bezeichnung für den Wohnort Gottes: „Der Herr wohnt in Zion“ (Joel 4,21 u.a.). Zion wird in der jüdischen Bibel Gottes „heiliger Berg“ genannt, die „Tochter Zion“ steht für alle Bewohner Jerusalems und manchmal für alle Israeliten. Auch endzeitliche Hoffnungen des Judentums verknüpfen sich mit diesem Namen: Die Anerkennung des alleinigen Gottes durch alle Völker im endzeitlichen Friedensreich wird von Zion aus erfolgen (vgl. z.B. Jesaja 2,3 u.a.). Diese „Zionstheologie“ durchzieht die prophetischen Bücher des Alten Testaments wie auch die endzeitlichen Abschnitte im Neuen Testament.

„Zion“ ist also im Alten Testament und anderen jüdischen Schriften ein Synonym für den Tempel, die Stadt Jerusalem und das ganze Land Israel. Der Name bekam sowohl religiöse („der Ort, an dem Gott wohnt“) als auch nationale („das Land unserer Väter“) Bedeutung. Im Babylonischen Exil ab 586 v. Chr. erwachte die Sehnsucht nach der Rückkehr ins Verheißene Land, was z.B. in Psalm 137,1 zum Ausdruck kommt: „An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten“. Diese Bindung an das Land ihrer Väter verloren die Juden nie, auch nicht nach Jahrhunderten in der Diaspora; sie war Teil des jüdischen Glaubens. Seit der Spätantike beten Diasporajuden jeden Tag im „Achtzehnbittengebet“ für Jerusalem. Der moderne Zionismus knüpft an diese uralte Sehnsucht nach dem Ort ihrer Gotteshoffnung, nach Zion, an.

Allerdings: Den Zionismus gibt es nicht. Der moderne Zionismus ist eine breite Strömung im Judentum, in der sich politische und religiöse Motive oft mischen, manchmal einander gegenüberstehen. Jüdische Gruppen streiten sich überall auf der Welt um die richtige Definition des Zionismus.

Der religiös motivierte Zionismus bezieht sich auf die biblischen Verheißungen über Zion und Israel und sieht Politik lediglich als ein Mittel an, um das endzeitliche Friedensreich zu schaffen. Manche religiöse Gruppen lehnen den politischen Zionismus vollständig ab (z.B. Teile des ultraorthodoxen Judentums); man solle demütig auf die Ankunft des Messias warten, statt zu versuchen, das Friedensreich mit politischen Mitteln selbst aufzurichten.

Der politisch motivierte Zionismus dagegen kann auch religiöse Elemente beinhalten; es gibt aber auch zionistische Gruppen, die völlig unreligiös sind (z.B. Teile des „sozialistischen Zionismus“). Der politische Zionismus kennt zwar auch die biblischen Zionsverheißungen, stützt sich aber mehr auf das politische Programm Theodor Herzls. Im Folgenden soll es hauptsächlich um diese Hauptströmung des Zionismus gehen.

Zionistische Ideen gibt es schon seit der Antike – auch politisch-zionistische. Viele bereits existierende zionistische Strömungen im Judentum verstärkten sich im späten 19. Jahrhundert, als in Europa der organisierte Antisemitismus immer wieder zu blutigen Pogromen führte. Ab 1880 entstand in Osteuropa die Chibbat Zion-Bewegung, in der sich Juden sammelten, die gemeinsam nach Zion auswandern wollten. 1882 siedelten sich die ersten Mitglieder der Bewegung auf dem Gebiet des antiken Staates Israel an. Im gleichen Jahr schrieb der jüdische Arzt Leo Pinsker seine Programmschrift „Autoemanzipation“, in dem er anregte, es müsse einen Sammlungsort geben, an dem ein jüdisches Gemeinwesen möglich sei.

Dieses Programm erreichte 1886 weltweite Aufmerksamkeit, als der Journalist Theodor Herzl sein Buch „Der Judenstaat – Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage“ schrieb. Das Buch wurde zur Programmschrift der politischen Zionisten-Bewegung, deren Ziel es zunächst war, den Juden den Status eines eigenständigen Volkes zu verleihen. Völkerrechtlich sollte das durch eine anerkannte Heimatstätte der Juden – möglichst auf dem Gebiet des alten Staates Israel, obwohl Herzl auch Gegenden in Afrika und Südamerika ins Auge fasste – geschehen. Zu dieser Zeit strebten viele Völker nach nationaler Selbständigkeit und viele Gruppen nach sozialer Gerechtigkeit. Dieser Zionismus war darum zunächst nichts Besonderes, zumal er sich in dieser Phase primär politisch (und nicht religiös) verstand.

Das Problem des geplanten „Judenstaates“ bestand darin, dass Palästina von arabischstämmigen Gruppen bevölkert war, die teilweise dort ansässig waren, teils als Nomaden die Region durchzogen. Diese Stämme gehörten zum Osmanischen (Türkischen) Reich und werden heute „Palästinenser“ genannt. Das Land war jedoch so dünn besiedelt, dass große Gebiete brach lagen. Die (seit 1882 zugezogenen) jüdischen Siedler bewohnten größtenteils diese Gebiete; sie hatten nicht vor, ihre arabischen Nachbarn zu verdrängen, sondern hofften auf ein friedliches Zusammenleben. Allerdings wuchs die gegenseitige Antipathie im Laufe der Zeit, als immer mehr Juden sich im Kernland des biblischen Israels ansiedelten. Unter den (heute so genannten) „Palästinensern“ erwachte eine Art Nationalbewusstsein; sie lernten sich mehr und mehr als eigene Nation und als rechtmäßige Besitzer des ganzen Landes zu sehen.

1917 zerbrach das Osmanische Reich und Großbritannien übernahm das Protektorat über die Region. Im November 1947 beschlossen die Vereinten Nationen, das Land in ein arabisches und ein jüdisches Gebiet zu teilen. Im jüdischen Gebiet wurde ein halbes Jahr später der Staat Israel ausgerufen und von der Mehrzahl der damaligen UN- Mitgliedsstaaten völkerrechtlich anerkannt. Das Ziel der politisch orientierten zionistischen Bewegung schien erreicht.

Allerdings lehnten die arabischen Nachbar- staaten Israels die völkerrechtliche Anerkennung strikt ab und beharrten darauf, dass das ganze Land den Palästinensern zustehe. Die Feindschaft verstärkte sich zusehends; auch auf israelischer Seite ließ die Bereitschaft zum friedlichen Zusammenleben immer mehr nach. Kriege und gegenseitiger Hass sind seitdem die Folge.

Diese Eskalation veränderte das Wesen des Zionismus nachhaltig. Juden in aller Welt solidarisierten sich mit Israel und unterstützten die Politik des Staates in allen Belangen. Der weitaus größte Teil der Judenheit wurde so „zionistisch“ im Sinne von: politisch israelfreundlich.

Der Zionismus geriet nun aber immer mehr in Kritik. Die Palästinenser fühlten sich von Israel diskriminiert und „kolonialisiert“. Die arabischen Staaten, unterstützt vom sozialistischen Ostblock, drängten darauf, den Zionismus international zu verurteilen. 1975 erreichten sie, dass die UNO-Vollversammlung ihn offiziell als „eine Form des Rassismus“ ablehnte, was allerdings 1991 – wie oben bereits erwähnt – wieder zurückgenommen wurde.

Heutzutage sammeln sich viele Gruppierungen überall auf der Welt unter dem Stichwort „Anti-Zionismus“. Der Anti- Zionismus richtet sich gegen die Politik des Staates Israel, die den Palästinensern gegenüber als unterdrückerisch empfunden wird. Allerdings muss man sagen, dass nicht selten der Anti-Zionismus nur eine Tarnung für Antisemitismus und Judenhass ist; nicht nur die Politik Israels, sondern auch die Juden allgemein geraten hierbei ins Kreuzfeuer der Kritik.

Der politische Zionismus, wie er heute unter Juden verstanden wird, setzt sich dafür ein, den Staat Israel zu fördern und die weltweite Einheit der Juden als eigenständiges Volk zu stärken (nach dem Jerusalem Program). Obwohl oft zugleich religiös konnotiert, ist diese Art des Zionismus doch hauptsächlich politisch. Wenn auch hier und da sachlich berechtigte Kritik am Zionismus geübt werden kann, schwächt die pauschale Verunglimpfung nur diejenigen Kräfte, die sich auf arabisch-palästinensischer wie auf israelischer Seite für Ausgleich, Gerechtigkeit und Dialog einsetzen; eine Verwerfung des Zionismus dient nicht dem Frieden, sondern schürt neuen Hass.

(sg)

Quellen:

Baumann, Arnulf H. (Herausgeber): Was jeder vom Judentum wissen muß, Gütersloh 1983 (s. insbesondere S. 43-47)

Calwer Verlag (Herausgeber): Große Konkordanz zur Lutherbibel, Stuttgart 2001, Stichwort „Zion“ (S. 1679)

https://de.wikipedia.org/wiki/Zionismus

https://de.wikipedia.org/wiki/Zion