Jüdische Symbolik auf dem Friedhof

 

Israelitische bzw. jüdische Begräbnisstätten befinden sich meistens außerhalb einer Ortschaft. Mindestens 50 Ellen (ca. 25 Meter) von der Bebauungsgrenze entfernt darf sie angelegt sein, oftmals in schlechtester Lage und mit schlechtester Bodenbeschaffenheit. Der Auffassung des jüdischen Glaubens nach wird er als Ort der Ruhe bezeichnet. Die Toten schlafen dem ‚Jüngsten Tag‘ entgegen. Gängige Bezeichnungen für die Begräbnisstätte sind: Beth HaChaim (Haus des Lebens), Beth Olam (Ewiges Haus), Beth Kwarot (Haus der Gräber) und Beth Tow (Gutes Haus).

Gemeinschaftsgräber kennt man im Judentum nicht; jeder Tote erhält sein Grab mit eigenem Grabstein. Der Grabstein steht stets nach Osten, in Richtung Jerusalem, der aufgehenden Sonne entgegen. Die Grabsteine wurden früher lediglich hebräisch beschriftet. Aufgrund des christlichen Einflusses änderte sich das jedoch. Heute findet man häufig zwei Sprachen auf Grabsteinen, entweder werden die Sprachen durch die Vorder- und Rückseite der Steine getrennt, oder aber der hebräische Text befindet sich in der Mitte und am Rand der in lateinischer Schrift.

Nachdem eine jüdische Person gestorben ist, wird sie mit Wasser gereinigt und anschließend in ein weißes Gewand gehüllt. Weiße Schuhe und eine weiße Kopfbedeckung gehören zur Bekleidung. Es werden einfache Särge verwendet indem der Leichnam auf ein Tallit (Gebetsmantel) gelegt wird. Auch bekommen die Toten Scherben auf die Augen gelegt, als Vorbereitung dafür, dass das Licht des jüngsten Tages ertragen werden kann.

Nachdem mindestens zehn Männer das Totengebet am Grab gesprochen haben, kann der Vorsteher der jüdischen Gemeinde den Segen am Grab vornehmen. Danach muss jeder dieser Männer mindestens eine Schaufel Erde ins Grab werfen. Dadurch wird demonstriert, dass sie am Zuschaufeln des Grabes beteiligt waren.

Der Besuch eines Friedhofs ist am Sabbat verboten. Nach jedem Besuch wäscht man sich die Hände. Männer dürfen diesen Ort nur mit Kopfbedeckung betreten. Die Gräber bedürfen keiner intensiven Pflege. Blumenschmuck findet im Judentum keine Beachtung. Beim Friedhofsbesuch wird ein kleiner Stein als Gedenken auf dem Grab hinterlassen. Jüdische Gräber sollen nach jüdischer Auffassung bis zum ‚Jüngsten Gericht‘ bestehen bleiben; deshalb stellt der Platzmangel nicht selten ein Problem dar. In der Praxis werden entweder Friedhöfe nach einer gewissen Zeit aufgeschüttet und neue Gräber errichtet, oder wie auf dem Prager Friedhof, die Verstorbenen werden etagenweise beerdigt. Dazu muss eine festgesetzte Dicke an Erdschicht zwischen den Leichnamen vorhanden sein, diese beträgt 6 Tefachim = 60 cm.[1]

   

Folgende Innschriften sind auf fast jedem Grabstein zu finden:

Abkürzungen & Schriftzug:

Bedeutung & Hinweis:

po nitman / nitmena

Hier ist / liegt begraben

po tamun /temuna

Hier ist geborgen

Tehi nafscho / nafschma zrura bizror ha-chajim

Möge seine / ihre Seele eingebunden sein in das Bündel des Lebens.

Abstammungssymbole:

Segnende Priesterhände: Sie gehören zu den häufigsten Symbolen und stehen für die Abstammung von den Geschlechtern der Kohanim und der Leviten. Die segnenden Hände sind auf das aaronitische Priestergeschlecht aus Num 6,22-26 zurückzuführen. Bei diesem Segen, der bis heute noch in der Synagoge üblich ist, berühren sich Ring- und Mittelfinger nicht. Auf dieses Symbol trifft man bei Angehörigen des Priestergeschlechts. Die Zugehörigkeit des Priesterstammes wird patrilinear vererbt, deshalb ist dieses Symbol bei Frauen eher seltener anzutreffen.

Levitenkanne: Weist auf eine levitische Abstammung hin. Dieser Stamm war im Tempel für die kultische Reinheit zuständig; sie wuschen den Priestern vor dem Opfern die Hände. Dafür steht das Symbol der Kanne. Diese Kanne ist in verschiedensten Variationen auf den Grabsteinen anzutreffen.

 

Amtssymbole:

Beschneidungsmesser: Das Messer weist auf ein Mohel, einen Beschneider, hin. Häufig ist das Messer in Verbindung mit den zwei bei der Beschneidung benötigten Kelchen vorzufinden.

Schofar: Weist auf das Ehrenamt des Schofarbläsers (Widderhornbläsers) hin. Am Neujahrstag und Versöhnungstag wird dieses geblasen, um die Sünder zur Umkehr zu mahnen. Manchmal steht es auf Grabsteinen auch sinnbildlich für die Auferstehung. Der Messias wird am Ende der Tage in das ‚Große Schofar‘ blasen, um die Verstorbenen zu erwecken.

Buch: Ein häufig anzutreffendes aufgeschlagenes Buch, steht für die Gelehrsamkeit und die religiöse Bildung. Es steht meist für einen Vorbeter oder Rabbiner. Als Gebetsbuch kann es auch für besondere Frömmigkeit stehen. Es gibt Grabmale, die als ganze Form ein aufgeschlagenes Buch darstellen.

Eine Feder führende Hand: Steht für den Sofer, den Schreiber der Torarolle und anderer religiöser Texte. Häufig ist als Ergänzung zur Feder noch ein Buch, oder eine Schriftrolle vorzufinden.

Namenssymbolik:

Tierdarstellungen stehen häufig mit dem Namen des Verstorbenen in Zusammenhang, nicht selten als Parallele zum Jakobssegen in Gen 49,3-27.

Löwe: Steht für den Stamm Jehuda aus Gen 49,9.

Hirsch: Der Stamm Naftali wird in Gen 49,21 mit einem springenden Hirsch verglichen.

Bär: Der Name Jissachar steht meist anstelle eines Esels für einen Bären. Es symbolisiert Stärke.

Lamm: Der im Mittelalter beliebte Männername ‚Lemle‘ (‚Lemblin‘, ‚Lämmlein‘) führt auf den altdeutschen Namen ‚Lambert(us)‘ zurück. Aufgrund seines Klanges wird der Name mit einem Lamm assoziiert. Aus unbekannten Gründen wurde er schon früh mit dem biblischen Namen ‚Ascher‘ in Verbindung gesetzt.

Herz: Der Name ‚Hirsch‘ besteht in verschiedenen Varianten und steht für den Stamm Naftali, aus ‚Hirsch‘ entstand der Name ‚Hirz‘. Dies geht auf die Namensform ‚Herz‘ zurück und steht in Verbindung mit Gen 49,21.

Davidstern: Seit dem antiken Judentum ist das Hexagramm als dekoratives Element bekannt.[2] Bevor der Stern zum allgemein-jüdischen Symbol wurde, brachte man ihn mit dem Namen ‚David‘ in Verbindung. Erstmals ist der Stern auf dem alten jüdischen Friedhof in Prag, auf dem Grabstein des berühmten jüdischen Historikers, Astronomen und Geographen David Gans (1541-1613), zu sehen.

Opferung Isaaks: Auf aschkenasischen Grabsteinen ist gelegentlich, aber doch eher selten die Darstellung biblischer Szenen zu finden, um einen Namen zu versinnbildlichen. So kann die ‚Bindung Isaaks‘ nach Gen 22,1-19, auf Grabsteinen von Männern für den Namen Isaak oder Abraham stehen.

Rose: ‚Rose‘, ‚Blümchen‘, ‚Veilchen‘, sowie ähnliche Varianten wie ‚Rösle‘, ‚Blümche‘, ‚Veilche‘, sind schon seit dem Mittelalter beliebte jüdische Frauennamen.

Vogel: Blumennamen und Tiernamen waren seit dem Mittelalter bei jüdischen Frauen sehr verbreitet: ‚Vögele‘, ‚Taube‘, ‚Täubchen‘, ‚Hindin‘ (Hirschkuh; dieses Motiv wird jedoch nicht auf Grabsteinen abgebildet).

Hauszeichen: Als es noch keine Hausnummern gab, wurden individuelle Zeichen in größeren Städten, wie in Frankfurt am Main oder in Hanau, an den Häusern angebracht, um Verwechslungen unter den Bewohnern zu vermeiden. Diese bildhaften Motive wurden später auch auf Grabsteinen eingemeißelt. Manchmal wurden diese Hauszeichen auch überregional populär und verbreiteten sich durch die Familien auch in andere Städte und befinden sich heute somit auch auf anderen jüdischen Friedhöfen.[3]

Kronen:

Eine abgebildete Krone kann verschiedene Bedeutungen haben: So schreibt Rabbi Schimon in Pirkei Awot 4,17 (Sprüche der Väter), aus dem 2. Jhdt.: „Drei Kronen gibt es: Die Krone der Tora, die Krone der Priesterwürde und die Krone des Königtums; die Krone des guten Namens aber übertrifft sie alle.“

Krone der Priesterwürde: Sie wird auf dem Grabstein eines Angehörigen des Priestergeschlechts der Kohanim abgebildet. Dieses Symbol findet man häufig in Verbindung mit einer Tora oder den segnenden Händen.

Krone des Verlustes: Thr 5,16: „Gefallen ist die Krone unseres Hauptes“. Diese Krone symbolisiert den Verlust eines Familienoberhauptes oder eines Gemeindevorstehers.

Krone des Gatten: Spr. 12,4: „…Krone ihres Gatten“. Diese Krone ist häufig bei einer Frau zu sehen und führt auf den Vers in den Sprüchen zurück.

Allgemein-Jüdische Symbole:

Davidstern: Er gehört heute zu den allgemeinen-jüdischen Symbolen. Auf Hebräisch ‚Magen David‘ (Schild Davids). Erst um die Mitte des 19. Jhdts. entwickelte es sich als Symbol des Judentums.[4] Zu Beginn repräsentierte der Davidstern den Namen David. Besonders während der Zeit des 1. Weltkrieges wurde der Stern häufig auf Grabsteinen abgebildet, was auf das wachsende jüdische Selbstbewusstsein zurückzuführen ist.

 

Leuchter und Lichter: Kerzen und Leuchter sind hierzulande eher selten zu finden. Sie stehen für die Menora (siebenarmiger Leuchter) aus Exo 25,31-40 oder für das ewige Weiterleben der Seele aus Spr. 20,27: „Eine Leuchte des Ewigen ist des Menschen Seele:“ Sabbatlampen und –kerzen sind traditionell nur auf Frauengrabmälern zu finden. Da es ein Gebot an die Frau ist, die Sabbatkerzen anzuzünden (Hadlaka).

Bundestafeln: Können als Symbol von Gesetzestreue stehen oder aber für den Namen des Mose. Allgemein sind die Bundestafeln eigentlich ein Element der christlichen Kunst des Mittelalters. Ihre Darstellung hat erst später in die jüdische Kunst gefunden.

Zedaka-Büchse: Steht als Almosenbüchse als Zeichen der Fürsorge für die Armen. Solche Büchsen kennt man aus vielen Synagogen.

(mr)

Quellen:
http://www.ikg-wien.at/?page_id=1012
http://www.juedische-gemeinde-wn.at/pages/LernGedenkstatte/Friedhof.aspx
http://www.riedbach.de/fileadmin/dateien/dokumente/Kleinsteinach/Der_Judenfriedhof.pdf
http://spurensuche.steinheim-institut.org/jsymb.html#nummer10
https://web.archive.org/web/20090420152745/http://www.jewishlodzcemetery.org/o_cmentarzuDE.htm
http://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCdischer_Friedhof
https://de.wikipedia.org/w/index.php?search=Listen+j%C3%BCdischer+Friedh%C3%B6fe&title=Spezial%3ASuche&fulltext=1
 
Bibliographie:
Wolf Stegmann / S. Johanna Eichmann, Der Davidstern. Zeichen der Schmach Symbol der Hoffnung, Dorsten 1991
Fleischmann, Kornelius, Der jüdische Friedhof in Baden. In: Hans Meissner u. Kornelius Fleischmann: Die Juden von Baden und ihr Friedhof, Baden, Grasl (2002), 117-291
Scheiner, Jens J., Vom Gelben Flicken zum Judenstern? Genese und Applikation von Judenabzeichen im Islam und christlichen Europa (849-1941), Frankfurt am Main 2004
Steines, Patricia, Totenkultur als Wegweiser. Eine Zeit zum Geborenwerden und eine Zeit zum Sterben. In: Denkmale. Jüdische Friedhöfe in Wien, Niederösterreich und Burgenland. Hg. v. Club NÖ und dem Institut für Geschichte der Juden in Österreich, Wien, Eigenverlag (2006), 14-27
 

[1] Vgl. www.ikg-wien.at.
[2] Vgl. Scheiner, Flicken 139.
[3] Vgl. www.spurensuche.steinheim-institut.org.
[4] Vgl. Scheiner, Flicken 135-137.