Das Tempel-Institut und die Vision eines dritten jüdischen Tempels

 

Als Ariel Scharon im Jahr 2000 als Jude provokativ den von Muslimen kontrollierten Tempelberg betrat, bedeutete dies den Beginnn der zweiten Intifada im Nahen Osten. Wenn heute Itzchak Reuven den heiligen Berg besucht, sehen dies manche als möglichen Auslöser für eine bevorstehende dritte Intifada. Der 59-jährige Jude ist der Leiter des Tempel-Instituts, einer Organisation, die kein geringeres Ziel hat als den Bau eines dritten jüdischen Tempels inklusive Wiederherstellung des alttestamentlichen Opferkultes – und zwar an dem Ort, an dem heute der Felsendom steht.

Gegründet 1987 von dem Rabbiner Yisrael Ariel beschreibt das Institut seine Vision wie folgt:

[box] „Das Tempel-Institut ist allen Aspekten des göttlichen Gebots an Israel gewidmet, ein Haus für Gottes Gegenwart, den heiligen Tempel, auf dem Berg Moriah in Jerusalem zu bauen. Das Einsatzspektrum des Instituts für dieses Konzept beinhaltet Erziehung, Forschung, Aktivismus und Vorbereitung. Unser Ziel ist es zunächst, das Bewusstsein für den Tempel wiederherzustellen und die „vergessenen“ Gebote zu reaktivieren. Wir hoffen damit, unseren Teil zu dem Prozess beizutragen, welcher dazu führen wird, dass der heilige Tempel wieder Realität wird.“[/box]

(Übersetzt von https://www.templeinstitute.org/statement.htm)

Die Menorah in der Jerusalmer Altstadt

Die Menorah in der Jerusalmer Altstadt

Damit der dritte Tempel – nach Zerstörung des salominischen Tempels 586 v. Chr. sowie des herodianischen 70 n. Chr. – eine solche Realität wird, scheut das Institut weder Kosten noch Mühen. Eine seiner Hauptaufgaben ist beispielsweise die detailgetreue Herstellung aller für den Tempeldienst notwendige Utensilien. In seinem für die Öffentlichkeit zugänglichen Museum im jüdischen Altstadtviertel Jerusalems beherbergt es so bereits die drei wichtigsten Mobiliarstücke für den neuen Tempel, welche exakt nach biblischen Vorgaben und in den verlangten Materialien hergestellt wurden: den goldenen Räucheraltar und Schaubrottisch sowie die Menorah aus 24-karätigem Gold. Letztgenannte wiegt 45 kg und ist in einer gläsernen Vitrine auf einem öffentlichen Platz in der Nähe des Instituts ausgestellt. (Einige Fotos sind hier zu sehen: https://www.templeinstitute.org/new-location.htm.)

Zur Zeit arbeitet das Institut an der Herstellung der komplexen priesterlichen Gewänder nach Exodus 28,6ff., wobei die für den Hohenpriester vorgeschriebenen Ephod (liturgisches Gewand), Hoshen (mit Juwelen besetztes Brustschild) und Tzitz (goldenes Stirnblatt) bereits fertiggestellt sind. Ebenfalls vorhanden ist eine eigens angefertige Harfe, die ihrer Überzeugung zufolge der Messias bei seinem Kommen spielen wird.

Beispiel für eine rote Kuh

Beispiel für eine rote Kuh

Eins der skurrilste für den alttestamentlichen Opferdienst notwenigen Elemente war nach Numeri 19,1-22 und dem Mischnatraktat Parah („Kuh“) die parah adumah, „eine rötliche Kuh ohne Fehler, an der kein Gebrechen ist und auf die noch nie ein Joch gekommen ist“ (Num 19,2). Diesem Tier gilt die besondere Aufmerksamkeit des Tempel-Instituts, wie in einer ausführlichen Abhandlung auf dessen Internetseite nachzulesen ist. Da ihre Asche das letzte fehlende Element für die Wiederherstellung des Tempeldienstes sei, hänge von ihr das Schicksal der Welt ab: „But in truth, the fate of the entire world depends on the red heifer.“ Mit ihr steht und fehlt der Bau des dritten Tempels – nicht zuletzt deshalb, weil ihrer Lehre zufolge bisher nur neun dieser Kühe geopfert wurden und die zehnte kein anderer als der Messias höchstpersönlich opfern werde.

Logo des Tempel-Instituts

Die Bundeslade im Logo des Tempel-Instituts

Sobald dieses seltene Tier auftauche, steht also den Anhängern des Tempel-Instituts zufolge dem Kommen des göttlichen Gesandten und Bau des Tempels nichts mehr im Wege. Umso Besorgnis erregender war im März 2010 die Meldung des internationalen Direktors des Instituts, Rabbiner Chaim Richman, der in einer Radiosendung den Fund einer den Kriterien entsprechenden Kuh bekannt gab, welche zur Opferung bereit stehe.

Um seine Ziele zu erreichen, hat das Tempel-Institut eine aufwendige Öffentlichkeitsarbeit aufgebaut, die aus Seminaren, Konferenzen, Publikationen sowie der Erstellung von Werbematerialien besteht. Mit Videos wie dem folgenden möchte die Organisation die zentrale Rolle eines dritten Tempels für die Menschheit ins öffentliche Bewusstsein rücken. Dabei ist fast unnötig zu erwähnen, dass diese Frieden und Harmonie vermittelnden Werbevideos in der arabischen Welt für Empörung sorgen.

 
Modell des Tempels im Israel-Museum

Modell des Tempels im Israel-Museum

Nicht alle orthodoxen Juden folgen jedoch den radikalen Vorstellungen des Tempel-Instituts. Innerhalb des Judentums ist umstritten, ob der dritte jüdische Tempel durch Menschen- oder Gotteshand gebaut werden soll. Die Anhänger des Tempel-Instituts legen dabei die Schriften des bekannten jüdischen Gelehrten Maimonides aus dem 12. Jahrhundert so aus, dass es sich um eine jüdische Pflicht (Mizwa) handele, den Bau des Tempels voranzutreiben. Andere jüdische Kommentatoren, wie Rabbi Yom Tov Lipman Heller aus dem 17. Jahrhundert, deuten Maimonides so, dass nur der Messias den Tempel errichten könne und es sich deshalb bei jedem Juden, der dies ernsthaft versuche, potentiell um den verheißenen Gesandten Gottes handeln könnte.

Tempelplatz mit Felsendom

Tempelplatz mit Felsendom

Aufgrund ihrer Überzeugungen halten es nun Juden wie der anfangs erwähnte Itzchak Reuven für ihre Pflicht, auf dem Tempelberg zu beten. Das Konfliktpotential dieser Überzeugung wird eindrücklich in diesem Artikel der ZEIT beschrieben: Die Provokateure, die sich nicht als solche betrachten, benötigen umfassende polizeiliche Kontrolle sowie Schutz, damit es nicht zu Ausschreitungen mit Muslimen kommt, die auf das geltende Gesetz verweisen, dass Juden (wie übrigens Christen auch) den Tempelberg zwar betreten, dort aber nicht beten oder andere religiöse Handlungen ausführen dürfen. (Auf dem Youtube-Kanal des Tempel-Instituts finden sich zahlreiche Videos, die ihre Anhänger beim illegalen Beten neben Felsendom und Al-Aqsa-Moschee zeigen.)

Warnung des Oberrabbinats vor dem Tempelberg

Warnung des Oberrabbinats vor dem Tempelberg

Für den Großteil der orthodoxen Juden jedoch ist das Betreten des Tempelberges aufgrund seines sakralen Charakter als einstiger Ort des Hauses Gottes sowieso tabu. Doch seitdem die Rabbiner des Tempel-Instituts mit diesem strikten Verbot brechen, tun es ihnen israelischen Medienberichten zufolge immer mehr jüdische Israelis nach. So ist zwischen 2009 und 2012 die Anzahl der jüdischen Besucher auf dem Tempelberg um 35 % gestiegen. Auch die Politik bleibt davon nicht unberührt: Im Oktober letzten Jahres kam es während einer Ausschusssitzung des Innenministeriums zu einem Streit zwischen denen, die den – halbwegs – friedlichen Status Quo wahren wollen und Vertretern der Likud-Partei, die forderten, das Tempelberggelände neben der Klagemauer für jüdisches Gebet zu öffnen.

Ginge es nach den radikalen Ansichten des Tempelinstituts, sollte jedenfalls lieber heute als morgen das wahr werden, was zahlreiche Bilder im Altstadtmuseum als Bild von der Zukunft malen: Ein immenser jüdischer Tempel, der statt des Felsendoms über Jerusalem thront und Besuchergruppen – für die sogar ein Sessellift zur Verfügung stünde – aus aller Welt anzieht. Eine Darstellung, die Frieden suggeriert, aber Unfrieden hervorruft.

 

(jp)

 
 
Quellen:
 
https://www.templeinstitute.org/main.htm
http://www.zeit.de/politik/ausland/2013-12/tempelberg-jerusalem-gebet-konflikt
http://haolam.de/Juedisches-Leben/2012-7/artikel_9846.html
http://www.theologische-links.de/downloads/israel/jerusalem_tempelinstitut.html
http://en.wikipedia.org/wiki/The_Temple_Institute
http://vanshardware.com/2010/03/the-temple-institute-the-red-heifer-is-ready-for-the-third-temple/
http://www.youtube.com/user/henryporter2?feature=watch
http://the70thweek.blogspot.de/2010/03/kosher-red-heifer-is-alive-and-well-in.html
 
 
 
Fotos: © privat