Israel hat keine Besucher, Israel hat Fans – ein Bericht von Colin Bergen

 

Diesen Sommer konnte das Institut für Israelogie zwei Studenten die Teilnahme am Sommerprogramm der Ben-Gurion Universität in Beer Sheva ermöglichen (hier der Bericht über die Preisverleihung im April). Nach Philipp Wiens berichtet uns nun Colin Bergen von seiner Zeit im Heiligen Land.

Blick auf die Jerusalemer Altstadt vom Ölberg

Blick auf die Jerusalemer Altstadt vom Ölberg

Wie der sprichwörtliche Blinde, der von der Farbe redet – so in etwa könnte man einen Theologen beschreiben, der selber nie einen Fuß ins Heilige Land gesetzt hat. Um bei dem Bild zu bleiben: Diesen Sommer ist die Zeit meiner Blindheit zu Ende gegangen: Ich – ein Theologiestudent der FTH Gießen – hatte nämlich das Privileg, Israel das erste Mal zu besuchen.

Israel ist übrigens mehr als ein Exkursionsziel für intellektuelle „Nerds“ (sprich: Theologen, Politik- und Geschichtsinteressierte, Archäologen usw.): Es ist für alle etwas dabei. Ausnahmslos jedem Israelbesucher, von dem ich mir im Vorfeld ein Meinungsbild eingeholt habe, konnte ich die Begeisterung für Land, Menschen und Kultur aus einem strahlenden Gesicht beim Erzählen abspüren. Seit diesem Sommer bin ich einer von diesen Menschen.

Das „Projekt Israel“ hat für mich im März diesen Jahres angefangen, als ich mich an die Arbeit gemacht habe, einen Artikel für den Wettbewerb des Instituts für Israelogie zu verfassen. Die Vorgabe: Ungefähr 1500 Wörter so auf Papier bringen, dass am Ende „irgendetwas, das mit dem Thema Israel zu tun hat“ und ein persönliches Motivationsschreiben dabei herauskommen. Der Preis: ein sechs Wochen dauernder, vollfinanzierter Israelaufenthalt mit Teilnahme an einem Hebräisch-Sommerkurs der Ben-Gurion Universität. Meine Einstellung: Wer da nicht mitmacht, ist selber schuld. Am 26. April gab es die Gewissheit: Weniger als zehn Stunden Arbeitsaufwand haben sich für mich bezahlt gemacht. Mein Kommilitone Philipp Wiens und ich wurden als Gewinner des Wettbewerbs bekanntgegeben.

Am Samstag, den 3. August startete mein Flugzeug in Frankfurt und brachte mich ca. 4 Stunden später kurz nach Mitternacht wohlbehalten nach Tel Aviv. Die Ankunftszeit war kein Zufall: Von Freitag- bis Samstagabend hätte ich nämlich gemeinsam mit dem Großteil der Autos, Busse und Züge in Israel am Flughafen stillgestanden. Der Sabbat beeinflusst das öffentliche Leben hier in einem viel maßgeblicheren Umfang, als wir es von unserem Sonntag kennen. An den „Sabbataufzügen“, die an diesem Tag auf jeder Etage automatisch anhalten, damit die Reisenden nicht den Knopf drücken müssen, wird die religiöse Konsequenz der Juden besonders deutlich. Das war nur ein erster Vorgeschmack auf noch viele andere Besonderheiten, die ich in den folgenden sechs Wochen über das Land lernen sollte.

Boker tov!

Mein Hebräischkurs in der Ben-Gurion Universität

Das sind die Worte, mit denen ich mal mehr und mal weniger motiviert jeden Morgen im Sprachkurs begrüßt wurde. Sie bedeuten schlicht und ergreifend „Guten Morgen“ auf Hebräisch. Wie zu Beginn erwähnt, war ich während meines gesamten Aufenthaltes in Israel Teilnehmer eines offiziellen Sommeruniversitätsprogrammes der Ben-Gurion Universität – einer von ca. 40 anderen Deutschen und 20 weiteren Amerikanern. Der Hauptcampus der Universität und damit auch mein Wohnsitz für die sechs Wochen befand sich in Beer Sheva, einer Stadt in der Negevwüste, rund 80 km südlich von Jerusalem.

Ein Muss für jeden Israelreisenden – Foto mit Zeitung im Toten Meer

Das Programm bestand im wesentlichen aus drei Elementen: Über den gesamten Zeitraum hinweg fanden nach Schwierigkeit gestaffelte Hebräischkurse von Sonntag (1. Arbeitstag der Woche) bis Donnerstag jeweils von 9:00 bis 12:30 Uhr am Vormittag statt. Bei meinem Kurs für Teilnehmer mit Basiskenntnissen handelte es sich um eine 12-köpfige Gruppe, die von einer israelischen Lehrerin geleitet wurde: Sie gestaltete den Unterricht von der ersten Minute an konsequent auf Hebräisch. Als zweiten Schwerpunkt bot das Programm an jedem dieser Tage Abendvorlesungen zu Themen rund um die Geschichte, Kultur und Politik Israels an. Und drittens beinhaltete das Programm gemeinsame Ausflüge zu verschiedenen Sehenswürdigkeiten (Jerusalem, Ein Gedi, Totes Meer usw.), die jeweils auf die Freitage fielen. Zu alldem kommen natürlich viele unbezahlbare Erlebnisse mit einigen neugewonnenen Freunden hinzu.

(Für mehr Informationen siehe den Artikel von Philipp Wiens.)

Bibel für’s Auge

Modell von Jerusalem im 1. Jh. n. Chr. im Israelmuseum

Modell von Jerusalem im 1. Jh. n. Chr. im Israelmuseum

Man kann sich wahrscheinlich keine 20 km in Israel bewegen, ohne durch einen Ort zu kommen, den die Bibel an irgendeiner Stelle erwähnt. In Israel bekommt der Bibelleser die Originalbilder zu den Bibelgeschichten serviert – das ist noch besser als den Jesusfilm zu schauen. Und wenn an einem Ort mal zugegebener Maßen nicht mehr ganz so viel von vor zwei- bis viertausend Jahren übrig geblieben ist, dann bleibt immer noch der Gang ins Israelmuseum in Jerusalem, das die wohl bedeutendste Ausstellung rund um die Bibel beherbergt. Um nur wenige Ausstellungsstücke zu nennen: ein Tempelstein, der den Heiden den Zutritt zum Tempelhof unter Androhung der Todesstrafe verbot, die ältesten alttestamentlichen Textfunde aus Qumran, das Grab von Herodes dem Großen.

Bewegt man sich etwa 4 km aus dem Museum Richtung Altstadt, befindet man sich am wohl bedeutendsten religiösen Sammelpunkt der Welt – die drei größten monotheistischen Weltreligionen sind jedenfalls alle kräftig vertreten. Auf den schmalen dunklen Gassen, die ca. 80 % der Altstadt Jerusalems ausmachen, reiht sich ein übereifriger Souvenirhändler an den nächsten. Immer wieder drängen sich – teilweise singende – Gruppen von Gläubigen auf dem Weg zu einem ihrer heiligen Orte durch die Menschenmassen.

Der Salbungsstein in der Grabeskirche

Der Salbungsstein in der Grabeskirche

Mich hat dieser religiöse Rummel ehrlich gesagt mehr geschockt als fasziniert: Haben evangelikale Christen etwas falsch verstanden, wenn sie keinen Kult aus heiligen Orten und Gegenständen machen und fast schon magische Kraft von ihnen erwarten, wie andere christliche Gruppen es anscheinend tun? Müsste ich mich auch mit tränenüberströmtem Gesicht in der Grabeskirche vor dem Stein niederwerfen, auf dem Jesu Leichnam angeblich gesalbt wurde und ihn küssen – wenn ich es wirklich ernst meinen würde? Sollte ich mich auch einer russisch orthodoxen Gruppe anschließen und die Via Dolorosa mit ernster Miene singend entlang pilgern (zumindest einige Russlanddeutsche könnten ja mitsingen)? Sollte neben den Katholiken, den Orthodoxen, Armeniern und den muslimischen Türwärtern auch eine evangelikale Partei in der Grabeskirche vertreten sein, um bei den gelegentlichen Schlägereien aufgrund von Meinungsverschiedenheiten den eigenen Standpunkt durch ordentliches Austeilen deutlich zu vertreten? (http://www.youtube.com/watch?v=pGRV9728UEs).

Blick auf Syrien

Blick auf Syrien

Ich persönlich habe mich aus dem ganzen Rummel um die „heiligen“ Orte und Bräuche herausgehalten und muss bekennen, dass ich an keinem Ort von Tränen übermannt wurde – obwohl ich es mit dem Glauben sehr ernst nehme. Ich halte es ganz mit dem Neuen Testament, das uns lehrt, dass wir durch Jesus Christus an jedem Ort dieser Welt eine Direktverbindung zu Gott haben. Dennoch ist es natürlich toll, wenn man durch die Orte, an denen sich Gottes Offenbarungen ereignet haben – mal ganz abgesehen davon, ob der genaue Standort hundertprozentig historisch verifiziert werden konnte oder nicht – an die hundertprozentig wahren Ereignisse erinnert wird, von denen die Bibel uns berichtet.

Alltag in Israel

Was wäre ein Land ohne seine Bewohner? Sie sind es doch, die einem Land erst seinen einmaligen Charakter verleihen. Nun ja, was lässt sich daraus über den Charakter Israels schlussfolgern? Ich durfte sehr viele spannende neue Bekanntschaften machen, die mir zumindest einen ersten Eindruck vermittelt haben: In Beer Scheva habe ich mir die sechs Wochen über in einem Studentenwohnheim die Wohnung mit einem jüdischen und einem arabischen Israeli geteilt. An den unterschiedlichen Wurzeln haben die beiden sich überhaupt nicht gestört und auch mich ganz unkompliziert aufgenommen. Die Israelis habe ich generell als sehr entspannt und direkt kennengelernt: Sie nehmen kein Blatt vor den Mund, sagen, wie es ist und sparen sich jede Form von künstlicher Höflichkeit – man weiß immer, woran man ist und muss nicht hinter jeder Aussage noch die eigentliche Botschaft des Gegenübers aufspüren. Die Gastfreundschaft meines arabischen Mitbewohners hat mich besonders beeindruckt. Er hat mich häufig eingeladen dazuzukommen, wenn er beispielsweise mit seinen Freunden irgendwelche heimischen Gerichte mit Leber gegessen, eine (oder mehrere) Wasserpfeifen geraucht oder Fußball gespielt hat.

Leere Hauptstraße in Haifa am Yom Kippur

Leere Hauptstraße in Haifa am Yom Kippur

An den Dienstagabenden bin ich fast jede Woche mit einer kleinen Gruppe der Sommeruni-Teilnehmer zu einer christlichen Bibelstudiengruppe gegangen, die von der messianischen Gemeinde in Beer Scheva ausgerichtet wurde. Auf dem Programm standen in der Regel ein paar hebräische Lobpreislieder und eine Bibelandacht. Es hatte für mich schon etwas Besonderes, Lobpreislieder in der Sprache der Psalmen zu singen. Auch die Bibel haben die Christen in Beer Scheva irgendwie anders gelesen als ich. Schon allein durch das Hebräische haben sie einen näheren Zugang zum Alten Testament. Aber auch die jüdische Kultur drum herum prägt die Perspektive, mit der diese Menschen die Bibel betrachten. Die für den Durchschnittsdeutschen langweiligen Texte zu jüdischen Festen werden auf einmal anschaulich und relevant – gerade wenn das Fest, über das man gerade liest, in derselben Woche ansteht und dafür sorgen wird, dass kein Auto auf der Straße zu sehen ist, wie es am Yom Kippur, dem großen Versöhnungstag der Juden, der Fall war.

 „Denn der HERR, dein Gott, führt dich in ein gutes Land…“

Ausblick auf den See Genezareth

Ausblick auf den See Genezareth

Zu guter Letzt kann ich eine Information nicht unter den Tisch fallen lassen: Israel ist einfach herrlich, um Urlaub zu machen. Zunächst einmal ist da die Wetterlage, die eine verlässliche Grundlage dafür bietet. In den sechs Wochen habe ich keinen einzigen Regentropfen abbekommen und an einen Tag mit weniger als 30 Grad kann ich mich nicht erinnern. Das Land ist ungefähr so groß wie Hessen – man kann problemlos jedes Urlaubsziel schnell erreichen. Die Vielfalt des Angebots wird durch die Überschaubarkeit des Landes in keiner Weise beschnitten: Während eines viertägigen Aufenthalts in Eilat, eines der Zentren des israelischen Tourismus, das ganz im Süden des Landes am Roten Meer liegt, konnte ich beim Schnorcheln wunderschöne Korallenriffe und Fische bestaunen. Für diejenigen, die lieber an Land bleiben, gibt es alternativ Kamele, die nur darauf warten, Touristen auf eine Tour durch die Wüste zu entführen.

Wunderschöne Natur – die Banias-Wasserfälle

Von einer anderen Seite habe ich Israel ziemlich genau 400 km nördlich am See Genezareth in Galiläa kennengelernt. Hier habe ich für drei Tage einen Freund in einem wunderschönen christlichen Gästehaus mit dem Namen Beit Baracha, Haus des Segens, besucht. Auf der Terrasse mit Blick über den See ließ es sich auf einer Hollywoodschaukel sehr gut aushalten. Dazu stand dort eine Fahrt durch die wunderschöne Natur der Golanhöhen auf dem Programm, eine Besichtigung der Golan-Brauerei in Katzrin, ein Ausflug zu den Banias-Wasserfällen, ein Stopp an der syrischen Grenze und die Besteigung des Berges Arbel vor dem Sonnenaufgang mit Blick über den See Genezareth. Wie gesagt: Es ist ganz sicher für jeden etwas dabei.

Gedanken

Sonnenaufgang über dem See Genezareth auf dem Berg Arbel

Sonnenaufgang über dem See Genezareth auf dem Berg Arbel

Neben all den tollen Erfahrungen wird mir Israel allerdings auch als eine Zeit des Nachdenkens in Erinnerung bleiben: Es war unglaublich wertvoll für mich, einmal so viel Abstand vom eigenen Alltag zu bekommen. In der Hektik des alltäglichen Lebens bleibt oft keine Zeit, bewusste Entscheidungen zu treffen. Ein Berg von Aufgaben türmt sich mit gewissem Zeitdruck vor einem auf und man macht es sich unbewusst schnell zur Pflicht, diese einfach so gut es geht abzuarbeiten. Gerade wenn wir vielbeschäftigt sind sieht die Realität oft eher danach aus, dass wir durch unsere Umstände gelebt werden, anstatt selbst bewusst zu leben. Ab und zu kann es da sehr wertvoll sein, sich einmal aus diesem Kreislauf herauszunehmen. Wenn man aus einer Vogelperspektive auf das eigene Leben schaut, wird es wieder möglich, bewusst die Richtung neu festzulegen, in die man eigentlich steuern möchte. Die wichtigen Dinge werden dann wieder wichtig und auch eigentlich weniger bedeutende Dinge werden als solche enttarnt.

Am 14. September bin ich durch alle Eindrücke, Erfahrungen und Gedanken rundum gestärkt wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Es war eine aufregende und prägende Zeit für mich, die ich jedem von Herzen wünschen kann. Mein Fazit: Jeder FTH-Student, der nächstes Jahr nicht am Wettbewerb teilnimmt, ist selber schuld.

(Colin Bergen)

Fotos: © privat