Israel aus der Sicht junger messianischer Juden II – Vitali F.

 

 Jüdisch-messianische Israelkonferenz Berlin – 16. November 2012

Vitali F. ist in der Adon Jeschua Gemeinde Stuttgart, die sein Vater im Jahr 2000 gegründet hat und bis heute leitet, für die Jugendarbeit zuständig. Sein Workshop ist perfekt vorbereitet, so hat er eigens für diesen Zweck eine Umfrage unter jüdisch-messianischen Jugendlichen gestartet – man merkt gleich zu Beginn, wie ernst ihm das Thema ist, wieviel Israel ihm bedeutet.

Seine Familie wanderte 1992 aus Russland ein und Vitali erzählt, wie in dieser Zeit viele Juden ihre wahre Identität erst mit Hilfe von Christen fanden, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, Juden gemäß Römer 11,14 zur Eifersucht zu reizen. Beispielsweise luden sie jüdische Einwanderer zum Schabbatfeiern ein, so dass diese sich fragten: „Wieso kennen sich die Heiden besser mit unseren Traditionen aus als wir?“ Der Kommunismus hatte alles Religiöse vernichtet. Dementsprechend seien ältere russische Juden in Deutschland oftmals atheistischer geprägt und Israel für sie dementsprechend belanglos, als es bei der zweiten Generation der Fall sei: Diese beschäftige sich mit Fragen der Spiritualität, der Selbstverwirklichung und vor allem der Identität. Viele jüngere Juden wünschen sich, nach Israel zu reisen – 76 % der von Vitali Befragten waren bereits dort -, um dort ihre Wurzeln und so sich selbst zu finden. Gerade aufgrund ihrer speziellen Situation fühlen sie sich eher in Israel heimisch als in den Ländern der ehemaligen UDSSR oder in Deutschland. Sie spüren, dass sie dorthin gehören und können sich gut vorstellen, in Israel zu leben, was wiederum zu einer großen Einheit innerhalb der jungen Generation führt.

Vielleicht verstärkt sich dieses Gefühl durch den in Deutschland wachsenden beunruhigenden „latenten Antisemitismus“, so Vitali F. Die Juden wissen sich mit Israel verbunden, da sie dort womöglich eines Tages Zuflucht suchen werden. Dem messianischen Juden macht die anti-israelische Einstellung im akademischen Umfeld, vor allem unter Studenten, mehr Angst als grölende Neo-Nazis – damit spricht er sicherlich Wahres an. Gleichzeitig führt er uns Zuhörern vor Augen, wie sehr politische Kritik an Israel  von den Juden – nach dem Holocaust – als persönlicher Angriff auf ihre Identität empfunden wird (siehe Jurek Schulz‘ Vortrag).

Es folgt eine längere Ausführung darüber, wie die jungen messianischen Juden in Vitalis Umfeld ihren Alltag in Schule und Freundeskreis erleben. (Hier trifft der Referent übrigens als einer der wenigen das Thema seines Workshops ziemlich genau.) Dabei geht es nicht so sehr um ihre jüdische Abstammung an sich, als um ihren Bezug zu Israel als dem kleinen demokratischen Land im Nahen Osten, dessen Innenpolitik in den Medien so heiß diskutiert wird. Der messianische Leiter analysiert, dass es im deutschen Geschichtsunterricht oftmals zu langen Diskussionen kommt, weil bei den deutschen Schülern eine Aversion gegenüber dem Thema Holocaust gewachsen ist: Sie haben nichts mehr damit zu tun und wollen nichts von Schuld hören. Im Politik- oder Erdkundeunterricht hingegen trage man keine Schuld mehr, hier seien die Israelis die Bösen und man dürfe frei seine Meinung äußern, was dem Referenten zufolge auch genutzt werde.

Dazu komme, was auch ein anderer Referent betonte, die einseitige mediale Berichterstattung: Israel als Besatzungsmacht, die Bewohner Ostjerusalems als Siedler und alle Israelis gewissermaßen als Täter. (Der von Vitali F. erwähnte Artikel der Welt verdeutlicht dies). Wehrten sich Juden im Unterricht gegen die mangelnde objektive Darstellung, würden sie als dumm oder befangen verurteilt. Doch: „Gott hat seine Gründe, warum wir als messianische Juden in diesem Land leben“, resümiert der Redner. Bei 200.000 in Deutschland lebenden Juden bliebe der Auftrag groß.

Eine weitere Frage, die der junge Leiter aus Stuttgart anreißt, ist die der Bedeutung Israels für den persönlichen Glauben. Vitali stellt dem Publikum einige einfache Fragen:

„Wenn ihr ein Haus hättet, welcher Teil davon wäre Israel?“ „Wenn Israel eine Person in eurem Umfeld wäre, wer wäre es?“ „Wenn die Bibel ein Theaterstück wäre, welche Rolle würde Israel spielen?“

Die Antworten des Publikums, das sichtlich Spaß an der Sache hat, sind aufschlussreich, zum Teil auch erschreckend: „Israel wäre das Wohnzimmer, weil man sich hier am wohlsten fühlt“ – „Die Küche, weil sie die Schaltzentrale der Familie ist“ – „Israel wäre natürlich das ganze Haus“. Bei der zweiten Frage wird Israel von mehreren mit der Ehefrau verglichen, von vielen als Mutter oder Vater gesehen, von manchen als der große Bruder – sehr wichtige Rollen im Leben der Menschen. Darüber, dass Israel in der Bibel als Theaterstück natürlich die Hauptrolle spielt, sind sich alle einig – was für eine Frage. Auf Jesus als Hauptrolle, oder aber die Menschen als Objekt der Missio Dei kommt in dem Moment niemand. Der Redner selbst beantwortet die Frage indirekt anhand einer Grafik, die deutlich macht, wie oft das Wort „Israel“ in der Bibel auftaucht, nämlich 2316 Mal als Teil eines Wortes und 1370 Mal allein – dies scheint für ihn ein ausreichender theologischer Beweis für Israel als Zentrum von Gottes Aufmerksamkeit und Fixpunkt der Menschheit zu sein.

Daraus ergibt sich für Vitali F.  die – durchaus nachvollziehbare – Konsequenz, dass es aufgrund von mangelndem Wissen über Israel zu Verständnisproblemen bzw. zu Missverständnissen beim Bibellesen kommen kann. Denn die Autoren der Bibel seien allesamt Israeliten, und keiner beherrsche deren Sprache sowie die Auslegungsmethoden besser als die Juden (hier verweist er auf die messianische Zeitschrift Menora).

Dies ist auf der einen Seite ein nicht zu unterschätzender Punkt, was die Sprache des Alten Testaments sowie Kultur, Traditionen u.ä. betrifft, auf der anderen Seite nicht absolut zu setzen, ist doch das Neue Testament in Griechisch verfasst und hängt eine kompetente Auslegung nicht allein von der Vertrautheit mit der Sprache und Welt der Bibel, sondern auch mit Fragen der Methodik, Hermeneutik und weiteren wissenschaftlich-bibeltreuen Schlüsselkompetenzen zusammen. Selbstverständlich ist jedoch, dass jeder Bibelleser sich „auf Israel einlassen“ muss und es „nicht als Kontext ausklammern“ und einfach weiterlesen kann. Der Redner betont allerdings wieder und wieder, dass Gott der „Gott Israels“ ist – man kommt nicht umhin, in seinen Aussagen ein Stück Exklusivismus zu sehen und eine auffallend große Betonung des Alten Testaments.

Für ihn ist Israel der beste Beweis für die Treue Gottes und die Wahrhaftigkeit seines Wortes, womit er sicherlich weniger die in der Bibel selbst beschriebenen Erfüllungen alttestamentlicher Prophezeiungen meint (allen voran das Kommen des Messias), als diejenigen, die sich in der jüngsten Geschichte ereignet haben (allen voran 1948) – welche wiederum auch unter Christen Ansichtssache sind und deshalb unseres Erachtens kein Maßstab für die Glaubwürdigkeit des Wortes Gottes sein sollten.

Zuletzt wird wie bei den anderen Referenten der Bogen zu den Christen hin geschlagen. Vitali F. zitiert Johannes Gerloff, dass wir als Christen ohne Israel keine Zukunft haben, denn „das Heil kommt von den Juden“ (Johannes 4,22). Was der messianische Jude damit genau aussagen will, wird nicht ganz klar. Die Kirche würde ohne Israel nicht existieren. Aber ob ihre Existenz in der Zukunft von Israels Ergehen abhängt, wie auf dieser Konferenz so häufig behauptet, müsste wieder diskutiert werden, auch die Tatsache, dass Jesus in den Sätzen vor und nach dem zitierten Vers 22 darauf hinweist, dass mit ihm die Zeit gekommen ist, in der die Anbetung Gottes nicht mehr an physische Gegebenheiten gebunden sein wird.

„Israel soll ein Segen sein“, so schließt der messianische Leiter, „wie können wir also durch Israel gesegnet werden?“ Die Antwort lautet: „Wer Israel segnet, wird gesegnet“ – wieder ein Zitat aus dem Alten Testament. „Gott misst die Völker an ihrem Verhalten gegenüber seinem Volk“, weshalb „eine Gemeinde ohne Israel“, d. h. eine, die sich als eigenständig betrachtet, falsch funktioniere. Weil die Gläubigen aus den Nationen ein Teil Israels sein dürfen (geistlich), können sie nicht mehr gegen Israel sein (politisch). Eine These, die unbedingt besser begründet werden müsste, um Kritikern standhalten zu können. Vitali F. hebt jeden Dualismus auf, denn das geistliche Israel ist für den jungen messianischen Juden mit dem politischen verwoben. Und sein Ziel ist dementsprechend, dass jeder Christ sagen kann: „Israels Erbe ist auch mein Erbe und Israels Hoffnung ist auch meine Hoffnung.“

(jp)