Antisemitismus im Kleinformat

 

Sie gehören heute wie selbstverständlich zu unserem Straßenbild und bewerben – oftmals radikale – politische Bündnisse, den Online-Shop der coolen Skatermarke oder suspekte Angebote für nächtliche Vergnügungen: Kleine bis große Klebesticker auf Laternenpfählen, an Gebäudefassaden oder auf Mülltonnen. Dass solche Aufkleber schon Ende des 19. Jahrhunderts im Umlauf waren, und diese bereits damals, einige Jahrzehnte vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, antisemitische Parolen unter das Volk bringen sollten, ist vielen nicht bekannt.

Dank der einzigartigen Sammlung von Wolfgang Haney (* 1924), über die Spiegel Online im April berichtete, erhält die Nachwelt nun Einblick in diese dunkle Epoche der Weimarer Republik. So produzierte allein der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund, die größte und einflussreichste antisemitische Organisation dieser Zeit, im Jahr 1920 8 Millionen Aufkleber. Auf diesen waren Sprüche wie „Wer hat sich im Krieg bereichtert? Die Juden“ oder „Die Wohnungsnot – Schuld der Juden“ zu lesen, auch zahlreiche Zitate bekannter Männer wie „Die Juden sind unser Unglück“ von Prof. Heinrich von Treitschke waren vertreten.

Die Sticker waren in den unterschiedlichsten Formen vertreten, zum Beispiel als Streichholzetiketten und Briefaufkleber. Auf letztgenannten war oftmals beispielsweise der Betrag von 10, 20 und 50 Pfenning sowie der Schriftzug „Liebesgabe zum antisemitischen Agitationsfond“ vermerkt. Man konnte die Klebemarken als ganzen Bogen gegen eine Spende erwerben und so den Judenhass über Kleinstbeträge mitfinanzieren und seine Privatkorrespondenzen zu Propagandazwecken nutzen.

Die Wirkung dieser Sticker lag in ihrer Omnipräsenz und Banalität. Auch bediente man sich simpelster Poesie sowie des Humors, um beiläufig hasserfüllte Propaganda zu streuen. So finden sich nach der Zerstörung der städtischen Synagoge im Jahr 1938 Ansichtskarten von Nürnberg, auf denen das Gebäude mit dem Reim „Was hier an dieser Stelle stand aus Nürnberg endlich ist verbannt“ überklebt war.

Besonders schockierend sind auch die „Freifahrtkarten nach Palästina“, die zum Ausdruck brachten, die Juden mögen schnellstmöglich das Land verlassen oder die ihnen gar den Tod wünschten. Auf den imitierten Eisenbahntickets waren die Worte „Freifahrtkarte für Juden u. Genossen von allen Ländern über Nord- oder Südpol und Wüste Gobi oder Sahara nach Palästina und nie zurück“ zu lesen, auf der Rückseite beispielsweise: „Das Polargebiet ist im Badeanzug zu durchwandern (…) Am Ziel schießen Araber mit scharf geladenen Maschinengewehren Salut. Überfüllung Palästinas ist daher ausgeschlossen.“

Daneben gab es Sticker mit den „üblichen“ Aufforderungen wie „Juden hinaus“ und „Kauft nicht bei den Juden“ oder auch Hotels, die sich wie der Kölner Hof in Frankfurt mittels Klebevignette als „judenfrei“ auswiesen.

Jüdische Verbände wie der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, welcher sich für die Rechte und Gleichstellung von Juden in Deutschland einsetzte und Judentum mit dem Deutschtum zu vereinen suchte, oder auch die von Irene Harand 1933 gegründete Harand-Bewegung ließen sich diese Beleidigungen nicht immer einfach so gefallen. Sie konterten mit nicht weniger kreativen Gegensprüchen, ebenfalls in Stickerform.

Auf den NSDAP-Slogan „Die Juden sind unser Unglück“ reagierte der CV im Wahlkampf von 1928 mit „Die Nazis sind unser Unglück – Lieber einen König von Gottes Gnaden als einen Idioten aus Berchtesgarden“. Die Harand-Bewegung ließ Fakten für sich sprechen, indem sie auf die Verdienste deutscher Juden aufmerksam machte, wie die des Nobelpreisträgers Paul Ehrlich, der durch seine Forschungen Millionen von Menschenleben rettete, sowie auf Albert Ballein, einen Juden, der wohl als einziger Deutscher wegen der Niederlage im ersten Weltkrieg Selbstmord begang. Die Angegriffenen geizen nicht mit klaren Worten wie „Judenhass aus Eigennutz ist Schurkerei – Judenhass aus Überzeugung ist Dummheit“. An die Aussage eines nationalsozialistischen Plakats „Juden haben keinen Zutritt“, wurde mit einem Klebezettel schlicht der Nachsatz „denn beim Lügen möchten wir ungestört bleiben“ hinzugefügt.

Appelle an Deutschland als Nation der Dichter und Denker wie „War je irgendwo und irgendwann ein grosser Geist Antisemit?“ blieben jedoch ungehört und die schwache Stimme der jüdischen Verbände verpuffte angesichts der Flut von antisemitischer Propaganda.

Dass die wenigen Aufkleber nun für die Öffentlichkeit zugänglich sind, ist einem Mann zu verdanken, der sein Schicksal mit seiner Leidenschaft verband: Wolfgang Haney, von den Nazis aufgrund seiner jüdischen Mutter „Mischling ersten Grades“ genannt, musste im dritten Reich selbst Repressalien erleiden. Eine großer Teil seiner Verwandtschaft wurde ermordet, seine Mutter versteckte er und rettete ihr so das Leben. Haney ist Sammler, und so handelt es sich bei vielen der Sticker zunächst um Zufallsfunde, die er auf seinen gesammelten Briefen fand.

Inzwischen verfügt er, u.a. neben seiner Judenstern-Sammlung, über einen Bestand von 600 stickerähnlichen Objekten aus der Zeit des Nationalsozialismus und davor. Ein großer Teil dieser seltenen Funde wurde letztes Jahr in einem Buch mit dem Titel „Antisemitismus im Kleinformat. Alltagspropaganda seit 1893. Vignetten, Marken, Klebezettel aus der Sammlung Wolfgang Haney“ herausgegeben. Haney möchte dazu beitragen, dass die Existenz dieses Teils des Nazi-Propaganda nicht vergessen wird. Dies scheint vor allem dann wichtig, wenn man bedenkt, dass die NPD heute noch im Wahlkampf auf ähnliche Methoden zurückgreift: So publizierte sie analog zu den „Freifahrkarten“ für Juden Pseudo-Flugtickets für Migranten mit „Rückflug Airlines“ zurück in deren jeweilige Heimat – one way, versteht sich.

Eine Fotoreihe von Wolfgang Haneys Sammlung finden SIe hier: http://www.quest-cdecjournal.it/focus.php?issue=3&id=307

Zum Weiterlesen: Isabel Enzenbach, Wolfgang Haney (Hrsg.): „Antisemitismus im Kleinformat. Alltagspropaganda seit 1893. Vignetten, Marken, Klebezettel aus der Sammlung Wolfgang Haney“, Berlin 2012

(jp)

 

Quellen:

http://einestages.spiegel.de/s/tb/27441/antisemitische-propaganda-krieg-der-aufkleber.html http://www.schoah.org/zeitzeugen/sterne.htm http://www.bpb.de/veranstaltungen/format/ausstellung/68371/interview