Wie religiös sind die Juden?

 

Sie glauben an Gott und betätigen trotzdem am Schabbat den Lichtschalter: Die Mehrheit der in Israel lebenden Juden sind, dem neuesten Bericht des Guttmann-Zentrums vom IDI (Israel-Demokratie-Institut) zufolge, zwar religiös, halten sich jedoch nicht zwingend an die Gesamtheit der jüdischen Gesetze, die Halacha.

Für die aufschlussreiche Befragung wurden drei Jahre lang (2009 bis 2012) die in Israel lebenden Juden nach ihren religiösen Überzeugungen und Gewohnheiten befragt. Es ist nach 1991 und 1999 die dritte dieser Art und sie weist auf eine interessante Tendenz hin: Zumindest der rein theistische Glaube an Gott ist für einen Großteil der Juden in Israel weiterhin selbstverständlich: So glauben 80% der Befragten an die Existenz Gottes und dass gute Taten eine Belohnung nach sich ziehen, obwohl 43% sich selbst als säkular, 3% sich sogar als antireligiös bezeichnen. Immer noch 56 % der Juden glauben an ein Leben nach dem Tod und die Hälfte aller in Israel lebenden Juden (51%) geht weiterhin vom Kommen eines Messias aus.

Von den Juden, die der Religion etwas abgewinnen können, bezeichnen sich 32% als traditionell, 15% als religiös (2009: 11%) und 7% als orthodox, zwei Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. Damit ist  in den letzten Jahren in Israel das Interesse an Religion und die Ausübung der Religiosität gestiegen, obwohl lange vom Gegenteil ausgegangen wurde.

Assaf Inbari von der linksliberalen Zeitung Haaretz bemerkt: „Seit Jahren begleitet uns die Illusion einer säkularen Mehrheit im Volk. Das Problem liegt darin, dass die Atheisten sich selbst für die Mehrheit halten. Damit verhalten sie sich, als seien sie die Herrscher, ganz so, wie es auch die Orthodoxen tun.“ Fakt ist, dass weder Atheisten noch Orthodoxe die Mehrheit darstellen, sondern mindestens 40% der Juden ihren jüdischen Glauben sehr bewusst leben.

Der Rest der in Israel lebenden Juden erinnert sich laut Meno Kalischer, dem Gemeindeleiter der messianischen „Jerusalem Assembly“, „während den Feiertagen und in Notzeiten“ an Gott, wobei selbst das im Vergleich zu – beispielsweise – Europa überdurchschnittlich ist. So fasten immer noch 68% aller Juden am Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag. Am Schabbat gehen nur 11% der Juden arbeiten und 16% einkaufen. Auf den in orthodoxen Kreisen streng verbotenen Medienkonsum wird jedoch nicht von allen verzichtet: 65% der Juden in Israel schalten am Schabbat den Fernseher ein und 52% surfen im Internet.

Die jüdischen Traditionen gelten insgesamt für viele weiterhin als hohes Gut und werden dementsprechend auch mit oder ohne religiöse Überzeugung gepflegt: 72% der jüdischen Familien essen koscher und 84% der Juden geben an, dass die Familie für sie einen hohen Stellenwert hat, besonders das Zusammensein am Schabbat. In zwei von drei jüdischen Familien brennen zum Schabbateingang am Freitag Abend die Schabbatkerzen.

Für die politische Ebene wird auf der einen Seite erkennbar, dass die Thematik aus dem Staatswesen nicht wegzudenken ist und religiöse Werte viele nationalpolitischen Entscheidungen mitbestimmen. Auf der anderen Seiten fällt der Gegensatz zwischen der religiösen Bevölkerung und meist weniger religiös eingestellten politischen Entscheidungsträgern auf. Der Publizist Menachem Ben schreibt in der Zeitung Maariv: „Den 80 Prozent der Juden, die gottgläubig sind, steht die Ignoranz israelischer Führer, die zu einem strategischen Problem in einer immer religiöseren Welt wird, gegenüber. (…) Das politische Israel weiß nichts mehr vom religiösen Kern des Konflikts“.

Dies kann nun – wie von Ben selbst – negativ, oder – wie von anderen – positiv, weil förderlich für eine Lösung des Nahostkonfliktss bewertet werden. Sicher ist, dass die Politiker und die Leitmedien in ihrer Antireligiosität die israelische Bevölkerung nicht richtig abbilden und vertreten, so der Historiker Zwi Sadan: „Israels Medien sind konsequent antireligiös geprägt. Auch wenn Israel als säkularer Staat dargestellt wird, glaubt doch die breite Mehrheit an den Gott Israels!“

Der Umfrage zufolge betrachten sich etwa 67% der in Israel lebenden Juden immer noch als Gottes auserwähltes Volk, wenn auch 44% der Juden im Konfliktfall der Demokratie den Vorrang vor den Gesetzen der Halacha geben würden.

Offen bleibt die Frage, was genau der Glaube an Gott für die 80% der Befragten impliziert, welche Auswirkungen er beispielsweise neben der Befolgung von Traditionen und Gesetzen auf das persönliche Leben hat. Das Urteil von Jakob Damkani, messianischer Jude und Evangelist in Israel, ist drastisch: „Diejenigen, die von sich behaupten, an Gott zu glauben, wissen oft nicht einmal, wer ihr Gott ist. Sie glauben zwar an Gott, doch ihr Gott ist der Gott der Pharisäer und Rabbiner.“

(jp)

Quelle: Israel Heute Nr. 400 / März 2012