Zeiten und Festzeiten zum Leben – der Kalender Israels

Ein Gastbeitrag von Reiner Wörz, Theologischer Referent der Langensteinbacher Höhe e.V.

 Juni 2021

Sie kennen wahrscheinlich den Heidelberger Katechismus von 1563, den Großen und Kleinen Katechismus Martin Luthers (Wittenberg 1529) und evtl. noch den Westminster Katechismus von 1646/1647. Es sind Handbücher zur Unterweisung in die Grundfragen des christlichen Glaubens.Zu unserer Verwunderung sagt Raphael Samson Hirsch (1808-88 Rabbiner in Frankfurt am Main): „Der Katechismus des Judentums ist sein Kalender“1Samson Raphael Hirsch, Des Juden ist sein Kalender. In: Jeschurun, Ein Monatsblatt zur Förderung des jüdischen Geistes und jüdischen Lebens in Haus , Gemeinde und Schule. 1. Jahrgang, Nr. 1 (1854), S. 1. Zitiert nach Baltes, Guido. Die verborgene Theologie der Evangelien. Die jüdischen Feste als Schlüssel zur Botschaft Jesu. S. 7. Francke Verlag 2020. ISBN978-3-96362-145-1.. Seiner Meinung nach sollen also in den Ordnungen über Zeiten, Festzeiten, Halljahre usw. usf. die Grundfragen des jüdischen Glaubens niedergelegt sein. Das erstaunt. Wir hätten doch eher den Dekalog oder das Sinai-Gesetz oder den Pentateuch vermutet, aber den „Kalender des Judentums“?

Das Portrait zeigt Rabbiner Samson Raphael Hirsch.

Ein anderes Schlaglicht: Vor einigen Jahren entbrannte ja in Deutschland eine engagierte Diskussion um Ladenöffnungen im Einzelhandel am Sonntag! Eine große Kaufhauskette klagte vor Gericht gegen das sonntägliche Verkaufsverbot. Der Leipziger Historiker Professor Ulrich von Hehl äußerte sich 2003 in der katholischen Zeitschrift der „Tag des Herrn“ in einem Interview u.a. so: „Ich wehre mich dagegen, daß die Sonntagsruhe aufgeweicht wird“2https://archiv.tag-des-herrn.de/archiv_1996_bis_2007/artikel/1682.php#gsc.tab=0. Abrufzeitpunkt: 3.6.2021.. Auf die Frage, ob wir einer Gesellschaft entgegen gehen, die sich den Sonntag abschafft, antwortete von Hehl: „Wir gehen offenkundig Zeiten entgegen, in denen der Sonntag nicht mehr christlich zu rechtfertigen ist, weil wir immer stärkere Säkularisierungs- und Entchristlichungstendenzen beobachten können“3A.a.O..

Auch die EKD befand: „Als Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung haben Sonn- und Feiertag Einzug ins deutsche Grundgesetz gefunden. Der Rhythmus, alle sieben Tage frei zu haben, ist nach christlichem Verständnis gute Schöpfungsordnung“. Der damalige EKD Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber:

„Der Sonntag ist ein Symbol für die Würde und die Freiheit, die dem Menschen von Gott her zukommen. Durch sie ist das Bild des Menschen in unsrer Gesellschaft grundsätzlich geprägt; dabei soll es auch bleiben. Deshalb wollen wir den Sonntag als Tag des Gottesdienstes, der Muße und der Besinnung erhalten“.4https://www.theology.de/themen/sonntagsruhe.php. Abrufzeitpunkt: 3.6.2021.

Wir sehen wie sowohl von jüdischer als auch christlicher Seite Fragen über „Zeiten und Festzeiten“ eine große Bedeutung beigemessen wird. Auch der Jahreskreislauf der christlichen Festtage im Kirchenjahr besinnt sich seit alters her bewusst auf heilsgeschichtliche Höhepunkte des Handelns Gottes (Advent, Weihnachten, Epiphanias, Palmsonntag, Karfreitag, Ostern, Pfingsten, Himmelfahrt, Dreieinigkeit, Gedenken der Verstorbenen, Ewigkeit usw.). Christen wurden und werden dadurch an die vergangenen sowie die zukünftigen großen Taten Gottes erinnert. Von daher lohnt es, sich darüber einmal Gedanken anhand der Bibel zu machen. Offensichtlich sind Festzeiten und Festtage nicht nebensächlich und haben, wie Rabbi Hirsch zu Recht feststellt, eine enge Verbindung mit Grundfragen des Glaubens, sowohl im Alten als auch im Neuen Testament!

 

I.Der Herr über Raum und Zeit

Es ist klar, dass der Ewige, der selber ohne Anfang und Ende ist und alles geschaffen hat, nicht selber Raum und Zeit seiner Schöpfung unterliegt. Er hat aber von Anfang in seinem Schöpfungswerk Ordnungen der Zeit und der Zeitrhythmen verankert. Nicht nur als Not- und Erhaltungsordnung nach dem Sündenfall, sondern zumindest zum Teil von Anfang an als Schöpfungsordnung!

 

1. Tag und Nacht in der Schöpfungsordnung

Schon die Anfangsworte der göttlichen Offenbarungsurkunde sprechen von “Tag” und “Nacht”:

Gen 1: 1 Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde. 2 […] 3 Und Gott sprach: Es werde Licht! […] 4 Gott schied das Licht von der Finsternis. 5 Und Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte er Nacht. Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein Tag.

body of water under cloudy sky during sunset

Die Ordnung von Tag und Nacht ist in der Schöpfung verankert.

Der Mensch kann meines Erachtens nicht ohne Schaden zu nehmen, die tief in ihm verankerte Ordnung Gottes brechen, indem er etwa die Nacht zum Tag macht. Entsprechende Studien über die Auswirkungen auf Seele und Leib bei der Schichtarbeit bestätigen dies. In einer Zeit des Kunstlichts und einem Freizeitverhalten, einem Handels-, Wirtschafts- und Finanzleben, bei dem man rund um die Uhr beschäftigt sein kann, ist das eine spezielle Herausforderung. Alles sofort und zu jeder Zeit machen zu können hinterlässt tiefe negative Spuren in Gesellschaft, Ehe und Familie. Besonders die Finanzmärkte tendieren immer stärker zum “Rund-um-die-Uhr-Betrieb“. So gibt es keine Ruhe, keine Stille, keine Muße mehr. Die Seele bleibt auf der Strecke. Selbst wenn man Zeit hat, kann man sich schlechter fokussieren und konzentrieren, da man in seiner Wahrnehmung und Aufmerksamkeit durch Reizüberflutung verlernt hat, sich länger auf Texte oder eine Sache zu konzentrieren.

Gott selber hat übrigens keinen Tag- und Nacht Rhythmus. Er hat immer Tag und ist immer im Licht. Er schläft nie. “Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht” (Ps 121, 4). Der neue Mensch in Geistleiblichkeit muss nicht mehr schlafen. Auf der neuen Erde gibt es keine Nacht mehr (Offb 21, 25).

 

2. Der Lebens-, Jahres- und Monatszyklus

Der Mensch ist von Gott seit dem Sündenfall auch in einen Lebenszyklus von Werden und Vergehen gestellt. Er wird geboren, durchläuft verschiedene Wachstumsstadien vom Embryo bis zum Erwachsenen, altert, bis er stirbt. Darüber hinaus werden uns in der Schrift markante Einschnitte bei bestimmten Lebensaltern genannt. Einige Beispiele:

  • Ein jüdischer Junge muss nach acht Tagen beschnitten werden (Gen 17, 12).
  • Im Judentum haben wir etwa im Alter von 13 Jahren Bar Mizwa. Von diesem Alter an muss der Junge vor Gott selber für seine Sünden Verantwortung übernehmen.
  • Die Wüstengeneration wurde für ihre Untreue von Gott gerichtet, aber erst im Alter von 20 Jahren an. Darunter waren sie offensichtlich in dieser Sache strafunmündig. Im selben Alter begann die Wehrpflicht (Num 1, 3; 32, 11).
  • Es gibt Altersangaben von 20, 25, 30 und 50 Jahren für den Eintritt in den Dienst und den Ruhestand bei den Leviten. Leviten begannen mit 25 Jahren im Heiligtum zu dienen. Zur Zeit Davids wurde das Alter auf 20 Jahre herabgesetzt (Num 8, 24; 1.Chr 23, 24). Leviten, die keine Priester waren, zogen sich mit 50 Jahren vom Dienst im Heiligtum zurück! Für Priester war ein Ausscheiden aus dem Amt nicht vorgesehen (Num 8, 25f). Ein bestimmtes Alter für den Eintritt in den Priesterdienst wird nicht angegeben, allerdings werden bei Zählung der Kehathiter die 30- bis 50-Jährigen berücksichtigt (Num 4, 3).
outer space photography of earth

Durch die Erdrotation und die Anordnung von Sonne und anderen Planeten hat Gott gewisse Zyklen eingeführt.

Durch die Umlaufbahnen der Erde um die Sonne, des Mondes um die Erde und anderer astronomischer Parametern wie Erdrotation und Erdachsstellung, ergeben sich Gesetzmäßigkeiten, die sich in Jahres-, Monatszyklen, Tag und Nacht, Gezeiten und Jahreszeiten niederschlagen. Gott hat das so geordnet:

Gen 1: 14 Und Gott sprach: Es sollen Lichter an der Wölbung des Himmels werden, um zu scheiden zwischen Tag und Nacht, und sie sollen dienen als Zeichen und zur Bestimmung von Zeiten und Tagen und Jahren; 15 und sie sollen als Lichter an der Wölbung des Himmels dienen, um auf die Erde zu leuchten! Und es geschah so. 16 Und Gott machte die beiden großen Lichter: das größere Licht zur Beherrschung des Tages und das kleinere Licht zur Beherrschung der Nacht und die Sterne. 17 Und Gott setzte sie an die Wölbung des Himmels, über die Erde zu leuchten 18 und zu herrschen über den Tag und über die Nacht und zwischen dem Licht und der Finsternis zu scheiden. Und Gott sah, daß es gut war. 19 Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein vierter Tag.

Ps 74: 16 Dein ist der Tag, dein auch die Nacht. Den Mond und die Sonne hast du bereitet. 17 Du hast festgelegt alle Grenzen der Erde. Sommer und Winter, du hast sie geschaffen.

In Gen 8 gibt der Ewige eine “Ewigkeitsgarantie” für die Jahreszeiten und für Saat und Ernte: “Von nun an, alle Tage der Erde, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht” (Gen 8, 22). Auch die Bestandsgarantie Israels wird mit astronomischen Gesetzmäßigkeiten verbunden:

Jer 31: 35 So spricht der HERR, der die Sonne gesetzt hat zum Licht für den Tag, die Ordnungen des Mondes und der Sterne zum Licht für die Nacht, der das Meer erregt, daß seine Wogen brausen, HERR der Heerscharen ist sein Name: 36 Wenn diese Ordnungen vor meinem Angesicht weichen, spricht der HERR, dann soll auch die Nachkommenschaft Israels aufhören, eine Nation zu sein vor meinem Angesicht alle Tage. 37 So spricht der HERR: Wenn die Himmel oben gemessen und die Grundfesten der Erde unten erforscht werden können, dann will ich auch die ganze Nachkommenschaft Israels verwerfen wegen all dessen, was sie getan haben, spricht der HERR.

Auch das Land hat seine “Sabbate”. Alle Sieben Jahre soll es ruhen. Alle 50 Jahre auch. In diesem 50’sten Jahr, dem Halljahr, sollen alle Israeliten freigelassen werden und ihren Erbbesitz wieder erlangen (Lev 23). Für die ausgefallenen Ernten der Ruhejahre will Gott zuvor doppelten und dreifachen Ertrag schenken, so dass Israel ausgezeichnet durch den besonderen Segen versorgt wird.

Wir sehen nicht nur hier, wie die Ordnungen Gottes nicht nur tief im Menschen verankert sind, sondern auch in der Flora und Fauna.

 

3. Der Wochenrhythmus in der Schöpfungsordnung

Wie den Tag- und Nacht-Rhythmus prägte Gott gleich zu Beginn den Schöpfungs-Sabbat und damit den Siebner-Wochen-Rhythmus in die Grunddisposition der noch ungefallenen Welt:

Gen 2: 1 So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. 2 Und so vollendete Gott am siebten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. 3 Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.

Nach dem krönenden Abschluss des Sechs-Tagewerkes mit der Erschaffung des Menschen geht es um den Abschluss der Schöpfungswoche. Sie endet erstaunlicherweise nicht mit dem Ende des sechsten Tages, obwohl Gott danach nichts Neues mehr ins Dasein ruft, sondern sie endet mit dem Siebten! Die sechs Tage brauchen den Siebten, um vollendet zu werden. Ohne siebten Tag ist die Schöpfungswoche unvollständig!

Bei der traditionellen Kabbalat-Schabbat-Feier gedenken Juden der Vollendung der Schöpfung und danken für die Erschaffung von Wein und Nahrung.

Eine falsche Vorstellung wäre sicher die, dass Gott erschöpft war und ausruhen musste. Vielmehr ist es so, dass sein schöpferisches Schaffen, sein Werk zum vorgesehenen Abschluss kam. Alles, was er schaffen wollte, alles, was er für notwendig erachtete, war von ihm ins Dasein gerufen worden. Jetzt konnte und sollte sich die Welt in Harmonie mit ihm entfalten. Sein „Ruhen“ (hebr. schavat) markiert das Ende des Schöpfungsprozesses. Alles war bereit und in seiner Gesamtheit nicht nur „gut“, sondern „sehr, überaus gut“. Alles war funktionsfähig an seinem Platz, sozusagen die „Hard- und Software“! Die Weltschöpfung ist vollendet, jetzt kann Weltgeschichte beginnen! Das Schaffen von Neuem hörte auf, fortan gibt es nur noch Entfaltung innerhalb der Art. M.a.W. die Schrift lehrt keine Makro-, wohl aber eine Mikroevolution. Eine Adaption an die unterschiedlichen Verhältnisse, ohne dass neue Arten entstehen. „Eben, dass seit Menschengedenken keine neue Schöpfungen entstehen, eben der in der Schöpfung waltende Schabbat beweist, […]“, so Raphael Samson Hirsch.5Hirsch, Samson Raphael. Die fünf Bücher der Tora. Erster Teil: Bereschit. S. 54. Verlag Morascha Basel 2008.

Gott segnet und heiligt den siebten Tag als einen besonderen Tag. Auf ihm liegt ein besonderer Segen, ebenso auf dem Wochenrhythmus als Grundordnung Gottes! Achtung, hier wird kein Sabbatgebot festgestellt, weder für Israel noch für die Gemeinde, sondern nur das Ruhen, Heiligen und Segnen Gottes! Auch im Neuen Testament gibt es kein Sabbatgebot für die Gemeinde, im Gegenteil wir finden sogar Warnungen vor solchen, die den Sabbat als Gebot des Herrn für die Nationen einführen wollen (u.a. Kol 2, 16). Interessanterweise finden wir unter allen aufgezählten Sünden der Nationen nicht ein einziges Mal das Brechen des Sabbats. Trotzdem kann man aus der Schöpfungsordnung wohl ableiten, dass Mensch und Tier einen von sieben Tagen als Ruhetag haben sollen. Eine Notwenigkeit nicht nur für das körperliche, sondern auch für das seelische und geistliche Leben.

Das auserwählte Bundesvolk Israel hat als Bundeszeichen später das Sabbatgebot erhalten. Erst am Berg Sinai ordnet der Ewige im Dekalog den Sabbat für Israel, nicht für die Nationen, an.

Ex 20: 8 Gedenke des Sabbattages, daß du ihn heiligest. 9 Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. 10 Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. 11 Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn.

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Schon recht zu Beginn der Torah ist das Halten des Schabbat als Gebot verankert und wird als Zeichen des Bundes mit dem Schöpfer eingeführt.

Es gibt aber bereits vorher klare Belege für die Siebner-Ordnung, ja, sogar für den Sabbat. So wird bereits Ex 16, 23 der Sabbat erwähnt. Wörtlich müsste man übersetzen: „Morgen ist Ruhe, heiliger Sabbat dem Herrn“. Auch aus dem Bericht über Noah kann man bereits für die vorsintflutliche Welt eine Einteilung der Woche in sieben Tage ableiten. Bis heute werden in Israel die Tage nur durchnummeriert (Tag eins, Tag zwei …), nur der siebte Tag hat einen Namen (Schabbat, d.h.Ruhe).

Zu unterscheiden ist davon der von den Anfängen der Gemeinde an nach Pfingsten beachtete, „dem Herrn gehörende Tag“. Es ist vom jüdischen Sabbat zu unterschieden. Im Neuen Bund beginnt die Woche mit der „Ruhe“. Der Christ kommt aus der „Ruhe“ Gottes in den Alltag! Der Herr lag ja am jüdischen Sabbat im Tod, um dann am ersten Tag der Woche aufzuerstehen.

Der Sabbat ist wie die von Gott angeordnete Beschneidung ein Bundeszeichen Gottes mit Israel.

Ex 31: 17 Er ist ein Zeichen zwischen mir und den Söhnen Israel für ewig. Denn in sechs Tagen hat der HERR den Himmel und die Erde gemacht, am siebten Tag aber hat er geruht und Atem geschöpft.

Gott hatte Israel aus der Sklaverei in Ägypten, dem Land des Totenkultes mit seinen riesigen Pyramidengräbern, ins verheißene Land des Lebens geführt, deshalb hat er ihnen geboten den Sabbat zu halten. Er ist ein besonderer Erinnerungs- und Gedenktag für die Befreiung aus der Sklaverei in die Freiheit:

Deu 5: 15 Denn du sollst daran denken, dass auch du Knecht in Ägypten warst und der HERR dich von dort herausgeführt hat mit mächtiger Hand und ausgerecktem Arm. Darum hat dir der HERR, dein Gott, geboten, dass du den Sabbattag halten sollst.

Hanspeter Obrist spricht zurecht von der „Ruhe Gottes, zu der uns Gott einmal wöchentlich einlädt. Er bietet sie uns an, er will sie mit uns teilen, uns zum Heil. Die Annahme heißt den Feiertag heiligen“. So verwundert es auch nicht, dass der Sabbat als Erstes bei den Festen des HErrn, den heiligen Versammlungen, genannt wird:

Lev 23: 1 Und der HERR redete zu Mose: 2 Rede zu den Söhnen Israel und sage zu ihnen: Die Feste des HERRN, die ihr als heilige Versammlungen ausrufen sollt, meine Feste sind diese: 3 Sechs Tage soll man Arbeit tun; aber am siebten Tag ist ein ganz feierlicher Sabbat, eine heilige Versammlung. Keinerlei Arbeit dürft ihr tun; es ist ein Sabbat für den HERRN in all euren Wohnsitzen.

Der Sabbat wird nicht als Last verstanden, sondern als Segen, als Geschenk Gottes, der im Judentum wie eine „Königin“ empfangen wird. Da Gott diesen Tag segnete und heiligte, liegt ein besonderer Segen auf diesem Tag. Ein Angebot Gottes zur Ruhe zu kommen, Kraft aus seiner Gegenwart zu schöpfen. Selbst säkulare Juden treffen sich am Sabbat gern zum gemeinsamen Familienessen! Jesus belehrt seine Zeitgenossen, dass „der Sabbat um des Menschen willen geschaffen worden ist und nicht der Mensch um des Sabbats willen“ (Mk 2, 27). Also aus Liebe und Barmherzigkeit Gottes zum Menschen.

Die „Ruhe Gottes“ ist letztendlich nur im Heil, das Jesus Christus gebracht hat, möglich. Die volle Sabbatruhe hat der Mensch erst durch das Versöhnungswerk Jesu durch das Eingehen in die Heilsruhe Gottes. Ziel ist in die Gegenwart Gottes und in die Gemeinschaft mit ihm führen. Diese Gemeinschaft ist nur Versöhnten möglich. Dazu muss das Trennende zwischen Gott und den Menschen beseitigt werden: die Sünde. Das ist der Unglaube, das Misstrauen gegen Gott („Das ist die Sünde, dass sie nicht an mich glauben!“, Joh 16, 33), welches sich bereits im Sündenfall (Gen 3) zeigte.

Wegen ihres Unglaubens konnte Israel auch noch nicht in die Ruhe Gottes eingehen:

Hebr 4: 1 So lasst uns nun mit Furcht darauf achten, dass keiner von euch etwa zurückbleibe, solange die Verheißung noch besteht, dass wir zu seiner Ruhe kommen. 2 Denn es ist auch uns verkündigt wie jenen. Aber das Wort der Predigt half jenen nichts, weil sie nicht glaubten, als sie es hörten … 9 Es ist also noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes. … 11 So lasst uns nun bemüht sein, zu dieser Ruhe zu kommen, damit nicht jemand zu Fall komme durch den gleichen Ungehorsam.

 

4. Zusammenfassung

In dieser kurzen Zusammenschau wird deutlich, wie vielfältig Gottes Ordnungen über Zeitrhythmen und, wie wir noch sehen werden, Festzeiten das Leben prägen und prägen sollen. Gott ist auch hier ein Gott des Friedens und nicht der Unordnung” (1.Kor …). “Im Frieden leben” bedeutet, neben dem grundlegend in Ordnung gebrachten Verhältnis zu Gott, biblisch, in den Lebensordnungen zu leben. Es sind Entfaltungs- und Gestaltungsräume, damit Leben gelingen kann. Grenzverletzungen schaden dem Menschen und bringen “Unordnung”. Ohne Gott verliere ich mich in der Welt!

 

II. Gott ordnet Festzeiten an

Der Herr gebietet seinem Volk spezielle Festzeiten. Zeiten der besonderen Gemeinschaft mit ihm und untereinander. Zeiten der Ruhe, der Besinnung, der Umkehr und der Freude! Nicht nur einmal pro Woche, sondern mehrmals pro Jahr soll jede Arbeit ruhen:

Lev 23: 1 Und der HERR redete zu Mose: 2 Rede zu den Söhnen Israel und sage zu ihnen: Die Feste des HERRN, die ihr als heilige Versammlungen ausrufen sollt, meine Feste sind diese: […] 4 Dies sind die Feste des HERRN, heilige Versammlungen, die ihr ausrufen sollt zu ihrer bestimmten Zeit:.[…] 7 Am ersten Tag soll für euch eine heilige Versammlung sein, keinerlei Dienstarbeit dürft ihr tun. […] 21 Und ihr sollt an eben diesem Tag einen Ruf ergehen lassen – eine heilige Versammlung soll euch sein. Keinerlei Dienstarbeit dürft ihr tun: eine ewige Ordnung in all euren Wohnsitzen für eure Generationen. […] 24 Im siebten Monat, am Ersten des Monats, soll euch Ruhe sein, eine Erinnerung durch Lärmblasen, eine heilige Versammlung. […] 27 Doch am Zehnten dieses siebten Monats, da ist der Versöhnungstag. Eine heilige Versammlung soll er für euch sein, und ihr sollt euch selbst demütigen […]”.

Das jüdische Volk versammelte sich zu bestimmten Festtagen im Tempel, um gemeinsam zu feiern.

Gott will also Ruhe- und Festzeiten, wenn man so will „Urlaubszeiten“. Aber nicht nur, um Seele und Leib zu pflegen, sondern Geist, Seele und Leib! Man soll zur Ruhe und zur Freude bei Gott kommen und sich gemeinsam an ihm freuen. So wird auch der Glaube gestärkt und der innere Kompass neu genordet. So wie jedes Schiff, das Lasten über den Ozean trägt, immer wieder ins Dock muss, jedes Auto in die Inspektion, muss der Mensch besondere Zeiten der Gegenwart Gottes und der Gemeinschaft haben. Jeden Tag („Stille Zeit“), jede Woche (Bibelstunde und Gottesdienst) und mehrmals im Jahr einige Tage (Gemeindefreizeit o.ä.). Gott will keine Arbeitssklaven, kein geistliches Leben wie ein Hamster im Laufrad.

Ein Paradebeispiel für eine Festzeit in Gemeinschaft mit dem Herrn und einer Neuausrichtung auf ihn durch das Hören auf sein Wort, das Gebet, die Umkehr und der Freude, finden wir im Buch Nehemia:

Neh 8: 17 Und die ganze Versammlung, […], machten Laubhütten und wohnten in den Hütten. […] Und es war eine sehr große Freude. 18 Und man las aus dem Buch des Gesetzes Gottes Tag für Tag vor, vom ersten Tag bis zum letzten Tag. Und sie feierten das Fest sieben Tage lang. Und am achten Tag war die Festversammlung nach der Vorschrift. 9: 1 Und am 24. Tag dieses Monats versammelten sich die Söhne Israel unter Fasten und in Sacktuch, und mit Erde auf ihrem Haupt. 2 […] Und sie traten hin und bekannten ihre Sünden und die Verfehlungen ihrer Väter. 3 Und sie standen auf an ihrer Stelle, und man las aus dem Buch des Gesetzes des HERRN, ihres Gottes, vor, ein Viertel des Tages. Und ein anderes Viertel des Tages bekannten sie ihre Verfehlungen und warfen sich nieder vor dem HERRN, ihrem Gott. 4 Und Jeschua und […] Kenani traten auf das Podium der Leviten, und sie schrieen mit lauter Stimme um Hilfe zu dem HERRN, ihrem Gott. (Hervorhebung durch Verf.)

 

III. „Festzeiten“ als Geschenk Gottes

Auch wir heute brauchen besondere Zeiten der besonderen Konzentration und Gemeinschaft, ansonsten verlieren wir uns im Getriebe der Welt. Das Licht der Ewigkeit muss immer wieder in unser Leben fallen. Zu Recht bemerkt Thomas von Aquin, dass wir alles „sub ratione dei“ betrachten, also alles aus dem Blickwinkel Gottes! D.h. alles Leben, Schaffen, Arbeiten und Wirken bleibt letztlich leer, ohne den Bezug zu Gott!

“Thomas von Aquin schreibt in der Summa Theologiae: ‘Alles wird in der Heiligen Lehre (= Theologie) aber unter dem Gesichtspunkt Gottes (sub ratione Dei) behandelt, weil es entweder Gott selbst ist oder weil es eine Ordnung auf Gott als seinen Ursprung und sein Ziel hin hat’“.6https://subrationedei.blogspot.com/2013/01/sub-ratione-dei.html. Abrufzeitpunkt: 3.6.2021.

Der Mensch kann nicht ohne Schaden für sich selbst und seine ihm anvertraute Umwelt die von Gott gewollten Ordnungen über Bord werfen. Es gab in der Geschichte immer wieder Versuche. So gab es in der UdSSR von 1929 bis 1940 ebenso einen Revolutionskalender wie in Frankreich von 1789 bis1805. Der sowjetische Revolutionskalender sollte als antireligiöse Maßnahme die Sieben-Tage-Woche durch eine unterbrochene Fünf-Tage-Arbeitswoche den christlichen Sonntag als Ruhetag abschaffen und eine Produktivitätssteigerung bringen. In Frankreich wurde mit der Revolution von 1789 die Trennung von Staat und Kirche durchgesetzt, daher sollte der neue Kalender keinen christlichen Bezug (z. B. Christi Geburt, christliche Feiertage) mehr enthalten. Vielmehr sollte in allen Bereichen die menschliche Ratio bestimmend sein. Wirtschaftlich brachte die eingeführte Zehn-Tage-Woche eine erhebliche Erhöhung der Zahl der Arbeitstage mit sich, da nur noch alle zehn Tage ein Ruhetag war und zudem die zahlreichen kirchlichen Feiertage wegfielen. Beide Versuche wurden nach einiger Zeit eingestellt.

Heute wird nicht nur die Nacht zum Tage gemacht, sondern auch eine „twenty-four/seven“-Mentalität forciert, die eine die ständige Bereitschaft bzw. Verfügbarkeit bezeichnet. Die Abkürzung steht für 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, also immer. Auch der letzte Weltherrscher rebelliert gegen Gott: „Und er wird Worte reden gegen den Höchsten und wird die Heiligen des Höchsten aufreiben; und er wird danach trachten, Festzeiten und Gesetz zu ändern […]“ (Dan 7, 25).

Die Zeit wird immer schnelllebiger – aber Ruhe mit Gott ist notwendig.

Dieser ständige Betrieb ist m.E. eine Strategie des Teufels, damit der Mensch nicht mehr zur Ruhe kommt. Er ist selber in eine Art „Dauerbetrieb“, so dass das Denken und Nachdenken blockiert ist und der Mensch nicht zur Ruhe und Besinnung kommt. Es soll in medialem Trommelfeuer und einer Informations- und Reizflut in einer Art Rauschzustand ständig belegt sein, damit er taumelnd wie ein Unnüchterner durchs Leben marschiert. Die moderne Informationstechnologie trägt ein Übriges dazu bei. Mit dem Smartphone ist man ständig erreichbar und kann immer online sein. Doch die ständige Erreichbarkeit hat eine Kehrseite. Viele Studien weisen darauf hin, dass die ständige Erreichbarkeit ein Risiko für das psychische Befinden darstellt. C.S. Lewis hat in seinem Buch „Dienstanweisungen an einen Unterteufel“ in kurzen Briefen eines Oberteufels an einen Lehrling beschrieben, wie Menschen zu manipulieren sind, um ihre Seelen zu gewinnen – und sie somit Gott zu entziehen sind. Eine Anweisung lautet, die Menschen ständig zu beschäftigen, in Unruhe zu versetzen.

Wer sich ständig mit irgendetwas in dieser Welt beschäftigt, ist blockiert für das Denken über das Wichtigste. Es macht müde, zerfasert und erschwert unsere Beziehung zu Gott. Das wirkliche Entscheidende, das Wichtigste bleibt auf der Strecke. Was wir brauchen, sind Zeiten der Ruhe vor Gott, um Abstand zu gewinnen, zur Besinnung und zur neuen Ausrichtung auf Gott zu kommen. Jeden Tag 30 min der Stille vor Gott mit Gebet und Bibel lesen, jeden Woche einen Tag mit Gottesdienstbesuch undjedes Jahr mindestens ein, zwei Wochen auf einer christlichen Konferenz sind notwendige geistliche Oasen.

Gott will uns immer wieder in die Ruhe vor sich führen! Das “Atemholen“ in seiner Gegenwart gibt uns Kraft, macht Mut, stärkt den Glauben, hält die Hoffnung lebendig und richtet neu auf das Ziel aus. Diese Zeiten der Gottesbegegnung machen Mut, aufzustehen und weiterzugehen. Der innere Kompass wird neu ausgerichtet und kalibriert. Die Prioritäten und Maßstäbe, die uns so leicht im Alltag, in der Mühle des Lebens, verrutschen, werden wieder neu geordnet. Deswegen möchte uns der Geist Gottes regelmäßig zum Auftanken führen, d.h. unser Leben so zu organisieren, dass wir immer wieder aus der Gegenwart Gottes heraus leben und arbeiten! Wer immer nur rennt, läuft und arbeitet, rennt, läuft und arbeitet schnell am eigentlichen vorbei; das gilt insbesondere auch Arbeitern im Weinberg Gottes! Die Zahl der Ausgebrannten und Frustrierten nimmt auch deswegen ständig zu, weil wir verlernt haben, in der rechten Balance zwischen Arbeits- und Ruhephasen zu leben! Leider wurde auch manche Gemeinde vom Ungeist der Viel-Betriebsamkeit ergriffen. Weniger wäre hier nicht selten mehr.

man reading book on beach near lake during daytime

In Ruhe vor Gott zu kommen und Zeit mit Jesus Christus zu verbringen, kann sehr heilsam für die Seele sein und sich positiv auf den Alltag auswirken.

Jetzt «muss» ich auch noch Ruhen? Eine neue Last? Nein, ein Geschenk, eine gute Gabe Gottes! Keine verlorene, sondern gewonnene Zeit! Zeit der besonderen Qualität! Der Qualität Gottes! Ich darf das Wunder erleben, dass mein ganzes Leben, meine Arbeit, mein Dienst, mein Alltag eine ganz neue Qualität bekommen, wenn ich regelmäßig bei Jesus zur Ruhe kommen darf. Das ganze Leben wird durchdrungen, geheiligt und gesegnet!

 

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    Samson Raphael Hirsch, Des Juden ist sein Kalender. In: Jeschurun, Ein Monatsblatt zur Förderung des jüdischen Geistes und jüdischen Lebens in Haus , Gemeinde und Schule. 1. Jahrgang, Nr. 1 (1854), S. 1. Zitiert nach Baltes, Guido. Die verborgene Theologie der Evangelien. Die jüdischen Feste als Schlüssel zur Botschaft Jesu. S. 7. Francke Verlag 2020. ISBN978-3-96362-145-1.
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    https://archiv.tag-des-herrn.de/archiv_1996_bis_2007/artikel/1682.php#gsc.tab=0. Abrufzeitpunkt: 3.6.2021.
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    A.a.O.
  • 4
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  • 5
    Hirsch, Samson Raphael. Die fünf Bücher der Tora. Erster Teil: Bereschit. S. 54. Verlag Morascha Basel 2008.
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    https://subrationedei.blogspot.com/2013/01/sub-ratione-dei.html. Abrufzeitpunkt: 3.6.2021.
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    Samson Raphael Hirsch, Des Juden ist sein Kalender. In: Jeschurun, Ein Monatsblatt zur Förderung des jüdischen Geistes und jüdischen Lebens in Haus , Gemeinde und Schule. 1. Jahrgang, Nr. 1 (1854), S. 1. Zitiert nach Baltes, Guido. Die verborgene Theologie der Evangelien. Die jüdischen Feste als Schlüssel zur Botschaft Jesu. S. 7. Francke Verlag 2020. ISBN978-3-96362-145-1.
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    A.a.O.
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    Hirsch, Samson Raphael. Die fünf Bücher der Tora. Erster Teil: Bereschit. S. 54. Verlag Morascha Basel 2008.
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    https://subrationedei.blogspot.com/2013/01/sub-ratione-dei.html. Abrufzeitpunkt: 3.6.2021.
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