Die Bergpredigt Jesu aus jüdischer Perspektive – Teil 1

Eine Einführung zur Bergpredigt

Für viele Menschen – nicht nur für Christen – ist die „Bergpredigt“ die berühmteste Rede Jesu. Einprägsam, inspirierend und immer wieder rezitiert – auch bis in die Gegenwart hinein – prägt sie unseren christlichen Glauben und unser Zusammenleben als Christen. Diese weltbekannte und revolutionäre Rede hat nach wie vor nichts an Brisanz und Aktualität verloren. Angesichts ihrer kulturübergreifenden Prägekraft erscheint die Frage berechtigt: Wozu noch eine jüdische Perspektive der Bergpredigt?

 

Die Bibel – ein Buch verwurzelt im jüdischen Leben Israels

Die Antwort wirkt vielleicht banaler und weniger überraschend, als man denkt. Oft wird leicht übersehen, dass es sich bei den Schriften im Neuen Testament (wie auch bei denen im Alten Testament) es sich um „Bücher“ handelt, die im jüdischen Leben Israels verwurzelt sind: die Bibel, ein Buch, geschrieben von Juden, die an Jesus als HERRN und Messias/ Christus glaubten (die Mehrzahl der Autoren sind ursprünglich Juden), über einen Juden (Jesus von Nazareth), der während seiner Wirksamkeit zuerst zu Juden (aus denen sich seine Jünger rekrutierten) und dem jüdische Volk sprach (Mt. 15,24). Es wird deutlich, dass eine Auslegung der Bergpredigt ohne Bezug zu ihrem jüdischen Hintergrund einseitig bleibt.

Diese Position vertritt auch der messianische Jude Anatoli Uschomirski in seinem neusten Buch „Die Bergpredigt aus jüdischer Sicht – Was Juden und Christen gemeinsam von Jesus lernen können“. Er betont: „Gott wirkt nicht an Raum, Zeit und Kultur vorbei. […] Es war die einzigartige Idee Gottes, dass uns die Bibel als jüdisches Dokument überliefert wurde.“ [1] Wenn auch die Bibel per se genuin sicherlich kein „jüdisches Buch“ ist, wie Uschormirski es formuliert, weil der Christusglaube der Autoren im Neuen Testament immer schon vorausgesetzt ist, der sie vom genuinen Judentum unterscheidet (Röm. 1,16; 3,9-11 u.ö.), eröffnet seine Untersuchung doch einen bereichernden und erfrischend anderen Horizont auf die berühmte Rede Jesu, eben aus jüdischer Perspektive.

 

Die Evangelien – der jüdische Kontext und die messianische Erwartung

Die Bergpredigt, welche eine Sammlung von zentralen Worten Jesu bildet, ist im Evangelium nach Matthäus (Kap. 5-7) nach der Versuchung Jesu (Kap. 4) und vor seinem wunderhaften Wirken (Kap. 8 – Heilung eines Aussätzigen usw.) verortet (vgl. auch „Feldrede“ im Lukas-Evangelium 6,20-49). Die mündliche Tradition der Weitergabe von Botschaften war in Israel sehr verbreitet, sodass die Geschichte Jesu von Nazareth nach seinem Tod und Auferstehung selbstredend mündlich weitererzählt wurde. Später zwischen ca. 60 und 80 n.Chr. wurden die sogenannten synoptischen Evangelien als Augenzeugenberichte (griech. συνόψις [synópsis] = zusammenschauen/ gemeinsam schauen) niedergeschrieben, die zuvor bereits in vielfältigen mündlichen und fragmentarisch textlichen Varianten im Umlauf waren (Lk.1,1-4). Im Gegensatz zu Markus, der das erste Evangelium schrieb, rückte Matthäus mehr die Lehre Jesu in den Vordergrund, von der die Bergpredigt einen großen Teil ausmacht. Warum? Es ist bekannt, dass Matthäus sein Evangelium an die Juden richtete bzw. an eine Christus-Gemeinde, die mehrheitlich aus Bekehrten aus dem Judentum bestand. Der jüdischen Vorstellung nach sollte der kommende Messias vor allem ein Lehrer der Tora sein. Er soll „die Wahrheit lehren“, was im jüdisch-kulturellen Kontext bedeutet, dass er das Wort Gottes, die Tora (die fünf Bücher Mose), richtig auslegen würde. Die Verbindung zum Alten Testament ist also grundlegend für das Verständnis der Lehre Jesu.

 

Die Bergpredigt – eine Einordnung ins Matthäus-Evangelium

Historischen Quellen belegen (Papias, Irenäus, Tertullian, Origenes, Eusebius), dass höchstwahrscheinlich ein Ur-Matthäus-Evangelium zunächst auf Hebräisch verfasst wurde. Einige Forscher vertreten die Auffassung, dass der Aufbau des Matthäusevangeliums dem Muster der Tora entspreche [2]. Unumstritten ist die gelegentlich geäußerte Auffassung, dass Matthäus den Messias als den neuen Mose, die bedeutendste Person in der Tora für die Juden, präsentieren wollte. Dies wird insbesondere in den dargelegten Parallelen im Leben von Jesus und Moses erörtert. Die Bergpredigt als zentrales Element der Lehre Jesu befindet sich dabei im letzten Teil des ersten Buchs der „Tora nach Matthäus“. Die Frage bleibt: Was ist der Zweck dieser Rede in ihrem ursprünglichen jüdischen Kontext an jüdische Hörer und primär natürlich an seine jüdischen Jünger?

Als er aber die Volksmengen sah, stieg er auf den Berg; und als er sich gesetzt hatte, traten seine Jünger zu ihm.

Matthäus 5,1

Und er erhob seine Augen zu seinen Jüngern und sprach: Glückselig ihr Armen, denn euer ist das Reich Gottes.

Lukas 6,20

 

Der Beginn der Redesituation gibt uns wertvollen Aufschluss über die ursprünglichen jüdischen Adressaten und den damaligen Zweck dieser „Predigt“, wie sie Jesus vor jüdischen Landsleuten gehalten hat. Zugleich sollte uns jedoch bewusst sein, dass das geschriebene Matthäus-Evangelium bewusst und absichtlich an eine christliche Gemeinde damaliger Zeit gerichtet war und an Christen abgeschickt wurde, so dass die Bergpredigt in der Komposition des Evangeliums sowohl im jüdischem Hintergrund eingewurzelt ist, als auch zugleich für einen christlichen Gemeindekontext gemeint gewesen ist.

Übrigens scheint das Wort „Predigt“ unpassend zu sein, da Jesus bei der Rede nicht im heutigen Verständnis auf einer Kanzel steht. Vielmehr handelt er wie ein typisch jüdischer Lehrer (Rabbi), der – der Sitzordnung der jüdischen Tradition folgend – seine Jünger um sich sammelt und lehrend unterweist. Somit galt diese „Bergpredigt“ nicht im universalen Sinn allen Menschen, sondern seinen hingegebenen Jüngern als „Betriebsanleitung“ für seine mit ihm beginnende Reich-Gottes-Herrschaft, die er selbst in seiner Person, seiner Lehre und seinem Wirken repräsentierte.

In der Tat enthält die Bergpredigt, in der sich die Lehre Jesu konzentriert, verschiedene Redenelemente: u. a. die Seligpreisungen, das Vaterunser, das Gebot der Feindesliebe sowie die „Goldene Regel“. Im nächsten Teil dieser Betrachtung zur Bergpredigt werden wir mit der Deutung der Seligpreisungen aus jüdischer Sicht beginnen und danach fragen, welche Inspirationen wir daraus mitnehmen können.

Tianji Ma

 

[1] Uschomirski, Bergpredigt, 8.

[2] Vgl. Uschomirski, Bergpredigt, 13. Uschomirski schlägt für „die Tora nach Matthäus“ folgende Unterteilung vor: Kap. 1-8 = I. Buch; Kap. 8-10 = II. Buch; Kap. 11-13 = III. Buch; Kap. 13-19 = IV. Buch; Kap. 19-27 = V. Buch; Kap. 27-28 = Schluss.

Literatur:

Davies, W. D. / D. C. Allison, Matthew (International Critical Commentary series), London 2004

Gnilka, Joachim, Das Matthäusevangelium (Herders theologischer Kommentar zum Neuen Testament), Freiburg 2014

Luz, Ulrich, Matthäus (Evangelisch-kath. Kommentar zum Neuen Testament), Göttingen 2002

Uschomirski, Anatoli, Die Bergpredigt aus jüdischer Sicht – Was Juden und Christen gemeinsam von Jesus lernen können, Gießen 2020

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