„Durch die Augen eines Achtjährigen“ – eine Rezension zum Film „Der Junge im gestreiften Pyjama“ (2008) von Mark Herman

Der Regisseur Mark Herman wagt ein echtes Experiment. Sein ungewöhnlicher Film „Der Junge im gestreiften Pyjama“ versucht sich dem Holocaust aus einer eigentümlichen, naiv-kindlichen Perspektive zu nähern. Erzählt wird eine bewegende, fiktive Geschichte, bei der der Sohn eines KZ-Kommandanten sich mit einem gleichaltrigen jüdischen Gefangenen anfreundet.

 

Eine mehr als ungewöhnliche Geschichte …

Anfang der vierziger Jahre: Der achtjährige Bruno lebt mit seiner Familie in einem herrschaftlichen Haus in Berlin, als er eines Tages erfährt, dass die Familie bereits am nächsten Tag aufs Land umziehen werde. Was Bruno nicht ganz verstehen kann: Sein Vater Ralf ist ein SS-Obersturmbannführer, der gerade zum Kommandanten eines Arbeitslagers befördert wurde. Das neue Heim entpuppt sich als schwer bewachtes düsteres Gebäude. Den Hinterhof des Grundstücks, das zunächst für einen Bauernhof gehalten wird, darf Bruno nicht betreten. Er wundert sich nur, dass die „Bauern“ alle gestreifte Schlafanzüge tragen, wie auch er einen hat.

 

… mit einer ungewöhnlichen Freundschaft

Eines Tages gelingt es Bruno, sich unbemerkt auf eine Expedition durch den verbotenen Wald zu begeben. Vor dem gewaltigen Maschendrahtzaun macht er Bekanntschaft mit einem Jungen in seinem Alter namens Schmuel. Die Achtjährigen freunden sich an, und von nun an stiehlt sich Bruno täglich von zu Hause fort, um seinen einzigen Freund zu besuchen. Bruno erfährt von Schmuel, dass der Drahtzaun keineswegs das Lager vor wilden Tieren schützen solle, wie er mutmaßt, sondern dass dieser die darin eingesperrten Juden an der Flucht hindern solle. Zuhause hat Bruno einen Privatlehrer, der mit ihm Texte über die „schlechten Juden“ liest. Als Bruno einwirft, es gebe doch auch „gute Juden“, wird er vom Lehrer und seiner Schwester Gretel zurechtgewiesen.

 

… und einem schockierenden Ende

Mit seinen acht Jahren beobachtet Bruno mit wachsendem Misstrauen die Heimlichkeiten, mit denen sein Vater sich umgibt. Er wird zunehmend gewahr, dass sein Vater nicht nur ein liebender Versorger ist. Als die Mutter Elsa realisiert, dass ihr Mann die Kommandantur über ein Konzentrationslager innehat, beginnt die Ehe auseinanderzubrechen. Schließlich kann sie durchsetzen, mit ihren Kindern nach Heidelberg zu Verwandten zu gehen. Kurz vor der Abreise geht Bruno noch einmal zum Lager. Schmuel ist bedrückt: sein Vater ist verschwunden. Beide Jungen gehen auf die Suche. Sie werden unwillig in eine Sonderbaracke getrieben. Sie sollen ihre Kleider ausziehen. Die Familie findet Brunos Kleidung am Lagerzaun. Ralf rennt ins Lager, mit versteinertem Gesicht bleibt er vor den Gaskammern stehen…

 

Der Horror aus der Perspektive eines Achtjährigen

Was den Film „Der Junge im gestreiften Pyjama“ auszeichnet, ist seine besondere Erzählperspektive durch die Augen eines Achtjährigen. Es ist eine Fabel über die Unschuld und Naivität eines kleinen Menschen, der sich kein Bild von dem Horror machen kann, der ihn umgibt. Von Bruno, im Vordergrund der meisten Szenen positioniert, wird sein normales Alltagsleben dargestellt. Mehrere eindringliche Momente der Hintergrundhandlung (in Bezug auf die Diskriminierung der Juden und den Völkermord) fallen mit diesen Aufnahmen der Alltagsnormalität zusammen, in denen er die erschreckende Wahrheit um ihn herum nicht wahrzunehmen scheint. Gerade durch diesen unterschwelligen Kontrast wird der Skandal des Holocaust auf schockierende Weise sichtbar. Die Freundschaft zwischen Bruno und Schmuel erscheint als das einzige Lichtmoment des Films. Obwohl die Kernhandlung nicht auf einer wahren Geschichte basiert, verweist „Der Junge im gestreiften Pyjama“ ständig auf den historischen Kontext, um jeden von uns an die schreckliche historische Realität zu erinnern.

Filmtechnisch sind einige meisterhafte Beispiele der Kameraführung sowie die elegante Verwendung von symbolischen Requisiten hervorzuheben. Ein Berg nackter Puppen, ein leerer Betonraum, ein Stacheldrahtzaun – all diese einprägenden schaurigen Bilder tragen zur Assoziation des Horrors bei, der durch die vordergründige Normalität bedeckt zu sein scheint. Auch die Farbe spielt hier eine große Rolle: Dunklere Farben suggerieren Reichtum, Macht und Gesundheit, während fade Farben (wie Beige, Braun und Weiß) das Gegenteil ausdrücken. Das Leben der beiden Jungen und das Schicksal der beiden Gruppen werden auf diese Weise gegenübergestellt. Der Kontrast zwischen diegetischem Lärm und ausgeprägter Stille untermauert die Emotionalität und schafft ein erschütterndes und zugleich überwältigendes Schlussbild. Der Zuschauer wird sprachlos zurückgelassen: die letzte Einstellung zeigt den Umkleideraum, in dem die gestreiften Jacken und Hosen der mittlerweile vergasten Häftlinge hängen geblieben sind …

Unterstützt wird der Film durch herausragende schauspielerische Leistung, die eine scheinbar akkurate Abfolge von Ereignissen schafft, was eine Realitätsnähe suggeriert. Ein besonderes Lob gebührt Asa Butterfield (Bruno), Jack Scanlon (Schmuel) und Amber Beattie (Gretel, Brunos Schwester), die als Kinderdarsteller ein unglaubliches Maß an Leistung und Einfühlungsvermögen zeigen. Jede dieser Persönlichkeiten ist überzeugend und lädt ein, sich in ihre kindliche Weltanschauung einzufühlen und mit ihnen mitzufühlen. Vera Farmiga liefert eine herzzerreißende Vorstellung als Brunos Mutter, deren langsamer Verfall der geistigen Gesundheit und Liebe zu ihrem Mann perfekt dargestellt wird. Die Schlusssequenz zeigt ihr volles Potenzial als Schauspielerin – ein herzzerreißender Moment, wenn ihre Emotionen in einem Zustand von Wut, Angst und Schmerz explodieren.

Fazit: Alles in allem ist „Der Junge im gestreiften Pyjama“ ein Muss für alle Kinofreunde. Eine so eindringliche und emotionale Geschichte, die der Regisseur Herman so realistisch und kraftvoll dargestellt hat, verdient endlose Anerkennung. Diese wird mit ihrer kontinuierlichen Spannung und ihren atemberaubenden Erzählsträngen bei vielen Menschen eindrückliche, emotional bewegende Spuren hinterlassen, die zum kritischen Nachdenken und zur Selbstbesinnung motivieren. Mit der ungewöhnlichen Erzählperspektive eines Achtjährigen und einem kraftvollen und erschütternden Ende, das sich in das Gedächtnis aller, die ihn sehen, einprägt, wird dieser wahrscheinlich auch in Zukunft ein verdienter Klassiker für Kinoliebhaber, wie für wache Zeitgenossen sein, die die längst vergangene und doch so aktuell schmerzhafte Katastrophe der Shoah zu verarbeiten versuchen.

 

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