Das jüdische Herz ist eine Fiedel

 

So schrieb der Schriftsteller und Dichter Scholem Alejchem 1888 in seiner Novelle „Stempenje. Ein jüdischer Roman“. Zahlreiche musikalische Meister sind aus der jüdischen Kultur hervorgegangen. Und so verwundert es nicht, dass im religiösen Leben des Judentums die Musik stets eine große Rolle spielte. Wer einmal den Klängen des (modernen) Klezmers lauschen durfte, ahnt kaum, dass eine jahrhundertealte Tradition dahinter steckt. Viele Menschen haben sogar noch nie etwas von diesem Genre gehört, das fest im Judentum verankert ist: Klezmer – um was für ein musikalisches Phänomen handelt es sich? Wie lässt sich der Terminus definieren? Die Antworten auf diese Fragen lassen sich nicht in zwei Sätze fassen, sondern beanspruchen ein ganzes Forschungsfeld. Hiermit soll dem Leser ein Überblick zum Klezmer verschafft werden:

„Klezmer“ bezeichnete ursprünglich das verwendete Instrument, dann den Musiker, heute auch die Musik. Der Begriff ist ein Kunstwort aus „klej“ (hebr. Werkzeug, Instrument) und „semer“ (hebr. Stimme, Lied, Gesang). So wie wir Klezmermusik heute noch greifen können, entwickelte sie sich erst im 18. bis 19. Jahrhundert im jiddischsprachigen Osteuropa. Doch die komplexe Geschichte des Klezmer beginnt wesentlich früher, auch wenn dieser Begriff damals noch lange nicht Verwendung fand. Aufgrund fehlender Überlieferung von Noten aus dieser Zeit sind die konkreten Klänge verloren gegangen. Aber aus vornehmlich christlich geprägten Schriftfunden wissen wir von einer mindestens 1000 Jahre alten jüdischen Tradition, auf Hochzeiten Musik zu spielen, insbesondere auf Streich-, aber auch auf Holzblasinstrumenten oder mit der Zimbel. Da alles jüdische Leben in einem religiösen Gefüge stattfindet,  wurde „Hochzeitsspieler“ zum sakralen Beruf.

Einerseits ist das ist keine Selbstverständlichkeit. Denn mit der Zerstörung des Tempels 70 nach Christus sollten im jüdischen Ritus zunächst keine musikalischen Elemente Platz finden, die instrumental unterstützt werden. Damit wird der Trauer über den Verlust der Kultstätte Ausdruck verliehen. Eine Ausnahme bildet das Schofarblasen an Neujahr (das ist ein Ruf zur Reue und Erinnerung an das Schofarblasen am Sinai, vgl. Ex 19,19). Andererseits verlangt die religiöse Pflicht, einem Brautpaar an seinem Hochzeitstag Freude zu bereiten. Damit befand sich der jüdische Musiker, den man damals „Lets“ (Pl. Letsim) nannte, stets in einer empfindlichen Spannung. Es verwundert nicht, dass er als Außenseiter galt. Das gesellschaftliche Ansehen war eher gering. Meistens durchlebten sie auch keine besondere musikalische Ausbildung. Vielmehr lernten die Spieler von ihren Vätern, und diese hatten die Kunst ebenso von ihren Vätern gelernt. Professionelle Berufsmusiker können ab dem 16. Jahrhundert nachgewiesen werden. Zeugnisse berichten zunächst sogar vereinzelt von Auftritten auf Märkten und in den Häusern reicher Bürger. Spätestens ab dem 18. Jahrhundert jedoch waren jüdische Musiker auf nichtjüdischen Hochzeiten keine Seltenheit mehr.

Streichinstrumente sind typisch für den Klezmer.

Grund für die Ausdehnung auf weitere musikalische Schauplätze war die einsetzende Aufklärung: Die Ghettos der jüdischen Gemeinden in Mitteleuropa verschwanden langsam. Kulturelle Grenzen verwischten, feste religiöse Strukturen und ganze Gemeinden lösten sich auf. Weil der Wert von Ritualen sank, wurde auf der einen Seite der Klezmer als traditioneller Bestandteil einer jüdischen Hochzeit zurückgedrängt. Auf der anderen Seite spielten immer mehr christliche Musiker Klezmer-Klänge in nichtjüdischen Kontexten nach. Damit verlagerte sich der Mittelpunkt der Klezmermusik zunehmend ins orthodoxe Judentum Osteuropas, wo die Aufklärung nicht die gesellschaftlichen Auswirkungen zeigte wie in Mitteleuropa. Dort wurden religiöse Elemente weiterhin streng bewahrt. Der Klezmer konnte sich in diesem geschützten Raum weiterentwickeln.

Im Zuge von Pogromen und andauernder ideologisch begründeter Unterdrückung der Juden wanderten viele von ihnen Ende des 19. Jahrhunderts in die USA aus – und nahmen ihre Musik mit. Zu diesem Zeitpunkt beherrschte nahezu jeder Jude Jiddisch. Sprache und Musik sind dadurch zwangsläufig eng miteinander verbunden. Beide sind als Fusion verschiedener Einflüssen zu verstehen. Sie setzen sich als Mixtur aus dem hebräischen, slawischen, romanischen und mittelhochdeutschen Erbe zusammen. Der Sprecher bzw. der Musiker kann so zwischen den Kulturen „umschalten“ und vermitteln. Klezmermusik besaß daher zunächst die Eigenschaft, unter den Einwanderern wie ein Kleber zu wirken. Rasch eroberte der Stil den gesamten Entertainment-Sektor in einer der größten jüdischen Ansiedelungen New Yorks, der Lower East Side. Mit dem neuen sozialen Kontext verschwand allerdings die ehemals sakrale Bedeutung komplett. Statt liturgischem Wert kam dem Klezmer eine reine Unterhaltungsfunktion zu – zwar wurde weiterhin auf Hochzeiten gespielt, aber auch am Theater, in Weinkellern oder Kaffeehäusern. Führende Instrumente in unterschiedlicher Besetzung waren Geige, Mandoline, Cello, Kornett und Klarinette. Typischerweise klang ein wenig „Rauheit“ im Stil an, Unregelmäßigkeiten bzw. Unsauberkeiten im Rhythmus. Es mag ein „polyrhythmischer Höreindruck“ entstehen. Allerdings war das Repertoire groß und verschiedene Richtungen je nach Musiker und Publikum entstanden. Die kulturelle Blütezeit der jiddischen Subkultur war jedoch bald zu Ende. Die folgenden Generationen passten sich der neuen Heimat an, sodass der Klezmer sich immer mehr nach den Vorlieben der US-amerikanischen Gesellschaft richtete (z.B. Foxtrott) oder damit verschmolz (z.B. Swing).

Cello

Seit dem Klezmer-Revival der 1970er Jahre gibt es viele Bands, die neben anderen Stilrichtungen auch das anbieten, was man unter modernem Klezmer versteht. Es ist heute ein uneinheitlicher Musikstil, der sich bewusst in das Erbe der jiddischen Kultur stellt. Zentren gibt es vor allem dort, wo große jüdische Gemeinden zu finden sind: Chicago, Philadelphia und San Francisco. Es entstehen immer wieder auch Besetzungen aus Nicht-Juden – so war unter den ersten „gemischten“ Bands der Afroamerikaner Don Byron, der auch als Solo-Künstler Klezmer-Elemente in seiner Musik einsetzt.

Kritiker merken die Ästhetisierung, Kommerzialisierung und den Verlust der religiösen Bedeutung an, Bewahrer blicken der Zukunft ihres Erbes finster entgegen. Aber Musik lebt von „Geliehenem“  und entsteht niemals völlig unabhängig von ihrem kulturellen Kontext. Ein gewisser Grad an Assimilation gehört natürlicherweise bei der Weitergabe von Tradition dazu. Der Klezmer kann anregen, über jüdische Kultur und Geschichte nachzudenken und in jeder Zeit das tun, wozu er stets bestimmt war – den Zuhörer erfreuen.

Wer sich selber einmal ein Bild machen möchte, kann dies am Samstag, den 10.03.2018, in der Kleinen Synagoge Erfurt tun. Gleich zweimal wird es ein Klezmer-Konzert von „The String Company“ mit Lev Guzman geben. Informationen dazu gibt es unter http://juedisches-leben.erfurt.de/jl/de/service/aktuelles/veranstaltungen/2018/127210.html).

Empfehlenswerte Literatur:

Lensch, Juliane, Klezmer. Von den Wurzeln in Osteuropa zum musikalischen Patchwork in den USA, Hofheim 2010

Ottens, Rita, Joel Rubin, Klezmer-Musik, Kassel – München 1999

Winkler, Georg, Klezmer. Merkmale, Strukturen und Tendenzen eines musikkulturellen Phänomens, Salzburger Beiträge zu Musik- und Tanzforschung, Bd. 1, Bern 2003

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