Mit „Chuzpe und Herz“ – Alexandra Krioukov über jüdisches Leben in Deutschland

Wenn Alexandra Krioukov spricht, spürt man beides zugleich: die Entschlossenheit, Missstände klar zu benennen – und die Wärme einer jungen Frau, die ihre Community liebt. Ihr Motto, mit dem sie für die Jüdische Studierendenunion Deutschland (JSUD) kandidierte, fasst das zusammen: „Mit Chuzpe1Jiddisch für „Dreistigkeit“ und Herz“ – Mut und Mitgefühl, Dreistigkeit und Zugehörigkeit. Mit diesen Werten steht sie als Vorsitzende der JSUD repräsentativ für einige hunderte junge Juden in Deutschland. Im Rahmen des Israel Summit Berlin 2025 berichtet Alexandra Krioukov über aktuelles jüdisches Leben in Deutschland und über ihre Hoffnungen für die Zukunft.

 

Die JSUD – Stimme jüdischer Studierender
Die Jüdische Studierendenunion ist die politische und gesellschaftliche Vertretung jüdischer Studierender im ganzen Land. Sie organisiert Bildungsprojekte, Kampagnen gegen Antisemitismus und Austauschformate, die jüdisches Leben erfahrbar machen – innerhalb und außerhalb der eigenen Community.

Teilnehmer der Podiumsdiskussion zu jüdischem Leben in Deutschland (ISB Berlin)

Teilnehmer der Podiumsdiskussion zu jüdischem Leben in Deutschland (ISB Berlin)

Krioukov selbst fand nach langjährigem ehrenamtlichem Engagement zur jüdischen Studierendenunion. Aufgrund ihrer persönlichen Erfahrung ist sie überzeugt davon, dass sich jeder Mensch auf seine Weise engagieren kann – für sie ist es das Politische und die argumentative Debatte als Vertretung der JSUD. Ihr Wahlspruch „Mit Chuzpe und Herz“ steht für das, was die JSUD ausmacht: Mutig die Stimme zu erheben und füreinander einzustehen.

 

Jüdisches Leben heute – bunt, vielfältig, familiär
Wer verstehen will, wie jüdisches Leben in Deutschland heute aussieht, muss den Blick weiten, meint Krioukov. Es gilt, die aktuelle Situation vor den historischen Hintergrund zu stellen. Denn über 90 Prozent der jüdischen Gemeinschaft würden aus post-sowjetischen Familien stammen, die in den 1990er-Jahren als Kontingentflüchtlinge nach Deutschland kamen – auch ihre eigene Familie.
„Wir sind alle mit zwei, drei Sprachen aufgewachsen“, erzählt sie. „Unsere Eltern haben oft ihre Abschlüsse nicht anerkannt bekommen, unsere Großeltern bekommen keine Rente. Aber gleichzeitig ist unsere Community unglaublich lebendig, multikulturell und untereinander verbunden.“
Ihr Alltag als junge Jüdin sei „viel schöner, als man vielleicht denkt“. Trotz antisemitischer Erfahrungen, die zum Alltag gehören, beschreibt sie das jüdische Leben als voller Freude: Feiertage, gemeinsames Singen, das Teilen von Geschichten – „Man trifft jemanden aus einem anderen Land, und er kennt dieselben Lieder. Das ist total schön.“

 

Zwischen Selbstbehauptung und Sorge – die Lage an Universitäten
Doch die Realität an deutschen Hochschulen bleibt angespannt. „Die Situation an Unis ist super schlecht“, sagt Krioukov offen. Viele jüdische Studierende fühlten sich unsicher. Antisemitische Vorfälle, ein Klima der Angst, fehlende Ansprechpartner – all das sei Realität. „Man weiß nie, was passiert – ob in einem Seminar etwas gesagt wird, ob jemand hilft oder wegsieht.“ Krioukov sieht hier ein gesellschaftliches Problem: „Es gibt eine kleine, aber laute, anti-israelische Studierendenschaft, die die Stimmung prägt. Und die Mehrheit ist still – weil es bequemer ist, nichts zu sagen.“ Für sie steht fest: Neutralität ist keine Option. „Wie mit Minderheiten umgegangen wird, geht uns alle an.“

 

„Nie wieder“ entscheidet sich jetzt
Mit Blick auf den gesellschaftlichen Umgang nach dem 7. Oktober 2023 zeigt sich Krioukov enttäuscht. „Wir hören ständig ‚Nie wieder‘ – aber wenn tatsächlich etwas passiert, wo bleiben dann die Stimmen?“ fragt sie.

Hinweisschild Entfernung Berlin-Jerusalem

Deutschland ist mit Israel verbunden

Die Erinnerungskultur in Deutschland sei wichtig, doch sie verliere an Glaubwürdigkeit, wenn daraus keine Lehre gezogen werden würde, die zu Handlungen führt. „Denn wenn keine Konsequenz folgt, was haben dann 80 Jahre Erinnerungskultur bewirkt?“

Die junge Generation, so Krioukov, stehe vor einer Bewährungsprobe: „Ob ‚Nie wieder‘ wirklich gilt, entscheidet sich jetzt – nicht in Geschichtsbüchern, sondern in den Hörsälen und Straßen von heute.“

 

Mittragen statt zusehen
Krioukov betont, dass Unterstützung für jüdisches Leben mehr bedeutet als zustimmendes Nicken oder symbolische Solidarität. „Aufstehen ist wichtig – aber noch wichtiger ist, Verantwortung zu übernehmen“, sagt sie. „Man kann mitgestalten: Veranstaltungen ermöglichen, jüdische Stimmen einladen, politische Anliegen aufgreifen, Last abnehmen.“ Gerade die christliche Studierendenschaft könne hier ein Zeichen setzen und sich durch Einstand gegen Diskriminierung in Nächstenliebe üben.
Denn es gehe dabei nicht nur um aktuelle Krisen und Anliegen wie den 07. Oktober, sondern vielmehr um die aktuelle Situation im Land. „Wir kämpfen für Renten für unsere Großeltern und für Schreibverbote an Feiertagen, weil jüdische Studierende sonst teilweise nicht mitschreiben können.“ Dabei erinnert sich Krioukov an die Worte der ehemaligen JSUD-Präsidentin: „Man sagt immer, jüdisches Leben sei ein Geschenk. Aber geht man so mit Geschenken um?“ Wenn es wirklich ein Geschenk ist, dann solle man es auch pflegen – indem man es schütze, fördere und mit anderen teile.

 

Alexandra Krioukov steht für eine Generation, die gelernt hat, zwischen Identität und Verantwortung zu leben. Zwischen Chuzpe und Herz. Zwischen der Sorge um das Heute und der Hoffnung auf ein Morgen, in dem jüdisches Leben selbstverständlich gewollter Teil Deutschlands bleibt – nicht als Außenseiter, sondern als aktiver Mitgestalter der Gesellschaft.

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