Antisemitismus in Europa seit dem 7. Oktober: Ein Überblick über aktuelle Entwicklungen und christliche Verantwortung
Die Terroranschläge des 7. Oktober 2023 haben nicht nur Israel erschüttert, sondern tragischerweise zugleich auch eine massive Welle des Antisemitismus in Europa ausgelöst. Auf der kürzlich stattgefundenen LCJE-Konferenz in Paris berichteten Vertreter verschiedener christlicher Werke über die Situation in mehreren europäischen Ländern. Sie gaben einen Überblick zu aktuellen Entwicklungen und möglichen Perspektiven zum Zeugnis des Evangeliums unter Juden. Ihre Einschätzungen bieten einen erschütternden, aber zugleich notwendigen Einblick in die Lebenswirklichkeit jüdischer Gemeinschaften und die Frage, wie Christen dabei heute Verantwortung übernehmen können.
Zypern
Zypern spielt eine besondere Rolle für Israelis, insbesondere während des anhaltenden Konflikts zwischen Israel und der Hamas. Aufgrund der geographischen Nähe ist die Insel ein beliebter Zufluchtsort: Ein Flug von Tel Aviv nach Zypern ist oft günstiger als ein Inlandsflug nach Eilat, sodass Israelis auch für kurze Aufenthalte nach Zypern reisen können. Für viele dient das Land als „Rückversicherung“ bei zunehmender Instabilität in Israel.
Die israelische Präsenz auf Zypern ist vielfältig: Kurzzeitige Touristen, langfristige Bewohner und Investoren, die durch Investitionen in Immobilien oder Unternehmensanteile eine permanente Aufenthaltsgenehmigung erhalten, sowie politische Aktivisten oder Menschen, die dem Konflikt entfliehen wollen. Die Konferenzberichte illustrieren diese Vielfalt durch konkrete Begegnungen, wie etwa ein Paar, bei dem der Mann als Verhandlungsführer für Geiseln tätig ist, oder eine Friedensaktivistin, die seit 2017 in Zypern lebt und nur für Familienbesuche nach Israel zurückkehrt.
Religiös spiegelt die israelische Gemeinschaft auf Zypern die Vielfalt Israels wider: Das Chabad-Netzwerk ist in allen größeren Städten vertreten und bietet koschere Restaurants und Hotels. Orthodoxe Juden besuchen ebenfalls die Insel, wobei viele Israelis dort säkular sind und „ihren“ religiös-politischen Parteien kritisch gegenüberstehen. Die lokale Bevölkerung Zyperns ist konfessionell überwiegend griechisch-orthodox ausgerichtet, protestantische Gläubige machen nur etwa 1% aus.
Niederlande und Belgien
Die Entwicklungen in den Niederlanden und Belgien zeigen, wie sehr jüdische Menschen im Alltag unter Druck geraten können. Mehrere jüdische Kontakte berichteten, dass sie am Arbeitsplatz eingeschüchtert oder offen angefeindet wurden. Manche haben ihre Arbeitsstelle verlassen, weil ihnen die Atmosphäre unerträglich wurde.
Das Zeugnis vom Evangelium in Amsterdam und Antwerpen – besonders unter orthodoxen Gemeinschaften – ist dadurch nicht einfacher geworden. Auch zeigt sich ein bemerkenswerter Befund: Antisemitismus führt Juden zwar nicht automatisch näher zu Christus, eröffnet aber nicht selten Gespräche über Themen wie Angst, Vertrauen und Sicherheit.
Mitarbeiter vor Ort betonten, wie entscheidend Freundlichkeit und Wärme als Türöffner sind. Gerade im Umgang mit ultraorthodoxen Juden zeigt sich, dass ein respektvolles, ruhiges und authentisches Auftreten mehr bewirkt als jede Argumentation. Zwei Juden aus orthodoxem Hintergrund kamen während der Corona-Pandemie zum Glauben – nicht wegen theologischer Debatten, sondern weil sie beeindruckt waren vom Frieden und der Zuversicht, die Christen in einer Zeit allgegenwärtiger Angst ausstrahlten.
Ungarn
Ungarn gilt als eines der antisemitischsten Länder Europas – ein Befund, den auch die Konferenzteilnehmer bestätigten. Die Lage ist paradox: Die Regierung schützt jüdische Einrichtungen und tritt öffentlich gegen Antisemitismus auf. Dennoch leben jüdische Menschen im Land mit einem konstanten Gefühl der Unsicherheit.
Ein großer Teil des Antisemitismus hat sich von den Straßen in digitale Räume verlagert. Online-Plattformen sind überflutet von Feindseligkeit, Falschinformationen und Verschwörungserzählungen. Besonders verbreitet ist der sogenannte „neue Antisemitismus“, der jüdische Menschen für politische Entscheidungen des Staates Israel verantwortlich macht. Das führt dazu, dass Juden sich in einer doppelten Bedrängnis wiederfinden: Sie dürfen theoretisch frei leben, spüren aber zugleich, dass es für sie keinen wirklich sicheren Ort in Ungarn zu geben scheint.
Norwegen
Norwegen ist eines der Länder, in denen Israel-Solidarität schwach ausgeprägt ist. Laut einem Sprecher gaben von den etwa 1.500 Juden im Land viele an, sich nach dem 7. Oktober unsicherer zu fühlen als je zuvor. Norwegen gelte als eines der pro-palästinensischsten Länder Europas, und die antisemitische Geschichte des Landes wäre nach dem Zweiten Weltkrieg nur unzureichend aufgearbeitet worden.
Auf der Konferenz wurden mehrere Vorfälle genannt, darunter gezielte Angriffe auf jüdische Kinder. Jüdische Organisationen müssen Veranstaltungen und Treffen inzwischen offiziell bei der Polizei anmelden, damit sie bewacht werden und diese sicher stattfinden können. Kurz nach dem 7. Oktober wurde eine Solidaritätskundgebung unter dem Titel „Es sollte sicher sein, jüdisch in Norwegen zu sein“ organisiert – ein deutliches Zeichen für die gesellschaftliche Notwendigkeit solcher Initiativen.
Besonders belastend war die Entscheidung der norwegischen Staatskirche, sich nicht an dieser Veranstaltung zu beteiligen. Dies hat die ohnehin fragile Beziehung zwischen Juden und Christen im Land weiter geschwächt.
Deutschland
Die Lage in Deutschland sei in besonderer Weise dramatisch. Es wurde berichtet, dass im Jahr 2023 antisemitische Straftaten um 96 Prozent angestiegen seien – der höchste Anstieg seit Beginn der Erfassung. Zum ersten Mal wurde öffentlich die staatliche Solidarität mit Israel, die bislang als Teil der deutschen Staatsräson galt, infrage gestellt.
Viele Christen berichteten, dass sie Angst haben, sich öffentlich zu Israel zu bekennen. Gleichzeitig übernehmen zahlreiche Deutsche – auch gläubige Christen – unkritisch Narrative, die Israel einseitig delegitimieren oder dämonisieren. Die Experten auf der Konferenz erinnerten daran, dass Israel „mindestens sieben Dimensionen“ hat: ethnisch, kulturell, territorial, historisch, politisch, sozial und spirituell. Wer nur eine dieser Dimensionen betrachtet, verstehe das Land nicht.
Die psychosozialen Auswirkungen sind deutlich spürbar. Viele jüdische Menschen in Deutschland verstecken ihre religiöse Identität im Alltag oder ziehen ernsthaft in Erwägung, aus Deutschland auszuwandern. Unter Christen wiederum nimmt die Bedeutung biblisch-eschatologischer Themen zu – oftmals als Versuch, das weltpolitische Geschehen einzuordnen. Die vorgebrachten „Endzeit-Deutungen“ sind jedoch gelegentlich mit Vorsicht zu genießen.
Gemeinsame Tendenzen in Europa
Trotz der unterschiedlichen nationalen Kontexte lassen sich in den Berichten aus Europa klare Linien erkennen. Diese Tendenzen prägen derzeit das jüdische Leben ebenso wie die christliche Auseinandersetzung mit Israel und dem Antisemitismus.
Zentral ist das Gefühl wachsender Unsicherheit. Jüdische Menschen berichten länderübergreifend von Angst, sozialem Rückzug und einer zunehmenden Vorsicht im öffentlichen Raum. Sichtbare jüdische Identität, wie das öffentliche Tragen der Kippa, des Davidsterns und das Sprechen von Hebräisch, wird vielerorts bewusst vermieden. Antisemitismus ist für viele keine „nur“ abstrakte Gefahr mehr, sondern eine konkrete Alltagserfahrung.
Auffällig ist zudem die Verschiebung antisemitischer Ausdrucksformen: Während offene Anfeindungen auf der Straße nicht verschwunden sind, verlagert sich ein großer Teil des Hasses in digitale Räume. Soziale Medien fungieren als Verstärker, in denen antiisraelische Narrative, Verschwörungstheorien und klassische antisemitische Motive ineinandergreifen und ungefiltert propagiert werden.
Besonders problematisch ist die zunehmende Verschmelzung von Israelkritik und Antisemitismus. Politische Ereignisse im Nahen Osten werden pauschal auf jüdische Menschen in Europa projiziert. Diese Dynamik trifft Juden unabhängig davon, ob sie sich politisch äußern oder nicht.
Für Christen ergibt sich daraus eine doppelte Herausforderung: Einerseits gilt es, klar gegen die Arten des Antisemitismus Stellung zu beziehen. Andererseits stellt sich die Frage, wie Solidarität mit Israel gelebt werden kann, ohne jede Kritik an Israel vorschnell als antisemitisch zu werten und trotzdem sich auf Basis von Fakten klar gegen Antisemitismus zu positionieren.
Christliche Verantwortung zwischen Klarheit und Differenzierung
Die Berichte der Konferenz machen deutlich, dass christliche Verantwortung im Umgang mit Antisemitismus heute besonders anspruchsvoll ist. Einerseits ist Antisemitismus in Europa real, sichtbar und zunehmend aggressiv. Andererseits besteht die Gefahr, jede Kritik an Israel vorschnell als antisemitisch zu deuten. Beides führt zu Problemen: Verharmlosung ebenso wie Überdehnung des Begriffs untergraben die notwendige Ernsthaftigkeit des Themas.
Christen sind daher gefordert, differenziert zu denken und dennoch klar zu handeln. Nicht jede politische Kritik an Israel ist antisemitisch, wohl aber jede Pauschalisierung, Dämonisierung oder Delegitimierung jüdischer Existenz. Diese Unterscheidung erfordert Sachkenntnis, Aufmerksamkeit für Sprache und die Bereitschaft, Motive und Wirkungen von Aussagen zu prüfen – nicht nur deren formale Inhalte.
Die Konferenzbeiträge zeigten, wie wichtig es ist, Antisemitismus nicht primär emotional, sondern faktenbasiert zu benennen. Wer klar auf historische Kontinuitäten, bekannte Narrative und belegbare Entwicklungen verweist, schafft Orientierung und vermeidet vorschnelle Zuschreibungen. Gerade in polarisierten Debatten kann diese Haltung helfen, Gesprächsfähigkeit zu bewahren und zugleich glaubwürdig Stellung zu beziehen.
Zugleich bleibt christliche Verantwortung nicht auf Analyse beschränkt. Jüdische Menschen erleben in vielen europäischen Ländern konkrete Bedrohung, Angst und sozialen Rückzug. Solidarität darf daher nicht abstrakt bleiben. Sie zeigt sich in Haltung, Sprache und Präsenz – im Alltag ebenso wie in öffentlichen Situationen. Dabei ist Freundlichkeit kein Ersatz für Klarheit, sondern oft ihre Voraussetzung.
Fazit und Ausblick
Der Antisemitismus in Europa nach dem 7. Oktober ist kein Randphänomen, sondern eine ernsthafte gesellschaftliche Herausforderung. Die Berichte aus verschiedenen Ländern zeigen, wie unterschiedlich die Ausprägungen sind und wie ähnlich oftmals die Auswirkungen auf jüdisches Leben. Für Christen bedeutet dies, Verantwortung bewusst und reflektiert wahrzunehmen.
Diese Verantwortung besteht darin, Antisemitismus klar zu benennen, ohne den Begriff zu entwerten; Solidarität mit Juden und Israel zu zeigen, ohne in Polemik zu verfallen; und Orientierung zu geben, ohne Komplexität der Situation zu leugnen. Gerade eine faktenbasierte, respektvolle und beziehungsorientierte Haltung kann dazu beitragen, dass christliches Zeugnis glaubwürdig bleibt – gegenüber jüdischen Gemeinschaften, ebenso wie in der eigenen Gesellschaft.
Konkrete Handlungsschritte können dabei helfen, diese Haltung im Alltag umzusetzen:
- Personen respektvoll und direkt ansprechen, wenn sie antisemitische Inhalte teilen
- Freundlich und offen gegenüber jüdischen Menschen sein
- Für den Schutz jüdischer Gemeinschaften beten
- Über Israel und Antisemitismus sachlich und differenziert aufklären
Die aktuellen Entwicklungen machen deutlich: Christliche Verantwortung ist heute weniger denn je eine theoretische Frage. Sie entscheidet sich im Umgang mit Menschen, in der Art des Redens und im Mut, Haltung zu zeigen, wo sie gebraucht wird.
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Foto von Cole Keister