Der Tempel und seine Bedeutung für das Judentum
Kaum ein Ort ist für das Judentum theologisch so aufgeladen wie der Tempel in Jerusalem. Er ist mehr als ein historisches Bauwerk, mehr als ein kultisches Zentrum. In der Hebräischen Bibel (das sog. Alte Testament) erscheint der Tempel als Ort der Gegenwart Gottes (vgl. 1.Kön 8,10; Psalm 132,13f.). Was die Gegenwart Gottes im Tempel jedoch genau für das Judentum bedeutet, möchte ich im Folgenden darstellen.
Der jüdische Tempel in Jerusalem geht zurück auf die Stiftshütte, welche das Volk Israel nach dem Auszug aus Ägypten baute. Das wird zum Beispiel daran deutlich, dass die Geräte der Stifthütte bei der Tempelweihe unter dem König Salomo in den Tempel gebracht wurden (1.Kön 8,4). Zentral ist dabei vor allem die Bundeslade als Zeichen des Bundes (1.Kön 8,21). Der Plan dafür kam laut der Geschichte unmittelbar von Gott, durch Mose übermittelt (vgl. 2.Mose 25ff.). Zweck dieser Stiftshütte war bereits, dass Gott unter dem Volk Israel wohnt:
„Und sie sollen mir ein Heiligtum machen, dass ich unter ihnen wohne. Genau nach dem Plan, den ich dir von der Wohnung und ihrem ganzen Gerät zeige, sollt ihr’s machen.“ (2.Mose 25,8f.)
Diese Stiftshütte war jedoch nicht stationär, wie der Tempel es später werden sollte, sondern konnte auf- und abgebaut werden und war damit sehr mobil. Das lag daran, dass das Volk zu dem Zeitpunkt noch auf Wanderschaft war. Hier tut sich schon eine theologische Dimension auf, nämlich, dass Gott mit dem Volk mitgeht. Die Entwicklung hin zum Tempel stellt keinen Bruch mit der Grundidee der Stiftshütte dar, dass Gott unter dem Volk wohnt. Vielmehr konzentrierte sich diese Funktion auf einen Ort, nämlich den Berg Zion, wie auch das Volk Israel sich niederlässt.
In der Jüdischen Tradition ist die Vorstellung der Schechina sehr bedeutend. Der Begriff selbst kommt im Urtext des Alten Testaments nicht vor, jedoch lässt sich die Bedeutung der Idee, die damit assoziiert wird, schon in der Bibel finden. Und zwar gibt es zwei grundlegende Bedeutungen, nämlich die Schechina als Herrlichkeit Gottes, und die Schechina als das Wohnen Gottes im Heiligtum.
Die Schechina als Herrlichkeit Gottes findet man zum Beispiel in dem Buch Hesekiel, in dem beschrieben wird, wie die Herrlichkeit Gottes, die der Prophet Hesekiel am Anfang des Buches sieht, sich Schritt für Schritt aus dem Tempel und aus Jerusalem hinausbewegt.
Doch wie kann Gott allgegenwärtig sein, und trotzdem in besonderer Weise den Tempel bewohnen? Jon Levenson argumentiert, dass diese Spannung in der Hebräischen Bibel nicht wirklich existiert. Vielmehr werde der Tempel als konzentrierte Essenz der Welt wahrgenommen, eine Art Mikrokosmos. (Sinai and Zion, 176f.)
Der Tempel zeigt laut Levenson auf den wahren Tempel im Himmel, der Mose auf dem Berg Sinai gezeigt wurde (Sinai and Zion, 178). Levenson schreibt, dass die Welt und der Tempel einander nicht entgegenstehen, sondern sich gegenseitig komplementieren (Sinai and Zion, 178).
Auffällig ist außerdem, dass in Dtn 12 von dem Namen Gottes geschrieben wird, der in dem Tempel wohnt. Levenson umschreibt diesen Ausdruck mit „seine Essenz, seine Natur, seine Unterschrift“ (Sinai and Zion, 161).
Gott ist in der jüdischen Vorstellung also nicht auf diesen Ort begrenzt oder gar eingeschlossen, sondern er entscheidet sich, seiner Erwählung Zions gemäß, in diesem Ort zu wohnen. (Ps 132,13f.)
Das Wohnen Gottes im Tempel wird stellenweise mit dem Niederlassen der Herrlichkeit des Herrn beschrieben. Das ist zum Beispiel bei der Tempelweihe der Fall: „Und es geschah, als die Priester aus dem Heiligen hinausgingen, da erfüllte die Wolke das Haus des Herrn“ (1.Kön 8,10). Dieses Phänomen beschreibt eine mehr oder weniger greifbare Wirklichkeit, die gesehen werden konnte. Gleichzeitig ist die Gegenwart Gottes im Tempel aber nicht darauf reduzierbar. Das wird daran deutlich, dass im gleichen Kapitel später geschrieben wird: „Ja, sollte Gott wirklich auf der Erde wohnen? Siehe, der Himmel und die Himmel der Himmel können dich nicht fassen; wie viel weniger dieses Haus, das ich gebaut habe“ (1.Kön 8,27). Eine weitere Dimension des Wohnens Gottes bei dem Volk findet sich in Exodus 29,45: „Und ich werde mitten unter den Söhnen Israel wohnen und ihr Gott sein.“ Der Tempel Wohnort Gottes unter den Menschen ist ein physisch greifbares theologisches Zentrum des Judentums, wo Gott angebetet wird, und von dem Segen und Schutz ausgeht.
Hier knüpft sich auch direkt die Bedeutung für Israel an, die der Tempel durch die Präsenz Gottes hat. Vor allem in den Psalmen ist die Rede von dem Schutz und der Hilfe, die von Zion ausgehen.
„Er sende dir Hilfe vom Heiligtum und stärke dich aus Zion“ (Psalm 20,3)
„Gott ist in ihrer Mitte, sie wird nicht wanken“ (Psalm 46,5-6)
„Es segne dich der Herr aus Zion“ (Psalm 134,3)
Diese Zitate sind nur einige aus vielen Beispielen, die belegen, dass es das Verständnis der Israeliten zu der Zeit war, dass sowohl Schutz und Heil, als auch Segen vom Berg Zion kommt. Dabei wird „Zion“ im AT mit dem Tempel parallel verwendet und beide werden mit der Gegenwart Gottes in Verbindung gebracht: „Denn der Herr hat Zion erwähtl, hat ihn begehrt zu seiner Wohnstätte“ (Ps 132,13); „Und sie sollen mir ein Heiligtum mache, damit ich in ihrer Mitte wohne“ (2.Mose 25,8).
Die Psalmen und die Tempeltheologie zeugen von einer doppelten Wirklichkeit, nämlich dass sich der Gott, der sich Mose auf dem Berg Sinai in Heiligkeit und Gebot offenbart und ihm die Anweisung für die Stiftshütte gibt, dauerhaft für die Israeliten zugänglich und erfahrbar macht. Der Tempel stellt einen geordneten Raum der Begegnung da, in dem Schutz, Hilfe und Segen erwartet werden konnten, jedoch im Horizont des Bundes. Nicht der Ort selbst wirkt heilbringend, sondern der gegenwärtige Gott, der dort wohnt.
Levenson, Jon Douglas, Sinai and Zion: an entry into the Jewish Bibel, Minneapolis, 1985
https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/schechina
https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/zion-zionstheologie

