Der jüdische Kalender – ein Überblick
Ohne eine gemeinsame Zeitrechnung wäre unser Leben um ein Vielfaches schwieriger. Kalender sind nicht nur gut, um gemeinsame Termine auszumachen, sondern sie bieten einen Rahmen, in dem wir denken. Bereits in der Schöpfungserzählung der Bibel klingt diese Funktion schon an: „Und Gott sprach: Es sollen Lichter an der Himmelsausdehnung sein, zur Unterscheidung von Tag und Nacht, die sollen als Zeichen dienen und zur Bestimmung der Zeiten und der Tage und Jahre […]“ (vgl. Gen 1,14). Für uns ist es selbstverständlich, dass wir den gregorianischen Kalender verwenden, der zu der Kategorie der Sonnenkalender gehört. Dieser wurde jedoch erst Ende des 16. Jahrhunderts von Papst Gregor XIII. eingeführt. Auch wenn dieser den julianischen Kalender ablöste, der gar nicht unähnlich war, gab es davor verschiedene andere Kalendarien und Zeitberechnungsmethoden, und auch bis heute werden verschiedene Kalender verwendet. So gibt es zum Beispiel den Islamischen Kalender, welcher ein reiner Mondkalender oder auch Lunarkalender ist. Im folgenden Artikel möchte ich mich jedoch auf den jüdischen Kalender fokussieren.
Der jüdische Kalender gehört zu den Lunisolarkalendern und ist somit eine Kombination aus Lunar- und Sonnenkalender. Ursprung des jüdischen Kalenders war kein zentral festgelegter, mathematisch berechneter Kalender, sondern die Orientierung an natürlichen Zyklen wie den Jahreszeiten und dem Lauf des Mondes. Grundlage des Kalenders waren also zunächst direkte Beobachtungen kosmischer Phänomene wie den Lauf der Sonne, der die Jahreszeiten und somit Saat und Ernte anzeigt. So hatte der Kalender vor allem einen landwirtschaftlichen Zweck.
Dazu kamen mit der Zeit die religiösen Feste Israels. Durch sie bekommt der Kalender eine religiöse Bedeutung. Er ist nicht mehr nur für landwirtschaftliche Zwecke da, sondern regelt auch die Zeiten, in denen die Feste Israels begangen werden sollen. Deutlich wird dies in der Geschichte Israels in der Aufforderung zum Feiern des Pessachfestes, welche mit der Festlegung des ersten Monats einhergeht (vgl. Ex 12).
Wenn man die Entwicklung des jüdischen Kalenders im Bezug auf die Geschichte Israels betrachtet, entdeckt man, dass sich mit dem babylonischen Exil eine weitere Entwicklung einstellt. Und zwar wird vermutlich mit der Rückkehr der Israeliten der babylonische Lunisolarkalender mitgebracht und etabliert. Nebenbei entwickelte sich auch ein 364-Tage Sabbatkalender. Dieser war jedoch nicht an astronomischen Zyklen orientiert, sondern diente dazu, ein festes, religiös motiviertes System zu haben, bei dem der Sabbat eine zentrale Stellung hatte. Dieser Sabbat-Kalender wurde hauptsächlich von der Essenergruppe verwendet.
Der ursprünglich babylonische Kalender setzte sich in der nachexilischen Zeit bei den Juden durch und gewann im öffentlichen Leben an Bedeutung. Der Beginn eines neuen Monatsbeginns wurde in dieser Zeit durch die Beobachtung des Neumondes festgestellt. Dafür musste der Sanhedrin zwei unabhängige Zeugen für die Sichtung einer Neulichtsichel haben. Erst dann wurde die Bevölkerung durch Boten oder andere Signale darüber informiert.
Der nächste und vorerst letzte Schritt der Entwicklung hin zum heutigen jüdischen Kalender geschah im vierten Jahrhundert n.Chr. Es war Hillel II, der einen standardisierten jüdischen Kalender entwickelte, der sich am Mond und an der Sonne orientierte.
Die Monate selbst sind nach wie vor am Mondzyklus orientiert, jedoch werden sie mittlerweile nicht mehr mit der Beobachtung des Neumondes festgelegt, sondern rechnerisch. Die einzelnen Monate sind dementsprechend 29 oder 30 Tage lang und tragen die folgenden Namen: Nisan, Ijjar, Siwan, Tammuz, Ab, Elul, Tischri, Marcheschwan, Kislew, Tebet, Schebat, Adar.
Ein grundlegendes Problem eines jeden Kalenders, der sich sowohl an der Sonne als auch an dem Mond orientieren möchte, ist, dass Sonnen- und Mondzyklus nicht gleich sind. Das führt dazu, dass ein Prozess notwendig ist, der diese zeitlichen Unebenheiten wieder ausgleicht. Dieser Prozess nennt sich Interkalation. Im Fall des jüdischen Kalenders wurden im Zyklus von 19 Jahren sieben Schaltjahre hinzugefügt, in welchen der letzte Monat (Adar) wiederholt wird. Die Jahre, in denen dies der Fall ist, sind festgelegt auf die Jahre 3, 6, 8, 11, 14, 17 und 19. Ein „normales“ Jahr, also ein Jahr ohne Schaltmonat, ist etwa 354 Tage lang.
Unter den wichtigsten jüdischen Festen sind Jom Kippur, Pessach, Purim und Rosch Ha-Schana. Beim Rosch Ha-Schana wird am 1.-2. Tischri, also im Herbst, das jüdische Neujahr gefeiert. Jom Kippur bezeichnet den alljährlichen Versöhnungstag, der am 10. Tischri gefeiert wird (vgl. Lev 16). Beim Pessach feiern die Juden den Auszug aus Ägypten (vgl. Ex 12). Dieses Fest geht vom 15. – 22. Nisan. Das Purimfest geht auf das Buch Ester zurück und wird am 15. Adar gefeiert.
Eine Besonderheit des jüdischen Kalenders ist, dass er gewissermaßen zwei Jahresanfänge hat. Auf der einen Seite gibt es nämlich den religiösen Jahresbeginn im Nisan und auf der anderen Seite den zivilen Jahresbeginn im Tischri. Dabei wird nur der zweitgenannte Jahresbeginn im Tischri explizit als Rosch Ha-Schana gefeiert. Trotzdem beginnt die Zählung im Kalender mit dem Monat Nisan, also dem religiösen Jahresbeginn.
Um sicher zu stellen, dass bestimmte Feste wie Jom Kippur nicht in die Nähe des Sabbats fallen, wird dem Monat Marcheschwan ein Tag hinzugefügt oder dem Monat Kislew ein Tag abgezogen. Es gibt auch noch andere Mechanismen und Verschiebungen, um den Kalender nach bestimmten Regeln anzupassen, jedoch möchte ich hier aufgrund der Komplexität nicht weiter darauf eingehen.
Sowohl in der geschichtlichen Entwicklung als auch in der Funktionsweise des jüdischen Kalenders kann man sehen, wie der Glaube der Juden sich auch darauf auswirkt, wie die jeweilige Kulturgruppe gedacht hatte. Das wird besonders daran deutlich, wie zentral die jüdischen Feste für den Kalender sind. Zeit wird hier nicht nur an natürlichen Zyklen orientiert, sondern trägt selbst religiöse Bedeutung. Der jüdische Kalender drückt somit einen Teil des Welt- und ihres Gottesverständnisses der Juden aus.
https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/kalender-at
https://raawi.de/wie-funktioniert-eigentlich-das-juedische-schaltjahr
https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCdischer_Kalender
https://jewishvirtuallibrary.org/the-jewish-calendar

