Nachruf auf Dr. h. c. Fritz May
(18.04.1936 bis 02.03.2026)
Ein Leben für Israel, für die Versöhnung und für die Treue Gottes zu seinem Volk
ein Beitrag von Dr. Berthold Schwarz
Mit großer Dankbarkeit und zugleich mit Trauer nehmen wir Abschied von Dr. h. c. Fritz May, der über viele Jahrzehnte hinweg zu den prägenden Persönlichkeiten der christlichen Israelarbeit im deutschsprachigen Raum gehörte. Ohne ihn und die großzügige finanzielle Unterstützung von „Christen für Israel“ (CfI), dessen langjähriger Vorsitzender er war, wäre „unsere“ Arbeit am Israel-Institut in Gießen nicht möglich gewesen. Sein Leben war geprägt von einer tiefen geistlichen Überzeugung: dass Christen das jüdische Volk nicht vergessen dürfen und dass die Beziehung zwischen Kirche und Israel zu den grundlegenden Fragen christlicher Theologie gehört.
Fritz May wirkte als evangelischer Theologe, Publizist und Redner. Vor allem aber war er ein leidenschaftlicher Brückenbauer zwischen Christen und Juden. Im Jahr 1980 gründete er in Wetzlar die Arbeitsgemeinschaft Christen für Israel e. V., deren Vorsitzender er über Jahrzehnte blieb. Ziel dieser Initiative war es, Christen neu für die bleibende Bedeutung Israels in Gottes Heilsgeschichte zu sensibilisieren, Freundschaft und Versöhnung zwischen Juden und Christen zu fördern sowie praktische Hilfe für Israel zu leisten.
Sein theologisches Grundanliegen brachte Fritz May in einem programmatischen Satz zum Ausdruck, der sein Denken und Handeln über Jahrzehnte hinweg leitete:
„Es gibt keine Theologie ohne Israel und kein Israel ohne Theologie.
Ohne Judentum kein Christentum. Ohne Synagoge keine Kirche. Ohne Juden keine Christen.“
Diese Überzeugung prägte sein Lebenswerk. Für Fritz May war Israel kein Randthema, sondern ein zentraler Bestandteil biblischer Theologie. Er wandte sich entschieden gegen jede Form des Antisemitismus oder des Anti-Israelismus ebenso wie gegen christliche Substitutionstheologien, die Israel aus der Heilsgeschichte Gottes verdrängen und Israel durch die Kirche ersetzt haben wollten. Stattdessen rief er Christen dazu auf, sich neu mit der biblischen Verheißungsgeschichte Israels, die auch noch für die Zukunft gültig bleibt, auseinanderzusetzen und sich solidarisch an die Seite des jüdischen Volkes zu stellen.
Engagement für Israel und messianische Juden
Unter seiner Leitung entwickelte sich die Arbeit von „Christen für Israel“ zu einer breit vernetzten Bewegung im deutschsprachigen Raum. Tausende Christen wurden durch Vorträge, Publikationen, Israelreisen und Veranstaltungen für die Bedeutung Israels sensibilisiert. Zugleich sammelte Fritz May über viele Jahre hinweg erhebliche finanzielle Mittel, um soziale, medizinische und gemeinnützige Projekte in Israel zu unterstützen. Ein besonderes Anliegen war ihm auch die Unterstützung messianischer Juden und ihrer Gemeinden. Er setzte sich dafür ein, dass christliche Gemeinden die Situation jüdischer Jesusgläubiger besser verstehen und ihre Arbeit solidarisch begleiten.
Sein Einsatz fand auch in Israel selbst hohe Anerkennung. Der Jüdische Nationalfonds (KKL‑JNF) ehrte ihn als Ehrenbürger mehrerer Städte im Negev; zudem erhielt er von der Stadt Jerusalem den Titel „Ne’eman Yerushalayim“ – „Bewahrer Jerusalems“. Die Bar‑Ilan University verlieh ihm 1999 die Ehrendoktorwürde (Dr. h. c.), und der damalige Bundespräsident Johannes Rau zeichnete ihn 2004 mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse aus. Diese Ehrungen spiegeln die internationale Wertschätzung wider, die sein Engagement für die Verständigung zwischen Deutschland und Israel erfahren hat.
Schriftstellerisches und publizistisches Wirken
Neben seiner organisatorischen Arbeit war Fritz May ein außerordentlich produktiver Autor. Er veröffentlichte etwa dreißig Bücher sowie zahlreiche Artikel über Israel, das Judentum, die Geschichte des Antisemitismus und über biblisch-theologische Fragen. Seine Veröffentlichungen wurden in vielen Ländern gelesen und prägten über Jahrzehnte hinweg die Israelarbeit evangelikaler Kreise im deutschsprachigen Raum.
Zu seinen bekannten Büchern zählen etwa Israel heute – ein lebendiges Wunder, Israel zwischen Blut und Tränen oder Lasst Israel nicht allein! – Werke, in denen er historische Analyse, biblische Reflexion und leidenschaftliche Parteinahme für das jüdische Volk miteinander verband.
Dabei blieb für ihn die historische Verantwortung der Christen gegenüber dem Judentum stets ein zentrales Thema. In einem seiner Bücher schrieb er eindringlich über die Geschichte der Judenverfolgung und die Verantwortung der Christen, aus dieser Geschichte zu lernen.
Förderung der Israelstudien und des theologischen Nachwuchses
Ein besonders nachhaltiges Vermächtnis ist seine Förderung der akademischen Israelstudien, von der wir in Gießen besonders profitieren. Durch eine großzügige Stiftung stellte Fritz May die finanziellen Voraussetzungen für die Gründung des Instituts für Israelogie in Kooperation mit der Freien Theologischen Hochschule Gießen bereit. Dieses Institut, dessen Leitung ich bis heute innehabe, wurde 2004 gegründet. Es widmet sich der wissenschaftlichen Erforschung der theologischen Bedeutung Israels und des Judentums im Kontext der christlichen Theologie, insbesondere mit dem Ziel, Studierende der Theologie für die Lehre über Israel zu sensibilisieren und diese in der Gemeindepraxis anzuwenden.
Aus den Erträgen der Stiftung konnten über viele Jahre hinweg zahlreiche Projekte realisiert werden:
Aufbau einer umfangreichen Fachbibliothek,
- Vergabe des Franz-Delitzsch-Preis,
- Israelstudienreisen für Studierende,
- Förderung der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Israel und dem Judentum
- Vorträge über eine gesunde Israellehre in christlichen Ortsgemeinden
Damit hat Fritz May nicht nur praktische Israelhilfe geleistet, sondern auch die akademische Forschung und Ausbildung einer neuen Generation von Theologen nachhaltig geprägt. Wir alle am Institut sind ihm besonders dankbar für seine Investitionen und die Unterstützung, die diese wichtige theologische Arbeit in Gießen ermöglicht hat.
Ein Leben mit Herz für Israel
Viele, auch ich, die Fritz May begegnet sind, erinnern sich an seine Leidenschaft, seine Überzeugungskraft und seine unermüdliche Energie. Ob als Redner vor großen Zuhörerschaften, als Autor, Organisator oder persönlicher Gesprächspartner – sein Anliegen blieb immer dasselbe: Christen sollten die bleibende Erwählung Israels erkennen und dem jüdischen Volk in Liebe und Solidarität begegnen.
Sein persönliches Motto brachte diese Haltung auf den Punkt:
„Mein Herz schlägt für Israel, solange ich lebe. Denn es gibt nichts Schöneres und Beglückenderes, als dem von Gott erwählten Volk zu helfen.“
Mit seinem Tod verliert die christliche Israelarbeit eine prägende Stimme. Zugleich bleibt ein reiches Vermächtnis: Werke, Institutionen, Projekte – und viele Menschen, die durch sein Engagement neu gelernt haben, Israel aus der Perspektive der Bibel zu sehen.
Hoffnung über den Tod hinaus
Für uns Christen endet ein Lebensweg nicht im Tod, sondern in der Begegnung mit dem Herrn. Wir glauben, dass Fritz May nun das Ziel seines Glaubens erreicht hat und bei dem Herrn ist, dem sein Leben gehörte – bei Jesus Christus, dem Messias Israels und dem Retter der Welt.
In großer Dankbarkeit erinnern wir uns an viele persönliche Begegnungen, an sein Lebenswerk und an seine Treue zu Gott und zu Israel.
Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Frau Ursel, seinen Kindern und der ganzen Familie sowie allen Angehörigen. Möge Gott sie in dieser Zeit des Abschieds trösten und stärken.
זִכְרוֹנוֹ לִבְרָכָה
Zichrono livracha
= „Sein Andenken sei zum Segen.“
תְּהֵא נִשְׁמָתוֹ צְרוּרָה בִּצְרוֹר הַחַיִּים
Tehi nishmato tzrurah bitzror ha-chajim
= „Möge seine Seele eingebunden sein im Bund des Lebens.“
Pfr. Dr. Berthold Schwarz (Institutsleiter)
und das Team der Instituts-Mitarbeiter
Zurück
aus dem Archiv des Instituts