Was genau ist nochmal ein „Kibbuz“?

Es gibt eine Handvoll hebräischer Ausdrücke, die man einfach kennt, auch wenn man nie Hebräisch gelernt hat. Ob vom „Schabbat“, von der „Tora“ oder von „Schalom“ die Rede ist – jeder weiß was gemeint ist. Interessanterweise gehört in diese Liste auch das Wort „Kibbuz.“ Oft hört man von Rucksacktouristen, die nach Israel gehen und sich dort durch Arbeit in der Landwirtschaft Essen und ein Dach über dem Kopf verdient haben. Doch was genau versteht man unter einem „Kibbuz“, welchen Zweck verfolgen solche „Kibbuzim“ (קבוצים, Plural von Kibbuz) und seit wann gibt es diese?

Das Wort „Kibbuz“ hat die hebräische Wurzel qavatz (קבץ) und bedeutet soviel wie „sammeln“ oder „versammeln“ – denn genau das mussten die Menschen tun, die im 19. Jahrhundert im Land Israel leben wollten, wo es noch keine öffentlichen Verkehrsmittel, Supermärkte und Klimaanlagen gab. Eine kurze Vorgeschichte: im 19. Jahrhundert stieg in Russland, Rumänien und Jemen der politische und existenzbedrohende Druck, dem die dortige jüdische Bevölkerung ausgesetzt war, immens an, weshalb z.B. im Jahre 1882 große Auswanderungswellen aus diesen Regionen heraus begannen (die sogenannten „Aliyah“-Bewegungen). In mehreren Wellen verließen Juden unter sehr schweren Bedingungen ihre Heimat, um in „Eretz Yisrael“, dem Land Israel, eine neue Heimat zu finden – was jedoch damals politisch unter osmanischer Herrschaft stand und landwirtschaftlich nur spärlich kultiviert war.

Die damalige Situation in Palästina lässt sich gut durch ein Zitat Mark Twains verdeutlichen, welcher 1867 das Land bereiste und den landwirtschaftlichen Gegebenheiten folgenden Absatz widmete:

„The further we went the hotter the sun got, and the more rocky and bare, repulsive and dreary the landscape became. There was hardly a tree or a shrub any where. Even the olive and the cactus, those fast friends of a worthless soil, had almost deserted the country”.
— Mark Twain1https://blog.nli.org.il/en/mark-twain-in-palestine/

Je nach Lage erstrahlt der Kibbuz in Wüstengelb…

Als diese Auswanderer also den mittleren Osten erreichten, fanden sie dort eine ganz andere Situation vor, als sie sich dem heutigen Backpacker oder Israelreisenden präsentiert. Große Landstriche im Norden des Landes, die heute als Kornkammern des Landes massiv landwirtschaftlich genutzt und begrünt werden, waren zu dieser Zeit verödet, karg und dürr. Um unter diesen Umständen überhaupt überleben zu können, mussten sich diese Einwanderer zusammentun, zusammenarbeiten und sammeln – also einen „Kibbuz“ gründen.

…oder in einem saftigen Grün.

Ein Kibbuz ist folglich ein Eingeständnis zu der Tatsache, dass man in einem Wüstengebiet nicht überleben kann, wenn man auf sich alleine gestellt ist. Die jüdischen Pioniere mussten also zusammenarbeiten: wenn mehrere Familien zusammen Äcker pflügen und Felder bestellen, dann können sie auch zusammen ernten und von den Erträgen leben. Sie können zusammen das tun, was keiner alleine stemmen könnte. Und so wurden die Kibbuzim als Kommunen gegründet, in denen zusammen gelebt, zusammen gearbeitet und zusammen gegessen wurde. Und nicht nur das: zusammen wurde auch das verteidigt, was sie sich erarbeitet hatten. Überfalle durch angriffslustige Bedouinen waren dort häufig auf der Tagesordnung, und zusammen konnten sich die jüdischen Einwanderer besser verteidigen.

Einfahrt nach “Midreschet Ben Gurion” mit Steinböcken

Idylle und landwirtschaftliche Lagerhallen

Diese Kibbuzim, also diese landwirtschaftlichen Kommunen, spielten folglich eine nicht unerhebliche Rolle in der Bewegung, die letztlich 1948 zur Gründung des heutigen Staates Israel führte. Und auch wenn in Israel heute Wolkenkratzer Tel Aviv zieren, und sich die Wirtschaft des Landes in den High-Tech Bereich verlagert hat, so gibt es viele dieser landwirtschaftlichen Kommunen von damals auch heute noch. Viele dieser Kibbuzim wurden jedoch mit der Zeit „befördert“ zu einer neuen Form gemeinschaftlichen Lebens: dem „Moschav“. Viele Kibbuzim entwickelten mit der Zeit eine stabile Infrastruktur, Höfe, Geschäfte, Schulen – und so war der kommunale Lebensstil (wie etwa das gemeinsame Essen in einer Kantine) nicht mehr nötig. Ein Moschav (von yaschav ישב, „wohnen“) ist also mehr Dorf als Kommune – Grund und Besitz wird nicht mehr von allen geteilt, es gibt mehr Privateigentum und mehr Privatsphäre. Und doch haben diese Moschavim wohl einen stärkeren Zusammenhalt als es typische deutsche Dörfer haben, denn ihre Gründungsgeschichte sprüht förmlich davon, dass man sich gegenseitig zum Leben und für einen funktionierenden „Betrieb“ braucht.

 

Einige dieser Kommunen haben sich jedoch bewusst als „Kibbuz“ erhalten – und so mancher Rucksackreisende landet dort, hilft bei der Ernte oder wäscht Teller in der Kantine. Und manche dieser Kibbuzim haben sich heute in Israel einen regelrechten Kult-Status erarbeitet. Ein paar Beispiele: der Kibbuz Yad Mordechai (יד מרדכי) betreibt seine Landwirtschaft so naturverbunden, dass in Israel Honig und Marmelade der Marke Yad Mordechai zu den beliebtesten gehören und in jedem Supermarkt zu finden sind.2https://www.strauss-group.com/brand/yad-mordechai/

Historische Gebäude und Fahrzeuge in Degania Aleph

Der Kibbuz Degania Aleph (‘דגניה א) gehört nicht nur dadurch zu den meistbesuchtesten Kibbuzim, weil er malerisch an Jordanmündung und Ufer des See Genezareths liegt – sondern auch weil er der erste Kibbuz Israels ist. Mit seinen überschaubaren 528 Einwohnern in 2019 hat er sich dennoch Ruhe und Idylle trotz seinem Kult-Status bewahren können.

Wegweiser im Kibbuz S’de Boker
(in der zweiten Zeile steht “חדר אוכל”, also “Speisesaal”)

Zuletzt darf man aber nicht den legendären Kibbuz S‘de Boker (שדה בוקר) vergessen. Aus den Augen eines Landwirts gesehen, hat dieser Kibbuz ein hartes Los gezogen. Anders wie Degania Aleph liegt er nicht zwischen Fluss und Seeufer, sondern mitten in der staubigen Negev-wüste, fern von jeder Wasserquelle. Als der erste Präsident des Staates Israels, David Ben-Gurion, auf einer Fahrt durch den Negev diesen Kibbuz entdeckte, war er so inspiriert von der Motivation und Überzeugung dieser „Wüstenbegrüner“, so dass er beschloss dort seinen Lebensabend zu verbringen. Und Ben-Gurion sprach keine leeren Worte: am Ende seines Lebens zog er nach S‘de Boker, aß in der dortigen Kantine und hackte Unkraut.

Für mich ist es letztlich durchaus einleuchtend, warum es für das Wort „Kibbuz“ kein entsprechendes Pendant im Deutschen oder Englischen gibt. Der Kibbuz als Konzept ist zu einer ganz bestimmten Zeit an einem ganz bestimmten Ort entwickelt worden, und würde an einem anderen Ort auch nur wenig Sinn machen. Der Kibbuz steht für die einzigartige Mischung aus Zusammenhalt, Gemeinschaft und die gemeinsame Vision ein Land voll Disteln und Dornen zum Blühen zu bringen.

 

DB

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Bilder privat.

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https://www.strauss-group.com/brand/yad-mordechai/
https://degania.org.il/
http://www.sde-boker.org.il/

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