Als Israel unter vielen Göttern lebte
Im Alten Testament der Bibel wird das Volk Israel mit Versen wie in Deuteronomium 7,5: „Sondern so sollt ihr mit ihnen tun: Ihre Altäre sollt ihr zerreißen, ihre Steinmale zerbrechen, ihre Ascheren umhauen und ihre Götzenbilder mit Feuer verbrennen.“ oft dazu aufgefordert, Altäre heidnischer Stämme vollständig zu zerstören. In unserer heutigen westlich sozialisierten Gesellschaft, die Religionsfreiheit als eines der wichtigsten Grundrechte benennt, klingt dieser Vers sehr brutal und fragwürdig. Es kommt die Frage auf, warum Gott solche brutalen und zerstörerischen Befehle gibt. Dieser Artikel berichtet davon, von welchen „Göttern“ und Altären Israel überhaupt umgeben war und wie die Verehrung dieser „Götter“ stattgefunden hat, sowie wie sich der Gott Israels von diesen „Gottheiten“ unterscheidet und warum diese Aufforderungen den Menschen eher einen Gefallen getan haben, als dass sie brutale und hassvolle Zerstörungen waren.
Einer der populärsten „Götter“ im Alten Testament ist Baal. Der Prophet Elija hatte wohl eine der spannendsten und interessantesten Begegnungen mit ihm. Bei einem Wettbewerb mit den Baalspriestern des Königs Ahab und Elija, dem Propheten des Gottes Israel, um zu testen, wer an den wahren Gott glaubte, kam es zu einem sensationellen Ereignis. Nach stundenlangem Terz und Opfern der Baalspriester, nachdem nichts, aber auch wirklich nichts geschah, war Elija an der Reihe. Elija brachte dem Gott Israels ein Opfer dar, und plötzlich fiel Feuer vom Himmel auf den Berg Karmel, und die Baalsanbeter wurden festgenommen und bekannten: „Als das ganze Volk das sah, fiel es auf sein Angesicht und sprach: Der HERR, er ist Gott! Der HERR, er ist Gott!“ (1. Könige 18,39). Das war aber kein zufällig gewähltes Zeichen Gottes, sondern es war eine ganz konkrete Antwort auf die Baalsverehrung. Die Baalspriester glaubten an Baal als den Gott über das Wetter und die Frucht- bzw. Ertragsfähigkeit. Dass Gott Feuer vom Himmel auf die Altäre des Baals fallen lässt, ist ein klares Zeichen des Gottes Israels, dass er der wahre Gott ist. Aber nicht nur biblisch ist der Baalsglaube bei kanaanitischen Stämmen belegt, sondern auch antike Texte, wie der ugaritische Text aus Syrien aus dem 14.–12. Jahrhundert, zeugen von einem Baalsglauben. Diese Tontafeln mit Keilschriften berichten von Mythen, Riten, Opferlisten, Götteranalogien sowie wirtschaftlichen Aufzeichnungen und Verträgen. Innerhalb dieser Schriften aus der antiken Stadt Ugarit liest man auch über Baal. In folgenden Versen wie: „Baʿal, Bezwinger des Yamm, hat seinen Palast; dort werden ihm Opfer dargebracht, damit er Fruchtbarkeit schenke …“ (KTU 1.4, Kolumne 5) oder: „Baal näherte sich, nahm das Fett und das Blut … die Priester bereiteten die Gaben“ (KTU 1.3). Leider sind dies nicht die einzigen außerbiblischen Beweise über Baal, sondern auch archäologische Funde zeugen von einem Baalsglauben und dessen Opferriten, die sehr brutal und verstörend sind. Archäologen fanden im antiken Karthago einen Opferplatz, der vor allem im 8.–2. Jahrhundert genutzt wurde. Dort fanden sie sehr viele Urnen mit Kinderskeletten gefüllt und Inschriften in Steinen mit Worten wie: „An die Dame Tanit, das Angesicht Baals, und an den Herrn Baal Hammon: das, was ___ gelobt hat (ndṛ) … weil sie seine Stimme gehört haben.“ Bei Analyse dieser Kinderskelette beweisen die Ergebnisse, dass die Skelette bei über 700 Grad Celsius eingeäschert wurden und somit eine ganz bewusste Verbrennung dieser Kinder stattgefunden hat. Zu solchen scheußlichen Opferungen an Baal kamen noch religiöse Prostitution im Baalsglauben hinzu sowie Selbstverletzungsrituale. Schlussendlich kann man also sagen, dass eine solche Aufforderung aus Deuteronomium 7 eher ein Gefallen war für die Menschen in Kanaan und die zukünftigen Kinder der Baalsanbeter, damit solche scheußlichen Opferriten sich nicht weiterhin ausbreiten, sondern so schnell wie möglich gestoppt werden, damit sich die Menschen nicht weiter selbst zerstören.
Ein weiterer „Gott“, der auf ähnlich scheußliche Weise verehrt wurde, ist Molech. In Levitikus 18,21: „Und von deinen Nachkommen sollst du keinen hingeben, um ihn dem Molech durchs Feuer gehen zu lassen, und du sollst den Namen deines Gottes nicht entweihen. Ich bin der HERR.“ wird den Israeliten ausdrücklich verboten, Kinderopfer zu praktizieren. Bekannt in Zusammenhang mit diesem Götzen ist vor allem seine Statue, bei der ein Halbmensch mit dem Oberkörper auf einem Feuerofen sitzt und seine Arme nach vorne ausstreckt, um die Babys, die verbrannt werden sollen, entgegenzunehmen. Es ist ein grauenhaftes Bild, dennoch muss man sagen, dass eine solche Vorstellung dieser Statue unter Forschern nur begrenzt belegt ist. Dies ändert aber nichts daran, dass der ganze Opferritus des Kinderopfers absolut zu verurteilen und abzulehnen ist. Vor allem unter der Betrachtung, dass die Priester und Eltern der Kinder während der Opferzeremonie laute Musik spielten, um das Schreien der eigenen Kinder nicht zu hören. Belegt sind diese Kinderopfer deutlich mehr als die grausame Statue.
1961 fanden Forscher in Ammon, dem heutigen Jordanien, eine Kalksteininschrift mit der Inschrift: „mlkm ()“, was für Milkom steht, was auch ein Name für Moloch war. Dazu beweisen einige Opferformeln aus gefundenen Inschriften wie: „Ein MLK-Opfer eines Sohnes (bn) für Baal Hammon und für Tanit, weil er gehört hat [mein Flehen].“ Diese Inschrift fand man ebenfalls in Karthago neben den Urnen mit den Kinderskeletten. Auch der bekannte jüdische Historiker Josephus Flavius berichtet über den Moloch. In Jüdische Altertümer (Antiquitates Iudaicae) VIII, 145–146 berichtet er über einen bestehenden Opferkult an Moloch zur Zeit des Königs Salomo mit folgenden Worten: „Er errichtete Altäre für die Götter seiner fremden Frauen … besonders für den Gott der Ammoniter, den man Moloch nennt.“
Mit all diesen Informationen lässt sich schnell verstehen, warum der Gott Israels eine solche Aufforderung im Deuteronomiumbuch gab. Nicht aus heimtückischen und zerstörerischen Intentionen gab er diese Anweisung, sondern aus Intentionen der Gerechtigkeit und Bewahrung von Menschenleben. Dieser Befehl war ein guter Befehl und bewahrte im besten Fall viele Leben, vor allem das der kleinen Kinder kanaanitischer Stämme. Was hierbei auch erwähnt werden muss, ist, dass leider auch die Israeliten selbst ihren Gott verachteten und sich gewissermaßen auch solchem Opferkult zuwandten, wie 2. Könige 17,16–17 berichtet: „Aber sie verließen alle Gebote des HERRN, ihres Gottes, und machten sich zwei gegossene Kälber und eine Aschera und beteten alles Heer des Himmels an und dienten dem Baal 17 und ließen ihre Söhne und Töchter durchs Feuer gehen und gingen mit Wahrsagerei und Zauberei um und verkauften sich, zu tun, was dem HERRN missfiel, um ihn zu erzürnen.“ Der Gott Israels wird im Alten Testament ganz differenziert dargestellt. Das zeigt sich vor allem darin, dass der Gott Israels als der Schöpfer von Himmel und Erde bezeugt wird, während anderen „Gottheiten“ des Alten Testaments solche Fähigkeiten nicht zugewiesen werden. Das erklärt auch, warum viele „Götter“ in einer gewissen Weise auch Naturgötter waren, wie z. B. Baal und einem gewissen Bereich zugeordnet waren. Der Gott Israels wird jedoch nicht als ein Naturgott dargestellt, sondern als der Gott über der Natur. Ein weiterer großer Unterschied liegt in den Charaktereigenschaften, der Ethik und den Werten deutlich. Der Gott Israels fordert Opfer der Gerechtigkeit und keine Opfer von Menschen. Er achtet auf ein reines Herz und nicht auf das Verbrennen von Menschen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist vor allem, dass der Gott Israels nicht mit Bildern oder Statuen dargestellt werden kann, während alle anderen Völker Statuen und Bilder von ihren „Göttern“ machten und davor niederfielen. Der letzte und wichtigste Punkt, bei dem sich der Gott Israels von anderen „Göttern“ des Alten Testaments unterscheidet, liegt darin, dass er der wahre und lebendige Gott ist, während die „Götter“ der Kanaaniter und restlichen Völker nur Götzen sind.
John Day – Yahweh and the Gods and Goddesses of Canaan
Stager, Lawrence E.: Cults of the Phoenicians. Harvard, 1995.
Frank Moore Cross – Canaanite Myth and Hebrew Epic
Stories from Ancient Canaan – Michael D. Coogan
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