Jesus im Licht des antiken Judentum

Jesus im Licht des antiken Judentums

 

Schon damals und auch heute streiten sich Menschen darüber, wer Jesus von Nazareth wirklich war. Für viele ist er der Christus und Sohn Gottes, für andere einfach nur ein verrückter Mensch und für andere wiederum ein großer Prophet und weiser Rabbi. Auch wenn alle Indizien, wie alttestamentliche Prophezeiungen, die Lehre und das Wirken Jesu sowie seine Kreuzigung und Auferstehung, dafür sprechen, dass er wahrhaftig der Sohn Gottes ist und Heiland der Menschen, scheint sein Wandel auch näher an dem antiken jüdischen Kontext dran zu sein, als viele Leute heutzutage glauben. Viele Berichte in den Evangelien über Jesus und seine Lehre scheinen manchmal unverständlich und sehr weit hergeholt. Doch es stellt sich die Frage, ob Jesu Wirken und Lehre nicht doch eine gewisse Beziehung hat zu dem Kontext seiner Zeit und ob seine Worte einen tieferen Ursprung haben. Deshalb berichtet dieser Artikel von dem Wirken und den Lehren Jesu in Anbetracht des antiken jüdischen Kontextes seiner Zeit.

 

Im Lukasevangelium lehrt Jesus seine Jünger ein Gebet, von dem fast alle Menschen schon einmal gehört haben oder es eventuell schon einmal selber gesprochen haben: das „Vaterunser“. Was für viele aussieht wie ein neu erfundenes Gebet von Jesus und hauptsächlich in christlichen Kreisen thematisiert ist, hat tatsächlich eine antike jüdische Gebetstradition zugrunde liegen. Das Gebet, welches dem „Vaterunser“ zum Teil unterliegt, ist das sogenannte „Kaddisch-Gebet“ aus dem 3.–5. Jahrhundert v. Chr. Es ist in der jüdischen Tradition ein Gebet um Fürbitte für Frieden, das Kommen von Gottes Herrschaft und für Verstorbene. Das Kaddisch-Gebet enthält zudem einen starken Fokus auf doxologische Formeln und die Verehrung des Gottes Israels.

 

Die erste Aussage des Gebets beginnt mit Lobpreis auf den Gott Israels als Schöpfer von Himmel und Erde. Mit den Worten: „Erhoben und geheiligt werde sein großer Name in der Welt, die er nach seinem Willen erschaffen, und sein Reich erstehe in eurem Leben und in euren Tagen und dem Leben des ganzen Hauses Israel schnell und in naher Zeit, sprechet: Amen.“ gleicht diese Anbetung der des „Vaterunsers“, indem nach der Anrede mit „Vater unser im Himmel“ eine literarische Ähnlichkeit zum Kaddisch-Gebet zu erkennen ist mit den Worten: „Geheiligt werde dein Name“.

 

Inhaltlich, chronologisch und wörtlich weisen das Kaddisch-Gebet und das „Vaterunser“ also eine Ähnlichkeit auf, welche darauf schließen lässt, dass selbst das bekannteste christliche Gebet eine Grundlage in jüdischer Tradition hat. Auch die Rede von „Dein Reich komme, dein Wille geschehe“ ist nicht etwas, was Jesus sich als mächtig und schön klingende Formulierungen ausdachte, sondern ein Konzept, das schon im frühen Judentum tief verwurzelt war.

 

König David schreibt in Psalm 103,19: „Der HERR hat seinen Thron im Himmel errichtet, und sein Reich herrscht über alles.“ Und in Psalm 145,11–13: „und die Ehre deines Königtums rühmen und von deiner Macht reden, dass den Menschenkindern deine gewaltigen Taten kundwerden und die herrliche Pracht deines Königtums. Dein Reich ist ein ewiges Reich, und deine Herrschaft währet für und für. Der HERR ist getreu in all seinen Worten und gnädig in allen seinen Werken.“

 

Das zeigt uns, dass schon im frühen Judentum die Juden Gott als einen universalen Herrscher ansahen, dessen Reich ewig ist und über seine ganze Schöpfung regiert. Und die Bitte, dass sein Reich doch kommen mag, hat dann wieder inhaltlich eine große Parallele zu dem Kaddisch-Gebet, welches auch genau darum bittet.

 

Doch nicht nur anhand des „Vaterunsers“ wird antike jüdische Tradition im Wirken Jesu sichtbar. Auch in der Klage Jesu über Jerusalem, wie in Mt 23,37–39 und Lk 13,34–35, wird eine zugrunde liegende jüdische Tradition sichtbar. Diese beginnt schon früh im Alten Testament und hat eine erstaunliche Parallele zu dem Propheten Jeremia und seinen zwei Schriften aus den Jahren 627–586 v. Chr.

 

Das Leben des Propheten wird häufig gekennzeichnet durch Anklage an das eigene Volk, politische Führer und Priester Israels, wie es uns berichtet wird in Jer 6,13: „Sie alle, von ihrem Kleinsten bis zu ihrem Größten, sind nur auf Gewinn aus; vom Propheten bis zum Priester betrügen sie alle.“ Auch Jesus klagt die jüdischen Schriftgelehrten und Priester nur wenige Verse vor der eigentlichen Klage über Jerusalem an.

 

Eine weitere Parallele im Leben des Jeremia zu Jesus befindet sich in einer häufigen, tiefen und von Trauer gezeichneten Klage über Jerusalem, das Volk und seine Priester. Von Jeremia lesen wir häufig von Trauer über den Zustand des Volkes und das, was auf das Volk zukommt.

 

In seinen Klagen benutzt Jeremia Begrifflichkeiten, welche später von Jesus genauso aufgenommen werden, um den Zustand der Menschen und ihre Sündhaftigkeit auszudrücken, anzuklagen und darüber zu trauern. In Jer 2,13 lesen wir: „Denn mein Volk hat doppeltes Unrecht verübt: Mich hat es verlassen, den Quell des lebendigen Wassers, um sich Zisternen zu graben, Zisternen mit Rissen, die das Wasser nicht halten.“

 

Der Begriff des „lebendigen Wassers“ wird dann von Jesus in Joh 4,10 aufgegriffen, um deutlich zu machen, dass die Verlangen und Sehnsüchte der Menschen nur von ihm, dem wahren Gott, gestillt werden können.

 

Weiter berichtet uns Jer 5,23–24: „Dieses Volk aber hat ein störrisches, trotziges Herz. Sie wichen vom Weg ab und gingen davon. Sie sagten nicht in ihrem Herzen: Lasst uns den HERRN fürchten, unseren Gott, der Regen spendet, Frühregen und Spätregen zur rechten Zeit, der uns die feste Ordnung der Erntewochen bewahrt.“

 

Von einem bösen Herzen ist ebenso ein Thema, das dann von Jesus aufgegriffen wird, um die Verderbtheit des menschlichen Herzens aufzuzeigen, wie wir in Mt 15,19–20 lesen: „Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsche Zeugenaussagen und Lästerungen. Das ist es, was den Menschen unrein macht; aber mit ungewaschenen Händen essen macht den Menschen nicht unrein.“

 

Zu guter Letzt zeigen uns auch die Ereignisse im Leben Jeremias und Jesu eine sehr starke Ähnlichkeit. Jeremia kündigt in seiner Lebenszeit die Zerstörung des Tempels an, genauso wie Jesus sie zu seiner Lebenszeit ankündigte. In beiden Fällen trifft diese Ankündigung nur wenige Jahre später ein und es kommt zu der ersten Zerstörung des Tempels im Jahr 587/586 v. Chr. und zu der zweiten Tempelzerstörung im Jahr 70 n. Chr.

 

So strahlt Jesus auch im Lichte wichtiger und anerkannter Personen des antiken Judentums, indem er in seinen Anklagen, seinem Trauern und seinen Prophezeiungen eine erhebliche Übereinstimmung aufweist.

 

Aber nicht nur mit antiken jüdischen Personen weist Jesus eine starke Übereinstimmung auf, sondern ebenso mit seiner Formulierung bei der Klage über Jerusalem. Die Anrede „Jerusalem, Jerusalem“ ist eine doppelte Anrede, ähnlich wie bei Abraham, als er von Gott gerufen wird mit den Worten: „Da rief ihn der Engel des Herrn vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.“ (Gen 22,11).

 

Diese doppelte Anrede findet man im Alten Testament sowie in vielen Texten semitischer Sprachen als häufiges Stilmittel wieder und sie verdeutlicht damit eine gewisse Dringlichkeit, emotionale Intensität und Aufmerksamkeit.

 

Dass Jesus Jerusalems Bewohner als Mörder von Propheten bezeichnet, ist auch ein Bestandteil antiker jüdischer Anklage, wie man es auch im Alten Testament findet, etwa bei Neh 9,26: „Aber sie wurden widerspenstig und empörten sich gegen dich und warfen dein Gesetz hinter ihren Rücken. Und sie brachten deine Propheten um, die als Zeugen gegen sie auftraten, um sie zu dir zurückzuführen; und sie verübten große Lästerungen.“

 

So zeigen die ersten zwei Aussagen eine tiefe Verwurzelung Jesu in typisch semitischen Stilmitteln und antiken jüdischen Anklagetraditionen.

 

Auch die nächste Aussage „Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt!“ ist eine bewusst gewählte Metapher.

 

Die vom Geist Gottes inspirierten Schreiber des Alten Testaments nutzten oft Metaphern, um Aussagen über das Wesen Gottes zu treffen, um mit ihrem begrenzten Denken den ewigen Gott bestmöglich zu erkennen.

 

In Psalm 91,2–4 wird über den HERRN gesagt: „Ich sage zum HERRN: Meine Zuflucht und meine Burg, mein Gott, ich vertraue auf ihn! Denn er rettet dich von der Schlinge des Vogelstellers, von der verderblichen Pest. Mit seinen Schwingen deckt er dich, und du birgst dich unter seinen Flügeln. Schild und Schutzwehr ist seine Treue.“

 

Hier werden ganz eindeutig Metaphern gebraucht, um Gottes Schutz und Macht den Menschen gegenüber zu beschreiben, und nicht, um auszusagen, dass Gott tatsächlich eine Burg ist oder tatsächlich ein Vogel mit Flügeln ist.

 

Auch Jesus nutzt in seiner Anklage eine Metapher, um den Ruf Gottes an die Menschen in Gemeinschaft mit ihm, welche sich im Befolgen seiner Gebote zeigt, zu verdeutlichen. Anzumerken ist hierbei, dass das Bild aus Psalm 91 eine interessante Parallele zu dem Bild hat, welches Jesus benutzt.

 

Um die Klage dann endgültig in das Muster jüdischer Klagetradition einzubetten, gibt Jesus mit den Worten „Siehe, euer Haus wird euch öde gelassen; denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: ‚Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!‘“ eine eschatologische Nuance mit.

 

Die eschatologische Ausrichtung, das heißt eine gewisse Erwartungshaltung gegenüber zukünftigen Geschehnissen, ist ein Konzept, das sich überall im Alten Testament bei den Propheten findet. Jesus kündigt ein zukünftig kommendes Gericht über Jerusalem an, das am Ende dennoch mit einer hoffnungsspendenden Zusage abgerundet wird. Dieses Prinzip von der Ankündigung eines Gerichts und dennoch einer Verheißung wird vor allem bei dem Propheten Amos sichtbar.

 

So lässt sich abschließend zusammenfassen, dass Jesus nicht nur, aber vor allem im „Vaterunser“ und in seiner Klage über Jerusalem bewusste Parallelen zu der antiken jüdischen Kultur und zur semitischen Rhetorik aufweist. Anhand dieser zwei Beispiele und noch mehrerer Beispiele in den Evangelien wird sichtbar, dass Jesus, der Sohn Gottes, in einer Art und Weise wirkte, welche die Leute damals von ihrer Kultur aus gut verstehen konnten.

 

• https://www.myjewishlearning.com/article/the-book-of-lamentations/#:~:text=Also%20called%20Eicha%2C%20the%20Book,Hebrew%20and%20English%20on%20Sefaria.

• https://www.thetorah.com/article/an-introduction-to-lamentations#:~:text=Lamentations%2C%20or%20Echah%2C%20in%20Hebrew,also%20during%20the%20morning%20service).

• https://www.die-bibel.de/bibel/EUE/JER.6

• https://www.thegospelcoalition.org/essay/hebrew-poetry/

• https://opus.bibliothek.uni-wuerzburg.de/opus4-wuerzburg/frontdoor/deliver/index/docId/11921/file/Staffeldt_Zimmermann_WespA14_2Aufl.pdf

• https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/klage-at

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