Welche sind die ‚heiligen Bücher‘ des Judentums?

Das Judentum ist nicht nur das ‚Volk des Buches‘ (= die hebräische Bibel der alttestamentlichen Einzelschriften). Es kennt außerdem neben dem Alten Testament bzw. dem Erstes Testament weitere ‚heilige‘ Schriften. Der Grund hierfür liegt darin, dass nach traditionell jüdischen Glauben Mose nicht nur die Zehn Gebote auf dem Berg Sinai erhalten habe, sondern Gott ihm zusätzlich die Inhalte der Thora diktiert habe. Außerdem soll Mose die geschriebene Thora mit Tausenden von mündlichen Erläuterungen und Prinzipien ergänzt haben.

Seit ca. 200 v.Chr. wurden diese Traditionen, Bräuche, Gesetze und Interpretationen aufgeschrieben. Je älter eine solche Schrift angesehen wird, desto größer ist die Akzeptanz und Wertschätzung dieser Schrift gegenüber. Zudem existieren noch weitere jüdische Schriften, die in der Zeit nach Abschluss des Tanachs (Alten Testaments) und den frühen Jahrhunderten dieses Zeitalters verfasst wurden, wie z.B. die Apokryphen oder andere einzelne Schriften, wie das Henochbuch oder die Tempelrolle aus Qumran, die in gewissen Kreisen des Judentums ebenfalls für ‚heilig‘ angesehen werden. Die Schriften, die in den frühen Jahrhunderten unserer Zeitrechnung entstanden, gelten allerdings in den Hauptströmungen des Judentums als häretisch (ketzerisch), sie finden weitgehend keine Zustimmung und haben keine normative Bedeutung.

Die Schriften können unterteilt werden in juristische Texte (halacha) und in Texte, die die Bibel interpretieren und auslegen (haggada). Der Talmud (praxisorientierte Auslegung der Thora) enthält Inhalte beider Arten, wobei einige interpretierende Texte einen juristischen Schwerpunkt haben.

Im Folgenden werden die wichtigsten Schriften des Judentums aufgelistet und kurz beschrieben. Die Definitionen sind dem Buch ‚Handbuch Judentum‘ von Michael L. Brown entnommen worden.

Babylonischer Talmud: תַּלְמוּד – (‚Belehrung, Lehre‘)

Der (babylonische) Talmud gilt als „der grundlegende Text für jüdische Religionsstudien“. Er enthält 2,5 Millionen Wörter, die Kommentare und Erweiterungen der Mischna werden auf Hebräischer und Aramäischer Sprache wiedergegeben. Er beinhaltet viel Halacha und auch Haggada und betrifft so ziemlich jeden Bereich des Lebens, der Religion, der Rituale, des Brauchtums und des Gesetzes. Er hat seine endgültige Form zwischen 500 und 600 n.Chr. erhalten und ist im Wesentlichen das Produkt von babylonischen Gelehrten. Maßgebende Autoren sind die Rabbiner Abba Arikha (genannt Raw; *160 n.Chr. †247 n.Chr.), Samuel Jarchinai (genannt Mar; *gegen Ende des 2. Jhdt. †Mitte des 3. Jhdt.) sowie Rav Aschi (*um 352 n.Chr. †um 427 n.Chr.)

Diskussionen betreffend: Der Mensch sei biegsam wie ein Schilfrohr und nicht starr wie eine Feder. Talmud Bavli Taanit 20

Viel Streit im Hause des Menschen entsteht durch grundlosen Haß. Talmud Bavli Schabbat 72

Den Menschen betreffend: Der böse Trieb des Menschen erneuert sich jeden Tag. Talmud Bavli Sukka 52

Anfangs ist der böse Trieb wie ein Vorübergehender, dann wie ein Gast und zuletzt wie ein Hausherr. Talmud Bavli Sukka 52

Jeder einzelne soll sich sagen: Für mich ist die Welt erschaffen worden, daher bin ich mit verantwortlich. Talmud Bavli Sanhedrin 7

Es gibt Menschen, denen ihr Geld lieber ist als ihr eigener Leib. Talmud Bavli Berachot 61

Haggada/ Aggada:  הגדה – (‚erzählen, berichten‘)

„Nichtjuristische (d.h. unverbindliche) rabbinische Geschichten, Predigten und Kommentare in Bezug auf den Tanach und das jüdische Leben. Siehe auch Halacha und Midrasch.“

Halacha: הלכה – (‚gehen, wandeln‘)

„Spezifische juristische Entscheidungen („Was ist die halacha in diesem Fall?“) oder allgemeiner rabbinischer juristischer Stoff. Dem Wort Halacha wird die Bedeutung „Der Weg, der zu gehen ist“ gegeben. Siehe auch Haggada.“

Chumasch:

„Ein anderer Name für die fünf Bücher Mose. Wörtlich bedeutet es „Fünftel“, abgekürzt für die „fünf Fünftel der Thora“.

Jerusalemer Talmud:

„Siehe Palästinensischer Talmud.“

Kabbala: קבלה – (‚Überlieferung, Weiterleitung‘)

„Der landläufige Begriff für jüdische mystische Werke und Traditionen. Er bedeutet wörtlich „das, was erhalten wurde“. Siehe auch Sohar.“

„Das ganze Übel ist die Selbstliebe, genannt Egoismus, da sie das Gegenteil des Schöpfers ist, der keinerlei Verlangen danach hat etwas für sich selbst zu empfangen, sondern nur geben will.“
–Baal HaSulam, “Das Wesen der Religion und ihr Zweck”

“Man kann nur im gleichen Maß lieben, wie man sein Inneres von der Selbstliebe gereinigt hat.”
– Rav Michael Laitman

Midrasch: ‏מדרשׁ – (‚suchen‘)

Rabbinische Kommentare zu einem Vers, Kapitel oder zu einem ganzen Buch des Tanach. Gekennzeichnet sind die Kommentare durch Kreativität und großer Interpretationsgabe der Autoren. Die bekannteste Sammlung wird Midrasch Rabba genannt und behandelt die Fünf Bücher Moses bzw. die Fünf Rollen.

„Ein Heide fragte einst einen Rabbiner: „Warum wählte Gott einen Dornbusch, um darin zu erscheinen?“
Er antwortete: „Hätte er sich in einem Johannisbrotbaum oder einem Feigenbaum gezeigt, hättest du mir dieselbe Frage gestellt. Aber es wäre falsch, dich ohne Antwort gehen zu lassen. Also werde ich dir sagen, warum es ein Busch war: Um dich zu lehren, dass kein Ort ohne Gottes Gegenwart ist, nicht einmal ein armseliger Dornbusch.““
Midrasch

Mischna: מִשְׁנָה – (‚Wiederholung‘)

Die erste schriftlich festgehaltene Sammlung von juristischem Material, die sich auf die Gesetze der Thora und die Verordnungen der Weisen bezieht. Sie bildet den Ausgangspunkt für alle nachfolgende Halacha. Sie wurde um 200 n.Chr. von Rabbi Judah HaNasi (das heißt „der Prinz“) zusammengestellt. Sie betont besonders die Tradition der Rabbis, die von 70 bis 200 n.Chr. großen Einfluss hatten. Siehe Talmud und Halacha.

Mischne Tora: מִשְׁנֶה תּוֹרָה – (‚Wiederholung der Thora‘)

Systematische Zusammenstellung des gesamten jüdischen Gesetzes durch Moses Maimonides (auch Rambam genannt, 1135-1204 n.Chr.). Sie gilt seitdem bis heute als der juristische Standarttext. Siehe auch Schulchan Aruch.

Palästinensischer Talmud:

Im Prinzip gleichartig, wie der Babylonische Talmud, doch beruht er vornehmlich auf der Arbeit der Weisen in Israel. Er ist von geringerem Umfang, weniger autoritativ und wird daher weniger studiert als der Babylonische Talmud. Er hat seine endgültige Form in Israel um das Jahr 400 n.Chr. erlangt.

Mensch & Mensch betreffend:

„Solange der Mensch lebt, hat er Hoffnung.“ Talmud Jeruschalmi Berachot 89

Responsen: von lat. ‚respona‘ – (‚antworten‘)

Als eine der Hauptquellen für die Halacha von 600 n.Chr. bis heute bestehen die Texte aus den Antworten auf spezifische juristische Fragen, die an führende rabbinische Autoritäten in jeder Generation gestellt werden.

Schulchan Aruch: שולחן ערוך – (‚gedeckter Tisch‘)

„Der autoritativste jüdische Standartgesetzkodex, zusammengestellt von Rabbi Joseph Karo (1488-1575 n.Chr.). Siehe auch Mischne Tora.

Siddur: סידור – (‚Ordnung‘)

„Das traditionelle jüdische Gebetbuch. Es enthält eine Auswahl aus dem Tanach und von Rabbis zusammengestellte Gebete.“

 Talmud:

„Siehe Babylonischer Talmud und Palästinensischer Talmud (oder Jerusalemer Talmud).“

Sprüche der Väter – Pirkej Awot:

„Jede Liebe, die von einer Sache abhängig ist, hört auf, wenn die Sache aufhört; die aber, die von keiner Sache abhängig ist, hört niemals auf.“ 5,19

„Betrachte nicht den Krug, sondern dessen Inhalt.“ (Rabbi Me’ir) 4, 27

„Sprich wenig und tue viel!“ (Schammai) 1,15

Tanach: תנ״ך

„Akronym von Torah, Newi’im, Ketubim; jüdischer Name für das gesamte Alte Testament. Obwohl die Reihenfolge der Bücher von der des christlichen Alten Testaments abweicht, ist der Inhalt beider exakt identisch.“

„Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erläßt die Schuld denen, die übriggeblieben sind von seinem Erbteil; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er ist barmherzig!“ Micha 7,18

Targum: תרגום – (‚Übersetzung, Erklärung‘)

Hier geht es um eine aramäische Übersetzung der hebräischen Bibel, die in den Synagogen gelesen wurden, als biblisches Hebräisch nicht mehr verstanden wurde. Die Übersetzung wurde zwischen 300 und 1200 n.Chr. verfasst. Die wichtigsten Targume sind Targum Onkelos zu den fünf Büchern Mose und Targum Jonathan zu den Newi’im (Propheten).

Sohar: זֹהַר – ((strahlender) ‚Glanz‘)

„Das grundlegende Buch jüdischer Mystik. Es wurde im 13. Jahrhundert n.Chr. zusammengestellt, obgleich die mystische Tradition es ins 2. Jahrhundert n.Chr. datiert. Der landläufige Begriff für mystische Werke und Traditionen ist Kabbala (siehe dort), die heute in einer popularisierten und etwas entstellten Form bekannt ist. Kabbala bedeutet wörtlich „das, was erhalten wurde“.“

“Die Notwendigkeit an der Kabbala ist groß, denn wir sind verpflichtet, sie zu kennen, wie es geschrieben steht: „So sollst du nun heute wissen und zu Herzen nehmen, dass der Herr Gott ist oben im Himmel und unten auf der Erde und sonst keiner“ (5.Mose 4:39). D.h. wir müssen wissen, und nicht nur glauben. Wissen, dass der Schöpfer der Einzige ist, der alles lenkt, die Höheren wie die Unteren, und dass es keinen Anderen gibt.”
– Rav Chaim Luzzato, Schaarej Ramchal, Kap. Wikuach, S.77

 (mr)

 

Quelle:
Brown, Michael L., Handbuch Judentum. Antwort auf die wichtigsten Fragen aus christlicher Sicht, Witten 2009, S.46-50
 
Internet:
http://www.kabbala-berlin.info/kabbalisten-ueber-die-weisheit-der-kabbala/
http://www.talmudzitate.com/
http://de.wikipedia.org/wiki/Schma_Jisrael
http://de.wikipedia.org/wiki/Talmud

 

Fotos: Titelbild: raffaespo@flickr; Torah: Lawrie Cate@flickr; Qumran: tourisraele@flickr