Israel in echt und in Farbe – überraschend anders

Seit drei Jahren gehöre ich als studentische Mitarbeiterin zum Team des Instituts für Israelogie. In dieser Zeit habe ich zahlreiche Artikel und Kurzmeldungen verfasst, Inputs vorbereitet, eine Themenwoche mitorganisiert. Schwerpunkte meiner Arbeit sind Antisemitismus, die theologische Verbindung von Judentum und Christentum – und: Israel. Ich interessiere mich dabei für Historie, Archäologie und Zeitgeschichte, Politik. Themen, die man auch aus der Distanz kompetent bearbeiten kann. Was mir bisher fehlte, war der persönliche Kontakt zu Land und Leuten. So hatte ich den „Spirit“ Israels noch nicht selbst erlebt. Oder wenn es um die Beschreibung bekannter Stätten ging, konnte ich mich nur auf fremde Augenzeugenberichte und Fotografien berufen.

Das sollte sich im Sommer 2019 ändern. Dank des jährlich ausgeschriebenen Stipendiums des Instituts durfte ich sechs Wochen an der Ben-Gurion-Universität in Beersheva, Israel, verbringen. Menschen aus der ganzen Welt kommen für einen Sommer des kulturellen Austauschs in der Wüstenstadt zusammen. Den Rahmen unseres Aufenthaltes bildete der Besuch des „Ulpans“, einem Sprachkurs, in dem Neuhebräisch erlernt wird. Weiterhin wurden Exkursionen unternommen, Vorträge und Ausstellungen besucht, es wurde gemeinsam gefeiert und miteinander gelebt.

Teilweise besteht im Christentum neben Offenheit eine emotionale Faszination für Israel. Dann wird jeder Stein im „Heiligen Land“ zu etwas Besonderem erklärt. Schon im Flugzeug saß eine Gruppe älterer Damen, die sich als Pilgerinnen auf den Weg ans Tote Meer gemacht hatten. Ihre geradezu kindliche Vorfreude auf Israel, dem Land der Bibel, hatte durchaus Ansteckungspotential. Religiöse Faszination packt aber nur den, der sich packen lässt. Ich muss zugeben, dass ich meine Reise mit einer Prise spiritueller Nüchternheit angetreten bin, um Land und Menschen erst einmal offen zu begegnen.

Wüste um Beersheva soweit man schaut

Für mich als Theologin ist stets alles interessant, was allgemein unter dem großen Wort „Glauben“ zusammengefasst werden kann. Aus dieser Kategorie musste in Israel doch reichlich Anschauungs- und Inspirationsmaterial zu finden sein. Gleichzeitig beobachte ich gerne religiöses Leben in politischen Strukturen – und umgekehrt Politik in der Kirche. Die wichtigste Frage, die mich schon vor meiner Abreise beschäftigte, lautete daher: „wieviel Judentum” werde ich im Staat Israel tatsächlich vorfinden?

Als stiller Beobachter müsste ich hierauf ganz klar mit „sehr, sehr viel“ antworten. Bereits am Flughafen erscheint für den mitteleuropäischen Christen alles ‚typisch jüdisch‘. Traditionelle Kleidung, mehr Kinder als Erwachsene, ausschließlich koscheres Essen. Symbole wie die Menora oder der Davidsstern bestimmen das Bild. Der Theologe wird ständig von Namen und Worten getriggert, die er aus dem Althebräischen kennt.

Ortsschild vor Jerusalem

Man weiß außerdem und im besten Fall schon vor Reiseantritt: Beim Einkaufen einfachster Dinge zahlt man mindestens das Doppelte als in Deutschland, denn die meisten Läden zahlen für teure Koscher – Zertifikate. Viele Orte – unter anderem Beersheva  – haben eine biblische Geschichte, die dem Touristen nicht vorenthalten wird. Wer am Sabbat einen Ausflug unternehmen möchte, muss gut planen. Zwar ist es bei weitem nicht so, dass das ganze Land in Synagoge oder Wohnzimmer verbringt. Doch öffentliche Verkehrsmittel und Öffnungszeiten von Museen, Restaurants oder Freizeitanlagen schränken den Reisenden stark ein.

Religion ist also in Israel sehr präsent und auf natürliche Weise Teil des israelischen Alltags, den Außenstehende auf den ersten Blick wahrnehmen können.

Sonnenuntergang in der Wüste

Wenn es aber nicht einfach darum geht, in kürzester Zeit möglichst günstig möglichst viele Orte zu sehen, sondern man mehrere Wochen am Stück relativ entspannt in den Tag leben kann, entdeckt man Facetten des Landes, die nicht auch Wikipedia und Reiseführer hätten liefern können. Für mich war die Universität der perfekte Ort, um ganz natürlich erste Kontakte mit jungen Israelis zu knüpfen.

Denn auf dem Campus leben internationale und israelische Studenten eng zusammen. Die Atmosphäre ist natürlich. Man trifft sich beim Wäschewaschen, am Swimming-Pool, in der Mensa oder beim Sport. Eine der ersten israelischen Eigenschaften, die dort zutage tritt: Israelis wollen alles wissen. Sie fragen sehr direkt und sehr persönlich. „Bist du verheiratet? Hast du Kinder? Warum nicht?“  Deutsche Zurückhaltung darf schnell beiseitegelegt werden.

Dafür erhielt ich im Gegenzug Einblicke in das, was wir Deutschen als “privat” bezeichnen. Familie, Wohnung, Religion – alles darf zum Gesprächsgegenstand gemacht und auf Einladung sogar persönlich kennengelernt werden. Während Familie und häusliches Umfeld sehr individuelle Kategorien bilden und sich bei jedem anders gestalten, wird beim Thema Religion schnell klar: für die meisten junge Menschen sind es in erster Linie Kultur und Respekt, nicht persönlicher Glaube, der dazu anhält, am Sabbat gemeinsam zu essen oder in die Synagoge zu gehen. Viele junge jüdische Israelis geben gleich ungefragt an, sie seien nicht religiös sondern „a secular Jew“. Mehrmals fiel in Gesprächen der Vorwurf, Europäer oder Amerikaner würden in Israel immer noch ein staubiges, unterentwickeltes, rückständiges Land sehen, reduziert auf eine Kultur, die nur Religion in den Mittelpunkt stellt. Stattdessen sei man stolz auf moderne Technologien, Partymetropolen wie Eilat und TelAviv – und der Selbstverständlichkeit, mit der man Stücke arabischer Kultur übernimmt.

Auf der Abschlussfeier gaben wir Studenten eine kleine Show

Es ist schon etwas dran, dass man gerade als gläubiger Christ am traditionellen Bild von Israel hängt. Und dieses Bild entspricht auch in gewisser Weise immer noch der Realität – nämlich der von Politik und der Einstellung vieler Menschen der „älteren“ Generation. Das spiegelt in den Wahlen nieder, aber auch in der Skepsis gegenüber den Entwicklungen in den größeren Städten, die sich immer mehr öffnen.

Kasten, um geliehene Gebetsschals zurückzugeben

Israel steht unter Spannung, soweit nichts Neues. Eine ganz besondere Begegnung, die mir gut im Gedächtnis geblieben ist, war eine Gesprächsrunde mit der ultra-orthodoxen Politikerin Rivka Ravitz. Ravitz ist seit 2014 „chief of staff“ unter Staatspräsident Reuven Rivlin. Ihre Person verkörpert eindrücklich eine Fusion aus dem „traditionellen“ und dem „modernen“ Judentum. Hochschwanger, kurz vor ihrer Niederkunft mit dem elften Kind, war sie bereit, uns Teilnehmern an der Sommer-Universität Rede und Antwort zu stehen. Noch dazu am Sabbat: im orthodoxen Judentum ist es Pflicht der Ehefrau, sämtliche Vorbereitungen für den Feiertag zu treffen – bei einer zehnköpfigen Familie keine leichte Aufgabe. Ravitz hat studiert und promoviert, eine politische Karriere gestartet, verfügt über Macht und Einfluss, ist eine anerkannte Frau. Parallel dazu ist sie pflichtbewusste Mutter, Ehegattin, religiöse Jüdin. Ravitz sieht darin keinen Widerspruch. Ich fragte sie, was ihr wichtiger sei: gesellschaftsrelevante Werte wie Liberalität und Selbstbestimmung an ihre Kinder weiterzuvermitteln, oder sie zu religiösen Menschen zu erziehen. Ravitz antwortete: „Ich kann nur als Mutter antworten: Ich möchte meine  Kinder eng bei Gott sehen.“ Es ist eben nicht einfach mit der Religion und der Politik.

Diese sechs Wochen Israel brachten mich nicht nur fachlich, sondern persönlich weiter. Für mich war es besonders wichtig, fremde Erlebnisberichte durch eigene zu ersetzen. Was denke ich, wenn ich am See Genezareth auf blaue Wasser zu schauen? Wie ist es, nach getanem Gebet im Rückwärtsschritt die Klagemauer zu verlassen? Wie fühlt es sich an, als Deutsche unter Juden am Holocaustdenkmal Yad Vashem zu stehen?

Reisen bildet. Für Christen ist jedes Stück jüdischer Kultur ein guter Anknüpfungspunkt, um die eigene Religion und Geschichte besser kennenzulernen und zu verstehen, und daher eine Auseinandersetzung richtig und wichtig. Für die Chance, solche Erfahrungen vor Ort zu sammeln, bin ich sehr dankbar. Auch ohne von einer heißen Liebe zu sprechen, blicke ich auf eine faszinierende Zeit zurück in einem Land, das mich überraschte.

Am See Genezareth

Alena Edler

   

von links: Dr. Berthold Schwarz und Dr. h.c. Fritz May

Am Mittwoch, den 18. April 2018, fand die Verleihung des Franz-Delitzsch-Preises an der Freien Theologischen Hochschule in Gießen statt. Jährlich prämiert der Preis eine herausragende Forschungsarbeit, die mit den Zielen und Schwerpunkten des Instituts für Israelogie übereinstimmt und dazu einen wissenschaftlichen Beitrag leistet. Möglich sind diese Förderungen aufgrund der Stiftungsgelder, die die Arbeitsgemeinschaft „Christen für Israel“ (CfI) durch ihren langjährigen Vorsitzenden Dr. h.c. Fritz May zur Verfügung stellt. Herr May und seine Frau waren während der Preisverleihung ebenfalls anwesend, bei der er zugleich Segenswünsche zu seinem Geburtstag entgegennehmen durfte. Durch das Programm der Preisverleihung führten Prof. Dr. Helge Stadelmann, der Institutsleiter Dr. Berthold Schwarz und ein Team von Studierenden der Hochschule.

Hauptpreisträger sind dieses Jahr Prof. Dr. Hendrik Koorevaar und Prof. Dr. Mart-Jan Paul. Beide lehren als Professoren für Altes Testament unter anderem an der Evangelischen Theologischen Fakultät Leuven, Belgien. Sie beschäftigen sich schon viele Jahre mit Israel: Während Koorevaar selbst 14 Monate im Land gelebt hat, ist Paul aktives Mitglied am Zentrum für Judaistik-Studien in Ede. Gemeinsam haben sie vor einigen Jahren ein Forschungsprojekt initiiert mit dem Titel: „The Earth and the Land. Studies About the Value of the Land of Israel in the Old Testament and Afterwards”. In diesem Sammelband sind Aufsätze zu finden, die sich unter dem Fokus der alttestamentlichen Verheißung, dass von Zion Segen für die ganze Welt ausgehen soll (z.B. Ps 69,30-37 oder Ps 133), mit dem Land Israel beschäftigen. Auch Beiträge zur späteren Entwicklung der Thematik im Judentum und im Islam wurden aufgenommen. Die Publikation wird demnächst in der Reihe Edition Israelogie erscheinen (EDIS 11).

Prof. Dr. Helge Stadelmann, im Hintergrund die beiden Preisträger

Die beiden Gewinner konnten nicht persönlich bei der Verleihung anwesend sein, übermittelten aber eine Videobotschaft (siehe Link): Koorevaar betonte darin, dass es für Christen sehr wichtig sei, die Relation zum jüdischen Volk zu bedenken. Theologisch betrachtet habe das Christentum nicht die Position Israels eingenommen. Wer in Zukunft das Recht haben wird, im Land Israel zu wohnen, liegt für ihn auf der Hand: die Sanftmütigen, so wie es Jesus in der Bergpredigt sagt.

Prof. Dr. Helmuth Pehlke erhält den Franz-Delitzsch-Förderpreis

Ferner wurde der Franz-Delitzsch-Förderpreis verliehen. Der Förderpreis würdigt Arbeiten, die noch im Progress sind, und geht in diesem Jahr an Prof. Dr. Helmuth Pehlke. In seinem Buch „Israel. Daten – Fakten – Hintergründe, um das Heilige Land zu verstehen“ bereitet der Alttestamentler Insider-Fakten zu ausgewählten Orten mit teilweise Jahrtausende alter Bedeutung auf, die man immer noch besuchen kann. Sein Anliegen, das Wissen um Besonderheiten des Heiligen Landes zu erweitern und Begeisterung dafür zu wecken, brachte er in einer Ansprache lebhaft zum Ausdruck.

Weiterhin wurden zwei Arbeiten jeweils mit einem studentischen Sonderpreis ausgezeichnet. Diese gingen an Jan Kilian Freiherr von Bibra und Alena Edler. Beide studieren an der Freien Theologischen Hochschule Gießen. Philip Quast, ebenfalls Student an der FTH Gießen, erhielt ein besonderes Stipendium: Dieses umfasst einen sechswöchigen Sommeraufenthalt an der Ben-Gurion Universität in Be’er Scheva, Israel.

Ein Impuls zum 70-jährigen Bestehen des Staates Israel beendete den offiziellen Teil der Preisverleihung.

AE

Preisträger 2017: Rev. Dr. Jacob Allen Corzine

Am Mittwoch, den 18. April 2018, findet im Plenarsaal der Freien Theologischen Hochschule Gießen wieder die Franz-Delitzsch-Preisverleihung statt, die das Instituts für Israelogie jährlich ausrichtet.

In diesem Rahmen werden der Franz-Delitzsch-Preis sowie der Franz-Delitzsch-Forschungsförderpreis verliehen.

Die Preise prämieren Arbeiten, die in herausragender Weise sachkompetent und in Übereinstimmung mit den Forschungsschwerpunkten des Instituts für Israelogie eine ausgewogene biblisch-heilsgeschichtliche sowie eine zeitgeschichtlich und historisch sachgerechte Israel-Theologie fördern.

Ein Highlight der Preisverleihung ist zudem seit 2011 die Verkündigung des Gewinners eines Stipendiums für ein sechs-wöchiges Studium an der Sommeruniversität Beer Sheva bekannt gegeben, für das sich Studierende der Freien Theologischen Hochschule Gießen seit Anfang des Jahres bewerben konnten.

Zu der feierlichen Preisverleihung mit anschließendem Kaffeetrinken laden wir Sie herzlich ein und freuen uns darauf, Sie bei dieser Gelegenheit kennen zu lernen oder wiederzusehen! Die Preisvergabe beginnt um 10.10 Uhr in der Freien Theologischen Hochschule Gießen, Rathenaustr. 5-7, 35394 Gießen.

Weitere Informationen zum Franz-Delitzsch-Preis, seinem Namensgeber und den Preisträgern der vergangenen Jahre finden Sie hier.

 (mr)

Gebäudekomplex auf dem Campus der Universität

„Wir werden uns bestimmt wiedersehen. Wer einmal in Israel war, kommt ziemlich sicher wieder zurück!“ – So oder so ähnlich wurde ich im August 2016 nach meinem internationalen Jugendfreiwilligendienst in einem Jerusalemer Krankenhaus verabschiedet. Und dieser Freund sollte mit seiner Aussage Recht behalten. Schon vor meinem Rückflug dachte ich über die nächste Möglichkeit, wieder nach Israel zu kommen, nach. Als ich erfuhr, dass es durch ein von dem Institut für Israelogie ausgeschriebenem Stipendium möglich ist, für etwa sechs Wochen an der „Ben-Gurion-Universität“ in Beer Sheva zu studieren, nahm ich mir vor, mich dafür zu bewerben. Als ich dieses Stipendium im April 2017 dann tatsächlich bekam, hatte ich eine tolle Perspektive, mit der ich mein restliches zweites Semester an der FTH Gießen verbringen konnte.

Am 27. Juli – der Tag, an dem ich auch noch meine letzte Klausur schrieb – flog ich schließlich nach Israel. Dort angekommen durfte ich schon in den ersten Wochen erleben, dass sich der ganze Stress, der sich durch die Vorbereitungen besonders in der Klausurenphase ergeben hatte, gelohnt hat. Für 40 Tage durfte ich an der „Universität des Negevs“ studieren. Warmes Wüstenklima, unzählige Straßenkatzen, leckerer Hummus und Klimaanlagen, die mich gefühlt eher im Winter als im Sommer leben ließen, gehörten zu meinem Alltag.

An der Grenze zu Gaza

Das speziell auf deutschsprachige Teilnehmer ausgerichtete Sommerprogramm der Universität beinhaltete als Hauptpunkt einen intensiven Ulpan (Ivrit-Sprachkurs), sowie ein am Nachmittag stattfindendes akademisches Rahmenprogramm, zu dem unter anderem Vorlesungen zu israelischer Literatur, Kultur, Archäologie und Politik gehörten. Zusätzlich wurden einige Studienausflüge in der Umgebung und in andere Städte angeboten. So konnte ich z.B. Einiges über die vom Brutalismus geprägte Architektur in Beer Sheva, über archäologische Ausgrabungen in Ashkelon, über die Situation von Beduinen im Negev sowie über politische Aktivisten in der Nähe vom Gaza-Streifen erfahren.

Der im Zentrum stehende Ulpan, der innerhalb der Woche jeden Vormittag ausfüllte, erlaubte mir eine Vertiefung meiner Vorkenntnisse in Ivrit (Neu-Hebräisch), die ich bereits während meines ersten Aufenthaltes in Israel gesammelt hatte. Während die Einsteiger-Klassen eine Gruppengröße von bis zu 20 Studenten hatten, genoss ich in einem von den höheren Kursen die Privilegien einer kleineren Gruppe. Die Teilnehmerzahl unserer Gruppe bewegte sich zwischen 5 und 7, da einzelne Studentinnen und Studenten erst später dazugekommen und einige schon früher

Meine Ulpan-Klasse beim Abschluss-Essen

gegangen sind. Durch diese Gruppengröße konnten wir intensive Diskussionen über verschiedenste Themen führen, bei denen sich jeder beteiligen konnte. Zudem sollte jeder von uns Präsentationen zu selbst ausgewählten Themen halten. Der Ulpan war insgesamt also sehr vielfältig – so konnte ich beispielsweise etwas über Volkstänze, die Intelligenz von Haustieren, jüdische Philosophie und die Flat-Earth-Society lernen, während ich Vorträge zur Geschichte der Russlanddeutschen und zu dem Einsatz von Lamas, Antilopen und Berberschafen in der Israelischen Armee gehalten habe.

Neben dem Ulpan war es mir sehr wichtig, Kontakte zu Israelis zu knüpfen. Zum Teil erhielten wir bereits durch die Organisatoren unseres Sommerprogramms die Möglichkeit, bei israelischen Studentinnen und Studenten zum Shabbat-Essen eingeladen zu werden. Zusammen mit drei anderen Teilnehmern der Sommeruni wurde ich in eine WG zum Essen eingeladen. Bei Shakshuka, einem typisch israelischen Gericht, welches hauptsächlich aus Eiern in Tomatensoße besteht, und guten Gesprächen hatten wir die Möglichkeit, die Lebenswelt der israelischen Studenten ein wenig kennenzulernen. Neben diesem Angebot habe ich regelmäßig „Nahalat Yeshua“ („Erbe Jesu“), eine messianisch-jüdische Gemeinde, besucht. Dort habe ich mich sehr wohlgefühlt – schnell konnte ich einige Kontakte knüpfen und Zeit mit der Jugendgruppe verbringen.

Nimrod-Festung mit dahinterliegendem Hula-Tal

Zusätzlich konnte ich bereits bestehende Kontakte und Freundschaften pflegen und vertiefen. Für zwei Tage bin ich beispielsweise mit einigen Freunden campen gefahren. Gemeinsam haben wir bei heißem Sommerwetter das kalte Wasser im Fluss Dan im Norden Israels genossen, sind Kajak gefahren, waren in einem kleinen Kletterpark klettern und haben die beeindruckende Nimrod-Festung besichtigt.

Für die Möglichkeit, dieses Sommerprogramm mitgemacht haben zu dürfen, bin ich sehr dankbar. Die Erfahrungen, die ich diesen Sommer sammeln konnte, waren für mich sehr bereichernd.

Wer noch mehr über meinen Studienaufenthalt in Beer Sheva wissen will, vielleicht weil er oder sie Interesse hat, auch einmal dort zu studieren oder einfach nur um Israel besser kennen zu lernen, der kann mich gerne über die Homepage des Israel-Instituts kontaktieren.

Bestimmt wird es nicht das letzte Mal sein, dass ich in Israel war. Wer zweimal in Israel war, kommt ziemlich sicher wieder zurück!

Simon Tielmann

Seit 2007 fördert das Institut für Israelogie wissenschaftliche Arbeiten und Forschungsbeiträge, die sich auf hervorragende Weise mit Themen der Israelogie beschäftigen, mit dem Franz-Delitzsch-Preis. Die zehnte Preisverleihung fand am Mittwoch, dem 20. April 2016, im Plenarsaal der Freien Theologischen Hochschule Gießen statt.

Pfr. Dr. B. Schwarz (l.) überreicht Dr. E. Hirschfeld (r.) den Franz-Delitzsch-Förderpreis

Pfr. Dr. B. Schwarz (l.) überreicht Dr. E. Hirschfeld (r.) den Franz-Delitzsch-Förderpreis

Auf eine Begrüßung und Einführung durch den Institutsleiter Pfr. Dr. Berthold Schwarz folgte eine instrumental-musikalische Begrüßung durch J. Bork (Flügel) und M. Engel (Akustikgitarre) mit dem Musikstück „In Christ alone“. Anschließend wurde als erster Förderpreisträger Dr. Ekkehard Hirschfeld ausgezeichnet. Er erhielt den Förderpreis für die Erörterung von Ernst Ferdinand Ströters „Israeltheologie“ in einem umfangreichen Kapitel seiner Greifswalder Dissertation über Ströter.

In seinem Grußwort hob Herr Hirschfeld die judenmissionarische Tätigkeit Ströters zu Beginn des 20. Jahrhunderts hervor: Durch seinen Einsatz für die Judenmission in den USA und im damaligen britischen Mandatsbezirk Palästina (heutiges Israel) habe Ströter einen entscheidenden Beitrag zur Israelogie seiner Zeit und auf gewisse Weise sogar zur späteren Staatsgründung Israels geleistet.

Der Förderpreisträger M. Steiner, Mag. Theol.

Der Förderpreisträger M. Steiner, Mag. Theol.

Der zweite diesjährige Förderpreisträger war Martin Steiner, der die Ehrung für seine Magisterarbeit, die an der Universität Wien mit summa cum laude ausgezeichnet wurde, erhielt. Die Arbeit „Messianische Juden und hebräisch sprechende Katholiken“ beschäftigt sich mit einigen speziellen messianischen Gruppierungen. Diese Studie über Theologie und Praxis jüdisch-katholischer Gemeinden in Israel sei, so Pfr. Dr. Berthold Schwarz, wichtig für ein fundiertes Verständnis des jüdisch-christlichen Dialogs. Leider konnte Herr Steiner nicht persönlich anwesend sein; stattdessen sandte er ein Grußwort per Video.

Anschließend wurde Dr. Benjamin Lange für seine Masterarbeit an der University of South Africa mit dem Titel „Die Bundesbeziehung Gottes zu Israel im Sinaibund als Argumentationsgrundlage in Röm. 9-11“ mit dem Franz-Delitzsch-Hauptpreis ausgezeichnet. Herr Lange hielt das Hauptreferat des Tages zum Thema seiner Forschungsarbeit.

Im Römerbrief, so Lange, finde sich in den Kapiteln 9-11 eine gründliche heilsgeschichtliche Einordnung Israels; hierbei hebe Paulus sowohl die Zuwendung Gottes zu Israel als auch das Problem, dass Israel Gott ungehorsam sei, hervor. Wie lässt sich dieser Befund mit dem Sinaibund (Mosaischer Bund) verbinden?

Ein Einblick in die aktuelle Forschung zeigte den Zuhörern, dass der Sinaibund in der alttestamentlichen Wissenschaft heutzutage positiver wahrgenommen wird als noch vor einigen Jahren. Es wird betont, dass Israels Beziehung zu Gott einseitig von Gott abhänge und nicht von Israels Gehorsam Gott und seinen Geboten gegenüber. Gleichzeitig wird stark zwischen dem Bundesinhalt (der für heutige Heidenchristen nicht unmittelbar gelte) und der Bundesbeziehung zwischen Gott und seinem Volk unterschieden. Diese werde im Alten Testament mit verschiedenen Begriffen ausgedrückt. Sie werde unverbrüchlich von Gott garantiert.

Dr. B. Lange bei seinem Referat

Dr. B. Lange bei seinem Referat

In diesem Kontext wirkt Röm. 9-11 zunächst paradox, denn aus diesen Kapiteln ließ sich in früherer Zeit die Substitutionslehre ableiten: Gott habe Israel völlig verworfen und sich die neutestamentliche Gemeinde als sein neues Volk erwählt. Hier zeige sich, so Lange, ein völlig anderer Blickwinkel der AT- und der NT-Wissenschaft auf den Sinaibund.

Was für den Sinaibund konstitutiv sei, sei die zeitliche Reihenfolge dreier Elemente:

1. Gottes Segen (für Gehorsam Israels)

2. Gottes Fluch (für Ungehorsam Israels)

3. Wiederherstellung des Bundes durch Gott

Diese Reihenfolge werde in 5. Mose 28-32 explizit herausgestellt; sie zeige sich auch immer wieder in der alttestamentlichen Geschichte. Beispielsweise folge auf die Sünde Israels mit dem Goldenen Kalb (2. Mose 32) ein Fluch Gottes, danach aber die Wiederherstellung des Bundes durch Gott.

Langes These ist, dass diese Elemente den Sinaibund mit dem Neuen Bund in Christus verbinden. Gott breche den Bund niemals; wenn aber der menschliche Bundespartner sündige und den Bund breche, so stelle Gott den Bund wieder her. Der Alttestamentler Erich Zenger brachte es auf den Punkt: „Israel kann den Bund brechen, aber Israel kann den Bund nicht zerbrechen.“

Hier finde sich, meint Lange, eine Gemeinsamkeit zwischen dem Sinaibund und Röm. 9-11. In beiden Texten gehe es darum, dass Gottes Barmherzigkeit den einmal geschlossenen Bund wiederherstelle. Beide Texte sprächen von der Initiative Gottes an Israel und von einer bleibenden Bedeutung und Zukunft Israels.

In Röm. 9-11 benutze Paulus einige sogenannte Bundesformeln aus dem AT, um Gottes Beziehung zu Israel zu beschreiben. Wie 5. Mose 30 stelle Paulus heraus, dass auf Israels Sünde (den Bruch des Bundes) Umkehr und Buße folgen werde. Damit argumentiere er völlig in der Linie der frühjüdischen Tradition.

Dr. B. Lange bei seinem Referat

Dr. B. Lange bei seinem Referat

Das Schlüsselwort in Röm. 9-11 sei „Barmherzigkeit“. Diese Barmherzigkeit (Gottes) sei die Lösung des Problems, dass Israel Jesus nicht als Messias anerkennt. Trotz dieses Problems nenne Paulus Israel „Gottes Volk“ (Röm. 11,1f.) und verwende eine spezifische Bundesterminologie. Durch Israels Umkehr werde – so die Überzeugung von Paulus – die Wiederherstellung des Sinaibundes erfolgen: „Ganz Israel wird errettet werden“ (Röm. 11,26). Paulus verwende zahlreiche Zitate und Anspielungen auf die alttestamentliche Bundesterminologie, in der es um Gottes bleibende Beziehung zu Israel gehe. Er betone die Barmherzigkeit Gottes und zitiere exakt diejenigen Passagen des Sinaibundes, die sich besonders mit der Wiederherstellung eines gebrochenen Bundes beschäftigten. Röm. 9-11 sei, meinte Lange, so konzipiert, dass deutlich werde, dass es nach Paulus eine völlige Wiederherstellung von Gottes Bund mit Israel geben werde. Gleichzeitig aber betone Paulus die heilsgeschichtliche Bedeutung für die Heidenvölker: Die Bundesbeziehung Gottes zu Israels sei paradigmatisch für Gottes barmherzige Zuwendung zu den Nationen. Paulus verfolge hier also eine Doppelstrategie. Er sei vom Bundesdenken geprägt und übertrage diesen Bund auch auf die Heiden, die sich an Christus halten – wobei er das jüdische Volk aber nicht verloren gebe. Nach Paulus’ Sprachgebrauch zu urteilen, meine er, dass die Wiederherstellung Israel als Kollektiv gelte, nicht unbedingt jedem einzelnen Israeliten individuell.

Das ebenso inhaltsreiche wie kurzweilige Referat wurde mit begeistertem Applaus aufgenommen.

Institutsleiter Pfr. Dr. Schwarz mit den Stipendiaten

Institutsleiter Pfr. Dr. Schwarz mit den Stipendiaten

Zusätzlich zum Franz-Delitzsch-Preis wurden auch zwei Stipendien des Instituts für Israelogie vergeben. Roland Franz und Johannes Appelt (beide Studenten an der Freien Theologischen Hochschule Gießen) bekamen einen Platz an der Sommeruni der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva (Israel). Für sechs Wochen können sie in Israel studieren, bekommen Ivrit-Unterricht, besuchen theologische Vorlesungen und lernen Land und Leute kennen.

Musikalisch großartig untermalt wurde der Festakt durch J. Bork (Flügel) und M. Engel (Akustikgitarre). Während der Preisverleihung wurde auch der Förderer des Israel-Instituts, Dr. h.c. Fritz May, Vorsitzender von „Christen für Israel“ (CfI), zu seinem 80. Geburtstag geehrt. Anschließend an die Preisverleihungen rundeten Gespräche bei Kaffee und Kuchen die Preisverleihungs-Feierlichkeiten ab.

Übrigens: Weitere Bilder der Preisverleihung finden Sie hier!

sg

Bilder: privat

Pfr. Dr. Gerhard Gronauer bei seinem Vortrag

Auf die Suche nach einer theologisch wie politisch angemessenen Haltung zum jüdischen Staat und zum Nahostkonflikt hat am vergangenen Freitag, 25. April 2014, Pfr. Dr. Gerhard Gronauer seine Zuhörer bei der Franz-Delitzsch-Preisverleihung mitgenommen.

Gronauer wurde vom Institut für Israelogie in einer feierlichen Zeremonie für sein 2013 in Göttingen erschienenes Werk “Der Staat Israel im westdeutschen Protestantismus. Wahrnehmungen in Kirche und Publizistik von 1948 bis 1972” mit dem Franz-Delitzsch-Preis geehrt. Dieser seit 2007 verliehene Preis prämiert Arbeiten, die sachkompetent und in herausragender Weise eine heilsgeschichtliche Israel-Theologie (Israelogie) fördern.

“Der Staat Israel im westdeutschen Protestantismus”

In seinem gut verständlichen und überzeugenden Vortrag betonte der in Dinkelsbühl (Bayern) tätige Pfarrer als eine persönliche Erkenntnis aus seinem Buch die Wichtigkeit einer ausgewogenen sowie sachgerechten Haltung im Hinblick auf die Nahostproblematik, da zu jedem Konflikt stets zwei Parteien gehörten. So müsse Kritik an Israel wie an jedem anderen säkularen Staat – jedoch nicht mehr als an jedem anderen Staat – erlaubt sein, seien aber die Ansprüche der palästinensischen Befreiungstheologie ebenso unter die Lupe zu nehmen. Dass letzteres versäumt wurde, während der christliche Zionismus missbilligte wurde, bemängelte der Theologe zum Beispiel an der 2012 erschienenen EKD-Orientierungshilfe “Das gelobte Land”. Eine richtige Friedensbewegung hingegen müsse vermitteln und sich in Selbstkritik üben anstatt Ressentiments zu verschärfen.

Prof. Dr. Stadelman überreicht dem Preisträger die Urkunde

Gronauer führte weiter aus, wie ihn trotz seines Strebens nach Ausgewogenheit sein Glaube an den Gott, der auch im Neuen Testament der „Gott Israels“

genannt wird und sein Erschrecken über den Nationalsozialismus zu einer pro-israelischen Haltung führen. Die Gefahr, mit dieser Haltung Schiffbruch zu erleiden (z. B. durch eine theologische Verklärung des Staates Israel) ist seines Erachtens geringer als bei einem Antisemitismus, der im Deckmantel einer “neutralen Israel-Kritik” daherkomme oder auch bei einer grundsätzlichen theologischen Israel-Vergessenheit, welche Gronauer zu bekämpfen sucht. Er ermutigte seine jungen Zuhörer, Verantwortung für unsere deutsche Vergangenheit zu übernehmen und – so abgedroschen dies manchmal klingt – die Verbrechen des Holocaust sowie Israel nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Dies könne zum Beispiel dadurch geschehen, dass der 10. Sonntag nach Trinitatis als der offiziell Israel-Sonntag wieder bekannt gemacht und sinnvoll genutzt würde oder indem man sich für den Erhalt jüdischer oder von Juden ehemals bewohnter Gebäude einsetze.

Bei den Recherchen für sein Buch sei Gronauer unter den vielen Stellungnamen zum Thema Israel eine besonders ins Auge gefallen: Im Jahr 1980 bezeichnete die Evangelische Kirche im Rheinland die “fortdauernde Existenz des jüdischen Volkes” als ein “Zeichen der Treue Gottes gegenüber seinem Volk”. Gronauer lobte die Wortwahl dieser theologischen Standortbestimmung. Der Begriff “Zeichen” bringe auf der einen Seite das Handeln Gottes mit dem aktuellen Staat Israel in Verbindung, ließe aber auf der anderen Seite auch einige Fragen – wie beispielsweise die, ob sich 1948 eine biblische Weissagung erfüllt hat – offen, und dies sei gut so.

Illustration von Hes 37 aus der “Action Bible”

In Bezug auf Fragen wie diese hielt sich Gronauer sympathischerweise bedeckt: Er könnte nicht von sich behaupten, für die Gegenwart einen Plan Gottes für Israel und die Palästinenser zu kennen. Es ist jedoch seine Überzeugung, dass sich mit der Wiederkunft Christi innerbiblisch nicht erfüllte Verheißungen wie die aus Hesekiel 36-37 erfüllen können: “Wenn Gott eingreift, wenn er die Himmel aufreißt und die Welt in irgendeiner Form verwandelt, dann sind noch viele Hoffnungen und Verheißungen aus der Bibel da – auch an Israel -, die dann in Erfüllung gehen können.”

Doch bis dahin lebten wir in der Jetzt-Zeit und könnten nur gemeinsam auf eine Lösung des Nahostkonflikts hoffen und dafür beten. So drückte der Lehrbeauftragte der CVJM-Hochschule in Kassel zum Schluss seines inspirierenden wie auch nachdenklich stimmenden Vortrags seinen tiefen Wunsch aus, dass – vielleicht durch Abstimmungen und Abgrenzungen – eines Tages seine Söhne erleben, wie Juden und Palästinenser friedlich im Heiligen Land zusammenleben – bis zu dem Zeitpunkt, an dem Gott seine Welt verwandeln wird.

“Wozu Israel”, hg. von Tobias Krämer

Krämer im Video-Grußwort

Neben der Verleihung des Hauptpreises wurde Tobias Krämer aus Stuttgart von Institutsleiter Dr. Berthold Schwarz für die Mitwirkung an und Herausgabe von „Wozu Israel? Historische, theologische und zeitgeschichtliche Zugänge zum Bundesvolk Israel“ mit dem Franz-Delitzsch-Förderpreis ausgezeichnet. Dieses kompakte Themenbuch bereitet das Verhältnis der Gemeinde Jesu zum Bundesvolk und zum Staat Israel biblisch fundiert und in gemeindetauglicher Form auf. In seinem Video-Grußwort drückte Krämer seine Überzeugung aus, dass unsere gesamte Theologie mit unserer Haltung zu Israel stehe und falle, sowie seine Dankbarkeit für die Auszeichnung, welche aus seiner Sicht auch das Bemühen um das heute mehr denn je nötige gemeinderelevante theologische Arbeiten prämiere.

Eine der Gewinnerinen des Sommer-Uni-Stipendiums

Im Rahmen der Preisverleihung wurden mit Seline Kanwischer und Franziska Peters zudem die zwei glücklichen Gewinnerinen des Stipendiums für eine sechs-wöchige Sommeruniversität in Beer Sheva, Israel, bekannt gegeben, auf das sich Studierende jährlich bewerben können. Die beiden Studentinnen werden dort in ihrer vorlesungsfreien Zeit modernes Hebräisch lernen und durch Vorträge sowie Ausflüge Land, seine Kultur und das Judentum besser kennen lernen. Im Anschluss werden sie auf unserer Website von ihren Erfahrungen im Heiligen Land berichten.

Große Freude über das Stipendium

Große Freude über das Stipendium

Jochen Grebe am Klavier und Marie-Helen Tuchscherer am Saxophon führten das Publikum durch ihre einfühlsamen und hochwertigen Interpretationen musikalisch durch die ein-stündige Preisverleihung, welche Prof. Dr. Stadelmann mit der Erinnerung daran beendete, dass Gott immer zu seiner Zeit seine Ziele erreicht – dies werde auch für Israel der Fall sein.

(jp)

Fotos: © privat

Diesen Sommer konnte das Institut für Israelogie zwei Studenten die Teilnahme am Sommerprogramm der Ben-Gurion Universität in Beer Sheva ermöglichen (hier der Bericht über die Preisverleihung im April). Nach Philipp Wiens berichtet uns nun Colin Bergen von seiner Zeit im Heiligen Land.

Blick auf die Jerusalemer Altstadt vom Ölberg

Blick auf die Jerusalemer Altstadt vom Ölberg

Wie der sprichwörtliche Blinde, der von der Farbe redet – so in etwa könnte man einen Theologen beschreiben, der selber nie einen Fuß ins Heilige Land gesetzt hat. Um bei dem Bild zu bleiben: Diesen Sommer ist die Zeit meiner Blindheit zu Ende gegangen: Ich – ein Theologiestudent der FTH Gießen – hatte nämlich das Privileg, Israel das erste Mal zu besuchen.

Israel ist übrigens mehr als ein Exkursionsziel für intellektuelle „Nerds“ (sprich: Theologen, Politik- und Geschichtsinteressierte, Archäologen usw.): Es ist für alle etwas dabei. Ausnahmslos jedem Israelbesucher, von dem ich mir im Vorfeld ein Meinungsbild eingeholt habe, konnte ich die Begeisterung für Land, Menschen und Kultur aus einem strahlenden Gesicht beim Erzählen abspüren. Seit diesem Sommer bin ich einer von diesen Menschen.

Das „Projekt Israel“ hat für mich im März diesen Jahres angefangen, als ich mich an die Arbeit gemacht habe, einen Artikel für den Wettbewerb des Instituts für Israelogie zu verfassen. Die Vorgabe: Ungefähr 1500 Wörter so auf Papier bringen, dass am Ende „irgendetwas, das mit dem Thema Israel zu tun hat“ und ein persönliches Motivationsschreiben dabei herauskommen. Der Preis: ein sechs Wochen dauernder, vollfinanzierter Israelaufenthalt mit Teilnahme an einem Hebräisch-Sommerkurs der Ben-Gurion Universität. Meine Einstellung: Wer da nicht mitmacht, ist selber schuld. Am 26. April gab es die Gewissheit: Weniger als zehn Stunden Arbeitsaufwand haben sich für mich bezahlt gemacht. Mein Kommilitone Philipp Wiens und ich wurden als Gewinner des Wettbewerbs bekanntgegeben.

Am Samstag, den 3. August startete mein Flugzeug in Frankfurt und brachte mich ca. 4 Stunden später kurz nach Mitternacht wohlbehalten nach Tel Aviv. Die Ankunftszeit war kein Zufall: Von Freitag- bis Samstagabend hätte ich nämlich gemeinsam mit dem Großteil der Autos, Busse und Züge in Israel am Flughafen stillgestanden. Der Sabbat beeinflusst das öffentliche Leben hier in einem viel maßgeblicheren Umfang, als wir es von unserem Sonntag kennen. An den „Sabbataufzügen“, die an diesem Tag auf jeder Etage automatisch anhalten, damit die Reisenden nicht den Knopf drücken müssen, wird die religiöse Konsequenz der Juden besonders deutlich. Das war nur ein erster Vorgeschmack auf noch viele andere Besonderheiten, die ich in den folgenden sechs Wochen über das Land lernen sollte.

Boker tov!

Mein Hebräischkurs in der Ben-Gurion Universität

Das sind die Worte, mit denen ich mal mehr und mal weniger motiviert jeden Morgen im Sprachkurs begrüßt wurde. Sie bedeuten schlicht und ergreifend „Guten Morgen“ auf Hebräisch. Wie zu Beginn erwähnt, war ich während meines gesamten Aufenthaltes in Israel Teilnehmer eines offiziellen Sommeruniversitätsprogrammes der Ben-Gurion Universität – einer von ca. 40 anderen Deutschen und 20 weiteren Amerikanern. Der Hauptcampus der Universität und damit auch mein Wohnsitz für die sechs Wochen befand sich in Beer Sheva, einer Stadt in der Negevwüste, rund 80 km südlich von Jerusalem.

Ein Muss für jeden Israelreisenden – Foto mit Zeitung im Toten Meer

Das Programm bestand im wesentlichen aus drei Elementen: Über den gesamten Zeitraum hinweg fanden nach Schwierigkeit gestaffelte Hebräischkurse von Sonntag (1. Arbeitstag der Woche) bis Donnerstag jeweils von 9:00 bis 12:30 Uhr am Vormittag statt. Bei meinem Kurs für Teilnehmer mit Basiskenntnissen handelte es sich um eine 12-köpfige Gruppe, die von einer israelischen Lehrerin geleitet wurde: Sie gestaltete den Unterricht von der ersten Minute an konsequent auf Hebräisch. Als zweiten Schwerpunkt bot das Programm an jedem dieser Tage Abendvorlesungen zu Themen rund um die Geschichte, Kultur und Politik Israels an. Und drittens beinhaltete das Programm gemeinsame Ausflüge zu verschiedenen Sehenswürdigkeiten (Jerusalem, Ein Gedi, Totes Meer usw.), die jeweils auf die Freitage fielen. Zu alldem kommen natürlich viele unbezahlbare Erlebnisse mit einigen neugewonnenen Freunden hinzu.

(Für mehr Informationen siehe den Artikel von Philipp Wiens.)

Bibel für’s Auge

Modell von Jerusalem im 1. Jh. n. Chr. im Israelmuseum

Modell von Jerusalem im 1. Jh. n. Chr. im Israelmuseum

Man kann sich wahrscheinlich keine 20 km in Israel bewegen, ohne durch einen Ort zu kommen, den die Bibel an irgendeiner Stelle erwähnt. In Israel bekommt der Bibelleser die Originalbilder zu den Bibelgeschichten serviert – das ist noch besser als den Jesusfilm zu schauen. Und wenn an einem Ort mal zugegebener Maßen nicht mehr ganz so viel von vor zwei- bis viertausend Jahren übrig geblieben ist, dann bleibt immer noch der Gang ins Israelmuseum in Jerusalem, das die wohl bedeutendste Ausstellung rund um die Bibel beherbergt. Um nur wenige Ausstellungsstücke zu nennen: ein Tempelstein, der den Heiden den Zutritt zum Tempelhof unter Androhung der Todesstrafe verbot, die ältesten alttestamentlichen Textfunde aus Qumran, das Grab von Herodes dem Großen.

Bewegt man sich etwa 4 km aus dem Museum Richtung Altstadt, befindet man sich am wohl bedeutendsten religiösen Sammelpunkt der Welt – die drei größten monotheistischen Weltreligionen sind jedenfalls alle kräftig vertreten. Auf den schmalen dunklen Gassen, die ca. 80 % der Altstadt Jerusalems ausmachen, reiht sich ein übereifriger Souvenirhändler an den nächsten. Immer wieder drängen sich – teilweise singende – Gruppen von Gläubigen auf dem Weg zu einem ihrer heiligen Orte durch die Menschenmassen.

Der Salbungsstein in der Grabeskirche

Der Salbungsstein in der Grabeskirche

Mich hat dieser religiöse Rummel ehrlich gesagt mehr geschockt als fasziniert: Haben evangelikale Christen etwas falsch verstanden, wenn sie keinen Kult aus heiligen Orten und Gegenständen machen und fast schon magische Kraft von ihnen erwarten, wie andere christliche Gruppen es anscheinend tun? Müsste ich mich auch mit tränenüberströmtem Gesicht in der Grabeskirche vor dem Stein niederwerfen, auf dem Jesu Leichnam angeblich gesalbt wurde und ihn küssen – wenn ich es wirklich ernst meinen würde? Sollte ich mich auch einer russisch orthodoxen Gruppe anschließen und die Via Dolorosa mit ernster Miene singend entlang pilgern (zumindest einige Russlanddeutsche könnten ja mitsingen)? Sollte neben den Katholiken, den Orthodoxen, Armeniern und den muslimischen Türwärtern auch eine evangelikale Partei in der Grabeskirche vertreten sein, um bei den gelegentlichen Schlägereien aufgrund von Meinungsverschiedenheiten den eigenen Standpunkt durch ordentliches Austeilen deutlich zu vertreten? (http://www.youtube.com/watch?v=pGRV9728UEs).

Blick auf Syrien

Blick auf Syrien

Ich persönlich habe mich aus dem ganzen Rummel um die „heiligen“ Orte und Bräuche herausgehalten und muss bekennen, dass ich an keinem Ort von Tränen übermannt wurde – obwohl ich es mit dem Glauben sehr ernst nehme. Ich halte es ganz mit dem Neuen Testament, das uns lehrt, dass wir durch Jesus Christus an jedem Ort dieser Welt eine Direktverbindung zu Gott haben. Dennoch ist es natürlich toll, wenn man durch die Orte, an denen sich Gottes Offenbarungen ereignet haben – mal ganz abgesehen davon, ob der genaue Standort hundertprozentig historisch verifiziert werden konnte oder nicht – an die hundertprozentig wahren Ereignisse erinnert wird, von denen die Bibel uns berichtet.

Alltag in Israel

Was wäre ein Land ohne seine Bewohner? Sie sind es doch, die einem Land erst seinen einmaligen Charakter verleihen. Nun ja, was lässt sich daraus über den Charakter Israels schlussfolgern? Ich durfte sehr viele spannende neue Bekanntschaften machen, die mir zumindest einen ersten Eindruck vermittelt haben: In Beer Scheva habe ich mir die sechs Wochen über in einem Studentenwohnheim die Wohnung mit einem jüdischen und einem arabischen Israeli geteilt. An den unterschiedlichen Wurzeln haben die beiden sich überhaupt nicht gestört und auch mich ganz unkompliziert aufgenommen. Die Israelis habe ich generell als sehr entspannt und direkt kennengelernt: Sie nehmen kein Blatt vor den Mund, sagen, wie es ist und sparen sich jede Form von künstlicher Höflichkeit – man weiß immer, woran man ist und muss nicht hinter jeder Aussage noch die eigentliche Botschaft des Gegenübers aufspüren. Die Gastfreundschaft meines arabischen Mitbewohners hat mich besonders beeindruckt. Er hat mich häufig eingeladen dazuzukommen, wenn er beispielsweise mit seinen Freunden irgendwelche heimischen Gerichte mit Leber gegessen, eine (oder mehrere) Wasserpfeifen geraucht oder Fußball gespielt hat.

Leere Hauptstraße in Haifa am Yom Kippur

Leere Hauptstraße in Haifa am Yom Kippur

An den Dienstagabenden bin ich fast jede Woche mit einer kleinen Gruppe der Sommeruni-Teilnehmer zu einer christlichen Bibelstudiengruppe gegangen, die von der messianischen Gemeinde in Beer Scheva ausgerichtet wurde. Auf dem Programm standen in der Regel ein paar hebräische Lobpreislieder und eine Bibelandacht. Es hatte für mich schon etwas Besonderes, Lobpreislieder in der Sprache der Psalmen zu singen. Auch die Bibel haben die Christen in Beer Scheva irgendwie anders gelesen als ich. Schon allein durch das Hebräische haben sie einen näheren Zugang zum Alten Testament. Aber auch die jüdische Kultur drum herum prägt die Perspektive, mit der diese Menschen die Bibel betrachten. Die für den Durchschnittsdeutschen langweiligen Texte zu jüdischen Festen werden auf einmal anschaulich und relevant – gerade wenn das Fest, über das man gerade liest, in derselben Woche ansteht und dafür sorgen wird, dass kein Auto auf der Straße zu sehen ist, wie es am Yom Kippur, dem großen Versöhnungstag der Juden, der Fall war.

 „Denn der HERR, dein Gott, führt dich in ein gutes Land…“

Ausblick auf den See Genezareth

Ausblick auf den See Genezareth

Zu guter Letzt kann ich eine Information nicht unter den Tisch fallen lassen: Israel ist einfach herrlich, um Urlaub zu machen. Zunächst einmal ist da die Wetterlage, die eine verlässliche Grundlage dafür bietet. In den sechs Wochen habe ich keinen einzigen Regentropfen abbekommen und an einen Tag mit weniger als 30 Grad kann ich mich nicht erinnern. Das Land ist ungefähr so groß wie Hessen – man kann problemlos jedes Urlaubsziel schnell erreichen. Die Vielfalt des Angebots wird durch die Überschaubarkeit des Landes in keiner Weise beschnitten: Während eines viertägigen Aufenthalts in Eilat, eines der Zentren des israelischen Tourismus, das ganz im Süden des Landes am Roten Meer liegt, konnte ich beim Schnorcheln wunderschöne Korallenriffe und Fische bestaunen. Für diejenigen, die lieber an Land bleiben, gibt es alternativ Kamele, die nur darauf warten, Touristen auf eine Tour durch die Wüste zu entführen.

Wunderschöne Natur – die Banias-Wasserfälle

Von einer anderen Seite habe ich Israel ziemlich genau 400 km nördlich am See Genezareth in Galiläa kennengelernt. Hier habe ich für drei Tage einen Freund in einem wunderschönen christlichen Gästehaus mit dem Namen Beit Baracha, Haus des Segens, besucht. Auf der Terrasse mit Blick über den See ließ es sich auf einer Hollywoodschaukel sehr gut aushalten. Dazu stand dort eine Fahrt durch die wunderschöne Natur der Golanhöhen auf dem Programm, eine Besichtigung der Golan-Brauerei in Katzrin, ein Ausflug zu den Banias-Wasserfällen, ein Stopp an der syrischen Grenze und die Besteigung des Berges Arbel vor dem Sonnenaufgang mit Blick über den See Genezareth. Wie gesagt: Es ist ganz sicher für jeden etwas dabei.

Gedanken

Sonnenaufgang über dem See Genezareth auf dem Berg Arbel

Sonnenaufgang über dem See Genezareth auf dem Berg Arbel

Neben all den tollen Erfahrungen wird mir Israel allerdings auch als eine Zeit des Nachdenkens in Erinnerung bleiben: Es war unglaublich wertvoll für mich, einmal so viel Abstand vom eigenen Alltag zu bekommen. In der Hektik des alltäglichen Lebens bleibt oft keine Zeit, bewusste Entscheidungen zu treffen. Ein Berg von Aufgaben türmt sich mit gewissem Zeitdruck vor einem auf und man macht es sich unbewusst schnell zur Pflicht, diese einfach so gut es geht abzuarbeiten. Gerade wenn wir vielbeschäftigt sind sieht die Realität oft eher danach aus, dass wir durch unsere Umstände gelebt werden, anstatt selbst bewusst zu leben. Ab und zu kann es da sehr wertvoll sein, sich einmal aus diesem Kreislauf herauszunehmen. Wenn man aus einer Vogelperspektive auf das eigene Leben schaut, wird es wieder möglich, bewusst die Richtung neu festzulegen, in die man eigentlich steuern möchte. Die wichtigen Dinge werden dann wieder wichtig und auch eigentlich weniger bedeutende Dinge werden als solche enttarnt.

Am 14. September bin ich durch alle Eindrücke, Erfahrungen und Gedanken rundum gestärkt wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Es war eine aufregende und prägende Zeit für mich, die ich jedem von Herzen wünschen kann. Mein Fazit: Jeder FTH-Student, der nächstes Jahr nicht am Wettbewerb teilnimmt, ist selber schuld.

(Colin Bergen)

Fotos: © privat

Die einzige Demokratie im Nahen Osten, das Heilige Land, eine Startup-Nation – auf jeden Fall ist Israel interessant. Dieser Meinung waren die diesjährigen Gewinner der Sommeruniversität Colin Bergen und Philipp Wiens (wir berichteten) zusammen mit insgesamt rund 45 Teilnehmern in Be’er Sheva.

Rückblick von Philipp Wiens auf 50 Tage im Land der Bibel

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Tel Aviv

Es ist der zweite August und bald das Ende einer langen Reise: Frankfurt, Amman, Tel Aviv. Übermorgen soll das Sommeruni-Programm in Be’er Sheva, Israels Wüstenstadt, beginnen. Hierhin wollte ich unbedingt, jetzt ist es soweit. Dieses Jahr war meine Bewerbung erfolgreich, jetzt finanziert mir das Institut für Israelogie aus Gießen meinen Aufenthalt hier. Wir sind eigentlich zu zweit, aber durch Probleme bei der Flugbuchung reisen Colin und ich getrennt. Es ist Samstagnacht, Schabbat, das öffentliche Leben ist zum Erliegen gekommen. Trotzdem ist die Wartehalle im Ben-Gurion-Flughafen voller Leben.

Ich wechsle etwas Geld, ein Euro ist rund fünf israelische Schekel wert, und frage, ob es hier Internet-Empfang gibt. Klar, sagt der Mann am Schalter, und das ist einer meiner ersten überaus positiven Eindrücke, es gibt kostenloses Drahtlos-Netz im ganzen Flughafen. Ich habe keine Ahnung, wo ich die nächsten beiden Nächte schlafen werde, alle vorher aktivierten Beziehungen hatten nichts ergeben. Ist vielleicht auch ein Stück Abenteuerlust, auf Gott vertrauen zu können, auch wenn nicht alle Details geklärt sind.

Ich fühle mich jedenfalls auf Anhieb fast wie zu Hause, es ist geradezu seltsam. Das jüdische Volk lebt leichter als wir Deutschen, trotz der ständig angespannten Situation.

Im Internet finde ich die Telefonnummer einer altbekannten Jerusalemer Altstadt-Herberge. Als ich dort anrufe, ist es wohl ein Uhr nachts. Ja, ich kann kommen, auch um zwei oder drei Uhr. Ich warte schließlich auf eines der Sammeltaxis, das mich für umgerechnet 13 Euro nach Jerusalem bringen wird. Es ist sehr warm und schwül in Tel Aviv. Ein anderer Reisender und ich verwickeln uns in ein Gespräch. Ein sehr angenehmer Typ, er ist Palästinenser, lebt aber in Europa und hat die dänische Staatsbürgerschaft. Er ist Atheist, sagt er, Religion könne schnell gefährlich werden und Menschen gegeneinander aufbringen, so wie hier im Nahostkonflikt. Ganz unrecht hat er nicht, denke ich. Den Gaza-Streifen hält er für eine Tragödie.

Jerusalem

SommerUni2013_Jerusalem

Felsendom und Klagemauer in Jerusalem

Es ist Schabbat, ruft hinter mir eine Stimme auf Hebräisch. Ich bin inzwischen in Jerusalem angekommen und habe die Nacht im New Swedish Hostel verbracht. Schon beim letzten Mal hatte ich mich gefragt, was an dieser Jugendherberge neu sein soll und was schwedisch. Es ist jedenfalls günstig und sauber. Ich war um etwa drei Uhr nachts dort angekommen und hatte mich mit meinem Koffer über die von fahlem Licht beleuchteten und menschenleeren Altstadtgassen mit ihren vielen Stufen gekämpft.

Es ist Schabbat, ruft also jemand hinter mir. Ich befinde mich an der so genannten Klagemauer. Es handelt sich um das einzige übrig gebliebene Relikt des Tempels, den Herodes der Große um die Zeitenwende aufwändig renovieren ließ. Um 68 n. Chr. waren die Erweiterungsarbeiten endlich abgeschlossen, nur damit der Komplex zwei Jahre später von römischen Truppen niedergebrannt werden sollte. Mit dem Entstehen des Islam im siebten Jahrhundert entstanden hier der das Stadtbild prägende Felsendom und die Al-Aksa-Moschee.

Altstadtmarkt in Jerusalem

Altstadtmarkt in Jerusalem

Es ist Schabbat – mir ist sofort klar, dass damit der Mann vor mir gemeint ist, der hier mit seinem Smartphone fotografiert. Das ist an der Westmauer am Schabbat verboten. Ich fühle mich ein bisschen in biblische Zeiten versetzt. Muss wohl ähnlich gewesen sein, als Jesus am Schabbat den Gelähmten heilte und dieser sich rechtfertigen musste, weil er seine Liegematte trug.

Vor den Altstadtmauern der ewigen Stadt

Vor den Altstadtmauern der ewigen Stadt

Es ist Schabbat und die archäologische Anlage rund um die Reste der alten Davidsstadt hat leider geschlossen, wie ich eine halbe Stunde später merke. Ich treffe dort aber drei Amerikaner, Evangelikale, aus Dallas, Texas, und wir verstehen uns auf Anhieb ziemlich gut. Wir fahren zusammen zum Ölberg. Knorrige Ölbäume erwarten uns im Garten Getsemane, eingerahmt von einer großen Anlage, nebenan eine wuchtige Kirche.

Wie es hier wohl früher war? Schwer vorstellbar. Diese Stadt ist übersät von Kirchen, Moscheen, Synagogen, heiligen Stätten, eingerahmt von einem blühenden Religions-Tourismus, faszinierend und abstoßend zugleich, verwinkelt, kompliziert, bedeutungs- und konfliktgeladen.

Be’er Sheva

„Richtiges Verhalten bei Raketen- oder Granatenbeschuss oder Erdbeben“: Wer ein Dokument mit diesem Titel zur Begrüßung vorgelegt bekommt, möchte vielleicht am liebsten wieder abreisen. Trotzdem verliefen die rund 40 Tage in der Nähe von Gaza-Streifen und Sinai-Halbinsel für uns rund 45 Teilnehmer der Sommer-Uni vollständig ereignislos. Natürlich nur, was das Thema Sicherheit angeht.

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Universitätscampus in Be’er Sheva

Sicherheitsvorkehrungen sind fast allgegenwärtig: Auf den Uni-Campus zum Beispiel kommt man nur durch einen gesicherten Eingang, an dem man seinen Ausweis vorzeigen, seine Tasche durchsuchen lassen und einen Metalldetektor passieren muss. Das Studentenwohnheim, in dem wir untergebracht sind, gleicht einer Festung, das Tor ist elektronisch gesichert.

Be’er Sheva ist, im Gegensatz zu Jerusalem, keine alte Stadt. Zugegeben: Der Name, “Siebenbrunnen”, oder “Schwurbrunnen”, geht auf Abraham zurück, der hier mit dem Philisterkönig Abimelech einen Friedensvertrag schloss (1Mose 21). Bis auf einen kleinen Bahnhof aus osmanischer Zeit und einem Soldaten-Friedhof aus britischer Mandatszeit birgt die sechstgrößte Stadt Israels aber kaum Historisches. Als Wüstenstadt ist sie geprägt vom Pioniergeist David Ben-Gurions, des ersten Ministerpräsidenten. Ben-Gurion träumte davon, die Negev-Wüste Südisraels zu einer einzigen Oase zu machen.

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Die Oase Ein-Ovdat
 in der Negev-Wüste

Das Ergebnis ist mehr als erstaunlich. Die „Hauptstadt des Negev“ zählt über 200.000 Einwohner, die Universität hier über 18.000 Studenten. Auf den Straßen-Mittelstreifen wachsen Palmen und Kakteen, es gibt viel Industrie, Shopping-Malls, Spielplätze, Schulen. Aber auch Armut: Manche Stadtteile sind in desolatem Zustand, baufällige Plattenbauten säumen eine der Hauptstraßen auf einer Seite.

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Der Weg zu Felsenfestung Massada

Unser Programm beinhaltet hauptsächlich einen Hebräisch-Sprachkurs. Von Sonntag bis Donnerstag, jeweils von neun bis halb eins am Vormittag. Wir sind entsprechend unseren Vorkenntnissen in Gruppen von rund zehn Personen aufgeteilt. Unsere Hausaufgaben reichen für zwei Stunden am Nachmittag. Der Rest des Tages ist zunächst für einen Vortrag zu einem einschlägigen Thema reserviert und dann für einen geselligen Abend. Die Freitage sind für Exkursionen verplant: durch Be’er Sheva und die Negev-Wüste, nach Jerusalem, ans Tote Meer.

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Blick von Massada auf das Tote Meer

Eindrücklich waren für mich die Vorträge über die Siedlerbewegung und über die Wasserversorgung in Israel. Sehr bewegend war es auch, als wir – noch einmal zu Besuch in Jerusalem – die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem besuchten. Eine kleine Gruppe von uns Teilnehmern besuchte auch jeden Freitagabend eine lebendige christliche Gemeinde in Be’er Sheva.

Auch, wenn es hier eigentlich viel zu erzählen gibt: Die Zeit verging wie im Flug und schließlich hielten wir am Abschlussabend bei gutem Essen und selbstgemachter Unterhaltung zufrieden unsere Sprachzertifikate in der Hand, die uns bescheinigten, 120 Stunden Hebräisch gelernt zu haben.

Haifa

Schließlich verbrachten Colin und ich noch einige Tage bei einer befreundeten Familie in Haifa, im Norden von Israel. Israelis sind gastfreundlich und unkompliziert, merkten wir. In Haifa leben Juden und Araber zu gleichen Teilen friedlich zusammen. Erstaunlich war hier, wie auch sonst in Israel, wie viel Russisch man hört. In Haifa erlebten wir Yom Kippur, den Versöhnungstag, an dem viele Juden fasten und in den Synagogen eine intensive Bußliturgie gebetet wird. Noch ein Besuch in Tel Aviv und der Israel-Sommer neigte sich dem Ende zu.

Sonnenuntergang am Strand von Tel Aviv

Sonnenuntergang in Tel Aviv

Was bleibt? Viele Erinnerungen an ein Volk wie jedes andere, das doch so herausragt, ein Volk mit einem unbeugsamen Ja zum Leben, gespalten und auf der Suche nach seiner Identität. Erinnerungen an ein Land mit einer schroffen Natur, einer alten Sprache, viel Brainpower und großen Problemen. Das Volk der Bibel wie in biblischer Zeit: menschlich.

(Philipp Wiens)

Fotos: © privat

Markus Voss-Göschel referierte über den Antisemitismus Immanuel Kants

Markus Voss-Göschel referiert über den Antisemitismus Immanuel Kants

Warum war Immanuel Kant Antisemit?

Diese Frage stand im Fokus, als am Freitag, 26. April, im Rahmen einer feierlichen Zeremonie des Instituts für Israelogie der diesjährige Franz-Delitzsch-Förderpreis an Dr. Joel R. White (Gießen) für seinen Aufsatz “The Tale of the 144.000 in Revelation 7 and 14: Old Testament and Intra-textual Clues to their Identity” sowie an Markus Voss-Göschel (Jena) für seine Arbeit “Zum Stellenwert vom theoretischen Antisemitismus in Immanuel Kants Religionsphilosophie” verliehen wurde.

Dr. Berthold Schwarz eröffnet die Feierlichkeiten zur Franz-Delitzsch-Preisverleihung

Dr. Berthold Schwarz eröffnet die Feierlichkeiten zur Franz-Delitzsch-Preisverleihung

Zu Beginn der im Plenarsaal der Freien Theologischen Hochschule stattfindenden Preisvergabe begrüßte Prof. Dr. Helge Stadelmann die Gäste und übergab das Wort an Institutsleiter Dr. Berthold Schwarz, welcher zunächst einmal den Namensgeber des Preises vorstellte: Franz Delitzsch (1813-1890) aus Leipzig, ein großer Kenner der rabbinischen Literatur, der das Neue Testament ins Hebräische übersetzte und dessen mit Carl Friedrich Keil erarbeitete Kommentarreihe in ihrer philologischen Genauigkeit eine Orientierung für die Arbeit des Instituts für Israelogie darstellt. Somit verleiht dieses seit 2007 einen Franz-Delitzsch-Preis sowie -Förderpreis für Arbeiten exegetischer, dogmatischer oder historischer Natur, die in herausragender Weise sachkompetent und in Übereinstimmung mit den Forschungsschwerpunkten des Instituts eine heilsgeschichtliche Israel-Theologie (Israelogie) fördern.

Fritz May nimmt ein kleines Präsent anlässlich seines Geburtstages entgegen

Dr. Fritz May nimmt ein kleines Präsent anlässlich seines Geburtstages entgegen

Ein besonderer Gruß wurde an Dr. Fritz May zu seinem 77. Geburtstag gerichtet, der das Institut seit  dessen Gründung mit dem Verein „Christen für Israel“ unterstützte und erst mögliche machte. May bedankte sich mit den Worten, die 77 sei zwar eine „vollkommene Zahl“, er habe aber lange noch nicht alles erreicht. Sein Herz werde weiter für Israel schlagen, bis Gott selbst ihn in den Ruhestand rufe.

Die beiden Gewinner des Israel-Stipendiums beglückwunschen sich gegenseitig

Die beiden Gewinner des Israel-Stipendiums beglückwunschen sich gegenseitig

Nun ging es mit der von allen mit Spannung erwarteten Preisverleihung weiter: Da in diesem Jahr kein – für eingereichte Monographien, Examensarbeiten o.ä. angesetzter – Hauptpreis verliehen wurde, gab es dieses Mal zwei Stipendien für die Teilnahme an der Sommeruniversität in Beer Sheva, Israel, auf das sich Studenten der Freien Theologischen Hochschule Gießen seit einigen Monaten bewerben konnten. Die Überraschung war gelungen für Philipp Wiens und Colin Bergen, die von Prof. Dr. Stadelmann mit den Worten „Warum soll nur einer fahren? Ich glaube, sie kommen miteinander klar“ als Gewinner verkündet wurden. Die beiden jungen Männer werden während ihrer vorlesungsfreien Zeit in Beer Sheva Hebräischkurse belegen und durch Vorträge sowie Ausflüge Land, Kultur und das Judentum besser kennen lernen werden.

Anschließend übernahm Institutsleiter Berthold Schwarz die Verkündigung der Gewinner des Franz-Delitzsch-Förderpreises. Dr. Joel R. White wurde für seinen Aufsatz über die famösen 144.000 aus Offenbarung 7 und 14, der demnächst in einem Sammelband der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, ausgezeichnet. Dieser lohnenswerte Diskussionsbeitrag habe die Jury überzeugt, weil er entsprechend dem Anliegen des Instituts „erst die Fakten“ und „dann die Meinung“ darstellt und den wissenschaftlichen Austausch über eine herausfordernde Bibelstelle fördert.

Der Institutsleiter überreicht Dr. Joel White seine Urkunde

Der Institutsleiter überreicht Dr. Joel White seine Urkunde

Dr. Joel White bei seiner Dankesrede

Dr. Joel White bei seiner Dankesrede

White bedankte sich in einer kurzen Rede für die Auszeichnung, die er als „Würdigung der andauernden Wichtigkeit der Exegese“ versteht, welche aus aus einem kritischen Hinterfragen systematisch-theologischer Entwürfe bestehe. Nach seiner Deutung, die sich von dem typisch reformierten Ansatz, aber auch vom klassischen Dispensationalismus unterscheidet, stellen die 144.000 in der Offenbarung judenchristliche Gläubige im 1. Jh. dar. Dieser bereits von Victorinus von Pettau (2. Jh.) und vereinzelten Forschern des 19. und 20. Jh. vertretenen Auslegung hofft er im 21. Jahrhundert durch seinen Aufsatz zu einer Wiederbelebung zu verhelfen.

Markus Voss-Göschel beim Empfang der Urkude

Markus Voss-Göschel beim Empfang der Urkunde

Dem Theologiestudenten Markus Voss-Göschel aus Jena wurde für seine Arbeit über Immanuel Kants Antisemitismus der zweite Franz-Delitzsch-Förderpreis überreicht. Hierbei handele es sich um  einen grundlegend verschiedenen Ansatz, welcher religionsphilosophische Aspekte aufzeige, erläuterte Schwarz und bat den Preisträger mit der Aufforderung, dem Publikum zu erklären, “was man über Kant sonst noch so zu lernen hat außer dem, was in der Philosophieprüfung abgefragt wird“, zum Rednerpult.

Diese Aufforderung ließ Voss-Göschel nicht unbeantwortet und ließ ein von großem Engagement und viel Feingefühl geprägtes Impulsreferat über die eher unbekannten Seiten des großen Philosophen folgen. Gesucht hatte der Theologe zu Beginn seiner Arbeit Kants Verständnis von Religion, gefunden einen radikalen Antisemitismus bei einem Immanuel Kant, den er während des Studiums seiner Schriften als wesentlich komplexer und vielschichtiger kennen lernte, als gemeinhin angenommen wird.

Was viele von Kant nicht kennen, seien beispielsweise die Stellen, in denen er Juden als „Vampyre der Gesellschaft“ bezeichnet und von einer dringend erforderlichen „Euthanasie des Judentums“ spricht – und das, obwohl der Königsberger Philosoph gute Beziehungen zu Juden wie Moses Mendelsohn und Marcus Herz pflegte. Wie passt das zusammen? Dieser Frage, so erzählt Voss-Göschel weiter, widmete er sich fortan in seinen Recherchen: Wie kommt es, dass ein eigentlich so menschenfreundlicher und klarer Denker wie Kant derart brutale Äußerungen von sich gab, dass sich später sage und schreibe sogar Adolf Eichmann in Jerusalem auf ihn berufen konnte?

Darauf verstand der Preisträger in den kommenden 40 Minuten eine Antwort zu geben, die studentische Zuhörer und Akademiker gleichermaßen fesselte. So kommt Voss-Göschel zunächst zu der Erkenntnis, dass zu differenzieren ist zwischen Kants positiver Beziehung zu einzelnen Juden sowie seiner prinzipiellen Aversion gegenüber dem Judentum als solches, die offenbar aus seinem komplexen Religionsverständnis resultierte. Deshalb „nur“ ein theoretischer Antisemitismus.

Das genetische Systems Kant

Das genetische Systems Kant

Den Zusammenhang zwischen Kants Religionsphilosophie und seinen judenfeindlichen Aussagen erläuterte Voss-Göschel nun mit Hilfe des folgenden Schemas: Das Christentum als geoffenbarte / historische Religion, die sich auf mehrere Offenbarungsereignisse stützt, sei zwar gut, beinhalte aber viele Elemente, die weder überprüfbar wahr, noch praktisch oder moralisch nützlich seien, da es aufgrund seines historischen Charakters keine allgemeine Gültigkeit beanspruchen könne. Wie sollen wir zum Beispiel sicher wissen, dass die Auferstehung wahr ist, wenn wir nicht dabei waren, weil wir zur falschen Zeit am falschen Ort geboren wurden?

Kants Schlussfolgerung lautet: Es muss alles Geoffenbarte, weil zu konkret, und alles Historische, weil zu begrenzt und materiell, von der christlichen Religion „weggeschnitten“ werden. Was bleibt, ist eine von jeder Offenbarung abstrahierte Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. Doch selbst zu dieser, so resümierte der Theologe aus Jena Kants Argumentation, habe ein Mensch von den Fidschi-Inseln, der weder die Bibel besitzt, noch Missionaren begegnet, keinen Zugang. Es müsse deshalb etwas geben, dass jeder Mensch zu jeder Zeit und an jedem Ort erkennen, dass jeder aus sich selbst heraus tun kann, damit eine Gottesbeziehung entsteht.

Wiederum setzt also der Philosoph die Schere an und erhält einen reinen Religionsglauben, der sich fortan einzig und allein um den moralischen Bezug dreht. Denn in theoretischen Fragen könnten die Meinungen divergieren, in moralischen nicht. Für Kant wird Glaube zu einem moralischen und Moral zu einem religiösen Begriff. Ein gläubiger Mensch ist für ihn derjenige, der der menschlichen Sinnlichkeit Grenzen und somit Prioritäten zugunsten der moralischen Besserung setzt. Ungläubig ist dagegen derjenige, der unsittlich handelt.

Aus diesen Überlegungen, so erläuterte Voss-Göschel behutsam, aber bestimmt, folgt für den Philosophen der Aufklärung die folgende Systematisierung und Einordnung der religiösen Haltungen – und hier nähern wir uns langsam aber sicher den Gründen für die kantischen Ressentiments wider das Judentum.

Einordnung der religiösen Haltungen nach Kant

Einordnung der religiösen Haltungen nach Kant

So sei stets zu fragen, ob ein Mensch eine Grundhaltung mit oder ohne moralischen Bezug habe, und ob diese Haltung unstatutarisch, das heißt, ohne Regeln, eher nach Gefühl, oder aber statutarisch, also kasuistisch, auf Regeln und Gesetze fixiert, funktioniere. Daraus ergeben sich für Kant die folgenden vier Möglichkeiten:

1. Ist jemand auf Moral bedacht, und zwar so sehr, dass er keine Gesetze nötig hat, stellt dies den reinen Religionsglauben dar.

2. Ist jemand auf Moral bedacht, benötigt aber dazu Gesetze, handelt es sich um die kultische Religion des Gunsterwerbs. (Hierbei gehe es in erster Linie um die Gunst, nicht um den Betreffenden selbst, es sei deshalb kein Glaube, sondern Religion.)

3. Ist jemand nicht auf Moral bedacht und befolgt auch keine Gesetze, ist er ein Anarchist oder Freigeist.

4. Ist jemand nicht auf Moral bedacht, hält sich aber gleichzeitig an Gesetze, die niemandem etwas bringen, dann muss er wohl ein Jude sein.

So wird das Judentum für den Philosophen zur abscheulichsten aller Religionen, weil zweierlei fehlt: Zum einen der moralische Bezug, denn das Judentum könne einen Menschen nicht moralisch verbessern und diene dem Nächsten nicht, da die Gesetze keinen humanitären Aspekt aufweisen, und zum anderen eine Gesinnungsethik: Kant meint damit das unstatutarische Denken, eine intrinsische Motivation, ein Pflichtbewusstsein des Menschen – statt äußerer Mittel wie einem Gesetz, mithilfe derer man sich disziplinieren müsse.

Voss-Göschel bei seinem Vortrag

Voss-Göschel bei seinem Vortrag

Wieso aber ordnet Kant das Judentum in diese Kategorie ein und spricht ihm jeden moralischen Bezug ab? Diese Frage schwirrte sicher in den Köpfen der gespannten Zuhörer herum. Markus Voss-Göschel beschreibt für alle verständlich das kantische Bild von Judentum. Der Philosoph habe sich der harten Kritik der Ersatztheologie angeschlossen, in der das Judentum Gesetz und das Christentum Freiheit bedeutet. Für ihn ist der Gott des Judentums einer, der – unabhängig davon, wie der Mensch sich fühlt, was es bringt, ob es dem Verstand entspricht – die bloße Verfolgung von Geboten bezwecke, aber keine Besserung des Menschen an sich. Solch ein Gott aber sei „doch eigentlich nicht dasjenige moralische Wesen, dessen Begriff wir zu einer Religion nötig haben“. In diesem Sinne stelle das Judentum nicht viel mehr als eine autoaggressive Weltanschauung dar, sei aber – durch den fehlenden moralischen Bezug – „eigentlich gar keine Religion“.

Denn Religion, wir erinnern uns, ist für Kant nicht mehr und nicht weniger als Moral mit Gottesbezug und somit stets anthropozentrisch. Gottesdienst ohne Menschendienst verfehle seinen Zweck, und letzteren weist das Judentum seiner Kenntnis und Bibellektüre nach nicht auf.

Voss-Göschel kommt zum Schluss: Kann man nun Immanuel Kant einen Vorwurf für seine Überzeugung machen? Ja, könne man. Denn für den sonst so redlichen und intellektuellen Philosophen kamen eben nicht – gemäß dem Motto des Instituts für Israelogie – erst die Fakten und dann die Meinung, sondern stand seine Grundhaltung an erster Stelle. Er habe sich nicht die Mühe gemacht, seine jüdischen Freunde zu fragen, worum es im Judentum geht, sondern auf eklatanten Falschinformationen aufgebaut. Und er habe das getrennt, was in unserem Leben im Grunde eins und untrennbar ist: abstrakt und konkret, emotional und rational, heilig und sündig zugleich…

Somit war sein Antisemitismus Folge eines Systemzwangs. Das Judentum passte nicht in sein System, deshalb ließ er Fehlinformation und unüberprüfte eigene Prämissen zu, blieb auf einem Auge blind, um es doch in seinem System unterzubringen. Doch weil er abstrakt und konkret so weit auseinandergerissen hatte, konnte sich das Abstraktum dem Vorurteil nicht mehr entziehen. Und wo Dialog nicht mehr möglich und gewünscht ist, folgt Polemik, so Voss-Göschel über Kants Denkmuster.

Der Preisträger in Interaktion mit dem Publikum

Der Preisträger in Interaktion mit dem Publikum

Der Preisträger stellte abschließend allen die Frage: Bin ich bereit meine Meinung zu revidieren, wenn ich feststelle, dass diese nicht zu den Fakten passt? Voss-Göschel beschreibt den großen Immanuel Kant als in einem Käfig gefangen, den er sich selbst gebaut hat und aus dem er nicht mehr auszubrechen vermochte. Was dem Philosophen gefehlt hat, war Freiheit, und zwar eine gerichtete Freiheit, die es ermöglicht, den Blick zu weiten und die Realität zuzulassen – ob sie einem passt oder nicht. Denn letztendlich müssen wir unsere Schlüsse stets aus der Realität, und nicht aus unserer Meinung ziehen.

So ist es dem Gewinner des Franz-Delitzsch-Förderpreises in diesem Vortrag gelungen, Kants aggressive Verachtung des Judentums im Rahmen seiner Religionsphilosophie verständlich zu machen, ohne seine Argumentation und Ergebnisse auch nur ein Stück weit gutzuheißen.

Seine Arbeit bietet eine grundlegende Erklärung zu dem – zunächst einmal kontraintuitiven, aber doch so wirkmächtigen – Antisemitismus der Aufklärung, und in diesem Sinne betonte Prof. Dr. Stadelmann im Anschluss: Es habe nicht immer alles so grob begonnen, wie es schließlich endete, im Gegenteil, der Antisemitismus und der Antijudaismus der deutschen Geschichte begannen abstrakt, fein und durchdacht – und doch von Anfang an defizitär. Dafür sei Immanuel Kant ein Beispiel, als großer Denker, der am Anfang eines Jahrhunderts, in dem die Juden gedacht hatten, sie wären nun endlich etabliert, angekommen, fatale Impulse setzte. Solche Prozesse zu verstehen, könne helfen, die gleichen Fehler nicht zu wiederholen, und so dankte der Rektor der FTH Gießen Voss-Göschel für dessen rundum gelungenen Versuch, Kant einmal verständlich zu erklären.

Die Preisträger des Franz-Delizsch-Förderpreises mit Prof. Dr. Helge Stadelmann, Fritz May und Dr. Berthold Schwarz

Die Preisträger des Franz-Delizsch-Förderpreises mit Prof. Dr. Helge Stadelmann, Dr. Fritz May und Dr. Berthold Schwarz

Stadelmann beendete die Feierlichkeiten mit einem Appell im Sinne des Gehörten:

Eine aus Fakten resultierende Meinung sei immer konstruktiver, und so sei beispielsweise die Begegnung mit messianischen Juden, in deren Genuss die beiden Studierenden der Sommeruniversität gelangen werden, ein in diesem Sinne sehr förderliches Geschenk. Genauso solle auch der Franz-Delitzsch-Preis immer wieder einen Ansporn darstellen, sich mit dem zu beschäftigen, von dem wir wissen, dass es Gott ein Anliegen ist: sein erwähltes Volk.

Das musikalische Rahmenprogramm von V. Martens und D. Grams

Das musikalische Rahmenprogramm

Umrahmt wurden die einzelnen Programmpunkte der Preisverleihung mit inspirierenden und musikalisch hochwertigen Interpretationen von Viktor Martens (Flügel) und Denis Grams (Saxophon), darunter Chopins „Fantaisie Impromptu“ und Beethovens „Pathétique II“. Gemütlich und von anregenden Gesprächen geprägt klang die diesjährige Franz-Delitzsch-Preisverleihung schließlich bei Kaffee und Kuchen aus.

Wir freuen uns auf das nächste Jahr!

(jp)

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Die Franz-Delitzsch-Preisverleihung 2012

Am Freitag, den 26. April 2013, findet im Plenarsaal der Freien Theologischen Hochschule Gießen die diesjährige Franz-Delitzsch-Preisverleihung des Instituts für Israelogie statt.

Dabei wird der Franz-Delitzsch-Forschungsförderpreis für zwei wertvolle Forschungsleistungen an Herrn Markus Voss-Göschel für seine Arbeit “Zum Stellenwert vom theoretischen Antisemitismus in Immanuel Kants Religionsphilosophie” und an Dr. Joel R. White für den Aufsatz “The Tale of the 144.000 in Revelation 7 and 14: Old Testament and Intra-textual Clues to their Identity” verliehen. Der Franz-Delitzsch-Preis sowie der -Forschungsförderpreis prämiert Arbeiten, die in herausragender Weise sachkompetent und in Übereinstimmung mit den Forschungsschwerpunkten des Instituts für Israelogie eine ausgewogene biblisch-heilsgeschichtliche sowie eine zeitgeschichtlich und historisch sachgerechte Israel-Theologie fördern. Das Publikum kann sich auf zwei Kurzreferate der Preisträger freuen.

Der diesjährige Hauptpreis entfällt, dafür wird der/die Gewinner/in des Stipendiums für ein sechs-wöchiges Studium an der Sommeruniversität Beer Sheva bekannt gegeben, für das sich Studierende der Freien Theologischen Hochschule Gießen seit Januar bewerben konnten.

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Der Institutsleiter Dr. Berthold Schwarz überreicht die Urkunden

Zu der feierlichen Preisverleihung mit anschließendem Kaffeetrinken laden wir Sie herzlich ein! Sie findet um 10.10 Uhr in der Freien Theologischen Hochschule Gießen, Rathenaustr. 5-7, 35394 Gießen statt.

Weitere Informationen zum Franz-Delitzsch-Preis, seinem Namensgeber und den Preisträgern der vergangenen Jahre finden Sie hier.

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