FTHkolleg am 6. April – Einladung

Israel einst und jetzt

Mehr als Standardwissen: Wer Israel besser kennenlernen möchte, sollte unbedingt am 06. April beim FTHkolleg „Israel einst und jetzt“ dabei sein! Referent Dr. Berthold Schwarz macht eine verantwortungsbewusste Israel-Lehre verständlich: Warum ist die sogenannte Ersatztheologie falsch? Wie kann Römer 9-11 Orientierung übers Israels Zukunft geben? Warum irrte Martin Luther im Blick auf die Juden? Darüber hinaus gibt es tiefe Einblicke in die Geschichte des „Heiligen Landes“. Anmeldung bis zum 23. März 59Eur, danach 69Eur. Mehr unter https://www.fthgiessen.de/willkommen/fthkolleg/

Herzliche Einladung zum FTHkolleg!

Seit 2007 fördert das Institut für Israelogie wissenschaftliche Arbeiten und Forschungsbeiträge, die sich auf hervorragende Weise mit Themen der Israelogie beschäftigen, mit dem Franz-Delitzsch-Preis. Die zehnte Preisverleihung fand am Mittwoch, dem 20. April 2016, im Plenarsaal der Freien Theologischen Hochschule Gießen statt.

Pfr. Dr. B. Schwarz (l.) überreicht Dr. E. Hirschfeld (r.) den Franz-Delitzsch-Förderpreis

Pfr. Dr. B. Schwarz (l.) überreicht Dr. E. Hirschfeld (r.) den Franz-Delitzsch-Förderpreis

Auf eine Begrüßung und Einführung durch den Institutsleiter Pfr. Dr. Berthold Schwarz folgte eine instrumental-musikalische Begrüßung durch J. Bork (Flügel) und M. Engel (Akustikgitarre) mit dem Musikstück „In Christ alone“. Anschließend wurde als erster Förderpreisträger Dr. Ekkehard Hirschfeld ausgezeichnet. Er erhielt den Förderpreis für die Erörterung von Ernst Ferdinand Ströters „Israeltheologie“ in einem umfangreichen Kapitel seiner Greifswalder Dissertation über Ströter.

In seinem Grußwort hob Herr Hirschfeld die judenmissionarische Tätigkeit Ströters zu Beginn des 20. Jahrhunderts hervor: Durch seinen Einsatz für die Judenmission in den USA und im damaligen britischen Mandatsbezirk Palästina (heutiges Israel) habe Ströter einen entscheidenden Beitrag zur Israelogie seiner Zeit und auf gewisse Weise sogar zur späteren Staatsgründung Israels geleistet.

Der Förderpreisträger M. Steiner, Mag. Theol.

Der Förderpreisträger M. Steiner, Mag. Theol.

Der zweite diesjährige Förderpreisträger war Martin Steiner, der die Ehrung für seine Magisterarbeit, die an der Universität Wien mit summa cum laude ausgezeichnet wurde, erhielt. Die Arbeit „Messianische Juden und hebräisch sprechende Katholiken“ beschäftigt sich mit einigen speziellen messianischen Gruppierungen. Diese Studie über Theologie und Praxis jüdisch-katholischer Gemeinden in Israel sei, so Pfr. Dr. Berthold Schwarz, wichtig für ein fundiertes Verständnis des jüdisch-christlichen Dialogs. Leider konnte Herr Steiner nicht persönlich anwesend sein; stattdessen sandte er ein Grußwort per Video.

Anschließend wurde Dr. Benjamin Lange für seine Masterarbeit an der University of South Africa mit dem Titel „Die Bundesbeziehung Gottes zu Israel im Sinaibund als Argumentationsgrundlage in Röm. 9-11“ mit dem Franz-Delitzsch-Hauptpreis ausgezeichnet. Herr Lange hielt das Hauptreferat des Tages zum Thema seiner Forschungsarbeit.

Im Römerbrief, so Lange, finde sich in den Kapiteln 9-11 eine gründliche heilsgeschichtliche Einordnung Israels; hierbei hebe Paulus sowohl die Zuwendung Gottes zu Israel als auch das Problem, dass Israel Gott ungehorsam sei, hervor. Wie lässt sich dieser Befund mit dem Sinaibund (Mosaischer Bund) verbinden?

Ein Einblick in die aktuelle Forschung zeigte den Zuhörern, dass der Sinaibund in der alttestamentlichen Wissenschaft heutzutage positiver wahrgenommen wird als noch vor einigen Jahren. Es wird betont, dass Israels Beziehung zu Gott einseitig von Gott abhänge und nicht von Israels Gehorsam Gott und seinen Geboten gegenüber. Gleichzeitig wird stark zwischen dem Bundesinhalt (der für heutige Heidenchristen nicht unmittelbar gelte) und der Bundesbeziehung zwischen Gott und seinem Volk unterschieden. Diese werde im Alten Testament mit verschiedenen Begriffen ausgedrückt. Sie werde unverbrüchlich von Gott garantiert.

Dr. B. Lange bei seinem Referat

Dr. B. Lange bei seinem Referat

In diesem Kontext wirkt Röm. 9-11 zunächst paradox, denn aus diesen Kapiteln ließ sich in früherer Zeit die Substitutionslehre ableiten: Gott habe Israel völlig verworfen und sich die neutestamentliche Gemeinde als sein neues Volk erwählt. Hier zeige sich, so Lange, ein völlig anderer Blickwinkel der AT- und der NT-Wissenschaft auf den Sinaibund.

Was für den Sinaibund konstitutiv sei, sei die zeitliche Reihenfolge dreier Elemente:

1. Gottes Segen (für Gehorsam Israels)

2. Gottes Fluch (für Ungehorsam Israels)

3. Wiederherstellung des Bundes durch Gott

Diese Reihenfolge werde in 5. Mose 28-32 explizit herausgestellt; sie zeige sich auch immer wieder in der alttestamentlichen Geschichte. Beispielsweise folge auf die Sünde Israels mit dem Goldenen Kalb (2. Mose 32) ein Fluch Gottes, danach aber die Wiederherstellung des Bundes durch Gott.

Langes These ist, dass diese Elemente den Sinaibund mit dem Neuen Bund in Christus verbinden. Gott breche den Bund niemals; wenn aber der menschliche Bundespartner sündige und den Bund breche, so stelle Gott den Bund wieder her. Der Alttestamentler Erich Zenger brachte es auf den Punkt: „Israel kann den Bund brechen, aber Israel kann den Bund nicht zerbrechen.“

Hier finde sich, meint Lange, eine Gemeinsamkeit zwischen dem Sinaibund und Röm. 9-11. In beiden Texten gehe es darum, dass Gottes Barmherzigkeit den einmal geschlossenen Bund wiederherstelle. Beide Texte sprächen von der Initiative Gottes an Israel und von einer bleibenden Bedeutung und Zukunft Israels.

In Röm. 9-11 benutze Paulus einige sogenannte Bundesformeln aus dem AT, um Gottes Beziehung zu Israel zu beschreiben. Wie 5. Mose 30 stelle Paulus heraus, dass auf Israels Sünde (den Bruch des Bundes) Umkehr und Buße folgen werde. Damit argumentiere er völlig in der Linie der frühjüdischen Tradition.

Dr. B. Lange bei seinem Referat

Dr. B. Lange bei seinem Referat

Das Schlüsselwort in Röm. 9-11 sei „Barmherzigkeit“. Diese Barmherzigkeit (Gottes) sei die Lösung des Problems, dass Israel Jesus nicht als Messias anerkennt. Trotz dieses Problems nenne Paulus Israel „Gottes Volk“ (Röm. 11,1f.) und verwende eine spezifische Bundesterminologie. Durch Israels Umkehr werde – so die Überzeugung von Paulus – die Wiederherstellung des Sinaibundes erfolgen: „Ganz Israel wird errettet werden“ (Röm. 11,26). Paulus verwende zahlreiche Zitate und Anspielungen auf die alttestamentliche Bundesterminologie, in der es um Gottes bleibende Beziehung zu Israel gehe. Er betone die Barmherzigkeit Gottes und zitiere exakt diejenigen Passagen des Sinaibundes, die sich besonders mit der Wiederherstellung eines gebrochenen Bundes beschäftigten. Röm. 9-11 sei, meinte Lange, so konzipiert, dass deutlich werde, dass es nach Paulus eine völlige Wiederherstellung von Gottes Bund mit Israel geben werde. Gleichzeitig aber betone Paulus die heilsgeschichtliche Bedeutung für die Heidenvölker: Die Bundesbeziehung Gottes zu Israels sei paradigmatisch für Gottes barmherzige Zuwendung zu den Nationen. Paulus verfolge hier also eine Doppelstrategie. Er sei vom Bundesdenken geprägt und übertrage diesen Bund auch auf die Heiden, die sich an Christus halten – wobei er das jüdische Volk aber nicht verloren gebe. Nach Paulus’ Sprachgebrauch zu urteilen, meine er, dass die Wiederherstellung Israel als Kollektiv gelte, nicht unbedingt jedem einzelnen Israeliten individuell.

Das ebenso inhaltsreiche wie kurzweilige Referat wurde mit begeistertem Applaus aufgenommen.

Institutsleiter Pfr. Dr. Schwarz mit den Stipendiaten

Institutsleiter Pfr. Dr. Schwarz mit den Stipendiaten

Zusätzlich zum Franz-Delitzsch-Preis wurden auch zwei Stipendien des Instituts für Israelogie vergeben. Roland Franz und Johannes Appelt (beide Studenten an der Freien Theologischen Hochschule Gießen) bekamen einen Platz an der Sommeruni der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva (Israel). Für sechs Wochen können sie in Israel studieren, bekommen Ivrit-Unterricht, besuchen theologische Vorlesungen und lernen Land und Leute kennen.

Musikalisch großartig untermalt wurde der Festakt durch J. Bork (Flügel) und M. Engel (Akustikgitarre). Während der Preisverleihung wurde auch der Förderer des Israel-Instituts, Dr. h.c. Fritz May, Vorsitzender von „Christen für Israel“ (CfI), zu seinem 80. Geburtstag geehrt. Anschließend an die Preisverleihungen rundeten Gespräche bei Kaffee und Kuchen die Preisverleihungs-Feierlichkeiten ab.

Übrigens: Weitere Bilder der Preisverleihung finden Sie hier!

sg

Bilder: privat

Römer 11,28 als Koordinatensystem biblischer Israellehre

Tobias Krämer

8. November 2013

 

Für ihn ist es der Vers, in dem alle biblischen Linien und Aussagen zum Thema Israel wie in einem Brennglas zusammenlaufen: Römer 11,28

In seinem Seminar am Freitagnachmittag führt Tobias Krämer, Geschäftsführer von Christen an der Seite Israels, die Teilnehmer in das „Koordinatensystem biblischer Israellehre“ ein: Paulus mache mit Röm 11,28 deutlich, dass alle Aussagen über Israel stets im Hinblick auf zwei Perspektiven zu betrachten seien – hinsichtlich des Evangeliums und hinsichtlich der Erwählung. Damit definiere der Apostel den Rahmen, innerhalb dem sich Israellehre bewegen muss, wenn sie biblisch genannt werden will, und schiebe jeglichen Extrempositionen und Verzerrungen einen Riegel vor.

Tobias Krämer

Tobias Krämer

Um sich der Bedeutung dieses Kernverses sowie der Lösung des darin enthaltenen Widerspruchs (die Juden als Geliebte sowie als Feinde) anzunähern, bettet Krämer ihn zunächst in seinen Gesamtkontext ein: Nachdem der Apostel Paulus in Römer 1-8 ausführlich und kraftvoll das Evangelium dargestellt hat (Verlorenheit aller Menschen – Versöhnung durch Jesus Christus – Freiheit vom Gesetz – Leben im Heiligen Geist), komme er in Kapitel 9 auf Israel zu sprechen, das offensichtlich zu einem Großteil dieses Evangelium ablehne: Paulus‘ Schmerz darüber (vgl. 9,2-3) sei auch deshalb so groß, weil die Juden mit dem Evangelium den Neuen Bund in seiner Gesamtheit und damit auch ihre eigene Wiederherstellung als Volk ablehnten. Als gutem Juden blute Paulus also das Herz, weil sich sein Volk durch die Ablehnung des Messias so viel mehr beraube als nur eines Freifahrtscheins in den Himmel.

Eine solche Wiederherstellung Israels thematisiert der Apostel allerdings in Römer 9-11 mit keinem Wort, er scheint im Gegenteil die Errettung zu betonen (vgl. 10,1.9-13; 11,14.26), und es bleibt umstritten, ob er und die anderen neutestamentlichen Autoren die an Israel gerichteten Verheißungen wörtlich auf das Volk der Juden oder eben doch geistlich auf das aus Juden und Heiden bestehende Gottesvolk auslegen. Krämer vertritt die erstgenannte Position, da seiner Ansicht nach für jeden Juden damals nach Jeremia 30-33 der Neue Bund untrennbar mit der Wiederherstellung von Volk und Land Israel zusammenhing. Paulus würde also in diesen Kapiteln voller Bedauern zum Ausdruck bringen: Hätte Israel den Messias angenommen, wäre es nicht nur geistlich errettet, sondern das Volk vollständig in sein Land zurückgeführt und ein Friedensreich mit Jerusalem als Zentrum etabliert worden (vgl. Jer 30,3.8-11.17-22; 31,4-17.23-40; 32,36-44; 33,6-26).

Nun stelle Paulus die Frage, die bei seinen Lesern im Raum steht: Ist jetzt alles aus? Ist die Erwählung Israels gescheitert, weil die Mehrzahl der Juden Jesus als Heilsmittel ablehnten? In seiner Antwort konzentriert sich Krämer auf den Abschnitt Röm 11,25ff., der für ihn sozusagen den in Kapitel 9 noch nicht absehbaren Klimax darstellt: „… und so wird ganz Israel gerettet werden.“ Auch wenn der Theologe die Frage der Art und Weise und des Zeitpunktes dieses Geschehnisses offen lässt, lässt er doch keinen Zweifel daran, dass dieser Vers nichts anderes heißen kann, als dass „ganz Israel zum Glauben kommt“.

Die grobe Linie zwischen Paulus‘ Traurigkeit in Kapitel 9 und seiner Prophezeihung in Kapitel 11 ist damit jedenfalls gezogen: Zu Paulus‘ und damit zu unserer Zeit glaube der Großteil Israels nicht an Jesus Christus, am Ende der Zeit werde jedoch ganz Israel glauben. Damit stellt sich die Frage: Was ist heute? Auf diese Frage antwortet laut Krämer Römer 11,28. Die „geistliche Analyse“ des Volkes der Juden im hier und heute laute: Sie sind zweierlei, nämlich Feinde und Geliebte zugleich.

Was bedeutet nun dieses scheinbare Paradox?

Es bedeutet: Israel ist verloren, wenn es nicht das Evangelium annimmt. Paulus macht beim Evangelium keine Abstriche, jeder ist verloren und es gibt selbst für die Juden keinen anderen Heilsweg (Vers 28a). Es bedeutet aber auch: Nur weil Israel nicht an Jesus glaubt, wird seine Erwählung nicht aufgehoben. Im Gegenteil, sie bleibt bestehen und deswegen wird Israel einst das Evangelium annehmen (Vers 28b).

Deshalb sei die auf den ersten Blick widersprüchlich klingende Aussage aus Röm 11,28 keineswegs unlogisch. So wie hier die Juden aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden, würden auch wir einander immer wieder aus verschiedenen Blickwinkeln beurteilen. Beispielsweise sei es kein Widerspruch, illustriert Krämer, wenn er sage: „Meine Frau ist hinsichtlich handwerklicher Begabungen geschickt, hinsichtlich ihrer Charakterschwächen ist sie ungeduldig.“ Beides sei wahr, und die Juden gleichermaßen hinsichtlich des Evangeliums (auf der geistlichen Ebene) Feinde, hinsichtlich der Erwählung (auf der ethnisch-biologischen Ebene) aber Geliebte.

Konkret impliziert die Analyse des Paulus für Krämer tiefgreifende Konsequenzen für die moderne Israeltheologie, mit deren großen Irrtümern sie aufzuräumen vermöge:

Der Irrtum der Ersatztheologie bestehe darin, dass sie das Verhältnis von Glaube und Erwählung falsch bestimmt. Laut ihr ist Israel nicht mehr erwählt oder gar nicht mehr geliebt, weil es nicht an Jesus glaubt. Richtig sei aber: Weil Israel erwählt ist, wird es eines Tages an Jesus glauben (vgl. Röm 11,25ff.). Hierzu ist zu ergänzen, dass diese Darstellung dazu beiträgt, dass die Ersatztheologie als mysteriös-gefährliches Monster, von dem man sich lieber fernhält, statt sich sachgerecht damit auseinanderzusetzen, weiter durch die Köpfe schwebt. Es gibt aber nicht die Ersatztheologie, sondern inzwischen viele Spielarten sowie Abschwächungen dieser Theologie, welche Israel zum Teil durchaus eine besondere Rolle in der Heilsgeschichte zugestehen und keineswegs allesamt behaupten, dass Gott seine Erwählung Israels wegen dessen Unglauben aufgehoben habe.

Der Irrtum von Vertretern des zweiten Heilsweges liege, führt Krämer fort, in einer falschen Bestimmung der Rolle des Glaubens. Laut ihr brauche Israel nicht an Jesus glauben, weil es ohnehin erwählt ist und auf einem eigenen Weg – ohne Jesus – „in den Himmel kommt“. Richtig sei aber: Der Glaube an Jesus ist auch für Israel unbedingte Bedingung für das Heil (vgl. Röm 11,14 und Paulus‘ großer Einsatz für die Errettung seiner Brüder).

Krämer bei seinem Seminar

Diesbezüglich kommt später eine Frage aus dem Publikum, nämlich wie zu erklären sei, dass Juden teilweise von einer Beziehung zu Gott sprechen, obwohl sie Jesus nicht als Messias angenommen haben. Krämers Einschätzung nach hängt dies damit zusammen, dass „Sünde“ in evangelikalen Kreisen nur als „Getrenntsein von Gott“ verstanden würde. Dies sei nicht falsch, aber nicht alles: Gerade bei frommen Juden sei zu beobachten, dass eine tiefe Beziehung zu und Vertrauen auf Gott Seite an Seite mit einer großen Erlösungsbedürftigkeit vorhanden sein kann.

Ersatztheologen sowie die Vertreter des zweiten Heilsweges lösen also laut Krämer die Spannung von Röm 11,28 falsch auf, indem sie einen der beiden „Fixpunkte“ relativieren oder negieren. Des weiteren ziehen sie jeweils falsche Rückschlüsse: Die Ersatztheologen vom geistlichen Stand (Unglaube Israels) auf die ethnische Verwerfung, die Vertreter des zweiten Heilsweges von der ethnischen Erwählung auf den geistlichen Stand (automatische Errettung).

Paulus hingegen biete eine andere Lösung für die Spannung, die in der Heilsgeschichte verwurzelt ist. Die Spannung wird geschichtlich aufgehoben, sie löst sich als propehtische Erwartung in der Zukunft: Weil Israel erwählt ist, wird es einst zum Glauben kommen und das ewige Heil empfangen.

Diese sehr durchdachte These Krämers beruht unseres Erachtens vor allem auf einer bestimmten Interpretation von Röm 11,26, nach der tatsächlich das gesamte Volk Israel zum Glauben kommen wird. Deutet man den Vers hingegen so, dass mit „ganz Israel“ nicht jeder einzelne Jude, sondern Israel als heilsgeschichtliche Gruppe – wie die Heiden, die auch nicht in ihrer Gesamtheit gerettet werden – gemeint ist, bleibt offen, wie Krämers These, nach der Juden als Geliebte wegen ihrer Erwählung noch zum Glauben finden werden, begründet werden könnte.

Tobias Krämer führt sein Seminar fort, indem er weitere Details des aus zwei Halbsätzen bestehenden Verses exegesiert:

Der erste Teil (Evangelium – Auswahl) der Halbsätze spreche jeweils von zwei unterschiedlichen Blickwinkeln, durch die man Israel betrachten kann. Im zweiten Teil (Feinde – Geliebte) werde deutlich: Die Feinde sind die Juden – wie alle ungläubigen Menschen – aufgrund ihrer eigenen Entscheidung. Die Geliebten aber sind sie durch Gottes Entscheidung. Vielleicht ist dies der Grund, weshalb in Krämers Sicht dieser Blickwinkel am Ende gewissermaßen den Sieg davontragen wird. Der dritte Teil (um euretwillen – um der Väter willen) behandele die Begründung dieses Ist-Zustandes: Die Geliebten sind die Juden um der Väter willen, weil Gott mit ihren Vorfahren einen unauflöslichen Bund geschlossen habe. Die Feinde sind sie aber um unseret-, das heißt um der Christen willen. Inwiefern? Krämer erläutet diese mysteriöse Aussage mit dem genauso anmutenden mysteriösen Satz aus Röm 11,25, den er im Anschluss auslegt: „Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt.“

Der Theologe legt anhand von Paulus‘ Argumentation in Röm 11,11 den Ablauf der Heilsgeschichte dar: Die Ablehnung des Evangeliums von Seiten der Juden war ein maßgeblicher Motor für die Heidenmission. Laut Krämer handelt es sich um eine Verstockung, die sich das Volk Israel selbst auferlegt hat, indem es sich gegen Jesus Christus entschied. Allerdings, so führt er aus, habe Gott seine Hand im Spiel, indem er diese Verstockung sozusagen um der Heiden willen versiegelt bzw. verlängert – bis heute. In diesem Punkt würde nicht jeder Krämer zustimmen, so besagt eine alternative Auslegung, dass diese Verstockung nur eine kurze Zeit lang anhielt, aber mit dem Beginn der Weltmission und der Bekehrung zahlreicher Heiden zu Lebzeiten des Paulus – zumindest von Gottes Seite her – beendet wurde und der Weg für die Juden frei ist.

In Krämers Argumentation geht es wie folgt weiter: Aufgrund ihrer fortbestehenden Verstockung zugunsten der Heiden bleibe den Juden keine andere Möglichkeit, als auf diese zu blicken. Daher rührt seine anfängliche Betonung des „zur Eifersucht Reizens“. Die Rettung der Heiden sei also kein Selbstzweck, sondern diene letztendlich wieder der Rettung der Juden. Gott sage seinem Volk laut Krämer: „Ihr wolltet das Evangelium nicht haben, dann bekommt ihr es jetzt auch erstmal nicht. Schaut stattdessen darauf, was Gott unter den Heiden bewirkt und vielleicht weckt das in euch den Wunsch, ihnen nachzueifern.“ Diese Verstockung dauere so lange an, bis nach Vers 25 „die Vollzahl der Nationen“ gerettet sei. Wann oder wie viele Menschen dies sein werden, wisse keiner, betont Krämer richtig.

Und nun trete der essentielle Vers 26 in Kraft, den der Theologe bereits am Anfang des Seminars erwähnt hatte: „So wird ganz Israel gerettet werden.“ Krämer erläutert, dass das griechische οὕτως nicht temporal mit „dann“ zu übersetzen ist, als gäbe es erst eine Zeit der Heiden und dann eine Zeit der Juden. Stattdessen liege hier eine modale Bedeutung vor: „So“ im Sinne von „auf diese Weise“ wird Israel gerettet werden – nämlich durch den Glauben der Heiden, der sie zur Eifersucht reize. Dies sei der von Gott vorgesehene Weg, auf dem die Juden das Heil erlangen könnten. Hier schließe sich der Kreis und so erkläre sich auch das „um euretwillen“ aus Vers 28: Israel glaubt nicht um der Heiden willen und die Heiden glauben um Israel willen. Das ist für Krämer die im Römerbrief dargestellte Heilsgeschichte auf den Punkt gebracht.

Die ganze Tragik der Kirchengeschichte liege nun darin, dass wir Christen diesen Mechanismus zerstört hätten, so Krämer: „Welcher Jude will denn an Jesus glauben, wenn alle Christen Antisemiten sind?“ Dementsprechend liegt es an den Christen und ihrem Verhalten, ob Israel zum Glauben komme und bleibe noch viel wiedergutzumachen, damit die Heilige Schrift sich erfüllen könne. Gelinge der Mechanismus, werde über kurz oder lang ganz Israel gläubig werden. Ob das „ganz Israel“ nur das Volk zu einem bestimmten Zeitpunkt impliziert oder anders zu deuten ist, versucht Krämer nicht zu beantworten, was ihm hoch anzurechnen ist.

Diese These Krämers hängt damit zusammen, dass er das Phänomen des „zur Eifersucht Reizens“ aus den Versen 12, 14 und evtl. 25 des 11. Kapitels des Römerbriefs als einen Soll-Zustand deutet: Es sei Auftrag der Christen so zu leben, dass den Juden der Glaube schmackhaft gemacht werde. Dies ist sicherlich grundsätzlich in Bezug auf unser Verhältnis zu jedem ungläubigen Menschen wahr. Man könnte die Aussagen des Paulus allerdings auch als eine Beschreibung des Ist-Zustandes verstehen: Die Juden werden automatisch zur Eifersucht gereizt, wenn Menschen aus den Nationen zum Glauben kommen.

Bleibt man bei Krämers Deutung, ist der Antisemitismus – der zu einem Großteil von Christen oder solchen, die sich Christen nannten, verübt wurde – der Hauptgrund, weshalb es Juden schwer fällt, Jesus als ihren Messias anzunehmen. In dem Fall muss es unsere oberste Priorität sein, die Vergangenheit aufzuarbeiten und diesen „Fehler“, davon spricht Krämer des Öfteren, wiedergutzumachen. Eine wahrlich große Aufgabe, zumal viele Juden leider Gottes mehr auf „die Christen“ in ihrer Gesamtheit blicken – welche in der Kirchengeschichte selten gut da standen -, als auf den einzelnen ernsthaften Christen. Können wir dieser von Krämer und anderen auf dem Kongress hervorgehobenen Verantwortung jemals gerecht werden?

Neben dieser Ermahnung steht allerdings die immer wiederkehrende, mutmachende These Krämers, beruhend auf seiner Auslegung von Röm 11,26: Weil Israel erwählt ist, wird es eines Tages zum Glauben an Jesus Christus kommen.

Zum Schluss seines intensiven Seminars kommt Tobias Krämer zur praktischen Bedeutung des von ihm ausgelegten Schlüsselverses: Sämtliche Literatur könne nun daraufhin überprüft werden, ob dieses in Röm 11,28 dargestellte Spannungsfeld korrekt wahrgenommen wird. Krämer betont die traurige Realität, dass viele auf einer Seite vom Pferd fielen: Entweder werde von Israel-Fans die Besonderheit der Juden überbetont, als bräuchten sie das Evangelium nicht mehr, oder aber es werde von evangelistischen oder eben ersatztheologisch geprägten Menschen die Verlorenheit der Juden überbetont, als gebe es für sie keine Hoffnung und als spiele ihre Erwählung keine Rolle mehr.

In diesem Sinne lässt der im Seminar vermittelte Inhalt auf mehr Sachlichkeit und Ausgewogenheit in israelfreundlichen Kreisen hoffen, weshalb zu bedauern ist, dass Krämers Vortrag nicht zum Hauptprogramm des Kongresses gehörte.

 Interview mit Tobias Krämer

Lieber Herr Krämer,

wie wichtig ist Ihres Erachtens das Israel-Anliegen im Vergleich zu anderen Aufträgen Gottes an die Christen? Sollten sich alle Christen gleichermaßen für Israel engagieren oder ist denkbar, dass sich hinter den theologischen Differenzen unterschiedliche Berufungen verbergen, bei denen die einen sich für einen geistlichen Aufbruch in Israel einsetzen, während anderen Muslimen das Evangelium bringen und wieder andere sich für Arme und Schwache stark machen?

Israel gehört m.E. zu den 10 wichtigsten Beauftragungen Gottes an die Gemeinde Jesu. Ein Ranking möchte ich hier nicht vornehmen, da die Bibel das auch nicht tut. Aber Israel sollte so selbstverständlich und natürlich zum „Portfolio“ an Beauftragungen dazugehören wie Mission, Evangelisation, Diakonie u.a. auch. Besteht hier im Grundsätzlichen Klarheit, dann kann es in der praktischen Umsetzung durchaus Unterschiede geben. Als Pastor ist mir die Tatsache geläufig, dass Christen unterschiedliche Gaben und Berufungen haben. Ähnlich sehe ich das auch für Gemeinden, evtl. auch für ganze Netzwerke und Kirchen. Schwerpunktsetzungen darf es geben. Kritisch wird es erst dort, wo man einen Auftrag Gottes nicht erkennt oder gar ablehnt. Das ist in Sachen Israel stellenweise im Leib Christi anzutreffen. Und das ist der Sache gegenüber nicht angemessen.

Wie würden Sie auf die folgende These eines moderaten Vertreters der Ersatztheologie reagieren? „Das Volk Israel hat seine Erwählung nicht verloren. Es ist weiterhin erwählt, nur definiert es sich anders. Gott hat entschieden, im Neuen Bund die Zugehörigkeit zu seinem erwählten Volk nicht mehr über die Abstammung, sondern den Glauben an den Messias zu definieren.“

Das ist eine Position, über die man diskutieren kann, weil sie von der Grundsubstanz her viel Biblisches enthält. Problematisch sehe ich zwei Aspekte: (1.) Der Erwählungsbegriff wird inhaltlich nahezu entleert. Worin besteht denn die Erwählung Israels, wenn sich Israel bleibend anders definieren kann? Das wäre zu klären. (2.) Der Abrahamsbund und damit die Väterlinie gehen hier unter. Paulus aber hält diese – man denke nur an Röm 11,28! – bis zum Schluss fest. Und zwar bewusst und mit theologischen Konsequenzen. Das darf man nicht aus den Augen verlieren.

Der Ansatz, die Zugehörigkeit zum erwählten Volk würde im AT über die Abstammung, im NT aber über den Glauben an Christus laufen, ist so exklusiv formuliert eine Verkürzung. „Abstammung“ ist im AT nicht alles und im NT nicht nichts. Die Verhältnisse sind komplexerer Natur. Wenn man hier simplifiziert, geht theologisch viel verloren.

In Ihrem Seminar haben Sie betont, dass Paulus‘ Schmerz über die Verstockung seines Volkes (vgl. Röm 9,2) auch deshalb so groß ist, weil diesem damit nicht nur der Zutritt zum Himmel, sondern eine ganzheitliche Wiederherstellung entgeht. Wie kommt es, dass Paulus eine solche nationale Wiederherstellung Israels, also eine wörtliche Erfüllung der alttestamentlichen Verheißungen, außerhalb von Röm 9-11 nicht thematisiert?

Die Frage ist berechtigt – und sie hätte sogar noch kritischer ausfallen können. Zunächst einmal ist es wichtig zu sehen, dass die paulinischen Briefe (am ehesten noch mit Ausnahme des Römerbriefes) alle Gelegenheitsschreiben waren, die durch bestimmte Anlässe motiviert waren. Paulus schreibt, weil in der Gemeinde was nicht stimmt, und geht darauf ein. Das ist der Grundansatz. Von daher versteht es sich von selbst, dass das Tagesgeschäft die Inhalte der Briefe maßgeblich bestimmt hat. Was für ein Glück, dass es in Korinth Probleme mit dem Abendmahl gab! Sonst hätte Paulus vielleicht nie etwas darüber geschrieben. Hinzu kommt, dass uns nicht alle paulinischen Briefe erhalten geblieben sind. Von denen an Korinth fehlen uns wahrscheinlich welche. Die argumentatio e silentio greift hier also noch weniger als sonst.

Im Übrigen hätten Sie auch fragen können, ob Paulus in Röm 9-11 die Perspektive einer ganzheitlichen Wiederherstellung Israels überhaupt im Blick hat. Expressis verbis hat er das nicht. Er kommt „nur“ bis an die Stelle, dass „ganz Israel gerettet“ wird (was auch sein Hauptinteresse gewesen sein dürfte). Folgt man jedoch seinem Schriftbeweis, dann führen diese Verse in Texte aus den Propheten Jesaja und Jeremia zurück. Texte, die von einer ganzheitlichen Wiederherstellung sprechen. Bedenkt man nun noch, dass schriftgelehrtes Zitieren von Belegstellen nicht nur die zitierten Verse meint, sondern das Textumfeld in Erinnerung rufen will, aus dem sie entnommen sind, darf man den Schluss ziehen, dass eine ganzheitliche Wiederherstellung Israels implizit im Blick, wenngleich nicht im Fokus der paulinischen Argumentation ist.

Für Sie ist Röm 11,28 das Koordinatensystem biblischer Israellehre. Der Kontext dieses Verses könnte nahelegen, ihn wie Vers 2a als Antwort auf Paulus’ rhetorische Frage aus Vers 1 zu verstehen: „Gott hat die Juden aufgrund ihres momentanen Unglaubens nicht definitiv und endgültig vom Evangelium ausgeschlossen, da sie zu seinem auserwählten und geliebten Volk gehören.“ Muss Röm 11,28 zwingend als Spannung interpretiert werden, die sich allein durch die zukünftige Errettung des Volkes Israel auflösen kann oder kann Paulus gemeint haben: „Sie sind Feinde des Evangeliums, aber weil ich sie einmal erwählt habe, werde ich sie deshalb nicht verstoßen, sondern sie mit offenen Armen aufnehmen, sobald sie zu mir kommen“?

 Dass Gott bereit ist, sein Volk Israel mit offenen Armen aufzunehmen, und sich sogar danach sehnt, ist schon seit Röm 10,21 klar. Röm 11,28 in diesem Sinne zu interpretieren, würde heißen, den gedanklichen Fortschritt in Kap. 11 zu verkennen. Und der führt immerhin an den Punkt, dass ganz Israel gerettet werden wird (Röm 11,26), also weit über Röm 10 und den von Ihnen genannten Interpretationsansatz hinaus. Diese Gewissheit wiederum erreicht Paulus über das Studium der Schrift (Gott wird die Gottlosigkeit von Jakob abwenden und Israels Sünden wegnehmen; V.25f), und so entsteht das Spannungsfeld in 11,28, dass Gott an der Erwählung Israels festhält und sie zum Ziel führt, obwohl Israel aktuell in Feindschaft gegenüber dem Evangelium verharrt. Dieses Spannungsfeld wird übrigens auch im Aufbau des Verses sichtbar: zwei strikt parallel gebaute Vershälften, die antithetisch miteinander verbunden sind (zwar – aber) und so einen stehenden Gegensatz bilden.

Der Clou liegt, wie dann auch der Fortgang in Röm 11,30ff zeigt, darin, dass am Ende von Kap. 11 Gott allein es ist, der Israel in seine Erlösung führt. Das ist weit mehr als das Warten auf Umkehr, das am Ende von Kap. 10 zu finden ist. Und es ist der Grund für den großartigen Lobpreis, mit dem Röm 9-11 endet.

Schließt das πᾶς Ἰσραὴλ („ganz Israel“) aus Röm 11,26 Ihrer Deutung nach alle Juden zu allen Zeiten oder nur die zu einem gewissen Zeitpunkt lebenden Juden ein? Wenn letzteres, wie ist das Schicksal der Millionen Juden der Geschichte einzuordnen, die bis heute trotz ihrer Erwählung ohne den Glauben an Jesus Christus sterben?

Paulus´ Denken in Röm 9-11 ist insgesamt nach vorne gerichtet. Die Frage ist, ob Israel noch zum Ziel kommt oder auf der Strecke bleibt. Und hier erlangt Paulus am Ende von Kap. 11 die Gewissheit, dass Ersteres der Fall sein wird: Ganz Israel wird gerettet, also zu Jesus finden und von seinen Sünden befreit werden. Es deutet zunächst nichts darauf hin, dass hier mehr gemeint sein könnte als die Volkserweckung des jüdischen Volkes, also ein geschichtliches Ereignis in Raum und Zeit.

Das Problem, das Sie hier ansprechen, betrifft im Übrigen ja nicht nur die Juden, sondern alle Menschen, die ohne den Glauben an Jesus Christus sterben, vor allem all diejenigen, die nie das Evangelium gehört und verstanden haben. Man soll von der Gnade Gottes wirklich nicht klein denken, aber hier bleibt ein Bangen und Zagen, wie Gottes Urteil im Endgericht wohl ausfallen wird.

Sie haben erläutert, dass das οὕτως („so“) aus Röm 11,26 nicht temporal („dann“), sondern modal („auf diese Weise“) zu verstehen ist: Israel wird dadurch gerettet, dass Christen ihnen den Glauben schmackhaft machen – was schwerlich möglich war, wenn diese gleichzeitig Antisemiten waren. Wie können wir mit der Tatsache umgehen, dass es immer Menschen gab und geben wird, die im Namen Christi Unheil gegenüber Juden anrichten (z. B. die Deutschen Christen) und die von vielen Juden – wie auch vielen Muslimen – als die Christen betrachtet werden?

Da bleibt m.E. nur ein Weg, nämlich der, dass sich die gesamte Christenheit (welcher Couleur auch immer) an die Brust schlägt und betet „Gott sei uns Sündern gnädig“. Das können auch die Nachfahren der von Ihnen genannten „Deutschen Christen“ tun – angesichts dessen, was geschehen ist. Wenn dann noch ein öffentliches Eingestehen und Benennen der Schuld erfolgt, dann wird deutlich, dass die Verfehlungen der Christen nicht auf das Konto Jesu Christi gehen, sondern ihm geradezu widersprechen. Und dann ist schon viel gewonnen. Solche Schuldeingeständnisse werden übrigens in Israel sehr wach gehört. Sie haben eine große Auswirkung.

Es ist „im Namen Jesu Christi“ viel Schlimmes passiert. Das sollte Anlass genug sein, jetzt mit aller Kraft und Entschiedenheit das Richtige zu tun. Noch ist es nicht zu spät.

 Herzlichen Dank für das Interview!

(jp)

 
Fotos:
Krämer: privat

Das Paradoxe an Israel – Gedanken zu Römer 3

Dr. Jürgen Bühler

7. November 2013

 

icejzen_logoJürgen Bühler, ein Deutscher, der seit 1994 in Israel lebt und als Executive Director für die Internationale Christliche Botschaft Jerusalem (ICEJ) arbeitet, beginnt seinen Vortag mit einem Überblick über die geistliche Situation in der islamischen Welt.

Er berichtet, dass während der Jesaja 62-Gebetsinitiative der ICEJ für eine Erweckung in jedem islamischen Land gebetet wurde, weil man den Eindruck hatte, Gott wolle etwas im Nahen Osten bewegen. Diese Prophezeiung werde nun Wirklichkeit. Bühler führt fort mit Schlaglichtern einzelner Länder, wobei er leider mit Erläuterungen oder Nachweisen spärlich umgeht. Er berichtet von:

  • Tunesien: Kurz nach besagtem Gebet habe es dort einen Aufbruch gegeben.
  • Syrien: In diesem von Krieg geplagten Land, das neben Israel die älteste Kirche der Welt beherbergt, arbeite Gottes Geist wie nie zuvor, obwohl es sich für die schwierigste Zeit für die Christen handelt.
  • Ägypten: Das Land stehe an der Schwelle der Erweckung, weil 15.000 Personen für ihr Land gebetet haben.
  • Irak: Hier passiere ähnliches.
  • Iran: Allein in Teheran würden monatlich 5000 Menschen getauft. Hierauf bricht das Publikum in spontanen Applaus aus. Leider präzisiert Bühler nicht, ob es sich bei den Getauften um Neubekehrte handelt. Er erzählt weiter, wie die Menschen unter Ahmadinedschad nur so in die Kirchen strömten, weil sie dachten „Wenn das Islam ist, werden wir lieber Christen!“
  • Libyen: Laut dem Gebetsführer Operation World von 2000 sei dies das verschlossenste Land der Welt gewesen, mit keinem einzigen Christen. 2012 sollte dann plötzlich für mehr Bibeln gebetet werden, weil sich so viele bekehren. (Anmerkung: Diesen ermutigenden Worten steht der Bericht von Open Doors entgegen, demzufolge viele Christen das Land verlassen haben, weil ihnen düstere Zeiten bevorstehen: http://www.opendoors.de/verfolgung/laenderprofile/libyen/)
Dr. Jürgen Bühler

Dr. Jürgen Bühler

Bühler berichtet weiter von einem prophetischen Wort an die ICEJ laut dem es in den nächsten Jahren in zehn Ländern der arabischen Welt Vertretungen der christlichen Botschaft geben werde. Tatsächlich verfügen ihm zufolge inzwischen Algerien und der Niger über eine solche Botschaft, zu deren Aufgaben laut Website des ICEJ (wo die zwei Länder in der Aufzählung fehlen) das Organisieren von Konferenzen, Gottesdiensten, Seminaren, Pro-Israel-Versammlungen und Veranstaltungen gegen den Antisemitismus gehören. Der oberste Imam des Niger habe laut Bühler geschildert, wie enttäuscht viele dort von den oftmals rassistischen Arabern seien und erkannt haben, dass die Zukunft im Westen und in Israel liege…

Wenn Bühler erzählt, gewinnt man den Eindruck, dass islamische Oberhäupter, Politiker sowie Muslime zusammen mit dem von ihm dargestellten geistlichen Aufbruch plötzlich allesamt eine Pro-Israel-Haltung an den Tag legten. Hier wären nähere Infos hilfreich, zumal beispielsweise im nahe gelegenen Westjordanland dieser Automatismus von Bekehrung zum Christentum und dem Engagement für Israel im Allgemeinen eher nicht zu beobachten sein scheint.

Bevor er zu seinem eigentlichen Thema kommt, spricht Bühler von Prophezeiungen über den Niedergang von Kommunismus und Islam. Die Macht des ersten sei bereits gebrochen und der zweite werde genauso fallen. Dies sind klare Worte, obwohl man angesichts der Tatsache, dass es sich um menschliche (prophetische) Eindrücke handelt, etwas mehr Vorsicht erwarten würde.

Es folgt Bühlers Lektüre von Römer 3,1-12 mit dem Schwerpunkt auf dem scheinbaren Paradox der Verse 2 und 9: Vers 2: Was haben die Juden für einen Vorzug oder was nützt die Beschneidung? -> Viel in jeder Weise! Vers 9: Haben wir Juden einen Vorzug? -> Gar keinen. Jürgen Bühler erzählt von einer Gemeinde, in der die Israel-Fans versuchten, ihren Pastor von der Besonderheit der Juden zu überzeugen, der wiederum betonte, dass Juden wie alle anderen seien, die Jesus Christus brauchen. Beide haben Bühler zufolge Recht, denn genau diese Spannung behandele Römer 3: Welchen Vorteil hat es im Neuen Bund, Jude zu sein, in dem jüdisch Sein eine Frage des Herzens ist?

Zunächst behandelt der Redner die Aussage von Vers 2: Der andauernde Vorzug der Juden bestehe darin, dass sie die Privatsekretäre Gottes seien – ihnen sind die Aussprüche Gottes anvertraut worden. Leider macht Bühler nicht deutlich, ob die Juden diese Rolle der Privatsekretäre immer noch innehaben und wenn ja, worin diese heute bestehen würde. Er betont, dass dem jüdischen Volk Gottes Wort anvertraut wurde, was man auch daran erkenne, dass ausnahmslos alle Autoren der Bibel Juden seien (selbst Lukas). Ohne die Kenntnis der jüdischen Geschichte und Kulturen sei so manche Bibelstelle nicht zu verstehen.

In diesem Sinne deutet der Redner Offb 22,16 („Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, der helle Morgenstern“) – die (fast) letzten Worte der Bibel – wie folgt: „Jesus möchte uns sagen, dass er Jude ist. Selbst im Himmel bleibt er Jude.“ Die letzte und damit wichtigste Botschaft des Sohnes Gottes an die Welt ist nach Bühler, dass sie ja seine Abstammung und damit das jüdische Volk nie vergessen soll. Das klingt romantisch, doch es ist fragwürdig, ob dies Jesu Intention war und er mit diesen Bezeichnungen nicht vielmehr seine Identität als wahrer Messias und damit Erlöser der Welt bekräftigen wollte.

„Die Juden sind aber doch nicht so heilig wie Paulus tut“ – diese oft gehörte Erwiderung nimmt Bühler nun auf, indem er auf Vers 3 verweist: Nein, sind sie nicht – aber Gott wäre ein Lügner, wenn das Verhalten der Juden seine Verheißungen zunichte machen würde. Die Basis für die Erwählung des jüdischen Volkes lege nicht in dessen Heiligkeit, sondern der Bündnistreue Gottes. Dies zeige sich an dem Bündnisschluss Gottes mit Abraham: Während normalerweise beide Bündnispartner bei Vertragsabschluss durch getötete und zweigeteilte Tiere schritten (was soviel bedeutete wie: „Wenn ich meinen Bund nicht halte, soll es mir ergehen wie diesen Tieren“), ging laut Mose 15,12-17 nur Gott durch die Tierhälften. Abraham schlief. Die Erhaltung des Bundes hängt also nicht von ihm und seinen Nachkommen ab. Damit widersetzt sich Bühler solchen Ersatztheologen, die proklamieren, Gott habe Israels Erwählung wegen dessen Untreue aufgehoben.

Nun folgt die andere Seite. Vor Gott sei ein Jude ein Mensch wie jeder andere. Es gibt eine nationale Berufung des Volkes, aber wenn es eins auf eins geht, gebe es keinen Unterschied zwischen beispielsweise Deutschen und Juden. Gott führe keine Vetternwirtschaft oder bevorzuge einige seiner Kinder, und die Lehre der Sündhaftigkeit des Menschen sei tief im Judentum verankert: Keiner ist gerecht. Das sind wichtige Worte auf einem Kongress, dessen Töne teilweise doch sehr die andere Seite betonen.

Diese Spannweite zwischen dem Geliebtsein um der Väter willen und der Feindschaft um des Evangeliums willen (Röm 11,28) dürfen wir nicht verlieren, schließt Bühler. Das in Römer 3 zum Ausdruck kommende Paradox habe dreierlei Auswirkungen: 1. Es bewahrt vor den Extremen der Ersatztheologie und der Zwei-Bündnis-Lehre (nach der es einen jüdischen und einen christlichen Weg zum Heil gibt). 2. Es hilft, die Rolle Israels zu verstehen: Wir sollen Israel als Augapfel Gottes bedingungslos unterstützen, jedoch nicht all seine politischen Entscheidungen gutheißen. (Was das genau dann heißt, bleibt hier offen.) 3. Es bewahrt uns Christen vor falschen Illusionen bezüglich der Errettung Israels: Jeder muss seine persönliche Entscheidung treffen, um erlöst zu werden – auch die Juden.

Was Bühler mit dem letzten Punkt vor allem angesichts der scheinbaren Errettung ganz Israels (Röm 11,26) impliziert, wird leider nicht deutlich. Doch mit diesem Vortrag legt er am Anfang des Kongresses ein gutes Fundament für den teils so schwierigen Balanceakt zwischen Engagement für das jüdische Volk und der sich zu oft daraus ergebenden Theologie oder Ansätze eines zweiten Heilsweges für die Juden, welcher ohne persönliche Entscheidung auskommt.

(jp)

 

Die Rechtfertigungslehre des Paulus im Vergleich zu antiken jüdischen Auffassungen und zur Neuen Paulusperspektive – EDIS VIII

von Jacob Thiessen

In Bezug auf den Römerbrief des Paulus werden nach wie vor intensive kontroverse Diskussionen geführt. Besonders das Thema Rechtfertigung wurde durch die Neue Paulusperspektive noch wesentlich verstärkt. Diese Studie zeigt die Entwicklung hin zur “neuen Perspektive” auf und legt eine alternative Deutung vor, indem sie sich anhand von zentralen Texten des Römerbriefs mit dem Gedankengut der “neuen Perspektive” exegetisch auseinandersetzt. Auch der “jüdische Kontext” der paulinischen Ausführung wird untersucht und mit den Aussagen des Apostels verglichen. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die paulinische “Rechtfertigungslehre” sowohl wichtige soteriologische als auch ekklesiologische Aspekte beinhaltet, die weder getrennt noch gegeneinander ausgespielt werden sollen. Bestellmöglichkeit: amazon: Bestellmöglichkeit Band 8 Theologische Fachbuchhandlung FTA:  Bestellmöglichkeit Band 8

Kennen Sie eigentlich die vom Verlagshaus Peter Lang herausgegebene Buchreihe EDIS? Bei der “Edition Israelogie” handelt es sich um die hauseigene wissenschaftliche Reihe unseres Instituts, die die Ergebnisse der Judaistik, Semitistik und anderer Forschungsgebiete für die Israelogie fruchtbar machen sowie neue Beiträge zur Israellehre liefern will. Unser Ziel ist es, die biblischen Lehraussagen über Israel und das Judentum zu identifizieren und systematisieren, damit eine erneuerte Dogmatik entsteht, die die Israelogie als Teilbereich vor und außerhalb der Ekklesiologie definiert.

In der EDIS-Reihe sind Anfang 2014 zwei neue Bände erschienen, die wir Ihnen wärmstens empfehlen möchten:

EDIS VI

EDIS VI zur Landesfrage

Band 6: Wem gehört das ‘Heilige Land’? – Christlich-theologische Überlegungen zur biblischen Landesverheißung an Israel, Hg. Berthold Schwarz

Dieser von Institutsleiter Berthold Schwarz herausgegebenen Sammelband möchte den Austausch über die Frage fördern, wem das Land Israel gehört. Den Autoren der 14 Beiträge ist gemein, dass sie eine ausgewogene und begründete Israellehre fördern wollen. Sie unterscheiden sich jedoch konfessionell und theologisch voneinander, wodurch verschiedene Perspektiven geboten und unsere Sinne für eine theologisch fundierte Urteilsbildung geschärft werden.

EDIS VIII

EDIS VIII zum Römerbrief

Band 8: Gottes Gerechtigkeit und Evangelium im Römerbrief – Die Rechtfertigungslehre des Paulus im Vergleich zu antiken jüdischen Auffassungen und zur Neuen Paulusperspektive, Jacob Thiessen

Rund um den Römerbrief und die darin dargestellte Rechtfertigungslehre des Paulus werden nach wie vor kontroverse Diskussionen geführt. Eine davon wurde angeregt durch die “New Perspective” (E. P. Sanders, James Dunn, N.T. Wright u.a.), die die paulinischen Schriften abweichend von der traditionellen lutherischen Deutung und vor allem in Hinblick auf sein Verhältnis zum Judentum deutet.

Diese Studie von Jacob Thiessen zeigt die Entwicklung der “Neuen Perspektive auf Paulus” auf und legt eine alternative Deutung vor, indem sie sich anhand von zentralen Texten des Römerbriefs mit dem Gedankengut der  “New Perspective” exegetisch auseinandersetzt sowie den jüdischen Kontext untersucht. Thiessen kommt zu dem Ergebnis, dass die paulinische Rechtfertigungslehre sowohl wichtige soteriologische als auch ekklesiologische Aspekte beinhaltet, die weder getrennt noch gegeneinander ausgespielt werden sollten.

Hier finden Sie weitere Informationen über die EDIS-Reihe und Inhaltsangaben zu den bisher erschienenen Bänden.

Bestellen können Sie diese sowie die vorigen Bände telefonisch oder per Email über die theologische Fachbuchhandlung der FTH: www.ftabooks.de

 

(jp)

 

Ein, wenn nicht der Bibeltext, der immer wieder zur Sprache kommt, wenn es um Israel und seine Rolle in Gottes Heilsplan geht, sind die Kapitel 9-11 des Römerbriefes. Sie gehören zu den umstrittensten Stellen des Neuen Testaments und verfügen über eine lange Auslegungsgeschichte. Von den unzähligen Deutungsvorschlägen konnten sich einige durchsetzen und werden bis heute diskutiert, während andere in Vergessenheit geraten sind. Zu letzteren gehört wohl der von Johannes Munck (1904-1965), seinerzeit Professor für Neues Testament an der Aarhus Universität in Dänemark, dessen Beitrag Christus und Israel: Eine Auslegung von Röm 9-11 von 1956 jedoch durchaus nähere Betrachtung verdient:

Gottes Weg mit Israel nach Römer 9-11 (2905 Downloads)

(jp)