Juden unerwünscht?

Ende April wurde in Berlin ein Mann mit Kippa am helllichten Tag mit einem Gürtel verprügelt. Mitte Mai kamen bei gewaltsamen Protesten im Gazastreifen mehrere Hundert Menschen auf palästinensischer Seite zu Tode. Beide Meldungen fanden rasch ihren Weg in die Schlagzeilen fast aller deutschen Zeitungen. Die Ereignisse sind höchst unterschiedlich, deuten aber auf Schwierigkeit hin, über Judenhass und Israelpolitik gleichzeitig zu berichten – und darauf, dass beides zusammen hängen kann.

Antisemitismus im 21. Jahrhundert ist höchst komplex und längst nicht mehr schwarz-weiß. Antisemitismus längst nicht mehr klar mit religiös bedingtem Hass einstmals fanatisierter Christen zu erklären, noch pauschal als Relikt aus Nazi-Deutschland abzuurteilen. Die Tatsache, dass Juden im hochzivilisierten Mitteleuropa und gerade auch in Deutschland immer noch vermittelt bekommen, unerwünscht zu sein, sollte uns anhalten, Antisemitismus erneut ins Blickfeld zu rücken. Wie man ihn empirisch fassen kann und wo dies noch nicht ausreichend geschieht, soll aus dem folgenden Überblick hervorgehen:

Mann mit Kippa

Bei der Frage, was unter Antisemitismus zu verstehen ist, gehen die Meinungen auseinander. Eine Arbeitsdefintion, die dem International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) zugrundeliegt und unter anderem von Expertenkreisen im European Forum on Antisemitism übernommen wurde,  erklärt: “Antisemitism is a certain perception of Jews, which may be expressed as hatred toward Jews. Rhetorical and physical manifestations of antisemitism are directed toward Jewish or non-Jewish individuals and/or their property, toward Jewish community institutions and religious facilities.”[1]

Erscheinungsformen des Antisemitismus innerhalb der deutschen Bevölkerung zu erfassen ist seit den 1950er Jahren eine wichtige Aufgabe der Sozialforschung. Dazu helfen in erster Linie Umfragen und die Kriminalstatistik. Wenn man Judenfeindlichkeit messen möchte, hilft es, solche Fragen zu stellen, die die Intention des Interviews nicht sofort erkennen lassen und dennoch Rückschlüsse auf das Denken des Befragten zulassen. So kann die Antwort auf die Frage „Haben die Juden zu viel Einfluss in Deutschland?“ oder „Möchten Sie einen Juden als Nachbarn?“ aufdecken, ob jemand Juden gegenüber eher ablehnend, skeptisch, gleichgültig oder wohlgesonnen gesinnt ist. Für Juden in Deutschland mag es zunächst einmal eine Erleichterung darstellen, dass in den letzten Jahren Asylbewerber, Muslime, Sinti und Roma viel negativer wahrgenommen wurden als sie. Zudem sind antisemitisch motivierte Gewalttaten, die man per Kriminalstatistik leicht erfassen kann, in europäischen Nachbarländern wesentlich höher als in Deutschland – zumindest was die Daten bis 2015 aussagen.[2]

Dennoch ist das Problem des Antisemitismus hierzulande längst nicht gelöst: Es tritt einfach in neuen Formen auf. An die Stelle des klassischen Mythos von der jüdischen Weltverschwörung und des Christus-Verräter-Stereotypus treten heute eher der sogenannte „Sekundärantisemitismus“ und der „israelbezogene Antisemitismus“. Ersterer hängt mit der nationalsozialistischen Vergangenheit der Deutschen zusammen und meint eine Umschuldung: Wer behauptet, dass die im Dritten Reich verfolgten und getöteten Juden „nicht nur“ Opfer waren, zeigt sekundärantisemitisches Gedankengut. Genauso wie jemand, der findet, dass Juden aus ihrem Schicksal monetären Profit schlagen möchten.

Die zweite genannte Form kann sich unter dem Deckmantel des Antizionismus äußern: Israelbezogener Antisemitismus ist die emotional beladene kritische Einstellung gegenüber dem Staat Israel. Dies betrifft vor allem dessen Umgang mit Fremdpersonen an den Landesgrenzen oder hinsichtlich der Siedlungspolitik jüdischer Siedler in den Autonomiegebieten. Politische Kritik ist selbstverständlich prinzipiell erlaubt und erwünscht. In diesem Fall aber wird sie, pauschal auf alle Israelis übertragen, zum Problem, weil Israel nunmal ein Judenstaat ist. Es wird zum Beispiel Israel als Nation das Existenzrecht abgesprochen, oder israelische Politik mit Begriffen bedacht, die an Nazi-Vokabular erinnern („Israel hat mit dem Abwehrzaun das größte KZ der Welt gebaut“) – so erklärt es auch die ausführliche Version der oben genannten Arbeitsdefinition „Antisemitism“. Auch Boykott-Aktionen mit Aufrufen wie „Kauft nicht bei Israelis“ wecken ungute Assoziationen. Obwohl eine solche offensive Israelkritik in einigen politischen Kreisen vielleicht zum guten Ton gehören mag, lohnt es sich, genauer hinzuschauen und Antisemitismus beim Namen zu nennen: so geriet der Theologe Ulrich Duchrow mit seinen vor einigen Jahren veröffentlichten Ansichten kürzlich in die Diskussion, weil er Juden das Recht auf eine nationale Heimstätte in Palästina abspricht.[3]

Davidstern

Diese dargestellten Formen sind den meisten Lesern vermutlich gar nicht so unbekannt: Sie lassen entweder nicht immer direkt an Antisemitismus denken und werden daher unbedacht ausgesprochen. Oder sie werden – wie im letzten Fall – kritisch in den öffentlichen Medien aufbereitet. Alle Beispiele gehören zum latenten Antisemitismus. Allerdings nur solange, bis er sich in Gewalttaten oder Sachbeschädigung äußert und damit manifest wird. Dies geschieht immer wieder, was aufzeigt, dass nicht erst die brutale Ausschreitung ein Problem darstellt. Vorweg geht das antisemitische Gedankengut der Menschen, dem sich die Gesellschaft entgegenstellen muss.

Bisher konzentrierte man sich vorrangig auf Antisemitismus unter Deutschen und Europäern. Auf diesem Gebiet haben wir ein gut dokumentiertes Fundament, um die Dinge beim Namen zu nennen und die Lage einzuschätzen.

Was aber ist mit den oben genannten Beispielen? Die eingangs erwähnten Fälle mögen auf den ersten Blick in keinerlei Verbindung zueinander stehen. Aber sie weisen darauf hin, dass die vorgestellten Ergebnisse der Sozialforschung eine Lücke aufweisen: Wie können wir heute Antisemitismus einordnen und verstehen, der von Menschen mit muslimischer Religionszugehörigkeit oder arabischer Abstammung ausgeht? Gerade in diesen Tagen zeigt sich, dass das 70-jährige Jubiläum Israels nicht für alle ein Grund zum Feiern ist. Die Debatte ist entfacht: weil es immer wieder zu eskalierender Gewalt kam und kommt, und eben nicht nur gegen den Staat Israel und dessen Politik am Gazastreifen, sondern auch gegen Kippaträger in Berlin. Aber nicht allein solche Phänomene von manifestem Antisemitismus, die von Muslimen und Arabern ausgehen, weisen auf ein bedrohliches Szenario hin, sondern auch die Ratlosigkeit der Medien und Politiker, antisemitische und antijüdische Phänomene einzuordnen. Zu fragen ist: Gibt es einen ethnisch begründeten Antisemitismus bzw. Antizionismus? Handelt es sich gar um einen muslimisch-religiösen Antisemitismus bzw. Antizionismus?

Wo kommt Hass gegen Juden her? Wie kann man ihn bekämpfen? Hier besteht Forschungsbedarf. Pauschale Antworten oder Schuldzuweisungen helfen nicht weiter. So kann beispielsweise das Erklärungsmodell, islamischer Antisemitismus sei ein Importprodukt der christlich-europäischen Kolonialmächte, einen solchen nicht rechtfertigen.[4] Es braucht auch nicht primär Deutungsmöglichkeiten von außen, sondern vor allem von innen, aus den eigenen Reihen. So wie die Deutschen mit ihrer Geschichte und den damit verbundenen Tragödien umgehen, so müssten aus allen Gruppen, in denen Formen von Antisemitismus zu beobachten sind, Menschen aufstehen, die sich dagegen stellen, die sich für Prävention und Aufklärung einsetzen.

So wichtig das „Nie wieder!“ für uns Deutsche ist, so wichtig ist das „Niemals!“ für alle anderen.

AE

[1] https://www.holocaustremembrance.com/node/196 und https://european-forum-on-antisemitism.org/definition-of-antisemitism/english-english.

[2] Johannes Due Entstad: Antisemitic Violence in Europe 2005–2015. Oslo, Center for Research on Extremism, 2017.

[3] Einen Artikel dazu finden Sie unter https://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft/kirche/2018/05/23/alan-posener-christlicher-antisemitismus-in-der-kirche/.

[4] So der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze, https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2016/02/antisemitismus-juden-europa-islam-christentum-vertreibung/seite-2.

Inmitten der aktuellen Flut von Meldungen und Bildern über die Geschehnisse in Nahost und die dadurch ausgelösten weltweiten Proteste und Reaktionen stehen wir tagaus tagein vor der großen Herausforderung, uns eine ausgewogene und sachgerechte Meinung bilden zu müssen. Deshalb möchten wir Ihnen eine Auswahl in den letzten Tagen erschienener Artikel präsentieren, die verschiedene Aspekte des Gaza-Konflikts beleuchten sowie Stellung beziehen und die wir – ohne jeweils alle Äußerungen der Autoren zu befürworten – für lesens- und nachdenkenswert halten.

Israel muss sich wehren” – Dieter Graumann (Süddeutsche Zeitung, 16. Juli 2014)

Dieter Graumann, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland nimmt Stellung zum aktuellen Konflikt, indem er das Hamas-Regime und deren “Dschihad-Ideologie” unter die Lupe nimmt.

Er schreibt: “Bei Raketenalarm schickt Israel die Menschen in die Bunker. Die Hamas schickt die Menschen auf die Dächer. Wie kann man diesen Unterschied nicht sehen? Im Gaza müssen die Menschen endlich befreit werden – von der Hamas, die Menschenrechte mit den Füßen tritt, Frauen diskriminiert, Homosexuelle verfolgt und politisch Andersdenkende foltert. Statt in Bildung und Zukunft zu investieren, verwendet man alles Geld für den Waffenkauf, und alle Anstrengung gilt der Gewalt.”

Somit, fordert Graumann, dürfe die Welt nicht länger die Augen davor verschließen, dass die Hamas, nicht weit von uns entfernt und unterstützt durch ein globales islamistisches Terrornetzwerk, die Werte bekämpft, die uns in unserer westlichen Welt so lieb und teuer sind: Freiheit, Toleranz, Gleichberechtigung und Demokratie.

“A letter to friends who want to understand what is happening in Gaza” – Mordecai Finley (The Times of Israel, 18. Juli)

In diesem englischsprachigen Brief eines in den USA lebenden Juden an seine Freunde möchte Rabbi Mordecai Finley – im Übrigen Verfechter eines palästinensischen Staates – die Welt dafür sensibilisieren, wie die Hamas im aktuellen Konflikt die internationale Presse gezielt für ihre Zwecke nutzt.

Es schockiere ihn nicht, schreibt er, dass das Hamas-Regime sich einen Vernichtungskrieg mit zahllosen zivilen Opfern auf die Fahnen geschrieben hat, denn solche habe es leider – vor allem im 20. Jahrhundert – überall und immer wieder gegeben. “Die einzige Sache, die mich wirklich ärgert”, führt Finley aus, “neben der Tatsache, dass Menschen versuchen meine Familie zu töten und mein Volk auslöschen wollen, ist: Sie nutzen die Presse als eine Kriegstaktik, und Menschen fallen darauf herein.”

Im Folgenden führt der Rabbi aus, wie die Hamas sich beispielsweise über Blockaden beschwert, dennoch aber tausende riesiger Raketen ins Land einführt, wie sie diese Raketen in öffentlichen Plätzen aufbewahrt und für ihre Bevölkerung keine Bunker zur Verfügung stellt – weil sie nämlich genau wisse, wie die Presse auf die zivilen Opfer, die das Ergebnis dieser Handlungen sind, reagieren wird: oberflächlich.

 “Nein, es sind nicht beide schuld” – Tim Huss (Linkster Blog, 22. Juli 2014)

Der Vorsitzende der Jusos Darmstadt liefert in diesem Blogeintrag wichtige, grundlegende Gedanken: Er unterscheidet zwischen Einzeltätern (wie zum Beispiel extremen Siedlern) und dem System, er grenzt “die Palästinenser” von dem terroristischen Hamas-Regime ab, und er liefert zuletzt in einigen prägnanten Sätzen eine Augen öffnende Gegenüberstellung zwischen letztgenanntem und Israel. Beispiel: “Israel schützt seine Bevölkerung durch Abwehrraketen. Die Hamas schützt ihre Raketen durch die Bevölkerung.”

Dieser Vergleich gipfelt bei Huss in der simplen Schlussfolgerung, dass eben nicht “beide schuld sind” und Israels aktuelle Abwehrreaktion – auch aufgrund mangelnder Alternativen – ohne Abstriche nachvollziehbar sei. Dass zudem unter dem Deckmantel einer sachlichen “Israel-Kritik” in den letzten Tagen hierzulande sogar das Existenzrecht Israels in Frage gestellt wurde (si in diesem taz-Kommentar), verurteilt Huss in aller Schärfe: “Wer einen palästinensischen Staat für eine palästinensische Nation fordert, einen jüdischen Staat für eine jüdische Nation ablehnt, ist lupenreiner Antisemit.”

“Es gibt ja genug Gründe, uns Juden nicht zu mögen” – Henryk M. Broder (Die Welt, 26. Juli 2014)

In diesem wie immer bissig-ironischen Kommentar Henryk M. Broders geht der jüdische Journalist der aufgrund der Vielzahl an anti-israelischen Protesten hochaktuellen Frage nach, wo denn Antisemitismus beginnt. Seine einfache Antwort: “Wer Juden etwas übel nimmt, das er Nichtjuden nicht übelnimmt, ist ein Antisemit.”

Ausgehend von dieser Definition deckt Broder den aus seiner Sicht überall versteckten Antisemitismus in unserer deutschen Gesellschaft auf und bedauert die Tatsache, dass nach dem Holocaust keine judenfeindliche Äußerung mehr als gefährlich eingestuft werde, solange sie nicht dem Massenmord der Shoa gleich komme. Broder schreibt in Bezug auf die Ermorderung von vier Juden im Jahr 2012 in Toulouse: “Die Messlatte liegt bei sechs Millionen. Nur vor diesem Hintergrund stellen vier tote Juden keine neue Dimension eines Antisemitismus in Europa dar.”

Daraus folge, dass heute Raketen aus Gaza als “Feuerwerkskörper” verharmlost und Hamas-Kämpfer als bemitleidenswerte Opfer beschrieben werden, die sich nur nach Frieden und Freiheit sehnten. Broder formuliert scharf: “Man wünscht sich fast, einer dieser Feuerwerkskörper möge dort landen, wo solche Sätze geschrieben werden, nur um zu sehen, wie gelassen die Fachleute für angewandte Pyrotechnik darauf reagieren. Oder was sie machen würden, wenn sich plötzlich im Vorgarten ein Loch im Boden auftäte, aus dem Hamas-Vertreter in voller Kampfmontur auftauchen. Würden sie schreiend davonlaufen oder den Gästen Kaffee und Kuchen anbieten, wissend, dass es Menschen sind, die ‘wie Maulwürfe Tunnel in Nachbarländer graben, um manchmal für ein paar Tage oder Stunden Freiheit zu schnuppern’, wie ein deutscher Politiker auf seiner Facebook-Seite bloggte, der ‘die Hölle auf Erden’ über einen der Tunnel betreten hatte.”

(jp)

Haben die deutschen Schlagzeilen über die jüngsten Ereignisse in Nahost eine Schlagseite zugunsten der Hamas und ihrer Angriffe oder ist dies nur ein subjektiver Eindruck, der auf der selektiven Wahrnehmung vieler aufmerksamer (und zum Teil pro-israelischer) Leser beruht? Dieser Frage geht der Sprachexperte Anatal Stefanowitsch, Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der FU Berlin und Mitbegründer von www.sprachlog.de, in seinem aktuellen Artikel in der Jüdischen Allgemeinen nach.

Ihm zufolge wurde vor allem in den sozialen Netzwerken in den letzten Wochen immer wieder auf die unausgewogene Berichterstattung in Deutschland hingewiesen, welche vor allem die Angriffe Israels auf den Gazastreifen erwähne und verurteile, und viel weniger die Angriffe der Hamas auf Israel.

Um diese Beobachtung einer Prüfung zu unterstellen, analysierte Stefanowitsch über Google News alle Schlagzeilen deutscher Zeitungen zum Stichwort “Nahost” zwischen dem 6. und 11. Juli – und zwar im Hinblick auf ihre Überschriften. Seinem Ergebnis stellt er eine sachgerechte Zusammenfassung der aktuellen Ereignisse in nur einem Satz voran: “Die Hamas hat Städte in Israel mit Raketen angegriffen (und tut das noch), die israelische Armee hat daraufhin Ziele im Gazastreifen bombardiert und bereitet den Einmarsch von Bodentruppen vor.” Diese recht simple Beschreibung ließe zu erwarten, dass die Hamas und Israel zu etwa gleichen Teilen als aktive Kräfte in diesem neu aufgebrochenen Konflikt benannt werden.

Dies war vom 6. bis 11. Juli jedoch nicht der Fall. Stefanowitschs Analyse dieser sechs Tage in der deutschen Medienlandschaft kommt zu den folgenden Schlussfolgerungen:

  1. In den Schlagzeilen wurden mehr als doppelt so viele israelische Aktionen, nämlich 92, dokumentiert, im Vergleich zu 40 Aktionen der Hamas.
  2. Israel wurde häufiger als expliziter Akteur benannt: Dies war in drei Viertel der Meldungen über israelische Aktionen der Fall, während nur die Hälfte der Schlagzeilen über Gaza überhaupt einen Akteur enthielt – oftmals wurde hier wie in “Raketenangriffe auf Tel Aviv” nur das Ereignis genannt.
  3. Die Meldungen, die Israel explizit als Akteur benannten, drückten dies in der Hälfte der Fälle durch die sehr eindeutige Subjektposition aus: “Israel bombadiert Gazastreifen”. Auf der anderen Seite war dies nur bei einem Drittel der Schlagzeilen so. Hier herrschte die Ortsangabe “Gaza” vor, zum Beispiel in “Raketen aus Gaza”, wobei der Akteur nur implizit erwähnt wird.
  4. Israel wurde öfter als Angreifer dargestellt: Nur zwei Mal ist von einer “Reaktion” die Rede, kein einziges Mal wurden israelische Aktionen als “Verteidigung” benannt. Wenn es um die Hamas ging, enthielten hingegen nur ein Fünftel der Meldungen Wörter wie “angreifen”, stattdessen überwogen Formulierungen wie “Raketen abfeuern”.
 

Stefanowitsch schreibt dazu: “Ein Zögern, die Hamas oder andere palästinensische Akteure als Angreifer darzustellen, zeigt sich also nicht nur darin, dass diese nur in der Hälfte der Fälle überhaupt benannt sind, sondern auch in der Wortwahl dort, wo sie explizit erwähnt werden.”

Nun könnte natürlich sein, dass ein Teil dieser Beobachtungen darauf zurückzuführen ist, dass die israelischen Verhältnisse einfacher und klarer zu durchdringen sind als die im Gazastreifen. So erwähnt der Autor später, dass es bezüglich Israel immer so scheine, als sei das ganze Land beteiligt, während auf der anderen Seite stets zwischen der Hamas-Regierung und der Zivilbevölkerung getrennt werde. Die Frage ist nun, ob es für recht kurze Schlagzeilen alternative Formulierungen gibt. “Die Palästinenser” als Subjekt wäre falsch, da dies die Bevölkerung des Westjordanlands einschließen würde. Und analog zu “Israel droht mit Militärschlag” etwa zu schreiben “Gazastreifen schießt Raketen ab” wäre sprachlich etwas holprig oder sogar inkorrekt, da es sich beim Gazstreifen um ein Küstengebiet handelt, das Teil der palästinensischen Autonomiebehörde ist und nicht wie bei Israel um einen politischen Staat.

Deshalb sind einige Beobachtungen unter Vorbehalt zu betrachten und darf die deutsche Presse nicht vorschnell als “israelfeindlich” tituliert werden. So weist Stefanowitsch darauf hin, dass im Anschluss an besagte Schlagzeilen oft eine detaillierte, sachgerechte und ausgewogene Berichterstattung folgt. Das ist schon mal nicht schlecht. Und auch dass “die aktuellen Ereignisse im Zusammenhang einer langen, sehr komplexen Geschichte stehen, ist keine Frage, und diese Geschichte lässt sich in Schlagzeilen natürlich schwer unterbringen.” Doch dies erkläre noch nicht, so der Autor weiter, “die systematische Asymmetrie in der Darstellung der Akteure.”

Den deutschen Medien scheint es schwer zu fallen, der Hamas die Verantwortung – oder zumindest eine Mitverantwortung – für die aktuelle Krise in Nahost zuzuschreiben. Darauf deuten nicht zuletzt allseits bekannte Formulierungen wie “Raketenhagel aus Gaza” hin, die den Eindruck erwecken, es handele sich dabei um ein Naturphänomen oder eine Wetterkatastrophe, an der niemand schuld ist und unter der alle leiden. Letzteres ist zumindest der Fall, und so bleibt zu hoffen, dass das von Stefanowitsch hervorgehobene Differenzierungsvermögen der deutschen Presse, das anscheinend noch vorhanden ist, auch auf die Schlagzeilen angewandt wird, prägen diese doch allzu häufig das Meinungsbild vieler Leser – auch und vor allem derer in den sozialen Netzwerken.

(jp)

 
Quellen:
http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/19700
 

Zehntausende Israels mussten gestern bei dem heftigsten Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen seit 2012 in Bunkern Schutz suchen. Innerhalb einiger Stunden landeten über 70 Raketen und Granaten in Südisrael – obwohl diese auch auf bewohnte Gebiete abgefeuert wurden, gab es nach offiziellen Angaben keine Verletzte. Die Verantwortung für die Angriffe übernahm die militante Palästinenserorganisation Islamischer Dschihad, wobei Beobachter vermuten, dass ein solcher Beschuss ohne die Billigung der regierenden Hamas nicht möglich gewesen wäre.

Während eines Besuchs vom britischen Premierminister David Cameron in Bethlehem verurteilte Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas die Angriffe. Ebenso missbilligte er die Tötung dreier Kämpfer des Islamischen Dschihad durch eine israelische Rakete am Vortag der Angriffe.

Gestern startete Israel Vergeltungsangriffe auf militärische Ziele in Gaza. Von Außenminister Avigor Liebermann wurden indes harte Drohungen laut: Es sei Zeit für eine erneute Besetzung des Gazastreifens. Kein Preis sei ihm für die Sicherheit der israelischen Bürger zu hoch.

Es bleibt zu hoffen, dass die ohnehin brüchige Waffenruhe nun nicht vollkommen auseinanderbricht, zumal sowohl Hamas als auch Islamischer Dschihad jede Art von Friedensverhandlungen ablehnen.

Lesen Sie hier mehr über die neue Gefahr durch den islamischen Dschihad: http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/naher-osten/gazastreifen-islamischer-dschihad-feuert-auf-israel-12844626.html

(jp)

 
Quellen:
http://www.jpost.com/Defense/Abbas-alongside-Cameron-condemns-rocket-attacks-345271
http://www.tagesschau.de/ausland/israel-gaza122.html
http://www.spiegel.de/politik/ausland/gaza-islamischer-dschihad-feuert-70-raketen-auf-israel-a-958337.html
 

Heute morgen ist in der Nähe von Beer Sheva eine Gradrakte eingeschlagen, zwei weitere im Disktrikt Eshkol. Ein Lagerhaus wurde von  einer Kassamrakete zerstört, dabei wurden ein Offizier und drei Wächter der Grenzpolizei verletzt. In der Nacht schlugen acht weitere Gradrakten in der Nähe des Gazastreifens ein. Insgesamt sind mehr als 40 Raketen in den letzten Tagen in der Gegend niedergegangen.

Die Anwohner wurden gebeten die Schutzräume aufzusuchen und die Schulkinder erhalten Unterricht in geschützten Klassenräumen. Zusätzlich hat die Israelische Armee (Zahal) sieben Raketenstellungen im Gazastreifen angegriffen.

Der Sicherheitsminister Isaak Aharonovitzsch und der Generalchef der Polizei Yohanan Danino äußerten sich zu den Vorfällen folgendermaßen: “Die große Zahl der heute niedergegangenen Raketen erinnern uns an die Zeiten wo hier viele Anschläge im Verlauf von wenigen Tagen niedergegangen sind.” Darauf antortete Danino “Als Ergebnis der Eskalation kamen wir zu einer militärischer Prävention und ich haben die Streitkräfte angewiesen die Bereitschaft für die nächsten Tage zu erhöhen.” Der Generalchef der Polizei gab der Bevölkerung Hoffnung, mit der Begründung, dass er die Anstrengungen erhören werde und mit der Anweisung an die Streitkräft zu helfen wo es nötig ist  damit bald wieder Ruhe und Frieden in die Gegend zurückkehren. Die Regierung der USA äußerten sich auf die neusten Anschläge, welche “sich in drastischer Weise erhöht haben”. “Wie wir schon mehrmals erwähnt haben, gibt es keine Entschuldigung absichtlich friedliche Bürger anzugreifen. Wir rufen alle Verantwortlichen dazu auf, die Handlungen sofort einzustellen, um diesen furchtbaren ein Ende zu bereiten. Wir beteiligen uns am Leid der Verletzten, die  das Ergebnis der heutigen Gewalt geworden sind. Um weitere Eskalationen zu verhindern, fordern wir  beide Seiten auf  sich zurückhaltend zu verhalten.”

Mehr erfahren: http://www.idfblog.com/2012/06/19/updates-rocket-fire-from-gaza-in-past-two-days/

Quelle: walla.co.il, http://news.walla.co.il/?w=/2689/2543099

(bs)

Richard Goldstone hat seinen eigenen Bericht zum Gaza-Krieg 2008 bis 2009 relativiert. Hätte er die Informationen gehabt, die er heute habe, “wäre der Goldstone Report ein anderes Dokument”. Goldstone betonte, Israel habe die zahlreichen Anschuldigungen wegen möglicher Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit ernst genommen und Untersuchungen eingeleitet. Im Gegensatz dazu habe die Hamas ihrerseits keine Bemühungen angestrebt, eigene Verbrechen zu untersuchen. Weiterhin kritisiert Goldstone den UN-Menschenrechts-Ausschuss scharf. Er wünsche sich von dem Ausschuss, dass er in Zukunft seine “Abneigung gegenüber Israel” ablegen würde.

Zur weiteren Lektüre: http://www.welt.de/die-welt/politik/article4892523/Goldstone-kritisiert-Resolution-zu-Goldstone-Bericht.html

(fw)