7 ½ Monate, 2 Menschen, 1 Land.  Work & Travel in Israel. (Teil 1)

Work and … what?

Nehmen wir mal an, ein junges Pärchen, Mitte Zwanzig, plant seine Hochzeit. Oktober 2016, eine besondere Zeit, denn nur kurz vorher sind beide mit Ausbildung und Studium fertig geworden – es folgt also für beide ein neuer Lebensabschnitt in allen Bereichen. Nun tun sich viele Möglichkeiten auf:  sesshaft werden, Wohnung suchen und einrichten – … oder etwa Koffer packen und ein Auslandsjahr dazwischenschieben? Aus den Flitterwochen sozusagen “Flittermonate” machen? Klingt Hammer! Das wäre immerhin eine Gelegenheit, die nicht so schnell wiederkommt. Aber wohin geht man dann, und was macht man dann da? Au-Pair in Kanada? Backpacking in Neuseeland? Farmarbeit in Australien? Roadtrip durch die USA? So oder ähnlich haben sich die beiden das vielleicht vorgestellt, wenn da nicht diese eine verrückte Idee dazwischengekommen wäre. Auf Google nebenbei entdeckt, hat es die beiden nicht mehr losgelassen:  Work and Travel in Israel.

Work and Travel in Israel. Im selben Jahr noch, Anfang 2016, hat Israel für “deutsche Staatsbürger zwischen 18 – 30 Jahren” ein spezielles neues Freundschaftsvisum ausgehandelt:  das Working-Holiday-Visum (siehe Seite der israelischen Botschaft). Ein klassisches B/1 Arbeitsvisum, dass auf Work&Travel ausgelegt ist – 6 Monate arbeiten (darunter max. 3 Monate pro Arbeitsstelle, um etwas rumzukommen), und 6 Monate das Land anschauen.

Wir heißen Daniel und Johanna – und dieses oben genannte Pärchen, das sind wir. Zwischen 2016 und 2017 waren wir mit dem Working-Holiday-Visum für 7 ½ Monate in Israel, und von den Abenteuern und Erfahrungen, die wir in unserer Zeit im Nahen Osten gemacht haben, möchten wir hier in einem zweiteiligen Artikel erzählen. Im ersten Artikel soll es um die Menschen gehen, die wir kennengelernt haben, und im zweiten um die Arbeit und das Land, welches uns beide seither nicht mehr losgelassen hat.

Land und Leute – Juden heute

Israel – so ein kleines Land. Bewohnt von knapp 9 Millionen Menschen, und jeder von ihnen einzigartig anders. Wie verschieden diese Menschen sind, die auf engstem Raum leben – gemäß ihren unterschiedlichen Kulturen und den Bräuchen in allen Farben und Formen – hat uns schwer beeindruckt. Wenn wir uns heute an unsere Flittermonate zurückerinnern, dann denken wir zuerst an die Menschen, und die vielen außergewöhnlichen Begegnungen. 

Ein paar Eindrücke zur jüdischen Bevölkerung:  ein großer Aha-Effekt für uns beide war die Tatsache, dass wir bis dahin in Deutschland eigentlich noch nie (bewusst) einem Juden begegnet sind, obwohl es in Europa durchaus größere jüdische Gemeinschaften gibt, in Frankreich oder in deutschen Städten, wie in Berlin. In  unserer Heimat in Südostbayern hatte bis dahin noch kein bayrisch-israelischer Kontakt stattgefunden. Umso faszinierter waren wir, dieses lebenslustige Volk dann in Israel genauer kennenlernen zu können. Ein erster Spaziergang dort zeigt aber schnell, dass man diese Menschen nicht leicht in eine Schublade stecken kann. In Tel Aviv sieht man beispielsweise im Stadtteil B’nei Brak einen ultraorthodoxen Mann, in langem schwarzen Gewand, mit Filzhut, Quasten und Kinderwagen – dagegen im Stadtteil Florentin einen jungen Hipster im Tanktop mit Vollbart und Sonnenbrille, der sich nach seinem Chai Latte lässig auf sein Surfbrett schwingt – und doch sind beide Juden.

So kunterbunt haben sich auch unsere weiteren Begegnungen angefühlt. Zum Beispiel gab es da in Tiberias unsere Nachbarn: die israelische Oma, ihre Schwester und ihr Radio, das auf Anschlag gedreht unser Treppenhaus mit hebräischen Hits beschallte (wobei sie uns aber auch täglich Einwegteller mit Eintopf in die Wohnung brachte, was die Sache wieder gut machte). Oder den 17-jährigen Jungen, der nach der Schule im Buchladen Steimatzky jobbte, und der uns nach einem kurzen Gespräch über ein Buch prompt zu sich nach Hause ins Nachbardorf Kfar Tavor eingeladen hat (… und er diese Einladung auch tatsächlich ernst gemeint hat, und wir tatsächlich hinkommen durften. Sein Vater ist Arzt, seine Mutter Hausfrau, und wir waren bei ihnen zum koscheren Mittagessen eingeladen – wo erlebt man sowas in Deutschland?). Oder den zwanzigjährigen Inhaber einer Pizzabude, der uns beim Namen kannte, und uns oft quer über die Straße gegrüßt hat, immer dann, wenn er uns sah. Oder der Friseur in Tiberias, der uns stolz ein Beweisfoto präsentierte, dass er schon dem französischen Präsidenten Sarkozy die Haare geschnitten hat (was auch immer man von dieser Story halten soll). Oder Menschen, die wir beim Trampen kennengelernt haben:  wie eine kunstinteressierte, jüdische Mutter – oder zwei Bauarbeiter die uns auf der Fahrt im heißen Juli eisgekühlte Getränke angeboten haben. Oder die Begegnung, bei der unser Chef zusammen mit einem befreundeten Bürgermeister einer israelischen Kleinstadt und mit uns nach  Cäsarea am Mittelmeer zum Essen gegangen ist. Oder das eine Mal, wo wir auf eigene Faust in Jerusalem in der Davidszitadelle bei einer Autorenlesung waren, und dem Journalisten Matti Friedman Fragen zum Aleppo Codex, der weltberühmten Bibelhandschrift, stellen konnten. Oder der arabische Busfahrer, der uns mit der Zeit gut kannte, und auch außerhalb der Haltestellen am Straßenrand seinen Linienbus anhielt, und uns fragte ob wir mitfahren wollen, wenn er uns gesehen hat. Jede einzelne dieser Begegnungen war so unterschiedlich, und doch so besonders, dass wir keine dieser Erinnerungen wieder hergeben wollen.

Die längste Zeit haben wir aber eine unserer Gastfamilien kennenlernen dürfen – eine neunköpfige Familie von amerikanischen, messianischen Juden, die vor vielleicht 15 Jahren einreisten, und die nun als Familie ein Gästehaus leiten. Eine außergewöhnliche Familie, bei der die Eltern teilweise noch mit dem Sprachelernen kämpfen, während die jüngsten Kinder schon als hebräische Muttersprachler aufwachsen und die ältesten Söhne bereits in der israelischen Armee sind und nur am Wochenende von ihrer Einheit nach Hause kommen. Die jüngste Tochter spielt täglich im Kindergarten, eine andere Tochter macht die Ausbildung zum Tourguide, eine andere fährt täglich nach Jerusalem in die Schule, und hilft danach im Gästehaus. Wo auch immer jeder unter der Woche ist, alle kommen am Freitagabend nach Hause. Dann werden auf der Terrasse in den lauen Sommerabenden zwei Kerzen angezündet, es wird das Brot gebrochen und Schabbat gefeiert. In dieser Zeit lernte man die Familie noch am Besten kennen:  einmal pro Woche steht der Familienvater am Tisch, lobt seine Frau für das, was sie tut, nennt jedes Kind beim vollen Namen und betet für sie. Es wird gut gegessen, Lieder werden gesungen und man tauscht sich über die Woche aus. In einem derart harmonischen Austausch miteinander genießt jeder der Neun einmal pro Woche, dass man sich gegenseitig als Familie hat, und wie wertvoll Familie ist, und dass man am Schabbat mal so richtig ausspannen kann. Wir dachten uns: jeden Freitag? Bei uns in Deutschland gibt es sowas höchstens an Weihnachten, wenn überhaupt.

Ein zusätzliches Highlight für uns waren die Momente, bei denen uns Leute zu besonderen Events mitgenommen haben: angefangen von ganz persönlichen Momenten, wie einem Schulkonzert der zweitältesten Tochter in Jerusalem, und später ihrer Schulabschlussfeier in Mode’in – bis zu den großen, jüdischen Festen, die wir mitfeiern durften: Krapfen an Hannukah, eine legendäre Passahfeier am 14. Nissan, gefolgt vom Fest der ungesäuerten Brote, wo es unser Job war, jegliche Art von gesäuertem Brot aus dem Haus zu kehren, und danach sieben Tage Knäckebrot zu kauen. Bald nachdem wir uns am Wochenfest Schavu’ot Blütenkränze ins Haar gesteckt hatten, mussten wir aber abreisen. Vielleicht kommen wir eines Tages ja mal für die Herbstfeste zurück.

50-Jahre-Jerusalem Feier (am Jaffa Tor)

Einen absoluten Höhepunkt unseres Israelaufenthaltes haben wir dann aber eher zufällig entdeckt: nach einem langen Arbeitstag wollten wir beide ursprünglich noch nach Jerusalem in ein Café in Mamilla gehen, und haben unverhofft festgestellt, dass dort am Jaffa Tor gerade die Feierlichkeiten zum 50-Jahre-Jerusalem-Jubiläum gestartet hatten. Und eher spontan fanden wir uns in einer Menge von Menschen wieder, hörten Livemusik, eine Ansprache von Netanjahu, und genossen das Feuerwerk und eine Light- und Drohnenshow. Genial!

In other words…

Mit anderen Worten: vorher weiß man nie, auf was man sich bei so einer Reise einlässt – schon gar nicht, wenn man 7 ½ Monate Work and Travel in Israel plant und sowas ähnliches noch nie vorher gemacht hat. Aber ganz ehrlich: es hat sich voll und ganz gelohnt! Dieses kleine Land steckt voller faszinierender Menschen und Momente, die nur darauf warten, entdeckt zu werden. Wir werden zwar nicht gesponsert, das zu sagen, aber das Working-Holiday-Visum können wir wärmstens empfehlen – vielleicht ist das auch was für dich?

 

DB

(Bilder privat)

Ein großer Traum ging für mich und meine Frau, Tirza, in Erfüllung als wir am 01. August 2016 auf dem Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv ausstiegen. Wir waren angekommen im Land der Bibel, dem Land dessen Geographie, Umwelt, Geschichte und Sprache ich die letzten fünf Jahre im Theologie Studium auf besondere Art und Weise kennengelernt hatte.

Bereits im Flugzeug lernten wir die ersten Israelis kennen und waren schnell in einer lebhaften Diskussion vertieft. Unser neuer Freund und seine Frau waren säkulare Juden aus Tel Aviv, die herzlich wenig mit den orthodox religiösen Juden anfangen konnten. Neben diesen spannungsvollem innerisraelischen Thema bekamen wir auch mitgeteilt, dass wir z.B. unbedingt den Erosionskrater Machtesch Ramon aufsuchen sollten, dessen Weite und verschiedenen Farben unglaublich schön sein sollten. Unsere 7 Wochen in Israel hatten sehr gut angefangen…

Der Traum zusammen nach Israel zu reisen war durch unser gemeinsames Interesse für das Land entstanden. Tirza hatte ihr Außlandsjahr in Israel verbracht und dadurch das Land kennen- und lieben gelernt. Ich kannte Israel in der Theorie durch das Studium der Theologie, aber wollte schon seit langem dieses Land auch selber einmal aufsuchen, um ein praktisches Gefühl und Verständnis für das Leben dort zu bekommen. Wir hatten von einem 2-wöchigen Urlaub in Israel geträumt, aber als ich tatsächlich das Stipendium gewann, wurden daraus dank des Israelinstitutes 7 Wochen inklusive Sprachstudiums.

Der erste bleibende Eindruck entstand als wir auf unseren Zug warteten mit dem wir nach Beer Sheva fahren wollten. Wohin man auch schaute, standen überall verteilt junge Soldaten und Soldatinnen, häufig ausgestattet mit schweren Sturmgewehren. Für niemanden außer uns schien dass etwas Besonderes zu sein und auch wir sollten uns sehr schnell an dieses Stadtbild gewöhnen.

In Beer Sheva lebten wir nicht als Touristen, sondern als Studenten und hatten dadurch viel stärker als sonst die Möglichkeit wirklich das Land und die Israelis kennenzulernen. Unterrichtet wurden wir von einer aus Jerusalem stammenden orthodoxen Lehrerin, die von Anfang an streng nach dem Motto „raq iwrit“ lehrte. Was so viel bedeutet wie „nur hebräisch“. Sie verwendete kein Englisch oder Deutsch was zunächst eine echte Herausforderung war, aber letztlich zu schnellen Lernfortschritten führte. Der Sprachkurs fand immer vormittags statt. Nachmittags gab es die Möglichkeit Vorträge zu besuchen, die  ein vielfältiges Programm über z.B. die deutsch-israelischen Beziehungen, den Palästina Konflikt, Archäologie u.a. Themen boten.  In der großen Bibliothek lernten wir zusammen mit den Studenten der Ben Gurion Universität und haben sehr viel Hilfsbereitschaft und Interesse seitens der israelischen Studierenden erfahren. Interessanterweise kamen viele Studenten aus Tel Aviv und Jerusalem nach Beer Sheva, weil die Universitätsgemeinschaft dort intensiver gelebt werde, andrerseits wollten die meisten jugendlichen aus Beer Sheva nach Tel Aviv, der kulturellen Hauptstadt des Landes.

Die Ben Gurion Universität verdankt ihren Namen dem ersten Ministerpräsidenten des Landes, dem Mann der 1948 die Unabhängigkeitserklärung Israels verkündigt hatte. Nicht umsonst ist er zu einer überaus wichtigen Identifikationsfigur für das ganze Land bis heute geworden. An einer Wand der Universität war folgendes Zitat von ihm abgedruckt:

„Die größte Herausforderung für Israel in unser Generation ist es, durch die Kraft der Wissenschaft und des Pioniergeistes, die großen Weiten des Südens und des Negevs bewohnbar zu machen.“

Der größte Teil der Landfläche Israel befindet sich im Süden. Dort wo bekanntlich die Negev Wüste ist. Das große Ziel die Wüste urbar zu machen, hat in Israel dazu geführt, dass ein enormes Know-How im Bereich der Wüstenlandwirtschaft entstanden ist. Weltweit kommen Studenten, vor allem aus anderen Wüstenländern, nach Israel, um dort zu lernen, wie die Wüste bewirtschaftet werden kann. Ben Gurion lebte nach seiner Pensionierung in dem Kibbuz Sede Boker in der Wüste und ließ sich ganz bewusst dort zusammen mit seiner Frau begraben, um Israelis zu motivieren weiter daran zu arbeiten die Wüste nutzbar zu machen.

Im Rahmen einer Exkursion besichtigten wir die Ruinen der alten Nabatäer Stadt Avdat mitten im Negev. In dieser Stadt lebten einmal bis zu ca. 10.000 Menschen, was für die damalige Zeit und Wüstenlage der Stadt eine enorme Anzahl darstellte. Verteilt in der Stadt gab es zahlreiche Zisternen in denen das Trinkwasser der Stadt gespeichert wurde. In der Wüste regnet es bekanntlich sehr selten. Wenn es aber regnet dann meistens sturzbachartig. Um das Wasser in den Zisternen zu speichern reinigten die Nabatäer, die Dächer, Straßen und Zuläufe zu den Zisternen zur Regenzeit, damit das Wasser möglichst unverschmutzt gespeichert werden konnte. Zur Verwunderung der Archäologen gab es in der Stadt auch eine große Kelterei. Wozu brauchte man aber eine Kelterei mitten in der Wüste? Woher hatten sie die Weintrauben? Einige Zeit später entdeckte man, dass es den Nabatäern möglich gewesen war außerhalb der Stadt durch ein ausgeklügeltes Damm und Zisternensystem Landwirtschaft zu betreiben. Mitten in der Wüste bauten sie Getreide, Wein u.a. Nahrungsmittel an, die ihnen das Leben dort ermöglichten. Inspiriert von den Nabatäern haben auch die Israelis wieder angefangen unweit der alten Nabatäer Stadt Wein anzubauen. Bevor die Stadt 636 n. Chr. durch die Muslime eingenommen worden war gab es dort auch schon eine lebendige christliche Gemeinschaft. Zwei große Kirchen wurden innerhalb der Stadt gebaut. Noch heute ist dort ein kreuzförmiges Taufbecken zu finden, nach der Art wie es z.B. auch in Ephesus besichtigt werden kann.

Es ist inspirierend und herausfordernd zugleich zu sehen, wie die Nabatäer damals und die Juden heute es schaffen unter den schwierigsten Bedingungen Leben möglich zu machen. Des Weiteren gewinnt das Element Wasser aus der Perspektive der Wüste einen ganz neuen Stellenwert. Es ist Leben, der Grund warum irgendetwas grün ist und lebt. Es ist alles andere als selbstverständlich und nicht unbegrenzt verfügbar, wie es in Deutschland wahrgenommen wird.

Zu sehen wie in der Wüste, stellenweise, Leben entsteht, vertrocknete staubige Erde wieder blüht, erinnert an die Verheißung Gottes, dass er bei seinem Kommen die Wüste vollkommen zu einem blühenden, wasserreichen Ort umwandeln wird (Jes 35,1ff.) und lässt auf eine große Zukunft hoffen.

Mein kurzer Reisbericht endet in Jerusalem, dieser religiös polarisierten Stadt. Sobald man die Stadt betritt, prägen orthodoxe Juden das öffentliche Geschehen. Es sind die schwarzen Anzüge, die verschiedenen Hütte, Bärte, Schläfenlocken und Kippas, die einem unweigerlich ins Auge stechen. Der Kleidungsstil entspringt der Mode Europas aus dem 18 Jh. und wurde von den orthodoxen Juden bis heute konserviert.  An der Klagemauer stehen sie zu hunderten und beten leidenschaftlich zu Gott. Nur einige Meter entfernt von der Al-Aksa-Moschee. Leider gelingt das oft nicht friedlich. Auf dem Tempelberg erlebten wir eine heftige, teils kämpferische Auseinandersetzung zwischen einer größeren, äußerst aufgebrachten Gruppe von Muslimen mit orthodoxen Juden, die die Moslems dadurch provozierten, dass sie auf dem Tempelberg für die Errichtung des jüdischen Tempels beteten.

Es ist traurig zu sehen, wie die Menschen im Namen der Religion aufeinander losgehen ohne dazu in der Lage zu sein in einen friedlichen Dialog miteinander zu treten, der zu einem für alle gewinnbringenden Kompromiss führen könnte. Die radikalen Positionen auf beiden Seiten verhindern jeglichen Fortschritt und führen dazu, dass viele junge Juden mit Religion und Glaube nichts mehr zu tun haben wollen. Es bleibt zu hoffen und zu beten, dass dieser überaus tiefe und zerstörerische Konflikt zwischen den Arabern und Juden einmal wirklich beigelegt werden kann.

Angesichts dieser tiefen Konflikte wird umso deutlicher, wie wichtig es ist die eigene Weltanschauung und Glaubensüberzeugungen kritisch zu reflektieren. Zu welcher Handlungsweise führt mich meine Weltanschauung? Ist es auf der Basis meiner Weltanschauung möglich Frieden zu schaffen oder führt es mich immer wieder in Hass und Konflikte?

Die 7 Wochen in Israel waren für uns eine unglaublich schöne Zeit mit vielen neuen Erkenntnissen, tollen Erlebnissen und bleibenden Erfahrungen, aber auch neuen Fragen. Die Chance Israel im Rahmen des Sommer Programms kennenzulernen sollte niemand links liegen lassen.

(rf)

Johannes Appelt in Jerusalem

Wir schreiben den 10. September 2016, Samstag, Shabbat. Ich warte auf meinen Rückflug nach Deutschland, nachdem ich den Großteil des Sommers in Israel gewesen war. Gerade hatte ich alle Security Checks hinter mich gebracht, mein ganzes Handgepäck durchsuchen lassen und Fragen zu allen möglichen Dingen beantwortet. Als ich noch einmal vor die Tür ging um ein letztes Mal die warme Spätsommerluft zu genießen, fiel mir auf, dass ich mich schon an die Klimaanlage im Flughafengebäude gewöhnt hatte. Eines von vielen Dingen, die für mich in den letzten Wochen normal geworden waren.

Doch fangen wir vorne an. Begonnen hatte mein Abenteuer schon im April als das Israel Institut bekannt gab, wer ein Stipendium für die Sommeruniversität in Beer Sheva, im Süden Israels am Rand der Negev Wüste gelegen, gewonnen hatte. Mit Spannung wartete ich die Bekanntgabe ab. Genannt wurde nicht mein Name. Enttäuschung. Doch dann der Hoffnung schaffende Satz: “Da wir noch etwas Geld übrig haben, können wir noch einen Studenten nach Israel schicken: Johannes Appelt.” Begeisterung und Erleichterung. Einige Wochen später, Ende Juli, war es dann soweit: Ich flog nach Tel Aviv, Israel, und war gespannt was vor mir lag. Der Flyer und die Homepage hatten mir schon einen Überblick gegeben, doch es ist dann doch etwas anderes, wenn man es vor sich hat. Am 30. Juli, auch ein Samstag, morgens um 3:30 Uhr landete mein Flug. Das kann man besser planen. Die Uhrzeit ist zum einen natürlich nicht so angenehm (doch mit dem Vorteil von zügigen Security Checks), außerdem hatte ich die Bedeutung des Shabbat in Israel sehr unterschätzt. Kein Bus und keine Bahn fährt den Flughafen an, nur sehr teure Taxis. Erwartet hatte ich einen eingeschränkten Fahrplan wie es sonntags in Deutschland üblich ist. Die beste Lösung war ein sogenanntes Sheruth, ein Sammeltaxi, die für umgerechnet 15 Euro nach Jerusalem fahren. Abends, als die günstigen Linienbusse wieder fuhren, ging es dann weiter in den Süden nach Beer Sheva. Dort erwartete mich die nächste Überraschung. In Deutschland hatte ich oft gehört, dass es zwar sehr warm sei – tatsächlich hatten wir die nächsten Wochen jeden Tag um die 34 Grad – allerdings eine “trockene Hitze” und daher angenehm. Doch als ich an diesem Samstagabend um 23 Uhr aus dem Bus stieg, schlug mir eine schwül-warme Hitzewelle entgegen. Wie mir später von Israelis berichtet wurde, wird diese Schwüle auch durch die in der Vergangenheit errichteten Wasseranlagen in Tel Aviv begünstigt.

Die Ulpanklasse auf dem Universitätsgelände

Am nächsten Tag, Sonntag, bezog ich mein Zimmer für die nächsten Wochen in einem Studentenheim der Ben Gurion University of the Negev. Wie in den nächsten Wochen, merkte man die sehr gute Organisation und Begleitung durch die Mitarbeiter der Sommeruniversität. Die meisten sprachen deutsch, alle aber englisch. Im Allgemeinen sprechen die meisten Israelis gut englisch, was die Kommunikation auch ohne Ivrit Kenntnisse erleichtert. Die Zimmer sind in meist 4-Zimmer Wohnungen zusammengeschlossen. Dusche, Toilette, eine kleine Küche. Mein Zimmer, spärlich eingerichtet, nicht so sehr sauber, mit einem Bett, Schrank, Schreibtisch und Stuhl ausgestattet. Wie in jedem Zimmer gab es eine Klimaanlage. Ich war kein Fan von Klimaanlagen, weil ich mich schnell erkältete. Das Problem war, dass in Israel sehr viele Räume, ähnlich wie in den USA, klimatisiert sind.

Meine Mitbewohner waren zwei Amerikaner in den 40ern, die über ein Internationales Programm der Universität den Sommer in Beer Sheva verbrachten. Michael aus New York City und Joel aus Texas. In anderen Wohnungen teilten sich allerdings die Teilnehmer die Wohnungen auch mit israelischen Studenten. Diese schliefen allerdings meist tagsüber, weil sie nachts besser lernen konnten als tagsüber in der Hitze.

An diesem ersten Abend gab es eine kleine Willkommensparty für die Teilnehmer der Sommeruniversität. Dieses Programm war speziell für deutschsprachige Teilnehmer, weswegen es nur kleinere, durch die verschiedenen Dialekte verursachte, sprachliche Barrieren gab. In den folgenden Wochen begannen einige Freundschaften, was man sich am ersten Abend noch gar nicht vorstellen konnte. Allerdings blieb man, vereint durch die neue Sprache, meist unter sich und der Kontakt zu Israelis, obwohl jene sehr kontaktfreudig sind, eingeschränkt.

Vor dem Wohnheim in Beer Sheva

Am Montag, den 1. August, begann dann das Programm: von 9-12:30 gab es Ivritunterricht in verschiedenen, dem Sprachniveau gemäßen, Klassen. Die Lehrer/innen prägten durch ihre freundliche und kompetente Art eine gute Lernatmosphäre, auf den Einzelnen eingehend. Die Klassen waren gemischt von Deutschsprachigen (Teilnehmern der Sommeruniversität) und meist Englischsprachigen (meist Amerikanern, aber auch Franzosen, die an einem vergleichbaren internationalen Programm teilnahmen). Da die Klassen meist nicht größer als 17 Leuten waren, entwickelten sich auch in den Klassen in den folgenden 5 Wochen gute Freundschaften. Den Ivritunterricht habe ich sehr genossen. Ich hatte schon vorher einige Kurse besucht und angefangen Ivirt (das heute gesprochene Hebräisch) zu lernen, aber in diesem 6 wöchigen Intensivkurs habe ich sehr viel dazugelernt. Auch die Vorträge (von 13 Uhr – 16/17 Uhr) haben meinen Horizont sehr erweitert. In den nächsten Wochen hörten wir viel vor allem über die Geschichte und Gesellschaft Israels. Am meisten beeindruckt und interessiert haben mich ein Psycholge, der über die psychischen Folgen der Kriege bei Israelis und Palestinänsern redete. Diese Dimension des Nahostkonflikts war neu für mich. Die Zerrissenheit der jüdischen Gesellschaft wurde besonders von einer Schauspielerin verdeutlicht, die erst in der Rolle einer orthodoxen Jüdin auftrat und dann mit wechselndem Outfit das breite Spektrum der Gesellschaft mit den jeweiligen Ansichten über den Staat, Armeedienst, Kibuzzim und allen möglichen Bereichen aufzeigte. Eine wirkliche Horizonterweiterung für mich.

Praktisch anschaulich wurde das Gesagte aus den Vorträgen dann bei den Ausflügen, die fast jeden Freitag angeboten wurden. Morgens um sieben starteten wir dann und fuhren mit einem Bus in die Regionen rund um Beer Sheva zu archäologischen Grabungen oder in die Wüste, was jeweils sehr beeindruckend war. Die frühe Abfahrtszeit wurde angesetzt, da um 15 Uhr das Land langsam ruhiger wurde und sich auf den Shabbat vorbereitete. Diesen (fast) totalen Stillstand zu erleben war mit das Schönste für mich in dieser gesamten Zeit. Ganz anders als unser Sonntag, wo Busse und Bahnen noch vereinzelt fahren, Geschäfte teilweise offen haben und die Straßen fast normal voll sind, kommt man in Israel von Freitagabend bis Samstagabend nur zu Fuß oder im eigenem Auto vorwärts. Die Straßen sind innerhalb von Stunden wie leergefegt. Wo vorher noch reges Treiben auf den Straßen und Märkten herrschte, sind jetzt nur noch vereinzelt Menschen anzutreffen. Vom Programm wurde außerdem angeboten mit Israelis den Shabbat zu feiern. Wer das noch nicht erlebt hat, sollte sich dieses Erlebnis nicht entgehen lassen.

Zwischendurch hatten wir, bedingt durch andere jüdische Feiertage, auch ein paar Tage frei, sodass privat organisierte längere Ausflüge möglich waren. Während einige nach Jerusalem fuhren, fuhr ich mit einigen anderen nach Ein Gedi ans Tote Meer und Massada, die bekannte Festung aus dem jüdischen Freiheitskampf, die 70 n. Chr. im Kampf gegen die Römer fiel und heute ein sehr beliebter und identifikationsstiftender Ort für Israelis ist.

Vieles mehr ließe sich berichten über sechs besondere Wochen in dieser interessanten Region der Welt. Einige Abenteuer wurden bestanden und neue Freunde gefunden. Was ich neben mehr Ivirtkentnissen und Informationen aus den Vorträgen mitnehme aus dieser Zeit, ist, dass eine Lösung des Nahostkonflikts keine einfache sein wird. Dass dieses verhältnismäßig kleine Land reich an unterschiedlichen Kulturen durch massive Einwanderung ist und an Vielfalt einige andere größere Länder übertrifft. Beeindruckt haben mich arabische und jüdische Israelis, die wirklich offen für Neues sind, sodass wir z.B. oft von verschiedenen auf dem großen Uni Campus angesprochen wurden. Gewöhnt habe ich mich an die vielen wilden Katzen, die in jeder Stadt das Bild prägen. An das viele Wasser trinken – 3 Liter pro Tag waren Pflicht – und die starke Abkühlungen durch Klimaanlagen. Die herzliche und persönliche Fürsorge durch die Mitarbeiter der Sommeruniversität bleiben mir in schöner Erinnerung sowie deren gute Organisation. Zu empfehlen ist ein Aufenthalt in Beer Sheva für alle, die in der Kürze der Zeit ihren Horizont erweitern und ihr Interesse für Israel und seine Bewohner und deren Sprache vertiefen wollen. Meine Zeit in Beer Sheva wird sicherlich nicht mein letztes Mal im Heiligen Land gewesen sein.

(Johannes Appelt)

Vergangene Erfahrungsberichte: Bert Görzen, Colin Bergen, Philipp Wiens, Markus Rehberg

Wir als Israelinstitut wünschen ihnen frohe Weihnachten und ein gesegnetes neues Jahr!

Joh. 3,16: Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, damit die, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben.

Während das Schenken von vielseitigen und möglichst kreativen Geschenken in unseren heutigen Weihnachtsfeiern großen Raum einnimmt, erinnern wir uns an Weihnachten an die Inkarnation Gottes, der nach einer langen Geschichte mit dem Volk Israel und vielen Gnadentaten am Volk der Juden nun sein größtes Geschenk an die gesamte Menschheit gibt: Seinen eigenen Sohn.

Und auch das neue Jahr wollen wir im Vertrauen auf den Gott Israels begehen und damit unser Vertrauen auf den setzen, der sich in der Geschichte als vertrauenswürdig erwiesen hat. In diesem Sinne wünschen wir ihnen mit Psalm 31,3 ein gesegnetes neues Jahr: „Denn du bist mein Fels und meine Burg und um deines Namens willen wirst du mich führen und leiten“

Heutzutage ist Chanukka ein häusliches Fest bei dem das Anzünden der Kerzen eine große Bedeutung gewinnt, da es an das wundersame Weiterleuchten der Lichter der Menora erinnert.

Hinzuweisen sei an dieser Stelle auch auf das Chanukka-Fest der Juden. Dieses wird dieses Jahr vom 25. Dezember 2016 bis zum 1. Januar 2017 gefeiert. Es ist ein Fest welches an die Wiedereinweihung des Tempels im Jahre 164 v. Chr. gedenkt. Gefeiert wird vor allem das Einreißen des Zeus Altars im Tempel und das wundersame Weiterleuchten der Lichter der Menora bis genügend geweihtes Öl hergestellt war, um die Kerzen eigenständig am Leuchten zu erhalten. Die Wiedereinweihung ist unter anderem im Ersten Makkabäerbuch überliefert und wird hier als Befreiungsgeschichte der JHWH-treuen Juden von hellenisierenden Juden und fremden Mächten und als Rückkehr Gottes zum Volk Israel inszeniert.

 (tf)

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu veröffentlichte am 15. Juli 2016 über die Videoplattform youtube.com eine zweiminütige englischsprachige Botschaft an den palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas. Darin spricht er sich für eine friedliche Koexistenz von Israelis und Palästinensern aus und fordert fünf Friedensmaßnahmen von Abbas.

Der erste Satz im Video formuliert sogleich die erste, wenn auch höfliche, Schuldzuweisung an den palästinensischen Politiker. Abbas habe sich in den letzten Jahren immer geweigert, sich mit Netanjahu zu treffen und über den Frieden zu reden – deshalb sei nun diese Videobotschaft nötig.

Dann fährt Netanjahu ohne Umschweife mit seinen fünf Forderungen fort. Sein erster Aufruf gilt der Entlassung von Abbas’ Berater Sultan Abu Al-Einein. Dieser hatte kürzlich in einer öffentlichen Stellungnahme dazu aufgerufen, alle Israelis zu töten – Netanjahu stellt eine direkte Verbindung zu der drei Tage später begangenen Mordtat eines palästinensischen Terroristen an dem israelischen Mädchen Hallel Yaffa Ariel her. „Sie war ein kleines unschuldiges Mädchen. Sie hat das nicht verdient“, sagt Netanjahu mit ernster, ruhiger Stimme. Er fordert Abbas unmissverständlich auf, seinen Berater zu entlassen, denn „zum Genozid zu raten, verträgt sich nicht mit Frieden.“

Mahmud Abbas, Empfänger der Videobotschaft

Mahmud Abbas, Empfänger der Videobotschaft

Die zweite Forderung betrifft die Verehrung von Terroristen durch offizielle Parteimedien der PLO. Netanjahu bittet Abbas, dies zu unterbinden: „Leicht beeinflussbare Kinder lesen diese Beiträge. Statt Hass sollte ihnen Harmonie beigebracht werden. Solche Worte verletzen ernsthaft die Chancen auf Frieden.“

Netanjahus dritter Aufruf an Abbas richtet sich gegen die geplante Errichtung einer Ehrenstatue für den Terroristen Abu Sukar, den die Palästinensische Autonomiebehörde als Nationalhelden verehrt. Netanjahu rät Abbas, lieber eine Statue für einen Verfechter der Koexistenz von Israelis und Palästinensern aufzustellen: „Das wird künftigen Generationen helfen, Frieden mehr als Krieg zu lieben, Mitgefühl mehr als Hass.“ Dabei argumentiert Netanjahu durchaus auch auf realpolitischer Ebene: „Es wird außerdem dabei helfen, Israelis zu überzeugen, dass sie einen wirklichen Partner für den Frieden haben.“ Nur indirekt, aber dennoch deutlich genug, wird damit hervorgehoben: Im Moment kann Israel diese Gewissheit nicht haben.

Die vierte Forderung betrifft die Geldzahlungen der PLO an Terroristen. Momentan zahlt Abbas’ Partei monatlich eine Art „Gehalt“ an jeden Palästinenser, der Juden getötet hat. Netanjahu ruft dazu auf, das zu unterlassen: „Benutzen Sie das Geld stattdessen dazu, Koexistenz-Erziehung zu finanzieren! Lehren Sie Toleranz, nicht Terror!“

Netanjahus fünfter und letzter Punkt ist kurz und bündig: „Fünftens: Jedes israelische und palästinensische Kind verdient ein Leben voll Hoffnung, Ruhe und Chancen. Ich werde damit fortfahren, unermüdlich für Frieden zu arbeiten. Es ist Zeit, dass Sie dieser Bestrebung beitreten.“ Damit endet die Videobotschaft unvermittelt. Kein Grußwort, kein Lächeln: Netanjahu ist es ernst.

Die Chancen, dass Abbas den Forderungen des israelischen Ministerpräsidenten nachkommen könnte, sind sicherlich gering. Weit wahrscheinlicher ist, dass Netanjahus Videobotschaft einen anderen Effekt erzielt: die Welt auf die palästinensische Terrorfinanzierung und den unerbittlichen Judenhass selbst offizieller PA-Organe aufmerksam zu machen.

Wird es jemals Frieden in Jerusalem geben?

Wird es jemals Frieden in Jerusalem geben?

Die Videobotschaft „Fünf Schritte zum Frieden“ ist ein klares Statement Netanjahus, der sich selbst als Verfechter des Friedens ansieht, Abbas dagegen als bisher zu echtem Frieden nicht bereit betrachtet. Er fordert auf, Toleranz und Koexistenz zu verwirklichen, Harmonie statt Hass zu fördern und die Beseitigung von Elementen, die dem Frieden zwischen Israel und den Palästinensern im Wege stehen, anzustreben. Zugleich macht er deutlich, dass er die Schuld für den andauernden Hass primär auf Seiten der Palästinenser sieht. Seiner Ansicht nach wäre Israel für den sofortigen Frieden bereit.

Die Videobotschaft kann unter https://www.youtube.com/watch?v=7MtEsV9LCFo (englischsprachig) eingesehen werden. Die obigen deutschen Übersetzungen stammen vom Autor.

sg

Bilder

Titelbild: Benjamin Netanjahu – public domain. Link zur Quelle mit weiteren Copyright-Angaben: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Benjamin_Netanyahu_portrait.jpg

Mahmud Abbas – public domain. Link zur Quelle mit weiteren Copyright-Angaben: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mahmoud_Abbas.jpg

Pray for Peace – public domain.

 

Marburg 2016  (11)Im Laufe einer Stadtführung durch Marburg wurde den Studierenden des zweiten Jahrgangs der Freien Theologischen Hochschule (FTH) eine erst in den 1990er Jahren bei Grabungen wiederentdeckte und freigelegte Synagoge gezeigt. Ein Glasbau weist auf die früheren Ausmaße dieses für moderne Verhältnisse nicht gerade besonders großen Gebäudes hin, man bekommt durch ihn aber einen Einblick in die Architektur jüdischer Vergangenheit.

Diese Synagoge wurde 1317 erstmals erwähnt und schon bald danach bei einem Stadtbrand 1319 zerstört. Nach 1320 entstand ein Neubau an derselben Stelle, deren Reste 1993 bei Ausgrabungen wiederentdeckt wurden. Die Pestzeit 1348/49 brachte in Marburg wie auch in anderen Teilen Deutschlands eine Verfolgung der Juden mit sich, durch welche die jüdische Gemeinde ausgelöscht wurde. Nach 1364 konnten wieder einige Juden zuziehen, die aufgrund ihrer beruflichen Einschränkungen vor allem vom Geldverleih lebten. 1524 wurden sie aber wegen einer landgräflichen Austreibungsverordnung aus Marburg vertrieben.

Marburg 2016 (5)Bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts gab es keine jüdische Gemeinde mehr in der Stadt, danach durften langsam wieder einige Juden nach Marburg ziehen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts zählte die jüdische Gemeinde ca. 500 Mitglieder. 1818 wurde wieder die erste größere Synagoge erbaut, deren Ende dann in der NS-Zeit vollzogen wurde, als sie der Schändung und dem Brand in der sog. „Reichskristallnacht“ 1938 zum Opfer fiel.

Bis 1957 war die Ostseite des Obermarktes noch durch spätere Gebäude zugebaut. Als aber ein Wohnhaus am Markt ersatzlos abgerissen wurde, ergab sich die Möglichkeit, an dieser Stelle Grabungen durchzuführen. Durch stadthistorische Forschungen wusste man bereits, dass der sogenannte Schlosssteig einmal Judengasse geheißen hatte, weil eine größere Anzahl jüdischer Familien dort in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts lebte, und dass sich dort auch die Reste einer alten Synagoge befinden mussten.

An der Mauer lag ein großer, architektonisch bemerkenswert ausgestatteter Raum. Seine baulichen Merkmale und die Auswertung der Schriftquellen wie auch archäologische Befunde ließen keinen anderen Schluss zu, als dass es sich hier um die alte Synagoge handelte, die nach den Schriftquellen 1452 teilweise abgebrochen worden war.

Marburg 2016 (12)Das Gebäude war bemerkenswert gut erhalten, denn außer dem Gewölbe und den überirdischen Bauteilen war nichts zerstört worden, und die Baukörper an Boden und Fundament waren verschont geblieben, und lediglich zugeschüttet worden. Der Boden wurde als Gartenland oder Baugrund genutzt; die Mauerreste der Synagoge wurden für Gründungen neuer Gebäude mitbenutzt, wodurch die sonstigen Überreste der Synagoge unangetastet blieben.

Die mittelalterlichen Fundamente der Synagoge in Marburg sind einen Besuch wert, weil sie den Betrachter unmittelbar in die Zeit des jüdischen Mittelalters versetzen und ihren Glanz und ihre Tragik in Erinnerung rufen. Die Studierenden des zweiten Jahrgangs der FTH hatten dort die Möglichkeit, das Schicksal der Juden im Mittelalter näher zu betrachten, und es hat einen Eindruck und Impulse zum Nachdenken hinterlassen, besonders, weil die protestantische Kirche in Sichtweite der Synagoge lag. Es war daher sinnvoll, diesen wichtigen Punkt der deutschen Geschichte mitberücksichtigt zu haben.

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Nach einer feierlichen Einleitung des Erev-Schabbat von Johannes Gerloff am Freitagabend wurde der Samstag von ihm mit einer Bibelauslegung über Psalm 2, dem Motto der Israelkonferenz „Warum toben die Heiden“ begonnen. Gerloff betonte dabei, dass Bibelarbeit harte Arbeit sei, dass man nie genug studieren kann, um herauszustellen, was man generell und für jeden Tag damit betonen will. In der Bibellektüre befinden wir uns im Gespräch mit Gott.

Zunächst fragte er, ob man bei dem Wort „Heide“ nur an Menschen aus polytheistischen Religionen denkt oder ob der deutsche Christ zum Beispiel nicht auch gemeint sein könnte. Jedenfalls meint es aus biblischer Sicht zunächst einmal jeden Nichtjuden. Psalm 2 könne in mehreren Ebenen angewendet werden, wobei nach rabbinischer Auslegung die 1. Ebene die Handlung auf die Geschichte von David in den Philisterkriegen beziehe. Die 2. Ebene liege in Apostelgeschichte 4, in der der Aufruhr der Heiden auf die Verschwörung zwischen Pilatus und Herodes deute, während die Gemeinde Jesus, dem Messias, in heiliger Ergriffenheit und Ehrfurcht zujubeln solle. Die 3. Ebene umschreibe das Tobens der Völker gegen Israel, das Volk Gottes, und die 4. Ebene reflektiere die persönliche Ebene des Gläubigen, des Christen, auch hinsichtlich dessen, was „Gesalbter“ bedeute, der von Feinden bedrängt wird und der einmal nach Offenbarung 2,26ff., wie auch nach Psalm 2, wie Tongefäße behandelt werde. Diese verschiedenen Auslegungen in demselben Heiligen Geist seien wie die verschiedenen Seiten einer Münze. (Eine Anfrage wäre hier ob es sich um eine Wiedergeburt des vierfachen Schriftsinns handelt)

OlivenbaumAls Journalist möchte Johannes Gerloff nun einen besonderen Bezug von Psalm 2 zur heutigen globalen Unruhe hervorheben. In Syrien seien in den letzten Jahren mehr Menschen getötet worden als in allen Konflikten des Staates Israel seit 1948 zusammen, und Brasilien habe in den letzten Jahren unbeachtet mehr als eine halbe Million Ureinwohner ermordet. Die durch Islamisten verursachte Unruhe komme nun auch zu uns nach Mitteleuropa, und die UNO, wie auch die meisten Nationen der Welt hätten ungeachtet dessen dennoch nicht Besseres im Sinn, als gegen Gott und seinen Gesalbten Israel zu toben.

In der Bibel gebe es viele Gesalbte, Könige und Priester Israels, und der Gesalbte oder Messias wäre der „besonders Gesalbte“ für die Gläubigen, eben der Christus Jesus. Zugleich trage das Volk Israel ebenfalls diese Funktion eines von Gott Gesalbten. Der Aufruhr gegen den Herrn und seinen Gesalbten richte sich – so Gerloff – gegen die Tora, gegen die Bibel, besonders aber gegen diejenigen, die sie umsetzen, wie der Aufruf im Psalm 2 es anzudeuten vermag: Lasst uns ihre Stricke und Fesseln von uns reißen! Gottes Ordnungen für die Menschen- und Tierwelt, bei Geschlechterrollen, der praktizierten Sexualität und im Umgang mit Alten – das alles werde rebellierend, respektlos und unverschämt angegriffen. Gott, der Vater im Himmel, lache jedoch über dieses Ansinnen, weil er alles fest in der Hand behält, und ein Gläubiger dürfe wie ein Kind sein, das beim Autofahren seines Vaters nur darauf achtet, ob er alles im Griff habe. Deshalb hätten Christen keinen Grund angesichts der Flüchtlingsströme Angst zu haben, Gott selbst habe beim Turmbau zu Babel absichtlich das „Multikulti“ initiiert – als Reaktion Gottes, um den Hochmut der Menschen zu demütigen. Bundeskanzlerin Merkel habe daher im Grunde recht mit ihrem Handeln angesichts der hierher kommenden Flüchtlinge, weil Gott wolle, dass alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit finden, wo es doch statistisch in der arabischen Welt weniger Missionare als in Alaska gebe.

Wenn Gott auf die Rebellion der Völker mit Zorn antworten werde, dann werde er in Zion, das heißt im genannten politischen Kontext Jerusalems, Israels Parlament, sich zu seinem ‚ersten Sohn‘, hier Israel, bekennen. Die Herrschaft Israels gehe aber in Psalm 2 in erster Linie bis zu den Enden des Landes und nicht der Welt, denn Israel wolle gar keine Weltherrschaft, habe aber den Auftrag zu einer politischen Leitungsaufgabe in der Welt zu der man es ermutigen sollte, wie man Eltern ermutige, die Familie zu führen.

sunset-953203_1280Gott selbst komme aber als Weltenrichter wieder, und sein Wiederkommen werde bewirken, dass alle Knie sich vor ihm beugen. Israel ist wie im Buch Josua Werkzeug des Weltgerichts, müsse aber dafür auch selbst eine Läuterung durchmachen. Korruption und Übergriffe an Palästinensern dürften nicht in falscher Parteilichkeit für Israel gutgeheißen werden, denn das Gericht müsse im Haus Gottes anfangen. Deshalb kämen diese Dinge an die Öffentlichkeit und würden abgestraft; Psalm 2 gebiete trotzdem eine Liebe zu dem Sohn Israel, egal, ob er diese Liebe verdiene oder nicht.

Gerloff fragte zum Schluss, wie man diese Zeit einigermaßen zufrieden und glücklich überstehen könne. Das Ende des 2. Psalms hat dieselbe Formulierung wie in Psalm 1, die in rabbinischer Auslegung als ein Psalm angesehen werden. Das bedeutet: Psalm 1 und 2 preisen im Grunde denjenigen glücklich, der in dieser Welt auf Gott ausgerichtet bleibe, eine Ausrichtung, die Eltern ihren Kindern mitgeben sollten. Um nicht als Spötter oder Sünder, der sein Ziel verfehlt, zu enden, sei der erste Schritt zum Gelingen eines solchen Lebens, dass man lerne, „Nein!“ zu sagen, „Nein!“ zu allem, was nicht auf das biblische Ziel ausgerichtet sei, und stattdessen eine Liebe zum Wort, zur Unterweisung der Tora erstrebe, die helfe, das Leben präziser auf das Ziel auszurichten. Luthers negatives Gesetzesverständnis sei falsch, denn die Tora gebe wie bei Pfeil und Bogen eine Ausrichtung auf das Ziel hin, zum Maschiach (Gesalbten, Messias) Jesus, und deshalb sei auch das Judentum als Gnadenreligion zu identifizieren.

Es gäbe heute aber viele andere Toras, andere Zielsetzungen und Unterweisungen, wie die des Zeitgeistes oder der „political correctness“, oder das Denken: „Die Bibel sei nicht das Wort Gottes, sie enthalte es nur!“ – ein Denken, das Ursprung des Chaos sei, weil es Gott selbst einem Prinzip unterordne.

Gläubige aber stünden gemeinsam unter Gottes Wort, hätten Gefallen an der Tora, und träfen eine Entscheidung zu einem erarbeitenden Lebensstil. Sie sollten mit ihren Kindern das Wort Gottes lernen und eine Kultur des Wortes Gottes als Alternative zur heutigen medialen Kultur schaffen, so dass Menschen als wandelnde Tora, durchtränkt mit dem Wort, auf das richtige Ziel ausrichtet leben. Auf diese Weise erfülle man das, was wertvoll sei, und habe Erfolg in Ehe und Arbeit – sofern man das Geforderte praktisch umsetze!

wheat-field-640960_1280Gottlose demgegenüber würden hin und hergetrieben wie Spreu im Wind. Der Gläubige aber solle fest bleiben, korrigierbar, nicht labil, und wo nötig müsse er auch anderen das Gericht Gottes predigen. Der Herr kenne den Weg der Gerechten, derjenigen also, die mit der Tora als Lebensstil gezielt auf den Himmel zugingen. Man könne währenddessen die Bibelinhalte auf kreative Weise weitergeben, mit Mitteln wie dem Internet oder durch WhatsApp-Messages, egal wie, aber man solle sich Zeit für Gott nehmen. Denn selbst im Beruf müsse man seine Aufgaben und Ziele an Gott ausrichten, um sich von ihnen nicht knechten zu lassen oder seine Prioritäten zu verlieren. Für Israel sei es ebenso wichtig, in Beziehung zu IHM Zeugnis, Mauer und Wort Gottes zu sein und dementsprechend zu leben.

Ein paar abschließende Bemerkungen zur Bibelarbeit insgesamt: Der Vortrag hatte viele wichtige und gute Anregungen, insbesondere im Hinblick auf die hohe Bedeutung der Bibel als Orientierung im Alltagsleben, dass Gerloff ermutigte, sie viel intensiver zu gebrauchen als dies in den meisten christlichen Familien der Fall sei. Es ist wichtig, die Schrift als Wort Gottes an uns persönlich gerichtet wiederzuentdecken und sich von ihr im Denken und Verhalten prägen zu lassen und zugleich sich von fragwürdigen, anderen Prägungen zu distanzieren. Auch das positive Verhältnis zum nationalen Israel und zum Volk der Juden, das bei Christen immer überwiegen sollte, selbst dann, wenn berechtigte Kritik angebracht sein kann, ist ein wohltuendes Gegengewicht zu einem rein kritischen und negativen Verhalten, das in den Medien viel zu oft im Mittelpunkt stehe.

In Bezug auf die Auslegungsmodelle, die Gerloff anwendete, sollte man allerdings den mehrfachen Schriftsinn, ob er nun rabbinisch zu verstehen ist oder vielleicht aus dem sogenannten klassischen Modell des vierfachen Schriftsinns entlehnt wurde, mit etwas Vorsicht umgehen, da er in der christlichen Theologie nicht unproblematisch und berechtigt nicht unumstritten ist. Auch die Kritik an Martin Luthers Umgang mit dem Gesetz sollte man biblisch etwas genauer untersuchen, weil Luther nach Vorgabe der paulinischen Theologie des Neuen Testaments nicht nur auf einen falschen Umgang mit der Tora reagiert, sondern auch konkret das Gesetz des Mose selbst (Tora, Pentateuch) für den christlichen Gebrauch begrenzt. Beispiele dafür finden sich in Römer 7,1-6 oder in 2. Korinther 3, um nur einige zu nennen. Über einige Gegenwartsbezüge in der Auslegung von Psalm 2 kann man geteilter Meinung sein, ob sie wirklich sachlich angemessen gewesen sind. Dennoch bleibt festzuhalten, dass das biblische Zeugnis von Gerloff in den Mittelpunkt gerückt wurde, und ein moderater, vernünftiger Umgang von Christen mit dem nationalen Israel und dem Judentum ans Herz der Zuhörer gelegt wurde, was seine Bibelarbeit sehr wertvoll erscheinen lässt.

jerusalem-1314895_640Die Sächsische Israelkonferenz in Glauchau vom 20.-22.05.2016 war die letzte Konferenz ihrer Art, in der sie seit 20 Jahren bestanden hat. Nun aber ist es ein verstärktes Anliegen der Sächsischen Israelfreunde, in dieser Zeit der gesellschaftlichen Veränderung wieder etwas mehr in verschiedene Gemeinden Deutschlands vor Ort hineinzukommen um dort israelspezifische Vorträge zu halten und für mehr Engagement für Israel zu werben. Als Beauftragte zur Umsetzung dieses Anliegens sind die jungen Vorsitzenden des CFFI (Christliches Forum für Israel) vorgestellt worden: Tobias Krämer, Theresia Ebert, Benjamin Schnabel und Franziska Tofaute. In diesem Zusammenhang wurde auf die geplante gesamtdeutsche Israelkonferenz für 2018 in Berlin hingewiesen.

Den Abschluss der letzten Israelkonferenz bildete eine kurze Podiumsdiskussion, in der Rogel Rachmann als Sprecher der Israelischen Botschaft zur gegenwärtigen Flüchtlingssituation ein interessantes Statement gab, das hier zum Schluss im Rückblick auf die Sächsische Israelkonferenz wiedergegeben werden soll: „Nehmt die Flüchtlinge in Deutschland auf, und gebt ihnen dabei Folgendes mit: Antisemitismus gehört nicht zu Europa!“

(cl)

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Sind Sie schon mal in der Verkündigungskirche in Nazareth gewesen, die zu den größten heiligen Stätten im Mittleren Osten gehört? Haben Sie schon einmal die verschiedenen Düfte, Kulturen und Religionen in der Altstadt Jerusalems ‚erlebt‘? Oder möchten Sie einfach fundiertes Wissen über Israel samt vielen biblischen Bezügen erhalten? Dann haben wir folgendes Angebot für Sie: Vom 01.03.-11.03.2016 findet die 28. Israel-Studienreise statt. Andachten sowie Vorträge werden von Pastor Gerd Quadflieg (Rüsselsheim) und Prof. Dr. Helge Stadelmann (Gießen) gehalten. Die Rundreise wird durch den bewährten und sehr erfahrenen deutschsprechenden israelischen Reiseführer, Gidi Yairi, durchgeführt. Die Reise kann um drei weitere Tage in Eilat verlängert werden. Für nähere Informationen lesen Sie bitte das Programm und die Reiseausschreibung in der angehängten PDF-Datei.   Israel-Reise Frühling 2016 (1315 Downloads)  

 (mr)