Schabbat Schalom – in Israel

Eine ganz normale Woche in Israel

שבת שלום “Schabbat Schalom”

Wer Israel bereist oder für eine Zeit dort ist, merkt schnell, dass die ganz normale Woche dort irgendwie anders aussieht als in Deutschland. Am Sonntag beginnt die Arbeitswoche, die Kinder gehen zur Schule und alle Geschäfte haben geöffnet. Das Highlight der Woche ist hier am Freitagabend, da beginnt nämlich der Schabbat, der dann bis zum Samstagabend geht. Dieser Beginn des Schabbats wird jede Woche auf besondere Art und Weise gefeiert. Und das ganze Land feiert mit, jeder in seiner Familie. Doch warum ist dieser Tag so besonders? Wie kann man sich diese Feier vorstellen? Mein Mann und ich waren für einige Monate in Israel und durften mehrere Schabbat-Feiern miterleben, was uns dabei fasziniert und zum Nachdenken gebracht hat, berichten  wir hier.

Schabbat bei einer neunköpfigen Familie

Der Tisch ist festlich gedeckt, blaue Teller mit orientalischen Ornamenten strahlen mit glänzenden Weingläsern um die Wette. In der Mitte stehen zwei Kerzen, je zwei Challah (extra für den Schabbat gebackenes, traditionelles Brot) und eine Flasche Wein. Wir werden freundlich begrüßt und zu Tisch gebeten, von der Treppe kommen die Kinder fröhlich nach unten gestolpert, fein herausgeputzt und in ausgelassener Stimmung. Heute ist ein besonderer Abend – es ist Schabbat. Als alle am Tisch sitzen, fangen zuerst einmal alle zu Singen an „Schabbat Schalom, Schabbat Schalom, Schabbat, Schabbat, Schabbat, Schalom“ – okay, der Text ist nicht so schwierig und wir stimmen mit ein. Die Frau des Hauses erhebt sich, sie hat ein kunstvoll gewebtes Tuch auf ihrem Kopf. Mit Streichhölzern zündet sie in feierlicher Stille die beiden Kerzen an, in schwungvoller Handbewegung bedeckt sie ihre Augen und beginnt zu singen. Auf hebräisch spricht sie ein Lob zu Gott aus und besingt den Beginn des Schabbats. Das Anzünden der Kerzen ist das offizielle Zeichen, dass der Schabbat nun begonnen hat. Es folgen viele weitere Gebete, Lieder und Segnungen – doch dazu später mehr.

Auf die Minute genau – von Fischbraten und Meilengehen

Der Beginn des Schabbats und das Anzünden der Kerzen sind auf die Minute genau festgelegt. Einige jüdische Gruppen halten sich punktgenau daran. Wer in Jerusalem unterwegs ist, sieht immer wieder an Hausecken pastellfarbene Zettelstapel an der Wand. Darauf steht ein Datum und darunter fettgedruckt eine große Zahl, beispielsweise 6.12 (Uhr) – das ist die exakte Zeit, wann an diesem Freitag die Kerzen angezündet werden sollen. In einem Kasten darunter finden sich wieder ein Datum und eine andere Zahl, z.B. 7.24 (Uhr) – zu dieser Zeit endet der Schabbat am Samstag. Jede Woche ändern sich diese Zahlen, daher werden immer die aktuellen Zettel darüber geklebt.

Um genau zu sein, beginnt der Schabbat immer 18 Minuten vor dem Sonnenuntergang. Doch warum genau 18 Minuten? Die jüdische Gruppierung Chabad[1] gibt darauf folgende Antwort: der Schabbat beginne bei Sonnenuntergang, danach sei es verboten bestimmte Aktivitäten zu tun, dazu gehöre auch das Anzünden der Kerzen. Die 18 Minuten Vorlaufzeit hätten zwei Begründungen: Zu Zeiten des Talmuds wurde vor dem Schabbat das Schofarhorn geblasen, die Kerzen angezündet und dann wurde so lange gewartet, wie es brauchen würde einen kleinen Fisch zu braten – dann begann der Schabbat. Bekannte jüdische Rabbiner philosophierten weiter und kamen auf den Gedanken, dass die Zeit, die es braucht, einen Fisch zu braten die gleiche sei, die man benötigt eine Meile zu gehen. Je nachdem wie schnell man brät oder geht, kommt man am Ende bei ca. 18 Minuten raus. Aber diese Zahl ist nicht in Stein gemeißelt und manche Orte oder andere Gruppierungen variieren in diesen Angaben.

Segnungen für die Kinder und bewegende Wertschätzung für die Frau

Zurück zu unserer Gastgeber-Familie, bei der wir diesen Schabbat live miterleben durften: Nachdem die Kerzen von der Frau des Hauses angezündet wurden, erhebt sich nun der Vater der Familie. Zuerst richtet er sich an seine Söhne, drei an der Zahl. Er spricht sie mit vollem Namen an und spricht ihnen auf Hebräisch folgenden Segen zu „möge Gott euch, meine Söhne machen wie Ephraim und Manasse“. Danach wendet er sich zu seinen vier Töchtern, spricht sie direkt an und sagt „möge Gott euch, meine Töchter machen wie Sarah, Rebekka, Rahel und Lea“.

Für seine Frau hat der Familienvater einen besonderen Segen, aber zuvor erklärt er vor allen wie wundervoll seine Frau ist und wie dankbar er für alles ist was sie tut. Danach öffnet er seine Bibel in Sprüche 31,10-31 und richtet diesen Text als Kompliment an sie. Wir lauschen diesem besonderen Moment, bis wir bei den letzten Versen aus den Gedanken gerissen werden. Die Stühle quietschen, die sieben Kinder stehen auf und übernehmen ab dem Zitat „ihre Kinder stehen auf und preisen sie“ das Ruder und sprechen im Chor die weiteren Verse ihrer Mutter zu. Wir sind ganz baff von der tiefen Wertschätzung die hier von Vater und Kindern ausgedrückt wird und man spürt ihnen ab, dass sie das wirklich ernst meinen.

Eine besondere Ergänzung

Nun kommt der älteste Sohn zum Zug. Er steht auf und singt mit lauter Stimme in traditioneller Melodie den aaronitischen Segen auf Hebräisch. Dieser Segen richtet sich nun an uns alle. Danach singen wir gemeinsam das „Schma Israel“ – „Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig. Gelobt sei der Name der Herrlichkeit Seines Reiches für immer und ewig“. Die Familie, die wir hier besuchen macht an dieser Stelle noch eine besondere Ergänzung „Jeschua, Er ist der Messias, Er ist der Herr über alles“. Damit wollen sie sich sowohl zu Gott als dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, als auch zu Jesus dem versprochenen Messias bekennen. Aufmerksame Leserinnen und Leser werden so erkannt haben, dass wir den Schabbat bei einer messianisch-jüdischen Familie feiern, dennoch die meisten Bestandteile der Feier typisch jüdisch bleiben.

Wein und Brot

Der Familienvater nimmt nun zuerst den Wein, danach das Brot und segnet beides mit dem traditionellen, gesungenen Segen. Er fragt „was denkt ihr, warum haben wir zwei Brotlaibe?“, eine „Double Portion“? Das sei doch klar: die Doppelportion Manna in der Wüste. Er erklärt, dass sie das an die Zeit des Volkes Israel in der Wüste erinnert, als Gott sie mit Manna versorgte und vor dem Schabbat eine doppelte Portion Manna gab, damit sie für den Ruhetag versorgt waren. Sie erinnern sich daran, dass Gott der Schöpfer und Versorger ist und loben ihn dafür. Für uns ist es faszinierend, wie alles eine Bedeutung hat und auf Gott und sein Handeln ausgerichtet ist.

Wir werden aus den Gedanken gerissen, als uns plötzlich ein  Stück Challah zugeworfen wird. Der Tisch erwacht zum Leben, das Brot wird herumgegeben (oder geworfen!), teilweise schmieren sich die Kinder Butter darauf und alle reden fröhlich durcheinander. Der offizielle Teil ist also vorbei und es geht über in ein geselliges Beisammensein. Die Speisen werden aufgetischt und das festliche Bankett kann beginnen.

Der Abend dauert noch länger, die Stimmung ist festlich und ausgelassen. Die Kinder erzählen aus ihrer Woche, machen Witze und häufen sich nebenbei noch eine Portion auf den Teller. Auch die Nachspeise ist gigantisch. Mit vollem Magen schweifen die Gedanken noch einmal ab:

Gott feiern und bewusste Zeit mit der Familie

Dieser Familie spürt man eine große gegenseitige Wertschätzung ab, die sieben Kinder sind wie beste Freunde und das Ehepaar strahlt eine tiefe Verbundenheit aus. Hat dieser Zusammenhalt vielleicht auch etwas mit der wöchentlichen Schabbat-Feier zu tun? Bei uns in Deutschland gibt es Familienfeiern eher sporadisch, auf jeden Fall einmal im Jahr an Weihnachten.

Über den Schabbat könnte man noch so viel mehr schreiben, auch über biblische Hintergründe oder besondere Traditionen. Mich faszinieren diese Schabbat-Feiern auf jeden Fall sehr. Auch zurück in Deutschland denke ich noch sehr oft daran zurück. Mir ist diese Familie ein großes Vorbild, ich möchte mich von ihnen inspirieren lassen und überlege wie ich auch hier etwas davon umsetzen  kann: Eine bewusste Zeit in der Woche für Familie, Segnungen und Wertschätzung? Ein gemeinsames Festessen an dem Gott bewusst gedankt und er gefeiert wird? Unseren „Ruhetag“ bewusster gestalten?

 

JB

 

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Bilder privat.

[1] https://www.chabad.org/library/article_cdo/aid/3240769/jewish/Why-Are-Shabbat-Candles-Lit-18-Minutes-Before-Sunset.htm