Orientierungshilfe der EKD zu Israel

Mehr als an jedem anderen Land der Welt entzünden sich an Israel konträre Diskussionen, und unzählige Meinungen haben sich, fernab des eigentlichen Konflikts, zum Teil zu verhärteten Fronten formiert. Da fällt es nicht immer leicht, einen eigenen Standpunkt zu bestimmen, vielfach mangelt es jedoch auch an Begründungen der vertretenen Positionen.
“Wie in einem Brennglas bündeln sich in Land und Staat Israel und im Nahostkonflikt politische, religiöse, nationale und soziale Konflikte mit Wurzeln tief in der Geschichte (…). [Sie] bilden ein unentwirrbares Knäuel und eine lebenslange Herausforderung.“ (S. 108 der u.g. EKD-Orientierungshilfe)

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat deshalb im vergangenen Oktober eine Orientierungshilfe mit dem Titel „Gelobtes Land? Land und Staat Israel in der Diskussion“ publiziert. Nach ihrem Selbstverständnis möchte sie mit dieser Publikation dazu beitragen, die „hoch emotional und polarisierend geführte Diskussion um Land und Staat Israel zu versachlichen“ (S. 9) und einen „gewichtigen Beitrag auf dem Weg zu einer Neubestimmung des Verhältnisses von Christen und Juden“ (S. 11) leisten.

In neun Kapiteln werden dazu verschiedene theologische und politische Aspekte beleuchtet. Bild- und Kartenmaterial sowie ein Glossar ergänzen die theoretischen Ausführungen. Das erste Kapitel „Im Brennpunkt vielfältiger Interessen“ widmet sich neben der Positionsbestimmung der EKD zum Staat Israel als politischer Entität auch der Frage, wie die biblische Landverheißung aus Sicht der EKD heute zu verstehen ist.

Ihr Verhältnis zum Staat Israel formuliert sie in drei prägnanten Aussagen:
– “Wir halten fest an dem Konsens über die bleibende Verbundenheit der Christen mit Israel als dem erstberufenen Gottesvolk.
– Wir respektieren jüdisches Selbstverständnis, auch im Bezug auf das Land.
– Wir bejahen das Existenzrecht des Staates Israel.“ (S. 16)

In den nachfolgenden Kapiteln befasst sich die Publikation mit dem „Land Israel in der Bibel“ sowie  im „nachbiblischen Judentum“. Ergänzt wird diese Sicht durch einen Blick auf die „Kirchengeschichte des »Heiligen Landes«“, gefolgt von der Perspektive der islamischen Welt auf „das »Heilige Land« und die Stadt Jerusalem“. Im Kapitel „Kirchliches Leben im »Heiligen Land« heute“ wird die Präsenz und zahlenmäßige Entwicklung unterschiedlicher christlicher Kirchen betrachtet und mit den Anteilen anderer Glaubensgruppierungen im Land verglichen. Beginnend mit der Erweckungsbewegung werden theologische Positionen der „liberalen Theologie“, „Israeltheologien im 20. Jahrhundert“, der „Orientalische Kirchen“, der „römisch-katholischen Kirche“, „Kontextuelle[n] Theologie“ sowie die Positionen »Christlicher Zionismus« umrissen, wobei letztere Darstellung bereits im Titel die Ergänzung enthält, „eine notwendige Kritik“ zu sein. In den letzten beiden Kapiteln wird das „Evangelisches Staatsverständnis“ erläutert und auf den Staat Israel angewandt sowie die Frage nach „Israel [als] Zeichen der Treue Gottes“ gestellt.

Die gut 100 Seiten starke Publikation ist dabei sehr bemüht, unterschiedliche Positionen vorzustellen und der Komplexität des Konflikts gerecht zu werden, indem die historischen und biblischen Hintergründe erläutert werden, was über weite Teile gelingt. Damit setzen die Autoren das als sehr positiv zu bewertende Anliegen um, den Leserinnen und Lesern eine eigene, begründete Urteilsbildung zu ermöglichen. Durch die Rücksichtnahme auf jüdische und muslimische Dialogpartner und wohl auch durch verschiedene Nuancierungen der Ausschussmitglieder, welche den Text verantworten, bleiben die Aussagen jedoch an manchen Stellen unbestimmt und lassen Klarheit vermissen. So wird statt der Formulierung des rheinischen Synodalbeschlusses von 1980, dass „die fortdauernde Existenz des jüdischen Volkes, seine Heimkehr in das Land der Verheißung und auch die Errichtung des Staates Israel Zeichen der Treue Gottes gegenüber seinem Volk sind“, folgende schwächere Form gewählt: „In diesem Sinn kann die Gründung des Staates Israel als ein »Zeichen der Treue Gottes zu seinem Volk« gedeutet werden“ (S. 108).

Zudem ist es wichtig, nicht dem Irrtum zu erliegen, es gäbe eine objektive Möglichkeit, den Konflikt zu schildern. Auch wenn vielfältige Perspektiven einbezogen werden, so bleibt der Blick doch ein dezidiert durch die derzeitige deutsche Sicht auf den Konflikt und die Positionen der EKD geprägter. Besonders deutlich wird dies in dem Kapitel über den „christlichen Zionismus“. Anders als bei abweichenden Verständnissen von Land und Volk Israel in anderen Gruppierungen wird hier eine scharfe Kritik vorgenommen. Formulierungen wie: die „Lehren und die Praxis des »christlichen Zionismus« wirken konfliktverschärfend und widersprechen der biblischen Botschaft von Versöhnung und Feindesliebe“ (S. 85), bringen diese Sichtweise erheblich in Misskredit. Jede Parteinahme im Nahostkonflikt wirkt konfliktverstärkend, da durch unterschiedliches Engament jeweils beide Seiten gestärkt werden.

Worin ist diese harsche Haltung der EKD begründet? Sie könnte einerseits in ihrem Verhältnis zur Erweckungsbewegung, also historisch-theologisch verwurzelt sein. Da der „christliche Zionismus“ nach Ansicht der EKD jedoch auch das Existenzrecht der Kirchen in dieser Region negiert und somit „nicht ökumenisch und geschwisterlich“ (S. 85) sei, wird die Haltung christlicher Zionisten eventuell auch als Angriff auf die Präsenz und Aktivitäten der EKD in Israel gesehen.

Leider nicht unter allen Christen selbstverständlich und deshalb in dieser Orientierungshilfe positiv hervorzuheben sind folgende Aussagen: „Das unaufgebbare Interesse der Christen am Wohlergehen des jüdischen Volkes in sicheren Grenzen entspringt der Einsicht, dass Gottes Verheißung, sein Volk zu bewahren, nicht hinfällig ist, dass das Volk Israel weiterhin Gottes erwähltes Volk ist und das gegenwärtige Judentum in Kontinuität zum biblischen Israel steht“ (S. 106f.), sowie, dass der „gegenwärtige Staat Israel (…) aus diesem Grund immer auch Gegenstand des politischen Engagements und der Fürsprache von Christen sein [wird], damit Juden und Jüdinnen eine Zukunft haben und in Sicherheit und Frieden leben können.“ (S. 107)

Kritik äußerte u.a. der evangelische Pfarrer und Theologe Dr. Stefan Meißner auf der Seite der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in der Pfalz. Er bemängelt: „Man scheint in der EKD Angst vor einer dezidiert theologischen Deutung historischer Fakten zu haben und bleibt deshalb häufig bei Kompromissformeln stehen, die die Debatte vermutlich wenig vorwärts bringen werden.“ Ausführlich äußert sich Meißner dazu, dass die Publikation zwar Dankbarkeit gegenüber Gott für seine Bewahrung des jüdischen Volkes zum Ausdruck bringt, sich für sichere Grenzen für das Volk Israel ausspricht und bestätigt, dass Bund und Land zusammen gehören, es nun aber „offensichtlich an Mut oder an Kraft [fehlt], auch Land und Staat Israel eine entsprechende theologische Bedeutung zuzubilligen.“

Meißner kritsiert in ungewohnter Deutlichkeit auch anti-israelische Tendenzen aus den eigenen Reihen: „Es ist zweitens die Angst vor dem empörten Aufschrei einer mittlerweile einflussreichen »Palästina-Lobby« in der eigenen Mitte, für die der Staat Israel ein Brückenkopf von Kapitalismus und Imperialismus im Nahen Osten darstellt. In diesem ideologischen Kontext ist von vornherein klar, wer die Guten und wer die Bösen sind. In Verkennung der politischen Realitäten träumt man in diesen Kreisen neuerdings von einem Staat, in dem alle Menschen gleichberechtigt zusammen leben. Den ersten Teil dieser Vision wird man auch mit der Hamas realisieren können, was den zweiten Teil angeht, habe ich da meine Zweifel.“

Von dem Journalisten Ulrich W. Sahm wurden zudem einige Fehler und Ungenauigkeiten der EKD-Publikation aufgedeckt. Dazu gehört die in der Orientierungshilfe geäußerte Kritik an der israelische Unabhängigkeitserklärung, dass jüdische Volk sei nach biblischer Vorstellung nicht in Israel, sondern Ägypten entstanden. Sahm weist hier richtigerweise auf die Entstehung des Volkes nach jüdischem Verständnis hin, durch den Bundschluss Gottes mit dem jüdischen Erzvater Abraham, der im Land der Verheißung stattfand. Ein weiter Kritikpunkt Sahms ist, dass der Sabbat nicht wie der Sonntag in Deutschland gesetzlicher Feiertag ist, sondern Christen und Moslems die Freiheit haben, den Sonntag oder Freitag zu halten. Das übliche jüdische Wochenende besteht aus einem ganz oder halb-freien Freitag und dem freien Samstag. Sahm unterzieht auch die Fotos und Karten einer genauen Betrachtung und wiederholt die bereits 2007 geäußerte Beanstandung, dass auf einer Karte (Nr. 9) sich zwar die Bezeichnungen „Gaza“ und „Westjordanland“ finden, „Israel“ aber nicht als Bezeichnung auftaucht.

Ricklef Münnich, evangelischer Pfarrer in Thüringen, kritisiert ähnlich wie Stefan Meißner: „Eine wirkliche Weiterführung ihres Themas gelingt der Orientierungshilfe jedoch nicht. Dazu müsste sie mehr Farbe bekennen.“ Kritisch kommentiert er auch eine Formulierung aus dem ersten Kapitel, nach welcher die Präsenz von Muslimen aus der Region in Deutschland eine Rolle in der Beschäftigung mit dem Judentum und dem Nahen Osten spielt. „Das wäre neu, wenn christliches Selbstverständnis von muslimischer Präsenz in Deutschland mitbestimmt würde.“ Ihm ist zuzustimmen, dass dem palästinensischen Verständnis, in der Publikation als „kontextuelle Theologie“ bezeichnet, das Land Israel sei allen Schwachen verheißen, deutlicher hätte widersprochen werden müssen. Interessant ist sein Hinweis, dass der Ausschuss „Kirche und Judentum“ der drei evangelischen Kirchenbünde fünf Jahre benötigte, um sich bei dem heiklen Thema Israel auf eine Position zu einigen.

Auf aixpaix.de veröffentlichte Reiner Bernstein eine Rezension der Orientierungshilfe. Er schlägt dabei jedoch eine völlig andere Kritikrichtung ein. Zwar bemängelt auch Bernstein die Uneindeutigkeit und vermutet „die Autoren [seien] selbst von erheblicher Verunsicherung geplagt“, doch sein Hauptaugenmerk liegt auf der Kritik religiöser Standpunkte. Angefangen damit, dass die EKD „theologische (…) Fragen von den politischen Debatten nicht loslösen will“, folgt eine Erwähnung der „selbsternannten christlichen Zionisten mit ihrem apokalyptischen Messianismus“ und einer ebenso ausführlichen wie negativen Beschreibung des orthodoxen Judentums und dessen „Einwanderung in die Mitte der Gesellschaft“. Seinen Kollegen Yossi Beilin von der “Genfer Initiative” zitiert Bernstein mit dessen Klage über den “jüdischen Khomeinismus”.

Eine ähnlich kritikwürdige Diffamierung formuliert Bernstein als ehemaliger Leiter des Büros der Evangelischen Landesarbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung in Nordrhein-Westfalen bezüglich der Legitimität israelischer Politik. Er wirft ihr Menschenrechtsverletzungen vor „die im Falle Syriens, Saudi-Arabiens und der Türkei gegebenenfalls die gebührende Aufmerksamkeit finden“.

Einen Abschnitt davor entwirft Berstein das Szenario der Auflösung des Staates Israel: „Was wäre, wenn der als »Zeichen der Treue Gottes« beglaubigte Staat Israel einem multinationalen Gemeinwesen Platz machen würde“? Auch wenn es sein Anliegen ist, die theologische Aussage des “Zeichen[s] der Treue Gottes” zu kritisieren, steht eine solche Aussage dem im arabischen Raum verbreiteten Anliegen gefährlich nahe, Israel als jüdischen Staat auszulöschen und seine Bewohner anti-jüdischen Gewalttaten auszuliefern. Als positiv kann in seiner Rezension der folgende Satz hervorgehoben werden: “Ob [der israelische Staat] einer christlich-theologischen Rechtfertigung bedarf, muss jedoch bezweifelt werden“.

Dr. Birgit Schintlholzer-Barrows findet auch positive Anknüpfungspunkte: „Nun gibt es im Text auch beruhigende Aussagen wie etwa die, dass Israels Existenzrecht völkerrechtlich unumstritten sei und der Rassismus-Vorwurf gegen den Zionismus nicht haltbar. Seltsam im Gegensatz dazu steht nur die distanziert-neutrale Weise, mit der die EKD die real vorhandenen ideologischen und terroristisch-militärischen Kräfte behandelt, die die Existenz Israels gefährden.“

Stärker als andere Reaktionen auf die Veröffentlichung kommen bei ihr sozial-politische Kritikpunkte zum Tragen. So weist sie darauf hin, dass zwar vom Menschenrechtsschutz-Programm des Ökumenischen Rats der Kirchen die Rede ist, sich aber kein Hinweis darauf findet, dass sein Ziel ausschließlich die Beobachtung der israelischen Soldaten und Siedler ist. Von Menschenrechtsverletzungen durch Morde an politischen Gegnern im Gaza-Streifen, Provokationen und Steinwürfe auf Soldaten oder Diskriminierung politisch Andersdenkender, z. B. durch Kündigung, in den Autonomiegebieten wird kein Bericht erbeten.

Auch den Vorwurf der „täglichen Demütigung an den Kontrollpunkten“ sieht Schintlholzer-Barrows kritisch, da jüdische Israelis ebenfalls täglichen Sicherheitskontrollen an Busbahnhöfen, Einkaufszentren und öffentlichen Gebäuden ausgesetzt sind. Ihr Fazit ist, dass die EKD statt einer Neuorientierung nur die Mainstream-Meinung im Bezug auf Israel wiedergegeben habe.

Das scheint allerdings eine zu optimistische Sicht zu sein. Es wäre erfreulich, wenn sich eine Mehrheit für wenigstens die in der Orientierungshilfe formulierten Zusagen an Israel fände. Leider übernehmen aber viele Christen das in den Nachrichtenmedien immer negativer gezeichnete Bild des Staates und seiner Bewohner. Insoweit ist die Orientierungshilfe positiv zu werten, weil sie auch weit verbreiteten Ansichten, wie der Ersatztheologie, widerspricht. Den zitierten Kritikern ist jedoch zuzustimmen, dass dieser Widerspruch nicht weit genug geht und nicht eindeutig genug formuliert ist.

(wr)

Quellen:

http://www.christen-und-juden.de/index.htm?html/gelobtesland.htm
http://israelaktuell.eu/index.php/dokumentation/460-kommentare-zur-ekd-schrift-gelobtes-land
http://www.aixpaix.de/autoren/bernstein/ekd.html