Mission im Alten Testament?! Teil III: Israel als Königreich von Priestern

In der Folge des weichenstellenden Artikels zur Mission im AT und einem Artikel über einen konkreten Gesamtentwurf einer Missionstheologie der Thora und der vorderen Propheten nach Siegbert Riecker soll nun in diesem Artikel ein Schlüsseltext für die Frage nach ‚Mission im AT‘ in den Blick genommen werden: Exodus 19,5-6. Dieser spricht von Israel als Königreich von Priestern. Was bedeutet dies? Hat dieser Schlüsseltext eine Bedeutung für die Frage nach einem potentiellen Missionsauftrag im Kontext alttestamentlicher Theologie und Frömmigkeit? Diese Fragen sollen im Folgenden diskutiert und beantwortet werden.

In Exodus 19,6 spricht Gott über das Volk Israel folgendes aus: „Und nun wenn ihr meinen Weisungen willig gehorcht und meinen Bund haltet, so sollt ihr aus allen Völkern mein besonderes Eigentum sein; denn mir gehört die ganze Erde; ihr aber sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten verkünden sollst.“

Wir befinden uns in Exodus 19 auf dem zwischenzeitlichen Höhepunkt der Geschichte Israels. Das Volk Israel, das nach dem Bericht der Genesis sukzessive aus der gelegentlich ziemlich herausfordernden Geschichte der Patriarchen hervorgegangen ist, hat die Gefangenschaft in Ägypten nun hinter sich. Sklaverei, Not und Elend sind überwunden. Ihr Gott hat sie gerettet.

ER hat sie herausgeführt aus Ägypten, hindurchgeführt durch ein geteiltes Meer und in Form einer Wolken bzw. Feuersäule begleitet. Und nun steht das Volk am Berg Sinai, bereit das Gesetz ihres Gottes JHWH zu empfangen. Nun soll also das Volk Israel, ja das Volk Gottes, konstituiert werden. Die Geburtsstunde eines rechtlich verfassten Volkes unter Gottes alleiniger Herrschaft ist gekommen.

Doch bevor JHWH seinem Volk das Gesetz gibt, wird im vorliegenden Text, der Teil der sogenannten „Adlerflügelrede“[1] ist, der eigentliche Bundessschluss schon vorweggenommen. JHWH spricht hier in Kürze dasjenige aus, was Israel als Gottes Volk konstituiert. Es geht dabei um die Identität des Volkes Israel und damit um den Kern des Erwählungsgeschehen JHWHs und sein Ziel mit seinem Volk.

Wenn man nun in einer solchen Perikope, die von ihrer zentralen Bedeutung her für das Alte Testament und für das Volk Israel kaum zu überbieten ist, einen klaren Missionsauftrag JHWHs an Israel finden würde, dann könnte man die leidige Frage nach Mission im AT endlich ad acta legen. Denn dann wäre die zentrale Identität Israels als ‚missionarisch‘ bestimmt. Auch wenn dies noch nicht heißen würde, dass Israel diese Identität im Zuge der Erzählung des ATs auch wirklich ausfüllte. Zumindest würde es die Zielbestimmung Israels als ‚missionarisch‘ hervorheben und damit die Grundfrage nach der Beziehung von partikularem Bund und universalem Heilswillen Gottes radikal entschärfen. Denn in der Sinaiperikope (Ex. 19-24) haben wir es mit einem partikularen Bundestext zu tun, der in Ex. 19,5-6 die Bestimmung Israels zur missionarischen Tätigkeit enthalten würde.

Beim ersten Lesen des Textes können wir in Bezug auf diese Entschärfung durchaus zunächst einmal optimistisch sein. Israel ist das „Königreich von Priestern“. Und Priester waren doch diejenigen, die zwischen Gott und dem Volk vermittelt haben. So hieße dies auf Israel übertragen: Das Volk Israel ist dasjenige Volk, das zwar erwählt und herausgehoben ist (Partikularität), letztendlich dient diese Erwählung jedoch nur einem Zwecke: Sie soll das Heil JHWHs an die ganze Welt vermitteln (Universalität). Dies ist eine gängige Lesart von Exodus 19,5-6, der im Folgenden widersprochen wird.  Denn eine solche Lesart ist aus vielerlei Hinsicht problematisch.[2]

  1. 1. Die Wendung „Königreich von Priestern“ (Ex. 19,6) ist im AT singulär. Es handelt sich also nicht um eine stehende Formel oder ein terminus technicus für einen wie auch immer definierten ‚missionarischen‘ Auftrag Israels.
  2. 2. Wenn wir davon ausgehen, dass Ex 19,6 den Bundesschluss und das Gesetz vorwegnimmt, dann wird der missionarische Klang des Textes unverständlich. Denn dann müssten auch im Gesetz selbst konkrete Ausführungen und Näherbestimmungen des missionarischen Auftrages zu finden sein. Dies ist aber nicht bzw. nur sehr beschränkt der Fall
  3. 3. Im Gesetz selbst sind weiterhin keine missionarischen Anliegen zu finden. Es herrscht eine skeptische Einstellung gegenüber den fremden Völkern und die Gesetze, die die Einbeziehung der Fremden regeln, tun dies nur in Bezug auf Gleichberechtigung der Fremden in Gegenüber zu dem Volk und nicht in Bezug auf priesterlichen Dienst an ihnen.
  4. 4. Die späteren Propheten Israels werfen es dem Volk an keiner Stelle vor, dass sie ihre im Bund und im Gesetz festgeschriebene missionarische Aufgabe der Völkermission vernachlässigt oder aufgegeben haben.

Weitere Schwierigkeiten einer missionarischen Lesart von Ex. 19,6

Nach diesen schlaglichtartigen Begründungen gegen eine missionarische Lesart von Ex 19,6 sind nun noch einige exegetische Bemerkungen anzubringen, die zum einen weitere Kritikpunkte gegen eine missionarische Lesart des vorliegenden Textes liefern und zum anderen auch Licht auf eine angemessene Interpretation von Ex. 19,6 werfen.

  1. Der Priesterbegriff in Ex. 19,6

Die Nennung der „königlichen Priester“ in Ex. 19,6 ist alles andere als gewöhnlich. Zum einen fällt auf, dass diese Formulierung im AT singulär ist, und zum anderen ist der Priesterbegriff an dieser Stelle alles andere als klar definiert. Denn wenngleich man vorschnell den vorliegenden Priesterbegriff mit dem levitischen Priestertum gleichzusetzen geneigt ist, bleibt der Priesterbegriff im Kontext von Ex. 19,6 uneingeführt. Man könnte die Frage stellen: Welche Art Priestertum ist hier gemeint? Das levitische Priestertum ist nämlich zu diesem Zeitpunkt noch nicht beschrieben und die einzigen Personen, die von Genesis bis Exodus 19 als Priester auftreten, sind die Nichtisraeliten Melchisedeck und Jethro sowie weitere pagane Priester. Dieser Befund zeigt uns, dass eine vorschnelle Gleichsetzung des königlichen Priestertums mit der Mittlerfunktion des levitischen Priestertums zu kurz greift. Vielmehr findet sich hier ein breiterer Priesterbegriff, dessen Fokus wohl nach Ex. 19,22 auf dem „Gott nahen dürfen“ liegt. Der in Ex. 19,6 vorliegende Priesterbegriff ist also wohl weiter zu fassen als der levitische. Des Weiteren scheint auch der Kontext (Ex. 19,22) nahe zu legen, dass in Ex 19,6 viel weniger die Mittlerrolle der Priester als vielmehr ihr Herausgehobensein betont wird.

  1. Die Wendungen „Heiliges Volk“ und „Königtum von Priestern“ sind auf V. 5 zu beziehen

Schaut man weiterhin den Kontext an, in den die Wendung „Königtum von Priestern“ gestellt ist, dann fällt auf, dass Vers 5 für die Interpretation der Wendung eine große Rolle spielt. Denn die parallele Formulierung von V.5 und V.6 weist darauf hin, dass die Wendungen „Königtum von Priestern“ und „Heiliges Volk“ von der Wendung „besonderes Eigentum“ abhängen. Auch diese Verbindung scheint darauf hinzuweisen, dass die Wendung „Königtum von Priester“ weniger die Mittlerfunktion Israels im Blick hat, als vielmehr das Herausgehobensein Israels als Eigentum JHWHs.

  1. Der Bundeskontext

Die soeben genannten Kritikpunkte werden weiterhin durch den vorliegenden Bundeskontext gestützt. Denn der klare Fokus des Bundesschlusses am Sinai liegt auf der Beziehung JHWH-Israel und nicht auf der Beziehung Israel-Völker. Die Einführung einer aktiven Mittlerfunktion Israels gegenüber den Völkern würde also in diesem Kontext künstlich und konstruiert wirken, da sie letztlich exegetisch nicht zu halten ist (siehe 1. und 2.) und auch von dem Bundeskontext her stark anzuzweifeln ist.

Fazit

Abschließend lässt sich also sagen, dass die Wendung „Königtum von Priestern“ (Ex. 19,6) in Bezug auf Israel keine aktiv missionarischen Konnotationen enthält, die das Mittlertum Israels zwischen JHWH und den paganen Völkern um sich herum aussagen. Vielmehr findet sich in dieser Wendung eine von Gott zugesprochene Identitätsaussage über Israel. Israel ist das von Gott erwählte und herausgehobene Volk. Gott schließt mit Israel einen Bund und beginnt einen neuen Abschnitt seiner Geschichte mit der offiziellen und rechtlichen Konstitution des Volkes Gottes. Womit jedoch noch nicht gesagt ist, dass diese Erwählung JHWHs nicht auch letztendlich fruchtbar für die ganze Welt sein soll und letztendlich doch (evtl. eschatologisch) auf die Universalität ausgerichtet sein könnte. Es geht hier also nicht darum, dass der partikulare Bundesschluss und die universale Perspektive als widersprüchlich angesehen werden müssen. Es sollte lediglich gezeigt werden, dass Ex. 19,6 nicht als ein missionarischer Grundtext im Sinne einer aktiven Sendung „zu den Völkern“ zu verstehen ist, sondern vielmehr auf die besondere Stellung Israels in Bezug auf JHWH zielt.

[1] Diese Bezeichnung lehnt sich an den Beginn der abgegrenzten Perikope Exodus 19, 4-6 an. Diese vergleicht einleitend in Vers 4 das Exoduserlebnis mit dem Getragenwerden auf JHWHs Adlersflügeln.

[2] Die folgenden Kritikpunkte sind grob an Eckhart Schnabels Kritik an den missionarischen Charakter von Ex. 19,6 angelehnt.

 

Quellen:

  • 1. Schnabel, Eckhart, Urchristliche Mission, Wuppertal 2002
  • 2. Elliott, John Hall, The Elect and the Holy: An Exegetical Examination of 1 Peter 2:4-10 and the Phrase ‘basileion hierateuma’, Eugene, 2006
  • 3. Fohrer, Georg, “Priesterliches Königtum” (Ex 19 6), in: Studien zur alttestamentlichen Theologie und Geschichte, 1969, 149-154
  • 4. Gäckle, Volker, Allgemeines Priestertum: Zur Metaphorisierung des Priestertitels im Frühjudentum und Neuen Testament, Tübingen, 2014
  • 5. Riecker, Siegbert, Ein Priestervolk für alle Völker – Der Segensauftrag Israels für alle Nationen in der Thora und den vorderen Propheten, Stuttgart, 2007
  • 6. Van der Kooij, Arie, A kingdom of priests – Comment on Ex 19:6, in: The interpretation of Exodus – Studies in Honour of Cornelius Houtman, 2006
  • 7. Moran, W., “A Kingdom of Priests” in: The Bible in Current Catholic Thought, New York, 1962, 7-20

(tf)