Mission im Alten Testament?! Teil II: Israel als Segen für alle Völker

Nachdem wir im letzten Artikel dieser Reihe einen allgemeinen Überblick über die wissenschaftliche Forschung zum Thema „Mission im Alten Testament“ gegeben haben, werden wir in diesem Artikel einen Forschungsansatz genauer betrachten und kritisch bewerten. Es handelt sich hierbei um den Ansatz von Dr. Siegbert Riecker.

Dr. Siegbert Riecker (geboren 1973) ist evangelischer Theologe und Bibelschullehrer in Kirchberg. In seiner Dissertation 2006 beschäftigte er sich mit dem Thema „Mission im Alten Testament“. Diese Dissertation, die unter dem Titel „Ein Priestervolk für alle Völker“ veröffentlicht wurde, orientiert sich methodisch an einer synchron-kanonischen Ausrichtung der Schriftaussagen. Rieckers Untersuchung basiert dabei auf einem fundierten Wissen um die Forschungsansätze der letzten Jahrzehnte. In seinem Buch „Mission im Alten Testament?“ griff Riecker über 80 dieser Ansätze auf und kommentierte sie knapp.

Wie im ersten Teil dieser Reihe beschrieben, ist sich die theologische Forschung über das Thema „Mission im Alten Testament“ zutiefst uneins. Das Spektrum reicht von Ansätzen, die betonen, es gebe keinerlei Mission im Alten Testament, über Ansätze, die zwar eine Missionstheorie, aber keine Missionspraxis in der Geschichte Israels sehen, bis hin zu Ansätzen, die das gesamte Alte Testament missionarisch verstehen wollen. Der Forschungsansatz von Siegbert Riecker ist dabei sicherlich einer der gründlichsten und plausibelsten Beiträge. Um ihn soll es im Folgenden gehen.

Segenslinien durch die alttestamentlichen Geschichtsbücher

Riecker behandelt in seiner Dissertation nicht das gesamte Alte Testament, sondern beschränkt sich auf die Tora und die (in der jüdischen Tradition so genannten) Vorderen Propheten, also die fünf Bücher Mose, auf Josua und Richter sowie auf die Samuel- und Königebücher. Diesen Kanonteil fasst er unter dem Begriff „Priesterkanon“ zusammen, weil er in diesen Büchern eine gemeinsame, auf das Priestertum ausgerichtete theologische Grundausrichtung wahrnimmt.

Riecker versucht, die theologischen Konzepte seiner Untersuchung aus der Bibel selbst abzuleiten, anstatt fremde Konzepte von außen an sie heranzutragen. Deshalb vermeidet er ein Konzept unter der Bezeichnung „Mission“, weil er die Meinung vertritt, Mission (im neutestamentlichen Sinne) finde sich im Alten Testament nicht vor. Stattdessen nimmt er hier ein anderes grundlegendes Konzept wahr, das einen positiven Auftrag Israels gegenüber Nichtisraeliten darstelle: Die Segenszusage. Israel solle – das ist Rieckers erste These – ein Segensmittler für alle Völker der Erde sein. Davon ausgehend entdeckt Riecker drei Spezifikationen dieses Auftrags, das heißt drei Arten, wie dieser Auftrag in der alttestamentlichen Geschichte Israels konkret ausgeübt wurde:

  • Israel als Modell zur Vermittlung von Erkenntnis Gottes
  • Israel als königliches Priestervolk
  • Die Aufnahme von Fremden in die Religionsgemeinschaft

Im Folgenden sollen diese Unterpunkte kurz einzeln zusammengefasst werden.

Israel als Segensmittler für alle Völker

Die Urgeschichte (1. Mose 1-11) betrachtet Riecker als „Universalismus ohne Auftrag“ (Riecker, Priestervolk, 120): Obwohl hier schon Gottes allgemeiner Heilswille angedeutet werde, sei ein Auftrag Israels für die Nationen noch nicht erkennbar. Den Wert der Urgeschichte für diesen Auftrag sieht Riecker darin, dass bereits die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen angesprochen und der Erlösungsweg – Gottes Segen – angedeutet werde. Dieser Segen werde dann in 1. Mose 12,1-3 erläutert. Riecker untersucht die Segensverheißung Gottes an Abram mit dem Fokus auf Vers 3b: „Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde gesegnet werden!“ Die hebräische Verbform ist an dieser Stelle nicht eindeutig; andere Ausleger nehmen an, dass der Vers besser medial übersetzt werden solle, wie das etwa die Gute Nachricht Bibel tut: „Alle Völker der Erde werden Glück und Segen erlangen, wenn sie dir und deinen Nachkommen wohlgesonnen sind.“ Riecker plädiert aber aus gesamtbiblisch-theologischen Gründen überzeugend für die passive Auslegung („durch dich…“).

Diese Segensverheißung Gottes an Abram werde im weiteren Verlauf des 1. Buches Mose mehrfach wiederholt. Dabei werde auch die Nachkommenschaft der Erzväter angesprochen; wie durch die Erzväter, sollen auch durch ihre Nachkommen alle Nationen gesegnet werden. Darin sieht Riecker einen Segensauftrag an ganz Israel: Das ganze Volk habe die Aufgabe, alle Völker zu segnen bzw. ihnen ein Segen zu sein.

Riecker führt auch Beispiele für die Umsetzung dieses Segensauftrags im 1. Mosebuch an. Er meint, der Segensauftrag durchziehe das gesamte Alte Testament, werde aber in neuen Situationen neu spezifiziert. Die drei folgenden Konzepte betrachtet er als solche Spezifikationen.

Israel als Modell zur Erkenntnisvermittlung

Im 2. Buch Mose sieht Riecker eine neue Situation angebrochen: Israel sei nun ein großes Volk, die anderen Völker ständen ihm tendenziell feindlich gegenüber. „Die bisher kennengelernten Wege der Segensvermittlung durch Verbündung, Nähe und gegenseitige Unterstützung werden so immer weniger gangbar.“ (Riecker, Priestervolk, 189) Doch Gott eröffne den Nationen eine neue Segensmöglichkeit: Israel werde zu einer Art Modell, an dem Gott durch sein Handeln seinen Charakter demonstriere. An Israel könnten die Völker sehen, wer Gott sei, und könnten so zu seinem Segen gelangen. Israel bekomme also den Auftrag, den Völkern Gotteserkenntnis zu vermitteln. Gotteserkenntnis betrachtet Riecker als relational, nicht nur kognitiv: Die Völker sollten in eine Beziehung zu Gott treten, nicht nur Wissen über ihn sammeln. Das Ziel sei das gewesen, was sich später beispielsweise bei dem Syrer Naaman (2. Kön. 5) erfüllte: Ein Heide beginnt, an den Gott Israels zu glauben und ihn allein zu verehren.

So betrachtet Riecker etwa die ägyptischen Plagen als einen Versuch, den Ägyptern Gotteserkenntnis zu vermitteln (vgl. z.B. 2. Mose 9,14-16 u.a.). Auch in der weiteren Bibel findet er zahlreiche Beispiele für Gotteserkenntnis von Nichtisraeliten, die durch Israeliten vermittelt wird. Doch sei Israel laut Riecker nicht nur Botschafter, sondern auch Modell der Gotteserkenntnis. Der Modellcharakter zeige sich besonders deutlich in den Fluch- und Segenstexten (3. Mose 26; 5. Mose 28-30). Sowohl Segen als auch Fluch über Israel förderten die Gotteserkenntnis der Völker, denn Israel werde durch Gottes Vorankündigung „selbst als verfluchtes Volk noch ein Zeugnis für die Macht und Gerechtigkeit Jhwhs sein und als gesegnetes Volk ein vorbildhaftes Modell gelingender Gottesbeziehung.“ (Riecker, Priestervolk, 220)

Auch bezüglich seiner Weisheit sei Israel ein Modell zur Erkenntnisvermittlung, wie Riecker an 5. Mose 4,6-8 zeigt: „Bewahrt und haltet diese Ordnungen! Denn das ist eure Weisheit und Einsicht in den Augen der Völker, die sie hören. Und sie werden sagen: ‘Ein wahrhaft weises und verständiges Volk ist diese große Nation!’ Denn wo gibt es eine große Nation, die Götter hätte, die ihr so nahe wären wie der HERR, unser Gott, in allem, worin wir zu ihm rufen? Und wo gibt es eine große Nation, die so gerechte Ordnungen und Gesetze hätte wie dieses ganze Gesetz, das ich euch heute vorlege?“ Israels Motivation zur Gesetzesobservanz sollte sein, vor den Völkern als weise zu gelten, damit diese den Gott Israels als „nahen“ Gott und die Tora als „gerechte“ Lebensordnung kennenlernten. Israels Befolgung des Gesetzes besitze also (auch) eine „missionarische“ Intention.

Israel als königliches Priestervolk

In 2. Mose 19,3-6 entdeckt Riecker ein weiteres Konzept, wie Israel für die Völker ein Segen sein könne. Hier werden (Vers 6a) die Israeliten als ein „Königreich von Priestern und eine heilige Nation“ bezeichnet. Alle Israeliten hätten demnach die Aufgabe, „Priester“ der Völker zu sein, das heißt, Gott vor den Völkern zu repräsentieren. Riecker sieht das als quasi „missionarischen“ Auftrag an Israel, Vermittler zwischen Gott und den Nationen zu sein.

Die Aufnahme von Fremden in die Religionsgemeinschaft

Rieckers letztes Konzept ist Israels Rolle als Gastgebervolk (das werde vor allem im 5. Buch Mose immer wieder betont). Der neue Kontext, der hier eine Spezifikation des Segensauftrags nötig mache, sei die nahende Landeinnahme. Riecker entdeckt verschiedene integrative Aspekte in der Fremdengesetzgebung, wie das Liebesgebot gegenüber Fremdlingen (5. Mose 10,19 u.a.) oder die Teilnahme Fremder an israelitischen Festen und Opfern, wodurch Fremde auch in die Religionsgemeinschaft integriert würden. Laut Riecker konnten sich Fremde (mit einigen Ausnahmen) völlig in Israels Gemeinschaft integrieren lassen. Auch hier findet Riecker zahlreiche Beispiele dafür, wie dieses Konzept geschichtlich ausgelebt wurde. Insbesondere sieht er David als Vorbild als „Freund der Fremden“ an – am Königshof Davids fänden sich immerhin zahlreiche Nichtisraeliten, die teilweise hohe Positionen im Königreich einnähmen.

Fazit und Auswertung

Das grundlegende alttestamentliche Prinzip lautet für Riecker: „Die erwählte Linie Abrahams vermittelt Segen“ (Riecker, Priestervolk, 389). Spezifizierungen dieses Prinzips in veränderten Situationen erkennt er in Israels Auftrag zur Vermittlung von Gotteserkenntnis und Israels Modellcharakter, in Israels Auftrag als Priestervolk und der Aufnahme von Fremden. In verschiedenen Phasen (Landnahme, Richterzeit, Königszeit) sieht er unterschiedliche Schwerpunktsetzungen bei der Umsetzung dieser Aufträge.

Ist es aber berechtigt, mit Riecker den Segensauftrag in 1. Mose 12 als Grundlage aller Beziehungen zwischen Israel und den Völkern anzunehmen? Sind seine daraus abgeleiteten Kategorien „Modell zur Erkenntnisvermittlung“, „Priestervolk“ und „Integration Fremder“ plausibel? Werden diese Kategorien durch den biblischen Text gestützt oder sind sie selbst von außen herangetragene Begriffe, die nicht mit der eigentlichen Botschaft des Textes übereinstimmen?

Der Segensauftrag steht in der Bibel an einer exponierten Stelle, sozusagen als Scharnier zwischen der Urgeschichte und den Erzvätergeschichten. Er steht am Anfang des Volkes Israels und prägt nicht nur das Leben Abrahams, des Stammvaters Israels, sondern auch das seiner Nachkommen. Von daher scheint es völlig berechtigt, mit Riecker den Segensauftrag als allgemeine Stoßrichtung für alle Beziehungen Israels zu den Völkern im Alten Testament anzunehmen, die in unterschiedlichen Situationen jeweils neu spezifiziert werden muss.

Israels Auftrag zur Erkenntnisvermittlung ist eine solche Spezifikation; allerdings ist festzuhalten, dass Israel hier nur eine passive „Zeugen“-Rolle zukommt. Der Auftrag, allen Völkern Gotteserkenntnis zu vermitteln, ist kein Missionsbefehl im neutestamentlichen Sinne, sondern der Auftrag, Zeugen für Gott in der Beziehung zu anderen Völkern zu sein. Hier verschwimmen die Grenzen zu Rieckers Kategorie von Israel als „königlichem Priestervolk“. Prof. Eckhard J. Schnabel nennt einige Gründe dagegen, dass mit dieser Bezeichnung ein Auftrag an Israel gegeben werde (vgl. Schnabel, Mission, 73f.). Er sieht die Bezeichnung „königliches Priestervolk“ lediglich als eine Hervorhebung der besonderen Beziehung Israels zu Gott. (Auf dieses Problem wird der dritte Teil dieser Artikelserie genauer eingehen.)

Ein Augenmerk wäre jedoch – was Riecker (leider) übersah und nicht untersuchte – auch unbedingt auf das „apologetische Interesse“ biblischer Texte zu richten gewesen. Denn „Gottes Zeuge zu sein“ und „Apologetik“ gehören gewissermaßen immer als zwei Seiten einer Medaille zusammen. Bereits die Schöpfungserzählung aus 1. Mose 1,1ff. trägt – neben anderen wesentlichen Gesichtspunkten – „quasi-apologetisches“ Interesse in der Abwehr der Verehrung fremder Götter bzw. des „Götzendienstes“ in sich. Alles Geschaffene der Natur gilt nämlich als Schöpfung dem Schöpfer gegenübergestellt. Es kann also nicht in sich selbst ein „Gott“ sein, der verehrt werden dürfte (implizierte Götzenkritik). Dieses Motiv zieht sich über das 1. Gebot durch die gesamte alttestamentliche Literatur hindurch: Zeuge des wahren Gottes unter den Nationen zu sein als Segensempfänger schließt stets Fremdgötterverehrung in Personen und Naturerscheinungen aus.

Ob man nun (mit Riecker) das königliche Priestertum Israels als eigenständige Kategorie der Beziehung Israels zu den Völkern auffasst oder (angelehnt an Schnabel) die Kategorien „Gotteserkenntnis“ und „Priestervolk“ unter einen gemeinsamen Begriff zusammenfasst (auch das werden wir im nächsten Teil dieser Reihe ausführlicher besprechen): Insgesamt erscheint Rieckers Grundansatz nachvollziehbar, gut begründet und weitgehend plausibel. Sein Grundprinzip des „Segensauftrags“ Israels ist einleuchtend. Es gibt – das erkennt Riecker richtig – keinen „Missionsbefehl“ und keine „Missionspraxis“ im Alten Testament; stattdessen gibt es aber einen „Segensbefehl“ und eine „Segenspraxis“. Israel ist zum Segensmittler für alle Völker bestimmt.

(sg)

Quellen:

Riecker, Siegbert, Ein Priestervolk für alle Völker. Der Segensauftrag Israels für alle Nationen in der Tora und den Vorderen Propheten, Leuven 2007 (als Dissertation eingereicht 2006)

Riecker, Siegbert, Mission im Alten Testament? Ein Forschungsüberblick mit Auswertung, Frankfurt a.M. 2008

Schnabel, Eckhard J., Urchristliche Mission, Wuppertal 2002