Israelisches Bildungssystem und seine Minderheiten

Entwicklung der Bevölkerung:

Um das Jahr 1948 herum sind circa eine ¾ Millionen Araber aus Israel geflohen, überwiegend nach Syrien, in den Libanon und nach Jordanien.

Seit 1956 leben wieder zunehmend Palästinenser an verschiedensten Orten von Israel. Mit Palästinensern sind alle ursprünglichen Bewohner des gesamten Völkerbundmandats von Palästina gemeint, darunter zählen Israel, die Westbank, der Gazastreifen und Jordanien. Sie machen ungefähr 10% des palästinensischen Volkes und 18% der israelischen Bevölkerung aus. Die Araber (semitischsprachige Ethnie auf der Arabischen Halbinsel und Nordafrika) Israels waren ohne Repräsentanz für ihre eigenen Anliegen. Der erste Berater des Ministers für arabische Angelegenheiten, namens ‚Yohoschua Balman‘, hat die Situation sinngemäß so beschrieben: Die arabischen Minderheiten sind wie ein „Körper ohne Kopf“. Seit Mitte der 70er Jahre wurde schließlich damit begonnen, eine arabische Vertretung zu bilden, die sich für die Angelegenheiten der arabischen Minderheiten einsetzt.

Israel zählt zu den Orten mit der größten multikulturellen Vielfallt. Es ist ein Staat mit über 8 Millionen Einwohnern, mehrheitlich Juden, die aus über 100 Ländern der Erde eingewandert sind. Rund eine Millionen Einwanderer Israels kamen aus der ehemaligen Sowjetunion. Dabei redet man häufig von der dritten ethnischen Gruppe Israels, abgesehen von der arabischen und jüdischen Ethnie.

Die 1,5 Millionen Araber bilden keine in sich geschlossene, homogene Gruppe. Sie bestehen aus Muslimen, Christen und Drusen unterschiedliche nationaler Herkunft. Auch kommen noch weitere 300.000 ausländische Arbeitskräfte hinzu, die überwiegend aus Afrika und Asien in das Land gekommen sind. Alle diese verschiedensten Bevölkerungsgruppen bilden die multikulturelle Gesellschaft Israels.

Schulsystem:

Die allgemeine, kostenlose Schulpflicht besteht in Israel seit 1949. Sie umfasst heute das 5. bis 16. Lebensjahr. 2010 waren circa 2,5 Millionen Personen im Alter von 0 und 17 Jahren Teil der israelischen Bevölkerung. Das entspricht ungefähr einem Drittel der Gesamtbevölkerung.

Israelische Kinder besuchen vor dem Eintritt in die Grundschule den ‚Gan Chova‘, eine Art Vorschule. Das Ziel der Vorschule ist es, eine für die Erziehung positive Grundhaltung unter den Kindern zu schaffen. Die Kinder sollen die Gelegenheit zur größtmöglichen Bildung erhalten. Viele Zweijährige und fast alle Drei- und Vierjährigen besuchen den ‚Gan Chova‘. Der Besuch dieser Vorschule ist ein Jahr vor der Schulpflicht für die Fünfjährigen verpflichtend.

Das Schulsystem kann in vier Kategorien unterschieden werden:

-Staatliche Schulen, die von den meisten Schülern besucht werden.

-Staatlich-religiöse Schulen mit Unterrichtsfächern, wie jüdische Studien, Kultur und Tradition.

-Arabische und drusische Schulen mit der Unterrichtssprache Arabisch und dem Schwerpunkt auf arabischer oder drusischer Geschichte, Religion und Kultur.

-Private Schulen unter der Schirmherrschaft religiöser und internationaler Institutionen. Die Finanzierung von ca. 75% der Kosten übernimmt der Staat. Den größten Anteil dieser Schulen bilden ultraorthodoxe Schulen. Unterrichtet werden fast nur religiöse Fächer, kaum säkulare. Auch solche Schulen, die die Förderung der Demokratie vertreten, sowie internationale und koedukative Schulen fallen in diese Kategorie. In koedukative Schulen werden arabische und jüdische Kinder gemeinsam in beiden Sprachen unterrichtet.

Aufgrund der starken Geburtenrate unter den ultraorthodoxen Juden sind diese auch stärker im jüdischen Schulsystem vertreten. Im Jahre 2000 besuchten noch 20% der jüdischen Grundschüler eine ultraorthodoxe Schule. Zehn Jahre später waren es bereits 28%. In den weiterführenden Schulen kam es zu einer Steigerung von 5% auf somit 20% ultraorthodoxer Schüler.

Im Unterschied zu Deutschland existiert in Israel kein dreigliedriges Schulsystem. Die Schüler besuchen gemeinsam die Primarschule von der 1. bis zur 6. Klasse. Danach folgt die Mittelschule bis zur 9. Klasse und schließt dann mit der Oberstufe ab. Es kann nicht zwischen verschiedenen Schulniveaus gewählt werden. Es existiert lediglich die Gesamtschule, die nach der 12. Klasse mit dem ‚Bagrut‘ abschließt. Zwischen 2006 und 2008 brachen folgende Schulgruppen in den Klassen 9 bis 12 die Schule vorzeitig ab: 7,2% der arabischen Schüler, 3,7% der jüdischen Schüler und in der Wüste Negev sogar 70% der Schüler, die überwiegend von Beduinen-Familien abstammen.

Weiterführende Schulen:

An den Oberschulen werden meist Lehrveranstaltungen zu Natur- und Geisteswissenschaften angeboten. Diese sollen auf ein Hochschulstudium vorbereiten und den Schülern die Zulassungsqualifikation dazu vermitteln. Häufig bieten weiterführende Schulen zusätzlich spezielle berufsorientierte Programme an. Diese sollen auch als Vorbereitung zum Hochschulstudium dienen oder zum Erwerb von Berufsdiplomen führen. Technische Berufsschulen bilden Techniker und praktische Ingenieure auf drei Ebenen aus. Die oberste Stufe bereitet auf eine Hochschulausbildung vor. Die mittlere Stufe führt zum Berufsdiplom und die dritte Stufe führt zum Erwerb von praktischen beruflichen Fähigkeiten.

An Militärvorbereitungsschulen werden in zwei verschiedenen Einrichtungen Berufsoffiziere (Männer) und Techniker (überwiegend Frauen) für das israelische Militär ausgebildet.

Jeschiwa-Schulen sind religiöse Oberschulen mit getrennten Programmen für Mädchen und Jungen. Der Ausbildungsfokus liegt auf der jüdischen Tradition und Kultur.

An Gesamtschulen werden berufsorientierte Ausbildungen aller Art angeboten. Jugendliche, die an keiner oben genannten Einrichtung sind, fallen unter das Ausbildungsgesetz. Die Ausbildungsprogramme dauern drei bis vier Jahre und werden vom Arbeitsministerium angeboten.

Lehrpläne:

Die meiste Zeit verbringt der Schüler mit den allgemeinbildenden Pflichtfächern. Jede Schule kann die Lehrmaterialien aus einem breiten Angebot des Erziehungsministeriums wählen, die ihr am geeignetsten erscheinen. In jedem Jahr wird ein Thema nationaler Bedeutung ausgewählt, das dann im Unterricht näher beleuchtet wird. Dadurch sollen die Schüler für die Gesellschaft, in der sie leben, sensibilisiert werden. Themen waren in der Vergangenheit beispielsweise: Frieden, die hebräische Sprache, Israel als Einwanderungsland, Jerusalem, Industrie, u.v.m.

Verwaltung:

Das Erziehungsministerium sorgt für die Gestaltung der Lehrpläne, der pädagogischen Standards, der Ausbildung und Kontrolle von Lehrern und dem Bau von Schulgebäuden. Unterhalt und Ausstattung der Schulen gehören zu den Aufgaben der Kommunen. Kindergartenerzieher und Grundschullehrer sind Angestellte des Erziehungsministeriums, die Lehrkräfte an Mittel- und Oberschulen sind demgegenüber Angestellte der Kommunen. 72% der Kosten im Erziehungssystem werden vom Staat übernommen. Je nach Anzahl der Schüler in einer Kommune, wird diese zusätzlich vom Erziehungsministerium finanziell unterstützt.

Hochschulen:

In Israel sind 216.000 Studenten immatrikuliert. Die acht Universitäten sind regelmäßig unter den 100 Eliteuniversitäten der Welt zu finden. Weltweit anerkannt sind das Technion in Haifa und die Hebräische Universität in Jerusalem. Zusätzlich existieren einige akademische Hochschulen, die anerkannte akademische Diplome ausstellen dürfen und häufig mit den inländischen Universitäten kooperieren. Das Erwachsenen-Bildungsprogramm wird von zehntausenden wahrgenommen. Für Neueinwanderer stehen besondere Sprachkurse zur Verfügung, in denen Hebräisch in Intensivkursen angeboten wird.

 

Fakten und Meinungen zum Bildungssystem

David Ben-Gurion – erster Ministerpräsident Israels:

David Ben-Gurion (1886-1973) stellte dem Parlament drei Möglichkeiten vor, wie mit der arabischen Minderheit in Israel umgegangen werden kann:

1.Die arabische Identität soll beseitigt werden.

2.Die arabische Bevölkerung soll in die jüdischen Institutionen mit aufgenommen werden.

3.Araber sollen kontrolliert und beobachtet werden. Eigenes militärisches Vorgehen ist ihnen untersagt sowie das aktive Einflussnehmen in jüdischen Sektoren.

Bei der Entscheidung durchgesetzt hat sich die dritte Variante.

Ein Kontrollsystem basierend auf Abgrenzung, Abhängigkeit und Eindämmung:

Im Bereich der Ausbildung gibt es unübersehbare Benachteiligungen der israelischen Araber. Unterschieden werden diese auf zwei Weisen:

-Mangelnde Unterstützung in der Administration und bei der Finanzierung im Schulwesen. 2006 gab das Bildungssystem 4% ihres Budgets für arabische Schulen aus, wohingegen es 2007 nur noch 3% waren. Die Benachteiligung durch mangelnde Finanzierung des israelischen Staates führt zu regelmäßigen Streiks an arabischen Schulen. Die Folge schlechter finanzieller Unterstützung wird auch unter anderem darin erkennbar, dass Kindergärten, Schulräume und Labore für die Klassen zu klein und zudem oft mangelhaft ausgestattet sind.

-Im arabischen Bildungssystem fehlt ein unabhängiges Management. Die Verwaltung des Schulsystems unterliegt bis heute der Kontrolle Israels. Der Staat bestimmt zum Beispiel, welchen Personen es erlaubt ist, an arabischen Schulen zu unterrichten. Zukünftige arabische Lehrer, die den meist jüdischen Angestellten im Ministerium als zu (israel-)kritisch erscheinen, bekommen keine Lehrbefähigung.

Anlaufstelle für Beschwerden – Christlicher Verein Haifa:

Seit 1956 sind Beschwerden in Bezug auf das Bildungssystem bekannt. Der christliche Verein in Haifa war eine Anlaufstelle für solche Beschwerden. Der Verein wies immer wieder auf die Mängel und auf die fehlende Aufmerksamkeit Menschen arabischer Sprache gegenüber hin. Beispielsweise wurde gerügt, dass der Schatz und das nationale Erbe der arabischen Sprache und der entsprechenden Literatur nicht genügend zum Ausdruck komme, da die an den arabischen Schulen verwendeten Unterrichtsmaterialien in diesem Punkt große Mängel aufweisen würden.

1958 gab es eine Beschwerde eines arabischen Lehrers, der es bemängelte, dass arabische Kinder über die Thora und das Alte Testament unterrichtet würden, aber nichts über die (christliche) Bibel oder den Koran lernen können.

Aufgrund zunehmender Kritik an den Zielen und Methoden, die an arabischen Schulen erlaubt und die dabei von Benachteiligungen geprägt waren, kam es 1971 zur Gründung von einem Gremium unter Aharon Vadlin, das sich für eine Optimierung der Lernziele unter Arabern einsetzte. Erweitert wurde dieses Gremiums 1984 durch einen Zusammenschluss von verschiedensten Bürgermeistern aus arabischen Dörfern. Ihr Ziel war es, das arabische Schulsystem zu verbessern. Erst im Jahre 2010 wurde dieses Komitee vom israelischen Staat anerkannt. Das Anliegen des Komitees ist es bis heute, den Lehrplan an durch arabische Schüler geprägten Schulen so zu optimieren, dass die Schüler mehr über ihre eigene Kultur und Herkunft lernen können.

Der Multikulturalismus in Israel:

Das Zusammenleben im Multikulturalismus hat vier Prinzipien:

1.Die Politik der Anerkennung kultureller Differenzen.

2.Kulturelle Gleichwertigkeit und gegenseitige Toleranz.

3.Einheit in Verschiedenheit.

4.Verhindern von Bildung kultureller Ghettos.

Diese Prinzipien sind in der gelebten Wirklichkeit nicht einfach umzusetzen. Im Interesse eines zivilisierten Staates sollte es jedoch liegen, die Umsetzung dieser Prinzipien bestmöglich zu unterstützen. Nur so ist ja letztendlich das friedevolle und respektvolle Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft erfolgsversprechend und zukunftsfähig.

Kritische Rückfragen und Würdigung

Israel hat im internationalen Vergleich einen hohen Standard in allen schulischen Ausbildungen. Das Bildungssystem ist ausgereift und effektiv. Die Bildung der Bevölkerung ist insgesamt auf einem hohen Niveau, es bildet breit gefächerte Chancen und Möglichkeiten zu qualifizierten Berufen und Tätigkeiten.

Trotzdem ist zu fragen: Ist die bestehende Bildungsstruktur im Staat Israel insgesamt sinnvoll durchdacht und umgesetzt worden, insbesondere auf die Situation der Bevölkerungsminderheiten bezogen? Möglicherweise sind in diesem Bereich noch grundlegende Hausaufgaben zu machen, die die auffallenden Benachteiligungen von (arabischen) Minderheiten überwinden helfen. Dabei sollte auch neu und immer wieder bedacht werden, dass (und wie!) das Bildungssystem Israels die multikulturellen Prinzipien tatsächlich in der Pädagogik, in Unterrichtscurricula, beim Einsatz von Unterrichtsmaterialien und im Nachteilsausgleich bei Benachteiligung von Minderheiten tatsächlich verwirklicht.

In Bezug auf die jüdisch-arabischen Beziehungen können dabei zwei Hauptebenen unterschieden werden:

1.Ebene: „Die Seele“ – die Bildungsinhalte und deren Vermittlung im Unterricht. Arabische Schüler sollten beispielsweise über ihre eigene Kultur, über ihre Identität und über Minderheiten in Israel unterrichtet werden können. Denn zu bemängeln bleibt, dass die arabische Minderheit bis vor kurzem weitgehend gar nichts über ihre eigene Kultur und Herkunft lernen durfte. Stattdessen mussten arabische Schüler verpflichtend den Tanach und Talmud studieren.

2.Ebene: „Der Körper“ – was mit Fragen der Finanzierung, der Normen und der Strukturen zu tun hat, wo Benachteiligungen schrittweise überwunden werden könnten.

Majid Alklag, eine palästinensische National-Dichterin, schreibt sinngemäß: „Erst nach und nach beginnen die arabischen Schüler ihre Identität zu entdecken und werden sich ihrer Abstammungswurzeln und ihrer Kultur bewusst.“

Heute in einer Zeit des unübersehbaren Einflusses vieler Medien ist es allerdings keine Notwendigkeit mehr, dass Schüler ihre Informationen „nur“ aus der Schule beziehen. Das führt nicht selten dazu, dass sich Schüler von schlecht recherchierten Artikeln im Internet oder von anti-israelischen Propaganda-Fernsehsendungen ihre Meinung bilden lassen und sich dadurch ungesunde, weil fehlerhafte Vorurteile einprägen, die das Miteinander im Staat Israel vergiften.

Sachlich objektiven Unterricht für arabische und jüdische (und andere) Schüler zur Herkunft, Geschichte und Identität der arabischen Bevölkerung anzubieten, wäre daher eine sinnvolle Entscheidung, die präventiv Vorurteile entkräften und gegenseitigen Respekt unter den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen fördern könnte.

(mr)

 

Bibliographie:

Becker, Hellmuth / Liegle, Israel, Erziehung und Gesellschaft, 1980

Schlobben, Marlis, Eine kritische Analyse der Bildungsprobleme einiger ethnischer Minoritäten in Israel, 1976

Timm, Angelika, Israel – Gesellschaft im Wandel, 2013

 

Quellen:

http://embassies.gov.il/bern/AboutIsrael/Pages/Bildung-in-Israel.aspx

http://www.einzigartiges-israel.de/html/163-bildung.html

http://www.israelnetz.com/gesellschaft/detailansicht/aktuell/israel-holt-in-schulbildung-auf-21673/

https://il.boell.org/en/2014/05/29/diskriminierung-israelischen-schulen-publications

http://www.kooperation-international.de/buf/israel/laenderbericht.html#countryHeader-2.1

http://www.mfa.gov.il/mfa/mfade/factsaboutisrael/pages/bildung%20und%20erziehung-%20primarstufe%20und%20weiterfuhre.aspx

http://www.stiftung-evz.de/fileadmin/user_upload/EVZ_Uploads/Publikationen/Studien/Demokratiebildung_in_Israel_mit_Vorwort_AJC_ENDFASSUNG.pdf