Viel gesehen – viel erlebt. Ein Bericht von der Sommer-Uni

Dieses Jahr konnte es das Institut für Israelogie zum zweiten Mal im Folge einem Studenten der FTH Gießen ermöglichen, an dem Sommeruniversitätsprogramm der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva teilzunehmen. Der glückliche Gewinner Ruben Hauck berichtet uns nun über spannende sechs Wochen im Heiligen Land.


Was war passiert

Aufgeregt waren wir alle. Jeder von uns hätte gerne an dem Sommerprogramm der Universität Ben-Gurion in Beer Sheva teilgenommen, um einen Sprachkurs in Hebräisch zu machen und – fast schon nebenbei – die schönsten Plätze Israels zu sehen.
Nachdem letztes Jahr die Entscheidung schon sehr schwer fiel, welchem Student dieser Kurs bezahlt werden soll (alleine ist es kaum möglich dieses Projekt finanziell zu stemmen), war es auch dieses Jahr wieder ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Zum Bedauern meiner Mitstreiter, aber zu meiner größten Freude, fiel die Wahl dieses Mal auf mich.

Und damit begannen Wochen der Spannung und Vorfreude. Immerhin war es mein erster Besuch in Israel.

Blick über Tel Aviv

Doch kaum am Flughafen in Tel Aviv gelandet, musste ich bereits feststellen, dass Israel nicht nur ein anderes Land ist, sondern auch eine andere Kultur besitzt. Die Security erkannte sofort, dass ich kein Einheimischer bin und befragte mich erstmal einige Zeit zu meinen Vorhaben in Israel.

Die Sicherheit

Man stellt in Israel sehr schnell fest, dass hier Sicherheitsvorkehrungen sehr groß geschrieben werden. Mein erster richtiger Kontakt mit Israelis war im Zug vom Flughafen nach Beer Sheva. In meinem Abteil waren etwa drei Zivilisten und 20 bis 30 Soldaten. Alle mit einem Maschinengewehr bewaffnet – Waffen, die ich sonst nur aus dem Fernseher kannte. Direkt verwickelte mich der Soldat neben mir in ein Gespräch. Er war sehr daran interessant wo ich herkomme, was ich hier mache und wieso überhaupt jemand eine Sprache wie Hebräisch lernen will, die doch im Vergleich zu den Weltsprachen kaum einer spricht. Er war sehr freundlich und sympathisch, wie überhaupt fast alle Soldaten, weswegen man sehr schnell ein vertrautes Gefühl zu ihnen aufbaute und sie auf der Straße bald gar nicht mehr wahrnahm.
Der Soldat erzählte mir, dass es Pflicht ist, seine Waffe ständig bei sich zu tragen, aber auch manche Zivilisten das Recht haben, ihre Waffe bei sich zu tragen und das auch öffentlich zur Schau stellen.

Doch diese Waffenpräsenz wird sehr schnell zum Alltag. Egal ob ich in den Supermarkt gehe, ins Kaufhaus oder auch nur auf das Unigelände will. Überall steht Wachpersonal, das meine Tasche oder meinen Ausweis kontrolliert. In der ersten Woche war es etwas merkwürdig, aber es wird so schnell zur Gewohnheit, dass man irgendwann automatisch seine Tasche öffnet, wenn man ein öffentliches Gebäude betreten will.

Trotz allem vergisst man sehr schnell, dass man in der Nähe des Gazastreifens wohnt, dass jeden Moment eine Rakete einschlagen kann oder dass die Medien seit Wochen einen möglichen Krieg vorhersagen. Die Einheimischen – so scheint es zumindest nach außen hin – lassen sich erst gar nicht darauf ein. Selbst als es einen Raketenalarm gab. Die Deutschen und die Amerikaner rannten so schnell es ging in den Schutzraum, denn nachdem der Alarm ertönt, hat man genau 60 Sekunden Zeit, sich Schutz zu suchen. Manche Israelis standen hingegen draußen am Geländer und schauten, ob sie den Einschlag bzw. den Abschuss der Rakete sehen können.
Dieses Mal traf die Rakete ein Haus in einem kleinen Dorf nähe der Grenze zu Gaza. Keine Verletzte – zumindest körperlich blieben die Bewohner unverletzt, sie haben es rechtzeitig in den Schutzraum geschafft. Während sich unsere Gruppe erst einmal über den Vorfall austauschen musste, gingen die meisten Israelis wieder zu ihrem Alltag über. Die meisten von ihnen haben in der Armee gedient. Männer müssen drei Jahre, Frauen zwei Jahre dienen. Es ist sehr schwer bis fast unmöglich, sich vom Dienst befreien zu lassen – es sei denn, man ist Araber oder orthodoxer Jude.

Obwohl ich mich häufig mit Israelis unterhalten habe und auch Themen wie Krieg, der Gazastreifen oder das Westjordanland dabei waren, blieben persönliche Erlebnisse während ihres Dienstes meist außen vor. Aber ein Raketenalarm gehörte definitiv nicht zu den prägenden Ereignissen. Nach dem Alarm sagte ein Israeli zu mir: Er ist ständig der Gefahr ausgesetzt und die Wahrscheinlichkeit, dass hier eine Rakete einschlägt, liegt bei über 1:1000. Deswegen rennt er nicht jedes Mal in den Schutzraum. Dennoch würde er mir es raten, denn ich müsste es nicht riskieren, dass der einzige Alarm, den ich mitbekomme, genau dieser eine ist. Danach ging alles wieder in den Alltag über.

Der Uni-Alltag

Aktives Lernen im Hebräischunterricht

Schwerpunkt meiner sechs-wöchigen Reise war natürlich das Studium an der Universität Ben-Gurion. Von Sonntag bis Donnerstag hatten wir von 9.00 bis 12.30 Hebräisch-Unterricht. Dabei wurde viel gesprochen, die Praxis wird in diesen Kursen viel höher gehalten als die Theorie. Dadurch erhält man allerdings auch wesentlich schneller Einblick in und Gefühl für die hebräische Sprache, die sich doch stark von der deutschen unterscheidet. Bereits nach den ersten Tagen konnten wir richtige Dialoge führen und – da der Unterrichtsstoff sehr realitätsnah ausgewählt wird – bereits erste Versuche mit unseren israelischen Mitbewohnern unternehmen. Allerdings muss ich zugeben, dass ich meine schnellen Lernerfolge nur meinem Vorwissen aus der Bibelhebräisch-Vorlesung zu verdanken habe. Zum Glück ist die Grammatik bis heute zu großen Teilen identisch geblieben.

Durch diesen Intensivkurs fühlte ich mich nach diesen sechs Wochen sehr sicher, wenn ich allein unter israelischen Leuten war. Zwar ist mein Wortschatz noch sehr klein, aber es reicht vollkommen aus, um sich zu verständigen, vor allem in Geschäften und Supermärkten. Besonders auf dem Markt hilft es sehr, die Zahlen zu kennen, denn die Verkäufer gehen beim Verhandeln sofort mit dem Preis runter, wenn sie merken, dass man ein wenig Hebräisch spricht.

Neben dem Sprachkurs fanden an Nachmittagen Vorlesungen statt. Viele davon wurden auf Deutsch gehalten, da einige Dozenten an der Universität deutsche Auswanderer sind oder zumindest deutsche Wurzeln haben. Die Themen waren dabei sehr unterschiedlich. Leicht verdaulich waren Vorträge über Geologie oder Archäologie, große Diskussionen riefen dagegen Themen wie die nationale Verarbeitung des Holocaust oder der politische Konflikt um das Westjordanland hervor. So unterschiedlich die Dozenten waren, so unterschiedlich waren auch ihre Meinungen zu diesen Themen. Sowohl pro-Israelische, zionistische, als auch sehr kritische Stimmen trugen ihre Meinung vor. Zwar habe ich immer noch keine sichere Meinung zur Westjordanlandproblematik, aber mein Verständnis für den Konflikt hat sich durch diese Vorträge doch grundlegend verbessert.

Die Ausflüge

Wüstenwanderung im Negev

Auch wenn der Uni-Alltag manchmal etwas monoton erschien – die Ausflüge waren alles andere als eintönig. Jedes Wochenende ging es zu einem neuen aufregenden Ort. Dazu zählte eine Wanderung durch die Wüste Negev und zur Festung Massada, ein Wochenende in Tel Aviv und in Haifa. Am spannendsten war natürlich der Ausflug nach Jerusalem. Aus den Vorlesungen und aus Büchern habe ich bereits von den meisten Orten gehört oder sie auf Bildern gesehen.

Der heiß ersehnte Blick über Jerusalem

Es ist faszinierend, wie es die verschiedenen Religionen in Jerusalem gelernt haben, nebeneinander zu leben und ihren Glauben zu praktizieren. Zugleich wirkten diese ganzen Eindrücke auf mich sehr befremdlich. Vor allem an den „christlichen“ Plätzen, die vorwiegend mit orthodoxen Christen gefüllt waren, konnte ich kaum zur Ruhe kommen. Zu ungewohnt waren die Praktiken und die gedrückte Stimmung. Speziell in der Grabeskirche. Nach meinem Empfinden sollte an diesem (historischen ziemlich sicheren) Ort, an dem Jesus auferstanden ist, Jubel und Freude herrschen. Stattdessen weinten und trauerten die Menschen um mich herum.

An der Klagemauer

Erst an der Klagemauer, fernab aller Geschäfte, alles Konsums, in der Ruhe der Abendsonne und umgeben von laut betenden und klagenden Juden, wurde mir richtig bewusst, wo ich nun stehe, was in den Straßen dieser Stadt alles geschehen ist und welche unfassbar große Taten Gott hier vollbracht hat.

Am nächsten Tag besuchte ich das nahe gelegene Bethlehem, welches aber bereits auf der Seite des Westjordanlands liegt. Wer die israelische Politik beurteilen will, muss auch hier einmal gewesen sein. Denn durch die Straßen Bethlehems verläuft eine fast acht Meter hohe Mauer, die zum (erfolgreichen) Schutz vor terroristischen Anschlägen gebaut wurde, gleichzeitig aber die Bewegungsfreiheit der gewöhnlichen Bewohner stark einschränkt. Unser Taxifahrer wollte uns nicht weiterfahren, bis er uns die Mauer gezeigt hat. Das macht er mit allen Touristen so.
Weiter weg, an der Geburtskirche und in der Innenstadt, fällt von der Situation kaum mehr auf.

Die Grenzmauer von Bethlehem aus betrachtet

Es ist sehr schwer, eine endgültige Meinung über diesen Konflikt und über den Umgang der Regierungen damit zu fällen. Wie so oft sieht die Praxis leider anders als die Theorie aus. Aber eine wichtige Erfahrung war dieser Kurztrip dennoch.

Fazit

Nach sechs Wochen Israel kann ich nur sagen: Ich habe wirklich viel gesehen und sehr viel erlebt.

Ein Shabbat-Essen

Durch das Leben im Wohnheim und auf dem Campus bekommt man sehr guten Kontakt zu Israelis und Einblick in ihren Alltag, denn sie sind sehr offen und kontaktfreudig. Das trifft vor allem auf die Christen dort zu (nach einem Gottesdienstbesuch wurden wir zum Beispiel von verschiedenen Leuten zum Abendessen eingeladen).

Ich bin sehr dankbar für alles, was ich in Israel erleben durfte und bin mir sicher, dass ich dieses Land noch einmal besuchen muss. Die Zeit in der Sommeruni in Beer Sheva war eine tolle Erfahrung, die ich jedem, egal in welchem Alter, weiterempfehlen kann.

(Ruben Hauck)